The Spear Cuts Through Water (Simon Jimenez)

Random House (März 2023)
Taschenbuch
544 Seiten, 19,00 EUR
ISBN: 978-0-593-15661-2

Genre: Fantasy


Klappentext

The people suffer under the centuries-long rule of the Moon Throne. The royal family—the despotic emperor and his monstrous sons, the Three Terrors—hold the countryside in their choking grip. They bleed the land and oppress the citizens with the frightful powers they inherited from the god locked under their palace.

But that god cannot be contained forever.

With the aid of Jun, a guard broken by his guilt-stricken past, and Keema, an outcast fighting for his future, the god escapes from her royal captivity and flees from her own children, the triplet Terrors who would drag her back to her unholy prison. And so it is that she embarks with her young companions on a five-day pilgrimage in search of freedom—and a way to end the Moon Throne forever. The journey ahead will be more dangerous than any of them could have imagined.

Both a sweeping adventure story and an intimate exploration of identity, legacy, and belonging, The Spear Cuts Through Water is an ambitious and profound saga that will transport and transform you—and is like nothing you’ve ever read before.


Rezension

The Spear Cuts Through Water macht Lesenden den Einstieg nicht leicht – es gibt nicht weniger als drei Erzählebenen und der Umgang mit Erzählperspektive in der „innersten“ Geschichte ist ungewöhnlich. Hinzu kommt noch, dass am Anfang viele Figuren gleichzeitig eingeführt werden und es eine Weile dauert, bis man sich an die Erzählweise gewöhnt hat und sich die Kernhandlung herausschält. Es ist jedoch ein Buch, das die Geduld absolut belohnt.

Das Buch nimmt uns mit einer namenlosen Figur – für diese Rezension als „Träumer“ bezeichnet – in einen Traum vom „inverted theatre“, das er aus den Erzählungen seiner Großmutter kennt. Die Abschnitte in der Perspektive des Träumers sind in der zweiten Person geschrieben und beleuchten sowohl das magische Theater zwischen den Welten und Zeiten als auch dessen Hintergrundgeschichte. Er (wahrscheinlich „er“) ist das Kind einer Einwandererfamilie in einem Land im Krieg und der Lieblingsenkel seiner mittlerweile verstorbenen Großmutter, die ihm Geschichten aus dem „Old Country“ erzählte. Erinnerungen an ihre Geschichten, aber auch an sie selbst und andere Familienmitglieder finden in der Aufführung ein Echo. Das Leben des Träumers von Einsamkeit und Stagnation geprägt und der Autor lässt es mit geschickt eingesetzten Details lebendig und realistisch wirken. Wir bewegen uns in einer Sekundärwelt, aber die Erfahrungen und Probleme der Träumer-Figur wären auch in einem Belletristik-Roman nicht fehl am Platze. Er ist aber kein bloßer Zuschauer im Theater, sondern ist in Schlüsselmomenten ein Faktor dafür, wie die Geschichte ausgeht.

Im Theater wird auf der Bühne die Geschichte einer mythischen Auseinandersetzung aufgeführt: Wir werden in die magische, überlebensgroße Vergangenheit des „Old Country“ entführt. Das Land wird einer grausamen Herrscherdynastie regiert, die ihrer Verwandtschaft mit der Mondgöttin magische Fähigkeiten verdankt. Götter und Geister und sprechende Tiere beeinflussen den Plot und ein Netzwerk sprechender, telepathisch verbundener Schildkröten erhält Kommunikation und Überwachung im Reich aufrecht. Die Mondgöttin entzieht sich der Kontrolle ihrer zu Tyrannen gewordenen Kinder. Zwei Krieger – Jun, ein übergelaufenes Familienmitglied und einer der gefürchteten Vollstrecker des Kaisers, und der einarmige Keema, ein Außenseiter ohne jeden gesellschaftlichen Status – eskortieren die geschwächte Göttin auf der gefährlichen Reise zu den Rebellen, denen sie ihre Kräfte leihen will. Dabei bekommen sie es mit den drei „Terrors“ zu tun, den Söhnen des Kaisers, die jeweils ihre Signatur-Magie haben und unter anderem dank ihrer vergifteten Familiendynamik eine Gefahr für alle um sie herum sind. Diese Geschichte wird – abgesehen von einem Ausflug in die erste Person – in der dritten Person erzählt.

Wir folgen vor allem Jun und Keema, aber es gibt auch ausführliche Passagen aus der Perspektive anderer Figuren, wenn diese einen wichtigen Blickwinkel auf die Geschichte beizutragen haben. Dabei handelt es sich nicht immer um Sympathieträger*innen – wir erhalten Einblicke in die Köpfe von Figuren, die durch ihre persönliche Mischung aus Grausamkeit, Gleichgültigkeit oder Naivität Beiträge zum häufig verstörenden Status Quo des Settings geleistet haben. Es ist eine Geschichte über Herrscher und (unwahrscheinlichen) Helden, aber eben nicht nur – kleine, kursive Zeilen führen uns für kurze Momente in die Köpfe von namenlosen Nebenfiguren. So erhaschen wir Einblicke darin, was die z.B. die namenlosen Opfer der Exzesse der Kaiserfamilie erlebten, oder was die beiden Männer dachten, die für ein Bild, das einer der Protagonisten betrachtet, Modell gestanden haben.

Die Handlung schlägt überraschende, aber in vielen Fällen vorausgedeutete Haken. Es gibt viel Action und wir lernen eine Reihe von Figuren gut kennen. Jun und Keema wachsen über sich hinaus und kommen einander näher. Eine der großen Fragen des Buches wird schließlich, ob Juns Schuldgefühle ihn für immer daran hindern werden, sich Liebe würdig zu fühlen. Gerade diese beiden Figuren sind mit viel Wärme geschrieben.

„The Spear Cuts Through Water” hat seine Momente der Eukatastrophe, aber scheut auch nicht vor Tragik zurück. Es ist eine farbenprächtige, aber auch zutiefst brutale Welt, in die der Roman die Lesenden entführt, und glückliche Enden für liebgewonnene Figuren sind keineswegs garantiert. Die Ereignisse wirken gleichzeitig stilisiert und überlebensgroß und schmiegen sich an etablierte Archetypen, aber sind auch realistisch darin, wie die Figuren denken und wie sich die Konsequenzen von Ereignissen entfalten. Figuren spielen teilweise sehr archetypische Rollen, aber sind dabei durchaus vielschichtig und der Roman reflektiert auch die Rolle von systemischen Faktoren und Zufall in Geschichte. Die Rahmenhandlung im Theater ist kein bloßes Beiwerk, sondern passt gut zum Ton der Geschichte und bringt einige weitere Themen ein.

Der Roman hat seine immer wiederkehrenden Motive – Weben und Tanzen spielen sowohl in der Handlung als auch als Metapher eine große Rolle – und handhabt Nähe und Distanz zu den Figuren, Sinnlichkeit und Schrecken gleichermaßen gekonnt. Gelegentliche Ausflüge in recht zeitgenössische Umgangssprache in der Handlung um Jun und Keema irritieren, aber ergeben angesichts der Vermischung der Erzählebenen und Zeiten in der Handlung auch wieder Sinn.

„The Spear Cuts Through Water“ ist eine Menge Dinge gleichzeitig: Eine mythische, stilisierte, aber stellenweise auch sehr intime Geschichte. Eine Reflexion über Geschichte und Geschichtenerzählen, Identität und Familie. Eine abenteuerliche Fantasy-Quest und eine queere Liebesgeschichte. Ein Roman, der mit Erzählperspektive und Erzählebenen spielt. Es ist auf jeden Fall ein Buch, auf das man sich einlassen muss, das aber Geduld und Vertrauen belohnt. Ich würde das Buch nicht für Lesende empfehlen, die noch unsicher beim auf Englisch lesen sind (bisher ist der Roman nicht auf Deutsch erschienen), und es ist auch eher ein Buch für erfahrene Fantasy-Lesende. Letzteren liefert der Roman eine Mischung aus wirklich Neuem und einer mit überraschenden Wendungen und einer ganz eigenen Ästhetik erzählten „Underdogs gegen den/die dunklen Herrscher“-Geschichte.


 Fazit

Simon Jimenez hat mit „The Spear Cuts Through Water” einen Fantasy-Roman geschrieben, dessen stilistische Experimente und Düsternis wahrscheinlich nicht für alle Lesenden funktionieren. Wer sich auf das Buch einlässt, wird aber mit einer emotionalen und originellen Geschichte belohnt. Der Roman schickt einen klassischen Fantasy-Plot durch ein stilistisches und thematisches Kaleidoskop und ist eine große Empfehlung gerade für genre-erfahrene Lesende.


Pro und Contra

+ originelles Worldbuilding
+ innovative Nutzung von Erzählebenen und Erzählperspektiven
+ viele bewegende Momente
+ spannend und bildgewaltig
+ gezielter Umgang mit Themen
+ bewegt sich mühelos zwischen überlebensgroßem Abenteuer und sehr menschlichen Momenten

o eher ein Buch für „fortgeschrittene“ Leser*innen des Genres
o drastisch geschilderte Gewalt in der „inneren“ Handlung, sehr melancholische Rahmenhandlung
o auch eher nichts für Fans von Fantasy mit sehr konsistentem, realistischem Worldbuilding

-etwas mühsamer Einstieg
-einige vielschichtige, aber auch einige sehr einseitige Antagonisten

Wertung: 

Handlung: 4,5/5
Figuren: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis-Leistung: 3,5/5