Interview mit Oliver Plaschka
Literatopia: Hallo, Oliver! Im März erscheint Dein neuer Roman „Die Geister von La Spezia“, der auf wahren Begebenheiten beruht: 1822 starb Percy Shelley, der Ehemann der berühmten Schauerroman-Autorin Mary Shelley, in der Bucht von La Spezia bei einem Bootsunfall. Doch war es wirklich ein Unfall? Percy Shelley glaubte, von einem Fluch eingeholt zu werden – inwiefern?
Oliver Plaschka: Shelley glaubte oft, dass man ihn verfolgte oder ihm nach dem Leben trachtete. Manchmal sahen er oder Menschen aus seinem Umfeld auch Personen oder Erscheinungen, die zu diesem Zeitpunkt gar nicht am jeweiligen Ort gewesen sein konnten. Aus diesen unerklärlichen Geschehnissen und mehr habe ich eine Geschichte gebaut.
Literatopia: Könnte man „Die Geister von La Spezia“ als klassischen Schauerroman bezeichnen? Welche Schrecken erwarten die Leser*innen?
Oliver Plaschka: Es gibt Kapitel, die sehr Gothic sind, und das auch sein mussten, weil Mary in ihrem Leben einige außergewöhnliche und außergewöhnlich schlimme Erfahrungen machte. Das Buch ist aber kein klassischer Schauerroman, wenn du damit so was wie "Dracula" oder "Frankenstein" meinst. Wenn du ein Label möchtest, würde ich es als schwarze Kriminalkomödie mit phantastischen Elementen bezeichnen.
Literatopia: Ermittlerin Pat wird im Klappentext als „exzentrisch“ beschrieben – trifft das zu? Worin liegen ihre Stärken und Schwächen? Und wie kommt sie dazu, im Todesfall Percy Shelley zu ermitteln?
Oliver Plaschka: Pat bekommt den Auftrag aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten. Sie erzählt zwar, dass sie für Shelleys Familie arbeitet, aber wir erfahren schon in der Leseprobe, dass da mehr dahinter steckt. Nach außen hin wirkt sie zerstreut, manchmal respektlos. Tatsächlich ist sie eine sehr einfühlsame Person, die ebenfalls jemanden verloren hat, der ihr nahe stand. Sie wurde für mich zu einer der interessantesten Figuren, die ich je schrieb, weil ich ihr den Freiraum ließ, mich zu überraschen.
Literatopia: Pat hofft, mit einem neuartigen Verfahren, der Mnemoskopie, Antworten zu erhalten. Worum genau handelt es sich dabei?
Oliver Plaschka: Das erklärt sie auf den ersten Seiten des Buches: Sie ist in der Lage, in die Erinnerung anderer Menschen zu reisen.
Literatopia: Also handelt es sich bei der Mnemoskopie weniger um ein wissenschaftliches / technisches Verfahren, sondern um so etwas wie Magie?
Oliver Plaschka: Genau umgekehrt. Die genaue Funktionsweise ist aber nicht relevant für die Geschichte und wird deshalb auch weiter nicht ausgeführt. Wir hatten tatsächlich eine Version des Klappentextes, in der von technischen Mitteln die Rede war, und eine, in der magische Mittel genannt wurden. Ich glaube, beide sind mittlerweile ins Internet entkommen und lassen sich nicht mehr einfangen.
Literatopia: Mary Shelley ist nicht gerade begeistert davon, als Pat ihr verkündet, den Tod ihres Mannes untersuchen zu wollen. Entsteht dennoch eine gute Zusammenarbeit? Und wie nah ist Deine Mary Shelley ihrem historischen Vorbild?
Oliver Plaschka: Ich will nicht zu viel vorwegnehmen. Mary war ein komplizierter Mensch mit vielen Facetten, ein heller Geist, der viele Traumata erleiden musste. Ich habe verschiedene Biographien gelesen und versucht, der historischen Figur so gut ich konnte gerecht zu werden.
Literatopia: Welche weiteren historischen und fiktiven Figuren spielen im Roman eine wichtige Rolle?
Oliver Plaschka: Fast alle Hauptfiguren außer Pat haben ein historisches Vorbild: Lord Byron natürlich, seine Geliebte, und der weite Kreis von Literaten, Adligen und Offizieren, mit denen er sich in Pisa 1822 umgab. Man aß und trank, man schrieb, man spielte Theater, schoss mit Pistolen und ging segeln.
Literatopia: Wie bist Du dazu gekommen, Dich literarisch mit diesem schrecklichen Ereignis in Mary Shelleys Leben auseinanderzusetzen?
Oliver Plaschka: Ich stieß auf diesen Teil ihrer Biographie während der Vorbereitung für ein Seminar. Mary hat mit "Frankenstein" nicht nur der modernen Science-Fiction den Weg gewiesen, sie gilt dank "The Last Man", in dem sie ihre Traumata verarbeitete, auch als Begründerin der postapocalyptic fiction.
Literatopia: Warst Du zu Recherchezwecken in La Spezia? Oder hast Du Dich anders mit dem Ort vertraut gemacht?
Oliver Plaschka: Ich war tatsächlich schon an einigen Schauplätzen des Romans. Die Häuser, in denen Byron und die Shelleys lebten, sind aber auch sehr gut recherchiert, es gibt Blogs und offizielle Seiten der Kulturämter. Man scheint in Italien relativ stolz auf die illustren Gäste von damals zu sein. Und dann gibt es noch Google Street View.
Literatopia: Du lehrst an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wie man Fantasy und Science Fiction übersetzt. Was sind Besonderheiten, auf die man beim Übersetzen von Phantastik achten muss?
Oliver Plaschka: Grundsätzlich gelten natürlich dieselben Ratschläge und Regeln wie anderswo, aber man hat schon mit einer besonderen Mischung aus Archaismen und Neologismen zu tun. Ursula K. Le Guin wies darauf hin, wie wichtig der Ton eines Fantasyromans für die Glaubwürdigkeit der erschaffenen Welt ist.
Literatopia: Wie findest Du den richtigen Ton für Deine Fantasy-Geschichten? Welche Details sind entscheidend?
Oliver Plaschka: Das sind immer Einzelfallentscheidungen. Es geht um so Sachen wie dass ein König oder eine andere erhabene Figur nicht redet wie ein x-beliebiger Politiker. Dass ritterliche Helden nicht handeln wie eine Rollenspielgruppe – es sei denn natürlich, man will genau das, beispielsweise aus humoristischen Gründen.
Literatopia: Du hast bisher vor allem Fantasy und Historik, gerne auch kombiniert, veröffentlicht. Daneben warst Du aber auch noch Autor bei „Perry Rhodan Neo“ – wie kam es dazu?
Oliver Plaschka: Das Team hatte mich 2011 nach einer gemeinsamen Veranstaltung im Mannheimer Rosengarten angesprochen, und ich habe die nächsten zehn Jahre immer wieder Romane beigesteuert, wenn mein Zeitplan es zuließ. Die Arbeit im Team hat immer großen Spaß gemacht.
Literatopia: Könntest Du Dir vorstellen, außerhalb von „Perry Rhodan“ Science Fiction zu schreiben? Immerhin hast Du schon mehrere SF-Romane übersetzt.
Oliver Plaschka: Selbstverständlich, ich habe auch schon eine Idee, die ich eines Tages gern umsetzen würde. Davon abgesehen gibt es auch SF-Elemente in meinen bisherigen Romanen, beispielsweise im "Kristallpalast", im "Wächter der Winde" oder auch den "Geistern von La Spezia".
Literatopia: Wenn Du Fantasy und Science Fiction vergleichst – worin liegen jeweils die Vorzüge der beiden Genres?
Oliver Plaschka: Ich treffe da keine Abwägung aufgrund konkreter Vorzüge. Eher ist es ebenfalls eine Frage der Stimmung und inneren Stimmigkeit. Das Besondere an SF ist vielleicht, dass die Dinge, die beim Lesen einen Schauer auslösen, prinzipiell echt sein können.
Literatopia: In unserem letzten Interview meintest Du: „Der Kontakt zum Leser ist doch einer der wichtigsten Gründe, überhaupt zu schreiben.“ – Inwiefern hat sich dieser Kontakt durch Social Media verändert? Auf welchen Plattformen kann man sich mit Dir austauschen?
Oliver Plaschka: Ich bin zur Zeit vor allem auf Bluesky anzutreffen. Größere Neuigkeiten teile ich auch auf Instagram, das mir aber weniger sympathisch ist. Nach vielen Jahren Pause genieße ich auch wieder den persönlichen Kontakt auf Lesungen und Conventions. Social Media nimmt manchmal einen zu großen Teil unseres Lebens ein.
Literatopia: In der deutschsprachigen Phantastikszene gab es einiges an Diskussionen und Veränderungen in den letzten Jahren. Wie hast Du das erlebt?
Oliver Plaschka: Es gab wirtschaftliche und politische Veränderungen. Anfang des Jahrtausends war Print-on-Demand noch etwas sehr Ungewohntes. Im Vergleich dazu ist es heute unfassbar leicht, schöne Bücher zu veröffentlichen, und Selfpublishing ist eine eigene Welt.
Gleichzeitig dominiert eine neue Generation von Autor:innen die Szene, und die Autorität der letzten und vorletzten Generation wird nicht mehr fraglos akzeptiert, was prinzipiell gut ist. Es gibt eine viel größere Sensibilität gegenüber diskriminierenden Strömungen in Texten und Fandom.
Literatopia: Wäre Selfpublishing auch für Dich eine Möglichkeit? Oder fühlst Du Dich rundum wohl als Verlagsautor?
Oliver Plaschka: Wie gesagt, Selfpublishing ist eine eigene Welt, und ich verstehe sehr wenig davon. Gut möglich, dass ich mich in absehbarer Zeit dort einarbeiten muss, wenn ich für ein Herzensprojekt keinen interessierten Verlag finde. Aber mir ist klar, dass ich damit nicht dieselbe Leserschaft erreichen werde wie als Verlagsautor, und Eigenwerbung ist auch nicht meine Stärke.
Literatopia: Zwischen Deinen Romanen liegen meist mehrere Jahre. Gibt es trotzdem schon etwas Neues, an dem Du arbeitest – und von dem Du uns erzählen würdest?
Oliver Plaschka: Aktuell arbeite ich an einem historischen Roman, der mich noch eine Weile begleiten wird. Danach würde ich sehr gerne in die Fantasy zurück – der Stoff liegt schon bei meiner Agentur.
Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!
Oliver Plaschka: Danke Dir!
Autorenfoto: CC BY-NC-ND 4.0
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Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.
