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Atlantis (II/III) - Druckversion

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Atlantis (II/III) - Dreadnoughts - 19-11-2016

A T L A N T I S
(II/III)
(31.12.2005; 23:17 Uhr)

Irgendwann vergeht der Alltag, dachte er. Vor allem, wenn man abseits steht.
Er ließ die beiden Gangster vorausgehen.
Ludger links, Charly rechts, während er sich umschaute, aber niemand von den Menschen, die überall in der Ferne (in kleinen und großen Gruppen) um ihre Feuer herumstanden, schien sich für sie zu interessieren. Zu weit entfernt, um zu erkennen, dass da Staatsbedienstete durch ihren düsteren Vorgarten schlichen. Lebende Zielscheiben, nach denen niemand fragen würde, wenn sie als Fischfutter im Pregel landeten.
Nein, das wollte er nicht. Das alles. Weder tot, noch hier sein, hier in der beschissensten Gegend Königsbergs. Und mit jedem Schritt mehr, wuchs der Widerwille. Zuerst im Kopf, dann in den Beinen. Selbst das Herz hatte so langsam mitbekommen, dass das hier kein Traum war, noch nicht einmal ein Alptraum, sondern die bittere Realität.
Konzentration, ermahnte er sich, und spürte plötzlich kleine feine Nadelstiche auf seiner Nase. Regentropfen, noch spärlich in der Anzahl, tropften vom beschämten Himmel herunter. Aber da das hier Ostpreußen, also der Arsch der Welt war, konnte sich das auch schlagartig ändern. So wie letztes Jahr, als schwere Unwetter sowohl den Alten, als auch den Neuen Pregel bedrohlich anstiegen ließen. Selbst der Dom auf der Kneiphofinsel im Zentrum wäre beinahe im Hundegatt ertrunken.
Ein Bild, das hier und jetzt plötzlich ein Grinsen auf sein Gesicht zauberte.
Wie schön wäre es, wenn die ganze Stadt einfach absaufen würde, dachte er grimmig. Wie bei den Russen. Dann bräuchte man nicht den ganzen Erdball absuchen, um Atlantis zu finden.
Ein unheimlich gutes Gefühl, und weil er sich im nächsten Moment nicht sicher war, ob einer von Petrus Leuten ihn abhörte, fügte er schnell noch die Bitte hinzu, das alles erst Übermorgen stattfinden zu lassen.
Wenn er weg war.

Die Frau ging schnell, trotzdem bewegte sich die Pistole mitsamt Holster am Gürtel artig im Takt der Schritte. Abgesehen von den Kabelbindern, die sie an der rechten Schulterklappe befestigt hatte und die wie wild hin und her schwangen.
"Haben einen Müller-Meier-Schulze an der Schichau-Werft aus dem Pregel gefischt", flüsterte Charly hastig. "Vor einigen Stunden. Tot."
"Und?"
"Fremdeinwirkungen nicht ausgeschlossen. Massive Kopfverletzungen. Kann vom Sprung von der Reichsbahnbrücke passiert sein, muss aber nicht", antwortete sie.
Die Selbstmörderbrücke, dachte Ceylan. Das fängt ja gut an ...
Charly zeigte auf das Hochhaus direkt vor ihnen.
"Hatte einen Zettel mit dieser Adresse in der Jacke: Otto-Vonek-Straße 104."
Vierzehn Stockwerke hoch, Balkone, verhangene Fenster, dunkel. Wie tausend Augen, die auf sie herunter schauten. Ungewiss. Mürrisch. Und unheilvoll.
Von den Wunschvorstellungen der Erbauer, die die Ungetüme vor Jahren in die Landschaft gesetzt hatten, war nicht mehr viel zu spüren. Ursprünglich sollten sie das Non-plus-Ultra der neuzeitlichen Wohnkultur werden: Modulare Wohneinheiten, die je nach Bedarf vergrößert oder verkleinert werden konnten. Energiesparmodi für alle Gerätschaften. Intelligente Automatismen, die nicht nur Kühlschränke verwalteten, sondern auch den Mietern mit Rat und Tat zur Seite stehen sollten. Urbanes Leben in neuem Design, wobei das Urbane durchaus wörtlich zu nehmen war. Nachdem man die alten Gebäude mit den bürgerlichen Wurzeln aus dem Stadtteil Amalienau abgerissen hatte, war für einige Monate nicht mehr als eine brachliegende Fläche übriggeblieben.
Das waren alles schöne Träume geblieben, als die Wohnungen durch den Magistrat beschlagnahmt worden waren. Zuviele Bezieher von RALG (Reichsarbeitslosengeld) mussten untergebracht werden - und so wurden die ganzen technischen Innovationen letztendlich bei der Fertigstellung weggelassen. Jetzt waren die hochtrabenden Pläne nur noch eine blasse Erinnerung.
"Wer wohnt da?", fragte Ludger.
"Ein Maier mit ai. Laut Datenbank alleinstehend", antwortete sie. "Aber Du weißt ja selbst, wie ehrlich die Menschen in Amalienau sind."
Er seufzte leise.
"Jepp."
Sie schwiegen, als sie sich - immer wieder umschauend nach den Menschen bei den brennenden Müllbergen - dem Hauseingang mit dem kaum noch lesbaren Kürzel 'O-V 104' näherten. Davor waren mehrere ramponierte Tonnen zu sehen, die erschossen auf der Seite lagen und den stinkenden Unrat hinausbluteten. Sie umrundeten das Meer aus Plastikbechern, verbrauchten Windeln und anderen Hygieneartikeln und blieben vor zwei Türen aus milchigem Glas stehen. An einigen Stellen eingeschlagen und mit Plastiktüten behelfsmäßig beklebt. Das einzige, was neu und sauber hervorstach, war das Nichtraucherschild an einer der Türen. Als hätte man es gerade eben erst angebracht.
Links befanden sich die Schlitze für die toten Briefkästen, rechts die Klingeln zu den jeweiligen Wohnungen. Aber sowohl links wie auch rechts konnte man die Namen nicht entziffern, falls dort überhaupt ein Schildchen war.
"Etage?", flüsterte Ludger zu Charly, deren Finger suchend über einen der Namen fuhr.
"Maier", murmelte sie und fand den Namen schließlich handschriftlich auf einem Klebeetikett. "Wohnung 8472."
Ludger nickte, dann drückte er die Tür auf. Ein Knirschen durchbrach die Stille und das erste, was sie empfing, war der ungefilterte Geruch nach Schweiß und etwas anderem, das aber bereits älter zu sein schien. Tot und abgestanden.
Im Inneren ging kein Licht an, als Charly auf den fraglichen Schalter tippte.
Ceylan konnte seine Augen nur mit Mühe an die Dunkelheit gewöhnen, aber nachdem er einige Male geblinzelt hatte, konnte er einige Umrisse erkennen.
Ein langer Flur. Und am hinteren Ende blitzte ab und zu eine Lampe müde auf. An den Wänden waren die Überreste von weggewaschenen Eddings und neuen Takes zu sehen, meistens omnipotente Großbuchstaben (wie 'ABSS!'), die eine eindeutige Botschaft zum Besten gaben. ('Alle Bullen sind Schweine!') Dazu kamen Unmengen von Schuhen, die sich vor einigen Haustüren zu kleinen Bergen stapelten. Dann noch Zeitungen, oder besser die Überreste davon, die verstreut umher lagen.
Er rümpfte die Nase. Es roch plötzlich nach Muff und Kot, wobei er nicht genau sagen konnte, ob dieser tierisch oder menschlich war.
"Wohin?", flüsterte Ludger, während Charly auf die Fahrstühle gegenüber des Eingangsbereichs zeigte.
"Die Achttausender müssten oben sein", flüsterte sie zurück. "Vierzehnter Stock."

Von den drei Fahrstühlen, zwei kleine, die einen größeren flankierten, funktionierte erwartungsgemäß nur einer der kleinen. Er war eng und, wenn man der halb herausgerissenen Metallplatte glauben durfte, nur ausgelegt für zwei Personen. Warum man für ein so großes Gebäude neben den drei Fahrstühlen nicht auch noch eine Treppe eingebaut hatte, konnte sich Ceylan nicht erklären.
Wahrscheinlich wieder Kostengründe.
Das Licht, das von oben herabregnen sollte, tat dies allerdings nur halbherzig. Was wahrscheinlich besser war, denn ansonsten hätte man den maroden Zustand genauer erkennen können. Fehlende Knöpfe an der Bedienleiste, eingebeulte Seitenteile und das Ruckeln ließ vermuten, dass da noch mehr kaputt war.
Es war eine endlos lange Fahrt nach oben.
Dicht an dicht gedrängt konnte Ceylan beinahe riechen, was die zwei Gangster heute morgen als Deo verwendet hatten, auch wenn der Schweiß des Tages sich mittlerweile dezent darunter gemischt hatte.
Ein bisschen unangenehm, wie er da so nah an Charlys Rücken stand. Laut dem Knigge, den er irgendwann mal gelesen hatte, war eine Armlänge Abstand die unausgesprochene Regel, um einem anderen Menschen nicht das Gefühl zu geben, aufdringlich zu sein. Aber sowohl hier im Fahrstuhl, als auch in seinem alten Büro, das jetzt gefühlsmäßig im alten Lebensabschnitt lag, bedeuteten diese Normen schon lange nichts mehr. Genauso wie der Rest der Gesetze, wenn aufgebrachte Eltern vorsprachen, ihn in schlechtem Deutsch bedrohten und ihre Kinder zurückverlangten. Meistens handelte es sich um Ausreißer, die nichts mehr mit der Familie zu tun haben wollten, um Mädchen, die aus der Zudringlichkeit des Vaters (oder beider Elternteile) in Frauenhäuser flüchteten, oder sogar um Unterbringungsfälle minderjähriger Fremder, die sich im Nachhinein allesamt als älter entpupp-.
Das reicht!, unterbrach er sich selbst und zwang sich zur Ruhe, obwohl sein Herz damit gerade nicht einverstanden war. Einatmen. Und ausatmen.
Ceylan schüttelte leicht den Kopf und versuchte die Gedanken wieder dahin zu packen, wo sie ihn nicht stören würden. Irgendwo in einen namenlosen Keller, wo Schlüssel beim Verschließen sofort abbrachen.
"Hey", flüsterte Ludger, der links von ihm stand. "Alles klar?"
Ihm lag ein 'Wenn alles klar wäre, wäre ich nicht hier' auf der Zunge, aber er verbiss es sich und nickte.
"Klar."
Es ruckelte ein letztes Mal, ein Lämpchen leuchtete bei der obersten Taste auf, dann sackte der Fahrstuhl kurz ab und sie hörten den Entriegelungsmechanismus. Charly, die wie ein Bollwerk vor ihm stand, schob die Tür langsam auf. Vorsichtig trat sie heraus auf den Flur, schaute nach links und rechts, bevor sie Ceylan und Ludger unmerklich zunickte.
"Niemand", murmelte sie, wobei ihre rechte Hand wie geistesabwesend auf dem Handgriff der Pistole lag. "Ruhig."
Ceylan verharrte unbewusst, registrierte, wie sich Ludger an ihm vorbeischob. Dann erst atmete er tief ein und trat als Letzter aus dem Fahrstuhl. Zwischen Charly und Ludger, die beinahe Rücken an Rücken stehend den Flur beobachteten.
Leise schloss er die Tür zum Fahrstuhl, doch das Quietschen durchbohrte die Stille wie ein Messer.
Durch die kleine Scheibe schaute das Licht des Aufzugs traurig heraus. Die Szene aufhellen hatte es schon vorher nicht gekonnt.
Dunkel. Miefig, genau wie im Erdgeschoss. Da die Aufzüge sich mittig im Gebäude befanden, war der breite Flur zu beiden Seiten gleich lang. Die Wohnungstüren lagen in dunklen Schluchten. Auch hier wieder Schuhe davor, manchmal neben Matten, manchmal nicht. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er auch Kinderwagen, ausrangierte Küchenstühle und Pappkartons.
Wie in einem Raumschiff von der städtischen Müllabfuhr, dachte Ceylan. Und betont leise fragte
er: "Wohin?"
"Wohnung 8472", flüsterte Charly und zeigte auf einen fernen Punkt in dem Teil des Flurs, der ihr gegenüber lag. "Wahrscheinlich ganz hinten."
Und als hätten sie sich lautlos abgesprochen, ging Charly einfach los, vorsichtig, angespannt, so als würde sie jeden Moment ein Duellanten erwarten, der aus einer Wohnungstür auf den Flur treten würde. Mit einem gespannten Colt in der Hand.
Ludger stupste Ceylan zwischen sich und der Grenzschutzbeamtin, wobei er bewusst hinten blieb und immer wieder einen Blick über seine Schulter zurück warf. Doch außer dem kargen Licht aus dem Aufzug, der immer noch hier oben hing, zeigte sich nirgends Leben.
Genausowenig wie hinter den Türen. Kein Geschrei in fremder Sprache, keine laut spielenden Kinder, und auch keine Fernsehsendung, die in Dauerschleife und so laut lief, dass man es selbst im fernen Schloss hätte hören können.
Die Nummern an den Wohnungstüren waren entweder abgerissen oder mit Edding so unkenntlich gemacht worden, dass man nur noch raten konnte. Irgendwann hielt Charly inne und deutete auf eine Tür rechts von ihr.
"Da", flüsterte sie und wollte gerade den Klingelknopf berühren, als Ludger ihre Hand abfing.
"Lass mich besser", meinte er. Für einen Moment schienen sich beide mit den Blicken in Grund und Boden zu bohren, was Ceylan nur vermuten konnte, da es zu dunkel war, um in dieser Stille überhaupt seine Hand vor Augen sehen zu können. Aber ihm war diese Geste nicht unvertraut: Polizisten, ungeachtet ob Landes- oder Reichsbeamte, waren eher Kugelfänger als Mitarbeiter der Magistratsverwaltung.
Charly dagegen starrte Ludger an, zog eine Augenbraue hoch und spitzte den Mund.
"Ich bin diesmal dran", flüsterte sie und der Nachdruck schwang in ihren Worten mit wie Blei an einem Angelhaken. "Nicht Du."
Lautloses Duell. Beklemmend, inmitten des Raumschiffs aus Nichts. Und bevor eine Reaktion die Chance hatte, überhaupt geboren zu werden, war da wieder das Gefühl, der Widerwille in ihm, der von innen gegen seine Rippen pochte. Die Nackenhaare stellten sich steil auf und die Beine wurden sprichwörtlich so weich wie Butter, während sein Herz ein Rennen gegen sich selbst fuhr.
Er holte tief Luft, dann trat Ceylan einen Schritt zurück, während er gleichzeitig abwehrend die Hände hob.
"Ich ...", begann er, als sich die beiden Gangster zu ihm umdrehten. "Ich ... kann das nicht."
"Was ist mit dem Typen los?", murmelte sie und tippte sich mit dem Finger an die Schläfe. "Der tickt doch nicht ganz sauber."
"Macht das ohne mich ..."
Ludger ging auf Ceylan zu, während der Drang einfach wegzulaufen immer größer wurde. Jede Faser seines Körpers, jeder Nerv schrie danach: Einfach weg, einfach los, in den Aufzug, aus dem Hochhaus, ohne zurück zu sehen einfach wegrenn-
Ludger griff nach seinem Arm.
"Hey", flüsterte er. "Ganz. Ruhig."
"Das ... sagst Du ... so einfach."
"Einatmen. Ausatmen. Du weißt doch noch, wie das geht?"
Ceylan nickte hastig, versuchte still zu stehen, merkte aber, wie sehr sich seine Beine verkrampften.
"Ja."
"Gut", meinte Ludger, wandte sich an Charly und zeigte auf einen Punkt einige Meter zurück. "Wir beide warten da."

Einatmen. Ausatmen.
Ein Teil von ihm dachte nur noch in Fluchtgedanken, an anderer kreierte wütende Beschimpfungen gegen die Stadt, den Magistrat und den ganzen Rest, während ein dritter kühl und nüchtern versuchte, die Einheit von zittrigem Körper und ausgeschaltetem Geist wiederherzustellen.
Halb widerwillig, halb gewollt ließ er sich von Ludger mitziehen. Der Punkt, zu dem er ihn hin bugsierte, lag drei Wohungstüren entfernt. Drei Türen näher zum Fahrstuhl hin, der aus der Ferne wie der Scharfrichter des Tages wirkte.
"Bin bei Dir", flüsterte Ludger und fasste ihn am Arm. "Kann nichts passieren."
Das Zittern ebbte etwas ab, drang aber weiter durch ihn durch und erreichte irgendwann seine Augenlider, die zu flattern begann. Eine Nebenwirkung, die seit Monaten eigentlich ausgestorben sein sollte.
"O-kay", murmelte er und versuchte sich an einem Nicken, das nur halb gelang. Aber es reichte Ludger anscheinend, auch wenn er Ceylans zuckenden Arm nicht los ließ. Er schaute zu Charly hinüber, und Ceylans Blick folgte ihm im Abstand von drei Herzschlägen.
Von hier aus konnten sie nur schemenhaft sehen, wie sie sich straffte und klingelte, wobei es der Ton kaum schaffte, durch das laut pochende Herz Ceylans hindurch zu kommen. Als nichts geschah, wollte sie es nach einer Pause von wenigen Sekunden nochmals versuchen, als irgendwas klimperte, dann öffnete sich die Tür mit einem ungeölten Knarren. Das Licht von drinnen flutete regelrecht nach draußen, ließ Charly förmlich im eigenen Rampenlicht stehen und warf ihren Schatten schnittig an die gegenüberliegende Wand. Sie musste mehrmals blinzeln, bevor sie den Mann erkennen konnte, der einen Schritt aus dem Türrahmen trat. Lässig, mit breiten Beinen und verschränkten Armen vor der Brust. Er war ein Stück größer als sie, garniert mit einem klobigen Gesicht, dass unter dem Amboss des Lebens nur Ecken und Kanten abgekriegt hatte.
"Was iss?", zischte er.
"Guten Abend, Herr Maier", sagte Charly leise und bemühte sich um etwas Wärme in ihren Worten. "Reichsgrenzschutz, Präsidium Königsberg." Sie hielt ein Foto hoch. "Kennen Sie diese Person?"
Der Mann schaute kurz auf das Bild und danach direkt wieder zu ihr, während aus der Wohnung Stimmen zu hören waren. Ein laufender Fernseher, oder ein Radio, wie Ceylan aus der Ferne annahm. Dazwischen war noch etwas, was er aber nicht zuordnen konnte. Unterschwellig.
Herr Maier verschränkte die Arme hinter dem Rücken und beugte sich ein Stück vor.
"Noch. Nie. Gesehen", antwortete er, wobei er jedes Wort freundlich betonte. "Und jetzt verpiss Dich, Bullenschlampe."
"Mir gefällt Ihr Ton nicht, Herr Mai-"
Weiter kam sie nicht, denn innerhalb eines Augenaufschlags hielt der Mann plötzlich eine Waffe in der Hand und richtete sie auf ihre Nase.
"Du scheinst neu zu sein", sagte er und sein Tonfall erinnerte an einen Vater, der seinem Sohn eine Binsenwahrheit erklärte. "Bullenschweine haben hier nichts zu sagen, kapiert?"
Selbst die Zeit schreckte zurück, als Herr Maiers Daumen den Spannhebel nach hinten drückte.
"Und jetzt verpiss Dich, sonst hast Du gleich Durchzug im Kopf", zischte er, doch Charly bewegte sich nicht einen Zentimeter. Ihre Atmung war gleichmäßig, ihr Gesicht zwar verhärtet, aber innerlich entspannt. Mehr konnte Ceylan nicht erkennen, als er bemerkte, wie Ludger bereits nach seiner Waffe griff, von ihm abließ und Charly zur Hilfe eilen wollte - doch genau in dem Moment, im Bruchteil einer Sekunde, schoss ihre rechte Hand plötzlich von unten gegen Maiers Nase, während die linke ihm die Waffe aus der Hand drehte, die wiederum blitzschnell in einer der Beintaschen verschwand.
Als Maier sich die Nase hielt, holte sie mit dem rechten Bein aus und trat ihm mit voller Wucht in den Schritt. Er rutschte mit dem Oberkörper nach unten, doch bevor er auf dem Boden aufkam, nahm Charly seinen Kopf mit beiden Händen und ließ ihn auf ihr rechtes Knie prallen.
Es knackte, er kippte stöhnend nach hinten weg, schlug mit dem Kopf etwas zu hart auf und blieb mit einem "Uff" auf den Lippen reglos im Wohnungsflur liegen.
Keiner sagte etwas, selbst die Dunkelheit schwieg.
Alle horchten in den Hausflur hinein, doch nichts geschah. Überall Stille, die erst von Charly durchbrochen wurde, als sie über Herrn Maier stieg und nach seinen Handgelenken griff.
"Bullenschwein", meinte sie, und schleifte ihn tiefer in die Wohnung hinein. "Wie einfallslos."

Ceylan drückte die Tür zu, drehte am runden Schalter und dimmte damit das Flurlicht langsam herunter. Je lebloser die Wohnung aussah, desto besser für alle. Außerdem war die Dunkelheit besser zu ertragen, als das schmutzige Gelb von oben. (Wobei er nebenbei registrierte, dass die Helligkeit aus dem Wohnzimmer genügte, sobald sich die Augen daran gewöhnt hatten.)
Er hörte nicht nur sein Herz schlagen, sondern spürte das Pochen auch in seinem Kopf. Wie bei einem alten Schmied, der das glühende Eisen in seine Form schlug, kurz bevor er den heißen Stahl im Wasser ertränkte.
Er lehnte sich mit der Stirn ans kühle Metall.
Scheiße, was ist hier los?, dachte er.
Einatmen. Ausatmen.
Und was mit mir?
Ein zwei Sekunden, in denen er nicht nachdachte, in denen die Leere wie eine schützende, warme und behagliche Bettdecke über seinem Geist lag. Ruhe und Frieden. Dann schlich wieder die abgestandene Luft der Wohnung durch seine Nase und riss ihn aus dem Nichts.
"Schützen und Dienen", murmelte er lautlos, und ein uralter Bismarck-Spruch trudelte als Gedanke durch die Finsternis: "Wo das Müssen beginnt, hört das Fürchten auf."
Er ließ von der Tür ab und wandte sich um.
Rational denken. Dem verkrüppelten Rest des Beamten in ihm eine Chance geben. Die Angst auf das minimieren, was sie wirklich war - nicht greifbar. Nicht existent.
Okay.
Der Flur selbst war lang, geschätzt zehn Meter, was wahrscheinlich auf die ursprüngliche Planung der modularen Bauweise zurückzuführen war. Zu beiden Seiten befand sich jeweils ein Raum, viel zu klein für die Länge des Flurs: Links eine Mini-Küche mit dreckigem Geschirr in der Spüle, und rechts ein etwas größerer Abstellraum. Er sah bereits im Halbdunkel so chaotisch aus, dass man allein deswegen das Licht nicht nochmal anmachen wollte. Vom Geruch abgesehen.
Der Flur endete im zwielichtigen Wohnzimmer, das quer vor Kopf lag und nur durch den - leisen, aber hellen - Fernseher der Dunkelheit entrissen wurde. Ein alter schmaler Kasten, auf dem gerade ein Unwetter über einem Meer zu sehen war, dem hohe Wellen folgten und eine Insel überschwemmten. Rechts oben war das Zeichen des Doku-TVs zu sehen, und die Zeilen, die am unteren Bildschirmrand auftauchten, ließen darauf schließen, dass es um Atlantis ging. Die mystische Insel, die - der Legende nach - durch die Hybris der Einwohner dem Tode geweiht worden war.
Ceylan sah auf den Teppich, auf dem die beiden Gangster den Mann abgelegt hatten. Ein alter Teppich, mehrfleckig in braunen Farben, abgenutzt. Es erinnerte ihn an Flecksuppe, so wie sie die Gulaschkanonen am Hundegatt verkauften. Oder wie Erbrochenes.
Er schaute auf den Mann hinab, der auf dem Bauch lag, mit dem Gesicht nach unten. Ludger fixierte gerade die Arme des Mannes auf dem Rücken, während Charly nach ihren Kabelbindern griff und ihn damit fesselte.
Es war surreal, nicht wirklich greifbar, doch der Anblick, der sich ihm bot war so unnatürlich, so grotesk, obwohl es eigentlich normal sein sollte. Nur hatte er es schon lange nicht mehr gesehen, dass Staatsbedienstete eine Person festnahmen.
Ceylan schüttelte unmerklich den Kopf und schaute sich weiter um.
Rechts an der Wand stand eine alte L-förmige Ledercouch, die an einigen Stellen durchgesessen und eingerissen war. Schmutzige Socken und andere Bekleidungsstücke, die abgestanden rochen, waren zu einem kleinen Berg zusammengeschoben worden, der in der Ecke des Ls thronte. Daneben eine halboffene Tür, direkt gegenüber ein breites Bücherregal. Es gähnte ihn so herzhaft und leer an, dass man sogar die Rückwand sehen konnte.
Auf dem Teppich vor der Couch stand ein runder Tisch, auf dem neben der Fernbedienung die aktuelle Ausgabe der Hartung'schen Zeitung mit dem Titel
DAS REICH IST TOT, LANG LEBE DIE BUNDESREPUBLIK
(und darunter)
Nur durch den Verfassungswechsel zum Grundgesetz ist ein Beitritt zur EU
in greifbare Nähe gerückt
lag, der aufgrund des dämmrigen Lichts nur anhand der Buchstabengröße zu entziffern war. Darunter lugten zwei Fahrkarten mit dem Logo der Reichsbahn hervor, die er an sich nahm.
"Herr Maier wollte wohl verreisen", murmelte er.
"Und wohin?", fragte Charly.
"Transitstrecke durch Polen, Linie A. Königsberg über Gydansk nach Stettin."
"Zweimal?"
"Moment", antwortete Ceylan und hielt sich die Fahrkarten dicht vor die Augen, aber es war schwer zu erkennen, da anscheinend beide an unterschiedlichen Schaltern gekauft worden waren.
Er seufzte, ließ von den Karten ab und suchte nach einem Lichtschalter, der - als er ihn fand - keine Reaktion zeigte. Und außer dem Fernseher als Lichtquelle schien es hier noch nicht einmal Stehlampen zu geben.
"Warte", murmelte Ludger und zückte eine kleine Taschenlampe aus der Beintasche. Der Strahl
richtete sich wie ein Lichtschwert auf, dann entschieden auf die Karten.
"Ja", meinte Ceylan, als er die Daten richtig erkennen konnte. "Zweimal Transitstrecke A." Und fügte hinzu: "Zweimal Hin, kein Zurück."
"Hm", machte Ludger
Der Strahl des Lichtschwertes wanderte weiter suchend umher. An den kahlen Wänden mit der abblätternden Tapete vorbei, wo noch nicht einmal Bilder hingen, über eine weitere (angelehnte) Tür bis hin zur Außenseite, wo sich der Balkon befand. Draußen vor dem breiten Fenster und der gläsernen Tür waren die Rolläden heruntergezogen worden und sperrten die Nacht förmlich aus.
Stumm blieb der Lichtstrahl am Fenster hängen und Ludger nickte Ceylan wortlos zu.
"Schon gut", murmelte er. "Okay."
Dann zog er abwechselnd an den Bändern und die Rolladen rollten sich knirschend auf, verschwanden nach oben und gaben nicht nur den Blick auf einen Balkon mit einigen Müllsäcken frei, sondern auch über die nächtliche Stadt.
Angrenzende Hochhäuser, die oberen Etagen am Schlafen. In Richtung Innenstadt wurde die Bebauung dichter und die Dächer niedriger. Man konnte von hier oben sehr weit schauen, nicht nur bis zum Hundegatt mit der Kneiphofinsel und dem Dom in der Mitte, sondern auch zum hohen Turm des Schlosses links davon, der unter normalen Umständen wie ein dunkler Wächter wirkte, heute jedoch so festlich geschmückt war, dass er wie ein närrischer Hampelmann aussah.
"Und jetzt?", fragte Ludger, als Charly mit Herrn Maier fertig war, dieser aber noch bewegungslos auf dem Teppich lag und sich nur zu einem schwer verständlichen "Scheiße" durchringen konnte.
"Gott im Himmel", meinte sie und rümpfte die Nase. "Lüftet der nie seine Kauleisten?"
Ceylan griff instinktiv nach dem Fensterhebel, doch als dieser sich nicht bewegen ließ, öffnete er die Balkontür und frische kalte Luft strömte herein.
"Danke", sagte sie zu Ceylan, bevor sie sich an Ludger wandte und auf Maier zeigte. "Den Drecksack nehmen wir mit."
"Und weswegen?", fragte Ludger.
"Tätlicher Angriff auf einen Reichsbeamten."
"Wird schwer damit durchzukommen."
"Wieso denn das?"
"Es ist nach 22 Uhr", antwortete Ludger. "Uns fehlt die richterliche Nachterlaubnis für eine Festnahme."
Charly schüttelte ungläubig den Kopf.
"Verdammt Ludsche", knurrte sie. "Wo lebst Du?"
"In einer beschissenen Welt", entgegnete er. "Der könnte sofort wieder frei kommen."
"Bitte was?"
"Wir haben eigentlich nichts in der Hand", sagte er. "Und selbst der unerlaubte Waffenbesitz ist kein Grund mehr für eine Festnahme, sondern nur noch eine bußgeldpflichtige Ordnungswidrigkeit." Jetzt gönnte er sich ein Grinsen. "Aber da die Ordnungsbehörden für das Bußgeld zuständig sind, dürfen wir ihn solange festhalten, bis er zahlt."
"Was für ein Scheiß."
Ceylan hörte nur mit einem halben Ohr zu. Auf ein Nicken hin gab ihm Ludger die Taschenlampe, und wandte sich dann wieder an Charly.
"Scheiß? Gibt es beim RGS keine Info-Rundschreiben mehr?"
"Ich war die letzten Monate in der Observation, da kriegt man außer Koks und Bandenkriminalität nichts mit."
Der weitere Gesprächsverlauf perlte an ihm ab, wie vorhin die Regentropfen an der Windschutzscheibe des EMWs.
Irgendwas war komisch, und es war nicht die Sondermeldung aus dem Fernseher, wo gerade leise vor einem schweren Unwetter gewarnt wurde, das sich von Osten näherte. Die Animation zeigte anschaulich, wie die Sturmfront um Mitternacht die deutsch-sowjetische Grenze bei Insterburg überquerte. Und einige Minuten später würde Petrus' Neujahrsgruß in Königsberg eintreffen.
Nein, es war etwas anderes.
Er wandte sich vom breiten Fenster ab, und schaute sich nochmals um.
Im Flur eine kleine Küche, überlegte er. Und ein Abstellraum.
"Dann nehmen wir ihn eben in Schutzgewahrsam", meinte Charly gerade, als Ceylan den Ton des Fernsehers stumm stellte und die Tür rechts neben der Couch aufstieß. Im Lichtkegel tauchte ein miefiges Schlafzimmer auf, mit zerrütteten Laken auf einem Doppelbett. Keine Nachttischlampen, kein Kleiderschrank, dafür nur Kartons, aus denen die Anziehsachen wie Leichenteile herausschauten. Fast so wie bei ihm Zuhause. Nur dass etwas Entscheidendes fehlte.
Keine Toilette, dachte er und starrte auf die gegenüberliegende Seite. Kein Schrank zum Verstauen, aber Klamotten in Pappkartons. Und wieso gibts keine Bücher?
Ceylan ging mit seinem Lichtschwert an den beiden diskutierenden Gangstern vorbei und näherte sich dem leeren Regal, beleuchtete es von oben bis unten, dann steckte er die Lampe ein und schob das Möbelstück langsam zur Seite. Im selben Moment ruckte Maiers Kopf mit der Nase über dem Teppich zu ihm herum.
"Weg da!", zischte er und unterbrach schlagartig den leisen Disput zwischen Charly und Ludger, die erst ihn, dann Ceylan, und schließlich die Tür anstarrten, die durch das Regal verdeckt worden war.
"WAG ES NICHT, DU PENNER!", schrie Herr Maier, aber es interessierte Ceylan nicht. Es berührte ihn noch nicht einmal, stattdessen registrierte er, dass sein Herz gar nicht mehr raste. Auch das Flattern der Augen war verschwunden. In Anbetracht der Umstände eigentlich ein Grund zum Freuen, wenn da nicht die Gesamtsituation wäre.
"Seien Sie ruhig!", zischte Ludger, doch den Mann schien das nicht zu beeindrucken.
Ceylan nahm wieder sein Lichtschwert zur Hand, und drückte die Tür vorsichtig in den dunklen Raum hinein. Kein Knarren, kein Knacken, nichts. Wie frisch geölt.
Als erstes bemerkte er schwarze Fugen am Boden, die wie getrocknete schwarze Blutkanäle aussahen. Bei den Fliesen selbst waren kleine Sprünge auf der Oberfläche zu erkennen. Der Rest verschwamm noch mit der Dunkelheit, als er nach einer tastenden Bewegung den Lichtschalter fand. Müdes Licht blinzelte sich wach und schwappte in einem dunklen gelben Ton von oben herab.
"VERSCHWINDET!"
Keine Toilette, sondern ein Badezimmer. Mit eine Badewanne, links von ihm. Der Vorhang war heruntergezogen, doch dahinter konnte er hören, wie jemand atmete. Leise. Und langsam.
"Halt endlich Deine Fresse!", hörte er Charlys Stimme aus dem Wohnzimmer, als er den Vorhang langsam zur Seite zog und erschrocken inne hielt.
Im Lichtkegel saß ein kleines Mädchen. In der Badewanne. In einem Schlafanzug.
Die Beine angezogen, die Knie mit den Armen eng umschlungen. Ihr blondes, an manchen Stellen fast schon ergrautes Haar war lang und hing spröde am Rücken herunter. Die Augen waren starr; und sie visierte einen entfernten Punkt an, den nur sie allein sehen konnten.


RE: Atlantis (II/III) - coco - 25-11-2016

Hallo,

da will man nur ein paar Absätze lesen, während auf dem Rechner ein Prozess lange läuft ... und dann schreibst du so spannend, dass ich alles auslesen muss.

Ceylans Sicht liest sich viel natürlicher, als Ludgers Sicht damals beim "fliehenden Haus". Entweder liegt er dir mehr, oder ich kann mich besser mit ihm identifizieren. Icon_smile

Aber natürlich finden meine Augen immer etwas zu mäkeln:

(19-11-2016, 19:03)Dreadnoughts schrieb: Zu weit entfernt, um zu erkennen, das da Staatsbedienstete durch ihren düsteren Vorgarten schlichen.

dass  Icon_wink

(19-11-2016, 19:03)Dreadnoughts schrieb: die Einheit von zittrigem Körper und ausgeschalteten Geist

Hmm... müssten nicht beide Adjektive auf m enden?

(19-11-2016, 19:03)Dreadnoughts schrieb: Der Punkt, zu dem er ihn hin bugsierte, lag drei Haustüren entfernt.

Umgangssprache, okay. Trotzdem sind es nur Wohnungstüren. Die Haustür war unten.

(19-11-2016, 19:03)Dreadnoughts schrieb: der aufgrund des dämmrigen Lichts nur aufgrund der Buchstabengröße zu entziffern war.
[...]
Stumm blieb der Lichtstrahl am Fenster hängen und Ludger nickte Ceylan stumm zu.

Ist es Absicht, dass du in jeweils einem Satz alles aus einem Wort herausholst? Mir persönlich gefällt das nicht so gut. Hätte die Wortwiederholung ungefähr so vermieden:
"der aufgrund des dämmrigen Lichts nur anhand der Buchstabengröße zu entziffern war.
[...]
Stumm blieb der Lichtstrahl am Fenster hängen und Ludger nickte Ceylan wortlos zu."


(19-11-2016, 19:03)Dreadnoughts schrieb: waren die Rolladen heruntergezogen worden
Pluralbildung hier mit ä: Rolläden, nach neuer Rechtschreibe sogar Rollläden

Danke für die Ablenkung, so rückt das Wochenende näher. Bis zum Feierabend kann ich jetzt spekulieren, was es mit dem eingesperrten Kind auf sich hat.

Gruß
coco


RE: Atlantis (II/III) - Dreadnoughts - 25-11-2016

Hallo coco.

Zitat:da will man nur ein paar Absätze lesen, während auf dem Rechner ein Prozess lange läuft ... und dann schreibst du so spannend, dass ich alles auslesen muss.

Das fühlt sich an wie ein Ritterschlag. Danke.

Zitat:Ceylans Sicht liest sich viel natürlicher, als Ludgers Sicht damals beim "fliehenden Haus". Entweder liegt er dir mehr, oder ich kann mich besser mit ihm identifizieren.

Es gibt hier mehrere Sachen, die anders sind: Ceylan, der das Stadium, das Ludger im flieg/henden Haus hatte, bereits hinter sich hat. Ceylan, der alleine aufgrund seines Namens und der Gedanken dazu andere Gefühle auslöst, als Ludger mit dem 'altmodischen' Namen. Ceylan, der - im Gegensatz zu Ludger - wieder ein Ziel hat. Fischbach, eine andere Welt, ein anderes Zuhause (sein richtiges Zuhause), ..., das macht eine Menge aus. Ludger fehlte es, auch wenn er in der anderen Geschichte tatsächlich in Ostpreußen zuhause ist, in seinem eigenen Haus sitzt - aber so weit weg ist mit sich, der Welt und seinem Leben, das eigentlich keines mehr ist.

Von der Konzeption war mir klar, dass - wenn ich diesen Ausschnitt einfüge - dies nicht einfach ein aufgewärmter Ludger-Strang sein kann, sondern etwas, was auch ihn irgendwann beeinflussen wird.
Ceylan hat alles, was im Damals lag, bekämpft. Ludger wird nie die Chance haben, sich auf die Couch eines Therapeuten zu legen, weil die Dinger seit 04.01.14 allesamt verbrannt sind.

Bedeutet: Ludger musste so depressiv/negativ/roboterhaft rüberkommen, auch wenn ich Ceylan damals noch nicht kannte. Das war eine Gratwanderung, auch für mich und Charly, die gerade an einem anderen Set sitzt.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich all das geschrieben habe, um wieder schreiben zu können. Meine Finger setzen prosaische Gicht an, und ich hab lange überlegt, ob ich es noch kann. Da war dann im nächsten Moment der Gedanke, bereits im September, im Urlaub, und ich hab da ein bisschen dran rumgebastelt. Immer wieder. Dann kam der Bauchnabelbruch, die ganze Scheiße drumherum, die Arbeit, alles. Zum Ende hin gefiel mir das hier alles nicht mehr, sowohl von der Wortwahl als auch von der Thematik, mit der ich nichts mehr zu tun haben möchte. Aber ich habs trotzdem gemacht, von vorn angefangen, alles redigiert, neu gefasst, ausgeweitet, gekürzt und das blöde Dingen endlich zuende geschrieben. Aber alles mit einer nicht wegzuretuschierenden Portion Leere zwischen Kopf und Herzen.


Zitat:Aber natürlich finden meine Augen immer etwas zu mäkeln:
Wär schlimm, wenn nicht. Icon_wink


Zitat:Ist es Absicht, dass du in jeweils einem Satz alles aus einem Wort herausholst? Mir persönlich gefällt das nicht so gut. Hätte die Wortwiederholung ungefähr so vermieden:
Nein, keine Absicht. Das kommt daher, wenn man stundenlang auf einen Satz schaut und diesen so lange umbaut, bis man seine Muttersprache nicht mehr beherrscht. Icon_ugly  Sorry.


Zitat:Danke für die Ablenkung, so rückt das Wochenende näher. Bis zum Feierabend kann ich jetzt spekulieren, was es mit dem eingesperrten Kind auf sich hat.
Ich nehme das mal als Aufhänger und frage Dich als Weltenbauer:
Wie findest Du diese Welt hier? Ist es für Dich logisch, plastisch genug? Gut oder spärlich ausgeschmückt? Sind die wenigen Merkmale (Hundegatt, Flecksuppe) ausreichend als Charakterisierung? Braucht es noch mehr, oder reicht es so? Ist die Welt dreckig genug, aber dreckig anders genug, um als Teil der SF zu bestehen?

Danke fürs Lesen. (Und fürs 'spannend'.)

LGD.


RE: Atlantis (II/III) - coco - 26-11-2016

Hallo Dread!

So ergibt es tatsächlich Sinn. Ceylan kommt lebendiger rüber, weil er es eben ist.

Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie du so feine Nuancen zwischen die Zeilen quetschst. Die eigentliche Handlung empfinde ich bei deinen Texten fast als Nebensache. Dafür lieferst du ein Gefühlskino unterschiedlicher Persönlichkeiten.
(Genau damit mühe ich mich immer erfolglos ab. Die Gefühle meiner Charas bleiben am Rand des Hirns hängen und fließen nie durch die Finger in die Tastatur.)

(25-11-2016, 23:38)Dreadnoughts schrieb: Dann kam der Bauchnabelbruch, die ganze Scheiße drumherum, die Arbeit, alles.

Was den ganzen Mist angeht, hast du das Schlimmste nun hoffentlich hinter dir, oder? Gegen äußeres Chaos und innere Leere anzuschreiben, ist ja auch verdammt schwer. Aber da ich nur das Endergebnis kenne, muss ich sagen: Ja, du kannst noch schreiben.

(25-11-2016, 23:38)Dreadnoughts schrieb: Wie findest Du diese Welt hier? Ist es für Dich logisch, plastisch genug? Gut oder spärlich ausgeschmückt?

Den Kontrast zwischen aufgehübschter Innenstadt und vergammelter Realität finde ich sehr überzeugend. Ostpreußen will sich super fortschrittlich und moralisch zeigen, ist jedoch hinter den Kulissen ein dreckiger Abgrund. Durch die Autofahrt am Anfang bekommt man auch einen Eindruck vom Übergang zwischen den Stadtteilen - bis schließlich die Mülltonnen brennen, weil es wohl nicht mal funktionierende Heizungen in den Häusern gibt.

(25-11-2016, 23:38)Dreadnoughts schrieb: Sind die wenigen Merkmale (Hundegatt, Flecksuppe) ausreichend als Charakterisierung? Braucht es noch mehr, oder reicht es so? Ist die Welt dreckig genug, aber dreckig anders genug, um als Teil der SF zu bestehen?

Da ich mich in Königsberg nicht auskenne, musste ich ein paar Ortsnamen nachschlagen, z.B. was das Hundegatt ist. Zugegeben, beim Lesen war das für mich erstmal ein Ort mit lautmalerisch ähnlichem "Hundekack". Erst später hat Wikipedia mich aufgeklärt.
Unter Flecksuppe hab ich mir einfach eine Masse mit Flecken in unterschiedlichen Brauntönen vorgestellt. Was genau in Flecksuppe rein kommt, erscheint mir auch nicht relevant, wenn es nur um einen bildlichen Vergleich mit Dreck geht.
Stutzig wurde ich vor allem beim Fahrstuhl, für den es keine Notfalltreppe gibt. Der fällt doch bestimmt oft aus. Was machen die Bewohner dann, aus dem Fenster springen? Aber gut, dem Hauseigentümer dürfte das egal sein. Ist dann halt ein Transferleistungsempfänger weniger.

Dreckig genug ist die Welt schon, mehr Abgrund wäre unglaubwürdig. Ob das SF ist? Nun ja, vom Staat ignorierte Slums gibt es auch heute. Das SF-Element sehe ich in der alternativen Weltgeschichte und Politik. Du schiebst halt nicht Europäer in eine fremde Welt, sondern holst eine fremde Welt mitten nach Europa.
Damit reiht sich die Welt ein in das apokalyptische Punk-Geraffel, nur dass keine krasse Wende irgendwann in der Zukunft passiert ist, sondern ein schleichender Wandel seit über hundert Jahren. Das macht die Sache gewissermaßen sogar glaubwürdig. Du behauptest ja nicht, "es wird so kommen", sondern sagst nur, "es hätte so kommen können".

Aber wie lange kann man noch in einer Welt schreiben, die man bereits zerstört hat? Alle Geschichten, die jetzt noch kommen können, enden spätestens 2014, oder brauchen Zeitreisen in die ferne Zukunft. Insofern könnte ich es gut verstehen, wenn du dir demnächst eine neue Welt aufbaust.

Bis zum nächsten Kapitel
coco


RE: Atlantis (II/III) - Dreadnoughts - 26-11-2016

Hallo coco.

Zitat:Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie du so feine Nuancen zwischen die Zeilen quetschst. Die eigentliche Handlung empfinde ich bei deinen Texten fast als Nebensache. Dafür lieferst du ein Gefühlskino unterschiedlicher Persönlichkeiten.

Nunja, die Handlung bedingt die Charaktere und umgekehrt. Was nutzen tolle plastische Darsteller, wenn der Rest uninteressant ist? Umgekehrt verhällt es sich sogar schlimmer.

Zitat:Genau damit mühe ich mich immer erfolglos ab. Die Gefühle meiner Charas bleiben am Rand des Hirns hängen und fließen nie durch die Finger in die Tastatur.

Die Menschen hier sind keine reine Phantasie, was wahrscheinlich dafür Sorge trägt, das sie eben menschlich rüberkommen. Teilweise sind es Personen, die im Leben für den Bruchteil einer Ewigkeit an mir vorbeigezogen sind, oder es sind Teile dessen, die mich bedingen. Ich bin ja nicht nur ein Irgendwas, sondern genau wie jeder andere Mensch da draußen ein alter Sechszylinderdieselmotor aus verschiedenen Einzelteilen:
Mensch, Liebhaber, Beschützer, Arbeiter/Malocher, (Schreiber), Leser, Autofahrer genauso wie die anderen Eigenschaften, à la intrigant, boshaft, verletzend, rachsüchtig, nachtragend, impulsiv. All das dann natürlich noch durchsetzt mit der schweren Würze des Lebens, also dem, was man erlebt und gesehen hat, erleben wollte, sehen musste.
Aus diesem lustigen Baukasten, den jeder in sich trägt, kann man eine Menge zusammenbasteln.
Auch Du. Icon_wink
(Was Du bei Lara ja auch getan hast, wohlgemerkt.)

Zitat:Was den ganzen Mist angeht, hast du das Schlimmste nun hoffentlich hinter dir, oder? Gegen äußeres Chaos und innere Leere anzuschreiben, ist ja auch verdammt schwer. Aber da ich nur das Endergebnis kenne, muss ich sagen: Ja, du kannst noch schreiben.

Beruhigend. Danke.

Zitat:Da ich mich in Königsberg nicht auskenne, musste ich ein paar Ortsnamen nachschlagen, z.B. was das Hundegatt ist. Zugegeben, beim Lesen war das für mich erstmal ein Ort mit lautmalerisch ähnlichem "Hundekack". Erst später hat Wikipedia mich aufgeklärt.
Unter Flecksuppe hab ich mir einfach eine Masse mit Flecken in unterschiedlichen Brauntönen vorgestellt. Was genau in Flecksuppe rein kommt, erscheint mir auch nicht relevant, wenn es nur um einen bildlichen Vergleich mit Dreck geht.
Stutzig wurde ich vor allem beim Fahrstuhl, für den es keine Notfalltreppe gibt. Der fällt doch bestimmt oft aus. Was machen die Bewohner dann, aus dem Fenster springen? Aber gut, dem Hauseigentümer dürfte das egal sein. Ist dann halt ein Transferleistungsempfänger weniger.

Okay, also durch einfache Suche herausfindbar. Ansonsten lesbar. Ja, was die Suppe an sich ist, ist eigentlich unwichtig, aber die Assoziationen sollten es durch die Erwähnungen/Vergleiche etwas transparenter machen.
Bezüglich der Häuser - und das ist kein Scherz: Ich durfte einmal in ein solches Haus reingehen, gezwungenermaßen. (In einer Stadt, die ich aus Gründen nicht erwähne.)
Dort gab es tatsächlich nur Aufzüge, die noch schäbiger aussahen als hier. Keine Treppe.
Irgendwann gab es eine bauliche Begehung und es wurde moniert, dass die Bewohner bei Notfällen nicht rechtzeitig nach draußen kommen könnten. Also baute man draußen eine riesige Stahl-Feuertreppe hin, die natürlich von den Bewohnern auch bei Nicht-Notfällen massiv genutzt wurde. Daraufhin hatte man sie so abgesperrt, dass die Türen erst dann entriegelten, wenn ein Alarm gegeben wurde.
Auf die Idee, eine Treppe in das Haus selbst zu integrieren, was machbar gewesen wäre, kam niemand.

Zitat:Das macht die Sache gewissermaßen sogar glaubwürdig. Du behauptest ja nicht, "es wird so kommen", sondern sagst nur, "es hätte so kommen können".

Danke für das 'glaubwürdig'. Und ja, es war sehr schwierig, die Konstellationen zu verändern und dann abzuschätzen, was alles hätte passieren können. Angefangen im Jahr 1914 bis hierhin in die gegenwärtige Zeit. Natürlich ist es eine Möglichkeit unter vielen, die ausgespart wurden. (Beziehungsweise wie beim Haus Teil III einen neuen Handlungsort ergeben.)

Aber ich wollte es so, dass man nachher, wenn man fertig ist mit Lesen, sich unsicher bewegt, nicht mehr wirklich weiß, wo man gerade ist. Weil es einen glaubwürdigen Gruß aus einer anderen Welt darstellen sollte: Königsberg, weil es in seiner damaligen (und jetzigen) Form tatsächlich eine Insel ist, wie eine andere (Fantasy)Welt, in der alle deutsch können, wo man versteht, was was ist - und trotzdem ist alles irgendwie anders. Dafür braucht es logische Erklärungen, ein Kfz-Kennzeichen, eine Geschichte (warum beispielsweise die Alliierten in derem Zweiten Weltkrieg genau dort landeten. (Antwort: Weil Churchill sowas - Landung an der Ostseeküste - schon im Ersten Weltkrieg geplant hatte. Und den Mann gabs hier ja auch.)

Zitat:Aber wie lange kann man noch in einer Welt schreiben, die man bereits zerstört hat? Alle Geschichten, die jetzt noch kommen können, enden spätestens 2014, oder brauchen Zeitreisen in die ferne Zukunft. Insofern könnte ich es gut verstehen, wenn du dir demnächst eine neue Welt aufbaust.

Natürlich hast Du Recht. Aber Königsberg ist hier nur ein Teil dessen - allerdings wurde dieser Teil (in Countdown selbst) sehr ausführlich beschrieben, erklärt und entwickelt. Wie was wann warum und wo - nur, damit die Heimat, das Zuhause wirklich ein Zuhause ist. Und für den Leser zwar eine ferne Welt, und doch nah genug.

Nein, eine neue Welt (außer andere Parallelwelten) brauche ich derzeit nicht. Die Reise geht weiter. Genau dahin, wohin sie gehen sollte. (Sofern ich nicht vorher doof im Kopf werde. Ansonsten bräuchte ich dann echt Hilfe: Kaffee mit Schnabeltasse bspw.) Icon_ugly

Danke für die Rückmeldung.

LGD.


RE: Atlantis (II/III) - Persephone - 10-12-2016

Hallo Dread,

Also ich muss Coco schon recht geben. Du schreibst unheimlich spannend und dich in eine Schublade zu stecken, ist wie Wackelpudding an die Wand zu nageln.  Icon_smile

Der Ceylan scheint aus einer tiefen Depression zu kommen, einatmen ausatmen liest man ja des Öfteren. Wird der Leser darüber aufgeklärt oder lässt du uns im Dunkeln tappen wie bei Rex Noctis oder muss ich ein anderes Werk von dir lesen?  Mrgreen

Die Charly mag ich, die scheint richtig taff zu sein, was ich von Ludger halten soll, weiß ich immer noch nicht.  Icon_confused Aber ich vermute mal, er hatte mal was mit Charly. 

Ansonsten kann ich nicht viel zu Kritik sagen, außer dass es mal wieder wunderbar war und ich mich auf den dritten Teil freue.

Liebe Grüße Persephone


RE: Atlantis (II/III) - Dreadnoughts - 18-12-2016

Hallo großes P.

Zitat:Du schreibst unheimlich spannend und dich in eine Schublade zu stecken, ist wie Wackelpudding an die Wand zu nageln.

Danke für das Lob, aber 'spannend' schreiben ist sehr schwierig. Manchmal sieht die Rohfassung anders aus, als das Endresultat nach etlichen Überarbeitungen, einfach weil man noch viele Dinge/Begebenheiten/Kleinigkeiten miteinander verbinden kann.

Bezüglich des Wackelpuddings:
Egal, was ich schon in meinem Leben gemacht habe, ich habe nie (und werde es auch nie) behauptet, dass ich in den jeweiligen Teilbereichen stets der Beste gewesen bin. Dafür bin ich zu bodenständig, auch wenn der Kopf manchmal viel zu oft im 'Dort' ist als im 'hier'.

Zitat:Wird der Leser darüber aufgeklärt oder lässt du uns im Dunkeln tappen wie bei Rex Noctis oder muss ich ein anderes Werk von dir lesen?

Ich denke, Jugendamt als Arbeitsbereich reicht, zusammen mit der Erwähnung seiner Kolleginnen, die (wegen dem Date-Gedanken als Charly in die Geschichte kommt) allesamt genauso kaputt sind wie er.
Falls das nicht ausreicht, kann ich nur empfehlen, beim zuständigen Jugendamt einmal vorbeizuschauen. (Oder beim Fremdenamt a.k.a. Ausländerbehörde, wo Ludger tätig ist/war.)

Zitat:Die Charly mag ich, die scheint richtig taff zu sein, was ich von Ludger halten soll, weiß ich immer noch nicht.  [Bild: icon_confused.gif] Aber ich vermute mal, er hatte mal was mit Charly.

Eine Kollegin von der Bundespolizei hatte mal neben mir gestanden, sehr zierlich, drahtig, mit Kabelbindern am Oberarm der gepolsterten Jacke. Es war eine 'schwierige' Situation, so will ich es mal formulieren, aber sie hatte nur zu mir gemeint:
"Keine Panik, Dread. Hier wird nichts passieren."
Und sie hatte Recht.

Charly hatte nichts mit Ludger. Die 'Beziehung' war arbeitstechnisch, daher später auch der Passus an der Tür von Herrn Meier, wo sie zu Ludger sagt: "Nein, diesmal bin ich dran."
Soll bedeuten, dass bei einer ähnlichen Aktion Ludger derjenige war, der sich einer schwierigen Situation stellte. Daher war, nach Charlys Logik, jetzt sie selbst dran.

Danke für Deine Anmerkungen.

LGD.


RE: Atlantis (II/III) - Zack - 10-12-2017

Hey Dread,

so, weiter geht es. Ceylan, Ludger und Charly sind in einem düsteren Vorort unterwegs, sozialer Brennpunkt, als Staatbeamte ungebete Gäste. Scheiß Situation. Mal gucken, was passiert.

Regentropfen, noch spärlich in der Anzahl, tropften vom beschämten Himmel herunter

tropfende Regentropfen ist irgendwie doppelt gemoppelt ^^

Also das man ein Gebäude mit drei Fahrstühlen und keiner Treppe baut, kann ich mir auch in einer alternativen Wirklichkeit nicht vorstellen ...

Charly finde ich sehr sympathisch, eine taffe Frau, die sagt, was sie denkt und deren Dialogteile mich zum Schmunzeln bringen ^^

Die Truppe sucht also jemanden und am Ende wird klar, warum Ceylan dabei ist. Ich finde es interessant, dass hier Beamte handeln und wie Polizisten vorgehen, fast wie ein Sonderkommando. Und ich frage mich, inwieweit das Fiktion ist und wie vieles heute schon Wirklichkeit ist. Gibt Gegenden, da wird ähnlich miteinander umgegangen ... und ich hab das Gefühl, da steckt ganz viel Persönliches in der Geschichte.

Nach dem zweiten Teil ist mir nun klar, dass wir hier nur eine kleine Szene eines größeren Ganzen haben, aber diese kleine Szene nimmt gefangen, man ist ganz dabei, tut jeden Schritt mit den Charakteren, spürt die Tristesse der Umgebung und ahnt Böses. An dieser Stelle finde ich es etwas schade, nicht mehr über die Welt zu erfahren, aber wie bei Teil 1 angemerkt, jede Erklärung wäre störend, unpassend. Ich muss wohl mehr von dir lesen - und ich drücke mich oft davor, weil inzwischen so viel von dir hier im Forum steht, was zusammenhängt, und ich habe das Gefühl, längst den Anschluss verloren zu haben.

Gruß

- Zack


RE: Atlantis (II/III) - Dreadnoughts - 11-12-2017

Hallo Zack.

Zitat:tropfende Regentropfen ist irgendwie doppelt gemoppelt ^^

Ähm, ..., ja. *hust*

Zitat:Also das man ein Gebäude mit drei Fahrstühlen und keiner Treppe baut, kann ich mir auch in einer alternativen Wirklichkeit nicht vorstellen ...

Ich möchte mich selbst zitieren:
(Aus der Antwort an Coco.)
Bezüglich der Häuser - und das ist kein Scherz: Ich durfte einmal in ein solches Haus reingehen, gezwungenermaßen. (In einer Stadt, die ich aus Gründen nicht erwähne.)

Dort gab es tatsächlich nur Aufzüge, die noch schäbiger aussahen als hier. Keine Treppe.
Irgendwann gab es eine bauliche Begehung und es wurde moniert, dass die Bewohner bei Notfällen nicht rechtzeitig nach draußen kommen könnten. Also baute man draußen eine riesige Stahl-Feuertreppe hin, die natürlich von den Bewohnern auch bei Nicht-Notfällen massiv genutzt wurde. Daraufhin hatte man sie so abgesperrt, dass die Türen erst dann entriegelten, wenn ein Alarm gegeben wurde.
Auf die Idee, eine Treppe in das Haus selbst zu integrieren, was machbar gewesen wäre, kam niemand.

Ich habe dieses 'Erlebnis' hier in der Geschichte überspitzt dargestellt für alle Häuser, aufgrund des Automatisierungsgedankens.

Zitat:Ich finde es interessant, dass hier Beamte handeln und wie Polizisten vorgehen, fast wie ein Sonderkommando.

Kleiner historischer Hintergrund:
Anfangs war das "Aufenthaltsrecht" (nicht so benannt) im Polizeigesetz geregelt. Als dies den Ordnungskräften, also den Ordnungsämtern (und eben später den neugeschaffenen Ausländerbehörden/-Ämtern), übergeben wurde, gab es eine Zwischenzeit, in der zivile und uniformierte Beamte zusammenarbeiteten.
Dass die zivilen dabei Schusswaffen trugen, ist hier Fiktion. Dass sie bei Maßnahmen von Polizisten begleitet werden, ist hier eine Teilfiktion. Theoretisch ist es in unserer Welt möglich, praktisch scheitert es an vielen Dingen, wie: Zu wenig Polizisten verfügbar, zu wenig Geld, oder die Gefährdungslage wird seitens des Landes heruntergespielt.
Letztendlich bleibt derjenige vom Ordnungs- oder Jugendamt (o. a. Behörden) bei vollziehenden Maßnahmen auf sich gestellt.

Zitat:Ich muss wohl mehr von dir lesen - und ich drücke mich oft davor, weil inzwischen so viel von dir hier im Forum steht, was zusammenhängt, und ich habe das Gefühl, längst den Anschluss verloren zu haben.

Ich würde gerne Deine Meinung dazu hören, aber ich denke mir immer, wenn ich sowas schreibe, dass dann da ein Zwang ist. Und mit Zwang im Hintergrund kann das nichts werden.
Entweder Du liest es, weil Du es willst, oder Du lässt es sein. Wenn die Geschichte selbst Dich nicht überzeugen kann, kann ich das jetzt im Vorfeld sowieso nicht.

LGD.