Donnerstag, 17. Oktober 2019

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Hey Sniffu, ich gebe dir absolut recht. Vielleicht hätte ich die Hörbuchfassung erwähnen sollen. ABER ...

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Wahre Märchen (Annie Bertram)
Geschrieben von Judith
Dienstag, der 13. Januar 2009

UBooks (1. Auflage August 2008)
Hardcover, 144 Seiten
17.95 EUR
ISBN: 9783866080942

Genre: Dunkles  Märchenbuch



Rezension

Der Titel mag trügen, denn "Wahre" Märchen erwarten den geneigten Leser nicht in diesem Werk – eher düsterphantastische bis morbide Versionen bekannter Märchengeschichten wie „Schneewittchen“ und „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Elf Texte von neun Autoren erstrahlen hier in neuem, teils schwarzem Glanz, wobei die einen Neuinterpretationen mehr als die anderen überzeugen.

Die einzige „wahre“ Geschichte könnte „Der Schneekönig“ sein – hier hat es Jana Krivanek geschafft, das Krankheitsbild der Schizophrenie korrekt aufzugreifen und verschont den Leser mit der leidigen multiplen Persönlichkeit. Stattdessen taucht man ein in die Psyche einer jungen Frau, die sich mit der Liebe zu ihrem Bruder, der ihr Schneekönig ist, in eine Märchenwelt träumt und dabei die traurige Realität nicht mehr wahrnimmt. Diese Neuinterpretation ist mehr als interessant und durch und durch gelungen.

„Rotkäppchen“ von Nicolaus Equiamicus („Die Geisterwelt“) schlägt einen eher klassischen Weg ein. Die Ähnlichkeiten zum Original sind deutlich erkennbar, doch driftet die kleine Geschichte mit jedem Wort in gefährliche Dunkelheit, die sich in einem brutalen Finale offenbart. Sicher keine Gutenachtgeschichte für Kinder – für Erwachsene hingegen ein düsteres Märchen mit bedrohlicher Atmosphäre, die zu begeistern vermag.

Auch Dirk Bernemann („Ich hab die Unschuld kotzen sehen“) steuerte zwei Texte bei – wohlbemerkt welche, die zum Stil des Autors passen. Da ist „Dornröschen“ das Kind von ach so seriösen Pädagogen, die sich an der Taufe des kleinen Mädchens ein letztes Mal in einem Drogenrausch sondergleichen verlieren und „Hänsel und Gretel“ gelangen vom Plattenbau direkt ins Zombiekinderheim, wo sich die Schwestern schon auf die nächste Mahlzeit freuen. Stilistisch unverblümt bietet Dirk Bernemann seine „krassen“ Märchenversionen dar und polarisiert damit die Leserschaft.

„Der Vogel und die Prinzessin“ von Yasha Young ist wohl das klassischste der Märchen mit einem ganz eigenen, verzauberten Charme. Auch Jeanine Krocks Beiträge zu diesem Buch sind märchenhaft geschrieben, „Rhinelde“, die Meerjungfrau, findet ein trauriges Schicksal, doch dem Rapunzel gönnt sie ein wenig mehr Glück. Gefühlvoll schreibt sie ihre Geschichten nieder – so wie auch die anderen, mal mehr, mal weniger märchenhaften Märchen, die eines gemeinsam haben: sie sind garantiert anders, als der Leser sie kennt.

Um Überraschungen zu wahren und um endlich zu den phantastischen Bildern zu kommen, verzichten wir auf ausführlichere Worte zu den anderen Geschichten und kommen endlich zur visuellen Ausarbeitung:
Annie Bertram versieht die Märchen mit beeindruckenden Photographien, was man schon an der gelungenen Coverwahl erkennt: Den Leser erwartet mit „Wahre Märchen“ ein hochwertiges Hardcover, das auch nach häufigerem Aufenthalt in der Tasche / im Rucksack noch tadellos aussieht.

Qualitativ schwanken die Bilder zwischen atemberaubend schön, erschreckend und doch faszinierend und „ganz okay“. Einigen wenigen könnte man eine gewisse Lieblosigkeit vorwerfen, stehen sie doch im Schatten von brillanten Inszenierungen wie dem Schneekönig, Rhinelde, Schneewittchen oder auch die Prinzessin aus dem Märchen von Yasha Young, die weiß wie Schnee in rote Rosen und Blätter eingebettet sicher eines der Glanzstücke in diesem Buch ist.
Durch die äußerst feinsinnige Auswahl der Kostüme und Requisiten leuchten die Märchengestalten in kühlem Glanz. Sie strahlen Geheimnisvolles, Bezauberndes, sowie auch Makaberes aus und sind zum Großteil von einer wunderbar dunklen Ästhetik.
An dieser Stelle ein großes Lob an die Models und Maskenbildner – sie haben ganze Arbeit geleistet. Und der Verlag trug seinen Teil bei, aus dieser Sammlung wunderbarer Photographien und Texten ein exquisites Buch zu machen!


Fazit

Phantastisch-morbide Märchenwelten, die Annie Bertram in traumhaften Bildern inszeniert und die eigentümlichen Stimmungen der einzelnen Texte vortrefflich spiegelt. Hier dürfte sich für jeden dunkel angehauchten Geschmack etwas finden!


Pro und Contra

+ traumhaft schöne Photographien
+ sehr abwechslungsreich
+ voll sinnlicher Dunkelheit
+ hochwertige Ausarbeitung

- qualitative Schwankungen
- die Texte sind leider sehr kurz gehalten

Wertung:

Texte: 4/5
Bilder: 4/5
Lesespaß: 5/5
Preis / Leistung: 4/5


Interessante Links:

Interview mit Jeanine Krock (Februar 2009)

Rezension zu "Der Venuspakt" (Jeanine Krock)

Rezension zu "Die Sternseherin" (Jeanine Krock)

Rezension zu "Der Blutkristall" (Jeanine Krock)

Rezension zu "Flügelschlag" (Jeanine Krock)

Licht & Schatten-Special mit Jeanine Krock (Dezember 2009)

Interview mit Nicolaus Equiamicus (Dezember 2008)

Rezension zur "Daemonolatria" (Nicolaus Equiamicus)

Rezension zu "Von Unholden und Hexen" (Nicolaus Equiamicus)

Rezension zu "Die Geisterwelt" (Nicolaus Equiamicus)

Rezension zu "Ich hab die Unschuld kotzen sehen" (Dirk Bernemann)

Rezension zu "Satt. Sauber. Sicher." (Dirk Bernemann)

Zuletzt aktualisiert: Dienstag, der 07. September 2010
 

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