
duotincta (2016)
Taschenbuch, 206 Seiten, 17,00 EUR
ISBN: 978-3946086222
Genre: Belletristik
Klappentext
Mutter und Tochter – eine oft konfliktreiche Beziehung, die seit der Antike nicht nur in der Literatur für Sprengstoff sorgt. Die Beziehung zwischen Lena und Ariane ist geprägt von der Unfähigkeit, sich in die Welt der jeweils anderen einzufühlen. Vieles bleibt unausgesprochen, beide lügen sich an und fühlen sich missverstanden im Labyrinth der gegenseitigen Täuschungen.
Die Mutter Lena, eine ehemalige feministische Bestsellerautorin, lebt vereinsamt in ihrer großen Villa. Die Tochter Ariane fühlte sich als Kind von ihrer Mutter vernachlässigt und als leicht erkennbare Figur ihrer Romane bloßgestellt. Ariane arbeitet als Verhaltensforscherin über „Lügen und Tricksen unter Raben“.
Mutter und Tochter erzählen von einer gemeinsamen Vergangenheit, die völlig unterschiedlich erlebt wurde und immer mehr auch ein Porträt des aktuellen Konfliktes zwischen der Generation 68 und ihren pragmatischeren Erben wird. Dabei vermengen sich gelebtes Leben und literarische Fiktion, während in der Gegenwart das Gespinst aus vermeintlichen Gewissheiten nach und nach zerlöchert wird.
Rezension
Voller Wut tippt Ariane die ersten Seiten eines Romans, in dem sie alles richtig stellen will, was in den Romanen ihrer Mutter falsch dargestellt wurde. Ihr ganzes Leben hat diese in ihren Bestsellern ausgebreitet und Profit daraus geschlagen, während sie für ihre Tochter nie richtig da war. Wie oft wurde Ariane angesprochen: sei sei doch die Tochter von? Und ob ihre Zeugung tatsächlich so war wie in einem Roman ihrer berühmten Mutter? Eine künstliche Befruchtung mit einem Samenmix? Frustriert schließt Ariane die Datei. Ob es wirklich so war? Ihre Mutter beharrt darauf, sie wisse nicht, wer der Vater ist, sie habe es nicht wissen wollen. Eigentlich will Ariane nicht über ihre Mutter nachdenken und sie will sicher nicht in die Fußstapfen ihrer Mutter treten. Sie ist keine Autorin, sondern Wissenschaftlerin und erfroscht die Intelligenz von Rabenvögeln. Diese können lügen und betrügen, fast wie Menschen. Doch so schlimm wie Menschen sind ihre Vögel nicht.
Während Ariane zum ersten Mal ihre Geschichte in die Tasten haut, hat ihre Mutter Lena seit vielen Jahren nichts mehr veröffentlicht. Sie lebt zurückgezogen in ihrer Villa, ihr einziger Sozialkontakt ist ihr Gärtner Ahmed, der immer wieder mahnt, wie wichtig Familie sei. Lena war das zweite Kind ihrer Eltern, ein Mädchen, das stets im Schatten ihres großen Bruders stand - auch dann noch, als dieser viel zu jung verstarb. Sie wuchs auf einer Hallig auf und wollte weg von dort, sie sehnte sich nach Freiheit, hat sie sich erkämpft und in vollen Zügen genossen. Später schrieb sie über ihr Leben und machte Bestseller daraus. Das Schreiben fiel ihr leicht, es war ihr Element. Anders als ihre Tochter, mit der sie von Anfang an nicht zurechtkam, die von Anfang an unzufrieden schien. Nun ist Lena alt und allein und denkt über ihr Leben, ihre Entscheidungen nach. Dennoch erkennt sie nicht, wie ähnlich ihre Tochter ihr eigentlich ist - und auch die erkennt es nicht.
Mit Ariane und Lena hat Birgit Rabisch zwei unversöhnliche Protagonistinnen, in deren Mutter-Tochter-Beziehung nahezu alles schief gelaufen ist, was schief laufen kann. Beide sind intelligente, selbstbewusste Frauen, die wissen, was sie wollen und was sie nicht wollen - und es trotzdem einander nicht richtig sagen können. Dass Lena in ihren Romanen über ihr eigenes Leben schreibt, ist für Ariane offensichtlich, sind doch nur Namen und unbedeutende Einzelheiten verändert. Sie fühlt sich bloßgestellt und verraten und aus diesen negativen Emotionen heraus versteht sie Lena falsch - und umgekehrt. Lena fühlt sich abgelehnt von ihrer Tochter, weil diese sie ihre Wut spüren lässt. Ariane stößt sie weg und will eigentlich Nähe. Doch Lena lässt sich wegstoßen und ist ebenfalls wütend. Sie ist eine Feministin, schätzt ihre Freiheit und will diese auch für ihr Kind. Dabei sehnt sich Ariane nach mehr Familie, mehr Struktur, mehr Verlässlichkeit. Als junge Frau steht sie ihrer Mutter unversöhnlich gegenüber und diese ihr ebenso. Ihre wenigen Telefonate bestehen aus knappen Fragen und Antworten. Bis Lena unerwartet offenbart, wer Arianes Vater ist, und damit ihr Verhältnis noch mehr belastet.
Das Tragische in "Wir kennen uns nicht" ist, dass sich Ariane und Lena eigentlich sehr ähnlich sind. Aufgrund ihrer Erfahrungen in der Kindheit wollen sie im Leben jedoch ganz unterschiedliche Dinge, was zu Unverständnis und Konflikten führt. Und dann gibt es da noch die Romane der Mutter, die mehr enthüllen, als einem Familienmitglied lieb sein kann. Ariane sieht sich falsch dargestellt, sieht sich in Konkurrenz gesetzt mit einer fiktiven Tochter, die mehr geliebt wird als sie. Sehr viele Missverständnisse zwischen Mutter und Tochter haben ihren Ursprung in diesen Büchern. Während Lena ihren Erfolg genießt und sich deshalb im Recht fühlt, entfernt sich Ariane immer mehr von ihr. So weit, dass sie ihrer Mutter nicht einmal von ihrer Beziehung berichtet, nicht einmal von ihrer Schwangerschaft. So weit, dass sie sich zwar Sorgen macht, als ihre Mutter auf Reisen geht und niemand weiß, wohin - dass sie sich aber auch wütend abwendet und abermals verraten fühlt, während ihre Mutter tatsächlich einsam und depressiv ist.
Birgit Rabisch löst dieses Mutter-Tochter-Dilemma in "Wir kennen uns nicht" nicht auf, auch wenn man es zwischenzeitlich erwartet. Doch die Autorin liefert nicht, was erwartet wird, sie erzählt keine Geschichte mit Streit und Happy End, sondern zeigt in unterschiedlichen Situationen die Ursachen des zerrütteten Verhältnisses. Und sie erzeugt Verständnis für beide Frauen, beide haben Fehler gemacht, beide in entscheidenden Momenten nicht die Hand ausgestreckt und die der anderen weggeschlagen. Aus Arianes Sicht erscheint Lena wie eine schlechte Mutter, die tatsächlich zu wenig für ihr Kind da war, doch aus Lenas Sicht hat alles seinen Grund und sie konnte kaum anders handeln. Beide haben vieles, was hätte gesagt werden müssen, nicht oder zu spät gesagt. Während offen bleibt, ob es für Ariane und Lena noch einen Weg zu mehr Verständnis gibt, regt "Wir kennen uns nicht" die Leser*innen an, sich selbst mehr zu bemühen, die Perspektive derer einzunehmen, die sie lieben.
Fast schon beiläufig spielen gesellschaftspolitische Themen eine Rolle im Roman, insbesondere Feminismus, aber auch Migration und Kapitalismus. In ihrer Weltsicht sind sich Ariane und Lena sehr ähnlich, sie könnten wohl sehr gute Freundinnen sein, wären sie nicht Mutter und Tochter, die in diesen Rollen jeweils etwas anderes erwartet haben. Dazu fließt noch norddeutsches Lokalkolorit ein, insbesondere das Leben auf den Halligen, in der Mitte des 20. Jahrhunderts und heute, ist spannend dargestellt. Während früher die Menschen dort unter sich waren und ihre Leben der stürmischen Nordsee abtrotzten, haben sie heute viele Besucher*innen. Tagestourist*innen, die die Schönheit der Halligen an sonnigen Tagen erleben wollen, und Urlauber*innen, die Ruhe und Einsamkeit suchen, um über ihre Leben nachzudenken - so wie Lena, die sich hier (noch?) nicht mit ihrer Tochter versöhnt, aber mit Teilen ihres Lebens.
Fazit
In "Wir kennen uns nicht" beschreibt Birgit Rabisch einfühlsam eine zerrüttete Mutter-Tochter-Beziehung voll gegenseitiger Enttäuschungen. Dabei sind sich die Protagonis*innen eigentlich sehr ähnlich: beide selbstbewusste Frauen, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben und ihren eigenen Weg gehen. Sie verpassen so manche Gelegenheit, einander die Hand zu reichen, und die Leser*innen verzweifeln daran - reflektieren aber auch ihre eigenen Beziehungen und nehmen optimalerweise etwas mehr Verständnis für ihre eigenen Familien mit.
Pro & Contra
+ authentische, starke Protagonist*innen
+ beschreibt einfühlsam, was in Familien alles schief laufen kann
+ zeigt, wie jedes Leben von gesellschaftspolitischen Themen durchdrungen ist
+ tolle Nebencharaktere
+ das Leben auf den Halligen - damals und heute
+ offenes Ende, aus dem man dennoch viel mitnehmen kann
- die Raben kommen zu kurz
Wertung: ![]()
Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5
Interview mit Birgit Rabisch (2020)
Rezension zu "Unter Markenmenschen"
