Es ist: 23-01-2018, 19:13
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Verroht die Gesellschaft?
Beitrag #1 |

Verroht die Gesellschaft?
Hallo zusammen,

habe im TV gerade mal wieder einen Beitrag darüber gesehen, dass Rettungskräfte immer häufiger angegriffen und beleidigt werden. Unter anderem ging es auch darum, dass die Gesellschaft im Allgemeinen verroht, das die Menschen immer mehr nur ihre eigenen Bedürfnisse sehen und keine Rücksicht auf andere nehmen.

Ich arbeite momentan im Einzelhandel, in einem Euroshop, der sowieso schon "spezielle" Kundschaft hat. Vorweg: Es gibt da auch viele ganz nette Kunden, die höflich und dankbar sind. Aber es gibt auch ganz viele gestresste Kunden, denen es nicht schnell genug gehen kann und die null Rücksicht auf andere oder gar die Verkäufer nehmen.

Ich wurde im letzten Jahr erschreckend oft beleidigt. Wenn ich meiner Arbeit nachgehe und Ware verräume, werde ich permanent angerempelt, die Leute treten teilweise auf die Kartons mit Ware, sie gehen mich an, warum ich gerade vor diesem Regal jetzt arbeiten muss usw. ... an der Kasse werde ich ständig mitten im Kassiervorgang von der Seite angequatscht, teils sogar angebrüllt, weil die Leute SOFORT eine Frage haben. Scheißegal, ob ich gerade eine alte Dame abkassiere und mit dieser noch rede. Dasselbe wenn ich mit einem Kunden im Beratungsgespräch bin - da kommt ständig jemand von der Seite und quatscht einfach rein. Wenn man höflich sagt "einen Moment bitte", reagieren viele aggressiv. Manche sind dann auch ruhig und murmeln ein "Tschuldigung", aber viele giften mich auch gleich an, ich wäre unfreundlich und dass sie "in diesem scheiß Laden nicht mehr einkaufen." Und das nur, weil ich darum bitte, einen Moment zu warten. Und natürlich versuchen auch täglich mehrere Kunden sich frech an der Schlange vorbeizudrängeln, weil sie ja nur eine Sache kaufen.

Und was ich beim Aufräumen alles finde ... nicht nur, dass geklaut wird wie verrückt, die Leute kippen einfach ihren Kaffee in die Regale oder Wühltische, legen Essensreste dort ab usw. ... warum benimmt man sich so wie die Sau?

Ich hatte auch mal die Situation, dass eine psychisch kranke Kundin zusammengebrochen ist und ich den Rettungsdienst holen musste. Die Dame dachte, sie sei vergiftet worden und lag heulend und zitternd auf dem Boden. Ich habe mich neben sie gesetzt und ihre Hand genommen, um sie zu beruhigen. Und dann kommt ernsthaft ein Kunde zu mir und meint, er sucht Produkt XY, ob ich ihm das zeigen kann - hallo??? In welcher Welt lebst du denn??? Ich war so perplex, ich hab nur gesagt "jetzt nicht."

Solch rücksichtsloses Verhalten begegnet mir im Alltag immer wieder, beispielsweise beim Einkaufen, wenn es an der Kasse mal wieder rund geht, weil die Leute ein paar min warten muss. Stehen mehr als drei Leute an, brüllen gleich welche, ob man nicht noch eine Kasse aufmachen kann. Letztens stand ich an und die Dame hinter mir bollert permanent mit ihrem Einkaufswagen gegen meinen - was soll das? Und wie oft versuchen Leute, sich an mir vorbeizudrängeln ... einmal kam z.B. ein Anzugsträger in die Postfiliale und fragte laut und empört, ob er sich etwa auch anstellen müsse als Postbankkunde. Der ist wutentbrannt abgezogen, als die Dame am Schalter sagte, er müsse sich natürlich anstellen.

Das sind nur belanglose Kleinigskeiten im Vergleich dazu, dass Rettungssanitäter beleidigt und angegriffen werden, aber ich finde, diese "Verrohung" ist im normalen Alltag auch spürbar. Jeder ist so sehr auf sich selbst fixiert ... hat keine Zeit, alles muss schnell gehen und er ist sowieso der wichtigste Kunde.

Ob man jetzt wirklich von Verrohung sprechen kann ... teilweise, aber oft ist es einfach nur blinder Egoismus. Vielleicht empfinde ich das nur so stark, weil ich täglich auf der Arbeit mit anstrengenden, egoistischen und aggressiven Kunden konfrontiert bin. Wie geht es euch? Nehmt ihr auch wahr, dass der Ton in den letzten Jahren rauer geworden ist?

Viele Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #2 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Hallo Zack,

vielleicht kann ich nicht direkt mitreden weil ich jünger bin und keinen direkten Vergleich habe,
ich versuchs aber mal.
Ich habe in einem fünf Sterne Hotel im Frühstück gekellnert und kann zu deiner Situation nicht viel sagen, da es ein ganz anderes Umfeld zu sein scheint. Meckernde Gäste gab es immer und wird es immer geben. Ich habe erlebt, das ausländische Gäste sich wie "Schweine" verhalten haben. Die Kinder werfen mit Essen um sich und später liegen alle reste auf dem Boden statt auf dem Tisch. Ein mal ist es im Spa Bereich passiert, dass weibliche Mitarbeiter eine Schlägerei erlebten und dann selbst angefeidnet wurden. Aber da gab es immer eine Lösung und man war nie auf sich allein gestellt. Was mir dort aufgefallen ist, das "priviligierte/reiche" Menschen sich oftmals sehr schlecht verhalten, was du aber beschreibst kann ich von meiner alltäglichen Umgebung nicht sagen.
Hamburg erscheint mir bisher sehr friedlich zu sein.
Dinge, wie ältere Leute, die Respekt erwarten mich selbst aber wie den letzten Dreck behandeln habe ich in der Kleinsatdt früher erlebt. Aber das sind so Sachen da regt man sich kurz auf und geht dann weiter....hilft ja doch nichts...
In der Schule gab es viele Immigrantenkinder, ein fünf jähriger hat mich mal bis zur Schule verfolgt und mir grundlos Beleidigungen an den Kopf geworfen (wahrscheinlich das einzige deutsch das er konnte...)
Ich war mal mit den Großeltern im Kaufhaus mit Herz einkaufen, da kam ein mann und fragte nach dem preis für den Spiegel den er in der Hand hielt. Als er Ihn hörte wurde er wütend und zerschmetterte ihn vor unseren Füßen...
Zu einem deiner Beispiele: Meine Oma war letztens im Kaufhof (Riesengebäude) und auf dem Weg zur Kasse bemerkte Sie, dass die Schuhe eine andere Größe haben als ausgezeichnet. Sie war Mega fertig und meinem Opa ging es schlecht...also legte Sie sie in ein regal statt zurück in den 2ten Stock zu laufen (verständlich mit 86)...eine 15 Jahre jüngere Frau sah das und motzte sie an und machte ihr eine Riesenszene...muss das sein?
Ich gebe zu, wenn ich mich manchmal umentscheide lege ich auch unverderbliche Sachen auf die schnelle in ein falsches Regal wenn der Laden zu groß ist und ich es eilig habe...das ist dann eben so...
wenn ich beim Lidl bei mir um die Ecke in einer Schlange von 20 leuten stehe und statt 4 Kassen nur eine offen ist ist klar das es Gemecker gibt...vorallem wenn man die anderen Mitarbeiter sieht, wie sie Regale auffüllen oder sonst was machen^^
Bei den meisten Dingen gibt es immer zwei Seiten.
Klar passieren solche Dinge, aber es gibt Dinge die muss man sich eben gefallen lassen und dann weitermachen. Was du aber beschreibst würde ich mir nicht gefallen lassen. Da hilft nur die Kündigung...Dein Chef hat dafür Sorge zu tragen, dass dein Arbeitsklima anständig ist. Wenn du immer mit allem allein bist und du keine Hilfe bekommst schätzt er dich nicht wert

Das sich "jeder selbst der nächste" ist kann ich so unterschreiben. Im Alltag gibt es viele Situationen wo ich sehe...ok der alten dame hätte ich vielleicht helfen können...oder der jungen Frau hätte ich helfen können den Kinderwagen die Treppen hochzu hieven, aber manchmal übersieht man es eben aus Stress heraus...wenn ich hetze weil ich sonst die Bahn verpasse kann ich nicht stehen bleiben um zu helfen...wenn ich beide Arme voll habe auch nicht...

Blinder Egoismus ist das aber nicht unbedingt.


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Beitrag #3 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Ich habe ja selbst zehn Jahre im Call-Center gesessen und kann da einige Geschichten erzählen. Natürlich verstehe ich die Leute, wenn man zum gefühlt 100. Mal angerufen wird, nur weil jemand einem eine ganz wichtige Versicherung verkaufen will, die man unbedingt braucht und die auch ganz wenig (30 Euro +) im Monat kostet:
Vor allem sind solche Anrufe spannend und lustig, wenn Samstag ist, man seine Wochenendeinkäufe erledigen will. Im Schwimmbad liegt oder das Kind nach stundenlangem Geschrei endlich eingeschlafen ist und durch das Telefongeklingel geweckt wird.
Desweiteren freut man sich wie ein König, wenn die Person am anderen Ende der Leitung unverständlich ins Ohr nuschelt und nur Worte wie "Bankverbindung" und "Kontonummer", bzw. hochmodern "IBAN" deutlich ausgesprochen werden.
Lehnt man höflich ab, wird die Person dann auch noch frech am Telefon. Wie gesagt, dafür habe ich vollstes Verständnis.
Die andere Seite der Medaille ist: Man wird angerufen, hat Frust, weil im Leben nichts so klappt, wie man es gerne hätte. 
Der Job ist stressig und langweilt, der Partner-falls vorhanden-nervt und wenn man keinen Partner hat, setzt man sich selbst unter Druck, endlich einen zu bekommen. 
Das Geld reicht hinten nicht zum leben und vorne nicht für die Extrawünsche, die man so hat und andere sich leisten können.
Man ist nicht in der Lage, aus sich herauszugehen und scheut die direkte Konfrontation mit anderen Menschen.
Das Telefon anonymisiert bis zu einem gewissen Grad. Man fühlt sich auch aufgewertet, weil man ist ja angerufen worden un die wollen etwas von einem. Plötzlich hat man das Gefühl wichtig zu sein. Der Kunde ist König! Wenn die am anderen Ende der Leitung sich wehren, dann beschwere ich mich beim Chef oder Verbraucherzentrale oder diversen Seiten im Internet.
Also wird zurück gerufen un denen mal ordentlich der Marsch geblasen. Die Verkäufer am anderen Ende der Leitung zeigen sich verständnisvoll und hilfsbereit. Man hat das Gefühl, einen Sieg davon getragen zu haben.
Berauscht geht man nach draußen einkaufen und macht im Supermarkt weiter. Vielleicht auch mit einem gewissen Erfolg und so dreht sich die Spirale weiter.


Ich habe zwei Erklärungen für dieses Verhalten:

1. Die Erziehung. 

Ich bin Jahrgang 1980 und wurde noch nach alter Tradition erzogen. Heißt im Klartext "bitte" und "danke" zählten schon früh zu meinem Wortschatz. 
Ebenso hat mich mein - alleinerziehender- Vater mir Respekt anderen Menschen gegenüber gelehrt und ich bekam auch nicht alles in den Popo geschoben, sondern musste lernen, dass ich nicht immer alles nach meinen Wünschen geht.
Andererseits hat sich mein Vater aber auch immer mit mir beschäftigt, mich selbstbewusst und stark gemacht. Dadurch bin ich zu einer Person geworden, die mit Worten sachlich argumentieren kann.

2. Die sozialen Medien


Stundenlang wird vor Facebook und Co gesessen. Ein richtiger zwischenmenschlicher Austausch erfolgt überhaupt nicht mehr. Habe ich bei Facebook keine Lust mehr zu diskutieren, dann antworte ich nicht mehr oder ignoriere die entsprechende Person einfach. Somit muss ich mich mit gegenteiliger Meinung auch nicht befassen und kann schön austeilen, ohne einzustecken.
Die Folge ist Vereinsamung, wirklich enge Bindungen zwischen Menschen, die das Verständnis für  andere stärken, entstehen schon überhaupt nicht mehr. Also besteht auch wenig Interesse, für die Sorgen und Nöten der anderen und damit die Verrohung der Gesellschaft. 

Meiner Ansicht nach können wir dem nur entgegenwirken, wenn wir uns mehr auf das Miteinander konzentrieren und uns auf unsere Menschlichkeit besinnen.

Liebe Grüße Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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Beitrag #4 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Hallo.

Vor ein paar Jahren, irgendwann zwischen Grundschule und Gymnasium (also auch schon wieder an die zwölf Jahre her), besprachen wir im Unterricht das richtige Verhalten am Unfallort oder allgemein in Notfallsituationen, die den Einsatz von Rettungskräften erforderten. Schon damals kam die Diskussion über Behinderungen der Einsatzkräfte auf, und damals gab es noch nicht einmal die heutigen technischen Möglichkeiten, die es Gaffern erlauben, ihre Sensationsgier zu befriedigen. Worüber wir damals nicht sprachen, waren Verhaltensweisen über das bloße physische Behindern/Blockieren hinaus, also das von Zack angesprochene Beleidigen/Angreifen.
Da es jetzt offenbar anders ist, muss es sich geändert haben, und da es keine Einzelfälle sind, muss es ein gesellschaftliches Problem sein - der Schluss ist schnell gezogen, daher auch die Folgerung, die Gesellschaft verrohe.

Ist dies denn wirklich der Fall? Ich kann nur aus meiner eigenen, begrenzten Erfahrung und aus dem Blickwinkel einer eher jungen Person in einem weitgehend homogenen sozialen Umfeld sprechen, aber tatsächlich zeigen sich auch in meiner täglichen Lebens- und Erfahrungswelt entsprechende Tendenzen. Pauschal gesagt: Ja, wir werden immer unhöflicher und egoistischer. Ja, ein guter Umgangston ist zu einer Randerscheinung verkommen. Ja, wir verrohen.

Zunächst einmal das alltägliche Beispiel des Einkaufens - der nächstgelegene Lidl und damit Einkaufsanlaufstelle Nummer eins des gesamten Straßenzugs und einiger durchfahrender Berufstätiger ist ein recht eng eingerichtetes, immer gut besuchtes Gebäude, sodass man immer etwas Zeit einplanen und damit rechnen sollte, dass man von einem Einkaufswagen überollt wird. Lange Schlangen an den Kassen sind keine Seltenheit und damit auch deren Begleiterscheinungen - gestresste Kassierer, die sich mit übel gelaunten Kunden herumschlagen müssen und mindestens ein Kunde innerhalb der Schlange, der seinen Einkaufswagen als Rammbock umfunktioniert, weil es ihm zu lange dauert. Ich habe Hochachtung vor den Angestellten, die oft trotz allem immer noch ein Lächeln für einen übrig haben, sofern man ihnen etwas Freundlichkeit entgegenbringt. Was nicht schwer ist, aber von vielen viel zu selten getan wird, wie man beobachten kann.

Speziell in meinem Tätigkeitsfeld hört man von den (insbesondere älteren) Kollegen bzw. erlebt selbst, wie sehr sich in den letzten Jahren das Verhältnis von Menschen untereinander geändert hat. Ein Besitzer, der sein krankes Tier in die Klinik bringt, steht meist unter enormer Anspannung, was einem respektvollen Umgang mit den an der Behandlung seines Tieres Beteiligten nicht gerade förderlich ist. Während früher häufig auf den Tierarzt gehört wurde (der freilich nicht fehlerfrei ist), entwickelt sich gerade in den letzten Jahren ein eher besorgniserregender Trend: Der Besitzer, der freien Zugang zu allen möglichen Informationen hat (Internet), ist viel zu oft davon überzeugt, dass er im Recht ist - auch wenn er es, ebenso viel zu oft, nicht ist. Diagnostik ist ein äußerst komplexes Gebiet, und lässt viel Freiraum für Interpretationen - dies wird zusätzlich dadurch erschwert, dass der Tierhalter (mit fragwürdiger Kompetenz) nicht alle Interpretationen akzeptiert, insbesondere, wenn diese ihn selbst in einem negativen Licht erscheinen lassen (haltungsbedingte Faktorenkrankheiten) oder der eingeholte Rat nicht den Vorstellungen entsprach ("Ich halte trotzdem meinen Wellensittich zusammen mit einem Nymphensittich, da war nie etwas").
Dass der Tierhalter so oft den Tierarzt wechselt, bis er einen gefunden hat, der ihm nach dem Mund redet, ist noch eine vergleichsweise harmlose Folge (abgesehen vom darunter leidenden Tier), es wird auch durchaus von Fällen berichtet, in denen eine tierschutzrechtlich korrekte Entscheidung des behandelnden Kollegen zu einem regelrechten Rufmord geführt haben, da vor allem Halter von Exoten und zunehmend auch Kleintier- und Pferdehalter immer besser vernetzt sind. Was ist eine solche Eskalation einer Meinungsverschiedenheit (was es im Prinzip war) anderes als ein Ausdruck der angesprochenen gesellschaftlichen Verrohung?


In meiner Wahrnehmung werden Akademiker oft als die gebildete Elite dargestellt, von der Höflichkeit und Sensibilität noch am ehesten erwartet werden kann. Doch auf mein universitäres Umfeld trifft dies nur teilweise zu. Das beginnt beim lautstark eine Sonderbehandlung einfordernden Studierenden, da die Abstimmung des Matrikels nicht das gewünschte Ergebnis geliefert hat, setzt sich fort über über offizielle Nachrichtenkanäle geführte Kleinkriege aufgrund von Banalitäten, die zum Teil sogar zu Ausfälligkeiten führen, und endet beim Professor und Vorsitzenden einer akademischen Organisation, der seine Machtposition schamlos ausnutzt, um durch Erpressung seine eigenen Ziele zu erreichen.
Sehr auffällig ist es außerdem, dass gerade an meiner Fakultät der Diskurs über Lehre und Lehrinhalte geradezu unterdrückt wird, sodass der Eindruck vermittelt wird, es gäbe keine Gesprächsbereitschaft, was wiederum nur eine Eskalation begünstigt. Ein Austausch mit Studierenden anderer Studienrichtungen und Universitäten zeigt allerdings, dass dies nicht nur ein fakultätsinternes, sondern offenbar weit verbreitetes Problem ist, also eventuell auch gesellschaftlich verankerte Grundlagen hat.

Ich finde es sehr schwierig, Gründe für diese Entwicklung auszumachen - immerhin beeinflussen sich Gesellschaft und Individuum gegenseitig, sodass in diesem Kontext die Frage nach dem Huhn und dem Ei gestellt werden könnte - wovon geht die Verrohung aus, dem großen Ganzen oder den Einzelnen, die in der Summe zu sichtbaren Veränderungen führen?
Sicher spielt die Erziehung, wie von Persephone angesprochen, eine Rolle, ebenso die Digitalisierung. Aber ich schätze, es lässt sich nicht allein darauf zurückführen, zu verbreitet ist das Phänomen (in meinem eigenen Erleben) in allen Altersstufen und Schichten.
Eine allgemeine Beschleunigung des Lebens vielleicht, die komplexe Verschiebung der Werte, denen eine Gesellschaft im Wandel der Zeit unterworfen ist? Hier verorte ich durchaus eine mögliche Ursache des Problems - welchen Wert hat denn zwischenmenschliche (persönliche) Kommunikation heute noch? Kommunikation ist schwierig, kostet Zeit, erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit. In einer zunehmend materiellen Welt kommen eben diese Dinge zu kurz neben Erfolgsstreben, Leistungszwang und der zunehmenden Entpersonalisierung.

Plakativ gesagt, ein Mangel an Kommunikation macht Menschen kaputt. Vielleicht macht es sie auch egoistischer, unhöflicher, roher.

Viele Grüße,
Eselfine


We are all accidents
Waiting
Waiting to happen
Radiohead, "There There"

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Beitrag #5 |

RE: Verroht die Gesellschaft?
Ich sehe das Problem teilweise auch in der Kommunikation bzw. der Veränderung dieser durch das Internet. Zum einen fällt es leichter, anonym im Netz zu lästern - und wenn dann auch noch welche mitmachen, verschieben sich die Grenzen, es kommt einem gar nicht mehr so schlimm vor, so böse zu lästern. Und langsam übernimmt man das im "real life". Das, was man vorher nicht sagen durfte, weil gesellschaft nicht akzeptiert, wird allmählich salonfähig.

Zum anderen wird die Kommunikation durch das Internet knapper, unpersönlicher. Bzw. das kam eigentlich erst mit der Ausbreitung der Smartphones, Facebook, WhatsApp und Co ... man gibt sich auch noch Mühe, auf Groß- und Kleinschreibung oder gar Zeichensetzung zu achten. Man tippt einfach rein, schickt weg und denkt im Zweifelsfall erst danach drüber nach, was man da geschrieben hat ...

So mancher hat schon Probleme, mich zu erreichen, weil ich kein Facebook und WhatsApp nutze Icon_wink ... damit bin ich für so manchen quasi nicht-existent ...

Zudem steht man durch die Social Media in einem permanenten Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit zueinander. Wer macht die schöneren Selfies, wer erlebt mehr, wer hat die krasseren Sachen zu berichten usw. usw. ... da geht es gar nicht so sehr um persönliche Leistung, um etwas Kreatives, nein, es geht ums Mittagessen oder gar um den Verkehrsunfall auf dem Arbeitsweg, wo man mal eben schamlos den halbtoten Motorradfahrer knipst und auf Facebook online stellt. Und den Leuten ist gar nicht klar, was sie da eigentlich tun. Krass ausgedrückt kann man sagen, die Leute "verblöden" dadurch, sie sind so sehr auf sich selbst und die Aufmerksamkeit, die sie generieren wollen, fixiert, dass ihnen jedwede Empathie abhanden kommt.

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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