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Als die Welt unterging - Druckversion

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Als die Welt unterging - Eselfine - 22-12-2012

Ach ja, diese Einfälle spätnachts, wenn man lieber schon schlafen sollte ... Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Es kam einfach. Icon_smile

Als die Welt unterging

Als die Welt unterging,
war es helllichter Tag.
Die Straßen waren verlassen und vermüllt, weil sich niemand mehr die Mühe gemacht hatte, aufzuräumen.
Es herrschte Stille, nicht einmal die Hunde bellten.

Als die Welt unterging,
evakuierten Wissenschaftler heimlich eine Gruppe von Eliten.
Sie wollten irgendwo einen neuen Staat aufbauen, um die Menschheit zu erhalten.
Ihr Raumschiff kollidierte mit Weltraumschrott.

Als die Welt unterging,
verschanzten sich die Reichen dieser Welt zusammen mit ihren Lieblingsmarionetten unter einer großen Kuppel.
Von hier wollten sie das Schauspiel genießen und danach ihr Leben weiterführen.
Der Techniker vergaß, einen Eingang zu verriegeln.

Als die Welt unterging,
setzte sich ein alter Mann neben das Grab seiner Frau und schloss die Augen.
Er war dort, um das Versprechen einzulösen, dass er ihr vor langer Zeit einmal gegeben hatte: „Ich werde an deiner Seite sterben.“
Ihn schützte keine Kuppel.

Als die Welt unterging,
stand eine junge Frau auf einer Klippe und sah hinunter in die tobende Brandung.
Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie ihre Wut darüber hinausschrie, dass ihr Leben schon vorbei sein sollte.
Der Wind nahm sie mit in den Tod.

Als die Welt unterging,
stand ein kleines Mädchen verständnislos vor den verkohlten Leichen ihrer Eltern und fragte sich, was diese Fremden da machten.
Enttäuscht wandte sie sich ab, als sie feststellte, dass hier niemand auf sie wartete.
Eine alte Frau, die zufällig vorbeikam, bekreuzigte sich.

Als die Welt unterging,
strömten alle Gläubigen zu ihren Heiligtümern und flehten ihre Götter an.
Sie baten um Erlösung für sich und ihre Familien, die ganz Selbstlosen zunächst für die ganze Welt.
Sie wurden nicht erhört.

Als die Welt unterging,
saßen die Götter rund um ihren Kamin und losten aus, wer den nächsten Planeten erschaffen durfte.
Als sie die Rufe ihrer Anhänger vernahmen, drehten sie die Musik etwas lauter.
Jeder von ihnen nahm sich einen Zettel.

Als die Welt unterging,
zerstob die Erde in viele kleine Teilchen und wurde von einem letzten Windstoß verstreut.
Ihre Asche legte sich über das Fenster der Götter und verdunkelte den Raum, sodass sie nicht sehen konnten, wer die Ziehung gewonnen hatte.
Einer von ihnen machte das Licht an.

Als die Welt unterging,
war es helllichter Tag …


RE: Als die Welt unterging - Jan95 - 22-12-2012

Hi Eselfine,

wow echt gut, an dir scheint ja echt ne Poethin verloren gegangen zu sein.

das mit dem Analysieren lasse ich mal lieber, dafür reichen "meine Fähigkeiten" nicht.( sofern ich überhaupt welche habe Icon_lachtotIcon_confused)

Bis dahin LG Jan


RE: Als die Welt unterging - Trinity of Chaos - 22-12-2012

Sanyasala Eselfine,

ganz ehrlich: Ich werde keine Kleinkritik dazu schreiben. Will nicht, geht nicht. Zu dicht, trotz der eher unlyrischen Form. Zu nachdenklich die Stimmung, zu packend und überhaupt zu emotional. Zu sehr mitgenommen von den Bildern, die so unverschlüsselt auf einen einprasseln.
Ich liebe deine Formulierungen hier. Oh ja.
Du hast einige sehr starke Stellen drin. Die Götter, die die Musik lauter drehen, waren für mich einer von vielen Höhepunkten, das ist aber meine Lieblingsstelle, auch wenn der Kloß im Hals noch eine Weile anhalten wird.
Fehler? Sind mir keine aufgefallen - außer an dieser Stelle:
Zitat:stand eine junge Frau auf einer hinunter in die tobende Brandung.
Da ist irgendein Wort verloren gegangen, vielleicht auch mehrere.

Ansonsten sitze ich hier wirklich mit sehr nachdenklichem Blick und lasse dein Werk einfach nachwirken. Chapeau, Eselfine!

Lieben Gruß,
Trinity


RE: Als die Welt unterging - Hans Werner - 22-12-2012

Hallo Eselfine,

ein kaleidoskopartiger Bilderbogen zum Thema "Weltuntergang". Jeder würde es anders erleben. Aber alle fühlen in ihrem Innersten, dass die Welt doch nicht untergeht, sondern bestehen bleibt. Doch Religionen, Mythen, Sagen und Legenden wissen es anders. Der Mensch erlebt das Katastrophenszenario als eine Art gruseliger Unterhaltung. Wie würde er erschrecken, wenn er auch nur brennendes Feuer an sich spürte! Das allerdings gibt es auf unserer ach! so schönen Welt unzählig oft. Schön finde ich den Ausklang, die Szene der Götter, die auslosen, wer die nächste Welt erschaffen soll. Sind sie wohl die Drahtzieher des Ganzen?

Bei einer Strophe scheint mir ein Satzteil zu fehlen.
Zitat:Als die Welt unterging,
stand eine junge Frau auf einer ....-............ hinunter in die tobende Brandung.
Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie ihre Wut darüber hinausschrie, dass ihr Leben schon vorbei sein sollte.
Der Wind nahm sie mit in den Tod.

Ein anregender Text!

Hans Werner


RE: Als die Welt unterging - Eselfine - 22-12-2012

Hej,

Danke. Ich bin gerade selbst erstaunt, wie gut dieser Text aufgenommen wird. Icon_smile

Oh, gut, dass ihr mich auf diese Stelle da hinweist. Ich habe beim Eintippen andere Dinge nebenbei gemacht und wohl nicht festgestellt, dass mir da was verloren ging. Oder ich habe es beim Kopieren aus dem Word- Dokument nicht richtig markiert. Ich aendere es gleich mal. Icon_smile

Viele Gruesse, Eselfine


RE: Als die Welt unterging - Quantensprung - 24-12-2012

Als die Welt unterging ...

... ein Gedicht, das durch seine Klarheit und Aussagekraft besticht.

Die Bilder, die du entstehen lässt, sind nachvollziehbar, zeigen den Menschen sowohl in seiner Schwäche und Verwundbarkeit als auch in seiner Überheblichkeit.

Und niemand kann dem, von den Göttern bestimmten Weltuntergang entgehen.

Es hat mich sehr nachdenklich gestimmt ...
... und so frage ich mich: gibt es nicht jeden Tag für irgendjemanden auf dieser Welt einen persönlichen Weltuntergang?

Liebe Grüße
Quantensprung


RE: Als die Welt unterging - PhoebeFibi - 25-12-2012

Eselfine,
als ich den Titel im Forum sah, dachte ich 'Toller Titel. Muss ich mir mal anschauen.'
als ich sah, dass es ein Gedicht ist, dachte ich 'Nicht so viel zum lesen'
als ich die erste Strophe sah, dachte ich 'Nicht so meine Lieblingsart Gedichte zu schreiben'
als ich weiterlas,





Lücke. Und zwar weil ich leider nicht schreiben kann was ich gesehen habe. Dein Gedicht ist richtig packend, ein EinsA Kopfkino mit Sternchen!
Die Verschiedenen Perspektiven geben dem Gedicht das besondere.
Am Besten fand ich natürlich die Götter und die junge Frau, die nämlich nicht wie sonst immer Selbstmord begehen will, weil sie so traurig ist, nein , weil sie so WÜTEND! ist. Das hat mir besonders gut gefallen, die Frau, die Götter natürlich und ach ja, der alte Mann der neben seiner Frau sterben will.
Richtig toll toll toll!


RE: Als die Welt unterging - Porter - 26-12-2012

Servus Eselfine,

wenn morgen die Welt untergeht,
solltest du heute noch ein Gedicht dieser Art schreiben.

Lebewesen, denen es gelingt, diese Informationen danach noch zu lesen, werden staunen und so etwas sagen wie: "Sie hatten Götter, an die sie glaubten, sie hatten Technik, die ihnen nichts half und sie hatten Humor, den sie am Ende auch brauchten! Schade, dass sie nicht mehr existieren! Sie waren auch Schweine, Ignoranten, haben sich zu wichtig genommen und es offensichtlich zu toll getrieben in den Augen ihrer Götter. Möglicherweise ist der Verlust doch nicht so groß."

Sehr gut gelungen, vor allem das Spiel der Götter. Man kann so viel erkennen und begreifen über unsere guten Seiten, über Fehler und über den (Selbst-)Vernichtungsdrang, der in uns wohnt.

Als Gedicht genauso gut wie als Geschichte, auf Grund der Informationsdichte, die versteckt in Worten und Sätzen darauf wartet, gefunden zu werden, auf alle Fälle eher ein Gedicht.

Hatte beim Lesen viel Spaß und viel Grund zum Nachdenken.

Herzliche Grüße und danke ...


RE: Als die Welt unterging - Eselfine - 26-12-2012

Hallo an alle!

Vielen, vielen Dank, ich bin immer noch erstaunt. Ehrlich gesagt halte ich von meinen Einfaellen um Mitternacht eher wenig. Dennoch hat es mich nicht losgelassen und ich habe es aufgeschrieben, denn inzwischen ist mir fast jedes Wort zu schade, um vergessen zu werden, egal, was am Ende daraus wird.

Ich denke uebrigens auch ueber mein eigenes Gedicht nach, denn ich finde es interessant zu sehen, wie es interpretiert wird. (Die Muehe habe ich mir beim Schreiben freilich nicht gemacht Icon_ugly )

@Quantensprung: Das ist eine sehr spannende Frage. Ich denke, du hast recht. Allerdings haengt es von jedem selbst ab, was er als seine Welt und als deren Untergang empfindet. Wenn ich darueber nachdenke, was ich persoenlich als Weltuntergang emfinden wuerde, dann fallen mir zunaechst viele kleine Dinge ein, die ich nicht missen wuerde. Aber ist das nicht kleinlich? Geht es nicht doch immer wieder weiter? Wenn nicht fuer mich, dann wenigstens fuer andere? Und fuer was leben wir ueberhaupt? Ich weiss es nicht. Es sind diese Grundfragen, ueber die sich die Menschen wohl seit Urzeiten den Kopf zerbrechen- spaetestens seit dem Zeitpunkt, seitdem sie nicht mehr permanent um ihr Ueberleben kaempfen muessen, sondern sich warm und gemuetlich im vermeintlichen Schutz der Technik zuruecklehnen koennen. Wir sind klein, verletzlich und nichtssagend. Und doch wollen wir Grosses, denn das scheint uns staerker zu machen als wir sind. Vielleicht waere es eine Art Weltuntergang, wenn diese Illusion vergeht, wenn man die Wahrheit erkennt und dann auch noch schmerzlich erfahren muss. Ja, ich schreibe ueber diese Sache, als wuesste ich, was die Wahrheit ist. Doch eigentlich sitze ich gemuetlich vor dem Computer, habe keine groesseren Probleme als die Organisation eines Treffens mit anderen Austauschschuelern, die sich was alleine erledigt, und weiss von nichts.
(Du hast mir uebrigens einiges zum Nachdenken gegeben ...)

Viele Gruesse, Eselfine


RE: Als die Welt unterging - Quantensprung - 26-12-2012

Hallo Eselfine!

Es ist immer schön, wenn man zum Nachdenken angeregt wird.

Du schreibst:

Zitat:Allerdings haengt es von jedem selbst ab, was er als seine Welt und als deren Untergang empfindet.

Da bin ich deiner Meinung ...

... aber wenn du schreibst:

Zitat:Wenn ich darueber nachdenke, was ich persoenlich als Weltuntergang emfinden wuerde, dann fallen mir zunaechst viele kleine Dinge ein, die ich nicht missen wuerde. Aber ist das nicht kleinlich?

... dann gehen hier unsere Ansichten etwas auseinander.

Wenn ein "persönlicher Weltuntergang" darin besteht, dass dabei viele kleine Dinge plötzlich weg sind, die du nicht mal vermisst, dann ist das für mich kein Weltuntergang.

Weltuntergang heißt für mich, dass etwas Essentielles, etwas Wichtiges verloren geht in meinem Leben ... sei es eine Liebe, sei es eine Freundschaft oder die Möglichkeit der Ausübung eines Hobbys, das Haus (Lebenswerk) ...

Ein vielschichtiges Thema ...
Und so überlasse ich dich deinen Gedanken...

Liebe Grüße
Quantensprung