Es ist: 23-01-2018, 19:13
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Let us burn / The night in the skies here tonight
-- Within Temptation
 
In der grell erleuchteten Bahn saßen drei Leute, soweit es Finn erkennen konnte. Von der dunklen Straße aus konnte er in ihre bleichen Gesichter blicken, während der Rest ihrer Körper in unförmigen Mänteln verschwand. Sie waren die einzigen drei Menschen, denen er innerhalb der letzten halben Stunde begegnet war. Seine Finger zogen an den Rändern seiner Jacke. Die Ampel am Übergang starrte rot in die Nacht, und die Räder der Bahn ratterten und suchten sich einen Weg in Finns Ohren. Finn fuhr mit den Handflächen über seinen Gehörgang.
Endlich konnte er das Ende der Straßenbahn sehen. Er schloss die Augen. Seine Finger suchten die Schläfen, rieben sie. Als er die Augen wieder öffnete, war die Straße vor ihm frei, wie sie es schon die ganze Zeit davor gewesen war.
Er schritt über die Gleise, doch die Ungeduld in seinen Knochen hatte sich nicht gelöst. Die Straßenlaternen warfen kaltes Licht in die Nacht. Das Dunkelgrau des Asphalts blockte das Licht ab. Finn kannte diese Straßen nicht, diese Fassaden, die ihn so weit überragten. Er wusste nicht mehr, wo er war, doch im Grunde war das nicht so wichtig. Hinter herabgelassenen Jalousien sah er warmes Licht hindurchsickern, hörte manchmal Stimmen, die Dinge sagten, die er nicht ausmachen konnte, oder Musik. Lachen. Die ganze Stadt saß um den Esstisch herum an diesem besonderen Abend. Außer ihm und einiger anderer Gestalten. Leerer Gestalten, die niemand kannte. Nun war er auch einer von jenen.  Der Gedanke fand in ihm wenig, an dem er abprallen konnte. Es war nun so. Nachdem seine Mutter vor einem Jahr an Lungenkrebs gestorben war, die Versicherung nicht für alle Kosten hatte aufkommen wollen, er ohne Mittel dastand. Er war abgehauen, bevor irgendjemand auf die Idee kommen konnte, jemand müsse das Sorgerecht für ihn beanspruchen. Irgendwelche Behörden. Er hatte keine Verwandten mehr. Mit seinen fünfzehn Jahren war er ohnehin zu alt dafür, sich unter irgendjemandes Vormundschaft zu stellen. Es war nur noch eine Frage der Formalität; für sich selbst sorgen konnte er schon lange.
 
Die Straße war bei weitem nicht gnädig zu ihm gewesen. Natürlich nicht. Er hätte sich nie die Illusionen gemacht. Furcht, Schmerzen, Hunger, Kälte, harte Worte, abweisende, drohende Worte. Gesellschaft hatte er bei den anderen Straßenkindern gefunden. Heute jedoch war er gegangen. Manchmal konnte er nicht ertragen zuzusehen, wie sie sich mit Drogen in den Abgrund stürzten. Er hatte dem bisher widerstehen können, denn er wollte nicht das letzte bisschen an Verstand einbüßen. Er musste kämpfen. Doch würde er es wahrscheinlich nicht mehr lange durchhalten.
Finn bog nach links, wo die Häuser anders aussahen. Die Altstadt. Er seufzte. Er mochte es nicht, wenn er darin versagte, sich zu verlaufen. Es gelang ihm weniger und weniger. Bald würde er blind Straßenpläne zeichnen können, vielleicht in ein paar Monaten.
Finn ging die vertrauten Straßen entlang, die zugleich unwirklich wirkten, weil dort sonst viele Leute unterwegs waren. Jetzt war es still. Nur das ferne Rauschen einiger weniger Fahrzeuge, der Wind. Müll, der raschelte, weil ihn ein Windstoß mit sich trug. Es regnete an diesem Tag nicht. Immerhin. Wenn es etwas gab, das er wahrhaft zu hassen gelernt hatte, dann war das nasse Kleidung, feuchtes Haar.
Er ging über den Marktplatz, unschlüssig. Er war am Zentrum der Stadt angekommen. Nun gab es keinen Ort mehr, an den er konnte, kein anderes Ziel, das mehr ein Ziel war als die Mitte. Es gab keine andere Mitte mehr für ihn als die kollektive Mitte der Stadt. Deshalb ging er zum Brunnen. Das Wasser war abgestellt, das Becken trocken. Er setzte sich auf den Rand. Er zitterte nicht. Es war kalt, jedoch nicht so kalt wie es hätte sein können.
Eine einsame Gestalt ging an ihm vorbei, mit vollgestopften Plastiktüten in den Händen. Noch ein Verlorener. Es lag keine Freude im Erkennen.
Finn blieb nichts anderes übrig, als die Häuser anzusehen. Sie erzählten von Reichtum, gegenwärtigem und vergangenem, erzählten die Geschichte einer anderen Stadt als der, die er kannte. Er hatte jeden Fetzen an Informationen über die Geschichte der Gebäude gesammelt, auf Flyern, auf Schildern, sogar in der Stadtbibliothek. Bevor er auf der Straße gelandet war, hatte er nie das Bedürfnis verspürt, zu wissen, wer in den Häusern gewohnt hatte, wann eines ausgebrannt worden war, wann die Familien ihr Vermögen verloren hatten.
Und seine Bitterkeit war mit jedem Wort, das er las, angewachsen. Er konnte sich diesen stillen Zorn auf diese toten Menschen nicht so ganz erklären. Vielleicht hätte er sich Schutz von ihnen gewünscht, schließlich hatte er hier ein Leben lang gewohnt. Diese Familien stellten für ihn die Schutzgeister dieser Stadt dar, oder so etwas in der Art. Irgendetwas wie das musste es geben, und es hatte versagt, jedenfalls. Sie hatten im Zentrum gelebt, und alles andere schien ihnen gleichgültig zu sein. Jeder andere, der außerhalb war. Dennoch konnte er jetzt hier sitzen, draußen, in der Mitte. Er wartete, und doch gab es nichts, auf das er warten konnte.
 
Früher einmal hatte er gehofft, dass es die anderen Leute, die Gesellschaft, die Welt oder das Universum interessierte, wie es ihm ging oder was mit ihm geschah. Als er ganz klein gewesen war, hatte er sogar an einen Gott geglaubt. Doch die Realität war anders, er kannte sie nun. Die Realität war, dass das einzige, worauf er sich verlassen konnte, Gleichgültigkeit war. Weder einzelne Menschen noch die Stadtverwaltung kümmerten sich darum, was mit ihm und seinesgleichen passierte. Wieso sollten sie auch? Sie waren Einzelschicksale, Verlorene, die aus dem Netz gefallen waren, und nun tief unter ihm am Boden krabbelten, nicht in der Lage, so hoch zu springen, dass sie die Fäden wieder zu fassen bekommen würden. Wie er sie hasste, sie, die sie im Warmen saßen und die Verlorenen vergaßen.
 
„Hast du auch genug?“
 
Vor Schreck sprang Finn auf und drehte sich nach rechts. Eine große, sehr große, dünne Gestalt stand direkt neben ihm. Die Stimme war leise gewesen, doch hatte er noch nie jemanden klarer sprechen hören. Es war keine menschliche Stimme. Sie gehörte auch nicht zu einem menschlichen Gesicht. Die schwarzen Augen der Gestalt, in denen ein fluoreszierender Schimmer leuchtete, waren riesig und außen steil nach unten abgesenkt. Der Mund war im Vergleich dazu winzig und ebenso blass wie der Rest des eingefallenen, langen Gesichts. Ihre Glieder waren unnatürlich lang und ihr Gewand verdeckte ihre Füße. Das Muster des Gewandes erinnerte an die Rippen eines Skeletts.
 
„Hast du auch genug?“, wiederholte der Menschenähnliche.
 
Finn wich zurück.
 
„Hast du auch genug?“
 
Es schien klüger zu sein, etwas zu sagen.
 
 „Ja.“, brachte Finn unter der sich überschlagenden Angst hervor. Es stimmte schließlich tatsächlich.
Ein gequältes Lächeln bildete sich auf dem Gesicht des Geschöpfes. „Gut. Oder schlecht. Ich weiß es nicht.“
„Was?“
„Es macht keinen Unterschied.“
 
Das Geschöpf trat einige Schritte von Finn weg. Es breitete die langen Arme aus. Finn konnte nur jede Bewegung beobachten, mit jagendem Herzen.
Zwischen seinen Fingern bildeten sich an jeder Hand leuchtende Bälle wir kleine Sterne, waberndes, kochendes Plasma. Es tropfte in Zeitlupe auf die Steinplatten, breitete sich aus wie ein Schleimpilz. Sternsteinpilz, der in den Ritzen zwischen den Platten schneller bewegte. Der Stein schien unbeschädigt zu bleiben. Immer mehr und mehr, dieses Wesen müsste leer werden, schrumpeln wie ein alter Apfel, doch das Plasma tropfte immer weiter und ein Teich bildete sich um es. Finn flüchtete auf den Rand des Brunnens, als sich das Plasma weiter ausbreitete. Die Nacht wurde erleuchtet, das Plasma war heller als die Straßenlaternen. Was zur Hölle war das?
Finns Gehirn war noch dabei, das alles zu verarbeiten, als sich der gesamte Marktplatz in einen leuchtenden See verwandelt hatte. Er hatte nie etwas Schöneres gesehen. Dieses Licht übertönte alles Licht, das durch die Fenster gesickert war, es war nicht so warm, doch überirdisch, bedeutender. Er war Zeuge all dessen, was auch immer folgen würde. Er sah nun an Fenstern Silhouetten von Menschen. Sie wagten sich nicht hinaus. Die Stadt hielt den Atem an. Am Himmel über ihnen leuchteten die Wolken wie bei einem Sonnenuntergang in dem reinsten Goldgelb.
 
Und dann –
 
drängte sich diese Substanz in die Ritzen der Häuser. Als wäre sie ein Lebewesen. Als hätte sie Intelligenz.
 
Finn schrie.
 
Das Wesen beachtete ihn nicht, es hatte die Augen weit aufgerissen, und Gold spiegelte sich in Silber, nahm Überhand.
Das Plasma kletterte die Mauern hoch. Die Stadt wurde in Licht getaucht, die Straßen wurden zu Kanälen, auf denen keine Schiffe fahren konnten. Finn stand auf dem Brunnen wie auf einer Insel, seltsamerweise kletterte das Plasma dort nicht hoch.
Er begann zu ahnen, was all dies bedeutete. Ein großes Loch bildete sich in seinem Kopf, breitete sich in seinen Hals aus.
Das Plasma umfasste nun alles, das Finn sehen konnte. Er wusste nicht, ob Stunden oder nur zehn Minuten vergangen waren. Das Wesen stand weiterhin unbeweglich da. Wie ein Fels, der sich zu einem Gott aufgeschwungen hatte. Einem schrecklichen Gott in goldener Verkleidung
Finn sprang und riss das Wesen um. Das Plasma federte, das Wesen lag unter ihm und grinste. Finn flog zurück, stolperte, konnte sich fangen. Das Wesen stand auf, unbeeindruckt, und Plasma kam aus seinen Händen. Finn sah sich um nach einer Waffe, doch es gab nur ihn, den Brunnen, das Plasma, das Wesen, und weit dahinter die von Licht überzogenen Häuser. Er stand bis zu seinen Knöcheln in dem Plasma. Er fühlte nichts Besonderes. Es war wie Schlamm. Doch nicht einmal kühl. Finn flüchtete zu dem Brunnen.
Er sprang erneut von dem Rand ab, diesmal zielte er mit den Fingern auf die Augen des Wesens. Im nächsten Augenblick ein furchtbarer Schlag gegen seinen Rücken. Der Pfahl in der Mitte des Brunnens. Schmerz pulste bis in seinen Bauch. Er konnte kaum atmen. Er fletschte die Zähne.
 
„Hast du genug?“ Die Stimme des Wesens war vollkommen ruhig.
 
Finns Fingernägel gruben sich in seine Handballen, er schlug gegen das trockene Becken.
 
„NEIN!“, schrie er, und sprang. Das Wesen blockte ihn ab und er landete auf dem Rücken, sah in den Himmel. Gold vor schwarz. Keine Sterne dazwischen. Mühsam setzte er sich auf.
 
„Du bleibst dort.“, erklärte das Wesen. Es stellte sich als wahr heraus. Finn wollte aufstehen, doch sein Körper folgte seinem Willen nicht. Er konnte nicht aus seiner Haltung nicht ausbrechen. Panik sauste durch seine Adern.
Das Wesen war ruhig.
 
Eine Ewigkeit verstrich.
 
„Ich wollte euch nichts antun. Aber ich hatte genug.“, sagte das Wesen.
 
Alles explodierte.
Finn konnte sich endlich wieder bewegen, und warf die Hände über den Kopf, machte sich klein. Seine Ohren explodierten, hinter seinen Augenlidern explodierte es, der Boden unter ihm bebte, der Himmel regnete funkelnde Tränen.
 
Alles vorbei, Stille, Dunkelheit, das Plasma verglüht. Eine Stille, die Finn noch nie gehört hatte, nie hatte hören wollen. Alles vorbei.
 
Finn sah auf. Schwärze. Außer ein paar Sternen am Himmeln und ein silbernes Schimmern in den Augen des Wesens.
 
„Willst du wissen, wieso?“, fragte es.
 
Finn starrte nur. Das Wesen kam auf ihn zu, die Augen kamen näher. Finn wich zurück, doch das Wesen legte eine Hand auf Finns Kopf. Ekel. Zorn. Dann ist es nicht mehr Finn.
 
Es ist Lärm. Lärm, als er geht, schreiender Lärm, der ihn vollkommen durchdringt. Er rennt weg, doch es bleibt, egal wohin. Sein Körper ist Schmerz. Sein Kopf will zerspringen, doch er tut es nicht. Er schreit, doch er hört seine Schreie nicht. Der Lärm ist sehr viel lauter als er, doch er muss weiter existieren in seiner Qual.
Es ist genug.
 
Finn erwachte. Seine Hände auf die Ohren gepresst, sein Mund geöffnet wie im Schrei.
Das Wesen stand nicht mehr direkt vor ihm, es hatte sich ein Stück weit entfernt.
 
„Eure Elektrizität … für meine Sinne kommt sie mit Lärm. Ich konnte es nicht mehr aushalten. Ich habe alles, was mit Strom in Verbindung stand, zum Schweigen gebracht. Endlich.“
 
Damit drehte sich das Wesen um. Finn blieb in vollkommener Düsternis zurück.

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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