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Ende der Märchenstunde (Kathrin Hartmann)
Geschrieben von Sabine
Freitag, der 27. August 2010

Ende der Märchenstunde (Cover)

Blessing-Verlag (Oktober 2009)
Paperback, Klappenbroschur,
384 Seiten, € 16,95 [D] | € 17,50 [A]
ISBN: 978-3-89667-413-5

Genre: Sachbuch


Klappentext

Sie trinken Bionade, schwören auf Wellness und bevölkern die charmant sanierten Altbauwohnungen der Großstädte. Sie sind vermögend, gebildet und vor allem im Besitz des Rezeptes, wie man ohne jeden Verzicht die Welt verbessern kann, nämlich durch qualitätsbewussten, so genannten strategischen Konsum. Er soll die Unternehmen dazu bringen, nur noch umwelt- und sozialverträglich zu produzieren.

Doch welche wirklichen Verbesserungen hat dieser viel beschworene Bewusstseinswandel bisher herbeigeführt? Bilden die Lifestyle-Ökos überhaupt eine gesellschaftliche Bewegung wie einst die Öko-Rebellen, oder sind sie nur eine reine Stilgemeinschaft? Und welche sozialen Folgen wird es haben, wenn die LOHAS ihre Kinder vom Tage der Geburt an auf Lernerfolg und bewussten Bio-Genuss programmieren?

Mit hart recherchierten Fakten und bestechenden Analysen rückt Katrin Hartmann dem Glauben zu Leibe, allein durch das richtige Einkaufen, fern von allem politischem Engagement, schmerzfrei die Welt verändern zu können. Ebenso kritisch wie humorvoll beschreibt sie das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

Rezension

Am Anfang möchte man dieses Buch direkt wieder zuschlagen und weit hinten ins Regal stellen. Es strotzt nur so von einem überheblichen, sich echauffierenden Ton, dem man als Leser wenig entgegen zu setzen hat. Kathrin Hartmann enttarnt auf den ersten Seiten den Öko-Lifestyle und den später untersuchten strategischen Konsum als „ästhetische Kategorie“ und das ökologische Engagement einiger Unternehmen als „Green-Washing“. Was danach kommt, so scheint es zu Beginn, ist die reine Ausschmückung einer gefestigten These. Doch so einfach und starr ist die Lektüre dieses Buches nicht.

LOHAS, das sind Menschen mit einem „Lifestyle of Health and Sustainability“ (Lebensstil von Gesundheit und Nachhaltigkeit), stehen im Mittelpunkt dieses Sachbuchs: Wie sie einkaufen, arbeiten, sich entwickeln, zusammenrotten und erholen; ihre Verhaltensweisen, Einstellungen und Gefühle werden in diesem Buch unter die Lupe genommen. Ihr gutes Gewissen äußert sich im strategischen Konsum - also der Ansicht, dass dann mehr ökologisch nachhaltige Produkte angeboten werden, wenn genug von ihnen gekauft wird -, im Supermarkt stehen die LOHAS zwischen Fair-Trade-Kaffee und Bio-Tomate. Und genau da wird es interessant, weil Kathrin Hartmann doch nicht nur einen Lebensstil - ein relativ kleines Milieu innerhalb der Gesellschaft - kritisiert, sondern die ganze, sich entwickelnde Konsumkultur untersucht. Dabei beantwortet sie Fragen (und stellt neue) nach dem Unterschied zwischen dem „Fair Trade“- und dem „Bio“-Siegel, zeigt auf, dass Werbung den Marken ein bestimmtes Image verleiht. Und dass ein gutes Gewissen vor allem eins ist: teuer und deshalb exquisit, was durchaus Teil der LOHAS-Kultur ist. Hier geht es nämlich, so Hartmann, weniger darum, die Gesellschaft als Ganzes zu ändern, sondern vielmehr um die Abgrenzung zu denen, die anders konsumieren, die sich einen Einkauf im Bio-Supermarkt nicht leisten können. An diesem Punkt setzt ihre Kritik an, weshalb sie weniger den Konsumenten in die Pflicht nehmen will, sondern vielmehr die Politik und daran gekoppelt die Wirtschaft. Da was verkaufbar ist, auch angeboten wird, und sich besonders deutsche Konsumenten durch einen Hang zum günstigsten Produkt auszeichnen, meint Kathrin Hartmann, dass es Aufgabe der Politik ist, der Wirtschaft Regeln für faires und nachhaltiges Wirtschaften aufzuerlegen.

Kathrin Hartmann widmet sich einem Thema, dem Primat der Wirtschaft über die Politik, das in den vergangenen Jahren deutlich an Brisanz gewonnen hat. Sie fühlt damit am Zahn der Zeit, ohne ihn allerdings endgültig ziehen zu können. Das liegt vor allem daran, dass man während der weiteren Lektüre des Buches teilweise geneigt ist, es wieder zuzuschlagen und beiseite zu legen, weil die Autorin lose Fäden vorzeigt, die sich zunächst nur schwer verbinden lassen. Ohne jede Überleitung springt sie zwischen Themen hin und her, porträtiert Erdbeerfelder in Spanien, bewegt sich von Kinderarbeit über Sweatshops zu Bionade und Erziehung – und obwohl sie am Ende jedes Abschnitts den Bogen zurück zum „großen Ganzen“ schlägt, mutet das ständige Springen bald beliebig an. Es könnten hier noch mehr Geschichten erzählt werden, andere Schwerpunkte gesetzt, einige Kapitel weggelassen werden. So wirkt das Buch zwar nicht unvollständig, aber da manche Themen so kurz angeschnitten werden und unverbunden wirken, bekommt man am Ende den Eindruck, dass die Autorin einige Themen im Buch haben wollte, auch wenn sich das nicht recht ins Konzept einfügt.

Ein anderes Manko sind die laut Klappentext „hart recherchierten Fakten“: Blättert man während der Lektüre zum Literaturverzeichnis und versucht dabei nachzuvollziehen, woher die Informationen stammen, stößt man meist nur auf einen unverständlichen Link, der weder Aufschluss über den Inhalt der Seite noch beispielsweise über den Autoren der angegeben Online-Artikel gibt. So wirken die 430 Anmerkungen zwar wie ein Bollwerk an Recherche-Arbeit, das aber so schlecht aufgearbeitet ist, dass man sich mit den wenigsten Quellen weitergehend auseinander setzen möchte. Und das ist bei einem Buch wie diesem, das sich auf die Nase schreibt, „hart recherchiert“ und mit „bestechenden Recherchen“ gespickt zu sein, sehr schade. Denn dass hier viel(seitige) Recherche-Arbeit geleistet wurde, ist unverkennbar.

Fazit

Die Auseinandersetzung mit strategischem Konsum ist aktuell und brisant, sprachlich zwischen Biss und Polemik wie es auch das Magazin „Neon“ ist, für das die Autorin einige Zeit geschrieben hat. Am Ende liest man hier das Plädoyer für einen Staat, der sich formend einmischt, der Stellung bezieht und die Wirtschaft zwingt, nachhaltig zu wirtschaften. Vielleicht wird es Zeit, wieder mehr von „Menschen“ und „Bürgern“ und weniger von „Konsumenten“ und „Verbrauchern“ zu sprechen. Es wäre mit Sicherheit im Sinne der Autorin. Wer sich für diese Verbindung von Konsum und Nachhaltigkeit allerdings nicht interessiert, sollte die Finger von diesem Buch lassen.

Pro & Contra

+ vielseitige Auseinandersetzung
+ aktuelles Thema
+ regt zum Nachdenken an

- sehr polemischer Einstieg
- teils unklare Struktur

Wertung 4 Sterne

Inhalt: 4/5
Aktualität: 5/5
Verständlichkeit: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5

Zuletzt aktualisiert: Freitag, der 27. August 2010
 

Kommentare  

#1 Das Faschistoide an Utopien...Harald A. Friedl 2012-01-05 11:27
Die Kollegin Hartmann – sie ist wie ich selbst studierte Philosophin – vermittelt für mich jenen Typus von Analytiker, derentwegen ich der akademischen Philosophie den Rücken gekehrt habe: zu kritisieren und als falsch hinzustellen (was wichtig und richtig als Ausgangspunkt ist), ohne gangbare Alternativen anzubieten. Das erachte ich als in akademischen Kreisen zwar als bewährte, aber wenig hilfreiche Tradition, die letztlich enttäuscht. Was ich persönlich als Lehrender einer Fachhochschule (FH JOANNEUM, Bad Gleichenberg) in meinen Kernbereichen Tourismusethik und -soziologie, Nachhaltigkeit und Globalisierungs theorie heute lehre, ist darum nicht zuletzt Resultat eines langen persönlichen Versuchs- bzw. Such- und Lernprozesses im Ringen um konkrete, in der Praxis umsetzbare Strategien, operationalisie rbare Richtlinien. Hierin unterstützen mich häufig meine Studierenden mit wichtigen und fruchtbaren Rückmeldungen aus ihrer Lebenspraxis, aber auch mit wichtigen Fragen an mich hinsichtlich meiner eigenen Lebenspraxis. Zudem kann ich auf zwanzig Jahre Erfahrung als Reiseleiter auf nachhaltigkeits orientierten Reisen, als Entwickler solcher Reisen – und als deren Kritiker zurückblicken…
Frau Hartmann signalisiert mit ihrer Kritik eine Forderung nach der Praktizierung einer Utopie, ohne uns einen Plan zu geben, wie diese Utopie genau aussieht, geschweige denn, wo der Weg dorthin auf gangbare Weise verliefe und zu bewerkstelligen sei. Sie liefert auch keine selbst praktizierte Alternative – und die zahlreichen sozialen Schwierigkeiten und Grenzen, wie dies etwas ihr Journalistenkol lege Leo Hickman mit seinem „abenteuerliche n Versuch ethisch korrekt zu leben“ im Buch „fast nackt“ illustriert: Im Gegenteil, Hartmann bedient sich eines zutiefst der Welt der wohlhabenden LOHAS und somit der bildungsbefliss enen Konsumindustrie verbundenen, ja unterworfenen Mediums, des Buches, um sich ihre – höchst verständliche und schlüssige – Erschütterung von der Seele zu schreiben (denn auf analytischer Ebene ist ihr in vielerlei Hinsicht Recht zu geben!). Doch Menschen in Armut, ob in der sog. 3. Welt oder ob Hartz-IV-Empfän ger, lesen keine Bücher, sei es, weil sie nicht über die Prägung des Bildungskonsums verfügen, weil es ihnen am ökonomischen Zugang zu Büchern fehlt, weil sie – wie in der 3. Welt - nicht den politischen Zugang zu Büchern haben….
Aus meiner lebenslangen Frage heraus, warum Menschen handeln, wie sie handeln, und wie man sie dabei unterstützen könne, für sich selbst und ihre Umwelt (im Ganzheitlichen Sinn) „nachhaltiger“ (was immer das heißen mag) zu handeln, aus dieser Frage heraus habe ich das System der kybernetischen Ethik entwickelt, das die Aspekte der persönlichen Ressourcen mit jenen der gegebenen Rahmenbedingung en und dem der inneren Reaktion (Wohlbefinden? Prägung?... „Wille“?) darauf im Sinne eines dynamischen Rückkoppelungsm odells verknüpft: Handeln, Verhalten als Ausdruck eines Rückkoppelungsp rozesses…. die Welt ist kompliziert, vor allem aber können wir sie niemals so sehen, wie sie ist, sondern stets nur so, wie wir selbst sie in unserem Kopf wahrnehmen. Denn wenn es so einfach ginge, wie Hartmann es unterstellt, hätten es schon viele längst gemacht – auch ich. Man denke – neben Hickman – etwa an Henry David Thoreau, dem modernen Vater des zivilen Widerstandes und sein (letztlich gescheitertes) Experiment des Lebens außerhalb des Systems seiner Bezugszivilisat ion, beschrieben in „Walden oder Leben in den Wäldern“.
Für mich macht die Autorin den Eindruck einer wütenden, an den eigenen LOHAS-Utopien gescheiterten Rebellin, die nun ihre Wut auf das „System“ an jenen auslässt, die noch an die Existenz des „Guten“ glauben – glauben im Sinne von: Wenn ich das tue, handle ich richtig. Nur: Was bleibt, wenn ich keinen Glauben, keine Orientierung, kein Vertrauen mehr habe – außer Zynismus? Die RAF konnte unser konsumorientier tes System offensichtlich nicht ändern, wohl aber den Tod vieler Menschen verursachen…
Meine Hauptkritik an Hartmann richtet sich aber am von ihr vermittelten eindimensionale n Bild vom Menschen und auch dagegen, dass die vielfältigen sozialen Funktionen des Konsums als Kulturtechnik völlig ausgeblendet werden. Denn Konsum hat in unserer Kultur wesentlich auch mit Distinktion – also mit Abgrenzung, Selbstdefinitio n, Identitätsbildu ng - zu tun. „Ich konsumiere, also bin ich“ haben wir gelernt. Das ist absolut kritikwürdig, wenn auch nicht neu, aber darum immer noch aktuell. Nur: Wie kann ich auf eine Weise handeln, die ich nicht kenne??? Wie soll ich in einer Welt des Konsums nicht-konsumier en? Wie soll das gehen? Was ist Nicht-Konsum? (Dazu fand ich im Web den „Nicht-Konsum von Cannabis…“ und sonst fast nichts…)
Wie gesagt, in ihrer Analyse hat Hartmann in vielerlei Hinsicht Recht, nur die Grundannahmen sind in vielerlei Hinsicht problematisch. So stellt sich die Grundfrage, welchen Sinn, welche Funktion etwa Utopien haben oder haben sollen oder sogar dürfen? Im Faschismus und Stalinismus oder unter Pol Pot führte die radikale Umsetzung von Utopien zu massenhafter Vernichtung von Menschen (aber auch unter dem Diktat des Kapitalismus, der Utopie des Wohlstands für alle mittels maximalen Profits). Dies zeigt, dass der Versuch der konsequenten! Umsetzung von Utopien stets faschistoide Züge in sich trägt (Paul Watzlawick nannte dies die sog. „Patend-Lösung“ ) und zumeist so kontraproduktiv en Effekten führt. Und dies gilt auch für Nachhaltigkeit, weil eine radikale Forderung der Umsetzung von Nachhaltigkeit für sich beansprucht die Wahrheit darüber zu besitzen, was Nachhaltigkeit sei, und wie sie zu umzusetzen sei – also eine Nachhaltigkeits -Moral. Wer das aber behauptet, beansprucht für sich – analog zum Papst – das Unfehlbarkeitsd ogma.
Also, was ist überhaupt Nachhaltigkeit, was ist das „Gute“, was ist Gerechtigkeit? Gibt es dafür vom Papst abgesegnete Definitionen? Für mich hat Nachhaltigkeit mit Lebensfreude zu tun, nicht mit Verbissenheit… Ich etwa verstehe Nachhaltigkeit im Sinne eines holistischen Verständnisses einer zukunftsfähigen Lebensweise:
• Wie geht man miteinander um (ethischer bzw. soziokulturelle r und politischer Aspekt),
• um auf welche Weise welche Ressourcen (ökologischer Aspekt)
• zur Bewerkstelligun g des Umgangs miteinander in Wert zu setzen (ökonomischer Aspekt)
• um dauerhaft ein gesundes Leben führen zu können (spiritueller bzw. Sinn-Aspekt).

Andere Grundfragen drehen sich für mich darum, was überhaupt der Mensch sei (Hartmann beschwört noch das überkommene cartesianische Menschenbild des Vernunftswesens anstelle des aus Sicht der Neurobiologie plausibleren Bildes des emotionalen Wesens)?
Und wie lässt sich ein komplexes, politisch-demok ratisches System, das auf „freier“ Willensbildung (und was soll das sein?) und somit auf dem Primat der Bedürfnisentwic klungen beruht, anders beeinflussen als durch Sprachen und Instrumente eben dieses Systems? Im Fall der Autorin scheint das artikulierte Bedürfnis der Genuss am Ekel vor Genuss zu sein… der gleichfalls legitim und sinnvoll ist.

Fazit: Das Buch ruft in mir die prägnant formulierte Kritik von Christoph Hennigs Geschichte der Tourismuskritik wach, die er treffend „Touristenbesch impfung“ nannte (in: Reiselust, 1997). Hartmann wiederholt letztlich die altbewährte Kritik der Elite am Umstand, dass ihr ihre privilegierte Position von „niedereren Schichten“ streitig gemacht werde. Diese Praxis hat gute Tradition: Früher wurden die Bürger von den Intellektuellen – also von den Profiteuren des Wirtschaftswach stums (denn Nomaden können sich keine Philosophen leisten…) - beschimpft, dass sie, die Bürger, das falsche konsumieren, heute werden sie beschimpft, dass sie überhaupt konsumieren. Was aber würden diese Philosophen schimpfen, wenn ihre Beschimpften alle zu Philosophen würden (welcher Albtraum…)? Es wäre eine traurige, verbitterte, langweilige Welt – mit nichts zum Schimpfen, nichts zum Tanzen, nichts zum Saufen, Lachen, Kritisieren, Weltverbessern… und vor allem mit keinen potenziellen Konsumenten, die Bücher wie jenes von Kathrin Hartmann kaufen. Denn Nomaden schreiben keine Bücher…

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