Etomi - Aufbruch (Jol Rosenberg)

Plan 9 (2024)
Taschenbuch, 400 Seiten, 20,00 EUR
ISBN: 978-3-948700-84-3

Genre: Science Fiction / Dystopie


Klappentext

Aus ihrer Gemeinschaft herausgeschleudert, erkunden die verwöhnte Städterin Lea, die unkonventionelle Ingenieurin Josa und der scheue Arbeitsklon Nori die ihnen unbekannte Außenwelt. Ihr Ziel ist es, Hilfe für die bedrohte Kuppelstadt zu finden. Wetterextreme und Intrigen reißen die Gruppe auseinander. Alleine müssen sie sich in der feindlichen Umgebung behaupten. Ihre einzige Hoffnung besteht darin, nicht nur zu überleben, sondern wieder zueinander zu finden. Werden sie gemeinsam Menschen und Nichtmenschen retten können?


Rezension

"Aufbruch" schließt nahtlos an den ersten Band der "Etomi"-Dilogie an: Lea aus der Kuppelstadt Eos und Ingeneurin Josa aus dem die Stadt versorgenden Komplex Aranus bilden nun ein Team, das in der Außenwelt nach Etomi suchen soll. Außerdem dabei: Schlachthaus-Klon Nori, der nun frei ist und sich überflüssig fühlt. Und UTE, eine autonome Transportheit. Die drei bzw. vier wissen nicht, was genau Etomi ist - nur, dass es für die Zentralintelligenz von Eos und Aranus (= Araneos) sehr wichtig ist, es zu finden. Sonst drohe große Gefahr. Die Außenwelt, Estopa, ist karg und lebensfeindlich, die Strahlungswerte sind hoch und Wetterextreme machen dem Team zu schaffen. Es gelingt ihnen, die nächste größere Stadt zu erreichen, die größenteils unterirdisch angelegt ist. Dort setzt sich Nori vom Team ab, um seinen eigenen Weg zu gehen. Währenddessen scheitern Lea und Josa an politischen Spielregeln, die sich nicht kennen. Unterschiedliche Allianzen kämpfen in Estopa gegeneinander und die Regeln ihrer Leben in Araneos unterscheiden sich stark von den Regeln, nach denen die Menschen hier leben. Als Lea verschwindet, müssen Josa und UTE alleine weitermachen, wobei Josa zunehmend an den Absichten und Möglichkeiten der Zentralintelligenz zweifelt. Für sie war ihre Mission von Anfang an zum Scheitern verurteilt: sie wurden ohne ausreichende Informationen in eine gefährliche Welt geschickt, deren Regeln sie nicht kennen und in der sie zwischen Fronten geraten, von denen sie nichts ahnen konnten ...

Ohne Vorkenntnisse lässt sich "Aufbruch" schwer lesen, denn es geht direkt nach dem Ende von "Erwachen" weiter. Ähnlich wie im ersten Band Aranus eine große, hässliche Überraschung für Lea und die Leser*innen war, ist es nun Estopa, das zunächst karg und lebensfeindlich daherkommt, aber dennoch voller Leben steckt. Erstaunlich viele Menschen kämpfen dort ums Überleben und unterirdische Städte entpuppen sich als wuselige Handelszentren. Lea ist sehr unsicher in ihrer Rolle als Botschafterin, die die Zentralintelligenz für sie vorgesehen hat. Sie versucht, mit ihrem in Eos einstudierten Lächeln weiterzukommen, doch merkt schnell, dass alles, was sie in Eos und Aranus gelernt hat, hier wenig wert ist. So tappt sie schnell in eine Falle und wird von ihrem Team getrennt. Aranus war für die verwöhnte Städterin bereits eine Zumutung, doch sie konnte sich anpassen. Nun durchlebt sie regelrecht die Hölle. Gefoltert und schwer traumatisiert muss sich Lea alleine in Estopa durchschlagen. Bereits im ersten Band hat sie einen hohen Preis für ihr Überleben bezahlt, doch sie hat Freunde gefunden und sich eingefügt. Im zweiten Band ist sie die Figur, die am meisten Leid ertragen muss, sie zerbricht fast daran, doch entdeckt auch eine ungeahnte Stärke in sich. 

Ingeneurin Josa hat sich bereits in Aranus durchgebissen und viel erreicht. Sie ist entsprechend nicht besonders erfreut darüber, von der Zentralintelligenz in die Außenwelt geschickt zu werden, denn sie verliert damit alles, was sie sich aufgebaut hat. Sie frustriert es, über zu wenige Informationen zu verfügen, da sie genau weiß, dass so immense Probleme auf sie zukommen. Josa ist zugleich die anpassungsfähigste Person im Team, denn sie hat sich schon einmal von ganz unten auf einen guten Posten hochgearbeitet und weiß sich selbst zu helfen. Allerdings muss die Einzelkämpferin hier lernen, im Team zu arbeiten und verstehen, dass sie aufeinander angewiesen sind. Mit ihrer direkten, etwas groben Art ist sie die sympathischste der Protagonist*innen, die oft ausspricht, was viele Leser*innen sich denken. Zugleich ist sie die zugänglichste Figur, da ihr Leben zwar ebenfalls sehr anders als das der Leser*innen verlaufen ist, Leas und Noris Erfahrungen jedoch viel weiter von unserer Gegenwart entfernt sind. 

Klon Nori hat von der Zentralintelligenz keine Funktion im Team zugewiesen bekommen und ist nur dabei, weil Lea sein Leben retten wollte. Nun fühlt er sich nutzlos: er kann die Untätigkeit und Unsicherheit nicht ertragen und braucht eine Aufgabe. Mit Unterstützung von UTE findet er eine Arbeit, bei der keine Fragen gestellt werden, und die autonome KI bleibt mit ihm in Kontakt, während er versucht, als Mensch zu leben. Bereits im ersten Band hat sich Nori über seine Bestimmung als Schlachthaus-Klon hinausentwickelt, doch im zweiten Band macht er nochmals eine riesige Entwicklung durch. Stück für Stück überwindet er viele seiner Einschränkungen und bleibt sich dabei dennoch treu. Er hat einen ganz eigenen Charakter, der bereits im ersten Band sichtbar war, doch nun hat er auch die sprachlichen Fähigkeiten, seine Persönlichkeit auszudrücken. Zugleich muss er auf seine besondere Physiologie Rücksicht nehmen, er braucht spezielle Nahrung und muss Bewegungen, die Menschen unbewusst ausführen, mühevoll lernen, um nicht aufzufallen. 

Nori erhält im Verlauf der Handlung Hilfe von anderen "Nicht-Menschen": Klone, die wie er in Freiheit leben wollen - und Cyber, künstliche Wesen, die aus technischen und geklonten organischen Komponenten hergestellt wurden. Der eigene Wille dieser Nicht-Menschen wird unterdrückt, doch nicht bei allen funktioniert dies und manche streben nach Freiheit und Autonomie. Sie werden als Bedrohung angesehen und verfolgt. Nori lehnt Gewalt ab, er will niemanden verletzen oder gar töten, doch er muss erkennen, dass es manchmal nötig ist, sich zu wehren - und die zu beschützen, die sich nicht wehren können. Die Notwendigkeit und Vermeidung von Gewalt wird in Dialogen vielschichtig diskutiert. Den Protagonist*innen wird zudem einiges an Gewalt angetan, neben physischer auch psychische Gewalt. Estopa ist ein noch brutalerer Ort als Aranus, es gilt meist das Recht des Stärkeren. Die Antagonist*innen der Nordallianz bleiben jedoch meist im Hintergrund. Sie sind eine stete, gesichtslose Bedrohung, die Informationen stiehlt und ihren Einfluss auf Araneos ausdehnen will, was fatal für die Kuppelstadt wäre. 

Spannung zieht "Aufbruch" insbesondere aus der Frage, was Etomi genau ist. Für Lea war es in "Erwachen" noch ein Paradies, ein Sehnsuchtsort, der nicht real war. Am Ende hat sie erfahren, dass es Etomi tatsächlich gibt, doch nicht, was es ist. Ein Ort? Eine Maschine? Ein Wesen? Niemand weiß es. Der Mangel an Informationen bestimmt die Mission des Teams aus Araneos. Wie Josa früh erkennt, sind sie zum Scheitern verurteilt. Sie werden getrennt, doch sie überleben. Jeder kämpft sich auf seine Weise durch das gefährliche Estopa. Sie werden betrogen und angegriffen, doch sie finden auch unerwartete Verbündete und erfahren Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Das Leben in Estopa ist nochmals rauer als in Aranus, doch auch hier gibt es Menschen, die auf Kooperation setzen statt auf Gewalt. Die politischen Verhältnisse sind höchst undurchsichtig, es gibt unterschiedliche Allianzen und wer nicht mit einer assoziiert ist, hat es besonders schwer. Die Ressourcen sind für viele knapp und vor allem extrem ungleich verteilt. Während die einen mit veralteter, kaum noch funktionsfähiger Technologie zurechtkommen müssen, verfügen andere über High-Tech, die Araneos in den Schatten stellt. Auch wirft die Reise durch Estopa viele Fragen zur in Eos religiös verehrten Zentralintelligenz auf. Aus der Ferne wirkt sie nun wie eine KI von vielen und es wird klar, dass auch sie Beschränkungen unterliegt. Spannend ist auch das Verhältnis von UTE zur Zentralintelligenz, man weiß lange nicht, wie autonom sie wirklich ist und ob sie wirklich helfen will oder nicht. UTE entwickelt sich im Verlauf der Handlung zu einem eigenständigen Charakter, der den Ausgang der Geschichte maßgeblich beeinflusst. 

"Etomi" ist eine komplexe Dystopie, in der die Protagonist*innen über wenig Wissen verfügen. Vieles wurde zerstört, die Menschheit ist zersplittert, es gibt keine gemeinsame Geschichtsschreibung mehr. Entsprechend sind Informationen eine wertvolle Ressource in einer Welt, in der es an nahezu allem mangelt. Diese Welt ist von Konflikten durchzogen, doch ebenso von Abhängigkeiten. So sind Araneos und Estopa ebenso voneinander abhängig wie Aranus und Eos. Jol Rosenberg greift auf bekannte Dystopie-Elemente zurück, macht jedoch etwas ganz Eigenes daraus und stellt insbesondere den Wert von Kooperation heraus. Lea und ihr Team bestehen in Estopa nur, weil sie immer wieder Hilfe erhalten und auch bereit sind, anderen zu helfen. Sie müssen vertrauen, auch wenn sie kaum einen Grund dazu haben, sonst kommen sie nicht weiter. Und das Vertrauen wird zwar nicht immer, aber oft belohnt. Am Ende finden sie doch noch eine Art der Utopie - nicht die, von der Lea geträumt hat, aber eine, die im Kontext dieser zerrütteten Welt realistisch und umsetzbar ist. 


Fazit

"Etomi - Aufbruch" führt die Handlung konsequent weiter und konfrontiert die Protagonist*innen mit der chaotischen, lebensfeindlichen Außenwelt, in der mehr Menschen leben bzw. überleben als erwartet. Abermals prallen völlig unterschiedliche Lebenserfahrungen aufeinander und Kommunikationsprobleme sowie der Mangel an Wissen werden dem Team, das Etomi finden soll, zum Verhängnis. Jol Rosenberg zeichnet eine Zukunft voller Ungerechtigkeit und Gewalt, in der dennoch Kooperation und Freundlichkeit zum Ziel führen. "Etomi" ist eine Dystopie voll kleiner utopischer Elemente, vielschichtig und gut durchdacht - und im zweiten Band vielleicht ein wenig zu komplex. 


Pro & Contra

+ die Außenwelt, Estopa, hält einige böse und gute Überraschungen parat
+ Aufeinanderprallen unterschiedlichster Lebenserfahrungen
+ sehr unterschiedliche Protagonist*innen, die ihre eigenen Kämpfe austragen
+ Klon Nori entwickelt sich im zweiten Band extrem weiter 
+ Kooperation und Hilfsbereitschaft führen zum Ziel
+ eher ruhige, nachdenkliche Erzählweise
+ spannendes Worldbuilding, in dem viel Wissen verloren gegangen ist
+ diverse Figuren mit unterschiedlichen Geschlechtern und teils Behinderungen
+ Glossar im Anhang mit den wichtigsten Begriffen

- in der zweiten Hälfte teils unübersichtlich
- im zweiten Band zu komplex, um allem gerecht zu werden

Wertungsterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5


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Tags: Dystopie, queere Figuren, nicht-binäre Autor*innen, deutschsprachige SF, Jol Rosenberg