Grim - Das Siegel des Feuers (Gesa Schwartz)

Egmont Lyx (März 2010)
gebunden mit Schutzumschlag
688 Seiten, 19.95 EUR
ISBN: 978-3-8025-8303-2

Genre: Fantasy


Klappentext

"Sie fürchten und beschützen uns seit uralter Zeit. Sie sind der kalte Hauch, der in einer warmen Sommernacht deine Wange streift, wenn du schläfst, und sie sind der schwache Duft von Dunkelheit im Morgengrauen. Sie sind die gefallenen Engel unserer Zeit, sie sind – die Gargoyles.“

Der Gargoyle Grim wahrt das steinerne Gesetz, nach dem niemals ein Mensch von der Existenz seines Volkes erfahren darf. Doch dann wird dieses Gesetz aufgrund eines rätselhaften Pergaments gebrochen. Gemeinsam mit der jungen Sterblichen Mia, einer Seherin des Möglichen, will Grim das Geheimnis des Pergaments ergründen. Sie ahnen nicht, dass sie einem Rätsel auf der Spur sind, welches das Schicksal der ganzen Welt bedroht …


Rezension

Grim gehört als Schattenflügler gewissermaßen zu einer Eliteeinheit der Gargoyles, die über die Anderwelt herrschen. Allerdings tanzt er dabei mit seiner Sympathie für die Menschen aus der Reihe und handelt sich einige Schwierigkeiten ein. Dazu geht er mit dem Faible für lächerliche Uniformen seitens seines Vorgesetzten Mourier nicht konform. Als Grim seine alte Freundin Moira dabei beobachtet, wie sie mit einem Menschen spricht, beginnt sein Weltbild zu zerbrechen. Durch den Zauber des Vergessens wissen die Menschen nichts von der Anderwelt und es ist jedem Gargoyle strengstens verboten, sich einem Menschen zu erkennen zu geben …
Währenddessen wird Mia im Dunkeln auf einem Friedhof erwischt und bekommt es mit einem unangenehmen Polizeibeamten zu tun, der zu allem Überfluss auch noch Witze über ihren verstorbenen Vater macht. Dieser war Künstler - und ein Hartid. Ein Mensch, der die Wesen der Anderwelt sehen konnte und den Wunsch verspürte, sie allen Menschen zu zeigen. Das gelang ihm nur durch seine Bilder. Auch Mias Bruder Jakob ist ein Hartid und als Mia ihre eigenen Kräfte entdeckt, beginnt für sie eine unglaubliche Reise in die Anderwelt. Eine Welt, in der Furcht und Verfolgung Alltag sind und die an der Schwelle eines grausigen Krieges steht …

Gesa Schwartz beweist mit ihrem Debüt „Grim - Das Siegel das Feuers“ großes schreiberisches Talent. Ihr Stil liest sich durch viele wunderbare Metaphern sehr lebendig und lässt phantastische Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Immer wieder bietet sich die Gelegenheit, inne zu halten und einen Absatz nochmals zu lesen. Mit viel Liebe zum Detail gestaltet die Autorin ihre Welten ohne sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren. Oftmals genügen ihr wenige Sätze, um ein facettenreiches Bild entstehen zu lassen. Doch neben gelungenen Formulierungen hat der Roman weitaus mehr zu bieten: Gesa Schwartz verwebt verschiedenste Elemente der Phantastik zu einem spannenden Abenteuer, das trotz seiner fast siebenhundert Seiten ohne nennenswerte Längen auskommt. Der geneigte Leser trifft auf allerhand phantastischer Kreaturen, bereist traumhafte und alptraumhafte Orte und lernt vor allem das Volk der Gargoyles kennen. Mit jedem Wort spürt man die Begeisterung der Autorin für die steinernen Wesen, doch sie sind alles andere als übernatürlich schöne Helden. Viele von ihnen ähneln Tieren oder grotesken Teufelsgestalten - und vor allem zeichnet sich ihre Gesellschaft durch Arroganz und Furcht vor Andersartigkeit aus. Sie wirken gleichermaßen faszinierend wie auch abstoßend auf den Leser. Und auf Mia, der es schwer fällt, sich in der Anderwelt zurechtzufinden. Denn diese ist voller Tücken und nicht immer erblüht sie in zauberhaftem Glanz: Stellenweise geht es ganz schön hart zu und vor blutigen, grausamen Szenen wird nicht zurückgeschreckt. Doch selbst im widerwärtigsten Gemetzel - oder gerade auch wegen den richtig hässlichen Seiten - bleibt "Grim" ein wahrer Lesegenuss. 

In der Darstellung der Charaktere liegt eine weitere Stärke der jungen Autorin: Grim und Mia warten mit einer facettenreichen Persönlichkeit auf. Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht von Grim und Mia erzählt und so bekommen beide Charaktere in etwa gleich viel Raum zur Entfaltung, wobei man doch einen gewissen Schwerpunkt auf Grim bemerkt. Er ist ein Grenzgänger und ist mit vielen Gesetzen der Gargoyles nicht einverstanden, allerdings fehlt ihm zunächst der Mut, etwas zu ändern. Lieber verkriecht er sich im Zwielicht, einer Spelunke für Wesen, die nicht ins strahlende Bild der Anderweltstadt Ghorgonia passen wollen. Doch als die junge Mia in Grims Leben tritt, muss er sich allmählich von seiner resignierten Haltung verabschieden. Zunächst kommen die beiden nicht besonders gut miteinander aus: Grim ist zu aufbrausend und Mia zu bockig - doch nach und nach lernen die beiden einander kennen und verstehen. Die Faszination, die Mia in Grims Gegenwart trotz seiner mürrischen Art verspürt, bahnt sich ihren Weg und der Roman bekommt eine romantische Komponente. Dabei gelingt es Gesa Schwartz, mit leisen, zarten Gefühlen die Herzen der Leser zu berühren, ohne zu aufdringlich oder kitschig zu werden. Besonders positiv fällt dabei auf, dass Mia ihre eigenen Kopf hat und in der Geschichte mit ihrem Mut, aber auch mit ihrer Verletzlichkeit überzeugt.

Einzig und allein Mourier überspannt so manches Mal den humorvollen Bogen. Hier findet die Autorin nicht das rechte Maß und lässt so manche Situation etwas zu sehr ins Lächerliche abgleiten. Nichtsdestotrotz wirken die bizarren Konstümträume des Gargoyle-Löwen auflockernd, ein bisschen weniger Rosa und Tüll und der Leser wird es besser verkraften. Allerdings beweist auch Mourier, dass man ihn nicht auf seine feminine Seite reduzieren sollte. Nicht umsonst wird er als Drachentöter bezeichnet. Und selbst die „Bösen“ verlieren ihre Dunkelheit und erstrahlen in diversen Graustufen. Denn auch bei ihren Nebencharakteren legt Gesa Schwartz auf Glaubwürdigkeit viel Wert und knüpft Verbindungen zwischen den Protagonisten und ihren Widersachern. Zum Ende hin sind allerdings einige Konstellationen zu vorhersehbar - man merkt als Leser einfach, was der Autorin am Herzen liegt und wie sie ihre Geschichte auflösen möchte. Nach so vielen Seiten steckt man zudem selbst so tief in der Geschichte drin, dass man wohl genau dieses Finale lesen will. Ein klein wenig mehr hätte Gesa Schwartz aber von ihren Wunschvorstellungen abweichen dürfen, insbesondere da der Roman sehr viele überraschende Wendungen zu bieten hat.

„Grim - Das Siegel des Feuers“ wird von Egmont Lyx als traumhafte Hardcoverausgabe präsentiert. Allein das Cover mit seinem glühenden Farbspiel dürfte einige Leser in den Buchläden anlocken. Dabei scheint es sehr gewagt, einen Debütroman mit dieser Länge und vor allem Dicke in so einer Ausgabe herauszubringen. Von außen betrachtet erscheint das Buch, als wäre es weit über tausend Seiten lang. Letztlich sind es knapp siebenhundert und man kann nur hoffen, dass sich niemand von der Dicke abschrecken lässt. Denn die Geschichte um Grim lohnt sich schlichtweg. Noch dazu bekommt man sie in einer überaus gelungenen Ausgabe zum moderaten Preis. Einziges Manko: Das Hardcover hätte ein wenig stabiler sein können.


Fazit

Mit „Grim - Das Siegel des Feuers“ liefert Gesa Schwartz ein beachtenswertes Debüt ab: Geschickt flechtet sie verschiedenste Fantasyelemente zu einem schillernden Kunstwerk voller Graustufen. Ein spannendes Abenteuer, gespickt mit facettenreichen Charakteren, untermalt von einem traumhaften Stil und umrahmt von faszinierenden Welten - was will man als Leser mehr? Gesa Schwartz sollte man jedenfalls im Auge behalten. Wenn sie das Niveau dieses Romans hält, wird sie viele Bücherregale mit phantastischen Geschichten füllen.


Pro & Contra

+ facettenreiche, glaubwürdige Protagonisten
+ interessante Nebencharaktere
+ viele Graustufen
+ viel Liebe zum Detail
+ spannend und flüssig zu lesen
+ überraschende Wendungen

- zum Ende hin doch etwas vorhersehbar

Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5


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