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Manuel Charisius (19.01.2011)
Geschrieben von Angelika
Mittwoch, der 19. Januar 2011

Interview mit Manuel Charisius

Literatopia: Hallo Manuel! Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, uns ein paar Fragen zu beantworten. Stell Dich doch bitte zuerst einmal unseren Lesern vor. Wer bist Du und was schreibst Du?

Manuel Charisius: Ich bin ein langhaariger Zeitgenosse mit allzu vielen Interessen und einem Faible für klassische Musik, eher introvertiert, „Furry“, wie man mir mal attestiert hat, obwohl ich doch in Bezug auf Schubladen im Allgemeinen und Kategorien kollektiver Zugehörigkeit im Besonderen von Geburt an skeptisch bin. Ich mag phantastische Geschichten und stundenlange Spaziergänge in der freien Natur, bei denen mich für gewöhnlich ein aus dem Tierheim geretteter Schlittenhund begleitet. Seit einiger Zeit darf ich mich wohl mit Fug und Recht Autor nennen; hauptsächlich schreibe ich Fantasy oder das, was ich dafür halte, erprobe mich mitunter aber auch in anderen Gattungen und Genres.

Literatopia: Im Juli 2010 erschien Dein Debütroman Streunerim Heyne Verlag und soll laut Bernhard Hennen „Tierisch gut“ sein. Wie kamst Du dazu, ein Buch über Mischwesen zu schreiben? Und magst Du uns ein wenig über den Inhalt Deines Romans erzählen?

Manuel Charisius: Ich kam dazu, weil es so ein Buch vorher noch nicht gab. Am Anfang stand eine Idee: Ein Streuner – ein aufrechtgehendes, intelligentes Fellwesen mit wolfsähnlichen Gliedmaßen und Kopf – bekommt zufällig Wind von einer weitreichenden, das ganze Land bedrohenden Verschwörung. Der „Schnitter“, wie der Anführer genannt wird, plant, alle Herrscher der sieben Königreiche Lesh-Tanárs umzubringen und das Land ins Chaos zu stürzen. Weil ihm niemand glaubt, ist nun der Streuner als einziger in der Lage, das Komplott zu vereiteln – und das muss er auch, will er den Frieden in seiner Heimat und die angenehmen Umstände seines bisherigen Lebens bewahren.

In der Geschichte geht es aber um mehr als nur den subversiven Akt der Königsmorde. Es geht primär um die Hauptfigur Wolf und darum, was er aus seinem (Halb-)Wissen macht; darum, was das Schicksal ihm auferlegt, wie es ihn hin- und herreißt zwischen seiner Verantwortung als königstreuer Bürger und der unversehens gewitterten Chance, über sein einfaches Tischlerleben hinauszuwachsen und ein Held zu werden; und nicht zuletzt geht es um das uralte, archetypische Motiv der Usurpation bzw. Korrumpierung einer im Grunde rechtmäßig geerbten, aber zu falschen Zwecken und überhöhten Zielen missbrauchten Macht, ein Thema, das sich ziemlich genau in der Mitte des Buches in der Sage um Soŋurd, Gurlóki und Phrosídia gleichsam mythisch verdichtet.

Um all das zeigen und im Bewusstsein des Lesers nachvollziehbar machen zu können, habe ich absichtlich das gesamte Buch über konsequent Wolfs Perspektive durchgehalten. Das mag man als Mangel oder gar „verschenktes Potential“ ansehen, tatsächlich war und ist es aber das dieser – nämlich Wolfs – Geschichte einzig angemessene Erzählverhalten; außerdem kommt das Buch damit all jenen Lesern entgegen, die es (wie ich selbst) nicht schätzen, wenn mit jedem Kapitel ein neuer Handlungsstrang mit anderem Figurenpersonal angerissen wird.

Literatopia: Warum ausgerechnet Streuner? Verbindest Du etwas Bestimmtes mit diesem von dir entworfenen Volk, oder war dessen Entstehung ein sich zufällig entwickelnder Prozess?

Manuel Charisius: Dass der Held ein Mischwesen aus Mensch und Wolf sein würde, stand gleich zu Beginn als an die Plotidee gebundene Bedingung fest. Nicht zuletzt weil das Buch den Aufstieg des Volks der Streuner zur Dominanz in Lesh-Tanár erzählt, war vom ersten Satz an klar, dass ich keinen Menschen, Elben oder sonstiges Wesen als Helden brauchen konnte – abgesehen davon, dass ich sowieso eine eigene Fantasy-Rasse begründen wollte, allen Problemen zum Trotz, die das für die (genreerfahrene) Leserschaft womöglich mit sich bringen würde. Zum Glück ist Wolf, wie mir sowohl die Rückmeldungen meiner Testleser als auch begeisterte Leser des Romans bestätigt haben, eine durchaus gelungene Identifikationsfigur. Worüber ich sehr froh bin; denn offenbar kann man den quasi-tierischen Charme, den ich den Streunern – bewusst, nicht zufällig – verpasst habe und der u. a. durch langjährige Erfahrungen mit Hunden und anderen Pelzwesen inspiriert ist, auch als „Naivität“, überzogenes Temperament oder dergleichen mehr missverstehen. Nun ja, die Erfahrung lehrt, dass die Kommunikation zwischen Autor und Leser mindestens so störungsanfällig ist wie beim Telefonspiel, auch Chinesisches Flüstern genannt.

Literatopia: Wolf von Tanár ist eigentlich nur ein Tischler, der Liebe im Tausch gegen sein Schwert erhalten hat. Dennoch beschließt er schlussendlich wieder aufzubrechen, um Könige zu retten. Erzähl uns von Wolf. Was macht ihn und seine Gefährten in Deinen Augen aus?

Manuel Charisius: Wolfs schon angesprochene Zerrissenheit ist eine der größten Triebkräfte seines Charakters. Man bedenke etwa, dass er an einem Punkt der Handlung sogar selbst die Seiten zu wechseln scheint und zum Bösewicht, namentlich zum Königsmörder wird – was seine vermeintlich so felsenfesten Kategorien und Ideale sogar noch fundamentaler erschüttert als die vorherige Selbsterkenntnis, in wen er sich plötzlich und unverhofft verlieben kann …

Das Changieren von Figuren zwischen Gut und Böse, der Zweifel darüber, was richtig ist und was falsch, macht für mich ganz allgemein ein Gutteil des Faszinosums Fantasy aus. Entsprechend entwickelten sich auch Balderdachs, Zilber und Falbe, die ursprünglich bloß als Kanonenfutter herhalten sollten, in jeweils individuell zweideutige, zwielichtige und für den Leser (hoffentlich) umso spannendere Richtungen. Das Spiel, das der „Schnitter“ mit Falbe treibt, um dessen Freunde in die Irre zu führen, ist noch vergleichsweise leicht zu durchschauen. Balderdachs’ Schicksal dagegen hat noch jeden überrascht, der das Buch gelesen und mir dazu Feedback gegeben hat. Zilber schließlich scheint allgemein der Beliebteste der vier zu sein – was nicht verwundert, habe ich doch auf die Ausgestaltung seines Wesens und Charakters mit die meiste Mühe verwendet.

Literatopia: Im Jahr 2009 hast Du es mit „Streuner“ unter die ersten fünf Autoren des bekannten Wettbewerbes Schreiben Sie einen magischen Bestseller geschafft. Was bedeutet Dir dieser Gewinn?

Manuel Charisius: Er bedeutete nicht mehr und nicht weniger als die erste Buchveröffentlichung in einem richtig großen Verlag. Für mich als Autor, der schon lange vor dem Wettbewerb ebenso hart wie erfolglos auf selbige hingearbeitet hatte, war diese Chance natürlich unbezahlbar; zumal einem in dieser Branche nichts geschenkt wird, wie jeder weiß, der die Ochsentour der Verlagssuche auf sich zu nehmen mutig und crazy genug ist.

Literatopia: Wie war das Feedback der Jury zu Deinem Roman? Hast Du eine ausführliche Meinung erhalten oder nur eine knappe Begründung für Deine Platzierung?

Manuel Charisius: Weder noch, Gott sei Dank. Besagtes Feedback beschränkte sich auf ein paar wohlwollende Fragen zum Text, die im Anschluss an die Lesung auf der Leipziger Buchmesse 2009 gestellt wurden. Und die waren in erster Linie auf die Erwartungen des Publikums zugeschnitten, zielten also nicht darauf ab, fundierte Textkritik zu betreiben.

Literatopia: Gefällt Dir die Gestaltung Deines Romans? Durftest Du Vorschläge bringen, oder hat man Dich schlussendlich vor vollendete Tatsachen gestellt?

Manuel Charisius: Ich hatte den Roman ja als typischen „Völkerroman“ konzipiert (mein Arbeitstitel war Die Streuner) und mir als unbedarfter Jungautor insgeheim eins dieser typischen schwarzen Cover mit goldenen Lettern und einer blutbefleckten Waffe im Vordergrund vorgestellt. Entsprechend überrascht war ich natürlich, als ich das Cover erstmals zu sehen bekam – überrascht im positiven Sinne. Die jetzige Umschlaggestaltung finde ich großartig, sie passt immens viel besser zum Buch als alles, was ich mir vorher ausgemalt hatte. Auch mit dem Buchblock bin ich sehr zufrieden, gerade die Kapitelanfänge machen echt was her, finde ich.

Auf einen Vorschlag von mir geht die Landkarte auf der Innenseite der Klappe zurück. Auch hier hat mich der Verlag überrascht – mit bombastischem Farbdruck! Übrigens hatte ich der Illustratorin eine Skizze zukommen lassen, so dass die Karte absolut exakt meiner geographischen Vorstellung von Lesh-Tanár entspricht.

Insgesamt halte ich das Buch für wirklich opulent gestaltet. Immer wenn ich es in der Hand halte, staune ich darüber, dass eine so reiche Ausstattung bei einem Taschenbuch für unter zehn Euro überhaupt möglich war!

Literatopia: Was fällt Dir zum Wort Verlagssuche ein? Warst Du lange vor dem Wettbewerb schon auf der Suche? Und wenn ja, an welches Erlebnis erinnerst Du Dich ganz besonders gut?

Manuel Charisius: Ich erinnere mich praktisch an alles. An das meiste sehr lebhaft – aber an vergleichsweise weniges davon „gut“ in dem Sinne, dass ich gerne daran zurückdenke. Großartig war, wie schon angedeutet, die Nominierung beim Heyne-Wettbewerb. Mindestens ebenso großartig war, von meinem Agenten unter Vertrag genommen zu werden. Am allergroßartigsten war aber, die Belegexemplare von Streuner auspacken zu dürfen!

Literatopia: Von der Idee zum fertigen Roman. Wie lange hat es gedauert, bis Du „Streuner“ abgeschlossen hast? Bist Du beim Schreiben systematisch vorgegangen, oder in diesem Punkt ein wahrer Chaot?

Manuel Charisius: Ja, natürlich bin ich systematisch vorgegangen. Alles andere führt zu nichts. Am Manuskript schrieb ich (mit Pausen) ungefähr anderthalb Jahre. Danach kamen noch viele Monate Überarbeitungszeit und schließlich das Lektorat hinzu.

Generell plane ich die Handlung meiner Romanprojekte recht genau im Voraus. Während der Arbeit am Manuskript darf ich mich dann erfahrungsgemäß noch mit genug Problemen und ungelösten Fragen herumschlagen. Bei Streuner zum Beispiel erwies sich die zeitliche Abfolge der Ereignisse in und um Orilac als äußerst knifflig. Wie lange dauern die Vorbereitungen des Ortswechselzaubers? Wie lange braucht das Heer von Orilac bis Tanár? Und wieviel Zeit bleibt Wolf in seiner Heimat, um den „Schnitter“ zu finden? Kann dieser überhaupt vor ihm in Tanár sein? … Ich glaube, diese paar Dutzend Seiten habe ich mit am häufigsten korrekturgelesen, um wirklich alle Fehler auszumerzen. Als meine Lektorin mich dafür lobte, dass sie mir im ganzen Manuskript keinen einzigen chronologischen Fehler nachweisen könne, war ich denn auch entsprechend stolz!

Literatopia: Wann hast Du das erste Mal zur Feder gegriffen? Schon in frühen Jugendjahren oder hast Du die Literatur vergleichsweise spät für Dich entdeckt?

Manuel Charisius: Kommt auf die Vergleichswerte an. Von irgendeinem Autor las ich neulich, er hätte im Alter von drei Jahren oder so seine erste Kurzgeschichte vorgelegt. Im Vergleich dazu war ich wohl ein Greis, als ich mit sechzehn zu schreiben begann. Dafür hab ich allerdings früh angefangen zu lesen – nicht erst mit drei …

Literatopia: Wo und wann schreibst Du gerne? Brauchst Du ein gewisses Umfeld, um in Stimmung zu kommen, oder könnte um Dich herum die Welt zerfallen, während Du tief konzentriert die Tasten zum Glühen bringst?

Manuel Charisius: Wahrscheinlich klänge es jetzt cooler, wenn ich letzteres bejahen würde; doch leider gehöre ich nicht zu denjenigen Autoren, die wie im Fieber ihr Manuskript runterhämmern. Ich brauche durchaus eine gewisse Arbeitsatmosphäre und muss mich dabei vor störenden Elementen, z. B. dem Telefon, soweit als möglich abschirmen. Besonders effizient arbeite ich vormittags, vorzugsweise an Werktagen, weil da auch die Außenwelt beschäftigt ist, was mich mehr motiviert als ein totenstiller Feiertag. Aber auch der späte Nachmittag und Abend hat sich als Tageszeit bewährt, in der ich besonders produktiv sein kann.

Literatopia: Talent oder Handwerk? Wie denkst Du über das Schreiben und was muss man als Autor Deiner Meinung nach besonders beherrschen, um seine Leser fesseln zu können?

Manuel Charisius: Erzählerisches Schreiben ist ein bisschen wie Bügeln: Man muss es einfach tun, um es zu lernen. Das ist ein Großteil der Handwerksseite. Allerdings gehört meines Erachtens auch unbedingt Talent dazu, oder wenigstens eine starke Neigung; etwas, das einen auch in Krisenzeiten an Stift und Papier bzw. an den PC treibt. Von Schreibratgebern, Workshops und dergleichen halte ich dagegen gar nichts. Die mögen Balsam für die Seelen ihrer Veranstalter respektive Verfasser sein, können aber bei angehenden Autoren meines Erachtens mehr verderben, als sie fördern.

Kommt jedenfalls beides, Fleiß und Talent, zusammen, sind die Voraussetzungen schon mal gut. Der Rest ist Ausdauer, Spaß an der Sache und natürlich das Glück, eher früher als später einen Verlag zu finden. Nicht schaden kann es außerdem, wenn man schließlich mit seinem Buch den Nerv einer breiten Leserschaft trifft – was sich leider überhaupt nicht planen lässt.

Literatopia: Hast Du literarische Vorbilder? Gibt es einen Autor / eine Autorin, die Dich besonders beeindruckt hat? Und welcher Roman ist Dein ganz besonderer Liebling im Jahr 2010?

Manuel Charisius: Vorbilder habe ich eigentlich keine. Ich will (und wollte schon immer) mein ganz eigenes Süppchen kochen. Es gab sogar eine Zeit, da plante ich allen Ernstes, mit meinem ersten Buch ein neues, eigenes Genre zu etablieren. Hat natürlich nicht geklappt … worüber ich heute, ehrlich gesagt, ganz froh bin.

Autoren, die mich mit ihrem Werk besonders beeindrucken, sind tendenziell solche, bei denen Ausdruck und Inhalt, Sprache und Handlung, Form und Gehalt auf besondere, ich möchte fast sagen, magische Weise eine Einheit bilden. J. R. R. Tolkien wäre hier an erster Stelle zu nennen, es gibt aber auch andere Beispiele, etwa der Lyriker Walter Helmut Fritz. Oder auch Walter Moers. China Miéville. Dietmar Dath. Lilli Thal. (Ich trenne die Genannten jeweils mit Punkt, weil ich sie nicht miteinander vergleiche, sondern lediglich nebeneinanderstelle.) Und viele mehr.

Mein „besonderer Liebling 2010“ ist natürlich Streuner. Alles andere wäre gelogen.

Literatopia: Was dürfen wir in naher und ferner Zukunft von Dir erwarten? Hast Du schon etwas Konkretes in Planung? Vielleicht sogar eine Fortsetzung mit Wolf, Balder und dem geheimnisvollen Zilber?

Manuel Charisius: Eine Streuner-Fortsetzung ohne diese drei wäre ja keine, oder? Da gibt es in der Tat ein Projekt, allerdings ist es noch nicht allzu weit gediehen. Hauptsächlich arbeite ich an einem völlig neuen Fantasy-Roman, der im Königreich der Steppe angesiedelt ist und dessen Protagonist im Epilog von Streuner erwähnt wird. Auch Wolf spielt in dieser Geschichte wieder eine wichtige Rolle. Ansonsten habe ich noch einiges andere in Planung, worüber ich noch nicht viel sagen kann außer: Es wird gut.

Literatopia: Vielen Dank für das Interview, Manuel!

Manuel Charisius: Danke ebenfalls.



Dieses Interview wurde von Angelika Mandryk für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.
Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, der 19. Januar 2011
 

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