
Eridanus (Dezember 2025)
Taschenbuch, 224 Seiten, 16,00 EUR
ISBN: 978-3-946348-57-3
Genre: New Weird / Science Fantasy
Klappentext
»Wie weit werden wir reisen?«, fragte Thea.
Der Mann zeigte wortlos mit einem Finger nach oben.
»Werden wir ferne Dörfer sehen? Fremde Orte, wo andere Menschen leben?«
Er zeigte weiter nach oben.
»Orte, wo Menschen noch nicht gewesen sind?«
Der Mann zeigte energischer nach oben.
»Du willst …«. Sie verstummte, gestikulierte vage und zeigte schließlich ebenfalls nach oben. »In … in den … Himmel?«
Der Mann namens Gale zuckte mit den Schultern.
»Er ist von manchen so genannt worden.«
Thea starrte ihn an.
»Was werde ich dort finden?«
Gale lächelte sie an.
»Exakt das, was du mitbringst.«
Rezension
"Das war sie, die Welt der Menschen. (...) Als hätten sich lichtscheue Tiere in blinder Panik in die Wand genagt und würden nun in dunklen Löchern auf Beute lauern." (Seite 14)
Thea lebt in einer Höhlenwelt, tief unten in einem schier endlosen Schacht, in dem die Menschen abgebaute Rohstoffe nach oben schicken - ohne genau zu wissen, wer sie erhält. Es gibt dort wenig Licht und wenig Raum - und wenig Freiheit für eine junge Frau, die alt genug ist, dass ein Mann sie sich nimmt. Thea tritt die Flucht an, die schneller als ihr lieb ist in einem Sturz endet. Doch dieser Sturz ist erst der Beginn einer Reise, die sie für immer verändern wird. Thea trifft auf einen alten Mann namens Gale, der behauptet, schon oft durch die Ebenen über der Höhlenwelt gereist zu sein und sogar den Himmel gesehen zu haben. Thea begleitet ihn - auf einem Roboterpferd reitend - nach oben, durch düstere Tunnel, durch ein Maschinenreich, vorbei an wurmähnlichen Wächtern und Ballonwesen, durch einen Urwald, immer weiter nach oben bis in den Himmel und noch weiter ...
"Ein Übermaß von Welt" ist ein Zitat aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, so wie bereits andere Buchtitel von Sven Haupt, der sich dieses Mal relativ kurz fasst und dennoch das versprochene Übermaß von Welt bietet. Den Beginn macht eine Welt aus Fels, Lava und einem Schacht - dunkel und geheimnisvoll. Warum leben die Menschen in einer solchen Tiefe, so beengt? Auch ihre Gesellschaft ist beengt, sie wissen wenig, hinterfragen wenig. Sie tun, was sie schon immer getan haben: überleben. Thea reicht das reine Überleben nicht, der Preis dafür ist extrem hoch und ein richtiges Leben ist es nicht. Ihre Reise in neue Welten beginnt als Flucht, alles scheint besser als die Tiefe, in der sie ihre Kindheit verbringen musste. Über ihrer Höhlenwelt gibt es andere Welten, die für Thea fremdartig und phantastisch sind. Bald ist ihre Reise mehr als Flucht, sie wird zu einer Suche nach Wissen.
Der Kurzroman erinnert wie bereits "Der Himmel wird zur See" an "Alice im Wunderland", nur dass Thea nicht hinabsteigt, sondern hinauf in Welten, die zunehmend größer und heller werden und mehr Fragen aufwerfen als Antworten liefern. Befinden wir uns in einer sehr weit entfernten Zukunft? Zumindest scheint es sehr viel Vergangenheit zu geben, die größtenteils vergessen ist. Oder befinden wir uns in einem Paralleluniversum? Oder sind wir dieses Mal ganz woanders? Der Schacht wird zumindest als Universum beschrieben, ein zunächst recht kleines, dunkles Universum mit einer für uns seltsamen Form. Und dieses Universum hat mehr zu bieten als einen Schacht und düstere Höhlen: es gibt hier Welten aus Metall und Glas, einen riesigen Urwald, fliegende Städte und jede Menge Chaos. "Ein Übermaß von Welt" changiert zwischen Science Fiction und Fantasy, inspiriert von dem Clarke'schen Gesetz „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.". Und so ist hier auch der Unterschied zwischen Science Fiction und Fantasy lediglich eine Frage der Perspektive. Dazu steckt der Roman voller Anspielungen auf andere Werke, inklusive ein wenig kosmischem Horror.
"... beschreibt den Schacht als Verbindung zwischen zwei Universen. In der fernsten Vergangenheit wurde er pausenlos von Reisenden benutzt, (...) um von einem Universum in ein anderes zu gelangen. Irgendwann ging der Kontakt zwischen den Universen verloren und der Schacht blieb allein zurück. Seitdem ist er gezwungen, als sein eigenes Universum zu existieren." (Seite 79)
Thea hat ähnlich viele Fragen wie die Leserschaft und stellt diese Gale, der selten konkrete Antworten liefert und stattdessen neue Fragen aufwirft. Er wird zu einer Art spirituellem Führer für Thea, der sie anleitet, sich ihre eigenen Gedanken zu machen und selbst Antworten zu finden. Er begleitet sie immer stückweise und lässt sie allein neue Welten erkunden, bis sie erkennt, dass sie dort nicht findet, was sie sucht. Die Dialoge sind oft locker und humorvoll, zugleich tiefgreifend und philosophisch. Im Kern ist "Ein Übermaß von Welt" ein Entwicklungsroman und eine Heldinnenreise, wobei Thea nicht wirklich weiß, was ihr Ziel ist. Sie will zunächst einfach nur weg, kopflos und panisch rennt sie los. Bald will sie jedoch mehr wissen über den Schacht, ihre Welt und die Welten, die sie entdeckt. Auf ihrem Weg findet sie Wissen und Worte für das, was sie bisher nicht ausdrücken konnte. Thea gelangt zu einigen Erkenntnissen, die man teilen kann oder auch nicht - im letzten Drittel widmet sich "Ein Übermaß von Welt" vor allem der Metaphysik und enthält viel von Sven Haupts Weltsicht. Viele Fragen bleiben ungeklärt und der Raum für eigene Gedanken erscheint endlos.
Theas Geschichte funktioniert in der Kürze, auch wenn sie gerne doppelt und zehn Mal so viele Seiten hätte einnehmen können. Das Ende wäre dasselbe. Es bleibt die Gewissheit, dass Sven Haupt uns wohl noch viele andere, kreative Universen zeigen wird. Und ein bisschen Kritik bleibt ebenfalls: Thea hat einen kleinen Freund, Noni, ein Steinwesen aus den Höhlen. Noni spielt an entscheidenden Punkten in der Geschichte eine wichtige Rolle, gerät dazwischen aber immer wieder in Vergessenheit. Auch hätte man gerne etwas mehr über Gale erfahren, der auf seine Funktion als Mentor und Erklärer reduziert bleibt. Für so manche SF-Leser*innen wird es am Ende wohl zu viel Metaphysik sein: Thea fasst ihre Erkenntnisse für Gale nochmals zusammen und die Leichtigkeit, mit der Sven Haupt Spiritualität, Religion und Science Fiction verbindet, geht etwas verloren.
"Ein Übermaß von Welt" ist als Taschenbuch und eBook erhältlich. Zusätzlich gibt es eine auf 50 Exemplare limitierte Hardcoverausgabe, die man beim direkt beim Verlag bestellen kann - signiert vom Autor! (Die Seitenzahlen der Zitate beziehen sich auf das Hardcover) Das Covermotiv stammt wieder von Detlef Klewer und passt perfekt zum Roman, insbesondere der fragende, sehnsüchtige Blick nach oben wurde gut eingefangen.
"Es gibt Wege, die man beschreitet, welche nur in eine Richtung führen. Jeder Schritt zurück ist hundertmal schwerer als jeder Schritt voran. Und jeder Schritt voran erscheint wundervoll. Selbst dann noch, wenn man bereits in den Abgrund sehen kann." (Seite 157)
Fazit
"Ein Übermaß von Welt" ist ein ungewohnt kurzer und dennoch sehr komplexer Roman von Sven Haupt, der wieder einmal Genregrenzen aufbricht und dabei Science Fiction und Metaphysik spielerisch leicht verbindet. Theas Flucht wird zu einer Suche, die sie durch unterschiedlichste Welten, unterirdische und überirdische, führt. Veränderung ist das zentrale Element des Romans, der sich darüber hinaus mit Wissen und Macht beschäftigt, mit Grenzüberschreitung und Abgründen. Ein kurzes Stück New Weird, das zum wiederholten Lesen und Nachdenken einlädt.
Pro & Contra
+ Reise durch phantastische Welten
+ Theas Flucht wird zu einer Grenzen überschreitenden Suche
+ locker-leichte Dialoge über komplexe Themen
+ Verbindung von Science Fiction mit Metaphysik
+ Anspielungen auf andere phantastische Werke
+ ideenreich, poetisch und melancholisch
- Steinwesen Noni kommt zu kurz
Wertung: ![]()
Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5
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