Interview mit Tina Ariam
Literatopia: Hallo, Tina! Im Herbst ist von Dir die High Romantasy "Der Gemahl des Chaosprinzen" erschienen, in der der Diener Edwin den Chaosprinzen Gael heiratet - gezwungenermaßen. Wie kommt es dazu? Und was erwartet die beiden in Gaels kriegszerrütteter Heimat?
Tina Ariam: In meiner Welt der zehn Königreiche ist der Zwielichtball eines der größten Ereignisse überhaupt. Dort kommen ausgewählte Thronerben zusammen, um einen Partner oder eine Partnerin fürs Leben zu wählen. Edwin ist eigentlich nur dort, um Asher, den Blütenprinzen, zu begleiten und zu unterstützen. Offiziell sind sie Diener und Thronerbe, doch in Wahrheit beste Freunde. Doch alles läuft anders als erwartet, als ausgerechnet der Chaosprinz seine Wahl trifft und Edwin zu seinem Gemahl bestimmt.
Was genau sie in Gaels Heimat erwartet – davon will ich nicht zu viel verraten. Aber ich kann vorausschicken, dass es mir wichtig war, neben den Romance Aspekten auch eine funktionierende und detaillierte High Fantasy-anmutende Welt zu erschaffen. Es wird also episch. ;)
Literatopia: Stell uns Edwin näher vor. Was ist er für ein Mensch? Warum willigt er so schnell ein, Gaels Gemahl zu werden? Und wie kann ein einfacher Diener einem Prinzen beim Kampf um den Thron zur Seite stehen?
Tina Ariam: Edwin wirkt nach außen ruhig und pragmatisch, als jemand, der die Dinge nüchtern betrachtet und sich nicht aus der Fassung bringen lässt. Doch unter dieser Oberfläche brodelt es gewaltig. Diese Seite hat bisher nur Asher zu sehen bekommen. Gerade deshalb trifft die beiden die Entscheidung des Chaosprinzen so sehr, denn er reißt ihre Freundschaft auseinander. Aber die Gesetze der zehn Königreiche sind unumstößlich und auch Edwin muss sich ihnen beugen. Er folgt Gael in seine Heimat, weil er es muss. Wie er den Chaosprinzen dort unterstützen soll, weiß Edwin selbst nicht.
Literatopia: Natürlich wollen wir auch mehr über Gael wissen. Was sind seine Absichten, als er auf dem Zwielichtball erscheint? Und warum erwählt er Edwin?
Tina Ariam: Gael ist auf dem Zwielichtball, weil er dort sein muss und definitiv nicht, weil er es will. Die Einladung ist keine Bitte, sondern eine Verpflichtung. Also erscheint er und trifft seine Wahl. Dass er gerade Edwin wählt, ist aber kein Zufall. Die beiden sind sich schon am Abend vor dem Ball begegnet und konnten sich bei einem kleinen Abenteuer besser kennenlernen.
Literatopia: Wer sind die wichtigsten Nebenfiguren?
Tina Ariam: Zu den wichtigsten Nebenfiguren gehört definitiv Glenna, Gaels Schwester. Sie reist mit Gael und Edwin und sagt immer offen, was sie denkt. Vor allem Gael bekommt das regelmäßig zu spüren, weil sie ihm seine Fehler direkt aufzeigt. Sie legt sich mit jedem an, wenn es sein muss, hat aber trotzdem ein weiches Herz, vor allem für Edwin.
Die Handlung führt Edwin und Gael auch ins Staubkönigreich. Dort regiert Königin Alba, und sie hat ein auffallendes Interesse daran, dass Edwin sie besucht. Mehr will ich dazu an dieser Stelle auch gar nicht verraten.
Literatopia: In "Der Gemahl des Chaosprinzen" gibt es zehn Königreiche. Würdest Du uns mehr über deren Geschichte erzählen? Was verbindet die Königreiche? Und wie kam es zum Krieg?
Tina Ariam: Die zehn Königreiche liegen auf einer Halbinsel. Im Norden, durch eine Gebirgskette vom Rest getrennt, befinden sich die Chaosgründe. Allein diese Lage sorgt schon dafür, dass die Bewohner der anderen neun Königreiche, den Chaosgründen sehr skeptisch gegenüber sind.
Die übrigen Königreiche stehen in regem Austausch miteinander, vor allem durch Handel. Jedes Reich hat zwei offizielle Farben. Das Blütenkönigreich zum Beispiel Rosa und Gelb, die Chaosgründe Purpur und Schwarz. Auch die Höfe unterscheiden sich stark. Der Blütenhof ist geprägt von Gärten und Blumen, während das Sternenkönigreich aus Band 2 auf schwebenden Inseln liegt.
Vor vielen Jahren gab es einen großen Krieg zwischen den zehn Königreichen. Die Fronten haben sich dabei immer wieder verschoben, Allianzen wurden gebrochen und neu geschlossen. Am Ende gab es keinen klaren Sieger, sondern lediglich einen Waffenstillstand. Verluste gab es auf allen Seiten, aber die Chaosgründe kämpfen immer noch besonders stark mit den Folgen.
Literatopia: Du liebst es, Phantastik mit einer Prise Technik zu verbinden - was gibt in dieser Hinsicht in "Der Gemahl des Chaosprinzen" zu entdecken?
Tina Ariam: Auch wenn „Gemahl des Chaosprinzen“ klar im Fantasy-Genre angesiedelt ist, gibt es ein paar kleine technische Elemente. Ganz ohne Spielereien ging es dann doch nicht. Im Staubkönigreich zum Beispiel existiert eine unterirdische Schienenbahn, die verschiedene Teile des Reiches miteinander verbindet und so für ein eigenes Netzwerk unter der Oberfläche sorgt. Mehr dazu erfährt man in Band 1. ;)
Literatopia: In Kürze erscheint mit "Die Magie des Prinzgemahls" der zweite Band Deiner "Chaoschroniken" - was kannst Du uns darüber verraten ohne zu spoilern?
Tina Ariam: Ich kann verraten, dass Edwin und Gael auf ihrer Reise einen Abstecher ins Sternenkönigreich machen. Dieses Reich liegt auf schwebenden Inseln und ist bekannt für richtig guten Tee. Im Mittelpunkt der Geschichte steht aber vor allem die Beziehung zwischen Edwin und Gael. Es geht darum, wie sie miteinander klarkommen, sich annähern und dabei jeder auf seine eigene Art wächst.
Literatopia: Wie behält man als Autorin den Überblick über zehn magische Königreiche? Wie organisierst Du Dich beim Schreiben?
Tina Ariam: Gar nicht ;) Ich bin beim Schreiben durch und durch ein Pantser. Ich schreibe einfach drauflos und sortiere erst danach alles, was leider auch dazu führt, dass meine Romane mehrere Überarbeitungsrunden brauchen, bis alles wirklich sitzt. Aber so funktioniert es für mich am besten.
Auch bei den Königreichen hat es ein wenig gedauert, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war. Die jeweiligen Farben und Eigenheiten der Königreiche habe ich mir tatsächlich bei einem guten Matcha Latte in einem gemütlichen Kaffeehaus in Graz erarbeitet.
Literatopia: Woraus ziehst Du Inspiration für Deine Geschichten? Hörst Du beispielsweise Musik beim Schreiben, um Dich auf eine Szene einzustimmen?
Tina Ariam: Ich höre liebend gerne Musik beim Schreiben. Da fliegen die Wörter nur so dahin und ich komme richtig in einen Flow. Meistens läuft einfach eine Playlist nebenbei, zum Beispiel über YouTube oder Spotify. Die Ideen selbst entstehen oft aus ganz kleinen Momenten oder aus Herausforderungen, die ich mir stelle. Beim „Gemahl des Chaosprinzen“ war der Auslöser tatsächlich genau so ein Gedanke: Was passiert, wenn ein Prinz keinen Adeligen, sondern einen einfachen Diener zu seinem Gemahl wählt? Darüber wollte ich eine Geschichte schreiben und der Rest ist einfach so passiert. ;)
Literatopia: Du hast "Der Gemahl des Chaosprinzen" über den Sommer unzählige Male überarbeitet - wie viel hast Du verändert? Hast Du unendlich lange an einzelnen Formulierungen geschliffen oder gar ganze Kapitel umgeschrieben?
Tina Ariam: Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich den Roman überarbeitet habe. Gerade weil es eine längere Reihe ist, musste ich immer wieder zu Band 1 zurückkehren, um Kleinigkeiten zu ändern, zu ergänzen oder zu streichen. Die Geschichte hat sich mit jedem Band deutlicher in eine Richtung entwickelt und das musste dann in den vorherigen Bänden angepasst werden. Aber genau das hat mir auch Spaß gemacht. Ich habe auch das Gefühl, dass ich mit der Geschichte selbst gewachsen bin. Irgendwie ist es schwer, jenen Moment zu finden, in dem man sagt „Ich lass das jetzt so.“
Literatopia: In "Der Gemahl des Chaosprinzen" stecken beliebte Romantasy-Tropes wie "Hidden Proximity" und "Strangers to Lovers". Was sind Deine persönlichen Lieblings-Tropes - und warum?
Tina Ariam: Ich bin ein großer Fan von „Enemies to Lovers“. Ich mag einfach die Dynamik, die dabei zwischen den Figuren entsteht. Aber auch Tropes wie „Forced Proximity“ oder „Marriage of Convenience“ lese ich sehr gern. Gerade bei Romantasy liebe ich zusätzlich komplexe und originelle Welten. Als Jugendliche habe ich alles verschlungen, was irgendwie Fantasy war, diese Mischung aus fremden Welten und vielschichtigen Charakteren hat mich nie losgelassen.
Literatopia: Romantasy verkauft sich aktuell wieder extrem gut, trotzdem oder gerade deshalb wird das Genre oft belächelt als anspruchslos und "Fast Food Bücher". Warum stimmt das nicht immer? Und was schätzt Du persönlich an der Romantasy?
Tina Ariam: Romantasy ist für mich alles andere als „Fast Food“, eher im Gegenteil. Ich glaube auch, dass es dieses Genre schon sehr lange gibt und wir ihm nur erst seit Kurzem einen passenden Namen geben. Wenn man ehrlich ist, ist doch "Ein Sommernachtstraum" von William Shakespeare im Kern auch eine märchenhafte Liebesgeschichte und irgendwie Romantasy.
Grundsätzlich freue ich mich über jedes Genre, das Menschen zum Lesen bringt. Für mich bedeutet Lesen vor allem Entspannung und es soll Spaß machen. Deshalb finde ich es schade, wenn so eine Art Gatekeeping entsteht und Literatur nur dann als „gut“ angesehen wird, wenn sie möglichst kompliziert ist und nur von einer kleinen Gruppe wirklich verstanden wird. Das geht für mich am eigentlichen Sinn von Literatur vorbei.
Auch Shakespeares Stücke waren ja nicht nur für eine Elite gedacht, sondern ebenso für den „einfachen“ Zuschauer. Und ehrlich gesagt: Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man "Macbeth" durchaus auch mit einem gewissen Augenzwinkern lesen muss, um das Stück wirklich zu verstehen.
Literatur ist vielfältig und es wäre schade, wenn sie es nicht wäre. Einzelne Genres ihre Daseinsberechtigung oder ihren Wert abzusprechen, nur weil sie den persönlichen Geschmack nicht treffen, finde ich zu klein gedacht und gerade von der Literatur und Kritikern würde ich eigentlich annehmen, dass sie durchaus dazu in der Lage sind, auch die Besonderheit an Genres zu sehen, die einen persönlich vielleicht nicht interessieren.
Literatopia: Du hast 2025 fast 70 Bücher gelesen, aber auch einige abgebrochen. Wie schnell brichst Du ein Buch ab? Und was muss ein Buch mitbringen, um Dich über die ersten Seiten hinaus zu begeistern?
Tina Ariam: Ich bin eine absolute Mood-Readerin. Das heißt, ich breche Bücher auch mal ab, wenn sie gerade einfach nicht zu meiner Stimmung passen. Früher habe ich mich eher durchgequält, aber inzwischen bin ich viel konsequenter. Wenn ich ein Buch zur Seite lege und merke, dass ich mich nicht wirklich darauf freue, weiterzulesen, oder lieber etwas anderes mache, dann ist das für mich meist das Zeichen, es erstmal abzubrechen. Allerdings heißt das nicht, dass ich ein Buch endgültig aufgebe. Manchmal greife ich später nochmal danach, wenn ich wieder in der richtigen Stimmung dafür bin.
Literatopia: Hast Du abschließend ein paar Buchtipps für uns?
Tina Ariam: Natürlich. Für Klassiker empfehle ich immer gern "Die Schatzinsel" von Robert Louis Stevenson und "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde. Ich könnte stundenlang über beide Bücher sinnieren. Meine persönliche „Queen of Fantasy“ ist und bleibt Robin Hobb mit ihrer "Weitseher"-Reihe, die kann ich immer wieder empfehlen. Wer Regency Romance mit ein bisschen Spice mag, sollte sich die Bücher von K. J. Charles anschauen. Und wenn es eher ruhig, leise und ein bisschen cozy sein soll, dann lohnt sich ein Blick auf J. L. Carr.
Und ganz wichtig: Auch bei Selfpublishern sollte man unbedingt die Augen offenhalten. Da entdeckt man oft echte Schätze.
Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!
Tina Ariam: Ich danke ebenfalls :)
Autorinnenfoto: Copyright by Tina Ariam
Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Recht vorbehalten.
