Isabella Kroth (04.11.2010)

Interview mit Isabella Kroth

Literatopia: Isabella Kroth, danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, uns ein paar Fragen zu beantworten. Im August 2010 erschien Ihr Sachbuch „Halbmondwahrheiten“ - ein sehr wunderschöner Titel - im Diederichs-Verlag. Wollen Sie unseren Lesern ein wenig über den Inhalt erzählen?

Isabella Kroth: In Halbmondwahrheiten habe ich zwölf türkischstämmige Männer portraitiert, die aus und um eine in Deutschland bislang einzigartige Gruppe stammen. Diese Gruppe türkischstämmiger Männer trifft sich einmal in der Woche und diskutiert Themen wie Ehre, Moral, Probleme wie Scheidungen oder das Gefühl in Deutschland immer noch nicht dazuzugehören. Die Ältestensind über 60, die Jüngsten könnten ihre Enkel sein. Sie alle stammen aus Neukölln, einem Berliner Stadtteil, das Deutschlandweit als Problemkiez gilt.

Literatopia: Warum haben Sie ausgerechnet aus dem Leben dieser angeblichen Paschas berichten wollen? Was war Ihr Antrieb?

Isabella Kroth: Meiner Meinung nach wird in Deutschland einseitig diskutiert. Bislang stand vor allem das Schicksal türkischstämmiger Frauen im Vordergrund. Es ging dabei um wichtige Themen wie Zwangsehe oder Ehrenmord.

Das Licht allerdings, das dabei generell auf Männer fiel, war mehr als negativ. Wie Sie sagen, „Paschas“: Türkischstämmige Männer in Deutschland gelten pauschal als Patriarchen und Machos, die ihre Frauen schlagen und die Töchter in die Ehe zwingen. Dass die Wirklichkeit auch ganz anders aussehen kann, das wollte ich in meinem Buch zeigen.

Literatopia: Wie ist es Ihnen gelungen zu Kazim Erdogans Selbsthilfegruppe Zugang zu bekommen? Mussten Sie Überzeugungsarbeit leisten oder wurden Sie durch Offenheit überrascht?

Isabella Kroth: Ehrlich gesagt, war ich tatsächlich überrascht von der Offenheit der Gruppe. Alle waren zum Gespräch bereit, fast jeder hätte sich von mir portraitieren lassen. Dies ist mit Sicherheit auch dem Initiator Kazim Erdogan zu verdanken. Bei ihm in seiner Gruppe haben die Teilnehmer das Gefühl, dass sie über alles reden können. In dieser Gruppe wird niemand verurteilt oder eingeteilt in die Opfer- oder Täterrolle. Die Männer erzählen von ihrer Vergangenheit, sie gestehen zum Teil erhebliche Fehler ein. Ali, ein Gastarbeiter der ersten Generation weiß heute, dass er damals nach seiner Ankunft in Deutschland seine Kinder vernachlässigt hat. Heute hat er zu seinen Söhnen kaum mehr Kontakt. Erdogan schenkt den Männern Trost und verhindert durch seine pragmatischen Lebenstipps oft genug auch Katastrophen. Adem etwa aus der Gruppe sagt, er hätte seine Frau vielleicht umgebracht, wenn Erdogan ihn nicht beruhigt hätte. Dem vorausgegangen war ein erbitterter Ehestreit, bei dem Adem das Gefühl hatte, seine Ehre würde von seiner Frau beschmutzt werden. Aber auch außerhalb der Gruppe bin ich auf Offenheit gestoßen, über die ich gestaunt habe. Es heißt oft: Die türkisch-muslimische Gemeinschaft sei eine geschlossene. Das habe ich so nicht erlebt.

Literatopia: Welche Männer durften sich von Ihnen portraitieren lassen? Und gibt es einen Lebensbericht, der Sie besonders berührt hat, oder Ihnen vielleicht nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist?

Isabella Kroth: Ich wollte durch meine Auswahl ein Mosaik deutscher Integrationsgeschichte bilden. Über Jahrzehnte wurde das Thema Integration vernachlässigt. Die Menschen, die hier angekommen sind, haben sich Nischen gesucht, aber viele der Männer über die ich geschrieben habe, fühlen sich immer noch nicht angekommen. Für „Halbmondwahrheiten“ habe ich Männer mit ganz unterschiedlichen Biografien ausgewählt. Mehrheitlich stammen meine Gesprächspartner allerdings aus der zweiten Generation. Hier erschienen mir die Probleme, vor die die Männer gestellt sind, als besonders eklatant. Da sind Männer, die per Heiratsmigration nach Deutschland kommen und hier als Importbräutigame plötzlich vor erheblichen Schwierigkeiten stehen, die mit ihrem Männlichkeitsbild nicht zu vereinen sind. Oder Männer wie zum Beispiel der 30-jährige Koray, deren Ehe von den Eltern arrangiert wird. Koray vertraut seiner Mutter, wenn sie ihn mit einer Frau aus der Türkei verheiratet, obwohl ihr Sohn sie kaum kennt. Eigentlich war Koray in eine Deutsche verliebt. Ob er dagegen seine Braut jemals lieben kann, da ist er sich nicht so sicher.

Literatopia: Was gibt es Ihrer Meinung nach über die Selbsthilfegruppe türkischstämmiger Männer in Deutschland noch zu wissen? Welche Eindrücke konnten Sie sammeln? Und was wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Isabella Kroth: Was mich beeindruckt hat war, wie positiv meine Gesprächspartner auf mich reagiert haben. Ich hatte das Gefühl, dass es für viele eine Erleichterung war, sich mit mir zu unterhalten. Ich glaube, dass dabei auch mein Frausein und die Tatsache, dass ich keinen türkischen Migrationshintergrund habe, eine Rolle gespielt hat. So hatten meine Interviewpartner das Gefühl, dass sie mir eine Welt erklären konnten, in die sie sich eingeschlossen fühlen. Bemerkenswert fand ich auch, dass die Männer nicht nur versucht haben, sich in ein positives Licht zu stellen. Es hat natürlich gedauert, bis sie mich in Geheimnisse, Fehler und Schwächen eingeweiht haben. Aber das ist nur menschlich.

Literatopia: Stichwort Recherche. – Wie viel Aufwand war notwendig, um „Halbmondwahrheiten“ einen würdigen Rahmen zu verleihen? Haben Sie sich intensiv mit der Thematik befasst, oder versucht sich so unbeeinflusst wie möglich ans Werk zu machen?

Isabella Kroth: Ich habe die Gruppe insgesamt zwei Jahre lang begleitet und begleite sie auch nach der Bucherscheinung weiter. Natürlich hatte ich mich vorab mit der Thematik befasst. Als ich aber die Männer kennenlernte, wollte ich so unbefangen sein wie möglich. Ich wollte sie nicht vorverurteilen. Da ich glücklicherweise keinen großen Zeitdruck bei meinen Recherchen hatte, konnte ich die Männer erst einmal selbst von sich erzählen lassen. Auf diese Weise hat sich schnell herauskristallisiert, welche zentralen Probleme in der jeweiligen Biografie existieren. Im Anschluss habe ich die Männer dann gezielt interviewt.

Literatopia: In Ihrem Buch liest man unterschiedliche Lebenseindrücke, dennoch gibt es immer ein Problem: Integration. Was wäre notwendig, um erfolgreicher zwischen den in Deutschland bestehenden Gesellschaften vermitteln zu können?

Isabella Kroth: Zum einen pragmatische Lösungen wie die alltägliche Segregation in Schulen oder in Wohnvierteln abzubauen und die Bildungschancen zu erhöhen. Für ein besseres gesellschaftliches Klima stehen vor allem zwei Berufsgruppen in der Verantwortung: Politiker und Journalisten. Ängste in der Bevölkerung – wie etwa vor einer drohenden Islamisierung oder einer Überfremdung sowie bestehende Probleme bei der Integration müssen ernst genommen und realistisch dargestellt werden. Dabei muss es aber darum gehen Vorurteile abzubauen, anstatt sie populistisch zu befördern. Die Debatte um Thilo Sarrazin und die große Zustimmung für ihn hat dabei ja zweierlei gezeigt: erstens die Enttäuschung Teile der Bevölkerung von „denen da oben“ nicht mehr wahrgenommen zu werden. Außerdem, wie emotionsgeladen die Diskussion über Einwanderer in Deutschland immer noch ist. In den letzten Monaten waren die Töne oft allzu schrill. Jetzt ist es Zeit für einen neutraleren Ton und eine aufrichtige Beschäftigung mit dem Thema.

Literatopia: Die von Ihnen portraitierte Männergruppe hat sich Anfang September zu Thilo Sarrazin und seinen Ansichten geäußert. Wie stehen sie zu den vorgebrachten Vorwürfen gegen ihr Volk?

Isabella Kroth: Die Gruppe hat das Buch ausgiebig diskutiert. Das Ergebnis ist, dass die Männer Herrn Sarrazin kennenlernen und mit ihm über ihren Alltag in Berlin-Neukölln diskutieren wollen. Die Gruppe verschließt sich nicht bestimmten Problemen. Alle wissen, dass das Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen in Deutschland noch nicht perfekt ist. Aber sie wollen auch, dass mehr über Erfolge gesprochen wird. Gerade die Ältesten waren enttäuscht, dass in der der Bucherscheinung folgenden Diskussion ihr Beitrag für die deutsche Wirtschaft in den 60er und 70er Jahren so wenig gewürdigt wurde.

Literatopia: Inwiefern darf man Ihrer Meinung nach die Glaubensfrage für misslungene Integrationsversuche verantwortlich machen? Denken Sie, dass die Probleme und Lösungen an anderen Ecken zu suchen sind, oder stellt auch für Sie die Religion den Knackpunkt der Integrierung dar?

Isabella Kroth: Für viele der Männer mit denen ich gesprochen habe, stellte Religion eine Zuflucht dar. Die Moschee empfanden diese Männer wie eine Heimat, das gemeinsame Gebet als Akt einer Gemeinschaft. Interessant war für mich in diesem Zusammenhang der Fall von Kemal: Ein Ende 30-jähriger Mann, der die ersten sieben Jahre seines Lebens in der Türkei lebte und dann von seinen Eltern nach Deutschland geholt wurde. Hier galt er immer als Ausländer, wurde als „Kümmel-Türke“ beschimpft. Als Erwachsener ging er zurück in die Türkei. Auch dort aber war er nun der Ausländer, ein „Deutschländer“ und wurde als Christ beschimpft. Jetzt ist Kemal wieder in Deutschland und will hier einfach nur ankommen. Vom Islam hat er sich abgewandt und dem Christentum zu. Der Fall zeigt für mich, dass Religion manchmal auch ein Ersatz ist für ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl. Es sollte nicht darum gehen, die Religion als Ursache für Probleme zu sehen, sondern mehr darum darüber nachzudenken, wie man den Menschen, die sich allzu sehr in sie stürzen, Alternativen bieten kann.

Literatopia: Was darf man zukünftig von Ihnen erwarten? Werden Sie sich weiter dem Thema Integration widmen und es von anderen Seiten beleuchten, oder steht nun etwas Neues für Sie an? Vielleicht ein weiteres Sachbuch, oder gar ein Roman?

Isabella Kroth: Mit Sicherheit werde ich mich weiter mit dem Thema beschäftigen. Ich glaube, dass noch sehr viele Vorurteile existieren und der Wunsch ist.

Literatopia: Herzlichen Dank für Ihre Zeit und dieses ausführliche Interview, Frau Kroth!



Dieses Interview wurde von Angelika Mandryk für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

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