Stefanie Lasthaus (06.02.2026)

Interview mit Stefanie Lasthaus

Autorinnenporträt von Stefanie Lasthaus mit Bambuszweigen im HintergrundLiteratopia: Hallo, Stefanie! Aktuell erscheint bei Penhaligon Deine Romantasy-Trilogie „Der Onyxpalast“, in der Deine Protagonistin Gwen das Reich der Lebenden verlässt, um im Totenreich nach ihrem Bruder zu suchen. Wie gelingt es ihr, die Grenze zu überwinden? Und was erwartet sie im sagenhaften Onyxpalast?

Stefanie Lasthaus: Hallo Judith, vielen Dank für das Interview!

Okay, reden wir über den Onyxpalast: Man überschreitet die Grenze zu den Totenreichen – also auch in Wales, wo meine Trilogie beginnt – als Mensch so, wie du es dir vermutlich vorstellst: Man stirbt, so wie auch Gwens Bruder, wegen dem sie sich auf diese Reise begibt. Gwen möchte allerdings als Lebende nach Annwyn, und dabei hilft ihr Sandover, der einst gestorben und wieder ins Leben zurückgekehrt ist. Genau diese ungewöhnliche Erfahrung macht ihn zur perfekten Hilfe für Gwen. (Mehr kann ich ohne Spoiler nicht verraten!)

Literatopia: Erzähl uns mehr über Gwen. Was ist sie für ein Mensch? Und wie innig war das Verhältnis zu ihrem Bruder?

Stefanie Lasthaus: Gwen wirkt im ersten Moment manchmal distanziert oder ruppig, aber im Kern ist sie extrem loyal. Ihre Familie steht bei ihr an erster Stelle – besonders ihr älterer Bruder Vander und ihre jüngere Schwester Mari. Ich meine: Sie folgt Vander sogar ins Totenreich!

Trotzdem fehlt ihr ein echtes Heimatgefühl, unter anderem, weil ihr Vater die Familie früh verlassen hat. Sie bindet sich ungern und mag es nicht, lange an einem Ort zu bleiben. Das ändert sich jedoch mit Vanders Tod.

Manchmal setzt sie Ironie und Sarkasmus ein, um sich abzugrenzen, aber nie auf bösartige Weise.

Cover Der Onyxpalast Wo die Toten tanzen in violett mit dunklem SchlossLiteratopia: Gwens Love Interest ist der Totengott Aran, Herrscher der walisischen Unterwelt Annwyn. Inwiefern unterscheidet sich diese von den Jenseitsvorstellungen anderer Mythologien? Und inwiefern unterscheidet sich Deine Version von den keltischen Sagen?

Stefanie Lasthaus: Im Unterschied zu vielen anderen Mythologien ist die walisische Totenwelt kein moralisches Jenseits, sondern eine Art Gegenwelt. Annwn – in meinem Buch Annwyn, damit weniger Fragen zur Aussprache aufkommen – ist kein Ort der Strafe oder Belohnung, sondern zeitlos und parallel zur Welt der Lebenden. Die Grenzen sind durchlässig: man kann hinübergehen, zurückkehren oder sich verirren. Der Tod wirkt so weniger endgültig, eher wie eine Verwandlung.

Im Onyxpalast habe ich damit gespielt: Früher waren die Übergänge zwischen Lebenden- und Totenwelt offen, doch Totengötter und ihre Reiche mussten sich anpassen, manche Passagen wurden geschlossen. Verstorbene können von Annwyn aus weiterziehen, auch wenn niemand weiß, was nach dem Totenreich noch wartet.

Die Welt ist mal düster, mal gefährlich, aber mitunter auch schön (die erste Reaktion meiner ersten Testleserin: Sie hat sich sehr über das lila Gras gefreut). Der größte Unterschied ist allerdings der Onyxpalast selbst. Er ist mit sämtlichen Totenreichen verbunden, und deren Götter halten dort reihum ihre Totenbälle ab. Wir begegnen also vielen Göttern, nicht nur Aran.

Literatopia: Was fasziniert Gwen an Aran?

Stefanie Lasthaus: Eine Leserin sagte mir: „Muskeln, Tattoos im Gesicht, dunkelhaarig – und er ist ein Gott! Was braucht frau mehr?“ Stimmt alles.

Aber natürlich ist da noch mehr. Im ersten Band umkreisen Gwen und Aran einander mit Vorsicht und Misstrauen. Er darf nicht wissen, dass sie noch lebt, und hat seine eigenen Bedenken.

Aran nimmt seine Verantwortung für die Verstorbenen sehr ernst. Für sie wagt er ebenso viel wie Gwen für Vander – Loyalität verbindet die beiden. Er ist fair, muss aber auch harte Entscheidungen treffen, weil es seine Pflicht ist. Dinge, die man als Lebender nicht unbedingt von einem Gott erwartet.

Und ja … er hat Tattoos. Und ist ein Gott. :`D

Literatopia: Würdest Du uns die wichtigsten Nebencharaktere aus „Der Onyxpalast“ kurz vorstellen?

Cover Der Onyxpalast Wo die Seelen brennen in rot mit düsterem SchlossStefanie Lasthaus: Puh die wichtigsten? Beschränken wir uns auf Band 1, auch wenn mein absoluter Lieblingscharakter erst in Band 2 auftaucht:

- Vander: Gwens Bruder, dem sie ins Totenreich hinterherreist.

- Bran: Arans guter Freund und Hauptmann. Wenn jemand seinen Job genauso ernst nimmt wie Aran, dann er! Mit Gwen hat er keinen guten Start, da er sie verdächtigt, ihre eigene Agenda zu haben.

- Cissa: Vor langer Zeit hätte Aran Cissas Schwester aus politischen Gründen heiraten sollen. Die Verbindung kam nicht zustande, aber Cissa wohnt seitdem in Arans Palast. Sie ist eine Meisterin darin, gute Dinge zu genießen, und sagt sehr frei heraus, was sie denkt.

- Hades: Der griechische Totengott ist Arans bester Freund. Mit seinen lockeren Sprüchen bildet er den nötigen Gegenpol zu seiner Art.

Literatopia: Früher sind oft ein Jahr oder mehr zwischen einzelnen Bänden einer Trilogie vergangen, heute sind die Abstände oft deutlich kürzer. „Der Onyxpalast“ erscheint im Abstand von jeweils nur drei Monaten. Wie gefällt Dir persönlich dieser schnelle Veröffentlichungsrhythmus?

Stefanie Lasthaus: Als Leserin finde ich das großartig. Als Autorin war das vergangene Jahr mit drei Büchern für mich schon recht stressig, weil ich noch einen zweiten Job habe.

Literatopia: Du hast vor „Der Onyxpalast“ drei düstere Märchenadaptionen veröffentlicht: „Frau Holles Labyrinth“, „Schneewittchens dunkler Kuss“ und „Rapunzels finsterer Turm“ – diese scheinen, wenn man die Klappentexte liest, mit den jeweiligen Märchen recht wenig gemeinsam zu haben? Täuscht das?

Stefanie Lasthaus: Die drei sind düstere Märchenretellings – und ja, sie sind eher eigene Geschichten, in denen man aber die Kernelemente der Märchen wiederfindet. In „Frau Holles Labyrinth“ fällt die Protagonistin in einen Brunnen und verliert in der neuen Welt nach und nach ihre Erinnerungen. In „Schneewittchens dunkler Kuss“ muss sie einen Earl heiraten, während die bezaubernde Snow zur Schwiegertochter wird und in den umliegenden Ländereien seltsamer Nebel umgeht. „Rapunzels finsterer Turm“ spielt in der Gegenwart: Die Protagonistin flüchtet aufs Land, nachdem ihr bester Freund stirbt – doch etwas im angrenzenden Wald stimmt nicht …

Cover Der Onyxpalast Wo die Welten sterben in grün mit düsterem SchlossLiteratopia: Wie düster sind Deine Märchenadaptionen? Sind sie noch Fantasy oder schon Horror?

Stefanie Lasthaus: Ich würde meine Märchenadaptionen als düstere Fantasy einordnen. Der Fokus liegt auf Spannung, Atmosphäre und den inneren Konflikten der Figuren. Horror ist eher ein Stilmittel, das gelegentlich durchscheint, während die Geschichten in erster Linie geheimnisvoll, spannend und emotional dicht sind. Generell finde ich die Grenzen zwischen Genres oft fließend, so auch bei düsterer Fantasy und Horror. Wie stark der wahrgenommen wird, hängt ja oft vom Blickwinkel der LeserInnen und Verlage ab.

Literatopia: Vor Deinem Debüt hast Du bereits als Redakteurin und Lektorin gearbeitet. Hast Du damals schon eigene Romane verfasst und in der (virtuellen) Schublade verschwinden lassen? Oder hast Du tatsächlich eher spät mit dem Schreiben angefangen?

Stefanie Lasthaus: Ich gehöre nicht zu den AutorInnen, die schon als Kind geschrieben haben. FanFiction, ja, aber da war ich noch klein und kannte den Begriff nicht (aber ja, es gibt eine FanFiction zu „Alien 2“, in der die Marines meinen Schulbus anhalten, damit ich mit ihnen gegen die Aliens kämpfen kann). Irgendwann habe ich mich an Kurzgeschichten probiert, aber meinen ersten Roman habe ich spät verfasst, erst nach dem Studium.

Literatopia: Liest Deine innere Lektorin mit, während Du an einem Roman schreibst? Wie selbstkritisch bist Du als Autorin?

Stefanie Lasthaus: Zum Glück kann ich das trennen. Vor den Romanen habe ich Drehbücher geschrieben und konnte eine Weile keinen Film mehr sehen, ohne ihn zu analysieren – das habe ich mir dann schnell wieder abtrainiert.

Beim Schreiben erstelle ich zuerst eine Rohfassung völlig ohne Lektorinnen-Auge. Erst in der Überarbeitung kommt der Lektoratsblick dazu.

Literatopia: Plottest Deine Romane vor dem Schreiben von Anfang bis Ende durch oder gehörst Du eher zu jenen, die mit einer Idee einfach drauflosschreiben? Wie behältst Du den Überblick über Figuren und Schauplätze?

Stefanie Lasthaus: Ich plotte alles komplett durch, bevor ich anfange zu schreiben, und halte mich in der Rohfassung meist daran. Das hilft mir unter anderem, Deadlines im Blick zu behalten. Gleichzeitig mache ich Notizen, die während der ersten Überarbeitung Änderungen erlauben. Details wie Figuren und Schauplätze habe ich in gesonderten Dokumenten, meist aus absoluter Gewohnheit in Microsoft Word. Irgendwann probiere ich noch mal ein tolles Schreibtool aus!

Cover Rapunzels finsterer Traum in weiß mit schwarzem Turm und grünen ElementenLiteratopia: Was reizt Dich persönlich an der Phantastik? Und wie hast Du Deine Liebe zur Fantasy entdeckt?

Stefanie Lasthaus: Ich liebe an der Phantastik, dass sie mich in Welten springen lässt, die viel größer, vielschichtiger und ein bisschen bis sehr magisch sind. Die Bandbreite an Möglichkeiten ist durch Magie, andere Welten und Völker einfach enorm.

Vermutlich spielt es auch eine Rolle, dass meine ersten Bücher als Kind Märchen, Tiergeschichten, Fantasybücher waren – träumen, Regeln biegen und Geheimnisse entdecken war quasi Pflichtprogramm. ;-)

Literatopia: Unter den Pseudonymen Hannah Luis und Stephanie Linnhe veröffentlichst Du auch romantische Belletristik. Würdest Du sagen, diese schreibt sich leichter/schneller ohne phantastisches Worldbuilding?

Stefanie Lasthaus: Ich würde nicht sagen, dass sich Belletristik leichter schreibt. Auch bei meinen Hannah-Luis-Romanen steckt viel Recherche dahinter – nur dass es hier um schöne Orte, Familiengeheimnisse und Rezepte geht, die glaubwürdig sein müssen. In beiden Fällen braucht es Planung und Detailarbeit – bei der Fantasy ist es das Worldbuilding, bei der Belletristik die wunderschönen Settings. Einmal Fantasy-Feeling, einmal Urlaubs-Feeling!

Literatopia: Würdest Du uns zum Abschluss einen kleinen Ausblick auf zukünftige Veröffentlichungen geben? Was ist als nächstes geplant?

Stefanie Lasthaus: Der dritte und letzte Teil des Onyxpalasts („Wo die Welten sterben“) erscheint im April. Im Mai erscheint der nächste Hannah-Luis-Roman – es geht in die Normandie! Und höchstwahrscheinlich wird im Herbst/Winter-Programm noch ein Fantasy-Standalone erscheinen.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Stefanie Lasthaus: Ich danke dir und Literatopia für die immer tollen Einblicke in die Phantastik!


Autorinnenfoto: Copyright by Stefanie Lasthaus

https://www.stefanielasthaus.com/

Rezension zu "Das Frostmädchen" in PHANTAST #17 "Winter"


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.