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Oliver Uschmann (27.09.2010)
Geschrieben von Judith
Montag, der 27. September 2010
Interview mit Oliver Uschmann

Literatopia: Guten Tag Herr Uschmann. Ihr neues Buch „Feindesland“ soll „eine Achterbahnfahrt durch den Wahnsinn unserer Republik“ sein. Könnten Sie uns bitte die Höhen und Tiefen des Werkes schildern?

Oliver Uschmann: Bergauf geht es immer dann, wenn meine Figuren ihrer Schaffenskraft freien Lauf lassen. Das tun sie, auch wenn die Umstände widrig sind. Sie erschaffen eine eigene Firma, als sie aufgrund mieser Bezahlung und moralisch nicht vertretbarer Aufträge aus einer Werbeagentur aussteigen. Sie erschaffen ein Kind und gehen während der Schwangerschaft zum Wehensingen. Sie wollen eigentlich nur das Leben kreativer, schwungvoller Bürger leben. Aber: Es lässt sie keiner. Die Unterwelt nimmt sich heraus, Schutzgeld zu fordern, die Halbstarken nehmen sich heraus, sie zu demütigen und zu attackieren und die „neue Regierung“ nimmt sich heraus, ein fatales Gesetz nach dem anderen zu erfinden, das „nur zum Besten“ aller gedacht ist, aber das Schlechteste bewirkt, was man sich vorstellen kann. Wo man die freien Bürger nicht in Ruhe machen lässt, geht es immer tiefer bergab, bis hin zum tragischen Ende, das in einem „Hartmut und ich“-Roman niemand erwartet hat.

Literatopia: Wie sahen eigentlich die Anfänge von „Hartmut und ich“ aus? Woher stammt die Idee? Gibt es vielleicht eine unterhaltsame Anekdote dazu, die Sie uns erzählen würden?

Oliver Uschmann: „Hartmut und ich“ nahm seinen Anfang in einer kleinen Wohnung in Bochum, die ich bezog, nachdem ich die reale WG, die Vorbild für die ersten beiden Romane war, erschöpft aufgelöst hatte. Meine damalige Freundin, Muse, heutige Ehefrau und Co-Schöpferin der Hui-Welt, Sylvia Witt, öffnete mir die Augen dafür, dass gute Kunst nur entsteht, wo man während des Machens nicht an das Publikum oder die Professoren denkt. Diese spielerische Leichtigkeit war mir völlig abhanden gekommen. Eines Tages schrieb ich dann auf Sylvias Anregung hin eine Geschichte endlich mal wieder nur für mich und für sie. Ohne Druck. Eine kurze Episode über einen manischen Mann, der die Philosophie Adornos während seines Studiums so ernst genommen hat, dass er verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, „Nein“ zu sagen, ohne doch wieder aus seinem Protest eine berechenbare Ware zu machen. Das war die erste Hui-Story, „Der Nein-Sager“, veröffentlicht nur auf der Webseite des Hamburger Macht e.V. im Rahmen der „Jägermeisterschaft“. Die zweite war „Notstand“, in welcher Hartmut der Nachbarschaft Strom und Wasser abstellt, um eine neue, solidarische Gesellschaft zu erzwingen, was darin endet, dass die Menschen um 4 Uhr nachts mit Flakgeschützen durch die Gegend schießen, alles plündern und in Geräteschuppen der Promiskuität nachgehen. Diese fatalistische Satire bescherte mir aus dem Stand den Short-Story-Literatur-Preis von Leverkusen. Um 11 Uhr vormittags nahm ich ihn entgegen, anwesend die Jury, Sylvia und ein obskurer Lokaljournalist. Keine Häppchen. Kein Empfang. Keine großen Reden. Nur Halogenlampen und Schnauzbärte. Es war wundervoll.

Literatopia: Inzwischen haben sich einige „Hartmut und ich“-Romane angesammelt. Was sind die Leitthemen, die in allen Büchern immer wieder auftreten? Und war von Anfang an geplant, dass es mehrere Titel geben wird?

Oliver Uschmann: Es war geplant, dass es weitergehen sollte, falls der Verlag das möchte. Und wie wir sehen, mochte er nicht nur, sondern lässt mir auch künstlerische Freiheiten, die in der Unterhaltung alles andere als selbstverständlich sind. Als Leitthema schält sich mittlerweile die Frage heraus, wie zur Hölle man in dieser Welt überhaupt gut und richtig leben kann. Hartmut ist stetig auf der Suche nach einem Weg. Er hat ja sogar anlässlich der Ausstellung „Ab ins Buch!“, die dieses Jahr auf dem Kulturgut Haus Nottbeck zur Hui-Welt stattfand, eine kleine „Lebensfibel“ verfasst, aus der ich weiterhin gerne auf Lesungen zitiere. Dort drinnen finden sich die Prinzipien, die er nach all den Jahren und Kämpfen als unumstößlich wahr herausgefiltert hat. Dinge wie „Sei langsam“, „Sei unmodern“ oder „Sei uncool“. Hartmut und seine Freunde kämpfen gegen Bevormundung und Zeitgeist. Sie sind trotzig und eigensinnig, immens loyal zueinander und ideologisch nicht berechenbar. Die Romane entlarven und karikieren das Absurdistan der Politik und Bürokratie, aber auch die totalitären Elemente, die sich dort verbergen, wo Dauerjugendliche mit iPads und Kaffeeautomaten im „Feindesland“ das „BürgerVZ“ und eine neue Volksüberwachung entwerfen. Sie entdecken das Unterdrückerische überall, auch dort, wo es als Gutmenschlichkeit verkleidet ist. Hartmut ist Aufklärer, weiß aber auch, dass die reine Ratio zu Ölbohrlöchern und chirurgischen Bombenangriffen führt. Der rote Faden der Hui-Romane ist nicht rot, sondern gelbgrün mit einem guten Schuss Blau für das Spielerische und das Kindliche, nicht das Kindische.

Literatopia: Haben Sie ein persönliches Lieblingsbuch unter den Hui-Büchern? Und sind Sie immer noch mit allen Werken zufrieden oder ist da doch manchmal der Gedanke: „Das und das hätte ich aus heutiger Sicht anders geschrieben“?

Oliver Uschmann: Ich muss jetzt fünf Euro in das Phrasenschwein zahlen, aber es ist halt einfach wahr: Romane sind wie Kinder. Man geht mit ihnen schwanger, sie kommen, wann sie es wollen und sie geraten eben genau so, wie sie zum Zeitpunkt ihres Entstehens geraten mussten. Sind sie dann in der Welt, gehen sie ihren eigenen Weg und entwickeln sich dabei so, wie es die Live-Auftritte, das Publikum oder die Umsetzungen als Hörbuch oder Theaterstück wollen. Alle habe ich dementsprechend lieb für genau das, was sie sind: Momentaufnahmen ihrer Geburtszeit. Würde ich sie heute noch mal schreiben, sähen sie ausnahmslos etwas anders aus. Es gibt keine vollendeten Werke, es gibt nur Abgabetermine oder Schlusspunkte, die man sich selber setzt. Wenn das Kind kommt, kommt es. Atmosphärisch ist mir „Wandelgermanen“ am liebsten, da ich darin so tief in eine surreale, ländliche Kulisse abtauche. Politisch und dramaturgisch ist „Feindesland“ am stärksten, biografisch liegt mir „Hartmut und ich“ am nächsten, da es am engsten mit meiner eigenen WG-Zeit verknüpft ist. „Voll beschäftigt“ hatte mit dem „Institut für Dequalifikation“ die stärkste Einzel-Idee, was man auch daran sehen kann, dass die Theater-Adaption von „Hartmut und ich“ aus der Feder von Matthias Nadler und der Studiobühne Erlangen dieses Institut als Haupt-Handlungsstrang wählt. Auf dem Plakat zu ihrem wunderbaren Stück, das im Sommer 2010 aufgeführt wurde, ist ein ikonisches Studentenmännchen abgebildet, das sein Diplom verbrennt. „MURP!“ ist als Hybrid aus Roman und satirischem Manifest formal der schwächste und eigentlich auch viel zu lang, aber selbst das muss sein, da das Buch ja davon handelt, sich zu verzetteln. Sie sehen, ich kann kein Kind klar bevorzugen.

Literatopia: Wenn man so viele Hui-Bücher geschrieben hat - Können Sie sich jetzt noch ein Leben ohne „Hartmut und ich“ vorstellen?

Oliver Uschmann: Nein. Meine Frau und ich gedenken, diese Welt noch bis ins hohe Alter fortzuführen, selbst dann, wenn Teil 45 („Luftnot. Hartmut und ich in der Marskolonie“) und Teil 46 („Rock’n’Roll mit den Raptoren. Hartmut und ich in der Steinzeit“) nur noch als Eigendrucke erscheinen. Wobei die in unserem hohen Alter wahrscheinlich als Eigen-Dateien erscheinen, die wir dann aus unserem Büro als Hirn-App direkt in die Köpfe der Abonnenten senden.

Literatopia: Die „Wandelgermanen“ gibt es unter anderem auch als Hörbuch. Waren Sie an der Produktion beteiligt? Und kennen Sie den Sprecher? Oder waren Sie eher außen vor, was das Hörbuch angeht?

Oliver Uschmann: Der Schauspieler und Comedian Ingo Naujoks hat für Patmos Audio insgesamt die „Wandelgermanen“, „Hartmut und ich“ und „MURP!“ als Hörbücher eingelesen, wobei bei letzterem sogar noch zusätzlich bekannte Synchronsprecher wie K.Dieter Klebsch („Dr. House“) als Überraschung auftauchen. Ich habe diese Aufnahmen in Berlin als Regie-Assistent begleitet und bin mit den erfahrenen Männern jede Nacht auf der glitzernden Piste gewesen. Nachts wurden die Stimmen rau gesoffen, wir prügelten uns an den Kanälen mit groben Männern, snifften im Adlon mit gastierenden Rockmusikern Schnee von der Anrichte und sangen Arm in Arm bei Mondlicht das Spätwerk von Johnny Cash über die Spree. Nein, das ist natürlich geflunkert. In Wirklichkeit hat Ingo im Feinripp-Unterhemd und unter dem Genuss vieler Bananen und Wasserflaschen konzentriert und amüsiert diese Romane eingelesen und sich immer wieder dabei kaputtgelacht. Wir kennen uns nur von Mails, aber ich bin froh, dass und wie er es gemacht hat, da ich Profis und ihre Fähigkeiten zu schätzen weiß. Ich selbst hatte mich 2006 an der Hörbuchumsetzung von „Voll beschäftigt“ versucht, die als 6-CD-Komplettlesung bei Mundraub erschien, musste aber feststellen, dass ich im Studio nicht so gut bin wie auf einer Live-Bühne. Ich bin halt kein Schauspieler. Ich klinge immer wie Uschmann, egal, welche Figur gerade spricht.

Literatopia: Sie haben ja neben den Hui-Büchern auch ein Jugendbuch und einen Ratgeber geschrieben. Planen Sie, auch einmal in anderen Genres (z. B. Horror oder Fantasy) zu schreiben?

Oliver Uschmann: Ich plane nicht. Ich weiß ja so kaum, wie ich diese ganzen Bücher hinbekomme. Ich wundere mich selbst regelmäßig, wenn ich bei Amazon stöbere und wieder ein neues Uschmann-Buch finde. Schaue ich mir meinen Alltag an, frage ich mich, wann die überhaupt entstehen, denn ab 9 Uhr ist der Tag im Grunde gelaufen. Da setze ich an, schreibe einen Satz wie „Hartmut betritt den Raum“ und dann klingelt es das erste Mal an der Tür. Hermes, ein Paket für die Nachbarn direkt gegenüber. Ich nehme es an, setze mich wieder hin, schreibe „Hartmut sagt…“, und dann klingelt das Telefon und die Telekom will mir schon wieder das Internet verkaufen. Danach kommt GLS, für die Nachbarn schräg gegenüber. Dann knatscht die Katze, sie will raus. Ich gehe mit, spreche den dritten Satz auf ein Diktiergerät, passe einen Moment nicht auf und verbringe die nächsten 60 Minuten damit, die Katze aus dem Rapsfeld zu holen. Abgesehen davon passiert es häufig, dass, wenn es zum Beispiel zwei laufende Verträge für Romane gibt und der zweite erst ein Jahr später abgegeben werden müsste, der zweite trotzdem zuerst verfasst wird, weil meine Frau und ich eben damit schwanger gehen. Es ist dieser Plot, an den wir dann seit Wochen denken. Dieser Text, der zuerst aufs Papier will. Möglich ist dann alles, jedes Genre, jede Art von Buch.

Literatopia: Auf Ihrer Homepage gibt es neben allerhand Informationen zu Ihren Büchern auch Rubriken für Videos, exklusive Stories, Bilder und vieles mehr – wie wichtig ist Ihnen ein gelungener Webauftritt? Und wie hoch schätzen Sie die Bedeutung des Internets für Autoren im 21. Jahrhundert ein?

Oliver Uschmann: Da muss man unterscheiden. Ein eigener Webauftritt wie http://www.hartmut-und-ich.de oder http://www.wandelgermanen.de ist ein Werk. Er hat seine Ästhetik, seine Haptik, seinen Charakter. Profile bei sozialen Netzwerken wie MySpace oder Facebook wiederum und die ganzen alltäglichen Ablenkungsmanöver aus News, Blogeinträgen, Updates und Mails sind Zeitdiebe und Energievampire der ganz bösen Sorte. Wer sie nicht zähmen und tatsächlich nur als Werkzeug nutzen kann wie eine physische Bibliothek an der Uni, geht darin unter. So vieles wird nur gemeldet, damit etwas gemeldet werden kann. So vieles wir nur gelesen und angeklickt, weil man sich ablenken lässt wie ein Kleinkind nicht die Eier im Sack hat, die gerade angefangene Aufgabe einfach mal zu Ende zu machen. Da ist es ein guter Vorwand, „erst mal“ kurz zu gucken, „was los ist“ oder „eben schnell“ die 257 offenen Mails zu beantworten. Es hat aber auch Vorteile. Schreiben Sie heute jemandem einen echten, physischen Brief, bekommt das durch den Kontrast zur digitalen Konvention eine ganz andere Gewichtung als früher. Sie haben sofort die Aufmerksamkeit, die sie niemals hätten, wenn ihre elektronische Post als 52. Mail des Tages „irgendwie im Outlook untergegangen“ ist, weil sie genau zwischen den neuesten Empfehlungen für geilen Parkplatzsex in der Nähe und der in unleserlichem Deutsch verfassten Meldung aus Afrika landete, dass man in Tansania ein 3-Milliarden-Erbe antreten darf, wenn man nur jetzt auf diesen Link klickt.

 

(Hui-Badezimmer)


Literatopia: In Ihrem MySpace-Profil sind bei den Helden nur ein paar Autoren angegeben, dafür aber u.a. fiktionale Charaktere wie der Anwalt Alan Shore aus der Serie „Boston Legal“, der zynische-geniale Arzt „Dr. House“ oder die Martial-Arts-Kämpfer Suan Paredes und Frank Dux aus dem Film „Bloodsport“. Was soll uns das sagen?

Oliver Uschmann: Nun, ich finde schön, das Sie das fragen! Endlich Mal! Das soll Ihnen zum einen sagen, dass ich der Überzeugung bin, dass diese „fiktionalen“ Welten irgendwo auf einer anderen dimensionalen Ebene wahr sind, weil alles wahr ist, was jemals jemand erschaffen hat. Zum anderen ist meine öffentliche Bewunderung für diese ebenso schwierigen wie offensiven wie je nachdem intellektuell oder körperlich knochenharten Männer eine kleine Geste für den echten Kerl in einer Zeit, in der es entweder nur dumme Machos oder dauerjugendliche Kinder gibt, die mit 35 noch „Kinder Bueno“ essen oder sich mit Hilfe suchendem Hundeblick von einer Versicherung wünschen, dass sie sie gefälligst nicht verunsichert. Ein echter Mann ist nicht so. Ein echter Mann isst Pommes aus einer Bude, die 50% Luftfettfeuchtigkeit hat und gräbt sich durch 200 Seiten Kleingedrucktes so, wie er sich beim Studium auch durch die „Ästhetische Theorie“ gequält hat. Dann zeigt er auf Seite 137 auf eine Klausel und sagt, das könne er nicht so unterschreiben, bis der Vertreter blass im Gesicht wird. So handelt ein Mann. Auf der Playstation benutzt er schließlich auch keinen Schummelcode, um unverwundbar durch das Schlachtfeld nach Hause getragen zu werden.

Literatopia: Sie haben bereits als Kulturveranstalter gearbeitet. „Kultur“ ist ja ein weiter Begriff, welche Veranstaltungen fielen in Ihr Fachgebiet? Und konnten Sie Ihre Erfahrungen in Ihren Büchern verwenden?

Oliver Uschmann: Ich habe an der Uni Bochum mit der Initiative Treibgut Lesungen veranstaltet und als Fanziner und Punkrocksänger auch mal ein kleines Festival auf die Beine gestellt, dessen Erlöse an ein Obdachlosenmagazin gingen. Der wahre Grund war freilich, dass meine eigene, grottenschlechte Band auch mal einen Auftritt haben sollte. Die Lesungen waren großartig, da ich durch sie Autoren wie Michael Weins, Björn Kern oder Sven Amtsberg kennen lernte, deren Bücher ich bis heute zu den besten der deutschen Gegenwartsliteratur zähle und mit denen ich auf die ein oder andere Art weiterhin Kontakt halte. Die Erfahrungen aus dieser Zeit sind alle schreiberisch-handwerklicher Art, außerdem habe ich mich selbst früh als Bühnenautor geübt und die Hui-Geschichten lange vor dem Druck am lebenden Objekt getestet.

Literatopia: Inzwischen arbeiten Sie als Dozent und Redakteur. Bereitet es Ihnen große Freude, jungen Menschen etwas zu lehren? Und lässt sich die Arbeit als Redakteur gut mit dem kreativen Schreiben vereinen? Oder wird der Blick aufs eigene Werk irgendwann zu kritisch?

Oliver Uschmann: Das Entdecken von Schreibtalenten und das Vermitteln von Handwerkszeug, das immer wieder dazu führt, dass sich bei den Teilnehmern in den Dachkammern alter Getreidemühlen oder den Nebengebäuden der Uni plötzlich Schreibblockaden lösen oder Leute wirklich inspiriert sind, ihr Leben als Schriftsteller zu bestreiten – das ist wunderbar, ein Lebenselixier. Jeden Tag beantworten meine Frau und ich Post, die über unser Angebot http://www.wortguru. zu uns kommt. Zwei Autoren habe ich bereits entdeckt und über meinen Agenten an Verlage vermittelt und zu ihrer ersten echten Veröffentlichung gebracht. Damit haben wir bereits mehr Menschen zu einer Perspektive verholfen als die Arbeitsagentur, jedenfalls so weit mir bekannt ist. Und wir sind nur zu zweit. Der Blick aufs eigene Werk ist durch Teamwork und Übung und gute Lektoren bei den Verlagen mittlerweile von angemessener Urteilskraft geprägt. Und eben von der relaxten Reife zu wissen, dass es keine Vollendung, sondern nur eine Beendung gibt. de

Literatopia: Als Autor sollte man ein dickes Fell besitzen und gegen Kritik gewappnet sein. Regen Sie sich trotzdem manchmal über offensichtlich ungerechtfertigte Kritik auf? Und was spornt Sie mehr an – fundierte Kritik oder lobende Worte?

Oliver Uschmann: Beides. Lobende Worte spornen mich dann an, wenn sie nicht oberflächlich sind, sondern mir Leser am konkreten Detail aufzeigen, wie sehr eines der Bücher ihren Nerv getroffen oder ihr Leben verändert hat. Die schreiben mir dann tatsächlich glaubhaft, dass sie durch Hartmuts Haltung irgendwie befreit wurden und die Dinge nun anders anpacken. Junge Menschen finden in meinen Romanen für Script 5 mit den jugendlichen Protagonisten viel Trost in der Feststellung, dass nicht nur sie alleine so merkwürdig zu sein scheinen, wie sie glaubten. Wenn man merkt, dass man mit seinen Romanen genau das getroffen hat, was die Leute für komplett eigen und intim und unausdrückbar gehalten haben und die einem das dann sagen, dann ist das mehr Wert als jedes Honorar. Handwerklich fundierte Kritik spornt mich sportlich an. Gehässige Kritik amüsiert mich nur noch, weil sie ja bloß den Kritiker entlarvt. Gehässigkeit speist sich ja grundsätzlich nur aus den Quellen Neid, ideologischer Eifer oder Vergleich von Äpfeln mit Birnen zum Zwecke der eigenen Erhöhung als Birnenexperte.

Literatopia: Wie sind Sie eigentlich zur Literatur und zum Schreiben gekommen? War das Interesse bereits in der Kindheit da oder hat es sich erst später entwickelt?

Oliver Uschmann: Das war immer schon da. Mit 12 habe ich meine ersten Artikel zu Platten und Videospielen verfasst. Mit 14 schrieb ich im Wohnwagen meiner Großeltern einen Sommer lang ein Schulheft mit dem Beginn eines Mystery-Romans voll. Ich habe die Welt, seit ich denken kann, immer nur in Form von Geschichten oder journalistischen Artikeln verarbeitet. Liefen fünf neue Songs im Radio, habe ich beim Sonntagskaffee dazu auf liniertem Papier fünf kurze Kritiken verfasst, komplett mit einer Wertung von einem bis sechs Sterne, wie es damals im Musikexpress üblich war. Als Kind ließ ich mir im Spielwarenladen eine obskure, billige, aus Plastik nachgestellte Kraterlandschaft kaufen, weil ich mir vorstellte, wie auf genau diesem Planeten, fern in einem dunklen Sternenhaufen, meine eigene Mythologie der Masters Of The Universe beginnen solle. Hier, zwischen den Kratern, würde die Urszene der Saga nach Uschmann spielen, hier ließ ich Skeletor das erste Mal auftauchen. In einer Art Prolog sprach er mit einem anderen dunklen Wesen und legte den Grundstein für sein späteres Werk. Das musste ich unbedingt spielen, diesen Prolog, auf dieser Plastikkulisse. Ich war auch nie allein. Keinen Schulweg durch den Stadtwald habe ich bestritten, ohne Dialoge mit imaginären Begleitern zu führen, die damals noch nicht Hartmut hießen. Da guckten die Gassigeher.

Literatopia: Haben Sie beim Schreiben ein bestimmtes Ritual? Schreiben Sie beispielsweise vorzugsweise abends oder an einem bestimmten Ort?

Oliver Uschmann: Wenn die Romanschwangerschaft beginnt, entwerfe ich gemeinsam mit Sylvia den Plot, die Pointen und die Charaktere, wo wir halt gerade sind. Auf der Terrasse, im Auto, beim Spazierengehen. Dann schreiben wir eine Szenenfolge mit den wichtigsten Wendepunkten so grob wie möglich und so genau wie nötig. Dann geht’s ans Schreiben, mal allein und mal zu zweit, je nach Erzählung und Roman, es geht ja mittlerweile los, dass die ersten Storys auch endlich unter unser beider Namen erscheinen. War die Vorarbeit gut, kann das Aufschreiben selbst recht schnell gehen. Meistens zieht dann in den Herbst- und Wintermonaten der Wahnsinn bei uns ein und während draußen der erste Schnee fällt, flackert bei uns im Haus ein schreiberisches Mündungsfeuer auf, das nicht eher nachlässt, bis wieder ein Manuskript fertig ist. Kleinere Passagen oder Texte für die Webseiten verfasse ich gerne auf Rasthöfen und in Hotelzimmern.

Literatopia: Das Schreiben kann manchmal ganz schön frustrierend sein, vor allem, wenn mal die Ideen ausbleiben. Was tun Sie, wenn das Blatt einmal leer bleibt? Und ist das Schreiben eher Arbeit oder Vergnügen für Sie?

Oliver Uschmann: Die Ideen bleiben bei uns nie aus, das ist einfach so. Wir haben sogar zu viel davon, wir könnten manche davon auf eBay stellen. Leer bleibt das Blatt nur dann, wenn man nicht genau weiß, wie man die konkrete Szene, die bereits als Film im Kopf abläuft, nun exakt Satz für Satz inszenieren soll. Da hilft dann wieder das gemeinsame Besprechen. Oder eine warme Wanne. Oder eine Runde Ballerei auf der Playstation. Oder 60 Minuten ins Rapsfeld, die Katze suchen.

Literatopia: Was lesen Sie persönlich gerne? Tummeln sich verschiedenste Genres in Ihrem Bücherregal oder haben Sie bestimmte Vorlieben?

Oliver Uschmann: Meine Lieblingsautoren kombinieren entweder einen surreal angehauchten, lakonischen Humor mit einer präzisen Sprache (Franz Kafka, Michael Weins, Terry Pratchett, Sven Regener), machen das ganz große Kopfkino auf (Stephen King, Joanne K. Rowling, Michael Grant), sind tiefsinnige bis übermütige Klassiker (Friedrich Nietzsche, Thomas Mann, E.T.A. Hoffmann) oder entstammen der spielerischen wie gleichnishaften Größe des weisen Kinderbuchs (Astrid Lindgren, René Goscinny oder die „Maus mit der doppelten Schwanzspitze“ von meiner eigenen Frau, die ich eines Tages in einer Messenacht an einen Pixar-Scout verkaufen werde, weil sie als Film in meinem Kopf schon abläuft).

Literatopia: Wird es auch 2011 mit „Hartmut und ich“ weitergehen? Ist überhaupt abzusehen, wie viele Bücher es über die Männer-WG geben wird? Was können die Leser darüber hinaus von Ihnen erwarten?

Oliver Uschmann: Im Herbst 2011 erscheint der sechste Hui-Roman, der wieder mal anders als alle anderen wird, vor allem formal. Im Frühjahr bringe ich bei Script 5 meinen zweiten Roman für junge Erwachsene raus, eine knallharte, aber motivierende Geschichte über einen völlig verkorksten Teenager, der durch eine Erpressung dazu gezwungen wird, sein Leben in die Hand zu nehmen. Ein Roman, dessen „Held“ zunächst ein Bösewicht ist, einer der mobbt und schlägt und trinkt und die ganze männliche Abwärtsspirale geht. Hartmuts Welt geht, wie oben angedeutet, ewig weiter.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

 

 


Fotos und Hui-Badezimmer: Copyright by Silvia Witt

Ein herzliches Dank geht außerdem an unsere Forenuserin Lilith, die sich an der Gestaltung des Interviews beteiligt hat.


Dieses Interview wurde von Judith Gor für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.
Zuletzt aktualisiert: Montag, der 27. September 2010
 

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