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Literarisches Tagebuch - Druckversion

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RE: Literarisches Tagebuch - Trinity of Chaos - 06-01-2013

Der Rage des Tages, vielleicht überreagiert

"Ich weiß gar nicht, warum du das Vampire nennst, Trin. Wenn du schon eine neue Welt bastelst, dann denk dir doch einen eigenen Namen dafür aus."
"Nun, aber es sind Vampire."
"Nein, das sind eklige Dinger. Verschandel doch nicht die Vampire!"
"Bitte
was soll ich nicht? Oh warte ... du warst doch nicht etwa von dieser Twilight-Fraktion, richtig?"
"Ich weiß gar nicht, was ihr habt, Edward ist doch ein richtiger Vampir, ich meine, er ist stark und schnell und schön ... Trin? Alles okay?"
" Icon_motz Das - macht - noch keinen - Vampir!"



Ein brachiales Krachen kündigte von der zornigen Kraft der Bestie, die fauchend und gegen das Tor schlagend Einlass begehrte. Das Vibrieren der Angeln und ein flackernder Schatten, der über die Schwelle zu kriechen versuchte, mehr sah man nicht von ihr. Umso enger pressten sich die beiden Mädchen im Schatten der Lehmziegelmauer aneinander und schienen sich in ihrer namenlosen Angst zu einem zittrigen Wesen zu vereinen. Das unsichere Licht des nahenden Tages irrte durch den ansonsten menschenleeren Hof und streifte das wuchernde Grüngrau, das sich ihm entgegenreckte. Dennoch ließ es die Silhouetten der verlassenen Mauern nur schemenartig schattiert zurück und versprach, sich Zeit zu lassen.
Zeit, die die Mädchen nicht hatten.
Ein erneuter Schlag, wuchtiger noch als alle vorhergehenden, trieb Splitter aus dem Riegel, der in aller Hast vor die Torflügel geschoben worden war, verfolgt von ungeduldigem Geschrei. Wortlos, unmenschlich, unerträglich nahe. In einer Pause des trommelnden Angriffsrhythmus', die sich einen Herzschlag lang wie flutende Morgensonne ausbreitete, glaubten die Mädchen schon, der Hunger der Bestie siege letztendlich über ihre schreckliche Kraft und zwinge sie zum Aufgeben.
Als nächstes rasten Riegel und bis zu armlange Holzsplitter in den Innenhof und gruben sich ins Blickfeld der Mädchen. Eines schrie vor Schreck und Entsetzen auf, geradezu ein Glockenklang gegen das schnaufend-kreischende Wesen, das in die Reste des Kastells geschwankt kam. Krude verunstaltet durch Anstrengung und Zorn, die Silhouette verkrümmt wie die eines Quasimodo und gespickt mit holzgerissenen Wunden schälte es sich in wiederkehrender Kraft aus dem vergehenden Grau und sog lautstark und begierig Luft ein. Ein Schimmer schien auf dem nässenden Rot seiner Wunden zu liegen, und ein furchterregendes Glänzen in den vor Hunger vernebelten Pupillen. Es brauchte nicht lange, sich zu orientieren. Während es schon die Knie federte, bereit, sich herumzuwerfen, flammte der Überlebensinstinkt der Mädchen ein letztes Mal auf. Im Angesicht des ungezügelten Schreckens rissen sie sich gegenseitig empor und stoben davon, Hand in Hand nur haltlos schlenkernd verbunden. Ihre Füße fanden keinen gemeinsamen Rhythmus und ihre Herzen schlugen in Furcht wild durcheinander. Das Schnaufen der Kreatur schien ihnen im Nacken zu liegen, als sie tiefer ins Kastell flohen. Im schnellen, viel zu schnellen Takt hörte man ein brachiales Klatschen, wenn die Bestie im Sprung gegen die Mauern kam und – ohne jegliches Schmerzempfinden – dem Weg ihrer Beute mehr in der Luft als am Boden folgte. Mühelos nahend federte sie ihre unstete Gestalt um die Ecken der Gänge, in denen die beiden Mädchen ihre Fährte aus Angstschweiß und den Geräuschen wehender Kleider auslegten.
Sie waren sich nicht bewusst, wie sehr ihr gehetzter Atem, der ihre frischen, jungen Körper erzittern ließ, die Bestie antrieb, entfesselte – ja, in verzehrender Gier entflammte. Dennoch konnten sie den Odem der Verrottung riechen, der aus den reißenden Kiefern der Bestie heraus den Ort der Jagd verdarb und mit Verwesungsgestank verpestete. Die Schritte wurden unregelmäßiger, als er sie mehr und mehr umgab und der Ohnmacht in die Arme trieb. Eines der Mädchen taumelte ihr fast blind entgegen, an der verkrampften Hand den Zug einer Kräftigeren spürend. Der Brustkorb schien dem hochschlagenden Herzen nicht mehr standzuhalten, und so hart schmerzte das unnachgiebige Pochen, dass das Mädchen kaum wahrnahm, als es die nächste Gangecke streifte und Steinkanten die angstblasse Haut aufrissen.
Der Blutgeruch, der sich in die Fährte der Beute mischte und sie unerträglich begierlich machte, verwandelte die Bestie endgültig in ihren eigenen Hunger, den sie in einer Wolke aus Pestodem aus sich herausschrie, als könne sie sich so sofort in die zarten Körper graben.
Das taumelnde Mädchen wurde sich bloßen Schmerzes gewahr, der bis in ihre Gedanken raste und ihre Haut zu Schmirgelpapier machte. Der Wille zu laufen verlor sich darin, einen Moment nur lockerte sie den Griff ihrer Hand – und ließ sie allein mit ihren stolpernden Gedanken. Ein angstvoller Ruf ließ sie nach vorne blicken, doch alles, was sie sah, war verschwommen in Schattengrau und Gestank. Ein Wort wollte über ihre Lippen kommen, ein letzter Halbschritt, ein Gedanke nur nach vorne, da kratzten die Nägel der Bestie hinter ihr gegen die Gangmauer und im nächsten Moment schon stürzte sich das Wesen mit grauenvollem Geheule auf seine Beute.
Mit blanken Fingern riss es an dem Körper, der sich willenlos an den Boden presste, und kratzte mit den scharfen Überresten von Zähnen am Fleische, bis sich Blut um Blut das fremde Leben in ihren Rachen ergoss. Und während es sich noch mit verkrümmten Füßen gegen den Rücken der Beute stemmte, um das weit aufgerissene Maul mit mehr und mehr Nahrung zu füllen, bis alle Gier daran erstickt wäre, drang das elende Grauen des zweiten Mädchens unter den Rhythmus aus Fressen und Schnaufen, das sich in einem blutgurgelnden Laut unterbrach.
Die madig glänzenden Pupillen weiteten sich und sogen den Anblick von Schattenschwärze in sich auf, in das sich ein Funkeln sprenkte, ein Glanz wie von reiner Haut reflektiert. Die Bestie ballte die Faust um Brocken des ersehnten Fleisches und riss es zu Gesicht, grub ihren Unterkiefer gegen die selbst dargebotene Hand und wurde doch unerbittlich weitergezerrt von der Erinnerung an diesen zweiten, weißfleischigen Schemen, von dem Geruch nach noch mehr Beute.

"Kleines Spiel für Ms Ich-will-deinen-Namen-nicht-nennen: Sieh genau hin und überlege, in welche Rolle Edward und Konsorten eher passen würden!"


RE: Literarisches Tagebuch - Trinity of Chaos - 15-01-2013

15.01.2013 - Münster, Deutschland. Schnee.

Am warmen Puls des Innen stehe ich
und schaue zu, wie sich der Schnee in der Luft zu einem Spiel aus Ebenen auftürmt - unberechenbar. Die Sicht ist aus jedem Fenster gleich, und auch hinter der Mattscheibe: nur Schneetreiben.
Die Welt schiebt meine Zimmerkapsel an den Rand und ich gucke nur zu. Warum sich wehren? Es ist sanftwarm hier drinnen und in aller Seelenruhe summen die Stimmen eine Hintergrundmelodie zu dem Lied, das aus den Boxen klingt.
Es ist der letzte Januar in diesem Jahr, und das Telefon stumm. Möglich, dass sich ein bisschen von mir am Fenster verliert, aber man könnte eine Eisblume daraus zeichnen und abwarten.
Wer weiß, vielleicht findet mein Später sie ja und lächelt.


RE: Literarisches Tagebuch - Trinity of Chaos - 24-01-2013

(Wenn man im Alten stöbert, weil man zu viel Zeit zum Lernen hat. Wenn man liest, was ein anderer geschrieben haben könnte, so lange, wie es her ist. Wenn man sich denkt: Was ist das, und warum trifft es mich heute immer noch?
Wenn man sich fragt, ob man es bisher nie irgendwie eingestellt hat, weil man es seinem späteren Ich zeigen wollte, genau jetzt.)


Die Nacht ist klar.
Versteht mich nicht falsch, es geht hier nicht um die Nacht. Aber sie ist heute ebenso klar wie damals. Ich weiß ja nicht, wie es mit euch ist, aber ich war schon einmal am Meer, als die Luft so frisch war, dass man sich fühlte wie am Tag der Schöpfung. Obwohl es Ewigkeiten her ist, erinnere ich mich an den Geruch des Meeres. Zwischen Salz und Wasser schien da noch etwas zu sein, unendlich elementar, doch unerreichbar. Hätte ich je ahnen können, wie schnell die Sinne dazulernen? Es gibt vieles, was ich nicht geahnt habe.
Aber stellt euch das vor: Die Nacht – ich habe es schon gesagt – war klar und rein. Es gab keine Schatten, nur wohltuende Dunkelheit und ein paar Lichtsprenkel hier und da.
Aber das Meer – das Meer!
Es war ein einziger Spiegel, so glatt wie Glas nie sein kann. Und darauf schimmerte das Mondlicht, reiner als es in Wirklichkeit schien. Uns Menschen tastet das Mondlicht einfach ab und lässt sich bestaunen, aber auf die See hat es eine andere Wirkung, eine vervollkommende. Nie wieder habe ich solch große Harmonie gesehen, wie diesen Spiegel voll Mondlicht.
Kommen da nicht schon Gedanken? Man träumt von dem, was möglich ist – und in solchen Nächten ist alles möglich! Ja, ihr habt mich schon verstanden. Ich sehe es euch an: Ihr schließt die Augen, aber hinter euren Lidern spielen sich fantastische Szenen ab, die ihr euch nur erträumen könnt.
Doch es gibt so etwas. Wenn ihr da seid, wirklich am Meer steht und das Mondlicht fühlt ... Es zieht euch mit sich. Das Wasser, es ist mächtig. Nicht nur in dieser Realität, mit all den Wellen, den Tsunamis und Freaks – seine Kraft reicht über dies hinaus. Es hat mich mitgezogen. Mein Körper stand am Strand, aber die Wellen haben meinen Geist mit sich gespült. Stück um Stück löste ich mich darin und zerfloss.
Großartig, ihr könnt es euch nicht vorstellen. Jeder von euch versucht es gerade sicher, ihr steht oder sitzt, wo immer ihr auch seid und mir zuhört, und fantasiert, ihr seid am Strand und werdet von der Tide mitgezogen.
Habt ihr eine Ahnung! Es ist ganz anders.
Man kann auch nicht darauf vorbereitet sein. Es passiert, und es passiert völlig anders als alles andere, was ihr euch jemals ausmalen könnt. Und jeder erlebt sein Abenteuer.
Man begibt sich auf die Spuren des Geistes, der all dies schon einmal angedeutet hat, aber nie in solch mächtiger Kraft zu Ende gedacht hat. Auf den eigenen Spuren, meine Freunde! Haltet ihr es für einen starken Gedanken, dieselbe Kraft zu besitzen wie ein Superman? Nein, das ist er nicht.
Wenn man das Meer erlebt hat, hört man mit solchen Wünschen auf. Man hat erlebt, was geträumt wurde – ich habe es gesehen. Es ist nicht nur Wasser – oder das Wasser ist nicht nur diese Faszination. Eine Urgewalt; unerschütterlich wie die Dummheit der Menschen, die nun sagen, das wäre Schwachsinn.
Das Wasser, es ist ebenso wortlos wie alle Wörter, die wir kennen – und alle die, die wir uns erdacht haben. Schreibt man etwas nieder, sucht man es zu umschreiben. Man formuliert Feuerwerke an Floskelbrechern, ganze Tintenwinkel gefüllt mit Wortmagie – aber die Sache ... vielleicht ist sie etwas ganz anderes. Schwebt in einer anderen Dimension.
Gib mir bitte meine Pfeife, danke. Ich bin ein lebendes Klischee. Seht die Seemannsjacke und die Meerschaumpfeife! Und ich sitze auch noch in einer Hafenkneipe und erzähle wirre Geschichten an junge Leute! Aber die Sache ...
Kommt mit, es ist genau die richtige Zeit. Folgt mir alle, bis runter an den Hafen. Das Wasser umspült hier noch die Schiffe, aber weiter unten nicht mehr. Die Gassen bergen Schatten, sehr ihr? Dort huschen sie umher – aber folgt mir hier um die Ecke und den Pfad hinunter! Dort liegt der Strand. So nah bei der Stadt, aber doch unendlich weit entfernt. Von einem Schritt auf den anderen umrahmt euch nichts als Dunkelheit. Seht nicht zurück, meine Freunde, ihr würdet es nicht wieder erkennen – folgt mir lieber zum Wasser.
Schuhe ausziehen, richtig, beinahe hätte ich es vergessen! Versenkt eure Füße im Sand, er ist weich – Muscheln? Spitze Steine? Was glaubst du eigentlich! Sogar ich alter Sack kann hier aufrecht laufen, also los!
Ah, atmet ein: Das Meer liegt direkt vor uns. Salz und Wasser, das riecht ihr alle – und man kann es auch schmecken. Und nun, schließt die Augen. Der Wind streicht über das Wasser, aber er berührt es nicht – er zupft lieber euch in den Haaren und streicht sanft euer Gesicht. Das Meer liegt ruhig da – nein, Augen immer noch geschlossen halten! Das Meer liegt ruhig. Der Himmel ist frisch und rein, pures Dunkel liegt über ihm. Hört ihr die Welt seufzen? Die Schatten sind alle vergangen, nur noch der Mond steht im Dunkel. Das Licht schwebt hernieder und legt sich endlich wieder ganz sacht auf die Wellenlosigkeit. Die See schläft und nur wir sind da, um es zu betrachten: Öffnet die Augen und schweigt.
Wenn ihr aufwacht, wird nichts so sein, wie es war.


RE: Literarisches Tagebuch - Dreadnoughts - 25-01-2013

Ein Tisch, eine glimmende Kerze in der Mitte. Und rechts ein Mann in den goldenen Dreißigern mit einer alten Marineuniform.
"Salz und Wasser, das riecht ihr alle - und man kann es auch schmecken." Er schließt die Augen. "Der Wind," flüstert er, "streicht über das Wasser - aber er berührt es nicht. Er zupft lieber in den Haaren und streicht sanft über das Gesicht."
Er öffnet wieder die Augen.
"Sie ist großartig."
Schweigen.
"Was ist? Hörst Du die Welt nicht seufzen?"
Er schlägt mit der Hand auf den Tisch zwischen ihnen.
"VERDAMMT ICH REDE MIT DIR!"
Aus dem Abseits an den Rand gestreut beugt sich der zweite Mann ins Licht.
"Sie. Ist. Klasse," antwortet er. "Sogar eine für sich, Johann."
"Am liebsten würde ich ein Pendel nehmen", sagt der Mann mit dem Namen und schwingt seine Hand vor sich hin und her, als würde er einen Faden zwischen den Fingern halten. "Und wenn Du aufwachst, wird nichts so sein, wie es war."
"Das wird nicht passieren."
Die Hand sinkt erschossen auf den Tisch. Schweigen gleitet durch den Raum, umkreist sie beide wie ein hungriges Tier.
"Du hast mich vergessen."
"Das stimmt nicht."
"Du wolltest mich hier rausholen!" Johann presst die Lippen zusammen. "Aber Deine vermaledeite Reise zu den Sternen war ja wichtiger."
Stille.
"Und Du hast das Meer vergessen", fügt er hinzu.
"Ich habe es nur ersetzt."
"Durch die Dunkelheit des Alls!" Die Hand wird wieder zur Faust. "Deine ..." Zornig schwebt sie über dem Tisch, gestoppt im freien Fall. "Deine unselige Reise." Er beugt sich weiter vor und berührt fast mit der Nase die Kerze in der Mitte des Tisches. "Hast Du denn alles vergessen?"
Keine Antwort.
Stattdessen ein leicht nach unten geknickter Kopf.
"Du kanntest Wilhelmshaven wie Deine Westentasche", zischte Johann. "Du warst da, Du hast Dir alles angeschaut. Du hast den Wind gespürt - da draußen, an der dritten Einfahrt, wo nur noch die Phantasie Dir zeigte, was einst war."
Der andere Mann faltet seine Hände, legt sie auf den Tisch und schweigt.
"Du warst selbst in Wiesbaden. Du hast mit dem Reporter gesprochen, der das Schiff sucht. Selbst das Silberbesteck hättest Du Dir noch zeigen lassen, wenn es nicht so spät geworden wäre."
"Ja", sagt der andere. "Das stimmt."
"Und jetzt?" Johann lehnt sich zurück und ein drohender Zeigefinger weist nach oben. "Jetzt bist Du fremdgegangen. Hast einer anderen Stadt Deine Phantasie geschenkt. Du gibst ihr Leben, eine Vergangenheit, eine Zukunft - und was wird aus uns, die wir zuerst da waren?"
Der andere Mann räuspert sich, während sich seine Finger wieder verlieren und unentschlossen auf dem Tisch liegen bleiben.
"Das ist wichtig."
"Wichtig?"
"Ja."
"Es ist ein Arschtritt ins Gesäß der Gesellschaft." Johann schüttelt entschieden den Kopf. "Und wofür? Was wird sich ändern? Was soll sich ändern?"
"Es ist auch gegen das Vergessen. Viel zu viel haben wir seit der Geburt in den Kopf geschrieben bekommen - und dabei so viel am Rand verloren."
"Und was in Gottes Namen ist mit mir?"
"Es ist anders."
"Ach." Johann schnauft. "Kannst Du Dich noch an die geplanten Kapitelüberschriften erinnern? Das Schiff des Reiters. Der Morgen nach dem Tod. Wie lange hast Du dafür gebraucht? Was hast Du Dich darüber gefreut? Und jetzt?" Johann beugt sich wieder vor. "Glaubst Du, Du kannst es einfach so ignorieren? Mich einfach so ausschalten, wie Bowman einst HAL?"
Der andere Mann seufzt, während die Wut in Johanns Gesicht erstarrt.
Dann pustet er die Kerze aus. Verschrecktes Feuer, nach hinten ausweichend - ohne Chance.
Johann fällt für einen Moment in die Dunkelheit zurück, dann glimmt über ihnen rotes Höllenlicht auf und reißt den Raum aus der Finsternis.
Ein Tisch, eine erloschene Kerze in der Mitte. Johann in Marineuniform - erstarrt.
Ein Stuhl entrückt sich nach hinten und der andere Mann steht auf, während hinter ihm ein Schott zu erkennen ist, welches sich knirschend öffnet.
Ein dritter Mann in einer alten Splittertarnhose nebst Hawai-Hemd schaut herein. Er ist klein, doch die fehlenden Zentimeter zur Normalgröße stecken umgerechnet in seinem kleinen Bauch, den er stoisch über dem Gürtel trägt. Auf seinem Kopf haben sich die überlebenden grauen Haare zu einer Lagune geformt, nur der gepflegte Spitzbart scheint den kombinierten Attacken von Natur und Zeit gewachsen zu sein.
"Wenn wir nicht bald weiterdrehen", sagt der kleine Mann, "steigt die Stromrechnung für die Kuppelsonne ziemlich bald ins Unermessliche."
Er ignoriert den Neuankömmling und schaut in Johanns reglose Augen.
"Wenn Du aufwachst", flüstert er dem Seemann zu, "wird nichts mehr so sein, wie es war."
"Ich glaube, er kann Dich nicht hören, Dread."
"Ich weiß, Bernhard." Dread wendet sich von Johann ab. "Ich weiß."


RE: Literarisches Tagebuch - Adsartha - 25-01-2013

Icon_smile

Zitat:Er ist klein, doch die fehlenden Zentimeter zur Normalgröße stecken umgerechnet in seinem kleinen Bauch, den er stoisch über dem Gürtel trägt. Auf seinem Kopf haben sich die überlebenden grauen Haare zu einer Lagune geformt,



RE: Literarisches Tagebuch - lu - 23-02-2013

Gute Nacht, schlaf,
ruhig; deine armen
Augen zu.

Kindheitssand;
in diesen Schneestunden,
Neonlicht,
vielleicht träumst du alles
noch einmal,
leise, bevor du es
vergisst, für immer – vielleicht
träumst du mich.

Die Zufallsliebe deines
Lebens
legt ihre Hand auf deine Stirn,
und deine Töchter küssen
Schulter, Arme, Hände.

Gute Nacht; sanft,
schlaf, ganz still und

still: nie wieder deine
Augen.

23.2.2013


RE: Literarisches Tagebuch - LadydesBlauenMondes - 23-02-2013

Tagebuchnachtrag 18.02.2013

Deine Feder senkt sich auf das jungfräuliche Papier, doch sie hinterlässt keine Buchstaben.
Verkrampft halten deine Finger die Feder, versuchen mit Gewalt Wortschöpfungen auf die Linien zu zwingen. Doch in deinem Kopf ist nur Leere. Leere, die um alles kreist, was sich nicht auf das Papier bannen lässt.
Ideenlosigkeit, die dich verfolgt.
Du versuchst ihr zu entkommen, verlierst dich in Banalitäten - in Einfalllosigkeit - versuchst dich an Sinnlosigkeiten zu berauschen.
Wortberauscht.


RE: Literarisches Tagebuch - Eselfine - 23-02-2013

23.02.2013

Reinweiße, flackernde Erinnerungen, verflochten in Musik. Orte, die sich in meinen Gedanken ausbreiten wie ein Tropfen schwarzer Tinte in Wasser, die Klarheit verschwimmen lassen und die Wirklichkeit ersetzen. Das Wissen um die Endlichkeit - der Zeiger verschiebt sich immer weiter. Noch stand die Waage auf einem 5/5, inzwischen ist es bereits ein 6/4 und es geht noch weiter. Ein Ungleichgewicht, ausgeprägter mit jedem Tag, der verrinnt: 7/3, 8/2, 9/1, 10. Und schon sitze ich im Flugzeug auf dem Weg nach Hause. Heute ohne Anführungszeichen? Dann habe ich es bereits durch Gewohnheit ersetzt. Woran denke ich, wenn ich das Wort "Zuhause" höre? An mein kleines Zimmer mit der Dachschräge, der Polenflagge und warmen Licht. Mein Zimmer in Deutschland ist da eher ein Lichtfleck in einem Erinnerungsloch. Da war etwas - aber ich kann es nicht fassen. Nun bin ich also sechs Monate nicht mehr "zu Hause" gewesen - und diesmal denke ich an Sonnenflecke im Treppenhaus, vermischt mit einer mittaglichen Stille und dem Frühling, der draußen hereinbricht. April. Anfang Mai, bevor die Mauersegler zurückkehren. Wenn ich den blauen Himmel nach ihnen absuche, die Spitzen der Bäume kurz streife und doch genau weiß, dass sie noch nicht da sein können. Ein Knacken der Tür in der Stille ... Frühling. Jetzt, Ende Februar - schon Ende Februar? Das Abbrechen von Fotomontagen, die in gefährliche Gegenden führen.

Warten auf dem Bahnhof mit einer Tasche zu Füßen, ich werfe einen Blick auf die Uhr über mir. Uhr? Die Anzeige mit der Laufschrift, die das Datum und die Uhrzeit anzeigt ... Dann drehe ich mich um und schaue hinüber zu den drei anderen, verwaisten Gleisen, das verrammelte Häuschen für einen Ansager auf dem Bahnsteig zwischen Gleis 3 und 4. Weiter hinten, dort, wo schon keine Bahnsteige mehr sind, steht ein Güterzug aus Polen und scheint Tiefschlaf zu halten. Und dann springen die Bilder zu Bahnanlagen, zum Fahrradfahren gegen den Wind am Waldrand, eingeklemmt zwischen Bäumen und Schienen. Es ist sonnig, warm, ich fahre schnell, das Gefühl der Luft genießend, die mir ins Gesicht schlägt. Allein die Vorstellung treibt mir Tränen in die Augen, greift nach jener tief vergrabenen und ignorierten Sehnsucht, die lauert und bei Tauwetter und Windböen hervorgekrabbelt kommt, um mich auszulachen. Aus den verregneten Melodramen des Oktobers wurden nun unkrautüberwucherte Historienfilme einer längst vergangenen Zeit. Da ist es wieder, das Kribbeln, das mich vor einem Jahr im Gedanken an den Abflug befiel, später in den leeren Sommerferien die Macht übernahm und mich diktierte. Ich sehne mich nach dem, was ich nicht haben kann, ein weiterer Frühling, blasses Licht und schüchternde Blätter, die sich erst noch entfalten müssen.

Mein Blick wandert nach oben, durch das sandige Fenster in den grauen Himmel. Ich kenne den Wind. Meine Gedanken kehren immer wieder, ziehen sich durch alles, was ich schreibe, bezeugen damit die Kreise, in denen sie sich langsam drehen. Sie laufen von Erinnerungen zu Plänen, durch die Gegenwart wieder hin zu den Erinnerungen, deren beste Freunde sie geworden sind. Mein Leben ist fragil konstruiert und mit zitternden Händen berühre ich seinen Schatten, bis er zu Staub zerfällt. Ich bin zu Hause.


RE: Literarisches Tagebuch - cmben - 26-02-2013

Wo, gar wie ists, dein Zögern welches der Geistes Stimm dem Papier die Ehr nicht wiedergeben möcht ?

Ist`s Trägheit oder gar der ungeübte Wille ?

Wo ist die Natur welche ich sehnlichst misse. Wo das Laub welches im Winde von der wärmenden Sonne, lieblich umspielt, schöner als jedes Instrument mit seinem Rascheln dein Herz in tiefer Demut verstummend, lauschen lässt ?

Sehnend dehnt sich mein Geist in all zu kleinem Raume. Auch die Welt des Geistes braucht den freien Blick über die Augen welche die Pforten zu diesem sind.

Grau um Grau. Beständig endlos.

Ein Ameisenbau voll der Irrealität, ist diese Städtisch Welt.


RE: Literarisches Tagebuch - LadydesBlauenMondes - 02-03-2013

Tagebuchnachtrag 25.02.2013

Mein Alltag fühlt sich seltsam an.
Fremd.
Ich versuche nach Neuem zu greifen.
Unerreichbar.
Zerrissen zwischen von dem Wunsch nach Unvergänglichkeit.
Nach Vergangenem.
Dem erreichen wollen von
neuen Ufern.