Das Phantom der Oper (Gaston Leroux, Paul & Gaetan Brizzi)

Phantom der Oper

Verlag: Splitter; (Dezember 2025)
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten; 35 €
ISBN-13: 978-3-68950-096-2

Genre: Literaturadaption


Klappentext

Das Phantom der Oper hat existiert. Ja, es hat leibhaftig existiert, obwohl es ganz und gar den Anschein eines echten Gespenstes erweckte, will sagen, einer Schattengestalt. Die Wahrheit drang nur langsam in meinen Verstand ein, der von einer Untersuchung verwirrt war, die allenthalben auf Ereignisse stieß, welche auf den ersten Blick als übernatürlich gelten konnten.
Doch schließlich fand ich den Beweis, dass meine Ahnungen mich nicht getäuscht hatten, und ich wurde an dem Tag für all meine Mühen belohnt, als ich die Gewissheit erlangte, dass das Phantom der Oper mehr als nur ein Schatten gewesen war.
Gaston Leroux

Das berühmteste Werk des Meisters des Fortsetzungsromans, Gaston Leroux, stammt aus dem Jahr 1910 und hat nichts von seiner Originalität oder seiner geheimnisvollen Atmosphäre eingebüßt.
Und in dieser Comic-Adaption bleibt sein Charme dank der virtuosen Bleistiftzeichnungen von Paul und Gaetan Brizzi voll und ganz erhalten.


Rezension

Im Jahr 1890 übernehmen zwei neue Direktoren die Opéra Glacier. Die Herren Richard und Moncharmin sind davon überzeugt, die Opéra Glacier zu großen Erfolgen führen zu können. Schließlich haben sie die große Carlotta als Sopranistin. Doch diese wird krank und die neuen Direktoren stehen direkt vor einem Problem. Die Lösung finden sie mit Christine Daaé, die bisher nur im Chor und als Tänzerin vertreten war und nun Carlotta ersetzt. Ihr Auftritt gerät zu einem Triumph und sämtliche Vorstellungen mit ihr sind ausverkauft.
Alles läuft also eigentlich gut für die Direktoren, doch es gibt da nicht nur ein Problem. Die zurückkehrende und ihren Platz einfordernde Carlotta ist da noch das Kleinste. Denn seit längerem wird die Opéra Glacier von einem Phantom heimgesucht, dass die Loge 5 für sich beansprucht und eine Bezahlung von 20000 Franc monatlich verlangt. Im Prinzip eine lächerliche Forderung, doch eine Weigerung hat ernsthafte Konsequenzen, wie den Tod eines Mitarbeiters oder einen herabstürzenden Kronleuchter und andere „Unfälle“. Zu allem Überfluss scheint das Phantom irgendwie mit Christine Daaé in Verbindung zu stehen, denn es verlangt, dass Carlotta durch sie ersetzt wird. Da aber auch der Vicomte Raoul de Chagny an Christine interessiert ist, entwickelt sich eine tragische Geschichte, die mit Christines Entführung nur einen vorläufigen Höhepunkt besitzt.

Mittlerweile kann getrost gesagt werden, dass die Brüder Brizzi eine sichere Bank sind, wenn es um Umsetzungen von Romanen auf die Seiten eines Comics sind. Nach Don Quijote, Edgar Allan Poe oder Balzac und Dantes Inferno, haben sie sich den nächsten einflussreichen Literaturklassiker geschnappt, um ihn mit ihren wunderbaren Bleistiftzeichnungen aufs Papier zu bannen. Dies war bisher immer überaus gelungen. Sie fassten zusammen, verkürzten manchmal, zumindest bei längeren Erzählungen, und es gelang ihnen so immer die Essenz der Vorlage zu bewahren.
Das gelingt ihnen dieses Mal auch wieder. Die Atmosphäre des Comics ist genau die richtige Mischung aus Horror, Grusel, Krimi und tragischer Liebesgeschichte und Drama. Aber es gibt auch einen kleinen Minuspunkt.
Die Brüder Brizzi haben Gaston Leroux´s Roman nicht vollkommen umgesetzt, auch wenn sie nahe dran sind, was vollkommen legitim ist. Andrew Llyod Webbers bekanntestes Musical verkürzte und fügte sogar hinzu. Allerdings ließen die Brizzis den Maskenball aus ihrer Version des Phantoms heraus und auch Raouls Bruder Philippe und dessen Tod kommen in ihrer Adaption des Werkes nicht vor. An sich wäre das kein Problem, jedoch behielten sie das Vorwort von Gaston Leroux bei und dort werden dann eben Dinge erwähnt, die im Comic nicht stattfinden. Das kann zunächst verwirrend wirken und lässt stocken, da umgehend die Frage im Raum steht, ob man etwas überlesen hat. Doch dem ist nicht so. Und dieses Stocken ist nur kurz, denn an sich haben Paul und Gaetan Brizzi Das Phantom der Oper mehr als gelungen umgesetzt. Ihre Kürzungen sind sinnvoll gesetzt und wäre das Vorwort nicht, würde nichts vermisst werden. Die Geschichte des Phantoms erzählen sie flüssig, spannend und mit all seiner Tragik. Die Tragik des Phantoms, seines Daseins und seiner unglücklichen Liebe zu Christine Daaé.
Wer Das Phantom der Oper bisher nur als Musical kannte, wird durch diese Adaption noch viele weitere Facetten von Gaston Leroux´s Werk entdecken. Unter anderem taucht mit Monsieur Daroga, der Perser genannt, eine Figur auf, die viel zur Charakterisierung beiträgt und ansonsten offene Fragen beantwortet. Sein ganze Handlungsstrang und seine Funktion innerhalb der Handlung ist eigentlich so wichtig, dass man sich fragt, warum er nicht in jeder Adaption vorkommt. Und damit ist dann auch das Fehlen anderer Elemente sehr leicht zu verschmerzen.

Wer ein farbenprächtiges Spektakel wie das Musical erwartet, wird von Paul und Gaetan Brizzis Adaption in graphischer Hinsicht enttäuscht sein. Sie verfolgen keinen Stil der überbordend oder opulent ist. Nicht das sie dies nicht könnten und nicht auch in den richtigen Momenten zeigen, aber sie orientieren sich am Roman und nicht dem Musical. Und dieser ist eben in seinem Kern eine Schauergeschichte über eine unglückliche, wahnhafte Liebe. Und genau so inszenieren sie ihr Phantom. Sie legen eine schaurig schöne Version des Phantoms vor, die die Atmosphäre der Jahrhundertwende einfängt und permanent eine leichte Bedrohung ausstrahlt. Das Phantom ist bei ihnen keine romantische Vorstellung, sondern eine getriebene Persönlichkeit, die viel zu oft gequält wurde. Ihr Phantom ist entstellt und gruselig anzuschauen und damit auch furchteinflößend.
Dementsprechend inszenieren sie auch die Unterwelt der Pariser Oper, und wenn dann am Ende der Perser und Raoul in das Reich des Phantoms hinabsteigen, besteht ein echtes Gefühl der Gefahr. Wer nur das Musical kennt, wird sich in diesem Moment sicher fragen, ob wirklich alle Beteiligten überleben oder jemand stirbt. Die Zeichnungen der Brüder Brizzi sind gleichermaßen wunderschön und düster zugleich.

Das Bonusmaterial hält sich leider zurück. Es gibt nur einen Blick ins Skizzenbuch, dabei wäre es dieses Mal wirklich von Interesse gewesen, wie Paul und Gaetan Brizzi entschieden haben, was sie in ihre Adaption des Romans einfließen lassen und was nicht.


Fazit

Paul und Gaetan Brizzi enttäuschen auch mit ihrer Adaption des Phantoms der Oper nicht. Ihre Version ist wunderschön anzusehen und gruselig zugleich. Wer ein Fan des Phantoms der Oper ist, sollte sich diese Fassung definitiv nicht entgehen lassen.


Pro & Contra

+ sinnvoll gekürzt
+ spannend erzählt
+ sehr gute Zeichnungen

Bewertung: sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 4,5/5
Zeichnungen: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Literatopia-Links zu weiteren Titeln von Paul und Gaetan Brizzi:

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