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VR: Dämonenjagd (453 d.E.) - Druckversion

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VR: Dämonenjagd (453 d.E.) - Lanna - 16-03-2012

In der fensterlosen Kammer stank es nach ... Dunkelheit. Die Luft flimmerte und knisterte, doch nur im Zentrum des Bannkreises war sie beinahe greifbar. Schemen waberten wie schmutziger Nebel um den Mittelpunkt dieser Erscheinung, verdichteten sich, wallten auf, warfen sich gegen eine Barriere aus bläulichem Glänzen. Das Aufbegehren des Dämons wurde von rasendem Zischen und abgehackten Schreien begleitet.
Aus respektvollem Abstand beobachteten fünf Augenpaare das Schauspiel, während Meister Neriond einen letzten prüfenden Blick über die Zeichen und magischen Muster am Boden gleiten ließ. In tagelanger akribischer Arbeit hatte er dieses Ritual vorbereitet, sich Zeit gelassen, jede Formel, jede Zutat doppelt und dreifach geprüft. Er hatte seinen Beobachtern jeden Schritt und jede Konsequenz eines möglichen Fehlers erklärt. Sie waren skeptisch gewesen, zögerlich, aber in erster Linie neugierig. Eine Dämonenbeschwörung mit eigenen Augen zu sehen!
Konzentrier dich!, mahnte sich der Schwarzmagier selbst zur Achtsamkeit.
Eine kurze Demonstration, eine Vorführung dessen, was er fähig war aus den Schatten der Hölle zu ziehen. Beschwören, bestaunen, bannen.
Neriond sammelte seine Macht, spannte sich an – sein Geist gewappnet für das Duell, das ihm nun bevorstand. Dann löste er die letzte Rune aus.
»Erscheine!«
Der Dämon stieß einen wutzerrissenen Schrei aus. Schlagartig zogen sich die Nebel innerhalb des Kreises zu einem faustgroßen Ball zusammen, um gleich darauf in menschenähnliche Form zu fließen. Die Gestalt wabert und wandt sich unter der fremden Macht. Neriond konnte es in jeder Faser seines Körpers spüren. Es kroch durch ihn hindurch, durch seine Gedanken, umschloss seinen Willen und bohrte sich wie ein glühender Nagel zwischen seine Augen. Das Bild vor ihm verschwamm, der Dämon tanzte doppelt um ihn her.
Mit zusammengebissenen Zähnen blinzelte Neriond dagegen an. Es war ... falsch.
Sein Brustkorb schnürte sich zu, seine Lunge schrie. Unablässig fraß sich die Kreatur aus dem Bannkreis heraus in seinen Geist hinein. Aber da war noch etwas anderes. Ein Schmerz, so real und weltlich, dass er jedes andere Gefühl aus seinem Körper trieb.
Er wollte schreien, den Dämon zurückstoßen, – atmen!
Fünf Augenpaare konnte er spüren, wie sie ihn beobachteten, über seine Haut krochen, die in Flammen stehen musste. Nichts taten, weil er es ihnen verboten hatte.
Absolute Konzentration. Er sah die Dunkelheit.
Bevor der Dämon jedoch seinen Geist verschlingen konnte, tat es der Schmerz.
Das letzte, was Neriond in seinem Leben hörte, war der wütende Schrei, mit dem die Kreatur ihr Gefängnis verließ.



Die Linien und Muster ergaben wenig Sinn, denn die Tinte war an vielen Stellen verblasst oder abgelöst. Dennoch zeichnete Selwisch sie in allen Feinheiten nach. Er kannte die Basis, auf die diese Beschwörung aufgebaut war und besaß eine detailgetreue Nachzeichnung. Vielleicht konnte er daraus einen Teil der verlorenen Informationen rekonstruieren. Wenn die Magier hier nur etwas weniger mit sich selbst und etwas mehr mit dem Erhalt ihrer Schriften beschäftigt wären!
Selwisch hatte in seinem Leben schon viele Bibliotheken gesehen, aber in dieser hier fanden sich die mit Abstand am stärksten beschädigten Dokumente. Manche Bücher fielen auseinander, wenn man sie nur falsch ansah! Es war eine Schande. Niemand kümmerte sich darum, wo was stand oder ob es schon nicht mehr stand, sondern bereits zu Staub zerfallen war.
Außerdem liebten die Iqanner Schwarzmagier offenbar das Herumexperimentieren – jedes Mal wenn er herkam, stank es erbärmlich nach falsch gezeichneten Formeln und stümperhaft verwobenen arkane Fäden. Vermutlich ließen sie hier die Lehrlinge alles ausprobieren, was in den erbärmlichen Bücherresten zu finden war. Kurz glaubte Selwisch sogar, den Hauch von Dämonenmagie wahrzunehmen.
Die Feder verharrte dicht über dem Papier, als der Schwarzmagier konzentriert die Augen schloss. Hunderte von magischen Nuancen tränkten die Luft innerhalb dieser Gemäuer und es war schwierig, sie auseinanderzuhalten oder zuzuordnen. Zuviel Magie wurde an diesem Ort gewirkt. Und es war auch nicht Selwischs Problem. Sein Problem war ein ganz anderes.
Er drehte den Kopf nach links, nur leicht, bis Tobajin in sein Blickfeld kam.
Der junge Kham sah nicht zufrieden und schon gar nicht begeistert aus, wie er mit mürrischem Gesicht seine Lektüre studierte. Oder vielleicht auch nur so tat. Selwisch bezweifelte, dass seine Miene durch den schlechten Zustand der Bücher hervorgerufen wurde. Aber gab es denn einen besseren Ort – nicht diese Bücherhalle im Speziellen sondern eine Bibliothek im Allgemeinen – um in einem jungen Magier die Begeisterung für Beschwörungstheorien zu wecken? Er selbst hatte seinen Meister regelmäßig beknien müssen, um in alten Folianten und noch älteren Grimoires stöbern zu dürfen.
Vielleicht verdunkelte der Norden dem Kham das Gemüt. Zwischen der Wüste und den tiefen Wäldern Iqann’kans lag ein recht beachtlicher Unterschied.
Unwillkürlich seufzte Selwisch. Bis vor wenigen Tagen hatte er sich nicht einmal darüber Gedanken gemacht, welche Aufgaben ein Meister zu erfüllen hatte und nun war er plötzlich einer. Aber er hatte den Jungen nicht in Caralmur zurücklassen können. Magische Talente fielen einem normalerweise nicht vor die Füße. Und wenn sie es doch taten, waren die Weißen oder die Grauen schneller. Genaugenommen war jeder schneller, der nicht an den nördlichsten Grenzen Athalems lebte.
Vielleicht konnte Selwisch, waren sie erst zurück in der Totmannswacht, einen der anderen Meister überreden, diesen … Wüstengecken aufzunehmen.
Gedankenverloren wandte er sich wieder den Aufzeichnungen zu, setzte die Feder erneut an und überlegte, welche Vor- und welche Nachteile ein Lehrling haben könnte. Und wieder wurde er unterbrochen. Von hastigen Schritten, die rasch näher kamen.



RE: VR: Dämonenjagd (453 d.E.) - Federlehrling - 28-03-2012

Tobajin starrte auf das vergilbte Pergament des Folianten vor sich. Die Buchstaben darauf begannen vor seinen Augen zu tanzen, verschwommen zu einem sinnentleerten Brei. Er blinzelte und versuchte, sich auf den Text zu konzentrieren - dem Meister zuliebe. Tobajin quälte sich durch den Satz, und als er den Punkt erreicht hatte, erinnerte er sich nicht mehr an den Anfang, geschweige denn, an den Satz davor. Es war frustrierend.
Der junge Zauberlehrling rutschte auf dem Schemel in sich zusammen und stützte den Kopf auf die Hände. Die Finger waren rau von der Staubschicht auf den stinkenden Blättern, die Augen juckten vom Lesen im Licht der rußenden Talgkerze auf dem Tisch. Von irgendwo zog es wie Hechtsuppe - was auch immer das war; Tobajin hatte die Floskel zu Hause in Caralmur bei einem Händler aus dem Süden aufgeschnappt.
Caralmur.
Tobajin hätte nicht geglaubt, dass er die Stadt einmal vermissen würde, doch jetzt, in der staubigen Bibliothek, wünschte er sich in den Trubel der Gassen zurück. Er sah zu Meister Selwisch hinüber und bereute den letzten Gedanken. Es war sehr großzügig gewesen, dass der Meister ihn aufgenommen hatte. Besser in Iqann und in der Lehre als in Caralmur und Händler von Informationen!
Der Junge besann sich auf den Folianten vor sich, knackte die Gelenke und beugte sich über das Werk.
Der Daimon entspringet den Niederen Sphaeren, wenn er vom fähigen Magus gerufen, las er. Was für eine Sprache!
Der Magus ist gehalten, die Formel der Evocatio auf das Genaueste zu weben; kein Iota, kein leisester Wink darf fehlgehen, will sich der Magus nicht in die Gefahr begeben, von dem Daimon unterworfen zu werden und sein Joch zu tragen. Nur dem wahrhaft Machtvollen sei es angeraten, sich mit der hohen Kunst der Daimonologie zu befassen; und nur die Mächtigsten unter ihnen dürfen sich anmaßen, der Kunst in praxi zu fröhnen.
Tobajin stöhnte leise auf. Warnhinweise! Als hätte er diese Lektion nicht bereits den ganzen Weg von Caralmur bis in den hohen Norden von Meister Selwisch erteilt bekommen.
Tobajin fuhr mit dem Finger diagonal über die Seiten, in der Hoffnung, doch noch einige interessante Zeilen in dem Werk zu finden, als krachend die Tür zum Lesesaal aufflog. Im Rahmen stand ein Magier, dem Tobajin und Selwisch bereits bei ihrer Ankunft an der Schule über den Weg gelaufen waren. Er war wohl von mittlerem Alter, auch wenn dies angesichts des kahlrasierten Schädels schwer zu sagen war; ein Anhaltspunkt waren jedoch die Silberfäden in den ansonsten schwarzen, kantigen Augenbrauen. Sein Blick war scharf, die Züge streng, das war Tobajin schon bei der ersten Begegnung aufgefallen. Doch jetzt schwang etwas anderes mit, er spürte es sofort. Es war keine ausgewachsene Angst, keine tiefgreifende Furcht, doch der Mann war besorgt.
Tobajin fluchte in sich hinein. Ein ganzes Nest voller Bücherwürmer! Offenbar war Selwisch hier in guter Gesellschaft, wenn die Magier der Schule jedes besorgniserregende Problemchen mit alten Schriften zu bekämpfen suchten.
Der Magier ließ aus der Tür den Blick über die Bibliothek schweifen. Tobajin beobachtete ihn nur aus dem Augenwinkel und neigte sich wieder über die schwere, ledergebundene Abhandlung über die Dämonenbeschwörung, die auf seinem Pult lag. Er vertraute darauf, dass der gute Mann schon wissen würde, wo er seine Bücher zu suchen hat.
Und tatsächlich - der Mann löste sich aus dem Türrahmen und durchquerte mit langen Schritten die Bibliothek, umrundete das Regal, das zwischen Tobajins Pult und dem seines Lehrmeisters stand und blieb abrupt stehen. Tobajin blickte ihm nach.
"Meister Selwisch!", erhob der Neuankömmling die Stimme.


RE: VR: Dämonenjagd (453 d.E.) - Lanna - 30-03-2012

»Ihr seid doch Meister Selwisch?«, hakte der Magier nach, als Selwisch nicht den offenbar erwarteten Anstand zeigte, sofort alles stehen und liegen zu lassen und aufzuspringen.
Bisher hatten die Iqanner ihn immer in Ruhe gelassen, hatten ihn mit spöttischen oder mitleidigen Blicken bedacht, aber für gewöhnlich störten sie ihn nicht. Und er war nicht sicher, was er von der Änderung dieser doch recht guten Arbeitsbedingungen halten sollte.
Als sein Gegenüber ansetzte etwas zu sagen – vermutlich würde der Satz ›Meister Selwisch‹ und irgendeine Zeitform des Verbs ›sein‹ beinhalten – hob Selwisch die Feder, die einen hässlichen Fleck auf dem Papier hinterließ. Verärgert runzelte er die Stirn.
»Ja. Worum geht es?«
»Großmeister Rodrath will Euch sprechen.« Der Magier machte sich nicht die Mühe eines Lächelns. »Sofort!«
Es missfiel Selwisch, von diesem Kerl Befehle entgegenzunehmen. Er hätte die Aufforderung wenigstens als Bitte verpacken können.
»Worum geht es denn?«, wiederholte Selwisch gelassen, während er überlegte, was das Oberhaupt der Iqanner Schwarzmagier von ihm wollen könnte.
»Das hat er mir nicht gesagt.«
Bisher hatte niemand Anstoß an seiner Anwesenheit genommen. Sein Blick fiel auf Tobajin, der jegliches, wenn auch nur vorgetäuschtes, Interesse an seinem Buch verloren hatte. Ob die Schwarzmagier hier so dreist sein konnten, ihm seinen Lehrling streitig zu machen?
Sorgfältig legte Selwisch den Federkiel auf Seite, schloss das Tintenfass und versuchte die Unruhe zu ignorieren, die von dem fremden Magier ausging. Keine Sekunde schien der Mann still stehen zu wollen. Vielleicht wäre es besser, seinen Lehrling nicht aus den Augen zu lassen. Andererseits wünschte der Großmeister vielleicht ein vertrauliches Gespräch.
»Du hast gut gearbeitet, Tobajin. Wenn du möchtest, kannst du den Rest des Tages nutzen, um dich in Iqann …« Was taten Menschen in einer Stadt? »... rumzutreiben. Oder du kannst mich begleiten.«
Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie der andere Magier verärgert den Kopf schüttelte.


RE: VR: Dämonenjagd (453 d.E.) - Federlehrling - 02-04-2012

Tobajin schlug hastig den Folianten zu, blinzelte durch den aufgewirbelten Staub und unterdrückte das Bedürfnis, zu niesen.
"Ich ... wenn Ihr es gestattet - gern. Es wäre mir eine Ehre, Euch zu begleiten, Meister." Tobajin sah den Iqanner Magier an. "Es macht auch wirklich keine Umstände?"
Der Magier schnaubte, hatte nach Selwischs Einladung aber offenbar nicht mehr die Wahl, den jungen Lehrling auszuschließen. Er bedachte Tobajin mit einem abschätzigen Blick.
"Das wird Großmeister Rodrath zu entscheiden haben." Er drehte sich auf dem Absatz um und schickte sich an, die Bibliothek zu verlassen.
Tobajin verstaute den Federkiel in einer Holzschatulle und brauchte einige Anläufe, bis er das Tintenfass ordnungsgemäß verschlossen hatte. Vor seinem Pult stand mittlerweile Selwisch; Tobajin blickte zu seinem Meister auf. Was er sah, gab ihm Ruhe. Der Blick des Magiers war beinahe väterlich und gab ihm zu verstehen, er solle sich nicht von einem Mann ohne Manieren hetzen lassen. Schließlich wollten nicht sie etwas von den Iqannern, sondern Großmeister Rodrath von ihnen!
Als Tinte und Kiele in Tobajins Ledertasche verschwunden waren, legte Selwisch die Hand auf seine Schulter und schob den Lehrling zur Tür der Bibliothek.
"Nun denn, wir wären so weit", wandte er sich an ihren sichtlich ungeduldigen Gastgeber. "Galbar ist Euer Name, richtig?"
"Ja."
"Verzeiht, dass ich Euch nicht direkt erkannt habe. Es gibt so viele ... wichtigere Dinge, die ich mir merke."
Scheinbar nur mit Mühe verkniff Galbar sich eine Erwiderung und führte sie in eisigem Schweigen aus der Bücherhalle.
Galbar eilte voran, Tobajin und Selwisch folgten in angemessenem Abstand. Selwisch ließ seinen Lehrling im Flüsterton wissen, dass auch Galbar forschend in der Dämonologie tätig sei und ein Einführungswerk geschrieben habe. Ein Werk, das zu lesen er Tobajin vorerst verbat. So lange, bis er genug wisse, um selbst zu erkennen, dass es ein Jammer um das Papier sei, auf dem Galbars unsinnige Parolen niedergeschrieben seien. Er ließ Tobajin verstehen, dass er gleich, nachdem er das Werk gelesen habe, eine bitterböse Replik darauf verfasst habe, die den etwas kühlen Empfang erklären könnte.
Sie stiegen eine enge Wendeltreppe hinauf; vorn Galbar, gefolgt von Selwisch und Tobajin, der mehr und mehr keuchte. Nach unzähligen Stufen erreichten sie einen Korridor, dessen Boden mit einem langen Teppich ausgelegt war. Die Wände zierten Tapisserien, auf denen der Gründungsmythos der alten Iqanner Magierschule dargestellt wurde. Die spärliche Beleuchtung aus den Oberlichtern ergänzten eine Reihe von Fackeln. Am Ende des Korridors befand sich eine mächtige Tür, vor der eine bewaffnete Wache stand. Sie trat zur Seite, als Galbar sich näherte. Der Iqanner Magier fasste an den Türgriff, drehte sich aber vor dem Öffnen noch einmal um und bedeutete Tobajin und Selwisch, draußen zu warten.


RE: VR: Dämonenjagd (453 d.E.) - Trinity of Chaos - 19-04-2012

Wachdienst. Zenaura konnte gar nicht sagen, wie viele Stunden sie in ihrer Gardisten-Laufbahn schon damit verbracht hatte, wie versteinert vor Türen, Toren und in Gängen zu stehen. Die stoische Haltung, die sie für die alltäglich Vorbeikommenden nahezu unsichtbar machte, war ihr in Fleisch und Knochen übergegangen, ebenso wie der Gedanke, dass sich ihre Ansicht der bewachenden Aufgabe nur in einem Detail von der ihrer Arbeitgeber unterschied: Die Magier wollten, dass niemand sie störte und hereinkam. Zenaura war jedoch sorgsam darauf bedacht, dass nichts Störendes aus den okkulten Studierzimmern herauskam.
Natürlich geschah meistens gar nichts. Besonders nicht vor der Tür des Großmeisters, weshalb es eine große Ehre war, hier wachen zu dürfen - jedenfalls, wenn die Posten draußen, wo man rauchen und sich mehr bewegen konnte, schon alle besetzt waren. Zenaura hatte jedoch kein Problem damit, stundenlang den manchmal seltsam anmutenden Geräuschen hinter den dicken Türen zu lauschen oder ihren Gedanken nachzuhängen. Doch heute schien irgendetwas los zu sein. Mehr Magier als sonst frequentierten den Großmeister, der aufgeregt und besorgt schien. Wann immer Zenaura ihn zu sehen bekam, zierten tiefe Denkfalten seine Stirn und seine Worte kamen mit ungewohnter Direktheit und Schärfe. Und als er befiel, den Durchreisenden zu rufen ... Zenaura erwartete diesen Meister Selwisch gespannt, verzog aber keine Miene. Die gewichtigen Schritte Galbars hörte sie schon, bevor der Magier in Sicht kam. Das Keuchen und Schnaufen klang jedoch nicht, als kämen zwei beherrschte Schwarzmagier, die sich um keinen Preis Schwäche anmerken lassen wollten, sondern ...
Sieh an ..., dachte Zenaura, als sie den Jungen sah und musterte die Näherkommenden aus den Augenwinkeln. Die Finger gewohnheitsmäßig am Griff ihrer Waffe trat Zenaura mit einem respektvollen, stummen Kopfnicken an Galbar zur Seite und musterte die Fremden aus den Augenwinkeln, während sie vorgab, stur nach vorne zu gucken. Nachdem Galbar im Inneren verschwunden war - keine Frage, es war wichtig, wenn der Großmeister nicht erst die üblichen fünf Minuten bis zu seinem "Herein" vergehen ließ -, richtete Zenaura das Wort an den fremden Magier. Als Gardistin hatte sie schlechte Erfahrungen mit Jünglingen gemacht, die zu lange Zeit hatten, eine weibliche Wache aus Langeweile zu bemerken, daher wollte sie mit klarer, geschäftig-resoluter Stimme einen Eindruck machen.
"Meister Selwisch, nehme ich an", sagte sie und wartete nicht, bevor sie fortfuhr: "Der verehrte Großmeister erwartet Euch wohl recht dringend. Doch ich muss fragen, wer Euer Begleiter ist."
Sie konzentrierte ihren Blick ganz auf den Schwarzmagier, dessen ungewöhnliche Erscheinung sie faszinierte. So wie sie die Magier über ihn hatte sprechen hören, musste er gewaltiges Wissen über sein Gebiet verfügen, doch sah er eher ... unspektakulär aus. Vielleicht war an Galbars abschätzigem Reden gegenüber manchen Kollegen doch etwas dran? Umso gespannter war sie auf seine Art und Weise der Reaktion.