Die letzte Einstellung (Isabel Kreitz)

kreitz einstellung

Reprodukt, Mai 2025
Gebunden, 312 Seiten
€ 29,00
ISBN 978-3-95640-452-8

Genre: Comic, Graphic Novel


Rezension

Isabel Kreitz veröffentlicht seit rund dreißig Jahren Graphic Novels, darunter Die Sache mit Sorge. Stalins Spion in Tokio (2024) und Die Entdeckung der Currywurst (Carlsen 1996, Reprodukt 2022), nach der Novelle von Uwe Timm, die im zerstörten Hamburg 1945 spielt. Besonders gefällt ihr Erich Kästner, dessen Kinderbücher Das doppelte Lottchen, Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton und Der 35. Mai sie in die Form der Graphic Novel übertragen hat. Eine fiktionale Instanz von Kästner gibt es auch in ihrer Graphic Novel Die letzte Einstellung, eine vielschichtige historische Erzählung über Leben und Arbeit von Menschen im nationalsozialistischen Kulturbetrieb, insbesondere in der Filmwirtschaft.

Die Haupthandlung der Graphic Novel ist erzählerisch als eine große Rückblende montiert in eine kürzere rahmende Geschichte über die ersten Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die beiden Hauptfiguren sind Heinz Hoffmann und Erika Harms. Hoffmann ist Schriftsteller und Kulturredakteur des Berliner Tageblatts, wie Erich Kästner, der in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren als freier Journalist für das Berliner Tageblatt arbeitete, das ihm auch eine Plattform für sein Werk bot. Vom NS-Regime wurde er als „entarteter Autor“ behandelt, seine Bücher wurden verboten und verbrannt, er wurde mit Berufsverbot belegt, blieb in Berlin und arbeitete unter anderem als Berthold Bürger am Drehbuch von Josef von Bákys Münchhausen (1943) mit. Manche dieser biografischen Details definieren auch Heinz Hoffmann, der allerdings kein Abbild Kästners ist.

Hoffmann lernt in der Redaktion die Sekretärin Erika Harms kennen, die sein Interesse an Filmen teilt. Er nimmt sie am 2. Februar 1933 mit in den UFA-Palast am Zoo, zur Berliner Erstaufführung von Ucickys Morgenrot, dem letzten Film der Weimarer Republik. Die Aufführung wurde zu einer politischen Demonstration der neuen Machtinhaber, der Adolf Hitler und die engsten Mitglieder seines Kabinetts beiwohnten. Ereignisse dieser Art, wie später auch der Reichstagsbrand, werden von Kreitz entweder erwähnt oder in Illustrationen gefasst, dienen so als Zeitmarker, ohne dass ausdrücklich kalendarische Daten angegeben werden. Während einer gemeinsamen Drehbucharbeit kommen Hoffmann und Harms einander näher und werden ein Paar. Es kommt zur Trennung, als Hoffmann Berufsverbot erhält und die innere Emigration vollzieht.

Im Spätsommer 1944 arbeitet Wolfgang Liebeneiner, der mit Klarnamen in der Erzählung auftritt, an einem Propagandafilm. Liebeneiner war Schauspieler, Regisseur, später Produktionschef der UFA und Mitglied des Präsidialrats der Reichstheaterkammer. Harms hat in den Jahren Karriere gemacht, ist bei der UFA als Produktionsassistentin beschäftigt. Es herrscht der totale Krieg mit totaler Mobilmachung – auch am Film Mitarbeitende sind nicht vor der Einberufung geschützt. In dieser Zeit taucht plötzlich Hoffmann wieder bei Harms auf, weil seine Wohnung bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Sie nimmt ihn auf und verschafft ihm Arbeit als Drehbuchautor unter Pseudonym.

Hoffmann muss mit dem Konflikt umgehen, als Mitarbeiter an Liebeneiners Propagandafilm die NS-Maschine zu unterstützen, was ihm große Probleme bereitet. Liebeneiner ist kein überzeugter Nazi, aber er ist dem NS-System von Nutzen. Er bewegt sich in einem Verhaltensdreieck, das beschrieben werden kann durch künstlerischen Ausdruckswillen, persönlichen Ehrgeiz und die Angst vor Repressionen. Kreitz zeigt weitere Personen in der Filmproduktion, in Stab und Cast, die auf je eigene Weise sich in einem moralisch belastenden Kontext verhalten müssen. Manche von ihnen glauben an das System, manche nutzen ihre mehr oder weniger vorhandene Macht aus, andere verhalten sich unauffällig und passen sich an, viele betreiben Selbsttäuschung. Kreitz bewertet nicht, fällt kein moralisches Urteil, sondern lässt in ihrem Zeitbild viele Fragen offen. Was nicht zuletzt daran liegt, dass komplexe Fragen oft genug nicht einmal komplexe Antworten haben, geschweige denn einfache.

Nicht nur moralisch, sondern auch politisch wie künstlerisch geht es um Integrität. Diese ist ein Problem der Haltung gegenüber der Kunst, ihren Produktions- und Rezeptionsbedingungen. Als Künstler changiert Hoffmann zwischen moralischer Integrität und Opportunismus. Als Mann verhält er sich mit größerer Klarheit: immer benutzt er Frauen, auch Harms, die darunter leidet. Nach Kriegsende sind sie noch immer zusammen, er arbeitet wieder bei einer Zeitung und betrügt sie mit anderen Frauen. Dies behandelt die rahmende Handlung. Erika Harms ist angelehnt an Kästners Lebensgefährtin Luiselotte Enderle.

Kreitz Figuren sind fein entwickelte Charaktere mit einem breiten gestischen und mimischen Ausdrucksspektrum. Sie weisen eine Tiefendimension als Individuen auf und sind gleichzeitig erkennbar als Repräsentationen sozialer und politischer Bedingungen und Haltungen. Die Strukturen sind grundsätzlich patriarchalisch geprägt, männliche Perspektiven und Denken in Hierarchien bestimmen ganz offenkundig die Möglichkeiten der Frauenfiguren. Allein Erika Harms beginnt als Sekretärin mit Aufstiegsambitionen, die ihre Chancen nutzt und es bis zur Produktionsassistentin bringt.

Die Zeichnungen von Kreitz sind sehr detailreich und spiegeln genaue Beobachtungen. Die Detailtiefe erlaubt insbesondere in der Darstellung von Architektur eine räumliche Wahrnehmung. Vieles, von Emotionen bis hin zu inneren Konflikten, erschließt sich über die Körperhaltung, Blicke und die Mimik der Frauen. Kreitz arbeitet mit feinschattierten Bleistiftbildern, vermischt ihre Vorstellungen von der Zeit mit Bildern, die aus Filmen eben dieser Zeit bekannt sind. Manche Szenen und Einzelbilder (Standbilder) sehen aus, als wären sie Filmen von Fritz Lang (Kreitz war auch an dem sechsteiligen Comic Mabuse beteiligt) oder G.W. Pabst nachgestaltet. Die Autorin arbeitet mit den drei Kameraperspektiven Normalperspektive, Untersicht und Aufsicht, sie bildet Szenen und Ausschnitte mit wechselnden Perspektiven ab, wie Seitenansichten und Nahaufnahmen, und sie nutzt diese geschickt zur Steuerung der Wahrnehmung. Gelegentlich sind ganze Seiten unbebildert, was vordergründig wie ein drucktechnisches Problem anmuten könnte tatsächlich aber wahrnehmbar ist als weiße Auf- bzw. Abblenden, was an den Szenenwechseln danach deutlich wird.


Fazit

Die letzte Einstellung umspannt historisch den Nationalsozialismus und die frühe Nachkriegszeit. Die Graphic Novel bildet politisch, gesellschaftlich und personenbezogen zeitliche Umbrüche ab. Dies vor allem am Beispiel der Filmindustrie und ihrer Beschäftigten.


Pro und Kontra

+ gut recherchierte Verbindung aus historischen Fakten und Fiktion
+ themengerecht ansprechende filmische Erzählweise

Wertung:sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5

Tags: Nationalsozialismus, historische Graphic Novel, Film im Dritten Reich, Erich Kästner, Wolfgang Liebeneiner, Leben und Arbeit im nationalsozialistischen Kulturbetrieb, Luiselotte Enderle