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Literarisches Tagebuch - Druckversion

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RE: Literarisches Tagebuch - LadydesBlauenMondes - 11-02-2011

Tagebuchnachtrag 10.02.2011

Von Seiltänzern
Mit ausgestreckten Armen versuchen wir auf unsichtbaren Seilen durch unsere Leben zu balancieren.
Wir spazieren durch endlose Flure der Verzweiflung.
Künstliches Licht erhellt unsere Wege.
Schnurgerade. Steinig. Akrobatische Bewegungsversuche.
Winzige Haltungsveränderungen. Minimale Bewegungen.
Mechanische Bewegungsabläufe.
Plötzlicher Schmerz, Unsicherheit lässt uns verharren,
-Innehalten-
Gedankensammeln, Konzentration zusammenkehren.
Weiterbalancieren.


RE: Literarisches Tagebuch - AngelOfShadow - 22-03-2011

Vorablesen veranstaltet diese Woche wieder ein tolles Gewinnspiel zum Thema „Frühling“.
Da ich mich schon eine Weile nicht mehr bei Vorablesen beteiligt habe, dachte ich mir, das ist ein schöner Anlass, dort mal wieder ein wenig zu stöbern und mich einzubringen. Gedacht, getan.

Die erste Aufgabe sah folgendermaßen aus:
Das Motto der Woche lautet: „Romantik für Anfänger“. Starten wir in die Frühlingswoche mit einem kleinen, sechszeiligen Liebesgedicht mit den Worten „Frühling“, „Herz“ und Kuss“.

Und hier ist mein Ergebnis, gerade ganz spontan zusammengeschustert:
Zitat:Wenn der Frühlingssonne erste Strahlen
mir sanft die Haut erwärmen,
wenn die Stimmen von ersten Vogelschwärmen
meinen Ohren nehmen die Winterqualen,
wenn aus der Erde erblüht der erste Krokus,
zum Erblühen meines Herzens fehlt nur noch dein Kuss.

(22. März 2011)
Wehe, jemand lacht!
Das ist das erste kreative Schreib-Ergebnis seit … Urzeiten!


RE: Literarisches Tagebuch - rex noctis - 23-03-2011

Jetzt musst du nur noch 298 Tage warten, bis du es zum Valentinstag verschenken kannst Icon_wink


RE: Literarisches Tagebuch - AngelOfShadow - 23-03-2011

Ich wüsste nicht, warum ich auf einen dummen Kommerzfeiertag warten müsste, um ein Gedicht zu "verschenken".


RE: Literarisches Tagebuch - Adsartha - 23-03-2011

Hübsch. Icon_smile


RE: Literarisches Tagebuch - LadydesBlauenMondes - 02-04-2011

02.04.2011

Frühlingsgefühlt
Zusammen betrachten wir die erwachende Welt. Ein technicolorblau gefärbter Himmel überspannt fröhliches Kinderlachen - untermalt mit Vogelgezwitscher. Doch zwischen uns eisiges Schweigen – drückende, laute Stille. Langsam schieben sich Wolken vor die Sonne, Kinderlaute verstummen.
Plötzlich durchbrechen deine erlösenden Worte die Stille - machen sie angenehm. Dann betrachten wir wieder zusammen die erwachende, bunte Welt. Heimeliges Schweigen umhüllt uns und wir sind Winterbefreit – Frühlingsgefühlt.


RE: Literarisches Tagebuch - LadydesBlauenMondes - 15-05-2011

Tagebuchnachtrag 29.04.-01.05.2011

Geatmete Geschichte
Die Geschichte schwebt zwischen uns - wie Staub. Wir hinterlassen unsere Fußabdrücke darin - wie in Sand. Einatmen. Ausatmen. Vergessen.
Wir hören Pferdefuhrwerke auf Kopfsteinpflaster, Kutscherrufen - vergangene Idylle. Wir gehen mit einem Schritt vorwärts in die Gegenwart - kommen wieder in der Realität an. Die Macht der Vergangenheit lässt uns innehalten und der Wind trägt die Worte zu uns.



Diurnus - Dreadnoughts - 15-05-2011

(Sonntag, 15.05.11)

Die U-Bahn ruckelt und wackelt, rauscht durch die wolkenverhangene Kulisse einer leblosen Stadt. Düfte ungewisser Herkunft wabern an meiner Nase vorbei. Schweiß, Parfum, schlechter Atem. Unzählig, so könnte man meinen - doch es sind nur Variationen, die ich zum Glück an einer Hand abzählen kann.
Zum ersten Mal seit neun Jahren stehe ich hier in der U-Bahn und denke in einer Ich-Form über die Welt außerhalb meines Körpers nach.
Da draußen, vor mir. Menschen aus allen sozialen Schieflagen der Stadt, aus allen nur erdenklichen Umständen, die der Alltag zu bieten hat.
Der ältere Mann auf dem Platz für den Schwerbehinderten hinter mir. Der Bauch so groß wie bei einer Schwangeren, der Kopf in einem Monolog mit einem Freund. Leidenschaftliche Worte gegen die böse Atomlobby.
Links neben mir prangen Aufkleber an der Plastikwand: Ein Rauchverbotsschild, ein Essen-verboten-Schild und ein Hinweis auf erhöhtes Beförderungsentgeld bei Schwarzfahrten.
Auf einem Vierer-Sitzplatz weiter vorn wird leise diskutiert. Über Gott und die Welt, über den Tod eines Terroristen, für den man zehn Jahre brauchte.
Rechts unter meinem Arm, dessen Hand sich an einer der roten Stangen festhält, sitzen zwei Mütter mit ihren Söhnen auf dem Schoß. Schwer zu sagen, wie alt sie sein mögen. Zehn? Jünger?
Sie blicken verträumt durch die U-Bahn, die gar nicht so untergrundlich ist und weiter durch die graue Welt fährt.
Der große Platz des Westfälischen Einkaufszentrums. Keine Menschen zu sehen. Klar, ist Sonntag - aber selbst der Quoten-Obdachlose ist nicht da, sondern steht mit seinen Habseligkeiten auf dem Bahnsteig an der Eisenstraße.
Die Bahn hält, die Türen schwingen sich zur Seite und lassen angenehme klare kühle Luft herein - und zusätzlich einige angetrunkene Mitbürger. Ihr lauter Gesang schallt durch den Wagen und lässt die bisherige Ruhe verblüfft auf dem Bahnsteig zurück, als die Bahn ihre apokalyptische Reise fortsetzt.
Der Gesang ist eindringlich und omnipräsent und einige Fahrgäste zucken verschreckt zusammen.
"... so wird das gemacht, so wird das gemacht!"
Die Angetrunkenen wanken durch den Gang und halten sich mühsam an den roten Stangen fest. Ein Hüne unter ihnen schlägt mit den Fäusten im Takt des Gesanges an die Wagendecke.
"SO WIRD DAS GE-MACHT!"
Poch, Poch, Poch.
Widerlicher Gestank. Schlechtes Parfum. Wo ist eigentlich der Aufkleber für diese Zielgruppe von Menschen?
"... wippen, wippen - bis die Achse bricht!"
Ein schneller Blick zur Plastikwand.
Poch, Poch, Poch.
Haben sie wohl vergessen.
Warum so kritisch?, denke ich mir und schiebe die dunkle Hälfte meines Seins zurück auf die geistige Couch, die irgendwo hinten in der Großhirnrinde steht. Sind wir nicht alle trunken vom Alltagskelch?
Die Neuankömmlinge tragen ausnahmslos ein schwarz-gelbes Trikot. Manche noch mit den Schriftzügen wie Continentale oder S. Oliver auf der Brust.
Ich schaue nach hinten zum alten Mann auf dem Schwerbehindertenplatz. Er lächelt und hat seine böse Atomlobby und den drohenden Weltuntergang schier vergessen.
Ein Blick weiter. Meine Frau. Mit dem gleichen schwarzen Trikot, wie ich es trage. Mit der 17 hinten auf dem Rücken. Und dem Namen Dede.
Sie lächelt mir zu, während der Gesang lauter und lauter wird. Und plötzlich ist die apokalyptische Welt dort draußen weg, verpufft, hat scheinbar nie wirklich existiert, als es Nacht wird. Unter der Erde, nur die Stollenwände des Tunnels zu erkennen - und unsere Spiegelbilder aus zwei Parallelwelten, die auch alle das gleiche Ziel haben wie wir.
"Schei-ße, Schei-ße, ..."
Beklemmende Enge.
"... Schei-ße S Null Vier!"
Die Bahn rauscht unbeeindruckt von unseren Wahrnehmungen weiter durch die Unterwelt und zerrt den Lärm in ihrem Inneren mit sich fort.
Poch, Poch, Poch.
Einer der beiden Jungen rechts von mir zückt eine Fahne und wedelt langsam mit ihr hin und her.
Leise Stimme, im ausufernden Brüllen der Angetrunkenen nicht zu hören. Auch er hat ein Trikot an, nur kleiner. Mit einer 17 auf dem Rücken - und dem Namen Dede.
Ich schaue mich um und entdeckte noch weitere Dedes unter uns, als die Fäuste des Hünen plötzlich von der Decke ablassen.
"RUHE!", brüllt er durch den schaukelnden Gang. "SEID LEISE!"
Es wird still im Wagen. Der Hüne dreht sich zu dem Jungen und fordert ihn mit einem Kopfnicken auf.
"Komm Kleiner, jetzt Du!"
Und der Junge strahlt bis über beide Ohren. Ein Blick zum nickenden Kopf seiner Mutter, zu allen Seiten - dann schwingt er seine schwarz-gelbe Minifahne.
"Deut-scher Meis-ter ist nur der BvB", fängt er an. "Nur der BvB, nur der BvB!"
Der Hüne lächelt, presst die Lippen zusammen und zwinkert dem Kleinen zu, als der Rest des Wagens ebenfalls mitsingt.
"NUR DER BVB, NUR DER BVB!"
Sind wir nicht alle gleich?, denke ich mir. Ungeachtet aller sozialen Hemmnisse? Bereinigt auf den alles einigenden Nenner?

Und mit einem "SCHEI-SSE SCHEI-SSE SCHEI-SSE SNULL VIER" auf allen Lippen tauchen wir wieder an der Erdoberfläche auf. Strahlender Sonnenschein in diesem Teil der Welt. Und Menschen, so weit das Auge reicht. Die ganze Stadt ist hier. In den gleichen Farben wie wir. Mit der gleichen Nummer. Dem gleichen Namen.
Wir sind alle Dede!








RE: Literarisches Tagebuch - Adsartha - 15-05-2011

Hi Dread!
Schöner Alltagseinblick!

Zitat:Widerlicher Gestank. Schlechtes Parfum. Wo ist eigentlich der Aufkleber für diese Zielgruppe von Menschen?
-- *grinsend in die Nacht zieh*


RE: Literarisches Tagebuch - lu - 16-05-2011

Aufarbeitung (mutterlos)

Ich hab gewusst,
wir müssen drüber reden,
irgendwann:

Du warst so jung
und wir, ich gaukelte für dich,
in allen Farben und Sprachen
und das Erinnern nahmen wir
auf uns -

nun forderst du es ein.
Am liebsten wäre mir Vergessen -

tun wir so, als wäre nichts gewesen,
und frag nichts -
bitte, bitte sag nichts!
(bin ich halb den Tränen nah):

Vergangenheit und Zukunft dieses Wesens
lege ich in deine Hände.

Nimm sie uns,
mir,
nicht noch einmal.

Bitte.

16.5.11


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