Es ist: 09-05-2021, 21:12
Es ist: 09-05-2021, 21:12 Hallo, Gast! (Registrieren)


Potemkin (IV)
Beitrag #1 |

Potemkin (IV)
IV.
 
Irgendwo unter dem Europäischen Nordmeer
K-215 Potemkin
 
Als er in die Offiziersmesse trat, dachte er zuerst an das letzte Abendmahl Jesus Christus. Wahrscheinlich ein Trugschluss verknüpfter Synapsen, die noch die Kette mit dem Kreuz an Blüchers Hals verarbeiten müssen, dachte er, und zwang sich, die Situation akribischer anzugehen.
Ein breiter Tisch in einem Raum, der nach links und rechts sehr lang war, aber nicht derart in die Tiefe ging. Zwischen ihm, der gerade noch in der Tür stand, und der gegenüberliegenden Bordwand, lagen höchstens drei Meter. Zu den Seiten erheblich mehr.
Das zweite, das ihm auffiel, war die Puppe, die rechts in der Ecke zwischen den Offizieren saß. Sie hatte lange blonde Harre, die zu einem Zopf zusammengebunden waren, trug einen schwarzen Bordanzug, und hatte eine Klappe über dem rechten Auge. Das andere funkelte übernatürlich blau.
Er schluckte die Frage, sowie eine - wahrscheinlich unsittliche Bemerkung - einfach runter, wandte sich ab, und musterte die Personen vor ihm.
Ruhig und still, so saßen sie da, die Offiziere des Bootes in ihren schwarzen Borduniformen und den Namensschildern an der jeweils linken Brusttasche.
Sie saßen um den Tisch herum mit dem Rücken zur Bordwand auf einer Bank, die wie ein L geformt war. Von links nach rechts: die Leutnante Petkov, Salin, Roskowskij, Chusnetzov, Dantelejev. Hinter ihnen an besagter Wand Bilder der Nordmeerflotte im Hafen und auf See, ein flacher Bildschirm, auf dem der staatliche Nachrichtensender Wremja seine Rund-um-die-Uhr-Nachrichten zeigte, sowie einige Plastikmodelle vergangener Schiffe. Mal ein Segelschiff, mal ein Panzerkreuzer mit Geschütztürmen und schließlich ein Modell des U-Bootes selbst.
Wahrscheinlich alles Schiffe mit dem Namen Potemkin, dachte er.
Rechts, einsam am anderen Ende des Tisches, saß der Chinese. Ihm links gegenüber Sona, die Akula gerade anstarrte, und wortlos auf den einsamen Stuhl wies, der ihn gegenüber der Offiziere vor der Wand platzierte. Einsam und allein.
Sie saßen alle da, starrten ihn schweigend an. Wie ein Fremder, dem sie nicht trauen konnten. Wahrscheinlich spürten sie, dass das, was da in der weißen Uniform vor ihnen steckte, unmöglich ein Seemann sein konnte. Aber er ließ sich nichts anmerken, und lenkte seinen Blick prüfend über die Gesichter und die Tätigkeitszeichen der Anwesenden, die ihm allerdings nicht viel verrieten.
Sona schien es bemerkt zu haben,
"Meine Herren", sagte sie. "Bevor Sie den Kapitän weiter in Grund und Boden starren, werde ich Sie einander vorstellen."  Sie zeigte auf den Mann direkt links neben ihr.
"Petkov, unser jüngster Offizier an Bord", sagte sie. "Der Versorgungsoffizier, der gleichzeitig unser Bordarzt ist."
Akula tippte sich an die Narbe.
"Danke, Doktor."
Petkov nickte ergeben, aber schweigend.
Sona zeigte auf den Mann daneben.
"Salin, unser Reaktoroffizier. Gleichzeitig leitender Ingenieur für den gesamten maschinellen Bereich."
"Angenehm", sagte Akula, aber Salin machte nur ein ausdrucksloses Gesicht.
"Er wird unterstützt durch Roskowskij", sagte Sona. "Auch er ist gerade frisch von der Marineschule in Leningrad zu uns gekommen."
Roskowskij lächelte Akula an.
Wenigstens etwas, dachte er.
"Daneben", fuhr Sona fort, "sitzen Chusnetzov und Dantelejev. Unsere Waffenoffiziere."
Ihre Gesichter erinnerten ihn an sibirische Bauern. Vereist und gehärtet. Auch hier kam keine Gefühlsregung über ihre Lippen.
Akula nickte wieder, dann schaute er nach rechts.
"Kapitänleutnant Lin Bao", stellte Sona ihm den chinesischen Mann vor. "Unser Waffenbruder von der Marine der Volksrepublik China."
Bao schaute ihn tatsächlich interessiert an. Seine verengten Augen mochten normal sein, doch Akula meinte dort auch Fragezeichen zu sehen. Und Unwohlsein.
"Kapitän", sagte der Chinese, und deutete eine Verbeugung an. "Ich freue mich, nicht der einzige Badegast an Bord zu sein."
Akula nickte ebenfalls, während Sona das Wort ergriff.
"Das ist Kapitän Koroljev vom Militärtribunal Nord", sagte sie, und jedes ihrer Worte klang so unbefleckt, als würde es tatsächlich die Wahrheit sein. "Er leitet die Untersuchung in einem schwierigen Fall."
"Und was für einen Fall, Kapitän?", fragte Roskowskij, einer der beiden Ingenieure.
Stille, in der sie ihn alle musterten, beinahe mit den Augen auffraßen.
Mord!, dachte er, und seine Hände am Stuhl vor ihm wurden fester. Serienmord. Und wie gern hätte er hinzugefügt: Aber wir haben ihn endlich!
Er beglückwünschte sich innerlich dazu, den vorgeschobenen Grund mit den DVDs dafür genutzt zu haben, Romans Reaktionen zu sehen, wenn er wirklich unschuldig war.
Aber die Besatzung wusste es nicht.
Und wenn sie es wüsste, würden sie ihn befreien, um ihn vor dem Erschießungskommando zu bewahren?
Er überlegte.
"Besitz und Verbreitung von kapitalistischen Propagandafilmen", antwortete er stattdessen, "die zur Zersetzung der Disziplin und der Moral der Flotte verwendet werden sollten."
Schweigen. Nichts und niemand bewegte sich. Die Strafe dafür war jedem bekannt.
GuLag. Mehrere Jahre.
Die Augen wandten sich teilweise von ihm ab, schauten woanders hin. Manche, wie Lin Bao, zum Bildschirm an der Wand, wo gerade eine lautlose Meldung der Ansari-Raumstation im Erdorbit gezeigt wurde. Was genau diese besagte, konnte Akula, der dem Blick gefolgt war, nicht hören. Stattdessen sah er nur die Station selbst, den Kommandanten und das angedockte Buran-Shuttle am Versorgungsring.
Das einzige, das er wirklich hören konnte, waren die Buchstaben K, G und B in den Köpfen der Männer vor ihm.
Er räusperte sich, und zeigte auf die Puppe, die in der Ecke saß.
"Und was soll das bedeuten?", fragte er.
"Das ist unser Maskottchen", antwortete Dantelejev, der links von der Puppe saß.
"Ich dachte, dass wäre die Kuh, die am Turm aufgemalt ist."
Roskowskij neben ihm schüttelte den Kopf.
"Nein, die Kuh dient nur zur Ablenkung", antwortete er. "Für die NATO sind wir damit nur eine Milchkuh, ein ungefährliches Versorgungsschiff für andere Boote."
Dantelejev klopfte der Puppe vorsichtig auf die Schulter. "Das ist SAL."
Akula runzelte die Stirn.
"Eine Puppe aus dem verbotenen horizontalen Gewerbe, wie mir scheint", meinte er. "Und wer kam auf diese Idee?"
Die Augen der Männer schwenkten alle in Sonas Richtung, die es sich gerade nicht verkneifen konnte zu lächeln.
"Erstaunt, Kapitän?", fragte sie. "Ich fand es eine gute Idee."
Akula schaute sie verwundert an.
"Das hätte ich nicht gedacht, dass Sie sich in diese Gefilde begeben, um eine Gummipuppe zu erwerben."
"TPE."
"Was?" Er verstand gar nichts mehr. Das Kürzel erinnerte ihn an seine Anfangsjahre im Sittendezernat bei der Miliz in Kiew. Irgendwann in den 1980ern. TPE, Total Power Exchange, eine Art der Machtabgabe bei widerlichen Vergnügungsspielen westlicher Art, die strafrechtlich sanktioniert werden mussten. Genau wie die dazugehörende Literatur. Ihm fiel das Buch 'Fifty Shades of irgendwas' ein, und er rümpfte innerlich die Nase.
"Sie besteht aus thermoplastischen Elastomeren", antwortete Sona. "Beinahe wie Silikon." Kurze Pause. "Beinahe echt, nicht wahr?"
Akula stand noch immer vor seinem Stuhl, die Hände gedankenverloren auf die Lehne abgestützt, und starrte die künstliche Person mit dem blauen Auge an. Nicht wissend, was er darauf erwidern sollte, wäre da nicht eine Stimme hinter ihm aufgetaucht.
"Entschuldigung", rief ein Matrose, und tauchte neben ihm mit Besteck auf, das er auf dem Tisch abstellte und danach an die Anwesenden verteilte. Messer, Gabeln und Löffel.
"Und Sie sind?", fragte Akula ihn.
"Nikita, Kapitän." Der Matrose lächelte. Ein junger Kopf. Nicht älter als Roman Blücher. Volle Haarpracht in braun. Sympathische Gesichtszüge. "Setzen Sie sich. Das Essen kommt gleich."
"Was gibt es denn heute?", fragte Sona, und rückte ihr Besteck und die Serviette zurecht.
"Senfsoße mit Ei", antwortete der Matrose, schaute sich um, doch keiner der Offiziere erhob einen Einwand. "Tut mir leid, aber ein Drei-Gänge-Menü schaffe ich heute nicht."
Sona winkte ab.
"Schon gut", sagte sie. "Ich mag es eigentlich gar nicht, wenn die Mannschafter zuletzt verpflegt werden."
"Ich beeile mich, Kapitän", sagte Nikita und verschwand wieder.
 
***
 
Roman Blücher saß immer noch am Tisch, die Hände gefaltet vor sich hin gelegt. Auf der großen Seekarte des Nordmeers, und seine Augen starrten den Petunientopf an. Seine Lippen bewegten sich stumm, aber auch kraftlos, während die Kette mit dem Kreuz vor seiner Brust baumelte. Zusammen mit dem Medaillon, das aber verschlossen blieb.
"Was denkst Du?", fragte er die Blume. "Bin ich das wirklich?"
Die Petunie schwieg, rührte sich nicht einmal.
'Das bist Du nicht', sagte die Frau in seinem Kopf. 'Das warst Du auch nie.'
Vielleicht hatte ich geistige Umnachtungen.
'Du bist klar im Kopf.'
Er schüttelte den Kopf, als die ersten Bilder seiner Frau vor seinem geistigen Auge auftauchten. Von ihr, seiner Ludmilla. Langes brünettes Haar. Mit Lippen, für die die Begriffe Linien und Kurven erfunden worden waren. Mit einer Cleopatra-Nase, und herrlich dunkelblauen Augen.
Sie, aus einem Damals, das es schon lange nicht mehr gab. Der erste Kuss mit Herzrasen auf einer Parkbank. Dann in der gemeinsamen Wohnung im Hochhaus in den Außenbezirken von Beslan, eng umschlungen auf dem Sofa. Sonntags auf Fahrrädern durch die Wälder fahrend. Picknick im Grünen. Die ersten zarten Berührungen über den kleinen Babybauch. Dann auf Entdeckungsreisen oben an der Baltischen See. Die Stadtrundfahrten durch Leningrad, mit einem Abstecher zur Insel Kronstadt, wo auf großen Denkmälern der Niederschlagung des konterraktionären Aufstandes der fehlgeleiteten Matrosen von irgendwann gedachte wurde.
'Das war eine schöne Zeit', sagte sie.
Das war sie.
Und er versuchte, sich nicht an die letzten Bilder zu erinnern. Als er hinter Doktor Pawlenkowa herlief, ihr durch den Rauch und dem Tod folgte. Im allgemeinen Durcheinander der Erstürmung war es ihm und einigen anderen Familienmitgliedern gelungen, sich den Soldaten und den Spezialeinheiten anzuschließen. Ihre ziviele Kleidung fiel dabei nicht weiter auf, da die OMON-Truppen durchweg so herumliefen. Er konnte sich daran erinnern, wie sie in die Schule gekommen waren. Er folgte nur dem weißen Koffer mit dem roten Kreuz darauf. Folgte nur der Frau, die ihn trug. Durch den hässlichen Gestank von Schusswaffen, durch die Gänge, deren Wände mit den Kindermalereien schwarz geschossen waren. Dicke Löcher, einige. Kleinere Löcher, viele. Gestalten am Boden, maskiert, mit dicken Splitterschutzwesten. Einschusslöcher in den Stirnen. Leblos, und to-
'Hör auf!'
Ludmilla. Im einem Pulk aus Kindern, über die sie sich schützend geworfen hatte. Teilweise Betonbrocken aus der Decke um sie herum.
'Roman!'
Die Ärztin kniete sich vor ihr hin. Zog sie zur Seite, während er plötzlich von einigen OMON-Leuten festgehalten wurde. Keine eisernen Griffe. Sie hatten selbst Familien. Er schrie lautlos, als sein Herz einen Sprung durch seine Rippen wagte. Als seine Frau nicht länger mit dem gewölbtem Bauch auf den Kindern lag, sondern an der Seite. Ihre Hose zerfetzt. Die Beine verdreht. Auf dem Hemd dunkles Rot. Der Bauch zitterte. Sie öffnete die Augen, röchelte, schaute ihn beinahe ausdruckslos an. Ihre linke Hand ruhte auf dem dicken Bauch, die rechte Hand hob sich, fiel dann aber wieder kraftlos hinunter, während die Ärztin hektisch den Koffer öffnete ...
Er schloss die Augen. Öffnete sie wieder, schloss sie wieder. Blinzelte, und die Petunie schwieg ihn wieder an.
'Die Kinder haben überlebt', sagte sie.
Ja, flüsterte er. Aber unseres nicht.
Sie schwieg, als die Tränen und der Krampf im Herzen wiederkamen.
Und ... Du auch ... nicht.
 
***
 
Sie hatten ihn akzeptiert, was an und für sich unbedeutend für ihn war. Der Plan sah vor, den Häftling und ihn an die Oberfläche zu bringen, in ein Schlauchboot zu setzen, um dann von einem der Hubschrauber abgeholt zu werden. Die Haftzelle auf der Varyag konnte er bereits sehen. Den Schlüssel im Schloss bereits klicken hören. Der Richter beim Schuldspruch war auch schon präsent. Wie auch immer das ausging, was auch immer mit dem Matrosen passieren mochte, es war vorbei. Der Terror, die Toten. Zeit, um tatsächlich Urlaub einzureichen, sich eine Datscha irgendwo in Sevastopol zu nehmen und alles zu vergessen. Vorzugsweise bei einem guten 1-A-Rotwein, der eigentlich für den Export in die kapitalistischen Länder gedacht war.
Ohne uns ginge es denen nicht so gut, dachte Akula, aber ein Grinsen oder ein Schmunzeln kam bei ihm nicht über die Lippen, während er den anderen Offiziere zuhörte. Leicht versetzt, als würde er in einer Loge sitzen und ein Bühnenstück am Moskauer Dubrowka-Theater verfolgen.
"Und, Bao?", fragte Chusnetzov gerade. "Was gibt es bei euch für Seemannsgarn?"
Der Chinese schaute auf und hob fragend eine Augenbraue.
"In der Volksmarine gibt es keine solchen Geschichten", sagte er. "Wir sind dafür zu unempfindlich."
"Eher zu wissenschaftlich", meinte Dantelejev.
"Es kann alles logisch erklärt werden", antwortete Bao. "Alles verliert seinen Mythos, wenn man es erklärbar macht."
"Alles?", fragte Salin, beugte sich ein Stück vor und schaute ihn von der Seite an.
"Alles."
"Können Sie dann vielleicht eine Geschichte aufklären?"
Bao nickte.
"Ich werde es versuchen."
Salin kniff die Augen zusammen, als würden sie alle in einem einsamen Wald um ein Lagerfeuer sitzen.
"Da gab es ein U-Boot. TK-211. Schwerer Kreuzer mit ballistischen Raketen. Und mit den OK-550a-Reaktoren der neuen Serie", sagte er. "Das Boot war auf Patrouillenfahrt im Pazifischen Ozean, als dem Bordingenieur auffiel, dass sich im Reaktorraum viele kleine Punkte bewegten."
Er schwieg für einen Moment. Und alle, auch Akula, schauten ihn interessiert an.
"Was für Punkte?", fragte Bao.
"Der Kommandant genehmigte ihm, den Reaktorraum zu betreten, was er auch tat. Und er fand heraus, dass es kleine Käfer waren, die dort herum krabbelten."
"Käfer?"
"Er versuchte einen zu fangen, aber es gelang ihm nicht." Pause. "Später, auf der Werft in Wladiwostok, wurde der Reaktor aus dem Boot ausgetauscht und untersucht, aber man fand nichts. Auch im Boot nicht."
Bao runzelte die Stirn, und nickte dann.
"In der Tat, sehr merkwürdig."
Salin lehnte sich lächelnd zurück, während sich Roskowskij zu Wort meldete.
"Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Reaktoren und alle anderen Bauteile in Reinräumen zusammengebaut werden, wo es noch nicht einmal die kleinsten Staubpartikel gibt."
"Ich nehme an, das Boot wurde gründlich durchsucht?", fragte Bao.
Salin nickte.
"Es fanden sich keine Käfer", sagte Roskowskij. "Dafür wurde der Kamerad Bordingenieur in eine Polytechnische Klinik für Geistesschwächen eingewiesen, wo er bis heute Käfer an die Wand malt."
Bao schwieg, überlegte, und und tippte sich mit einem Finger nachdenklich an die Schläfe.
"Dieses Boot hat den gleichen Reaktortyp?", fragte er.
Roskowskij nickte.
"Ganz neu", sagte er. "Falls er einen kritischen Zustand erreicht, werden die Dieselaggregate abgeschaltet, die das eigentliche Kühlmittel erhitzen."
Baos Augen weiteten sich ein Stück.
"Der Reaktor wird dann praktisch eingefroren?", fragte er, und wieder wanderte die Augenbraue ein Stück hoch.
"Ich denke, das reicht jetzt", rief Sona vom anderen Tischende, als der Matrose namens Nikita mit zwei Töpfen hereinkam und diese auf den Tisch platzierte.
"So", sagte er, als er die Deckel hob und zur Seite legte. "Die Eier kommen gleich."
Sona schaute ihn von der Seite an.
"Haben Sie eigentlich schon was gegessen, Nikita?", fragte sie ihn.
Der Matrose lächelte.
"Ein Koch probiert immer als Erstes", sagte er, dann nickte er. "Für tiefgefrorenes Essen wirklich gut."
 
***
 
Irgendwo im Europäischen Nordmeer
Flugzeugträger Varyag
 
Der Admiral legte den Hörer zurück in die Aussparungen des Telefons. Schweres Seufzen. Dann schaute er den Bordarzt an, der immer noch vor ihm saß.
"Grüße aus Moskau", sagte er leise. "Der MWD schickt uns zwei Agenten, die Ihren Freund von der Potemkin holen sollen."
Wassilli schloss die Augen. Der Begriff GuLag trudelte durch seinen Kopf, sein Mund sprach ihn aber nicht aus.
"Wann starten sie?", fragte er, und faltete unbewusst die Hände in seinem Schoß.
"Sie sind schon unterwegs nach Murmansk."
Schweigen.
"In was hat sich Ihr Freund da verrannt?", fragte der Admiral. "Unerlaubter Zugang zu einem Geheimprojekt. Fälschen amtlicher Dokumente. Falschaussagen. Amtsmissbrauch."
Wassilli schwieg, und der Admiral seufzte.
"Sie kennen sich gut, oder sehr gut?", fragte er.
"Wir sind beide in Leningrad aufgewachsen."
"Also gut."
"Wir haben beide die Militärakademie in Wolgograd besucht."
"Also sehr gut."
Wassilli schaute zu Boden und nickte.
"Als wir Afghanistan 1991 verließen, hat er mit seiner Einheit den Rückzug gedeckt", sagte er. "Unter anderem das Notfall-Lazarett 39, welches mir unterstand." Er schaute durch den Boden hindurch. "Wir hatten damals viele Schwerverletzte, die nicht schnell verlegt werden konnten. Nur mit seiner Hilfe konnten wir uns über den Pass nach Hause retten."
Der Admiral nickte.
"Was hat er getan?"
Wassilli musste lächeln, dann erfror sein Gesicht.
"Er hat angegriffen. Er hat den Gegner mit unterlegenen Kräften mit allen noch verfügbaren Mitteln attackiert und so aufgehalten." Er pausierte. "Dafür kamen von seiner Kompanie nur eine Handvoll Männer und Frauen zurück."
Der Admiral fuhr sich mit der Hand über den Mund, und seufzte schwer.
"Auch die Marine hat ihren Blutzoll damals entrichten müssen", sagte er leise. "Und auch ein Admiral war einmal ein kleiner Marinesicherungssoldat am Ende der Nahrungskette."
"Sie wissen, was ich meine?"
Der Admiral nickte, überlegte, und schließlich sah man in seinem Gesicht, dass er eine Entscheidung getroffen hatte.
"Wir regeln das selbst", sagte er.
"Was haben Sie vor?"
"Er ist Oberst, also derzeit Militärangehöriger", antwortete der Admiral. "Damit untersteht er der Gerichtsbarkeit der Flotte, bis wir ihn an das Militärtribunal Nord abgeben müssen."
"Und wie wollen Sie die MWD-Agenten aufhalten?"
"Lassen Sie das meine Sorge sein." Der Admiral presste die Lippen zusammen. "Aber was auch immer auf der Fahrt zurück zum Stützpunkt passieren wird, weiß ich nicht. Vielleicht kann er ja fliehen, oder wird aus unbekannten Gründen über Bord gespült."
Wassilli nickte.
"Verstehe."
Der Admiral stand auf, umrundete den Tisch, ging zur Tür und trat auf die Brücke hinaus. Sofort ebbte der Lärm ab, und die Anwesenden schauten ihn fragend an, inklusive des Kapitäns.
"Position der Potemkin?", fragte er einen der Seemänner links.
"Nahe Shetland-Inseln."
"Letzter Kontakt?"
"Automatisches Signal vor einer Stunde, 39 Minuten", antwortete ein anderer von rechts. "Seitdem Funkstille. Wahrscheinlich zu tief getaucht."
Der Admiral wandte sich an den Kapitän.
"Wer hat heute Seenotdienst?"
"Hubschrauber 225", antwortete er, nach einem Blick auf die Tafeln hinter ihm. "Aber da gibt es ein technisches Problem."
"Dann schicken Sie einen anderen."
"Jawohl."
"Sie sollen Kontakt mit der Potemkin herstellen. Der Oberst muss sofort hierhin gebracht werden."
"Jawohl, Admiral."
Der Admiral schaute sich um. Für einen Moment waren die Schleuderscheiben lauter als alles andere. Er sah, dass sowohl das Gesicht des Arztes, als auch die der anderen Anwesenden irritiert waren.
"Die Flottenübung ist hiermit beendet", sagte er. "Funkspruch an die Kirov und die gesamte Besatzung. Ab sofort ist Alarmstufe Gelb." Schweigen, dann: "Falls Ersuchen um Landegenehmigungen anderer Dienststellen eingehen, ist dies mit der Begründung 'Schwerer Seegang, Landung unmöglich' abzulehnen."
"Jawohl, Admiral", sagte der Kapitän.
"Dann los."
 


Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2021 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme