Sarah Lukas (03.05.2010)

Interview mit Sarah Lukas

Literatopia: Hallo Sarah! Du bist eines der viel versprechenden und noch relativ unbekannten Talente in Deutschland. Stell Dich doch bitte unseren Lesern zuerst vor. Was für ein Mensch bist Du und wie hast Du Deine Leidenschaft für Literatur / fürs Schreiben entdeckt?

Sarah Lukas: Was ich für ein Mensch bin ... hm, das ist ja gleich zu Beginn eine knifflige Frage. Um sich ein Bild von mir machen zu können, sollte man vielleicht erst einmal wissen, dass ich 37 Jahre alt bin, groß, schlank, mit Brille auf der Nase und meist leger gekleidet. Ich bin ein ebenso fröhlicher wie nachdenklicher Mensch, lache also ebenso gern, wie ich Dinge kritisch hinterfrage. Außerdem bin ich gern zu Fuß in der Natur unterwegs (von der Bergwanderung bis zum simplen Spaziergang mit dem Hund), besuche aber auch gern historische Stätten, um ihr Flair einzufangen.
Meine Leidenschaft fürs Schreiben ist vielleicht aus der Leidenschaft für Bücher erwachsen, die mir mein Vater vorgelebt hat. Ich habe schon selbsterfundene Geschichten aus Bildbänden „vorgelesen“, bevor ich lesen konnte. Daraus ist dann mit der Zeit das Schreiben erwachsen, das mich nicht mehr losgelassen hat.

Literatopia: Kürzlich ist bei Piper Dein Debütroman „Der Kuss des Engels“ erschienen, in dem Du Dich mit der Frage auseinandersetzt, ob das Böse in der Welt Gottes Werk oder Teufels Beitrag ist. Kannst Du uns näheres über Deinen Roman erzählen?

Sarah Lukas: „Der Kuss des Engels“ handelt von einer jungen Frau namens Sophie, deren Verlobter – Rafael - erschossen wurde. In ihrer Trauer fährt sie nach Paris, ohne selbst so recht zu wissen, ob sie dort ein neues Leben beginnen oder sich nur weiter mit Erinnerungen quälen will. Ein wenig von beidem steckt wohl dahinter, und gerade als die Verzweiflung sie in den Selbstmord zu treiben droht, begegnet ihr ein Mann, der Rafael zum Verwechseln ähnlich sieht. Ist er es wirklich – oder ein Doppelgänger? Sophie versucht, es herauszufinden, und wird dadurch in einen Kampf zwischen Engeln und Dämonen verstrickt. Sie gerät dabei immer wieder in Gefahr, und ihre Liebe zu Rafael wird auf eine harte Probe gestellt.

Literatopia: Was glaubst Du persönlich, woher das „Böse“ in unserer Welt stammt? Denkst Du viel über Licht und Dunkelheit, Gut und Böse nach? Inwiefern ist Deine persönliche Lebenserfahrung in den Roman eingeflossen?

Sarah Lukas: Ich denke in der Tat oft und gern über solche Fragen nach, lese Bücher darüber und versuche, mich der Wahrheit anzunähern. Das ist natürlich auch in den Roman eingeflossen. Aber ich maße mir nicht an, die wahre Antwort auf die Frage nach Gut und Böse zu kennen. Es geht mir mehr darum, verschiedene Sichtweisen und Argumente aufzuzeigen, aus denen sich vielleicht eines Tages die Wahrheit erkennen lässt.

Literatopia: Deine Beschreibungen von Paris sind überaus stimmungsvoll und sehr detailliert. Vermutlich stammen sie von Deinen Frankreichurlauben? Wie oft warst Du schon in Paris? Und was gefällt Dir an der Stadt der Liebe am besten?

Sarah Lukas: Für Paris hatte ich zwei wichtige Quellen: meinen eigenen Parisaufenthalt 2009 und die Erfahrungen meiner Mutter und meiner Schwester, die beide schon mehrfach in Paris waren. So kam einiges an Wissen und Eindrücken zusammen, das mir geholfen hat, ein realistisches Bild der Stadt zu zeichnen. Es hat mir viel Spaß gemacht, die Schauplätze des Romans selbst vor Ort zu erkunden, und umgekehrt hat mich die Stadt auch zu einigem inspiriert, was in dieser Form nicht geplant war.
An Paris gefällt mir am besten, dass es so multikulturell und gleichzeitig typisch französisch ist. Außerdem findet man dort alle Klischees und die romantische Atmosphäre wieder, die man aus Filmen und Büchern kennt, und trotzdem ist es auch eine moderne und lebendige Stadt. Historische Bauten und stille Plätze existieren einträchtig neben Großstadtlärm und –hektik. Jeder kann hier genau das Paris finden, das er sucht.

Literatopia: Bei Deinem Roman meint man, die Sonne würde durch das Buch scheinen. So bildhaft und lebendig ist Deine Sprache. Hast Du vielleicht Deine gesammelten Photos zur Hilfe genommen oder entstanden alle Bilder vor Deinem inneren Auge?

Sarah Lukas: Beim Erkunden der Schauplätze habe ich mir tatsächlich Notizen und Photos gemacht, um mein Gedächtnis zu unterstützen. Aber ich glaube, dass das innere Auge letztlich das wichtigste Hilfsmittel ist, weil es aus den Eindrücken aller Sinne die Atmosphäre eines Orts zusammensetzt. Nur wenn es gelingt, mit Worten diese Stimmung eines Orts wiederzugeben, wird sich der Leser dort hinversetzt fühlen können.

Literatopia: Die ausführlichen Dialoge um die entsprechenden Bibelstellen zeugen von genauer Kenntnis. Beschäftigst Du Dich sehr viel mit Theologie bzw. spielt Religion bei Dir beruflich eine Rolle?

Sarah Lukas: Theologie bzw. Religionen ganz allgemein interessieren mich vor allem, um den großen Fragen nach Gut und Böse, dem Sinn des Lebens oder der Herkunft der Menschheit nachzugehen. Für den Roman habe ich viel zum Engel- und Dämonenbild der Bibel und der katholischen Kirche recherchiert, weil ich in diesem Fall sehr eng „am Original“ bleiben wollte. Es gibt ja auch sehr viel esoterisches Material über Engel, aber mir schien es reizvoller, mich auf das zu beschränken, was sich aus den Schriften aus biblischer Zeit und den späteren Ausführungen der Kirchenväter ableiten lässt. Dass diese Quellen schon widersprüchlich genug sind, um verschiedene Schlüsse zuzulassen, regt dazu an, sich eigene Gedanken zu machen.

Literatopia: Während des Romans wartet man als Leser die ganze Zeit darauf, welche besondere Mission Rafe zu erfüllen hat. Die Frage wird bis zum Ende nicht gänzlich geklärt. Ist einem als Leser dabei etwas entgangen oder ist vielleicht gar ein weiterer Roman geplant, der mehr über Rafe verrät?

Sarah Lukas: Gegen Ende deutet sich an, dass es Rafes Aufgabe ist, die Pläne des mächtigen Dämons Kafziel zu vereiteln, aber da es ihm selbst nicht bewusst ist, kann man es als Leser nur aus den Ereignissen schlussfolgern. Ich möchte hier nicht mehr verraten, um die Auflösung des ersten Bands nicht vorwegzunehmen. Allerdings arbeite ich bereits an der Fortsetzung, und in Band 2 wird sehr schnell deutlich, dass Kafziel nicht besiegt ist und er sein gefährliches Ziel weiter verfolgt.

Literatopia: Die Engel in Deinem Buch sind zu Dämonen geworden. Hast Du Dich dabei an den Geschichten über Luzifer und den Fall der Engel orientiert? Was fandest Du reizvoll daran, die Engel zu Dämonen werden zu lassen?

Sarah Lukas: Die Geschichten über den Fall der Engel waren für mich die größte Inspiration bei der Frage, welches Engelbild dem Roman zugrunde liegen soll. Da ich ganz eng an den biblischen Vorgaben bleiben wollte, lag es auf der Hand, dass es zwei Gruppen von Engeln gibt: Jene, die sich als Diener Gottes sehen und als „gute Engel“ gelten, obwohl sich das im Roman etwas relativiert, und jene, die gegen Gott aufbegehrt haben und nun als böse Kreaturen, als Dämonen bezeichnet werden. Eine Geschichte über ausschließlich gute Engel wäre mir einfach zu langweilig gewesen. Erst durch die Konfrontation und die Fragen, die sich daraus ergeben, wird es spannend. Wem kann man glauben? Wer verfolgt welches Ziel? Und – kann selbst ein Dämon überhaupt gegen Gottes Willen handeln?

Literatopia: Hatten Personen wie Jean Maric ein reales Vorbild? Bedienst Du Dich gerne an Charaktereigenschaften Deines Umfeldes für Deine Romanfiguren oder trennst Du beides lieber strickt? Welcher Charakter ist Dir besonders ans Herz gewachsen?

Sarah Lukas: Auch wenn das mein Umfeld erschrecken wird: Ja, ich bediene mich ständig bei realen Personen, wenn ich meine Figuren entwerfe! Eine strikte Trennung erscheint mir auch nicht nötig, denn es wird niemand 1:1 abgebildet, sodass niemand befürchten muss, wiedererkannt zu werden. Ich lasse mich nur von einzelnen Charakterzügen inspirieren, die sich dann zu neuen, ganz anderen Personen zusammensetzen. Jean Méric hat also mehrere reale Vorbilder, die ich zu einem Mann zusammengefügt habe, der genau die richtigen Voraussetzungen für diese Geschichte mitbringt.
Wer mir besonders ans Herz gewachsen ist? Hm, Jean Méric ist natürlich eine besonders tiefgründige Figur, mit der ich noch einiges vorhabe. Allein deshalb ist er mir schon wichtig. Dass man eine enge Beziehung zu seinen Hauptpersonen aufbaut, ist eigentlich selbstverständlich. Anders kann ich einen Roman gar nicht schreiben. Viel spannender finde ich, welche Nebenfiguren besonders viel Eigenleben entwickeln und wichtig werden. Da haben mir einige – wie zum Beispiel Lilyth – Aspekte gezeigt, die ich im zweiten Band weiter verfolgen will.

Literatopia: Engel sind dieses Jahr ein richtiges Trendthema. Es sind bereits einige Engeltitel erschienen, viele werden noch folgen. Glaubst Du, dieser Trend hat Deine Chancen auf die Veröffentlichung verbessert? Wie lange musstest Du nach einer Agentur suchen?

Sarah Lukas: Die Zusammenarbeit mit der Agentur hat sich schon lange vor dem Engeltrend ergeben, da ich auch an anderen Projekten arbeite. Aber: Obwohl ich schon länger über das Thema schreiben wollte, wäre der Engelroman aus meiner Feder wohl nicht so schnell Wirklichkeit geworden, wenn die Verlage diesen Trend nicht gewittert hätten. Manchmal muss der glückliche Zufall eben ein bisschen nachhelfen, damit etwas endlich Realität wird.

Literatopia: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Deiner Agentur? Welche Vorteile entstehen für Dich als Autorin, wenn Dir ein Agent / eine Agentin zur Seite steht? Und wie viel Einfluss hast Du darauf, wo und in welcher Form Dein Buch erscheint?

Sarah Lukas: Die Zusammenarbeit mit der Agentur ist vielfältig. Meine Agentin verkauft nicht nur meine Manuskripte, sondern führt auch die Vertragsverhandlungen, dient als Ansprechpartnerin für Verlage und Presse und vermittelt manchmal auch Lesungen. Sie nimmt mir dadurch viel Arbeit ab und erreicht durch ihre besseren Kontakte und ihr Fachwissen mehr, als ich allein erreichen könnte. Sie spricht aber alles mit mir ab, sodass es letztlich immer meine Entscheidung ist, ob ich ein Angebot eines Verlags annehme oder nicht. Ich habe durch die Agentur also nicht weniger Einfluss darauf, wo und in welcher Form meine Bücher erscheinen. Das ist nach wie vor davon abhängig, welcher Verlag Interesse hat und ob er den Roman als Hardcover oder Taschenbuch sehen will.

Literatopia: Laut Verlag sammelst Du Deine Ideen auf Bergwanderungen. Welche Gebirge hast Du schon durchwandert? Oder was genau inspiriert Dich in dieser Welt aus Felsen?

Sarah Lukas: Meine Bergwanderungen fanden vor allem in den Alpen statt. Von deutschen Mittelgebirgen abgesehen, war ich ansonsten bis jetzt nur im französischen Zentralmassiv und in den ungarischen Ausläufern der Karpaten unterwegs. Es gibt für mich also noch sehr viel zu entdecken! Ich empfinde die Natur als Ganzes sehr inspirierend, denn man kann dort lernen, genau hinzuschauen, alle Sinne zu benutzen, um Dinge zu entdecken, die einem sonst entgehen. Das ist sehr hilfreich, um beim Schreiben eine Atmosphäre entstehen zu lassen. Außerdem wird natürlich das Gehirn besonders gut durchblutet, wenn man sich bewegt, sodass ich beim Wandern gut nachdenken kann und mir dabei viele Ideen für meine Geschichten kommen.

Literatopia: Wann bist Du am kreativsten? Gehörst Du zu den Nachteulen, die bis in die frühen Morgenstunden schreiben? Arbeitest Du kontinuierlich an Deinen Romanen oder hast Du vielleicht regelrechte Schreibanfälle, bei denen am Tag 20-30 Seiten entstehen und dafür an anderen Tagen so gut wie nichts?

Sarah Lukas: Meine kreativsten Zeiten sind der Vormittag und der späte Nachmittag. Nachts habe ich zwar auch manchmal Geistesblitze, aber so richtig konzentriert arbeiten kann ich dann nicht. Ich sitze auch eher kontinuierlich an meinen Romanen. 20-30 Seiten an einem Tag würde ich niemals schaffen! Ich grübele viel zu lange über einzelnen Sätzen, bis sie mir richtig gefallen.

Literatopia: Wie viele fertige Romane liegen eigentlich in Deiner Schublade? Besteht die Möglichkeit, dass Du einer dieser Geschichten noch mal eine Chance gibst und sie überarbeitest? Oder war „Der Kuss des Engels“ Dein erster vollständiger Roman?

Sarah Lukas: Nein, „Der Kuss des Engels“ war nicht der erste Roman, den ich fertig geschrieben habe. Trotzdem liegt zur Zeit nur ein anderer in meiner Schublade, und der sollte wohl auch besser dort bleiben … Er war einfach noch zu unausgereift, und mittlerweile habe ich so viele andere Themen, die mich mehr interessieren, dass ich keinen Sinn darin sehe, dieses Manuskript zu überarbeiten. Lustigerweise kam darin aber auch ein Engel vor – obwohl es eine vollkommen fantasyfreie Story ist.

Literatopia: Was findest sich alles in Deinem Bücherregal? Auch eher Dark / Romantic Fantasy bzw. mythologische Romane? Oder vielleicht etwas ganz anderes Science-Fiction?

Sarah Lukas: In meinem Bücherregal finden sich tatsächlich sehr unterschiedliche Sachen. Das reicht von der umfangreichen Fachliteratur für die Recherche über Mystery, Fantasy, Science Fiction und andere Phantastik bis hin zu alten Klassikern, Historienromanen und Reiseberichten. Dazwischen finden sich noch ein paar Comics, Thriller und Familiensagas. Es ist wirklich eine sehr bunte Mischung.

Literatopia: Gibt es Bücher, bei denen Du Dir denkst: „Mensch, hätte ich doch diese Idee gehabt!“? Oder hattest Du schon einmal eine Idee, die Du verworfen hast, weil Du in der Buchhandlung einen Roman mit einer sehr ähnlichen Idee entdeckt hast?

Sarah Lukas: Hm, ein konkretes Beispiel fällt mir zwar nicht ein, weil es schon eine Weile her ist, aber es kam schon ein paar Mal vor, dass ich eine Idee aufgegeben oder stark verändert habe, weil ich entdeckt hatte, dass es schon einen Roman mit sehr ähnlicher Thematik gibt. Mittlerweile lasse ich mich davon nicht mehr so sehr beeindrucken wie früher, weil ich jetzt weiß, dass es eigentlich alles schon einmal in irgendeiner Form gegeben hat. Es kommt viel mehr darauf an, der Geschichte als Autor eine individuelle Prägung zu geben und eigene Schwerpunkte zu setzen. Zwei Schriftsteller werden dasselbe Thema nie exakt gleich bearbeiten, und es wird immer Leser geben, denen die Version des einen besser gefällt bzw. mehr zu sagen hat als die des anderen, weil Menschen so unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt haben.

Literatopia: Was wird uns in Zukunft von Dir erwarten? Wirst Du weiterhin über Engel schreiben oder hast Du bereits ganz andere Ideen parat?

Sarah Lukas: Also zunächst werde ich weiter über Engel schreiben, denn die Geschichte von Sophie, Rafael und Jean ist auf drei Bände angelegt. Ihnen stehen noch einige Schwierigkeiten, Gefahren und Verwicklungen bevor, bis sie ihre neuen Plätze in dieser Welt und darüber hinaus gefunden haben. Da mich diese beiden Romane noch eine ganze Weile beschäftigen werden, ist es noch zu früh, um jetzt schon zu überlegen, wie es danach weitergehen wird. Schauen wir mal, was mir die Engel bis dahin einflüstern ;-)

Literatopia: Vielen Dank für das Interview, Sarah!


Rezension zu "Der Kuss des Engels"


Dieses Interview wurde von Patricia Twellmann und Judith Gor für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

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