Es ist: 25-11-2017, 10:24
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VI 13 - Herbstelegie
Beitrag #1 |

VI 13 - Herbstelegie
Herbstelegie

Die Gazellenträume und Almabtriebe wirkten katerhaft nach; so geistergleich hallten Ergebungsbefehle durchs Gesträuch. Mir stand der Schweiß in Pfützen ums Potemkinsche Bett. –
Vollmondgeblendet jaulten Hunde ihre Memoiren durch das Dorf, der blonde Himmel lag, sich krümmend, brach.
Mich juckte noch der Kindheitsschorff, und kratzend erst verstand ich euch. Nach einem halben Leben Frühling erwacht mancher im Lazarett. –

Ich spürte den Ekel des ziehenden Flusses und warf doch Kreise mit Feuerholz, meine Wimpern stoben ausgeraucht. Ein Filter dämpfte den keifenden Wind. –
Eine Wiedergeburt unseres letzten Kusses wusch ich mit Sand und Nesselsaft; die Blicke zurück hatt’ ich in Tinte getaucht und war nun, wie dein Schatten, blind.

Lange schon hatte der Wald seinen Tanz beendet, lange schon zog der Schwarm der Krähen Richtung Aas. Die nahe Stadt hatte sich der Nacht unterworfen, mürrisch fraß der Stein die Kälte, die kargen Trost nur spendet, und ängstlich klimperten die Sternenhorden.
Manche Stadt ist gebaut aus Selbstmitleid, und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden. –

Von Staubprärien und Betonarkaden sah ich genug, die gekünstelt mir von Freiheit sprachen. Am Leben gehalten von Ignoranten, floh ich dem Instinkt und jeder Religion. –

Jetzt wate ich durch Pfützen, durch Nebelschwaden, trag’ die Haut aus Versprechen, die wir einst brachen, und füttere die Hunde mit deiner Illusion.


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Beitrag #2 |

RE: VI 13 - Herbstelegie
Hallo poLet.

Dieses Werk von Dir treibt mich schon so manche Nächte aus meinen Schlaf. Manches Mal so/gar nicht hinein. ( Icon_wink )

Unüblich ist dies ins prosaische Zwitterkostüm gehaucht; trotzdem ein Reimschema zu erkennen ist. Im insgesamten Lesen ist dies rund, bei näherem Hinsehen fällt auf, dass in der ersten Strophe der zweite Satz keine Entsprechung hat.

Am Ende wiederum stehen die letzten beiden Verse auseinander, was wohl durch eine zeitliche Divergenz ausgelöst wird. So gesehen ergibt sich, neben dem gezeichneten Bild einer Elegie der Gedanke, dass gerade am Anfang viel gesagt wird, was im späteren Verlauf abnimmt.

So verschlüsselt sich manche Sätze auch lesen mögen, so sind gerade hier einige dabei, die mir ein anerkennendes Nicken entlocken konnten. Unter anderem:

Zitat:Mir stand der Schweiß in Pfützen ums Potemkinsche Bett. –

Hier gefällt mir der irreale Pfützenschweiß (nach einem Alptraum), wobei Du aus den Potemkinschen Dörfern (wo das LyrIch anscheinend wohnt) ein einfaches Bett gemacht hast. Gerade deshalb bestechlich, weil ich nicht annehme, dass in Potemkinschen Dörfern (im Sinne von Fassaden) Betten zu finden waren. Icon_wink

Zitat:Vollmondgeblendet jaulten Hunde ihre Memoiren durch das Dorf
Dies hier finde ich als Bildnis sehr schön in Szene gesetzt, unterstellt dabei auch, dass Hunde sich ihrer Vergangenheit bewusst sind und dies mitteilen wollen. So wird dem Jaulen ein nachtrauernder Sinn beigefügt.

Zitat:Nach einem halben Leben Frühling erwacht mancher im Lazarett. –
Bezeichnend für die düstere Herbststimmung, dass nach dem Frühling kein Sommer folgt. Noch nicht einmal ein Winter, sondern direkt ein Ort, wo Wunden behandelt werden müssen. So als ob der Frühling kräftezehrender war, als alles andere. (Oder, dass gerade in der Sturm&Drang-Phase der Körper/das LyrIch völlig verausgabt wurde.)

Zitat:lange schon zog der Schwarm der Krähen Richtung Aas
Auch wenn dies im ersten Moment eher düster daherkommt, so sickert doch der Gedanke hindurch, dass das LyrIch am Leben ist - also noch kein Aas, was die Krähen (in dem Bild) brauchen. (Kann aber auch sein, dass er schon 'töter' als Aas, und somit ungenießbar, ist.)

Zitat:Jetzt wate ich durch Pfützen, durch Nebelschwaden, trag’ die Haut aus Versprechen, die wir einst brachen, und füttere die Hunde mit deiner Illusion
Und der letzte Vers natürlich. 'Haut aus Versprechen', wieder eine Andeutung dafür, dass dies nur Fassaden waren? Die 'Verfütterung der Illusionen an die Hunde', die damit wohl auch nicht leben können. Umsonst jaulen sie ihre Memoiren ja nicht hinaus. Icon_wink

Abschließend habe ich mir den Kopf zerbrochen, wie man das Reimschema (auch wegen dem zweiten Satz der ersten Strophe) anders aufziehen könnte. Das ist das Ergebnis. (Kein poLet, ich weiß.)

Zitat:Die Gazellenträume und Almabtriebe wirkten katerhaft nach; so geistergleich hallten Ergebungsbefehle durchs Gesträuch. Mir stand der Schweiß in Pfützen ums Potemkinsche Bett. –
Mich juckte noch der Kindheitsschorff, und kratzend erst verstand ich euch. Nach einem halben Leben Frühling erwacht mancher im Lazarett. –

Ich spürte den Ekel des ziehenden Flusses und warf doch Kreise mit Feuerholz, meine Wimpern stoben ausgeraucht. Ein Filter dämpfte den keifenden Wind; und das, was wir einst hatten.
Die Wiedergeburt unseres letzten Kusses wusch ich in Sand mit Nesselsaft; die Blicke zurück hatt’ ich in Tinte getaucht, und war nun blind wie dein Schatten.*

Lange schon hatte der Wald seinen Tanz beendet, lange schon zog der Schwarm der Krähen Richtung Aas. Die nahe Stadt hatte sich der Nacht unterworfen, mürrisch fraß der Stein die Kälte, die kargen Trost nur spendet, und ängstlich klimperten die Sternenhorden.
Manche Stadt ist gebaut aus Selbstmitleid, und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden. –

Vollmondgeblendet jaulten Hunde ihre Memoiren durch das Dorf, der blonde Himmel, sich krümmend dabei brach.
Von Staubprärien und Betonarkaden sah ich genug;
besonders letztere, die mir als Kunst von Freiheit sprach. **

Am Leben gehalten von Ignoranten, floh ich dem Instinkt und jeder Religion. –
Jetzt wate ich durch Pfützen, durch Nebelschwaden, trag’ die Haut aus Versprechen, die wir einst brachen, und füttere die Hunde mit deiner Illusion.
* Die Schachtelsatzkonstruktion hatte was, tat sich aber beim Aussprechen etwas schwer, daher habe ich versucht, den originalen Versipulssatz einzubauen.
** ich habe es so vor Augen gehabt, dass das LyrIch im Bett des Dorfes aufwacht, die Stadt in der Strophe davor reflektiert und dann 'zurückkehrt' ins Dorf und den jaulenden Hunden. Zusammen mit der Begründung, warum er nicht in der Stadt ist. Oder nicht mehr ist.

So, der obere Teil mit den Anmerkungen ist meine Ansicht, für den unteren beziehe ich gerne Prügel. (Wenns sein muss.) Icon_wink

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.

LGD.


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Beitrag #3 |

RE: VI 13 - Herbstelegie
Hej Dread',

noch ein offener Kommentar?! Glaubstes...!
Also:
...
Ok?! Was soll ich sagen...? Ich kaufe Deinen Vorschlag.

"Die Gazellenträume und Almabtriebe wirkten katerhaft nach; so geistergleich hallten Ergebungsbefehle durchs Gesträuch. Mir stand der Schweiß in Pfützen ums Potemkinsche Bett. –
Mich juckte noch der Kindheitsschorff, und kratzend erst verstand ich euch. Nach einem halben Leben Frühling erwacht mancher im Lazarett. –

Ich spürte den Ekel des ziehenden Flusses und warf doch Kreise mit Feuerholz, meine Wimpern stoben ausgeraucht. Ein Filter dämpfte den keifenden Wind; und das, was wir einst hatten.
Die Wiedergeburt unseres letzten Kusses wusch ich in Sand mit Nesselsaft; die Blicke zurück hatt’ ich in Tinte getaucht, und war nun blind wie dein Schatten.*

Lange schon hatte der Wald seinen Tanz beendet, lange schon zog der Schwarm der Krähen Richtung Aas. Die nahe Stadt hatte sich der Nacht unterworfen, mürrisch fraß der Stein die Kälte, die kargen Trost nur spendet, und ängstlich klimperten die Sternenhorden.
Manche Stadt ist gebaut aus Selbstmitleid, und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden. –

Vollmondgeblendet jaulten Hunde ihre Memoiren durch das Dorf, der blonde Himmel, sich krümmend dabei brach.
Von Staubprärien und Betonarkaden sah ich genug;
besonders letztere, die mir als Kunst von Freiheit sprach. **

Am Leben gehalten von Ignoranten, floh ich dem Instinkt und jeder Religion. –
Jetzt wate ich durch Pfützen, durch Nebelschwaden, trag’ die Haut aus Versprechen, die wir einst brachen, und füttere die Hunde mit deiner Illusion."

Mit Deiner Erlaubnis tausche ich es aus.
Danke für Deinen Kommentar!
Bestes,
poLet


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