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Literarisches Tagebuch - Druckversion

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RE: Literarisches Tagebuch - Eselfine - 14-03-2013

14.03.2013.

Anlass: Welttag der Zahl Pi. Zustand: Durch Spiegeleier aufgehobene Erschöpfung. In Erwartung der Blutabnahme am nächsten Tag, umgeben von Menschen, die sich aufführen, als hätte ich vor, über Nacht zu sterben. Anmerkung: Das habe ich nicht vor. Aber das stört sie nicht.

SMS- Austausch mit anderem AFS- Austauschschüler, für dieses Jahr ebenfalls in Polen.

Über den allgemeinen Gesundheitszustand (die Kommunizierenden sind beide krank):
A: Mir ist schlecht.
B: Mir nicht. Vielleicht solltest du auch noch mal zum Arzt. :P
A: War ich doch in Bochnia. :P
B: Noch mal, noch mal, so wie ich! Macht doch extrem viel Spaß! *augen verdreh und kollabier*
A: Wenn du kollabierst, dann musst du wohl.
B: Ja. Muss ich. Adern suchen und Armbeugen zerstechen lassen und so. Wie vor einem Jahr. Fünf Stiche reichten nicht, dann musste der Handrücken ran.
A: Man könnte dich dann für einen Junkey halten :P
B: Bin ich ja auch. Konstantverweigerung von Tabletten und Dauersättigung an Blutabnahmeereignissen. Ach, wie oft waren die Vampire bei mir zu Besuch ...

Folgen: Nicht abzusehen. Eine gewisse Traumatisierung rührt noch aus Kinderzeiten her. Süßigkeiten, wenn man nicht weint ... Daraus resultierendes Übergewicht ... Feststellung: Endlich kann ich mir sicher sein, warum sowohl die Mücken als auch die Weißkittelvampire mich lieben: Esel haben süßes Blut.


RE: Literarisches Tagebuch - AngelOfShadow - 04-04-2013

(02./03. April 2013)

[Bild: begegnungen.jpg]

Manchmal trifft man im Leben Menschen, denen man bei der ersten Begegnung keine besondere Bedeutung zumisst. Menschen, denen man mal über den Weg läuft, die den eigenen Weg kreuzen und die man ohne Probleme weiterziehen lässt. Menschen, die man trifft und am Ende des Tages schon wieder vergessen hat.

Bis man sich ein zweites Mal an einer Kreuzung begegnet und die Ampel nicht mehr auf Grün für Weiterziehen-Lassen, sondern auf Gelb für Einen-Moment-Verharren steht, sodass man weitere Momente miteinander teilt.
Noch immer denkt man sich auch bei dieser zweiten Begegnung nichts weiter. Es ist halt einfach jemand, dem man wieder begegnet ist, der aber trotzdem keine Rolle im eigenen Leben spielt. Jemand, mit dem man eine gute Zeit verbringt und dann ohne Verlustgefühl wieder auseinander geht. Jemand, der eine schöne Erinnerung hinterlässt, aber nicht viel Platz in unserem Denken einnimmt.

Und so begegnet man sich vielleicht auch ein drittes, viertes und fünftes Mal, ohne sich irgendwas dabei zu denken oder dem Ganzen irgendeine Bedeutung zu geben – bis irgendwann die Ampel plötzlich in einem leuchtenden Rot darauf hinweist, dass man diese Begegnungs-Kreuzung nicht wieder verlassen kann, ohne einen “Schaden” davon zu tragen. Dass dieser Mensch, der anfänglich keinerlei Bedeutung für einen selbst hat, plötzlich sehr wohl eine Rolle spielt. Dass aus einer harmlosen, meistens nur zufälligen Begegnung mit der Zeit der Anfangspunkt für eine Geschichte geworden ist, die ihren ganz eigenen Weg geht.

Was bringt mich dazu, mich mit diesem Thema auseinander zu setzen und einen Artikel darüber zu schreiben?
Natürlich gibt es einen aktuellen Anlass dafür, denn tatsächlich denke ich in den letzten Monaten wieder verstärkt über den Weg nach, den ich in eben diesen gegangen bin. Dabei bleibt auch nicht aus, dass ich über all die Menschen nachdenke, die im Laufe dieser Monate in mein Leben getreten sind und die verschiedenen Stadien der Begegnungskreuzung durchlaufen haben. Manche sind bei der grünen Ampel abgebogen, andere fuhren weiter zum nächsten Straßenkreuz und einige haben es sogar geschafft, das rote Signal zu passieren und ein fester, wichtiger Bestandteil meines Lebens zu werden.

Ein Gedanke ergab den nächsten und schon befand ich mich in einem für mich so typischen Kopfkarussell, das zur Abwechslung aber mal nahezu ausschließlich positive Tendenzen hatte. Ich ging im Geiste verschiedene Begegnungen meines Lebens durch und stellte mit Erstaunen fest, dass mich jede einzelne Erinnerung zum Lächeln brachte – manchmal mit einem Anflug von Bedauern, manchmal mit einem warmen Gefühl.
Aber nie mit Groll oder Ärger.

Denn jede Begegnung, sei sie auch noch so flüchtig, hat auf die eine oder andere Art ihre Spuren hinterlassen. Jede Begegnung ist aus einem bestimmten Grund passiert und auf der Ebene geblieben, auf der sie stattgefunden hat. Mit jeder Begegnung wird etwas angestoßen – was das ist, lässt sich vorher nie sagen. Und manchmal führt die Begegnung mit Personen, die man nie wieder sieht, zu einer Begegnung mit anderen Menschen, die aus dem eigenen Leben nicht mehr wegzudenken sind.

Wenn ich mir nun ganz speziell das zurückliegende Jahr und die Begegnungen in dieser Zeit anschaue, dann sind da viele Momente, die ich in sehr guter Erinnerung zurückbehalten habe. Da sind Menschen, zu denen eine enge Bindung besteht, und andere Menschen, zu denen die Bindung eher oberflächlich ist – in beiden Fällen allerdings genau das Gegenteil dessen, was ich bei oder vielmehr nach der ersten Begegnung erwartet hätte.

Und doch würde ich nichts ändern wollen.
Natürlich gibt es auch zahlreiche Begegnungen, die sich auf den Ebenen dazwischen bewegen. Ich könnte jetzt ausholen und eine ganze Menge von Beispielen bringen, doch ich denke, jedem Leser dieser Zeilen werden eigene Begegnungen einfallen, die in die verschiedenen Kategorien passen.

Die meisten Begegnungen sind vergänglich und schnell vergessen.
Ein Großteil von Begegnungen stellt sich im Nachhinein als wegweisend heraus.
Einige Begegnungen sind nur flüchtig und brennen sich trotzdem tief ins Gedächtnis.
Aus manchen Begegnungen wird Freundschaft, aus manch anderen wächst Liebe.
Und manchmal ist eine Begegnung ist lediglich der Beginn von etwas, das man in diesem allerersten Moment niemals erwartet hätte – einer Geschichte, die das eigene Denken übersteigt.

Danke all denen, die mein Leben durch unsere Begegnung(en) bereichert haben und noch immer bereichern. Danke an die, die das Thema ganz allgemein und im tieferen Sinne mit mir auseinander genommen haben. Ihr habt mich zu diesem Artikel inspiriert.

Und ein großes Danke an mein zweites Wohnzimmer samt Crew, das mir nicht nur meinen inzwischen Stamm-Kreativplatz zum (fast) allabendlichen Arbeiten zur Verfügung stellt, sondern mindestens ebenso stark an meinem aktuellen Inspirationshoch beteiligt war und ist.

(Schattenwege.net)

.


RE: Literarisches Tagebuch - rex noctis - 04-04-2013

Das beschreibt verschiedene Beziehungen gut. Gefällt mir!


RE: Literarisches Tagebuch - AngelOfShadow - 05-04-2013

Danke schön! :o)


RE: Literarisches Tagebuch - AngelOfShadow - 06-04-2013

Gedankenvolle Stille.
Erinnerungsschwanger, bedeutungsgroß.
Kopfkarussell - angehalten, doch nicht stehend.

Ein wichtiger Abend, eine wichtige Begegnung - manchmal sind Worte mehr, als sie zu sagen scheinen.
Manchmal ist Verstehen alles.

(5. April 2013)


RE: Literarisches Tagebuch - Trinity of Chaos - 06-04-2013

'Black Pearl', Großbritannien. Ada.

Kaltes Eis, in Luft gelöst, kroch über meine Haut. Kühle Liebkosungen eines Ortes, den aufzusuchen mir noch nie etwas Gutes gebracht hat. Und dennoch war ich hier und starrte vom Dach auf die Straßen, während der dumpfe Bass aus der 'Pearl' bis an meine Ohren wandert. Die Zwielichtsamkeit war Hort vieler ebenso schummriger Gedanken, die sich mit mir neben der alten Kühltruhe in den Schneidersitz gelassen hatten.
Auf der Nachbarwand hatte sich nicht viel geändert. Dicht am Rand sitzend konnte ich die Graffitis erkennen, die übereinandergeschmiert worden waren, und, wenn ich mich etwas vorbeugte, auch die Mülltonnen, die sich daran lehnten wie in die Seitengasse geflüchtete Diebe. Über diese vertrauten Silhouetten wandernd konnten sich meine Augen etwas ausruhen, konnten meine Gedanken sich nach innen wenden und loslösen von all den zuckenden Fast-Reflexen, die mich in all den Jahren Flucht und Kampf schützend umklammert hatten.
Nur einen Moment lang Pause.
Um den Gedanken Raum zu geben, die vielleicht lieber in der Flüchtigkeit von aufmerksam verronnenen Momenten gefangen geblieben wären. Die genauso unterdrückt werden sollten wie die dumme Angewohnheit, dabei über meine entblößten Unterarme zu streichen. Memento vivi. Ich brauche die Worte gar nicht anzusehen, damit es in den übelerregenden Kampf gegen die Gedanken einsteigt. Sinnlos, von Schmerz unterfüttert, der sich aus all den Kleinigkeiten der letzten Tage speist. Vielleicht auch Wochen, vielleicht Erinnerungen von vor Jahren, die sich mit in den destruktiven Reigen schmuggelten. Ein Wort, das nicht gesagt wurde, wo es hätte gesagt werden können. Ein Blick, ein paar Grade zu kalt für den Moment. Einen Augenblick ohne Wärme, den ich alleine verbringen musste, ohne dass es jemand gemerkt hätte. Ein Tadel zuviel, den ich doch schon so oft gehört hatte. Gegen die nagenden Zweifel hatte ich keine Chance, bis irgendwann meine Krankheit wieder übermächtig werden würde. Und dann ...
Memento vivi. Ich strich mit zwei Fingerkuppen über die Linien, die sich bläulich unter meiner Haut absetzten, fühlte das Pochen und dass es hier so unschuldig, so schwach schien, während es in meiner Brust den Schmerz bis in die kreisenden Gedanken jagte. Ich wusste, ich sollte nicht alleine hier oben sitzen. Zu wem aber gehen? Nach unten, zu all dem Leben, und ein Lächeln aufsetzen, um keine distanzierte Angst in die Gesichter zu setzen, die nicht genug wussten, um einzuschätzen? Ins Labor zurück, meine Zweifel offen zeigen und nur darauf warten, wie mein Vater eben die Härte zeigte, die mich vom Schlimmsten zurückhielt?
Zu kalt. Ich schob die Ärmel zurück bis zu den Fingern hin und kauerte mich zusammen. Vielleicht würde mir meine Unvernunft eine Erkältung oder Schlimmeres bescheren, aber die unweigerliche Schimpftirade meines Vaters zum Thema "Dumme Bastarde und warum man sie eigentlich eigenhändig in einem Kessel voll Säure ertränken sollte" erschien mir sehr erträglich verglichen damit, die viel dümmeren Gedanken vor umgebenden Menschen verbergen zu müssen. Vor dem bohrenden Blick meines Vaters, seinem fast allwissenden Gespür in diesen Belangen. Das mit der Säure hat er noch nie ernst gemeint; ein kleines Lächeln gegen die Kälte.
In meinen Hintergedanken regte sich wieder das Wispern des Wahns. Ein unangenehmes Kribbeln von Ernst und Schmerz, das sich wieder in Erinnerung rufen wollte, wo ich mich gerade doch noch hatte ablenken können. Mein Blick wanderte herum, glitt nur von Bekanntem ab und verfing sich an der Beschriftung an der Kühltruhe. Der Filzstift lag noch daneben, das weiße Etikett schimmerte gegen den späten Abend. Ich beugte mich hinüber und strich über den schwarzen Schriftzug, der in Cats eckigen, schwungvollen Buchstaben geschrieben war: Finger weg! Wir haben Snow!
Ich musste etwas schmunzeln, als ich mir vorstellte, wie sich ein Unbeteiligter fragen würde, was ein bisschen Schnee schon ausmachte. Nicht, dass so jemand hierherkommen würde, aber ...
Ich hatte nicht vor, mich auf mich selbst hetzen zu lassen, also öffnete ich die Truhe trotzdem. Cats Geheimnis gegen Frustration bestand aus einem beachtlichen Vorrat aus Ben 'n Jerry's-Eis, vielleicht funktionierte es ja einmal auch bei mir.
Doch offensichtlich hatte Cat ihren Vorrat schlauer versteckt, denn ich stieß oben auf einen Karton mit Eiern, als ich ihn anhob, entdeckte ich darunter Gemüse, Sahne, solche Sachen. Es sah aus wie die Vorbereitung für die Monsterversion der Frittarta, die Cat so gerne machte, weil es ein Rezept ihrer Mutter war, mit der sie hinter dem Rücken ihres Vaters wieder Kontakt aufgenommen hatte.
Und wieder pochten die Gedanken, drückte Pein sich durch mein Blut. Ein bekannter Schmerz, bereit mich zurück in die Umarmung von warm fließendem Blut zu treiben. Meine Finger spielten mit dem Verschluss des Pappkartons, ohne dass ich ihn zurücklegte. Ohne groß darüber nachzudenken, griff ich nach dem Filzstift, der neben der Kühltruhe lag, und drückte die Verschlusskappe sorgfältig auf das hintere Ende.
Memento vivi, ich schrieb es klein unter das 'Snow' auf der Truhenseite. Blass hob es sich in der Dunkelheit kaum von dem Blau ab. Ich verharrte einen Moment, überlegte, strich es wieder durch. Malte darunter ein Lächeln.
Mein Blick fiel auf die Eier. Vorsichtig nahm ich eines in die Hand und malte dasselbe Lächeln darauf. Breit, fröhlich, falsch. Zwei Augen, einfach so. Dann legte ich es zurück und nahm das nächste zur Hand.
Ostern, Ladies and Gentlemen, ab jetzt auch im Januar.
Aber nach diesem Gedanken verlor sich das Smiley-Zeichnen und meine Hand blieb zitternd in der Luft stehen. Ich war nicht hierhergekommen, um zu lügen, zu lächeln. Auch nicht, um eine Packung Eier für mich lächeln zu lassen.
Eine kostbare Sekunde lang verharrten meine Gedanken, kristallisiert an der kalten Luft. Dann setzten sich meine Finger wieder in Bewegung, zittrig und scheinbar ohne die Führung meines Verstandes. Mit zunächst blassen Buchstaben, doch immer kräftiger werdend zeichnete sich die Wahrheit ab: Trisha.
Ich starrte auf meinen Namen und aus der Vergangenheit schienen sich Frust und Schmerz vorzubereiten, mich zu bestürmen, erbarmungsloser denn je. Würde mein Vater mich jetzt sehen, er wüsste sofort, was in mir vorgeht, und er würde nicht zögern, mich komplett zu entwaffnen. Und wieder in die nächstbeste Gummizelle zu stopfen. Oder irgendwo anzuketten.
Ich holte aus und schleuderte das Ei herum. Wie die Parodie eines Projektils glitt es durch die Luft und als nächstes hörte ich das klatschende Geräusch, als es an der benachbarten Hauswand aufschlug. Keine Trisha mehr. Ada, Ada Snow. Aber mir ging es besser, ich konnte mich sogar etwas aufrichten. Überrascht starrte ich auf den Filzstift, dessen Spitze in der kalten Luft zitterte, und hörte ein seltsames, kleines Lachen. Es brauchte einen Moment, bis ich es mir selbst zuordnen konnte. Mit der freien Hand tastete ich nach meinen Handgelenken, und fühlte die Haut. Kein Blut.
Ein weiteres, seltsames Lachen formte sich in Atemwölkchen, als ich nach dem nächsten Ei griff. 'Trisha', einen Moment der Wahrheit, der wiederum an der unnachgiebigen Wand zerschellte. Ein weiterer, noch einer. 'Trisha' und ein Klatschen. Wahrheit und eine Steinmauer. Kein Blut.
Nur ein bisschen Eidotter.


RE: Literarisches Tagebuch - LaFleur - 06-04-2013

6.4.13

Frei:
Was soll man also tun?
1. Die Samstagssonne suchen
2. Die Schneeflocken aus der Luft fangen, damit die Schneeschicht auf dem Boden nicht noch dicker wird
3. Die bereits ausgesetzten Keimlinge bemuttern
4. Die kleinen Kerne auf ihr neues Leben vorbereiten
5. Gießkanne und Spaten bereithalten und darauf hoffen, dass es endlich Frühling wird

Und so wird aus einem freien Tag, ein Tag wie jeder andere. .. ( indem man dem Frühling hilft die ersten zarten Blumen durch zu kriegen! )
*lach und schnief*

Fleur


RE: Literarisches Tagebuch - Trinity of Chaos - 14-04-2013

Irgendwo in den obersten Sphären des Trinishiums: Die EU 14-42 'Hamburg'

Der gesamte Raum wurde lediglich indirekt von einem Hologramm-Projektor beleuchtet, der einen Globus über dem Konferenztisch drehte. Bläuliches und grünliches Flimmern, das sich in den Kanten des ovalen Tisches, der Stuhllehnen und Gesichtszüge verfing, allseits umrahmt von gerätwarmem Dunkelgrau. Kontinentalmassen verschoben sich wie im Zeitraffer von Erdzeitaltern, während der Projektor nach unzähligen Stunden Laufzeit vernehmlich sirrte. Das Hologramm wies dunkle Flecken auf, und unsaubere Farbkanten, die sich ineinanderbrachen. Ruhelos zuckten sie über die Weltkugel und legten sich als farbige Schatten über die Augen, die sie regungslos beobachteten. Grau, von dunklen Ringen untermalt, schauten sie über die Hände hinweg, die sich in nachdenklicher Pose über die Nase der Frau wölbten. Die aufgestützten Arme wirkten wie eine Barriere, oder ein Widerhaken, mit dem sich die Frau an den Tisch klammerte.
Der Stuhl gegenüber war großzügig nach hinten gezogen worden, eine weitere Frau lungerte darauf, hatte die Füße auf die Lehne des Nachbarstuhls gelagert und spielte mit den frieseligen Spitzen ihrer grün gefärbten Haare. Das künstliche Licht ließ ihre Gesichtszüge noch schärfer wirken, betonte die hochgezogene Augenbraue, die Narben.
"Und du hast echt geglaubt, du könntest hier besser nachdenken?", fragte sie und warf ihrem Gegenüber einen skeptischen Blick zu. "Reicht es nicht, dass diese Rostlaube hier herumschwebt wie die Harbinger? Oder meinst du, wenn du Settings klaust, geht es dir gleich kreativer?"
Die andere Frau blinzelte müde und rieb sich nachdenklich den Nasenflügel.
"Ein Relikt", murmelte sie, ohne den Blick vom Hologramm zu nehmen, "aus der Vergangenheit - und der Zukunft. Macht das ein Relikt aus der Gegenwart? Relikt ... Gegenwart ..."
Die Grünhaarige verdrehte die Augen.
"Und mir sagen sie, ich wäre verrückt. Wolltest du nicht eigentlich über das Tausend-Seelen-Projekt nachdenken? Die Zusammenlegung deiner Welten und - hallo, hörst du mir überhaupt zu?"
Die Frau sah auf, blinzelte noch einmal und ließ sich schließlich gegen die Stuhllehne fallen. Das leise Quietschen, mit dem der Stuhl federte, wog umso lauter in dem fast leeren Konferenzraum und in einer Verlegenheitsreaktion begann sie, ihren Zopf zu öffnen und sorgfältig neuzuflechten. Das Blond wirkte farblos, während sich der Hologrammschimmer kreisend darüberlegte.
"Vielleicht hab ich mir zuviel vorgenommen", gestand sich die Nachdenkliche schließlich ein. "Ich ... ich ... Da ist so wenig, was ich zur Zeit tun kann. Als fehle mir irgendetwas."
"Impulse?", schlug ihr Gegenüber fast bissig vor. "Aber das hast du dir sicher schon selbst gedacht, immerhin schmorst du seit Monaten fast ununterbrochen im eigenen Saft."
"Es ist Winter."
"Das ist mir verdammt nochmal egal." Eine kräftige Faust landete auf dem Tisch, der dumpfe Knall ließ Blonde zusammenzucken. "Du hast doch schon alle Antworten, warum schleppst du mich hier herauf? Ich sollte bei meinem Vater sein, oder in der 'Pearl'. Damit hast du ja kein Problem. Ich bin vielleicht geisteskrank, aber ich flüchte ich immerhin nicht in diesen blöden Bürokratie-Mist!"
Die Blonde seufzte. "Und doch: kein einziges Wort."
"Das hat dich ja bislang nicht davon abgehalten, Zeit mit mir zu verbringen", antwortete ihr Gast bissig. "Mehr als mit allen anderen. Vielleicht geht es ja auch nur foto-weise. Aber missbrauch mich nicht als Kummerkasten, du weißt, dass ich das nicht kann!"
Deprimierter Blick. "Ja, ich weiß."
Die Grünhaarige seufzte tief und schob ihren Stuhl demonstrativ zurück, um aufzustehen.
"Dann geh ich jetzt. Der Techie hat hoffentlich nicht den Strom für den Beamer wieder gekappt, scheiße genug, dass diese komischen Subsysteme kaum erledigen. Aber vermutlich", sie warf einen vielsagenden Blick quer über den Tisch, "lohnt sich das einfach nicht, wenn nie jemand hier ist."
Sie ließ sie fast bis zur Tür kommen, dann wandte sie ihr den Kopf halb zu.
"Sei nicht so frech, Trinishia. Bleib hier."
"Du bist nicht mein Vater!", kam es eiskalt zurück.
"Aber ich bin immer noch deine Autorin." Nun sah sie sie an, direkt in die tiefschwarzen Augen, die sie schon immer an diesem Chara gemocht hatte. "Wenn du noch auf der Liste der Guten Charaktere bleiben möchtest, setz dich wieder hin!"
Trinishia zögerte. "Du hast mich mitgenommen, weil ich funktioniere, richtig?"
"Vielleicht."
"Wieso nicht Astrid? Du magst Astrid! Oder irgendwen anders von dem MaG-Set, die sind doch fast immer bra- oh, ich weiß. Du hast ihnen jemanden gegeben, den sie hassen können. Was würde wohl passieren, wenn sie von dir erfahren? Wenn sie dich in persona treffen?" Trinishia verdrehte die Augen und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen.
"Bleibst noch du."
"Was, hast du deine Tausend Seelen aufgegeben?"
"Mitnichten." Ein kleines Lächeln, aber nur zur Hälfte wirklich getröstet. "Nur verschoben. Bis die Uni wieder richtig losgeht. Und der Sommer, der Sommer hilft. Impulse, wie du gesagt hast."
"Und bis dahin bin ich das Spar-Programm, na super." Die schlecht imitierte Begeisterung traf auf puren Sarkasmus. Offensichtlich war der vererbbar, oder färbte zumindest ab.
"Und jetzt?" Trinishia klopfte ungeduldig gegen den Türrahmen. "Willst du mich hier festhalten? Wenn ich zu spät zur Arbeit komme, erwürgt mich mein Vater, und du bist schuld!"
"Ich schreib dir eine Entschuldigung." Jetzt lächelte sie wirklich. "Mit Unterschrift deines Beschreibungsberechtigten und allem Drum und Dran."
"Ach, leck mich doch!" Trinishia drehte sich abrupt um und riss an der Türklinke, nur um mit einem Fluchen fast gegen die geschlossene Tür zu laufen.
"Abgeschlossen", informierte die blonde Frau sie überflüssigerweise. Eine Welle deutsch- und englischsprachiger Flüche übertönte für eine Weile das Sirren des Projektors, der stärker denn je flirrte, als wäre er von der Predigt beeindruckt. Im Gegensatz zu der Sitzenden, die sich das ganze ohne einen Blick auf ihren Charakter anhörte. In einer Atempause wandte sie sich schließlich wieder zu ihr hin und lächelte beinahe entspannt.
"Nur eine Frage, Bastard -"
"Ich hab einen Haufen Namen, such dir doch einen davon aus!", fauchte Trinishia. "Ich bin größer als du, du Gartengnom! Nebenbei gesagt auch älter und stärker, also wenn du jetzt nicht sofort die Tür -"
"Jaja, schon klar." Sie winkte ab. "Deines Vaters Giftschrank und so weiter. Also, nur eine Frage."
Trinishia atmete tief durch, ihre Rechte hatte sich zur Faust geballt und ihr Gegenüber wusste genau, wie die Waffe aussah, zu der sie am liebsten gegriffen hätte.
Schickes, kleines Ding. Die raptor claw war eine wirklich gute Idee.
"Was", presste Trinishia zwischen den Zähnen hervor, ohne nach der gebogenen Klinge zu greifen, "für eine Frage?"
"Wieso hast du dir die Haare grün gefärbt?"
"Ist das dein Ernst?" Sie stieß ein verächtliches Schnauben aus. "Na schön: Weil du faul bist. Jetzt lass mich raus."
"Faul?"
"Mach. Die. Tür. Auf!"
Die blonde Frau seufzte und drückte einen verborgenen Knopf, ein mechanisches Klicken bestätigte die Entriegelung. Trinishia riss an der Klinke, die Tür schwang auf. Mit einem letzten, düsteren Blick trat der Bastard aus dem dunklen Konferenzraum in den hell erleuchteten Gang.
"Nachher hättest du dir wirklich was ausdenken müssen außer 'blonde Frau' und 'grünhaarige Frau'", sagte sie gehässig und verschwand schnellen Schrittes.
Die blonde Frau starrte einen Moment vor sich hin, dachte über die Sätze nach und musste ihrem Charakter letztendlich doch Recht geben. Mit einem Seufzen deaktivierte sie den Hologramm-Projektor und das Sirren erstarb. Zurück blieb die Stille, die vorgaukelte, nicht Teil einer gigantischen Maschinerie zu sein, die fast gänzlich im Ruhestand weit entfernt von der Unsichtbaren Lichtung in der Umlaufbahn schwebte. Ein Moment, gefangenes Relikt unbestimmter Zeit inmitten von halbgar betriebenen Reaktoren und Ideen.
Ein Blick zur Tür, fast verloren, aber doch mit einem kleinen, wehmütigen Lächeln.
"Danke, Bastard."


RE: Literarisches Tagebuch - Eselfine - 16-04-2013

16.04.2013. Tag 229.

Zahlen laufen verschwindend.
Liefen.
Sangen Lieder vom Zurückkehren.
Vor der Rückkehr.
Vor der Zeit.
Von der Zeit.
Verflossen
ist
die Ewigkeit

Gefangen in trauernder Freude.


RE: Literarisches Tagebuch - Trinity of Chaos - 03-05-2013

TageLogbuch vom 01.05.13

Vom Kommandanturposten aus hatte man einen exzellenten Überblick über das Lager, in das sich Sonnenschein geschlichen hatte. Im Moment war alles ruhig, doch jeder wusste, dass sich das jeder Zeit ändern konnte - auch wenn einige es vorzogen, so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung.
Den Augenblick genießen, dachte die Kommandantin und seufzte. Aber jemand muss sich ja um alles kümmern, alles im Hinterkopf behalten.
Die Gedanken, mit denen sie stets jonglierte, schienen sich aus lauter latenten Sorgen zusammenzusetzen, deren fragiles Gleichgewicht die Gruppe in viel zu geplant erscheinenden Schlangenlinien zwischen Anarchie und Katastrophen hindurchführte.
Und querfeldein durchs Chaos.
Ihr Blick schweifte über das Lager, indem zuletzt etwas strengere Ordnung hätte herrschen können. Der Späher hing kopfüber an seinem Schlafplatz und genoss die warmen Lichtflecken auf seinen Schwingen, in denen er sich eingewickelt hatte. Das letzte, was er ausgespäht hatte, waren die Vorräte, das aber gründlich. Direkt unter ihm schlief ebenso der Ingenieur der Gruppe, der seine frackartige Fellzeichnung in dem schaukelnden Korb barg, der im Nachhinein vielleicht keine besonders produktive Idee gewesen war. Die Kommandantin ließ ihren Blick weiter über die Freiräume zwischen den Posten wandern, in denen mal wieder sauber gemacht werden müsste - ein weiterer Punkt auf der Liste, der stündlich in den Prioritäten nach oben stieg wie ein Luftballon gen Sonne -, und beobachtete einige Sekunden lang der Leutnant, ihre rechte Hand, die sich direkt neben ihrer eigenen Schlafstelle zusammengerollt hatte. Sie konnte sich gar nicht erinnern, wann sie ihn das letzte Mal nicht an diesem Stammplatz gesehen hatte, von dem aus er immer Rat zu geben wusste und sogar an den Stabsbesprechungen teilnahm.
Immerhin treu und verlässlich.
Der Moment dauerte an, solange die Aufgaben in ihrem wirbelnden Beinahe-Plan alle in der Luft tanzten und noch nicht dem Boden des schlechten Gewissens entgegenstrebten. Auf der Prioritätenliste tauschten die einzelnen Ränge ab und zu die Plätze, doch niemand achtete sonderlich darauf. Es war nur wichtig, dass irgendjemand es im Hinterkopf hatte - und die Kommandantin sorgte dafür, dass sie ganz hinten in diesem Kopf war. Zu jedermanns Besten, immerhin war alles ru-
"Chef!" Es raschelte, als der Kommunikationsoffizier sich in seiner Tonne umwandte und als er die Hand ausstreckte, entdeckte die Kommandantin im dichten, grünen Fell seiner Tatze - Pfote, Hand?, genau wusste sie es nie zu sagen - das alarmierend orange-rote Leuchten der Gerätschaft. "Identifizierung Signatur eins, es ist das Hauptquartier! Soll ich Kontakt herstellen?"
Rasch war sie bei ihm und riss ihm das Gerät aus der Hand.
"Natürlich!" Obwohl es lediglich ein Audio-Kommunikator war, richtete sie sich auf und strich sich fahrig die Uniform glatt. Als der Kommunikationsoffizier mit erhobenem Daumen die Verbindung bestätigte, setzte sich ein geübtes Lächeln auf. "Hier Satellit-Lager zwei."
"Hallo Satellit zwei, hier spricht das Oberkommando." Die Stimme der Generälin zeigte gute Laune an, ein positives Zeichen.
Keine Probleme, hoffe ich doch, keine Probleme, keine weiteren Aufgaben, nicht jetzt ...
"Wie ist die Lage bei Ihnen?"
"Positiv, Ma'am, keine Probleme. Alles ruhig."
"Im anderen Lager haben wir einen leichten Krankheitsfall gemeldet bekommen - nichts Ernstes, aber ärgerlich. Wie sieht's bei Ihnen aus?"
"Oh, hier ist alles grün."
"Also Allergien?"
"Nein, Ma'am, ich meinte, alles ist in Ordnung. Keiner ist krank."
"Schön. Kommen Sie mit den Vorräten aus?" Ein Rauschen untermalte die zackige Nachfrage, die Verbindung war nicht immer die beste.
"Ja, Ma'am. Die Ernährungspläne für die Truppe werden eingehalten." Die Kommandantin riskierte einen ablenkenden Seitenblick auf den Leutnant, der mittlerweile wach war und aufmerksam die Nase in ihre Richtung streckte. Sie tauschten ein nervöses Schmunzeln über diese Schwindelei.
"Sehr gut, Kommandant - und da gibt es noch etwas, über das ich mit Ihnen sprechen möchte."
Die Kommandantin horchte auf, ein ungutes Kribbeln kroch bis in ihren Hinterkopf und tippte das Jonglierspiel an, die Flugbahnen zitterten gefährlich.
"Ja, Ma'am?" Ihre Stimme war nicht mehr ganz so fest wie vorher, der Leutnant legte besorgt den Kopf schief und der Kommunikationsoffizier zog den Kopf ein und den Tonnendeckel halb über den Kopf. War wieder etwas mit den Finanzmitteln nicht in Ordnung, die Dienstwege von bürokratischen Hindernissen eingebrochen oder gar wieder die Allianz ...?
"Eigentlich ist es mehr eine Ankündigung. Das Oberkommando hat eine Inspektion für ihr Lager beschlossen, von Satellit eins wird auch ein Verbindungsoffizier gesandt."
Ja! Durch ein spontanes Lächeln hindurch formte die Kommandantin mit den Lippen das Wort 'Inspektion' und löste damit eine stumme Freudenwelle im Lager aus. Sogar der Späher bekam das mit und entfaltete belebt die Schwingen.
"Erfreut, das zu hören, Ma'am", löste die Kommandantin die Schuld der Antwort ein, ohne die Freude in ihrer Stimme zu unterdrücken. Ein kleines, eigentlich offensichtliches Detail blieb noch, aber die Generälin zögerte nicht.
"Natürlich bringen wir Ihnen bei der Gelegenheiten die angeforderten Gerätschaften mit, vielleicht auch ein paar Vorräte. Es stört hoffentlich nicht Ihren Kapazitätenplan, wenn Sie die ein bisschen früher bekommen?"
"Nicht doch, Ma'am!"

Immer noch ein breites Lächeln im Gesicht, öffnete Trin einhändig einen Stift und markierte das Wochenende in ihrem Kalender in Textmarkergrün.
"Vermutlich isst du ja doch nicht richtig, das letzte Mal warst du so dünn", knisterte die Stimme ihrer Mutter durch das Telefon.
"Das kommt dir nur so vor, weil du mich an Ostern bei euch so gemästet hast." Sie malte noch ein Ausrufezeichen neben das Datum. "Ihr habt ein gutes Timing, es ist verkaufsoffener Sonntag."
"Klingt doch gut, ich habe noch einen Gutschein für Evelyn&Crabtree." Mutter klang zufrieden. "Dann machen wir uns ein schönes Wochenende, was meinst du?"
"Auf jeden Fall - ich freu mich, dass ihr mal wieder vorbeikommt."
"Wir sehen uns ja so wenig", seufzte Mutter. Einen Moment lang herrschte Stille, gemischt mit der unschön knirschenden Leitung. "Vielleicht schaffe ich es ja, noch einen Kuchen zu backen."
"Das wär cool." Trin ließ sich zurück auf die Bettkante sinken und streichelte mit einer Hand die Stoffschlange, die neben dem Kopfkissen lag. "Bringst du das Strickzeug mit?"
"Ja, hab ich das gar nicht erzählt? Der Pullover ist fertig, wir probieren den Samstag gleich an."
"Pullover? Ist das nicht mehr ein Ärmel mit Rollkragen, so für eine Schlange?" Trin grinste.
"Ja, mach dich nur lustig. Ich bin richtig stolz auf mich. Und mit dem Schal, den du hast, kannst du dann mit Schlangi im Parnterlook - oh, warte mal." Es rauschte kurz, als würde das Telefon herumgeschwenkt. "Papa klopft an, kann ich dich in eine paar Minuten zurückrufen?"
"Ja, klar."
"Bis gleich dann." Sie legte auf.
Trin warf das Telefon auf Oskars Stofftonne, die den Nachttisch erweiterte, und ließ sich grinsend zurückfallen. Wochenende und Kuchen!