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Ins Dunkle ferner Nächte (II.I) - Druckversion

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Ins Dunkle ferner Nächte (II.I) - Dreadnoughts - 30-12-2015

Countdown: Addendum

I n s D u n k l e f e r n e r N ä c h t e

(II.I)

(Préface - 03.04.1888)

Das schmutzige Licht der Laternen konnte der Dunkelheit keinen Einhalt gebieten. Nur kleine Nadelstiche, die durch die zähflüssige Masse stachen. Häuserwände, Fenster und Türen waren nur marginal zu erkennen, blieben mehr tot als lebendig. Und zu allem kam noch der Nebel, der sich ausbreitete wie die Pest.
Sie hieß Emma und lief etwas schneller als sonst, vermied es, mit den Schuhen zu fest aufzutreten, schaute sich ab und zu um, doch außer dem Nichts war da niemand, der ihr folgte. Sie trug, wie alle anderen auch, ihr gesamtes Hab und Gut an ihrem Leibe: Ein Sammelsurium aus einem fleckigen grauen Kleid, das einst weiß gewesen sein musste. Darunter zwei weitere Kleider, die nur durch Emmas aufgebauschtes Äußeres zu erahnen waren. Darüber noch eine Jacke mit geflickten Löchern in hässlichem Braun. Ein alter Hut mit schmaler Krempe über den schmutzig braunen Haaren. Schuhe mit Absätzen, die zwar noch vorhanden waren - dafür war der vordere Teil der Sohle beinahe durchgelaufen und sie hatte es mit Fetzen von Zeitungspapier ausgestopft, was beim Gehen schmerzhaft drückte.
Alles zusammen hatte den Vorteil, dass es zu dieser Jahreszeit zwar wärmte, aber beim Gehen viel zu sehr behinderte. Auch wenn sie den Rock mit der rechten Hand etwas angehoben hatte, damit sie ihre Beine besser bewegen konnte. Denn in der linken hielt sie einen Brief. So oft zusammengefaltet, dass er beinahe die Größe einer dicken Briefmarke erreicht hatte.
Irgendwo schlug eine Uhr mehrmals, aber sie zählte die Schläge nicht. Zu laut war das Pochen ihres Herzens hinter den Rippen, als sie an den dunklen Seelen der Häuser vorbei eilte. Von Lichtschein zum nächsten. Hier waren keine brennenden Mülltonnen. Keine anderen Menschen. Die Welt begrenzte sich selbst vom schmutzigen Boden der Gasse bis zum ersten Stock. Selbst die Straßenschilder waren mehr eine Ahnung, als tatsächlich zu entziffern. Und Müllberge aus kaputten Wannen, abgerissenen Schwengeln von Wasserpumpen, alten Fuhrkarren, sogar Pferdeäpfeln zuhauf. Vereinzelt trat sie in kleine Pfützen, die bestialisch stanken und den abartigen Geruch in der Gasse wohlwollend verstärkten.
Und plötzlich stand da ein Schatten in einem der Hauseingänge, packte sie am rechten Arm und zog sie hastig zu sich hin.
"Hast Du es?", fragte eine raue männliche Stimme, deren Atem verdächtig nach Alkohol roch.
Es widerte sie beinahe genauso an, wie der Rest der Luft, die sie wie ein Klagelied umgab, aber sie nickte und zeigte ihm den Brief.
"Hier", sagte sie zu dem Mann, dessen Gesicht kaum zu erkennen war.
"Hat man Dich gesehen?"
"Weiß nicht."
Der Mann brummte etwas unverständliches, dann stieß er sich vom Eingang ab.
"Es ist besser, wenn wir verschwinden", flüsterte er. "Am besten aus der Stadt."
"Was ist mit dem Brief, Freddy?"
Er nahm ihn ihr einfach aus der Hand und steckte ihn ein.
"Um den kümmere ich mich."
Dann war er fort, verschluckt von der Nacht.
Emma wartete noch einen Augenblick, dann trat sie aus dem Hauseingang auf die Gasse. Wo auch immer er hingegangen war, sie hörte keine einzelnen Schritte - dafür aber mehrere, die sich ihr aus der anderen Richtung näherten. Schnell und unnachgiebig.
Emma hob wieder ihren Rock, beeilte sich wegzukommen, schaute sich wieder um, doch sie sah nur Nebel. Schließlich bog sie in eine gewölbte Unterführung ein, rannte fast, wobei ihr das laute Klackern der Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster egal war. Hechelnd, das Blut schoss ihr ins Gesicht und das Pochen des Herzens wurde übertönt vom Rauschen in ihren Ohren. Die anderen Schritte wurden immer lauter, kamen näher, viel zu schnell.
Und dann kam der Moment, wo sie hinfiel und mit dem Kopf unsanft auf einem der Kopfsteine traf. Sternchen blitzten vor ihren Augen auf und ließen den Blick verschwimmen. Die Rippen taten ihr weh, was nicht nur an den vielen Kleidern lag, die ihr jetzt auch noch die Luft abschnürten.
Sie blinzelte. Vier gestalten hatten sich rings um sie herum aufgebaut. Eine davon beugte sich zu ihr hinunter, doch mehr als vage Umrisse konnte sie nicht erkennen.
"Wen haben wir denn da?", fragte eine Stimme, die durch das Rauschen in ihren Ohren kaum zu erkennen war. "Wohin wolltest Du so schnell, Emma?"
Sie hatte Angst, die sich wie eine Flut durch ihr Inneres ausbreitete und jeden Ansatz einer auch nur gedachten Bewegung in Starre verwandelte.
"Wo ist es?", fragte die Stimme. "Wo ist der Brief?"
Sie blieb versteinert, hoffte, der Alptraum würde einfach wieder von Danne ziehen, aber die anderen drei Gestalten packten sie plötzlich an Armen und Beinen, während die Stimme, die zu ihr gesprochen hatte, sie unsittlich berührte. Schamlos tastete sie sie ab, fuhr sogar durch ihre Kleider hindurch, fand aber nichts.
"Emma, wo ist der Brief?"
Sie blieb still und starr, schaffte es noch nicht einmal die Lippen zu einem "Verpiss Dich" zu formen.
"Wie Du willst ..."
Für einige Sekunden geschah nichts, als wäre die Zeit aus der Unterführung getreten, dann spürte sie, wie ihre Beine unsanft gespreizt wurden. Ein kalter Gegenstand, hart und spitz, wurde ihr abrupt eingeführt. Dort, an einer Stelle, die eigentlich für etwas anderes gedacht war.
Sie weitete ihre Augen. Krampfhaft versuchte sie sich wegzubewegen, irgendwie das Ding fern zu halten, doch es wurde brutal vor und zurückgestoßen. Immer wieder. Schreie tummelten sich nicht länger auf ihrer Zunge, wollten hinaus, doch eine Hand legte sich auf ihren Mund und sperrte sie aus. Ihr Kopf war nur noch ein Topf voller Schmerzen, mit sich ständig wiederholenden Frage nach einem Brief, bis es knackte. Mehrmals.

Als sie von ihr abließen, zitterten ihre Beine noch und sie spürte das Blut, was aus ihr herauslief deutlicher, als die Stimme, die sich enttäuscht von ihr abwandte.
"Schade Emma."
"Und jetzt?", fragte eine andere Gestalt. "Wir können sie doch nicht hier liegen lassen."
"Warum nicht?", fragte die Stimme. "Tot ist tot."
Dann waren sie weg. Aber sie war noch nicht so weit. Zuerst konnte sie die starren Hände wieder bewegen, dann den Oberkörper heben. Bei den Beinen brauchte sie etwas länger, da es sich anfühlte, als wäre ihr Becken nur noch eine breiige Masse aus Fleisch und anderen Klumpen.
Nein ..., dachte sie, hielt sich fest, hätte beinahe sich beinahe übergeben, aber stand.
Einige Minuten, bevor sie den ersten Schritt wagte. Den zweiten. Den dritten. Die Schmerzen taubten langsam ab, und waren immer noch da.
Sie schleppte sich durch den Nebel aus der Unterführung. Gedanken daran, sich vorsichtig umzusehen, ließ sie unbeachtet. Nur weg von hier. An den Hauswänden entlang, abwechselnd im Licht der Laternen und im Schatten. Immer weiter. Nach der Gasse in die nächste. Und weiter. Ewigkeiten nur sie und das Nichts, das immer mehr vor ihren Augen verschwamm.
Dann ein Hauseingang, dahinter Licht. klopfen war nicht mehr möglich - stieß die Tür einfach auf und fand sich in einem Flur wieder. Heller Kerzenschein. Irgendjemand, der sie sah und vor ihr stehen blieb.
"Ihr seit spät dran, Misses Smith", sagte er, dann wanderte sein Blick zu Boden, wo unter ihrem Kleid Blut herabtropfte. "Mein Gott, was ...?"
Der Rest ging verloren, als sie zusammenbrach, in seine Arme fiel. Abwechselnd tauchte die Realität wieder auf: Sie auf einem Bett. Rufe nach einem Arzt. Eine andere Frau, die sich besorgt über sie beugte.
"Allmächtiger", flüsterte sie entsetzt. "Wer hat Dir das angetan?"
Sie nahm ihre Hand, drückte sie, während Emma versuchte sich aufzurichten, aber sanft wieder zurück gedrückt wurde.
"Ruhig ..."
"Marth'?"
"Ich bin hier", sagte diese. "Ich bleibe bei Dir."
"Das ... wa-ren ... die."
"Vergiss sie", flüsterte Marth'. "Hör auf meine Stimme. Du bist in Sicherheit."
"Nein ... Ich ..." Sie stöhnte. "Gott, ..., es schmerzt ..."
"Wir bringen Dich gleich ins Hospital."
"Ich ... hab ihn ... nicht mehr."
Die hochgezogene Augenbraue ihres Gegenübers konnte Emma nicht sehen.
"Wo ist er?", fragte sie, nahm Emmas Kopf in ihre Hände und hielt ihn fest wie eine zerbrechliche Vase. "Wo?"
Die Nacht sickerte von draußen herein und gierte nach dem letzten Atemzug, als sie Marth's Gesicht anfunkelte.
"Fred-die", stieß sie hervor, als alle Kerzen um sie herum scheinbar gleichzeitig wie von Geisterhand gelöscht wurden. Und ihr Kopf lag nur noch bewusstlos in Marth's Händen.

***

(24.09.1888)

Allison und Charly befanden sich vor der Technik-Leinwand.
Erstere saß im Stuhl, letztere lehnte sich erschöpft an der rechts gelegenen Stasiskabine.
Auf dem schwarzen langen Bildschirm erschien ein roter Punkt, der nach einem kurzen Blinken von einem ineinander verschlungenen Z-S ersetzt wurde. Darunter der Satz:
Leidenschaft und Perfektion - die Schlüssel zur Zukunft.
Die ersten Meldungen tauchten links auf und schrieben sich wie von Geisterhand gesteuert in die Leinwand hinein.
'Temporale Maschinen-Anlage 01.'
'Systemkontrolle.'
'Außenhülle: intakt.'
'Innenhülle: intakt.'
'Innendruck: konstant.'
'Ausrichtung Koordination: Lage Null.'
'Energieversorgung intakt. Keine Fehlermeldungen.'
'Steuerungsmodule intakt. Keine Fehlermeldungen.'
'Wellseritgeneratoren: offline.'
'Plattneritgeneratoren: offline.'
'Auswertung Protokoll: Transfer abgeschlossen.'
'Auswertung Protokoll: Datum und Ort unbekannt.'
'Initiierung Lokalisationsverfahren.'

Charly seufzte zufrieden.
"Das sieht gut aus", meinte sie
Auf der Leinwand wurde oben rechts zuerst eine blaue Linie eingeblendet, auf der verschiedene Punkte aufleuchteten. Rechts stand 'Bad Hersfeld 04.01.2014' und das Datum nahm nach links über 1975 bis 1890 ab. Gleichzeitig tauchte darunter eine Weltkarte auf. Rasend schnell zoomte sich der Ausschnitt über Afrika zu Europa, und von dort über die Schweiz nach Großbritannien. Beide Bilder verschwanden und wurden durch ein drittes ersetzt. Eine Karte, die mit 'London, 1885-1892' beschriftet war.
'Korrelation Transferdauer, Energieverbrauch, Bordzeit mit Außenbedingungen.'
'Abgleich Sternengeometrie mit historischen Daten fehlgeschlagen.'
'Berechnung abgeschlossen. Ergebnis-Wahrscheinlichkeit 100%.'
'Datum: 24.09.1888. Ort: London, St.-Katherine-Docks, leerstehendes Lagerhaus.'

Sie starrten das Datum an, ungläubig, kopfschüttelnd, mit einem stummen "Nein" auf den Lippen. Aber es war Allison, die sich zuerst äußerte.
"Das darf doch nicht wahr sein!", rief sie. "Über einen Monat zu früh!"
"Scheiße", flüsterte Charly tonlos.
"Wie konnte das passieren?" Allison presste die Lippen aufeinander und ihr Gesicht sah aus, als wolle sie mit den Fäusten auf irgendwas einschlagen. "Wie?"
"Keine Ahnung, vielleicht hat es mit dem Systemausfall zu tun?"
"Ich kapier hier gar nichts mehr."
"Dann halt die Klappe", meinte Charly mit einem drohenden Unterton. "Wir werden das nicht rauskriegen, wenn Du Dich vergisst!"
Allison funkelte sie erst feindselig an, dann weiteten sich ihre Augen, als sie wieder zur Leinwand schaute.
'Status Stasiskabinen: offline.'
'Status Besatzung: Allison Schneider, an Bord. Charleen Vasquez, an Bord. Flynn Marquardt, abwesend.'
'Initiiere Verbindungsaufbau Ortungschip 01. Passive Suche.'

Die alte Karte von London wurde vergrößert, wanderte vom Lagerhaus nach Whitechapel im Norden, nach Spitalfields weiter westlich, schließlich nach Southwark im Süden auf das andere Ufer. Aber nirgendwo tauchte ein blinkender Punkt auf, der Flynns Standort anzeigte.
Charly starrte auf die Karte. Allison hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend.
'Passive Suche erfolglos.'
"Sie kann doch nicht einfach weg sein?", fragte Allison und ihr Zorn war einer Fassungslosigkeit gewichen. "Wo ist sie?"
Charly dagegen blieb ruhig.
"Und wenn die verdammte Leistung erhöht wird?", fragte sie die Leinwand und nickte zu Allison. "Beim letzten Mal war sie zu niedrig."
Eine Abbildung erschien zwischen den Meldungen und der alten Karte. Eine digitale Anzeige in Form eines Turms, die bis dahin grüne 30% angezeigt hatte. Jetzt erhöhte sich der Wert über den gelb eingefärbten Mittelteil zum oberen roten mit 85%.
'Achtung: 100% lebensgefährlich für Außenwelt.'
'Maximalbegrenzung: Erhöhe Leistung auf 85%. Bitte warten.'

Der Ausschnitt wanderte wieder über die Karte, schloss diesmal auch nicht die Innenstadt oder Big Ben aus, aber das Ergebnis war identisch. Und zwar für ganz London.
'Passive Suche erfolglos. Keine Verbindung zu Ortungschip 01 möglich.'

*

Eine ungewisse Zeit später. Es begann leicht zu regnen.
Joe saß am Ufer und schaute auf die schweigende Themse hinunter, verfolgte das Pitschen der Regentropfen auf der Oberfläche. Sein Blick war starr, durchdrang den Fluss und schaute durch das Wasser in eine Welt, die nur er sehen konnte.
Er zuckte zusammen, als sich der Sir neben ihn setzte. Zusammen begleitete sie das Schweigen der Nacht, die Regentropfen und der Wind, der kalt über den Fluss kroch.
Joe räusperte sich schließlich.
"Ich kann das nicht mehr tun", flüsterte er und seufzte. "Kann das einfach nicht mehr."
Der Sir schaute ihn von der Seite an und verzog den Mund.
"Du verdienst mehr Pennies als auf dem Fischmarkt. Was beschwerst Du Dich?"
"Sie werden uns finden. " Joe schluckte schwer. "Und hängen."
"Nein Joe", sagte der Sir und schaute zum dunklen Neubau auf der anderen Uferseite hinüber, der in einigen Wochen das neue Hauptquartier der Polizei werden würde. "Das werden sie nicht."
Joe nahm einen Stein und warf ihn zornig in den Fluss.
"Und was veranlasst euch zu solchen Mutmaßungen?", fragte er.
Der Sir schaute ihn von der Seite an.
"Deduktion, Joe." Er grinste und seine weißen Zähne blitzten im Schein des Mondes. "Du solltest mehr lesen."
"Deduktion?"
Der Sir nickte leicht.
"Sie werden uns niemals finden, mein Wort darauf."
"Euer Wort in Gottes Gehörgang."
"Es kann bewiesen werden."
"Und wie?"
Der Sir zeigte auf den dunklen Neubau.
"Wir legen Sie direkt bei der Polizei ab."
Joe starrte ihn entgeistert an.
"Seid Ihr verrückt?"
Der Sir lachte.
"Wer ist das nicht?"

*

(25.09.1888)

Allison hatte einen Weg gefunden zu fliehen.
An den Wänden, an den hervorstehenden Steinen im Mauerwerk, hinauf bis unters Dach. Es war zwar manchmal ein Drahtseilakt gewesen, denn es war dunkel und sie hatte das Klettern ohne Sicherheitsleine noch nie ausprobiert. Sie war schließlich ein Deichkind und hatte mit Bergen überhaupt nichts am Hut. Aber es hatte auf Anhieb funktioniert.
Unter der Decke befand sich noch ein Fenster. Halbbogenförmig. Glaslos. Wie an anderen Stellen in diesem riesigen Lagerhaus konnte man sehr gut erkennen, wann die Arbeiten eingestellt worden waren. Und wie abrupt. Die Seilführung, um das geplante Fenster von unten öffnen und schließen zu können, befand sich schon in der Wand - das eigentliche Seil jedoch nicht. Jetzt war da nur der steinerne Bogen, und die Vorrichtungen für den Rahmen konnte man nur durch Löcher in den Steinen erkennen, auf denen sie Platz genommen hatte.
Sie hatte die Knie angezogen, mit den Armen umklammert und schaute nach Südosten, über das östliche Hafenbecken mit seiner beinahe glatten Wasseroberfläche, indem das Glitzern des Mondes verschwunden war.
Der Morgen kündigte sich still an, unspektakulär. Es wurde einfach von Minute zu Minute ein bisschen heller, und der Himmel beeilte sich damit, die Wolken wegzuräumen.
Die Nacht starb und sie sah nirgendwo eines der Schiffe, für die dieses Dock gebaut worden war. Am anderen Kai gegenüber lag nur ein kleines Boot. Und auch die anderen Hallen und Gebäude, die definitiv nicht so groß waren wie ihr Lagerhaus, sahen alt, leer und verfallen aus.
Der Wind pfiff an ihr vorbei und heulte sich einige Male durch das löchrige Dach, während sie auf den Sonnenaufgang wartete und bewusst nicht nach Whitechapel schaute, welches sich in ihrem Rücken befand. Southwark auf der anderen Seite, wo der Fluss in Richtung Meer eine Biegung vollzog, war dagegen noch jung, unberührt und unschuldig in ihrer Wahrnehmung. Zumindest hatte sie noch nie von einem Mord dort gehört.
Zum wiederholten Male fragte sie sich, warum der Ortungschip nicht gefunden worden war. Musste die Sendeleistung tatsächlich erst auf 100% gesteigert werden? Charly hatte es verneint und auch das Ding hatte ständig darauf hingewiesen, dass die Umwelt dann beträchtliche Folgen davontragen würde. Oder war Flynn, wie es ihr auch passiert war, derart tief unter der Erde, dass man sie nicht finden konnte? Aber was tat sie da? Und vor allem, wo in London war es so tief?
Sie hörte vom Grund des Lagerhauses Schritte, die sich ihr näherten. Charly hatte wahrscheinlich genug davon, die kryptischen Meldungen der Systemwiederherstellung zu verfolgen und stand da unten, starrte nach oben und rief leise etwas.
Allison hatte gerade überhaupt keine Lust auf Menschen. Und nach Reden war ihr auch vorhin schon nicht gewesen, als sie vor der Kugel unter den Tarnnetzen ein schwarzes Zelt aufgebaut hatten. Auch wenn es riskant war sich hier so auszubreiten, aber alle Fenster des Lagerhauses waren hermetisch mit Brettern vernagelt worden. Nur das, wo Flynn hinausgekrabbelt war, hatten sie als Ausstieg so gelassen. Dafür befand sich dort jetzt eine kleine Kamera, die verdächtige Bewegungen am Kai sofort melden würde.
Flynn, dachte sie und starrte auf das stille Wasser hinunter. Wo bist Du?
Sie hörte ein Stöhnen, durchsetzt von Knurren, dass sich an der Wand nach oben arbeitete und Allison seufzte genervt, als zuerst Charlys Kopf und dann der Rest neben ihr auftauchte.
"Scheiße", fluchte sie, schwang sich auf die gegenüberliegende Seite des Halbbogens und ließ das linke Bein nach unten baumeln. "Puh!"
"Dachte, dass Bundespolizisten immer fit sind", murrte Allison. "Und sowas mühelos schaffen."
"Nur wenn man im Training ist."
"Ach so."
Sie schwiegen, während die Marinefrau weiter nach Südosten Richtung Southwark schaute, und die Bundespolizistin nach Whitechapel. Ihre Blicke schnitten sich zwar, vermieden es aber sich anzuschauen. Erst als es Charly zuviel war, räusperte sie sich.
"Willst Du ewig hier oben sitzen bleiben?"
"Warum nicht?", antwortete Allison und zuckte mit den Schultern. "Oder hast Du eine bessere Idee?"
"Wir könnten nach ihr suchen."
"Dann müssten wir aber ganz London absuchen. Und selbst jetzt ist die Stadt schon ein Moloch."
"Wir könnten es wenigstens versuchen."
"Wir könnten auch mit dem Ding einfach nach Hause ... fliegen, fahren, was-weiß-ich."
Charly schaute sie mit einem traurigen Gesicht an.
"Das können wir nicht", sagte sie, was Allisons Augenbrauen nach oben trieb.
"Wie: Das können wir nicht?"
"Die Systemwiederherstellung ist abgeschlossen."
"Und?"
"Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Es gibt einige Datenfragmente, die sich nicht öffnen oder aktivieren lassen", antwortete Charly. "Sie gehören aber nicht zum Systembetrieb."
Allison beugte sich ein Stück vor.
"Nochmal: Wieso können wir dann nicht zurück?"
"Weil der Leitstrahl weg ist."
Es durchzuckte sie wie ein Blitz.
Der Leitstrahl stellte die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart sicher. Man konnte über ihn keine Gespräche führen, auch keine Bilder senden beziehungsweise empfangen. Er hatte nur die Aufgabe, ihnen die Route zum Heimatpunkt anzuzeigen. Ein permanenter Wegweiser mit einem Ping.
"Er ist weg?", fragte sie und nickte spöttisch ins Innere des Lagerhauses. "Liegt es an den dicken Mauern?"
Charly schüttelte den Kopf.
"Nein, und ich habe auch schon überlegt, ob es an der Ionosphärenerneuerung liegt", antwortete sie.
"Die sollte doch erst nach unserem Abflug erfolgen."
"Dafür, dass Du für die temporale Logik zuständig bist, vergisst Du leider zwei Sachen", meinte Charly. "Erstens vergehen hier nach unserer Ankunft genauso viele Stunden wie in der Gegenwart. Zweitens sind wir schon länger hier als ursprünglich geplant."
"Mein Bauch fühlt sich aber leer an", knurrte sie, bevor sie sich wieder ihrem Gegenüber zu wandte. "Und was jetzt Einstein?"
Charly ignorierte den Einwand.
"Q hatte auf Nachfrage betont, dass abgehende Zeitreisen danach nicht mehr möglich seien", sagte sie. "Um unsere Rückreise dennoch abzusichern, hat er den Leitstrahl neu konfiguriert und die Leistung verstärkt."
"Trotzdem ist er weg."
"Wenn man noch bedenkt, dass sich die ganze Anlage viele Meter tief unter Bad Hersfeld befindet, wird es unheimlich."
Allison seufzte.
"Da gebe ich Dir recht."
Sie schwiegen für einen Moment und schauten wieder hinaus in den anbrechenden Tag, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken. Die Sonne kam langsam über die Horizontlinie, aber Rot und Orange waren nicht so kräftig wie in der Gegenwart. Eher blass und abgenutzt.
"Angeblich wird die Sonne viel kräftiger, wenn man die Zeit ändern würde", murmelte Charly. "Aber davon sehe ich nichts."
"Ich auch nicht."
"Hm."
Allison rollte mit den Augen.
"Hm. Hm, und immer wieder ein Hm", murrte sie. "Lass Dir was Besseres einfallen, das nervt."
"Halt die Schnauze, Ally."
"Und nenn mich nicht so", zischte sie. "Ich brauch keine Verniedlichung, klar?"
"Was hast Du für ein Problem, hm?"
"Eins?", knurrte Allison und man konnte sehen, wie ihr Gesicht dunkelrot anlief. "Ich hab sogar mehrere!"
Charly verschränkte die Arme vor der Brust.
"Na dann lass mal hören", forderte sie sie auf. "Komm, erzähl. Ich bin ganz Ohr."
"Ich weiß nicht, was mit Flynn passiert ist", sagte Allison und hielt einen Daumen hoch. "Ich weiß nicht, warum der Leitstrahl weg ist." Der Zeigefinger folgte dem Daumen. "Ich weiß nicht nicht, wieso das Ding sich abgeschaltet hat." Der Mittelfinger folgte dem Zeigefinger. "Ich weiß nicht, warum wir das Zieldatum verfehlt haben." Der Ringfinger gesellte sich dazu. "Und ich weiß gerade nicht, was wir tun sollen." Sie hielt Charly wütend alle fünf Finger der Hand entgegen. "Fünf Probleme. Reicht das?"
Stille, dann kratzte sich die Bundespolizistin nachdenklich am Kopf.
"Okay", sagte sie. "Dann versuchen wir es mal zu ordnen."
"Na viel Spaß!"
Charly ignorierte es, mal wieder.
"Zuerst sollten wir die Suche nach einer Antwort für den Leitstrahl, inklusive der Frage nach dem falschen Datum und der Abschaltung, hinten anstellen, denn das wir das jetzt - hier und heute - beantworten können, liegt außerhalb der Möglichkeiten."
"Du hättest Professor für Philosophie werden sollen."
"Reine Logik", meinte Charly und fuhr fort. "Es bleibt Flynn und die Frage, was wir machen sollen, können oder sogar müssen."
"Fein. Nur noch zwei Fragen."
"Angenommen, sie befindet sich tatsächlich irgendwo unter der Erde und ist unerreichbar, dann fragt sich, warum. Lebt sie noch? Ist sie untergetaucht? Oder wurde sie gefangen genommen?"
"Warum sollte sie untertauchen, anstatt hierhin zurückzukommen?"
"Um uns nicht zu gefährden?", meinte Charly. "Womit wir bei einer Gefahr wären, die da draußen existiert."
"Ich wüsste da eine", sagte Allison. "Sie heißt Jack und mordet gerne."
Sie hatte erwartet, dass ihr Gegenüber sie wieder ignorieren würde. Stattdessen nickte die Bundespolizistin.
"Angenommen, sie hat ihn tatsächlich gefunden und es hat sich eine Situation ergeben, die selbst uns hier bedrohe würde, dann wäre es logisch."
Allison den Kopf.
"Bitte sag es nicht ...", murmelte sie. "Bitte. Nicht."
"Warum nicht?", fragte Charly. "Es beantwortet nämlich Deine andere Frage."
"Das gefällt mir aber nicht."
"Da müssen wir wohl durch."
Allison starrte Charly ungläubig an.
"Dort draußen läuft gerade der VATER aller SERIENKILLER frei herum", zischte sie, wobei sie das Zittern in ihrer Stimme nicht unterdrücken konnte. "Und niemand, weder die ganzen Polizisten, die ganzen FBI-Profiler oder diese Hobbydetektive haben ihn jemals gefunden!"
"Die hatten ja auch keine Zeitmaschine", meinte Charly.
"Als ob es so einfach wäre."
"Allison, wenn wir den Täter finden, dann finden wir auch Flynn."
Die Frau von der Marine verzog den Mund, als der Name der verschwundenen Kollegin fiel. Auch wenn es zwischen ihnen nicht ganz so gut geklappt hat - sie war schließlich einer von ihnen.
"Wenn sie noch lebt", sagte sie. "Denn Deine Logikkette funktioniert auch, wenn sie bereits mausetot wäre."
Sie schwiegen, dann ließ Allison ihre Knie los.
"Na dann mal los", murmelte sie. "Wann ist der nächste Mord?"
Sie wollte gerade wieder herunterklettern, als Charly ihren Arm festhielt.
"Ich muss Dir noch was sagen."
"Irgendwie habe ich den Eindruck, dass es nur schlecht sein kann."
Charly legte den Kopf schief.
"Unser Freund Q war sehr großzügig zu uns", meinte sie und Allison rollte mit den Augen.
"Klare Ansagen bitte", knurrte sie. "Red' nicht wieder um den heißen Brei herum."
"Er hat uns ein bisschen mehr von seinen Spielzeugen eingepackt als wir wussten."
Allison starrte sie fragend an.
"Und was?"

*

(29.09.1888)

Die Nacht blieb wolkenverhangen, während am Grund des Viertels leichter Nebel herrschte. Die einzelnen Lichter der Laternen bohrten sich dabei entweder wie Pfeile in das Grau hinein, oder tauchten die Umgebung in ein rötliches Orange. Als würden da unten die Feuer der Hölle glimmen.
Die Menschen dort waren nur Punkte, die sich durch die Zeit bewegten. Man sah Grüppchen, einzelne Personen, Fuhrwerke nur umrissen, nicht klar gezeichnet. Jeder in seinem eigenen Leben verfangen. Niemand schaute nach oben, wo ein Schatten auf einem der Dächer stand.
Eine Gestalt in einem pechschwarzen Anzug, der mit seinen verschiedenen Platten und Polstern sehr eng am Körper lag und den Eindruck vermittelte, einen extrem muskulösen Körper zu beherbergen. Kopf, Hals und Gesicht wurden von einer schwarzen Stoffmaske komplett verhüllt, die jegliche individuellen Züge verdeckte und die im Bereich der Nase und des Mundes luftdurchlässig war.
Vor den Augen befand sich eine längliche, aber dicke Konstruktion, die sich von dort bogenförmig über die Schläfen zum Hinterkopf erstreckte, wobei sie aussah wie eine futuristische Brille mit durchgehendem schwarzem Glas, hinter dem die Augen nicht zu sehen waren. Sie hatte gerade Bügel, die an den Ohren schließlich in kleine Kopfhörer mündeten und wurde von mehreren Gummibändern in seiner Lage gehalten, die sich nicht nur über den Schädel, sondern auch um den Hinterkopf schwangen. Ganz klein, und fast nicht zu entziffern, stand auf einem der Bügel:

V.I.S.O.R. - VIsuell Sensoric & Optical Reflection

Die Gestalt hatte es sich, so gut es ging, auf der Dachspitze bequem gemacht und beobachtete die Gasse unter ihr, als ein sehr leises Geräusch näherkam und schließlich neben ihrem Ohr stehenblieb. Eine kleine mattschwarze Drohne mit schwenkbaren Mini-Triebwerken an den Flügeln, die gerade senkrecht standen und das Gerät an Ort und Stelle schweben ließen.
"Allison?", rauschte es durch die Ohren der Gestalt. "Ist das Superheldenkostüm bequem?"
"Du nervst."
"Sind die Systeme in Ordnung?"
"Läuft", murmelte sie und schaute die Drohne an, die nicht größer als ein herkömmlicher Modellhubschrauber war. "Wieso?"
"Weil keiner von uns beiden weiß, was dieser verdammte Anzug alles kann."
"Werden wir bald wissen", antwortete Allison. "Und wie siehts bei Dir aus?"
"Bild und Ton: klar."
"Dann jetzt Zeitvergleich", flüsterte sie und schaute auf das Display des kleinen Geräts, das an ihrem rechten Unterarm befestigt war. Ziffern, die schwach leuchteten. "Bei mir es Punkt 20 Uhr."
"Hier auch", sagte Charly. "Ich begebe mich zur Aldgate High Street."
"Verflieg Dich nicht."
"Höre ich da einen missmutigen Unterton heraus?"
"Ich mag es immer noch nicht, Morde zu beobachten und nichts zu tun."
"Würdest Du von hier aus auch."
"Du weißt, was ich meine."
"Du hast das kürzere Stöckchen gezogen."
"Leider."
"Hast Du eigentlich die Pille genommen?"
"Wolltest Du nicht gerade wegfliegen?"
"Hast Du?"
"Du meinst dieses Szoi-irgendwas? "
"Soylent Blue", korrigierte Charly.
"Ja", brummte Allison schließlich.
"Und?"
"Ich fühle gar nichts."
"Perfekt", sagte Charly. "Vergiss nicht, wenn Louis Diemschütz um 01:00 Uhr mit seiner Kutsche kommt, ist es zu spät."
"Aye."
Charly sagte nichts mehr, dafür schwenkte die Drohne herum und flog in das Dunkel der Nacht hinein. Es dauerte nicht lange, dann war sie verschwunden und Allison wieder alleine auf dem Dach. Wartend auf den einen Moment, während ihr Hintern zu schmerzen begann. Was auch das einzige blieb, was sie wirklich spüren konnte. Der Rest von ihr war in einer tauben Gleichgültigkeit gefangen. Keine Angst, keine Panik und kein Entsetzen würde sie durchfluten.
Tolle Pille, dachte sie und konzentrierte sich auf die Nacht und das Leben unter ihr.
Sie hatten sich die letzten Tage ausführlich mit dieser Nacht beschäftigt, hatten die Enzykondatenbank studiert und jede nur erdenkliche Information herausgefiltert. Selbst die virtuelle Ausgabe eines deutschsprachigen Buches hatten sie gefunden, was ihnen mehr geholfen hatte als gedacht. Das Problem war nicht, dass sie nur diese eine Chance hatten, bevor der Täter am 09. November letztmalig zuschlagen würde.
Nein, dachte Allison. Das Problem ist, dass er heute zwei Morde begehen wird.