
Verlag: Splitter; (November 2024)
Gebundene Ausgabe: 96 Seiten; 19,80 €
ISBN-13: 978-3-98721-460-8
Genre: Drama/ Fantasy
Klappentext
In jeder Stadt gibt es magische Orte, an denen die Mauern zwischen dem, was ist, dem was nicht ist, und dem, was sein könnte, nur dünn sind. Einer dieser Orte ist Kensington Gardens in London. Bei Tag besuchen ihn Spaziergänger, doch bei Nacht wird er zum Reich der Feen und der Magie – und von Peter Pan, dem Jungen, der nicht erwachsen werden will. In einer solchen Nacht wird die kleine Maimie Mannering im Park eingeschlossen. Nur Peter Pan, der mit den Feen sprechen und im Flug den Park verlassen kann, könnte Maimie retten. Doch Peter will seine neue Spielgefährtin eigentlich nicht hergeben …
Rezension
Die kleine Maimie Mannering verläuft sich in Kensington Gardens und wird abends im Park eingeschlossen. Dort begegnet sie Feen. Diese sind allerdings nicht so lieb und nett, wie alle glauben, sondern recht gefräßig. Aber bevor etwas passieren kann, taucht ein Junge namens Peter Pan auf und hilft ihr. Gemeinsam suchen sie nach einem Weg für Maimie den Park zu verlassen. Doch Peter versucht sie immer wieder davon zu überzeugen, mit ihm im Park zu bleiben oder noch besser mit nach Nimmerland zu kommen. Und dann sind da noch die unheimlichen Gestalten, die Peter Pan und Maimie immer wieder treffen und die Maimie zu jagen scheinen.
So gut wie jeder kennt den Namen Peter Pan und hat sofort ein Bild von ihm vor Augen, das hauptsächlich von den Verfilmungen des Stoffes geprägt ist. Dort ist Peter eigentlich immer ein wilder Junge, der gegen den bösen Kapitän Hook kämpft und für seine Verlorenen Jungs da ist. Diese Version Peter Pans basiert dann auf dem Theaterstück und späteren Roman aus der Feder von James Matthew Barrie. Dies ist allerdings nicht der erste Auftritt und die einzige Sichtweise auf Peter Pan, die von J.M. Barrie stammt. Bevor er das Theaterstück schrieb, tauchte Peter Pan bereits woanders schon einmal auf. In dem Roman The Little White Bird hatte Peter Pan in 6 Kapiteln, die später als Peter Pan in Kensington Gardens veröffentlicht wurden, bereits eine Rolle zu spielen. Dabei fungieren diese sechs Kapitel als eine Vorgeschichte Peters und diese zeigt noch ein etwas anderes Bild von ihm, als es nun das Gewohnte ist.
Um nicht zu sagen ein gänzlich anderes. Denn dieser Peter Pan ist deutlich düsterer und er besitzt noch andere Eigenschaften. Unter anderem reist er in einem Vogelnest und ist für die kleine Maimie schon fast als Antagonist zu bezeichnen, denn er versucht nicht, sie nach Hause zu bringen, sondern sie davon zu überzeugen, bei ihm zu bleiben und dies tatsächlich mit allen Mitteln, Er verhindert sogar aktiv, dass sie denen begegnet, die sie suchen. Abgeschwächt wird der Eindruck nur dadurch, dass Peter jene auf eine verdrehte Weise als Gefahr wahrnimmt. Dennoch ist er hier nicht der perfekte, freundliche Held, den man sonst kennt. Vielmehr dürfte Peter Pan in Kensington Gardens eine der Inspirationsquellen für Broms Der Kinderdieb gewesen sein.
José-Luis Munuera hat sich nun dieser Geschichte angenommen und sie für das Medium Comic adaptiert und das scheint laut Vorwort kein einfaches Unterfangen gewesen zu sein. Denn die sechs Kapitel von Peter Pan in Kensington Gardens sind wohl schwer zu fassen und nicht wirklich eine kohärente Geschichte. Eine durchgehende Handlung daraus zu destillieren dürfte nicht leicht gewesen sein. Doch der Zeichner und Autor von unter anderem Das Zeichen des Mondes, Rostige Herzen, Die Campbells und Spirou und Fantasio nimmt diese Hürde mit Leichtigkeit. Er zeigt einen düsteren Peter Pan, der Maimie zwar oberflächlich hilft, aber in dem mehr als eine dunkle Seite steckt. Sichtbar wird diese, als Peter Maimie zwar einerseits dabei begleitet einen Weg aus dem Park zu finden und vieles tut, um sie glücklich zu machen, und gleichzeitig aber versucht sie davon zu überzeugen, mit nach Nimmerland zu kommen und ihre Wünsche ignoriert. Trotzdem zeichnet ihn eine gewisse kindliche Naivität aus. Am Ende wird Peter Pan dann zu einer äußerst tragischen Figur, mit der man nur Mitleid haben kann und das Ende macht dann auch vieles von dem, das Peter tut, verständlicher.
Aber Munuera konzentriert sich nicht allein auf Peter Pan und Maimie, er erschafft eine phantastische Welt mit Feen, sprechenden Bäumen und Raben. Nicht alle von diesen sind nett und freundlich. Die Feen sind sogar recht gefräßig und nur Peter kann Maimie vor einem schlimmen Schicksal bewahren. Doch kommt durch sie auch einiges an Humor in die Geschichte, jedoch eher der schwarzhumorigen Art. Die Feenkönigin, die ein Spiegelbild Königin Victorias ist, und ihre Besucher sind hierfür ein gutes Beispiel. Insgesamt erschafft Munuera mit den einzelnen Elemente eine phantastische, recht ernste Geschichte, die sich nicht an Kinder richtet, sondern an Erwachsene und eine geradezu poetische Fabel darstellt, die dem Leser einiges zu bieten hat und einen gewissen Interpretationsspielraum besitzt.
Dieser Eindruck wird durch die wunderbaren Zeichnungen von José-Luis Munuera nur weiter unterstützt. Eigentlich müssen nicht viele Worte über seine Bilder verloren werden. Wer einmal einen anderen Comic von Munuera in der Hand gehalten hat, dürfte auf den ersten Blick seinen Stil wiedererkennen. Diesen hat er bei Peter Pan in Kensington Gardens noch weiter perfektioniert. Der Comic besitzt eine unglaubliche Detailfreude und Ausdrucksstärke. Munuera baut die Atmosphäre durch seine Zeichnungen gelungen auf. Er spielt mit Licht und Schatten, verwendet ganz- und doppelseitige Bilder, um Szenen zu betonen und gestaltet den gesamten Comic äußerst phantasievoll. Ein sehr schönes Beispiel sind hierfür die furchteinflößenden, sprechenden Bäume.
Zusätzlich ist in Peter Pan in Kensington Gardens ein sehr informatives Vorwort zu J. M. Barries Vorlage enthalten, in dem Richard Comballot auf die Herausforderungen, sie in einem Comic umzusetzen, eingeht und am Ende des Bandes erhält der Leser einen Einblick in die Memoiren von Captain James Hook. Beides ist eine sehr gute Ergänzung zu diesem Comic.
Fazit
Peter Pan in Kensington Gardens ist eine poetische Comicumsetzung des ersten Auftritts Peter Pans. José-Luis Munuera hat aus J.M. Barries Geschichte mit phantastischen und phantasievollen Zeichnungen einen wunderbaren Comic für ältere Leser geschaffen.
Pro & Contra
+ wunderbare Zeichnungen
+ phantasievoll
+ zeitlos
+ José-Luis Munuera birgt einen vergessenen Schatz
Bewertung: ![]()
Handlung: 5/5
Charaktere: 4,5/5
Zeichnungen: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5
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