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Kreative Menschen - bewundert und belächelt - Druckversion

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Kreative Menschen - bewundert und belächelt - Zack - 21-06-2008

Hallo zusammen,

irgendwie kam mir heute wieder in den Sinn, welches Ansehen kreative Menschen in unserer Gesellschaft eigentlich haben. Was ist Kreativität wert?

Allgemein gilt „Kreativität“ als positive Eigenschaft, die Menschen gerne nennen, wenn es darum geht, sich selbst zu charakterisieren. Da sind ja alle sooo kreativ. Aber wenn es konkreter wird, wenn man sagt: „Ich schreibe“ oder „Ich male“ – da bleibt oft nur ein leicht abfälliges Lächeln übrig.
Ein paar finden es erst toll und rufen aus: „Oh, wirklich? Wie cool!!!“ … und verlieren schnell das Interesse. Andere meinen nur „aha“ und andere sagen gar nichts. Und ganz wenige interessieren sich dann doch für die kreative Arbeit ihres Gegenübers.

Woran liegt es, dass Kreativität einerseits als positiv gilt und andererseits kreative Hobbies nicht wirklich ernst genommen werden?
Wenn man sagt: Ich mache Sport – das ist etwas ganz anderes. Filme gucken, Weggehen abends, bla … aber wenn man sagt „Ich schreibe“ erntet man öfter seltsame Blicke, gilt als „wunderlich“ usw. …

Dabei gestalten kreative Menschen diese Welt. Ohne sie gäbe es nicht viel zu konsumieren, keine Filme, keine Bücher, keine Musik. Auch Architekten z.B. sind kreative Menschen – das zieht sich durch bis in kleinste Details.
Als Filmproduzent oder Musiker genießt man noch ein gewisses Ansehen, obgleich auch diese als „Exzentriker“ gelten usw. … auf der einen Seite wird man bewundert, sobald man berühmt ist – aber ist man nicht berühmt, haben viele nur ein Lächeln übrig. In den Gesichtern steht geradezu geschrieben: nett, aber brotlos.

Woran liegt es, dass die wirklich durch und durch kreativen Leute oft als „Verrückte“, „Spinner“ und "Versager" angesehen werden? Da fallen Sätze wie, dass man nicht in der Realität lebt usw. …

Der Beitrag hier soll keine Anklage sein. Es ist auch alles nicht so dramatisch – man wird ja nicht diskriminiert. Aber im Gegensatz zu natur- oder wirtschaftswissenschaftlichen Berufen sind kreative Berufe eher weniger angesehen. Ist zumindest mein Eindruck. Was meint ihr?

Grüße

- Zack


RE: Kreative Menschen - bewundert und belächelt - HolyKnight - 21-06-2008

Hallo Zack,

ein sehr interessantes Thema.

Zitat:Aber im Gegensatz zu natur- oder wirtschaftswissenschaftlichen Berufen sind kreative Berufe eher weniger angesehen.

Das ist ja letztendlich irgendwo deine Quintessenz. Das würde ich so aber nicht sagen. Wir haben hier in Düsseldorf sehr viele Kunstaustellung, die wirklich sehr gut besucht werden und über die oft diskutiert wird.

Der Künstler steht somit im Mittelpunkt der Diskussion, weil man über "DEN Mayer" oder so redet, wenn man dieses Gemälde betrachtet. Das würde sich ein Naturwissenschaftler mal auch wünschen - beispielsweise Techniker, die sich etwas für ein Automobil ausdenken zur Umweltverbesserung. Sein Name wird letztendlich nie auftauchen, nie wird einer über IHN diskutieren. Bis auf ganz wenige Menschen natürlich. Also vor allem Erfinder und Tüftler haben es schwer in den Naturwissenschaften.

Zum anderen liegt es aber an der Wirtschaftlichkeit: Es ist leider ein Fakt, dass Kunst und Kultur weniger einbringen als Industrie und Handel. Das ist nunmal leider so. Ausstellungen kosten viel Geld, selbst der Buchdruck wird heutzutage bis ins kleinste kalkuliert.

Zudem kann es jeder machen. Jeder darf malen und schreiben, ohne eine Ausbildung oder ein Studium genossen zu haben. Vielleicht gibt es da auch Krach vor allem unter den Malern und Zeichnen, wo die einen jahrelang ausgebildet worden sind, während die anderen "gar nichts" Schriftliches haben und drauflos malen.

Das sind denke ich sehr viele Punkte, die zusammen kommen bei diesem Themengebiet. Zustimmen kann man, dass man als "kleiner kreativer" Mensch mit Sätzen wie "Ich schreibe" wenig ernten kann, das stimmt.

Grüße,

David


RE: Kreative Menschen - bewundert und belächelt - Ninita - 21-06-2008

Auch wenn die Antwort bös klingt - überfressen.
Ich erwische mich selbst dabei. Egal wo man hinkommt, seis im Internet, seis rl - sobald man länger dort verweilt, ein wenig Interesse an den Menschen zeigt, kommt unweierlich jemand, der sagt "Übrigens ... ich schreibe in meiner Freizeit."
Anfangs war da bei mir die Begeisterung der Gleichgesinnten vorhanden.
Aber, wie wohl hier die meisten wissen, ist "schreiben" so eine zwielichtige Sache.
Ich gönns meinem Obermieter von Herzen, unter der Dusche zu trällern und amüsiere mich über jeden falschen Ton - eine CD möchte ich mir von seinem Gesang aber nicht anhören müssen.
Wagt man dann noch vorsichtige Kritik und merkt, dass eigentlich Applaus erwartet wurde, ist man sehr leicht genervt.
Klingt das arrogant? Mir gehts aber nicht um künstlerisch herausragende Leisungen, sondern um das Bemühen um eine ordentliche Sprache und eine individuelle Sichtweise.
Bei sehr vielen heißt "schreiben" aber einfach irgendwas aufs Papier werfen, irgendwelche Nichtereignisse orthographisch und grammatikalisch vergewaltigt möglichst bedeutungsschwer aussehen zu lassen.
Für mich kann ein Legastheniker in drei Zeilen echte Kunst fabrizieren, in fürchterlichster äußerer Form - ich bewundere es trotzdem.
Aber wenn jemand den hunderttausendsten Liebeskummer seines Lebens herausk..., ohne sich die Mühe zu machen, vielleicht mal herauszuarbeiten, was denn genau eben an dieser Beziehung besonders war, was sie einzigartig und den Kummer deshalb erwähnenswert macht - dann bin ich gelangweilt. Traurig vielleicht, aber es ist so.
Irgendwo las ich mal den Satz, der mir gefiel, die Behauptung, die Erde sei ein Würfel, sei zwar falsch, aber originell. Das triffts ganz gut.
Ich mag einfach nicht die Probleme, mit denen ich Tag für Tag für Tag zu tun habe, die Traurigkeit, die mich oft genug auch so einholt, die hoffnungslosen Momente, die jeder von uns kennt, ungefiltert per Literatur noch einmal erleben. Der Effekt ist selbstverstärkend und das brauche ich nicht.
Bitte seid so lieb und versteht mich jetzt nicht falsch. Ich bin der allerletzte Mensch, der sich für etwas Besseres hält. Aber ich glaube, Diejenigen hier, die viel mit verschiedenen Menschen zu tun haben, wissen, was ich meine.
Übrigens kenne ich Maler, die das "nie gelernt haben" und deren Bilder ich einfach nur wundervoll finde, während einige Koryphäen bei mir nur nackte Verzweiflung wecken, weil ich nicht mal so richtig begreife, was z.B. an einer zermatschten Fliege auf einem großen weißen Blatt Besonderes sein soll, es sei denn vielleicht, dass sie mit einem gezielten Spuckestrahl plattgemacht wurde, was dann aber wieder eher ein sportlicher, als ein künstlerischer Erfolg wäre.
Ich hätte Josef Beuys' Fettfleck auch weggemacht - und seine getrocknete Blutwurst gleich hinterhergeworfen. :D

Ninita


RE: Kreative Menschen - bewundert und belächelt - Familie Tschiep - 22-06-2008

Ich mag es nicht, wenn man Kreativität mit Kunst gleichsetzt. Kreativ kann man in vielen Bereichen beispielsweise in der Mathematik, in den Naturwissenschaften oder im Management sein, denn kreativ zu sein, bedeutet divergent zu denken. Also nicht denken, so haben wir es immer schon gemacht, sondern so oder so könnte man es auch machen und das ist vielleicht noch besser.

Warum stoßen neue Ideen oft auf Ablehnung? Es ist schwer, sich von alten, scheinbar gut funktionierenden Denkmustern zu befreien. Das geht uns allen so.


RE: Kreative Menschen - bewundert und belächelt - Adsartha - 22-06-2008

Hi alle!
Ich denke, wer nicht selber ernsthaft schreibt oder malt, weiß nicht wieviel Arbeit, Schweiß und Zeit eigentlich dahinter steckt. In den meisten Köpfen sieht das doch immer noch so aus: der Autor setzt sich hin, legt das Papier ein oder schaltet den PC an und legt los. Ein bissl Getippe hier und etwas da, fertig!
Genauso ergeht es den Malern, obwohl ich mich da nicht so auskenne, denn ich kritzele bloß. Icon_wink
Jedenfalls ist es diese Vorstellung, die dazu führt, dass auf die Aussage "Ich schreibe" so abwertend ragiert wird, wobei ich sagen muss, dass die meisten meiner Freunde sehr positiv reagiert haben, als ich angefangen hab. Es gab natürlich auch ein, zwei Fälle, wo dann das von Zack erwähnte "aha" kam und danach nichts mehr. Doch eigentlich interessieren sich fast alle dafür, und auch wenn sie es nicht lesen, so fragen sie doch ab und an was das Schreiben so macht.
Das was Ninita sagte kann ich nicht beführworten, denn ich kenne nur Leute, die wenn sie "schreiben" sagen, auch wirklich "schreiben" meinen. Und wo da die Grenze zu ziehen ist, will ich mir nicht anmaßen.

LG
Adsartha


RE: Kreative Menschen - bewundert und belächelt - Familie Tschiep - 22-06-2008

Hier, glaube ich, liegt Missverständnis vor. Jemand, der schreibt, ist nicht unbedingt kreativer, als jemand der zum Beispiel eine Fußballmannschaft trainiert.
Große Künstler waren äußerst kreativ, aber deswegen sind sie eben so groß, weil sie kreativ waren. Kunst, Schriftstellerei und Musik haben nicht zwingend etwas mit großer Kreativität zu tun. Bei Fantasy frage ich mich meistens, ob sie ein "Without" vergessen haben.
Und man sollte auch nicht Ästhetik mit Kreativität verwechseln. Natürlich ist ein Fettfleck nicht ästhetisch, aber ein Fettfleck als Allererster Kunst zu verkaufen, ist kreativ, weil es eine neue Sichtweise auf so etwas wie einen Fettfleck zeigt.


RE: Kreative Menschen - bewundert und belächelt - HolyKnight - 23-06-2008

@Familie Tschiep:

Zitat:Warum stoßen neue Ideen oft auf Ablehnung? Es ist schwer, sich von alten, scheinbar gut funktionierenden Denkmustern zu befreien. Das geht uns allen so.

Jup, das stimmt einigermaßen. Man sieht es vor allem an der Politik auch. Neue Ideen werden immer argwöhnisch beobachtet. ^^

Zitat:Hier, glaube ich, liegt Missverständnis vor. Jemand, der schreibt, ist nicht unbedingt kreativer, als jemand der zum Beispiel eine Fußballmannschaft trainiert.

Dann müsste man aber sagen: "Jeder Mensch ist kreativ in jedem Bereich." Das Wort hat ja sowieso keine so enge Definition - jeder legt es letztendlich doch für sich aus, was er genau unter "kreativ" denn verstehen mag. Die Kultur hat bisher noch aber eher den kreativen Status inne als ein Fussballtrainer.

Ich muss zugeben, dass ich das Wort auch meistens mit Kunst eher in Verbindung setze. Hier wären wir wieder bei Denkmustern.

Zitat:Natürlich ist ein Fettfleck nicht ästhetisch, aber ein Fettfleck als Allererster Kunst zu verkaufen, ist kreativ, weil es eine neue Sichtweise auf so etwas wie einen Fettfleck zeigt.

Obgleich du leider recht hast und ich solche Formen tatsächlich schonmal gesehen habe in einer Kunstaustellung, werde ich sowas wohl nie wirklich verstehen können. -_-

Man hat zwar dann eine neue Sichtweise auf den Fettfleck, aber mehr auch nicht. Dahinter ist keine Message, dahinter ist kein wirklicher Grundgedanke zu einem Denkanstoß. Ich lobe mir Künstler, die dem Betrachter etwas übertragen wollen, worüber er reden kann. Auch wenn der Fettfleck, um bei diesem Beispiel zu bleiben, vielleicht für viele lustige Diskussionen sorgen kann - eine wirkliche Richtung, einen Weg weist er nicht.

@adsartha:

Zitat:In den meisten Köpfen sieht das doch immer noch so aus: der Autor setzt sich hin, legt das Papier ein oder schaltet den PC an und legt los. Ein bissl Getippe hier und etwas da, fertig!

Wenn ich mir allerdings manchmal anschaue, wie jemand zu seinem Gedicht oder seiner Geschichte sagt "Das habe ich heute in der Mittagspause geschrieben" - dann muss es sich aber tatsächlich so ähnlich verhalten haben. ^^

Grüße,

Holy


RE: Kreative Menschen - bewundert und belächelt - Familie Tschiep - 23-06-2008

Nein, das stimmt so nicht. Kreativität hat durchaus eine enge Definition. Ich teile die Kriterien, die einmal in einem Geoheft für hohe Kreativität genannt wurden.


RE: Kreative Menschen - bewundert und belächelt - Adsartha - 23-06-2008

@ Holy:
DAS
Zitat:Wenn ich mir allerdings manchmal anschaue, wie jemand zu seinem Gedicht oder seiner Geschichte sagt "Das habe ich heute in der Mittagspause geschrieben" - dann muss es sich aber tatsächlich so ähnlich verhalten haben. ^^
ist Glückssache Icon_wink


RE: Kreative Menschen - bewundert und belächelt - Isola - 23-06-2008

Hallo alle zusammen,

dann will ich auch mal senfen :D

adsartha schrieb:@ Holy:
DAS
Zitat:
Wenn ich mir allerdings manchmal anschaue, wie jemand zu seinem Gedicht oder seiner Geschichte sagt "Das habe ich heute in der Mittagspause geschrieben" - dann muss es sich aber tatsächlich so ähnlich verhalten haben. ^^

ist Glückssache Icon_wink


Eine komplette Geschichte vielleicht nicht, aber bei Gedichten ist das bei mir eher der Normalfall ... :rolleyes:


Familie Tschiep schrieb:Hier, glaube ich, liegt Missverständnis vor. Jemand, der schreibt, ist nicht unbedingt kreativer, als jemand der zum Beispiel eine Fußballmannschaft trainiert.

Tut mir leid, wenn ich bei einem Fußballtrainer nicht viel kreatives entdecken kann ... Der Vergleich hinkt in meinen Augen ziemlich.
Dass allerdings auch naturwissenschaftliche Berufe Kreativität verlangen, da gebe ich dir Recht.


Zack schrieb:Aber im Gegensatz zu natur- oder wirtschaftswissenschaftlichen Berufen sind kreative Berufe eher weniger angesehen.

Ich würde da auch noch handwerkliche Berufe hinzunehmen - selbst solche wie Tischler, die ja auch sehr kreativ sind. Aber auch ein Konditor ist kreativ und da würde ich nicht sagen, dass man da schief angesehen wird, ebenso wenn man Architekt ist. Deswegen denke ich eher, dass man da "künstlerische" Berufe sagen sollte Icon_smile
Wieso die nicht so angesehen sind, ist, finde ich, recht schnell erklärt: Es hat etwas mit Luxus zu tun. Die meisten Leute halten Kunst für Luxus, Literatur, Bildende Kunst, Musik etc. Zudem ist Kreativität eine Zicke - man ist nicht konstant kreativ und es gibt auch mal Durststrecken. Ein BWLer arbeitet jeden Tag im Büro einer Firma. Ein Schriftsteller z.B. schreibt mal wochenlang nichts - daher der Ausdruck "Hungerberuf" - und auch wenn ich selbst schreibe, stimme ich dem teilweise zu. Man muss verdammt gut und übermäßig kreativ sein, um sich mit seiner Kunst ernähren zu können, das ist eine große Herausforderung, welche die wenigsten meistern.


Den Satz "Ich schreibe" ... Na ja ... Den sehe ich auch immer sehr skeptisch. Hat eine Freundin von mir auch immer gesagt und die hat die von Ninita erwähnten "Liebeskummer ausk..."-Gedichte geschrieben und nicht mehr. Das hat für mich wenig mit Kreativität zu tun, sorry. Klingt immer sehr arrogant, wenn ich das sage, und ich habe auch nichts gegen Hausfrauen, die ihre Gedichtchen schreiben oder ihre Malen-nach-Zahlen-Bilder auspinseln, aber ich kann das nicht als Kreativität werten. Kreativ ist für mich jemand, der auch aus sich heraus, aus dem "Nichts" etwas schafft - oder aus vorhandenen Rohmaterialien Kreativität ist für mich ein Schaffensprozess. Und das kann ein Konditor oder eine Floristin genauso gut wie Picasso das konnte oder ein Goethe. Das spielt sich dann nur auf anderen Ebenen ab.

Lesen finde ich übrigens auch in gewisser Weise kreativ, wenn auch wiederum ganz anders als schreiben.

Auf welche Reaktionen man stößt, wenn man kreativ tätig ist, ist, denke ich, auch abhängig vom Gegenüber. Von Oma, die höchstens in der Schule mal "Die Glocke" auswendig lernen musste, kann man ein "aha" erwarten, vielleicht auch ein "Meine Enkelin schreibt!" der Nachbarin gegenüber, aber richtiges tiefgehendes Interesse nicht. Sagt man das hingegen der Deutschlehrerin, wird da schon eine ganz andere Reaktion kommen (Und nein, das sind alles nur aus der Luft gegriffene Beispiele Mrgreen ).


Grüße,
Isola.