Emma Zecka (21.12.2025)

Interview mit Emma Zecka

emma zecka2025Literatopia: Hallo, Emma! Passend zu Halloween ist im Oktober Dein Jugendbuch „Die Chroniken von All Hallows Village – Der Aufbruch“ erschienen. Ein Skelett, ein bunter Geist, eine Fledermaus und eine Hexe müssen eine neue Heimat finden – warum?

Emma Zecka: Das hat unterschiedliche Gründe: Die Skelette lebten mit den Geistern auf einem Friedhof, der durch eine Wasserschlacht komplett zerstört wurde. Das Hexenvolk sucht einen sicheren Ort, um sich vor den Menschen zu schützen. Und die Fledermäuse haben den schönsten Grund: Sie werden in die Welt entlassen, um Abenteuer zu erleben und andere Wesen kennenzulernen.

Literatopia: Stell uns Deine Figuren näher vor: Wer sind sie und wie haben sie zusammengefunden?

Emma Zecka: Sie sind alle unterschiedliche Figuren, die sich nicht immer offen gegenüberstehen. Oberhexe Helena ist auf der Hut und wittert überall Gefahr. Da kommt es ihr überhaupt nicht gelegen, dass andere Wesen ebenfalls auf der Suche nach einem neuen Zuhause sind.

Skelett Rüdiger ist besorgt, weil die Skelette und die bunten Geister, für die er sich auch irgendwie verantwortlich fühlt, obdachlos geworden sind. Er weiß genau, was passiert, wenn er kein neues Zuhause für alle findet. Diese Konsequenz macht ihm Angst.

Gustav, der Greist, weil er der Älteste der bunten Geister ist, versteht das Problem nicht. Sie hätten den Friedhof wieder aufbauen können und ihr Leben hätte weiterlaufen können, wie bisher. Um nicht allein mit den bunten Geistern am Friedhof zurückzubleiben, hat er beschlossen, sich mit seiner Gruppe den Skeletten anzuschließen.

Flavia freut sich endlich andere Wesen als die Fledermäuse kennenzulernen. Insgeheim wünscht sie sich Freunde fürs Leben. Sie erkennt jedoch, dass das in dieser Gruppenkonstellation gar nicht mal so einfach ist.

Cover "Die Chroniken von All Hallows Village" in Braun-, Orange- und Gelbtönen. Der Buchtitel nimmt fast das ganze Cover ein, dahinter ist ein Spukhaus auf einem Hügel zu sehen mit einem großen Mond, darum herum Fledermäuse, Geister und eine Hexe.Literatopia: „Die Chroniken von All Hallows Village“ ist eine Geschichte über die Geburtsstunde des Halloween-Festes. Hast Du ein paar Fun-Facts für uns, die selbst die meisten Halloween-Fans nicht kennen?

Emma Zecka: Ich muss gestehen, dass ich bis zu meiner Recherche sehr wenig über das Halloweenfest oder Allerheiligen wusste. Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass Allerheiligen ursprünglich im Mai gefeiert wurde, weil hier die erste Kirche geweiht wurde. Das Fest wurde nur auf den November verlegt, weil es hier einen Papst gab, der eine Kirche weihte. Neu gelernt habe ich, dass der Aberglaube, die Dreizehn sei eine Unglückszahl in den USA soweit geht, dass es in Hochhäusern keinen 13. Stock gibt.

Und was die Sache mit dem Kürbis betrifft: Ursprünglich wurden Rüben und Kohlen genutzt um Geister zu vertreiben. In der USA gab es aber vor allem Kürbisse, weswegen die Menschen damit begannen die Rüben gegen Kürbisse einzutauschen und sie auszuhöhlen.

Literatopia: Deine ersten Veröffentlichungen waren weihnachtliche Kurzgeschichten für Deinen Blog. Hast Du zuvor auch schon geschrieben oder waren diese tatsächlich auch Deine ersten selbst verfassten Geschichten? Wovon handeln sie?

Emma Zecka: Ich habe schon während der Schulzeit angefangen zu schreiben, allerdings bin ich nie kontinuierlich dran geblieben. Mit den Kurzgeschichten für meinen Blog habe ich erstmals etwas Längeres geschrieben und die Adventskalender wurden mit den Jahren zur Tradition.

In einem Adventskalender wird eine Weinflasche von Figur zu Figur weitergereicht und wir lernen die Lebensgeschichten und ihre Figuren kennen. In einem anderen Adventskalender gibt es verschiedene Kurzgeschichten in denen das Weihnachtsfest aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben wird wie z.B. aus der Perspektive eines Weihnachtskekses.

In meinem Debütroman »Rentierfieber« droht dem Weihnachtsmann eine Rentierverwandlung, wenn er nicht schnellstmöglich eine Person findet, die seine Nachfolge antritt. Nach dem Halloweenroman hätte ich tatsächlich wieder Lust auf eine weihnachtliche Geschichte, plane wahrscheinlich aber erstmal ein saisonal unabhängiges Buch.

Literatopia: Auch Dein Debütroman „Rentierfieber“ dreht sich um Weihnachten – was gefällt Dir so sehr an dem Fest?

Emma Zecka: Es sind vor allem die Kindheitserinnerungen, die ich damit verbinde: Kreative Ideen meiner Eltern, die Geschenke für uns zu verstecken. (Einmal nahmen sie lauten Lärm damals noch auf Kassette auf, starteten das Band heimlich an Weihnachten und wir dachten natürlich, der Weihnachtsmann wirft gerade die Geschenke durch den Kamin in den Keller).

Ich mag vor allem die Auszeit, die die Weihnachtsfeiertage mit sich bringen. Man verbringt Zeit mit Menschen, die einem wichtig sind, ohne Zeitdruck.

Literatopia: Du bloggst auch immer noch über Bücher, insbesondere Hörbücher, die dir als sehbehinderter Person den Zugang zu Geschichten erleichtern. Hörbücher sind in den letzten Jahren immer beliebter geworden – hat sich ihre Qualität ebenso verbessert? Was zeichnet ein gutes Hörbuch aus?

Emma Zecka: Was sich in den letzten Jahren sehr verbessert hat sind vor allem folgende Aspekte:

1. Hörbücher erscheinen fast zeitgleich zur Buchveröffentlichung: Früher war es eher eine Glückssache, wenn es auch ein Hörbuch zu einem Buch gab.

2. Mehr ungekürzte Hörbücher: Früher gab es vor allem gekürzte Hörbücher. Das bedeutete, dass nicht nur Nebensätze wie »sagte, fragte, er/sie« gestrichen wurden, sondern auch inhaltliche Passagen fehlten. Das sorgte dafür, dass Figuren oder deren Inhalt oberflächlicher wirkten. Ein gutes Beispiel dafür sind die gekürzten Hörbücher von Ken Folletts »Jahrhundert«-Saga beginnend mit »Sturz der Titanen«.

3. Vielfältige Besetzungen: Vielleicht täuscht es, ich habe jedoch den Eindruck, dass inzwischen auch mehr darüber nachgedacht wird, welche Sprechenden für welche Rollen besetzt werden. So werden Kinder-, und Jugendhörbücher mehr von Leuten mit einer hellen Stimmfarbe gelesen. Historische Romane beispielsweise von Sprechenden mit einer dunkleren Stimmfarbe.

Ein gutes Hörbuch steht und fällt für mich mit der Person, die es liest. Das ist oft eine subjektive Sache. Sprechende, die mir nicht liegen, finden andere Leute großartig, weil sie die Stimmen vielleicht als Synchronstimmen kennen.

Dann gibt es aber noch die Hörbücher, die im Vergleich zum Buch, auch aufgrund der Lesung einen Mehrwert ausmachen, weil die Hörbücher durch die Betonung der Sprechenden lebt. Das sind für mich z.B. die humorvolle Krimireihe rund um die Erdmännchen-Brüder Ray und Rufus, die gemeinsam mit Privatdetektiv Phil Krimifälle lösen und von Christoph Maria Herbst gelesen werden, oder Laura Maires Interpretation der Romanbiografie »Das Mädchen das ein Stück Welt rettete«. Hier erzählt Sharon Cameron wie zwei Schwestern während des zweiten Weltkrieges in Polen eine Gruppe Juden versteckte.

Cover "Rentierfieber": Zu sehen ist eine Winterlandschaft in blau und weiß und ein Rentier mit Weihnachtsmannmütze auf dem Geweih, das die Betrachter anschautLiteratopia: Inwiefern beeinträchtigt Dich Deine Sehbehinderung beim Schreiben? Und welche technischen Hilfsmittel sind für Dich wirklich hilfreich?

Emma Zecka: Ich drehe die Frage kurz um und beschreibe erst einmal den Vorteil, den ich durch meinen ScreenReader JAWS habe. Hier wird mir der Bildschirminhalt vorgelesen. Etwas, das Autor*innen immer wieder zu empfehlen ist: Lest eure Texte laut! Dank meinem ScreenReader ist es möglich, ohne, dass ich selbst lesen muss. Ich habe den Eindruck, dass ich dadurch und durch das viele Hörbuch hören ein Gefühl dafür entwickelt habe, ob manches gut oder sperrig klingt.

Nachteile habe ich vor allem, wenn es um das Marketing geht. Ich kann nicht einfach einen Instagram Account bespielen, Fotos machen oder Reels aufnehmen, weil ich hier auf die Hilfe Dritter angewiesen bin. Das bedeutet, dass ich mir entweder mehr Leistungen extern einkaufen muss, oder mein Marketing auf die Dinge konzentriere, die ich selbstständig machen kann, wie beispielsweise Deine Fragen beantworten.

Grundsätzlich gibt es für Menschen mit Behinderung die Möglichkeit die Kostenübernahme für eine Assistenz zu beantragen. Das funktioniert bei nebenberuflichen Tätigkeiten aber erst, wenn man monatlich mindestens den Regelsatz für Sozialhilfeempfangende bzw. Arbeitssuchende einnimmt.

Literatopia: Du hast 2016 den Freiburger Bücherstammtisch gegründet und 2018 einen Online-Buchclub. Was schätzt Du besonders am gemeinsamen Lesen?

Emma Zecka: Der Bücherstammtisch ist für mich eine tolle Möglichkeit Lesende fernab der Buchbloggenden-Szene zu treffen. In der Buchbranche habe ich oft den Eindruck, dass Verlage oder Buchhandlungen glauben zu wissen, was Lesende gerne lesen wie z.B. »Ein Jugendbuch braucht eine Liebesgeschichte«. Durch den Bücherstammtisch habe ich gelernt, dass die Leute nicht darauf achten, wer das Buch geschrieben hat, das als Nächstes gelesen wird und ob es in einem Verlag oder im Selfpublishing erschienen ist.

Im Online-Buchclub finde ich es spannend mit den Leuten über ein Buch zu sprechen, das wir alle gelesen haben und dadurch verschiedene Perspektiven auf eine Geschichte zu gewinnen.

Egal, ob Bücherstammtisch oder Onlinebuchclub, ich lerne viel darüber, wie sich Menschen über Bücher austauschen möchten: einigen reicht es zu wissen, dass da draußen Leute sitzen, die zeitgleich dasselbe Buch lesen. Andere freuen sich, wenn wir intensiver in den Austausch gehen.

Literatopia: Wie entscheidet Ihr beim Bücherstammtisch / im Buchclub, was Ihr als nächstes gemeinsam lest / hört?

Emma Zecka: Im Bücherstammtisch haben wir relativ wenige Kriterien. Das Buch sollte nicht mehr als 450 Seiten haben, nicht zu dem Genre gehören, das wir zuletzt gelesen haben und es muss ein Hörbuch zum Buch geben.

Beim Buchclub geben wir Admins ein Thema vor, zu dem Buchvorschläge eingereicht werden dürfen. Dann hat jede Person maximal zwei Stimmen, um für den Titel abzustimmen, den sie am liebsten mitlesen bzw. hören möchte. Uns war es wichtig keine Vorauswahl zu treffen, sondern das Abstimmungsverfahren wirklich basisdemokratisch zu halten. Leider ist uns das schon manchmal auf die Füße gefallen, weil viele Leute für eine Leserunde abgestimmt, sich aber im Nachhinein nicht an der Diskussion beteiligt haben. Gerade für die Leute, die sehr aktiv im Buchclub sind, war das schwierig. Deswegen haben wir die Auswahl der zu wählenden Bücher auf zwei Titel beschränkt.

Literatopia: Du bietest auch Sensitivity-Reading an, unter anderem für die Themen Schwerbehinderung / Sehbehinderung und psychische Erkrankungen. Wie gehst Du beim Durcharbeiten eines Textes vor?

Emma Zecka: Ich prüfe einen Text vor allem auf eine realistische Darstellung und schlage, wenn mir etwas negativ auffällt, eine Alternative vor und begründe warum ich eine Änderung empfehle. Wichtig ist es mir hier dabei auch auf die Darstellung der Figuren zu achten. Beispiel: Wenn es in einem Kinderbuch eine überbesorgte Mutter gibt, die ihrem blinden Kind nichts zutraut, ist das für mich durchaus eine realistische Darstellung. Dann würde ich aber auch darauf hinweisen, dass ich mir eine Entwicklung der Mutter wünsche oder – noch besser – eine Entwicklung des Kindes das im Laufe der Handlung lernt mutiger zu werden.

Wichtig finde ich vor allem, Alternativen vorzuschlagen. Schließlich kommen Verlage und Autor*innen genau deswegen auf mich zu: Weil sie mit bestem Wissen und Gewissen ein Buch geschrieben haben und sich in einem Thema eben nicht auskennen.

Literatopia: Würdest Du uns abschließend noch etwas über kommende Veröffentlichungen von Dir verraten? Was ist als nächstes geplant?

Emma Zecka: Aktuell stecke ich mitten im Stillektorat des zweiten Bandes von »Die Chroniken von All Hallows Village« mit dem Untertitel »Der Neuanfang«. Hier haben eine Hexe, ein bunter Geist und eine Fledermaus 31 Tage Zeit einen Kürbis zu finden. Die Hauptfiguren, die wir im ersten Band begleiten fungieren hier als Nebenfiguren. Parallel befinde ich mich auch im Marketing zu einem Kurzgeschichtenband, der im Frühjahr erscheinen wird und auch die Figuren aus Band 2 vorstellt.

Sehr gefreut habe ich mich, dass am 12. Dezember die Hörbuch-Ausgabe von »Die Chroniken von All Hallows Village – Der Aufbruch« erschienen ist.

Sobald die All-Hallows-Village-Reihe vorerst abgeschlossen ist, möchte ich mich meinem Jugendthriller widmen, den ich vor ein paar Jahren angefangen und wegen der Halloween-Dilogie pausiert habe.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Emma Zecka: Den Dank kann ich nur zurückgeben. Es waren wirklich tolle und spannende Fragen.


Autorinnenfoto: Copyright by Emma Zecka

Website: https://emma-zecka.de


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle rechte vorbehalten.