
Anthea Verlag (Februar 2025)
Hardcover, 320 Seiten, 25,00 EUR
ISBN 978-3-89998-456-9
Genre: Coming-of-Age / Autofiktion
Klappentext
Ein Anruf in der Nacht – und die Vergangenheit kehrt zurück. Ein nächtliches Gespräch mit der Mutter führt Marek wieder in seine Jugend. Zurück in eine Familie mit dysfunktionalen Mustern und in ein Umfeld, das Andersartigkeit bestraft. Als queerer Junge in einer konservativen Industriestadt ist Mobbing Mareks ständiger Begleiter. Und die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche von 1989 belasten nicht nur ihn, sondern die ganze Familie – in Form von Armut, Alkoholismus und Gewalt.
Melancholisch, fragil, vor allem aber hoffnungsvoll beschreibt Torčik die Identitätssuche eines jungen Mannes mit dem Mut, zu sich selbst zu stehen.
Rezension
"Immer und immer wieder stolperst du über eine Sprache, in der es nicht darauf ankommt, wer ein Mensch wirklich ist - jedes Mal landet er abgeschoben am Rand, an einer vorherbestimmten Stelle, er gehört nämlich nirgendwohin sonst." (Seite 164)
Als Mareks Mutter mitten in der Nacht anruft, um ihm zu sagen, dass sein Opa gestorben ist, erfasst ihn eine Flut der Erinnerungen. An seine Kindheit und Jugend. An die Armut und die Enge der Wohnung, die er und seine Mutter sich mit der Oma teilten. An den Opa, der allein lebte: ein übellauniger, brutaler Mann, der durchdrehte, wenn der Fernseher nicht funktionierte und sich selbst nicht zu helfen wusste. An die Schule und das Mobbing, das er zu lange schweigend mitangesehen hat, weil es ihn zuvor selbst getroffen hatte. An Marián, der gemobbt wurde und es mit unfassbarer Ruhe ertrug, der anders war und der sein Freund wurde, mit dem er Bücher und Manga teilte - und mehr. Auch Marek wusste früh, dass er anders ist und dass er sich mehr für Jungs interessiert, doch er hat es lange verdrängt, da in seinem Umfeld und auch in der Familie "schwul" ein Schimpfwort war und der reine Verdacht ausreichte, um Gewalt zu erfahren. Es war ein langer, schmerzhafter Weg zur Selbstakzeptanz ...
"Was die Zeit nicht nimmt" liest sich wie ein steter Strom an Bildern, bei denen sich Gegenwart und verschiedene Ebenen der Vergangenheit mit Erinnerungen der Mutter vermischen. Der Roman nutzt die zweite Person als Erzähler, das "Du" liest sich kurz ungewohnt, doch bald schon passt es perfekt zur Erzählung. Es liegt nahe, dass der Erzähler Marek ist, der zu seinem jüngeren Ich spricht und der hier seine ganz persönliche Geschichte erzählt. Darin spiegeln sich die Erlebnisse queerer Jugendlicher in Tschechien, die gesellschaftlichen Konflikte des Umbruchs nach dem Zerfall der Sowjetunion, die Armut und die Gewalt, die zuvor schon da waren und an die nächste Generation weitergegeben wurden. Marek musste sich stets anpassen, bemühte sich, nicht aufzufallen, verleugnete sich und erfuhr kaum Unterstützung, das zu ändern. Seine Mutter war alleinerziehend, arbeitete unter schlechten Bedingungen in einer Fabrik und bezahlte lange an den Schulden ihres Ex-Mannes, die ihr brutale Übergriffe durch dessen Gläubiger einbrachten. Die Oma immerhin hatte den Mut, den Opa zu verlassen, doch danach blieb alles an der Mutter hängen, deren Beziehung zu ihrem Vater konfliktreich war, aber für den sie sich verantwortlich fühlte.
"Inzwischen weißt du, dass genauso einfach, wie ein Wort zur Waffe werden kann, Gewalt Sprache ersetzen kann. Eine Faust ist oft einfach bloß ein jedem verständlicher Satz." (Seite 13)
Marek wuchs in einer tristen Umgebung auf, inmitten von Plattenbauten mit winzigen Wohnungen, hatte wenig Privatsphäre, wurde von der Mutter gedrängt, möglichst wenig aufzufallen, "normal" zu sein. Der Opa drängte ihn, "männlich" zu sein, zog über Schwule und andere Minderheiten her, gab sich zu oft dem Alkohol hin. Die Oma hielt sich meistens raus, schlief oft in einer Gartenlaube, weil es ihr in der Wohnung zu eng wurde. Und in der Schule wurde Marek übel verprügelt und gemobbt - bis seine Mitschüler ein neues Opfer fanden und Marek aus Angst lange zuschaute, wie sie Marián fertigmachten. Die Beschreibungen des Mobbings sind schwer zu ertragen, die Kinder und Jugendlichen sind grazsam und die Opfer werden von den Erwachsenen im Stich gelassen. Der Autor fängt dazu die innerfamiliären Konflikte in verschiedensten Erinnerungen ein. Mareks Leben erscheint wie eine Aneinanderreihung aus Stürzen, zu viele Menschen sagen ihm, dass mit ihm etwas nicht stimmt, dass er falsch ist. Dabei ist mit ihm alles richtig, was er erst spät erkennt und erst nach erneuter heftiger Gewalt.
Der Erzähler weiß vieles über die Mutter, das Marek (noch) nicht wissen kann. Sie arbeitet hart, um sich und ihren Sohn durchzubringen, dazu opfert sie sich für ihren Vater auf, der sie oft schlecht behandelt. "Was die Zeit nicht nimmt" steckt voll traumatischer Erlebnisse, die die Figuren und ihren Umgang mit anderen prägen. Mareks Mutter ist oft ungerecht, sie schaut weg, wenn sie hinschauen soll. Doch sie ist auch zu müde, um hinzuschauen, zu erschöpft von ihren eigenen schlimmen Erlebnissen, ihrem harten Alltag. Und auch sie ist geprägt von Vorurteilen. Der Opa hat ebenfalls seine Last zu tragen, ist selbst ein Opfer des Pariarchats, das der Mutter das Leben zur Hölle macht. Die meisten Männer in diesem Roman sind gewalttätig und übergriffig - und sie sind Produkte einer Gesellschaft, die diese Gewalt normalisiert. Marek Torčík gelingt es, zu zeigen, woher diese Gewalt kommt, welche Ursachen ihr zu Grunde liegen - ohne zu verurteilen oder zu rechtfertigen. Letztlich erscheint Mareks Geschichte schlicht tragisch, aber auch hoffnungsvoll, denn trotz der Gewalt, die ihm widerfährt, findet er zu sich selbst.
Die fragmentarische Erzählweise macht es den Leser*innen insbesondere in der zweiten Hälfte schwer, Vergangenheit von Gegenwart zu unterscheiden. Der Autor springt zwischen naher und ferner Vergangenheit hin und her, zwischen Marek und seiner Mutter. Zum Ende hin wirft er immer frühere Erinnerungen in seine Erzählung. Dabei kommt die Freundschaft mit Marián zu kurz, mit dem Marek immerhin seine ersten sexuellen Erfahrungen macht. Hier und da blitzt auf, wie nah sich die beiden sind, wie viel sie verbindet, inklusive den Schuldgefühle, die Marek hat, weil er beim Mobbing zugeschaut hat. Doch die familiären Konflikte überlagern diese besondere Freundschaft, die Marek Halt geboten hat. Der Erzähler konzentriert sich mehr auf die Dinge, die ihn zu Fall gebracht haben - und auf das Aufstehen und Weitermachen.
"Im Prinzip hattest du aber das Gefühl, dass du auf einmal alles kannst. Dass es nichts mehr gibt, wofür du dich schämen musst - nichts von dem, was du bist, ist eine Beleidigung und es ist auch nie eine gewesen." (Seite 278)
Fazit
"Was die Zeit nicht nimmt" ist ein Strom aus Erinnerungen, der in bestimmten Momenten, wie hier dem Tod eines Angehörigen, über Menschen hereinbricht. Marek Torčíks Erzählweise ist fragmentiert, so wie die Erinnerungen fragmentiert sind. Manche stechen heraus, insbesondere Momente der Gewalt und der Nähe, der Ablehnung und der Freundschaft. In Mareks Leben spiegeln sich die Leben queerer Jugendlicher, die in einer queerfeindlichen Umgebung aufgewachsen sind, und manche Szenen sind nur schwer zu ertragen. Ein komplexes Werk der Selbstreflektion, bei dem leider all das, was Marek Halt bot, weniger gesehen wird als das, was ihn niederdrückte.
Pro & Contra
+ Bilderflut aus prägenden Erinnerungen aus Kindheit und Jugend
+ Marek erkennt letztlich, dass mit ihm alles in Ordnung ist
+ schildert schonungslos den Zusammenhang und die Auswirkungen von Armut und Gewalt
+ gibt Einblick in das Leben queerer Jugendlicher im Tschechien nach der Wende
+ Porträt einer Gesellschaft, in der Gewalt über Generationen weitergegeben wird
+ widmet sich zugleich dem Schicksal von Frauen im Patriarchat
- die Freundschaft zu Marián kommt zu kurz
- zwischenzeitlich fällt es schwer, die verschiedenen Vergangenheiten auseinander zu halten
Wertung: ![]()
Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5
