Delter (Frank Lauenroth)

p.machinery (2025)
Reihe: AndroSF 216
Paperback, 222 Seiten, 21,90 EUR
ISBN 978 3 95765 448 9

Genre: Science Fiction / Kurzgeschichten


Klappentext

Wahrscheinlichkeitsüberschreitungen,
hilfsbereite Symbionten,
zeitreisende Satelliten,
motivierte Insektoiden,
clevere Hauptgerichte
und nicht zuletzt …
Alienzombieroboterviecher!

In Frank Lauenroths Geschichten ist für jeden etwas dabei. Wer wie der Autor das Golden Age der Science Fiction liebt, erliest hier spannende Variationen vertrauter Ideen, neue Plots und jede Menge überraschende Wendungen. Vorhang auf für DELTER und seine intergalaktische Bande!


Rezension

Frank Lauenroth hat über die Jahre einige Science-Fiction-Kurzgeschichten in Anthologien und Magazinen veröffentlicht, sodass es allmählich an der Zeit war, diese in einem Sammelband zu veröffentlichen. Man merkt, dass der Autor auch Thriller schreibt, denn viele Geschichten verbinden Kriminalität mit SF-Technologie, die ganz neue Möglichkeiten für Diebstahl, Betrug und Mord bietet. Andere widmen sich ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen, die diese futuristischen Technologien mit sich bringen, und manche sind schlicht unterhaltsame intergalaktische Abenteuer. In Delter sind siebzehn Kurzgeschichten enthalten, die thematisch sehr unterschiedlich sind, sich in ihrer Erzählstruktur jedoch ähneln: Auf wenigen Seiten entwirft der Autor Zukunftsvisionen, die oft vertraut erscheinen, da sie an bekannte Werke klassischer Science Fiction erinnern. Frank Lauenroth macht dabei jeweils etwas Eigenes daraus: 

"Höchster Einsatz auf Robina 8" - Glücksspiel floriert auch in den Weiten der Galaxie. Der Protagonist arbeitet in der Sicherheit einer Casino-Raumstation und noch während der Protektor ihm erklärt, wie gut alles funktioniert und wie profitabel das Geschäft ist, wird das Casino auf höchst ungewöhnliche Weise ausgeraubt ... Die Story braucht ein wenig, um in Schwung zu kommen, bietet dann aber einen gelungenen Twist. 

"Nur der Tod ist sicher" - Während der Protagonist seiner verstorbenen Frau gedenkt, erblickt er die Werbung einer Firma, die mit den Gedanken Sterbender Profit macht. In dieser Zukunftsvision wird alles zu Geld gemacht, selbst die letzten Momente eines Menschen gehören diesem nicht mehr allein. Eine faszinierende Idee, in der Umsetzung aber zu knapp und erklärungsbedürftig. 

"Erstschlag" - Hier ist der Protagonist auf dem Weg zum Planeten einer angeblich feindlichen Alienspezies. Dass sie feindlich ist, wissen die Menschen aus Visionen, die sie mit Hilfe einer anderen Alienspezies erlangten. Aber stimmen diese Visionen auch? Oder werden sie manipuliert? Die Evolution hat hier eine sehr besondere Spezies hervorgebracht, die Paranoia erzeugt, um ihre Feinde zu vernichten. Eine richtig coole Idee. 

"Goldene Zeiten" - Eine Waffe, die zeitverzögert schießt und zwar erst, nachdem man sich schon wieder vom Tatort entfernt hat, würde die Arbeit eines Auftragskillers extrem erleichtern. Der Protagonist weiß auch schon, wofür er die ungewöhnliche Waffe nutzen wird. Dazu braucht es sehr gutes Timing - und das hat Frank Lauenroth hier. 

"Pächnidihia" - Hierbei handelt es sich um eine kleine Vorgeschichte zum Roman "Black Ice", die erzählt, wie Frankie und Holly sich kennengelernt haben. Frankie ist Kapitän eines reparaturbedürftigen Raumfrachters und nimmt fast jeden Auftrag an, der Credits bringt und nicht gegen seine Grundsätze verstößt. Als er seinem Schiff die ersehnte Reparatur spendieren will, schleicht sich ein Passagier an Bord und bittet um Hilfe - da kann Frankie nicht nein sagen. Ziel ist ein verbotener Planet, der Frankie ein düsteres Geheimnis offenbart - und ihm einen Freund fürs Leben beschert. Unterhaltsam geschrieben und ein Must-Read für Fans der "Corona"-Trilogie. 

"Diese verdammten Alienzombieroboterviecher" - Eine ungewöhnliche Zombieapokalypse in Dialogform, humorvoll erzählt, aber dennoch eine der schwächeren Stories. 

"In dubio pro Roboto" - "I, Robot" lässt grüßen. Diese Geschichte liest sich zunächst fast wie eine Nacherzählung: Ein Robot begeht einen Mord und der Protagonist, ein Detective, soll beweisen, dass er es war. Während des Verhörs kommen jedoch Zweifel auf: an der Täterschaft und sogar an der eigenen Identität. Eine der besten Stories dieser Sammlung, die eine Fortsetzung verdient hätte. 

"Touchdown" - Eine kurze Story über einen ESA-Mitarbeiter, der eine ungewöhnliche Entdeckung macht: Ein Satellit zeichnet den Tunguska-Einschlag auf - der weit in der Vergangenheit liegt. Coole Idee, zu knapp erzählt. 

"Stief" - Der Protagonist macht sich mit vollen Akkus an die Arbeit, doch sein Ladestand sinkt rapide. Eine Erklärung gibt es dafür nicht. Trotz immensem Zeitdruck will er seinen Auftrag erledigen und stößt auf neue Probleme. Und Stief ist nicht, was er zu sein scheint. Die Auflösung wirkt etwas erzwungen. 

"Tubes Inc." - Mit Hilfe einer neuen Technologie kann man in der Zukunft Menschen quasi beamen, zumindest innerhalb der installierten Tubes. So gelangt man innerhalb von Sekunden von Europa nach Amerika. Doch die Technologie funktioniert nicht ganz so, wie versprochen. Ein Mann verschwindet, löst sich sozusagen in Luft auf. In einem Gerichtsprozess soll die Schuldfrage geklärt werden und mehr durch Zufall enthüllt der Protagonist, ein Anwalt, die eigentliche Funktionsweise der Technologie. Eine sehr spannende Idee, etwas zu trocken umgesetzt. 

"Deleted Scenes" (mit Lara Möller) - Man stelle sich vor, ein Asteroid rast auf die Erde zu und wird alles Leben auslöschen, während man als Astronaut in einer Raumstation sitzt und nur beobachten kann. So ergeht es dem Protagonisten in dieser Geschichte, die aus den Aufzeichnungen des Astronauten besteht. Er beschreibt, wie er Zeuge des Endes der Welt wird, was für sich schon beklemmend genug ist. Die Geschichte hat jedoch eine unerwartete Wendung, die nochmals trauriger stimmt. Die beste Story dieser Sammlung! 

"Laden! Zielen! Feuer!" - Ein Mann lädt Tag für Tag Torpedos ins Rohr, eine schwere, zunehmend sinnlose Arbeit. Der einzige Lichtblick: auf manche der Geschosse sind Blumen gemalt, die den Mann zum Nachdenken anregen. Frank Lauenroth illustriert hier die brutale Sinnlosigkeit des Krieges und den Verschleiß von Menschenleben. 

"Am Ende des Regenbogens" - Der Protagonist erwacht als erster aus dem Cryoschlaf und bemerkt schnell, dass etwas nicht stimmt. Er ist als einziger alt geworden. Und dann erwartet ihn auch noch eine böse Überraschung am Zielplaneten. Eine actionreiche Story mit spannenden Wendungen - als Novelle oder Kurzroman hätte sie wohl besser funktioniert. 

"Syms" - Mit Hilfe von Symbionten lassen sich Fähigkeiten und Eigenschaften verbessern. Jeder erhält regelmäßig einen solchen Sym, allerdings kann man nicht immer frei auswählen, was für einen man bekommt. Der Protagonist ist für die Verteilung der Syms zuständig und lässt sich von einer Frau, die einen speziellen Sym sucht, verarschen - ganz klischeehaft durch ein erotisches Abenteuer. Eine der schwächeren Stories. 

"Holzwollekommando" verbindet Cyberpunk mit Plüschbären, die sich hier mit anderen Spielzeugen bekriegen. Die Story stammt aus der Anthologie "Cybäria" und ist ziemlich ausgefallen. 

"Der Digger und der Lukudur" - Eine Knastszene, in der die Insassen betrogen werden. Liest sich wie ein kleiner Ausschnitt einer Space Opera, über die man leider nichts weiter erfährt (weil es sie nicht gibt). Die wenigen Seiten enthalten dennoch überraschend viel Weltenbau und die Aliens weisen menschliche Schwächen auf.

"Delter" - Die Titelstory kommt zum Schluss und handelt von Delter, einem männlichen Arbeiter in einer matriarchischen Insektoidengesellschaft. Als Mann steht Delter ziemlich weit unten in der Hierarchie, doch er erlangt Wissen über einen Schatz, das ihn aufsteigen lässt und für kurze Zeit von einem besseren Leben träumen lässt. Der Schatz entpuppt sich als Täuschung, Delters Chance scheint vertan, doch er gibt nicht auf ... Eine gute Story zum Schluss, in der die Räuber auf raffinierte Weise zu Ausgeraubten werden.   

Für eine Kurzgeschichtensammlung sind siebzehn Geschichten fast schon zu viel, vor allem, wenn sich die Protagonisten so stark ähneln - was weniger stört, wenn die Geschichten über einen großen Zeitraum verteilt in Anthologien und Magazinen erscheinen. Doch wenn man sie alle nacheinander liest, fällt auf: die Protagonisten sind alle Männer, inklusive männlicher Bären und männlicher Insektoider. Die meisten erscheinen zudem mittelalt und entsprechen ähnlichen Typen. So fühlt es sich an, als würde die gleiche Person in sehr unterschiedlichen Geschichten auftreten. Thematisch bietet Frank Lauenroth dagegen sehr viel Abwechslung, ebenso bei den Settings. Dabei gefallen vor allem die Geschichten, die die zukünftige Menschheit in den Weiten des Alls sehen oder von spannenden Aliens erzählen. Darin gelingt Frank Lauenroth jeweils sehr viel Weltenbau auf wenigen Seiten.  

Der Klappentext verrät, dass Frank Lauenroth die Geschichten des Golden Age der SF liebt, was man vielen Geschichten anmerkt. Entsprechend finden sich hier auch Anspielungen auf Genreklassiker. Neben bereits bekannten Geschichten bietet Delter auch Erstveröffentlichungen - im Anhang gibt es eine Auflistung, welche Geschichte wo zuerst erschienen ist. Positiv fallen die kleinen Graphiken von Gloria Manderfeld auf, von denen jeweils drei auf die Geschichten einstimmen. Das Vorwort von Erik Simon fällt dagegen eher negativ auf, da er darin Teile der heutigen SF-Szene abwertet. Das könnte Leser*innen abschrecken - zumindest diese Leserin hat es gestört und sie hätte wenig Lust auf die Anthologie gehabt, wenn sie nicht schon Geschichten des Autors gekannt und gemocht hätte. Zudem schmälert diese Abwertung die lobenden Worte für Frank Lauenroth, der diese durchaus verdient hat. 

Das Cover stammt von Lothar Bauer und wirkt zugleich ein wenig altmodisch und modern, was gut zu den Geschichten passt, die ebenfalls ein Mix aus oldschool und modern sind. 


Fazit

"Delter" bietet thematisch sehr unterschiedliche, überwiegend gute SF-Stories, die sich mit den Licht- und Schattenseiten neuer Technologien beschäftigen oder vom Leben im All erzählen. Frank Lauenroth gelingt es, seine Ideen in der Kürze meist unterhaltsam zu präsentieren - etwas mehr Abwechslung bei den Protagonisten wäre schön gewesen. 


Pro & Contra

+ viele coole Ideen
+ "Pächnidihia" und "Deleted Scences"
+ thematisch abwechslungsreich
+ Licht- und Schattenseiten neuer Technologien
+ intergalaktische Abenteuer
+ diskutiert ethische Fragen
+ schlichte, ansprechende Gestaltung

- Protagonisten ähneln sich sehr
- Vorwort von Erik Simon

Wertungsterne3.5

Geschichten: 3,5/5
Figuren: 3/5
Gestaltung: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3,5/5


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Tags: Space Opera, Künstliche Intelligenz, deutschsprachige SF, Kurzgeschichten