Andreas Eschbach (19.08.2008)

Interview mit Andreas Eschbach

Literatopia: Guten Tag, Herr Eschbach! Schön, ein Interview mit Ihnen zu machen. Erzählen Sie doch ein bisschen von Ihnen und was Sie in nächster Zeit planen!

Andreas Eschbach: Geboren 1959 in Ulm, dort in der Gegend auch aufgewachsen, bin ich nach dem Abitur zum Studium der Luft- und Raumfahrttechnik nach Stuttgart. Zum Glück für die Luft- und Raumfahrtbranche habe ich mein Studium irgendwann abgebrochen und in Richtung Computerprogrammierung weitergemacht, Anfang der Neunziger eine eigene Firma gegründet – und gerade als die gut lief, hat das mit dem ersten Buch geklappt. Ich habe nämlich immer nebenher geschrieben, hatte immer den Traumberuf Schriftsteller, und so gab es, als sich die Alternative stellte „Firma oder Schreibmaschine“ – beides zusammen ging nicht – kein langes Zögern. Was im Grunde ziemlich wahnsinnig war, aber in meinem Fall hat es zum Glück dahin geführt, dass ich seit nunmehr fünf Jahren in der Bretagne lebe und mir beim Schreiben heftige Atlantikwinde um die Ohren wehen lassen kann.

Was ich in nächster Zeit plane, das ist immer die am leichtesten zu beantwortende Frage: Den nächsten Roman natürlich.

Fragen zu „Eine unberührte Welt“

Literatopia: „Eine unberührte Welt“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, deren Titel in Kombination mit dem Cover eher Geschichten über Naturwunder erwarten ließe. Dabei geht es um UFOs und darum, ob es im Garten Eden nicht zu langweilig werden könnte. Wie kamen Sie auf den Titel?

Andreas Eschbach: Es ist der Titel einer der darin enthaltenen Kurzgeschichten. Ich habe mir die Titel angesehen und überlegt, welcher davon sich am besten als Gesamttitel eignet, und fand, der. „Eine unberührte Welt“ – das passt irgendwie zu einer Sammlung meiner Kurzgeschichten.

Literatopia: Hatten Sie beim Cover ein Wort mitzureden? Warum so grün?

Andreas Eschbach: Keine Ahnung. Ich kümmere mich nicht um die Cover, will da auch gar nicht mitreden. Das können andere viel besser als ich. Mir gefällt es!

Literatopia: Was hat Sie dazu bewogen, diese Kurzgeschichtensammlung herauszubringen? Haben Sie sehr viele Zuschriften mit der Bitte, Ihre Kurzgeschichten in einem Buch zu sammeln, bekommen?

Andreas Eschbach: Ja, habe ich, aber letzten Endes war es der Verlag, der das machen wollte. Womit er bei mir natürlich offene Türen eingerannt hat.

Literatopia: Sind Ihre Kurzgeschichten thematisch mit Ihren Romanen zu vergleichen? Oder finden sich dabei ganz untypische Themen für Sie?

Andreas Eschbach:: Die Kurzgeschichten in dem Band sind die eigentümlichste Mischung, die man sich vorstellen kann. Irgendwie ist da alles dabei – von Science-Fiction bis zur Schnurre, von Krimi bis Horror... Insofern ist das Büchlein meinen Roman dann doch wieder ähnlich; die sind in ihrer Gesamtheit ja auch so eine wilde Mischung. Aber der Kurzgeschichtenband reizt die Bandbreite des Möglichen doch noch ein gutes Stück weiter aus.

Eine Menge Stories sind dabei, die man sich gut als Filme vorstellen kann, übrigens. Nur mal so als Tipp...

Fragen zu „Das Marsprojekt“

Literatopia: „Die schlafenden Hüter“ ist der fünfte und letzte Teil Ihres Romanzykluses um die Marskinder. Worum geht es diesmal?

Andreas Eschbach: Nun, die ersten vier Bände haben ein ganzes Büschel an Handlungsfäden begonnen – die finden im fünften und letzten Band alle zu einem Ende zusammen. Logisch. Worum es geht? Um verschwundene Väter und verschwundene Raumschiffe, um eine Verschwörung innerhalb der Erdregierung, um Aliens, Weltraumkriege, Terroristen und grünen Tee. Am Schluß knallt es ganz gewaltig, aber die Marskinder retten die ganze Sache natürlich wieder. Und nebenbei muss die Geschichte der Menschheit ganz neu geschrieben werden...

Literatopia: Kann man das Ende, wenn man die anderen Teile aufmerksam gelesen hat, ansatzweise erahnen oder warten noch große Überraschungen?

Andreas Eschbach: Ohne allzu unbescheiden sein zu wollen, bezweifle ich, dass jemand das, was im fünften Band passiert, auch nur ansatzweise erraten kann. Bisherige Rückmeldungen bestätigen das. Es ist viel davon die Rede, dass man das Lesebändchen eigentlich nicht benötigt...

Literatopia: Warum schreiben Sie ausgerechnet über Kinder? Was hat Sie daran gereizt? War es eine besondere Herausforderung beim Schreiben, z.B. authentisch aus der Sicht von Kindern zu schreiben?

Andreas Eschbach: Eigentlich war es eher wie eine Art Rückkehr zu den Wurzeln. Sehen Sie, ich habe ja so ungefähr mit zwölf Jahren angefangen zu schreiben, und meine ersten Romane waren dreiste Kopien von „Perry Rhodan“ und der diversen Jugendbücher, die ich damals gelesen habe. Im Grunde sind die „Marskinder“ die „Fünf Freunde“ Enid Blytons, nur auf den Mars verpflanzt. Naja, und natürlich ein bisschen anders. Aber auf alle Fälle macht mir das keine großen Schwierigkeiten; ich erinnere mich noch gut daran, wie es sich angefühlt hat, ein Kind zu sein. Wobei ich vielleicht nicht das ganz typische Kind war, aber das wäre jetzt ein ganz anderes Thema.

Literatopia: Halten Sie Ihre Vorstellung von der Marsbesiedlung für halbwegs realistisch? Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass die Menschheit das Projekt Marsbesiedlung noch in diesem Jahrhundert beginnen kann?

Andreas Eschbach: Realistisch betrachtet ist die Idee einer Marsbesiedlung, womöglich noch in diesem Jahrhundert, absolut unrealistisch. Inzwischen bezweifle ich sogar, dass das 21. Jahrhundert auch nur eine bemannte Marsmission erleben wird.

Allgemeine Fragen

Literatopia: Sie schreiben hauptsächlich über aktuelle Themen und dabei ist sicher viel Recherchearbeit nötig. Wie beginnen Sie? Was sind Ihre Quellen (dicke Fachbücher, wissenschaftliche Zeitschriften etc.)?

Andreas Eschbach: Ich beginne immer erst mal in meinem eigenen Bücherschrank, weil dort zu den Themen, die mich so interessieren, dass ich bereit bin, ein Buch darüber zu schreiben, in der Regel immer schon eine Menge zu finden ist. Auch allgemeine Nachschlagewerke sind für den Anfang ergiebig – bei mir ist das meist die gute alte Encyclopedia Britannica.

Wenn ich dann weiß, was ich alles nicht weiß, geht’s ans Suchen. Das ist heutzutage ja kein großes Problem mehr; Internet und gedruckte Bücher ergänzen sich hervorragend, und man kann ohne weiteres sagen, dass es noch nie so leicht war, an Informationen zu kommen wie heute.

Literatopia: Wie lange brauchen Sie durchschnittlich für Ihre Recherchen?

Andreas Eschbach: Da gibt es keinen generellen Wert. Ich habe etliche Bücher geschrieben, für die ich überhaupt nichts recherchieren musste. Ein Buch wie „Ausgebrannt“ dagegen war natürlich rechercheintensiv, aber trotzdem hält sich der Aufwand in Grenzen. Wobei ich in Sachen Recherche auch recht schnell bin; ich bin da noch trainiert von meiner Computerzeit, als ich manchmal nur ein, zwei Tage Zeit hatte, mich in eine komplett fremde Materie einzuarbeiten, die Feinheiten der Immobilienverwaltung etwa, der Produktion von Industriefilmen oder der Durchführung von Fahrsicherheitstrainings.

Literatopia: Warum gerade diese kritischen Themen unserer Zeit? Was fasziniert Sie daran?

Andreas Eschbach: Na ja – ich lebe in dieser Zeit. Ich finde es ganz normal, dass einen die brennenden aktuellen Themen faszinieren. Und ich bin eben so gestrickt, dass mir auf alle möglichen Reize hin immer gleich Geschichten einfallen.

Literatopia: Denken Sie, Sie können mit Ihren Romanen die Probleme der Gegenwart mehr ins Bewusstsein Ihrer Leser rücken? Liegt das überhaupt in Ihrer Absicht oder wollen Sie einfach nur gut unterhalten?

Andreas Eschbach: Also, dazu möchte ich anmerken: Gut zu unterhalten ist nicht einfach. Das denkt man nur so lange, bis man es mal probiert.

Was ist denn ein unterhaltsames Buch? Eines, das wir gern lesen. Und wann lesen wir ein Buch gern? Wenn es interessant ist. Nun, und was könnte interessanter sein als die Zeit, in der wir leben, und ihre vielfältigen Aspekte? Insofern ist der Widerspruch, den Sie mit Ihrer Frage konstruieren, nur ein scheinbarer.

Literatopia: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Waren Sie einer von den Jungen mit dem Traum, Schriftsteller zu werden oder war alles eher ein großer Zufall á la „ausprobiert und dabei geblieben“?

Andreas Eschbach: Ich war einer von den Jungen mit dem Traum, Schriftsteller zu werden. Was nicht heißt, dass glückliche Zufälle in der ganzen Sache nicht auch eine wichtige Rolle gespielt haben.

Literatopia: Sehen Sie die Entwicklung unserer Zukunft tatsächlich so kritisch wie z.B. in Ihrem Roman „Ausgebrannt“? Oder denken Sie im Grunde genommen zwar kritisch, jedoch etwas optimistischer?

Andreas Eschbach: Ach, ich weiß nicht – ich finde meine Sicht der Zukunft in „Ausgebrannt“ ausgesprochen optimistisch. Verglichen damit, wie es vermutlich tatsächlich laufen wird, hat das Buch doch geradezu ein Happy End.

Literatopia: Mit Science Fiction haben Sie angefangen – nun probieren Sie sich in verschiedenen Genres aus. Warum? Ist es reine Experimentierfreude oder sind Sie einfach so vielseitig interessiert, dass Sie diese Abwechslung „brauchen“?

Andreas Eschbach: Einerseits Experimentierfreude, ja. Aber vor allem ist es so, dass ich mich um Genres eigentlich gar nicht so viel kümmere. Mich interessieren Genres nicht, mich interessieren Geschichten. Was das Lesen anbelangt. Und umgekehrt ist es beim Schreiben einfach so, dass ich der Geschichte folge – in welches Genre die dann später gehört, entscheiden andere.

Wobei es mir eh am liebsten wäre, es gäbe in Buchhandlungen einfach ein Regal, über dem „Bücher von Andreas Eschbach“ steht. Dann hätte sich diese Frage erledigt.

Literatopia: Lesen Sie auch Bücher aus allen Genres, die Sie schreiben?

Andreas Eschbach: Auf jeden Fall lese ich ziemlich breit gefächert und querbeet. Das macht Aufenthalte in Buchhandlungen für mich immer sehr langwierig, weil es so viele Stellen gibt, an denen Bücher sein können, die mich interessieren.

Literatopia: Was war das für ein Gefühl, als Sie Ihren ersten Roman als Buch mit Ihrem Namen darauf in den Händen gehalten haben?

Andreas Eschbach: Das Cover hat mir nicht gefallen! Das waren die „Haarteppichknüpfer“, und ich war geradezu verstört.

Literatopia: Und wie ist es heute?

Andreas Eschbach: Heute erkenne ich, dass ich damals zu Unrecht verstört war; die Originalausgabe der „Haarteppichknüpfer“ war ein ausgesprochen liebevoll gestaltetes Buch, und das Cover finde ich heute toll. Und weil ich so lang gebraucht habe, das zu merken, weiß ich, dass ich von Covern nichts verstehe und mich besser raushalte.

Literatopia: Hat sich generell etwas verändert, wenn ein neuer Roman als Buch ankommt, oder ist das Gefühl von damals erhalten geblieben?

Andreas Eschbach: Also, da darf man sich nichts vormachen: Die Gefühlsintensität dieser Art von Ereignisse nimmt natürlich ab. Mit allen Übersetzungen und Sondereditionen gibt es inzwischen um die achtzig Ausgaben meiner Romane – da tanze ich natürlich nicht jedes Mal auf dem Tisch, wenn eine neue Ausgabe hinzukommt. Wenn es die erste Ausgabe eines neuen Romans ist, klar, dann nimmt man eins der Bücher aus dem Karton, in dem die Belege ankommen, schaut sich an, wie es geworden ist, liest hinein, ob man den Text wiedererkennt, und das alles ist immer noch ganz schön. Aber den Champagner mache ich heute erst auf, wenn ein Buch in der Bestsellerliste auftaucht.

Literatopia: Sie waren über viele Jahre als leitender Referent auf Schreibseminaren aktiv und haben sich für Nachwuchsautoren engagiert bzw. tun dies immer noch z.B. mit Schreibtipps auf Ihrer Website. Wie wichtig ist es Ihnen, jungen Talenten auf ihrem Weg zu helfen?

Andreas Eschbach: Das ist ein Missverständnis. So edel bin ich überhaupt nicht. Das sind alles nur gescheiterte Versuche, zu verhindern, dass mir immer die gleichen Fragen gestellt werden.

Literatopia: Haben Sie früher selbst einmal Schreibseminare besucht?

Andreas Eschbach: Hätte ich wahrscheinlich, wenn es da schon so etwas gegeben hätte. Ich habe den Literaturkreis des Studium Generale an der Universität besucht; das war zwar wesentlich abgehobener – man hat sich bemüht, „Kunst“ zu machen, was in der Regel schlimm schief geht –, aber so die eine oder andere Einsicht hat mir das dann trotzdem alles vermittelt.

Leserfragen

Leserfrage: Wenn man hauptberuflich Autor ist, setzt man sich dann ein bestimmtes Leistungspensum für den Tag? Also: mindestens zehn Seiten oder so?

Andreas Eschbach: Das machen die meisten so; ich mache es ein bisschen anders: Ich setze mir Etappenziele. Heute Kapitel 5 fertig, bis zum Wochenende Kapitel 7 bis mindestens zur dritten Szene abschließen – so ungefähr. Was letzten Endes aufs Gleiche rauskommt. Sein Pensum zu kontrollieren ist unabdingbar, wenn man das beruflich macht. Ist in anderen freien Berufen aber auch nicht anders.

Leserfrage: Wenn man als bekannter Autor vom Verlag unter Vertrag genommen wird, verhandelt man da auch schon über Veröffentlichungstermine noch gar nicht existenter Romane?

Andreas Eschbach: Ja. Ich habe schon einen Terminplan bis zum Jahr 2011.

Leserfrage: Entsteht dadurch nicht ein enormer Leistungsdruck, der zu Lasten der Qualität eines Romans gehen könnte?

Andreas Eschbach: Das kann durchaus passieren und ist eins der wichtigsten Probleme, die man lösen muss. Und vielleicht ist diese Praxis durchaus mit dafür verantwortlich, dass so viele, sagen wir, suboptimale Bücher auf den Markt kommen. Mir geht es glücklicherweise so, dass es mich meistens eher beflügelt, wenn ich weiß, da wartet jemand regelrecht auf das, was ich schreibe.

Leserfrage: Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?

Andreas Eschbach: Die liebste Auszeichnung ist mir, wenn jemand nach einem neuen Buch von mir greift, „hmm – der neue Eschbach“ sagt und es begeistert zur Kasse trägt. Das nenne ich den „Geldbeutelpreis“.

Leserfrage: Gab es Kritiken, über die Sie sich richtig geärgert haben? Wenn ja, warum? Wie muss Kritik für Sie sein, damit sie konstruktiv bleibt?

Andreas Eschbach: Interessanterweise beobachte ich, dass praktisch jeder „Eschbach-Leser“ eines meiner Bücher ganz besonders toll findet und ein anderes regelrecht missraten – aber diese beiden Bücher sind bei jedem andere! Und nicht selten ist dem einen Highlight, was dem anderen als gescheitert gilt. Das ist so eine Beobachtung, die mein Verhältnis zu Kritik sehr entspannt hat.

Kritik, mit der ich etwas anfangen kann, ist Feedback, bei dem jemand von sich selber spricht und wie es ihm mit einem Text ergangen ist. Da kann ich auch mit Ablehnung leben, und über diese Art Kritik denke ich auch nach.

Am meisten ärgere ich mich über Kritiken oder Rezensionen, die wesentliche Wendungen der Geschichte verraten und so anderen Lesern die Überraschung rauben und damit etwas von deren möglichem Lesevergnügen.

Leserfrage: Legen Sie wert auf „stilistische Aktualität“ in Ihren Werken, sprich würden Sie sagen, dass sie eher „modern“ oder eher "zeitlos" schreiben?

Andreas Eschbach: Das sind Kriterien, die andere anlegen, von außen. Als Autor ist man gut beraten, sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen, und ich tue das auch nicht. Ich versuche, so klar wie möglich zu schreiben. Und so spannend wie möglich. Punkt. Den Rest entscheidet die größte aller Kritikerinnen, die Zeit.


Dieses Interview wurde von Judith Gor für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten!

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