Dienstag, 31. März 2020

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Sehr interessant
Ich habe eine frage zu dem Buch die sabrina hat die eigendlich denn max von der strasse geschupst ...

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Ich bin begeistert von Ihren Arbeiten als Kabarettists und Autor. Immer weiter so.
Denn sie betrügt man nicht (Elizabeth George)
Geschrieben von Trippelschritt
Montag, der 29. März 2010

Goldmann (1999)
Originaltitel: Deception on His Mind
Originalverlag: Bantam Books, N.Y.
Aus dem Amerikanischen von Mechtild Sandberg-Ciletti 
Taschenbuch, Broschur, 720 Seiten, 12,5 x 19,0 cm
€ 9,95 [D] | € 10,30 [A] | CHF 18,90
ISBN: 978-3-442-44402-1

Genre: Krimi


Inhalt

Barbara Havers, dieses Mal mit verbeultem Gesicht und ohne ihren Chef Inspektor Lynley, die beide den Stammlesern wohlbekannt sind, wird genötigt einmal auszuspannen und ihre gebrochenen Rippen und nebst anderen Verletzungen auszukurieren. Selbstverständlich hat sie das nicht vor, denn Barbara ist immer im Dienst. Zumindest gedanklich.
Doch als die herrlich plappernde Nachbarstochter und ihr äußerst korrekter und immer auf Abstand bemühter pakistanischer Vater in einer dringenden Familienangelegenheit an die See nach Essex fahren müssen, fährt sie hinterher. Denn rein zufällig erfährt sie in den Nachrichten von Rassenunruhen und einer Leiche in einem Bunker am Strand und rein zufällig geschieht das alles ebenfalls in Essex.

Explosiv an all dem ist weniger der Kriminalfall als vielmehr die über allem lauernde Frage des Rassismus. Das Opfer war Pakistani. War der Täter nun ein Engländer oder ebenfalls ein Pakistani, und in welche Richtung wird die Polizei ermitteln? Die Situation wird so brisant, dass ein ständiger Informationsaustausch zwischen Polizei und einer pakistanischen Interessenvertretung eingerichtet wird. Die Vermittler sind, wie kann es anders sein, Barbara, deren alte Freundin aus Polizeiakademietagen die Untersuchung leitet, und Barbaras Nachbar mit seinem entzückenden Töchterchen.

Verdächtige gibt es genug, die Verwickelungen innerhalb der pakistanischen Bevölkerung, innerhalb der englischen Bevölkerung und auch noch zwischen den Volksgruppen nehmen kein Ende. Zum Rassismus kommen als Sahnehäubchen auf der Torte auch noch Homosexualität, Schleuserkriminalität und englisches Prekariat hinzu.
Am Ende wird der Fall gelöst und zwei weibliche Kriminalbeamte schauen in eine düstere Zukunft. Ein überraschendes Ende. Ob alles aber so schlimm eintritt, wie es zu befürchten ist, wird der Leser frühestens in einem Folgeroman erfahren.


Rezension

Die Autorin Elisabeth George hat sich für einige Leute ziemlich unverständlich, von anderen hingegen höchst verdient einen Namen als Kriminalschriftstellerin gemacht. Sie ist Amerikanerin, hat aber England so häufig besucht, dass sie die Leute dort gut versteht. Gut genug jedenfalls, dass sie überzeugend über die britische Welt schreiben kann. Rassismus gibt es an vielen Orten auf der Welt. Der englische Rassismus nimmt da keine Sonderstellung ein. Aber er richtet sich gegen farbige Mitglieder des ehemaligen Britischen Empires, gegen Pakistanis oder Inder und weniger gegen arabische Moslems. Und auch in England sind das größte Problem die in England geborenen Kinder der ersten Generation, die sich ohne echte Wurzeln zu ihrem Heimatland oftmals eine eigene Welt schaffen, die manchmal rigider ist als die ihrer Väter. Und auch hassen können sie besser, weil sie als Engländer die Engländer besser kennen und verstehen als ihre Eltern.

Wenn das auch noch mit sexuellen Problemen einer etwas verklemmten Gesellschaft verbunden wird, dann ergibt das eine wirklich tödliche Mischung. In diesem Zusammenhang ist die Bezeichnung Asiaten (wahrscheinlich eine wörtliche Übersetzung) nicht sehr glücklich, denn in Deutschland stellt man sich unter diesem Begriff selten die dunkelhäutigen Bewohner des indischen Subkontinents vor als eher die Ostasiaten aus China, Japan, Korea oder Vietnam. Aber Japaner verursachen in England keine Rasenkrawalle und auch rassistische Beschimpfungen halten sich in Grenzen.

Wer Elisabeth George liest braucht einen langen Atem. Wie viele Autorinnen von Frauenromanen liebt sie lange Beschreibungen, unauffällige, lange Dialoge, die scheinbar nirgendwo hin führen, und detaillierte Betrachtungen nonverbaler Kommunikation. Obwohl ihr Text gut geschrieben für sich selbst sprechen kann, kommen immer wieder einzelne Erklärungen vor, die manchmal die aufkommende Stimmung wieder ersticken. Nur schreibt Frau George keine Frauen- und auch keine Liebes-, sondern Kriminalromane. Wenngleich auch aus weiblicher Sicht. Und so schleppt sich die Handlung manchmal etwas langatmig von Kapitel zu Kapitel. Doch jedes Mal, wenn man sich vornimmt, die nächsten beiden Seiten höchstens noch diagonal zu lesen, passierte etwas, gibt es eine neue Verwicklung oder Abzweigung oder Spur, so dass man wieder in der Geschichte drin ist. Der Einstieg ist konventionell. Ein Kriminalbeamter ist entweder im Dienst und ermittelt, oder er hat Urlaub und ermittelt dort ebenfalls. So ist das nun mal in Kriminalromanen.
Ganz England leidet unter einer Hitzewelle und der Leser leidet mit, denn Probleme mit Ventilatoren, durchgeschwitzten Blusen oder gereizter Stimmung treiben die Handlung nicht vorwärts.

Wer einen temporeichen Actionthriller sucht wird sich bei Elisabeth George trefflich langweilen, aber das ist keine Schwäche des Buches, sondern ein Markenzeichen der Autorin. Interessant sind ihre Bücher für Leser, die neben dem Krimiplot auch etwas psychologische Tiefgründigkeit suchen ohne gleich auf extreme Charaktere stoßen zu wollen. Für mich sind ihre Romane immer Gesellschafts- und Charakterstudien und keine Kriminalromane. Mord und Aufdeckung geben den Handlungsrahmen, innerhalb dessen sich ein Psychodrama entfaltet. Bei einem wirklichen Kriminalroman sollte es umgekehrt sein. Doch ist das kein Werturteil. Elisabeth George hat ihren Markt und ihre Leserschaft gefunden. Und das zu Recht. Wenn man jedoch ins Detail geht, sind einfach viele kleinere Schwächen zu finden. Das Buch wurde 1997 geschrieben. Ein Bild, das häufig auftaucht, ist ein Flipper. Spielte der 1997 immer noch eine so gewichtige Rolle auf englischen Jahrmärkten oder in Spielhallen wie in den Sechzigern und Siebzigern? Oder hatte da nicht schon die Unterhaltungselektronik die simple Mechanik besiegt?

Auch ein Gespräch mit der Kriminalinspektion in Hamburg verläuft merkwürdig. Wahrscheinlich fehlt da etwas deutsche Bürokratiekenntnis, die sich aber im Telefondienst auch nicht so sehr von internationalen Normen abhebt. Entweder man hat eine Durchwahl, oder man landet in der Vermittelung und je nachdem. wo man landet, bekommt eine unterschiedliche Auskunft. Auch die ermittelnde Kommissarin ist überraschend blass. Manchmal ist sie kaum von Barbara, der Protagonistin, zu unterscheiden und man merkt erst später in der Szene, dass da ein anderer Name steht. Zwar ist der Charakter ein ganz anderer, aber in den Szenen kommt das kaum zum Ausdruck.

Dafür sind andere Charaktere ganz hervorragend gelungen. Der pakistanische Familienvermittler besitzt Tiefe und eine eigene Tragödie und seine Tochter ist ein einziger Sonnenschein. Die Tochter eines pakistanischen Fabrikanten schafft es nicht, zwei Kulturen miteinander zu verbinden. Und ein gläubiger Moslem ist nicht nur daran zu erkennen, dass er mehrmals am tag auf die Knie fällt, sondern mit dem Glauben, der Ethik und der Wirklichkeit ringt.
Auch der Plot ist vom Feinsten. Elizabeth George gelingt es in diesem Durcheinander stets die Übersicht zu behalten. Rassenhass und Homosexualität, islamische Familienbande, Integrationsprobleme und ernsthafte Bemühungen, eine Katastrophe zu verhindern bringen zusammen eine hoch explosive Mischung und bewegen sich weit entfernt von allen Klischees, die man vielleicht befürchten könnte.


Fazit

Nach jedem Roman von Elizabeth George denke ich, dass das wohl der letzte war, den ich von der Autorin gelesen habe. Und jedes Mal ziehe ich dann doch wieder einen aus der Bücherkiste und lese ihn tatsächlich bis zur letzten Seite. Frau George muss wohl etwas haben, das den Leser packt. Wer sie noch nie gelesen hat, sollte es unbedingt einmal tun und dann entscheiden, ob er dem Fanclub beitritt oder sagt „nie wieder“.
Dieses Buch wäre dazu ein empfehlenswerter Einstieg, denn es gehört zu den handlungsreicheren Exemplaren.

Trippelschritt


Diese Rezension stammt von unserem Gastrezensenten Trippelschritt - mehr Rezis von ihm findet ihr auf Bibliotheka Phantastika.

Zuletzt aktualisiert: Montag, der 29. März 2010
 

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