Es ist: 09-12-2022, 11:14
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #31 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Mit festen Schritten betrat Dende die Kammer, in der noch eben die beiden jungen Leute gesessen hatten. Geriyon Raven hatte sich den Tisch gesetzt und kehrte dem vermeintlichen Kaufmann den Rücken zu.
„Ich entschuldige mich nochmals, dass ich euch warten lassen habt“, sagte Yerim kalt, so als ob es ihm keineswegs leid täte. „Nun habe ich einige Fragen an Euch.“
Dende drehte ihm leicht sein aufgedunsenes Gesicht zu, ohne Geriyon aus den Augen zu lassen.
„Es gäbe demnach noch etwas zu besprechen?“, fragte er leichthin. „Ich dachte, alle Punkte unseres Handels wären geklärt.“
„Ich möchte noch einmal auf das Amulett zu sprechen kommen“, antwortete Yerim. „Ihr sagtet, es sei etwas Besonderes...“
„Ich werde gern mit euch darüber sprechen, wenn ihr mir mehr Informationen darüber geliefert habt. Im Moment ziehe ich es vor, ein wenig mit dem Herrn Graumagier plaudern“, erwiderte Dende freundlich lächelnd. „da er nun schon hier ist.“
Yerim runzelte die Stirn.
„Warum sollte ich das in meinem eigenen Haus erlauben, hmm?“, fragte er, die Stimme noch kälter als zuvor.
Auch Dendes Lächeln erstarrte zu einem missmutigen Ausdruck, die sonst wässrigen Augen Kelims funkelten plötzlich gefährlich.
„Weil es Teil unseres Handels ist. Im Moment habt ihr dank meiner Hilfe jede Information bekommen, die ihr wolltet, doch ihr konntet bisher nichts liefern. Ich nehme daher in Anspruch, mich ein wenig selbst zu erkunden. Einen Graumagier hat man schließlich nicht alle Tage im Haus.“
Yerim holte einmal tief Luft, schwieg dann aber. Die beiden Männer starrten sich einige Sekunden lang an, dann verließ der Kham schließlich achselzuckend den Raum und schloss geräuschvoll die Tür.
Langsam wanderte Dende um den Tisch herum und setzte sich Geriyon gegenüber, der noch immer regungslos dasaß.
„Möchtet ihr den Raum versiegeln?“, fragte Dende freundlich.
Keine Reaktion. Der andere Magier starrte ihn immer noch an. Dende musterte ihn kurz. Selbst ohne sein verdecktes Auge war er eine eindrucksvolle Gestalt, dachte er im Stillen. Sein Auge war ein strahlender Saphir, kalt und undurchdringlich, vielleicht sogar angsteinflößend für manche. Und dann noch das andere.. hinter einem geheimnisvollen Zeichen verborgen. Kein Wunder, dass er den Leuten in Kayro'har aufgefallen war.
Schließlich durchschnitt seine Hand kurz den Raum und eine Welle magischer Energie prallte gegen die Türen und Wände.
„Dann mach ich es eben“, erklärte Dende lakonisch. „Nicht, dass Yerim und seine Spießgesellen noch zuhören können.“
Geriyons Augenbrauen waren in die Höhe gefahren.
„Wer seid Ihr?“, fragte er gepresst.
Dende lächelte zufrieden, dass sein Schauspiel gelungen war.
„Ah, nun seid Ihr doch interessiert.“
Dende schloss kurz die Augen und ließ die Wellen seiner Magie ihn umspielen. Für Geriyon musste es so aussehen, als ob sich sein Gegenüber plötzlich in einem Film von graublauem Wasser und Nebel aufgelöst hatte. Als sich seine verflüssigten Formen wieder festigten, saß ihm Dende gegenüber, nicht mehr Kelim Vanderkeyn.
„Dende.“, stellte Geriyon nach einigen Minuten überraschter Musterung fest.
Nun runzelte er selbst die Stirn, entspannte sich aber sofort wieder.
„Natürlich, das Mädchen.“, antwortete er leichthin, als ob das Erklärung genug sei, woher Geriyon seinen Namen kannte. „Und kennt Ihr diesen Namen?“
„Ich habe ihn schon gehört“, sagte Geriyon leise, als ob er nur mit Mühe seinen Zorn unterdrücken konnte. „Während meiner Ausbildung. Ihr seid Wassermagier ... aber kein Meister spricht je über Euch.“
Dende kicherte zufrieden.
„Ja, das ist wohl auch gut so. Es wäre keine Geschichte, mit dem sich die Gilde rühmen könnte und die sie an blauäuige Novizen weitergeben möchte.“
„Warum bin ich hier?“, fuhr Geriyon ihn unvermittelt an. Dende sah seine Fäuste sich im Zorn ballen. „Ihr habt mich verraten! Dafür werdet Ihr noch bezahlen.“
Aufgeregt hatte sich Geriyon zu ihm vorgebeugt und sein Auge blitzte nun Dende voller Zorn an. Der Beweis, dass selbst ein kalter Saphir Feuer fangen konnte. Dende lehnte sich zurück und erwiderte den Blick des Graumagiers ruhig.
„Lasst Euch nicht einfallen, Eure Magie gegen mich einzusetzen“, sagte er dann sehr leise. „Es hätte keinen Sinn, das wisst Ihr. Ihr habt sicher beachtliche Fähigkeiten im Gedankenlesen, aber ich werde nicht erlauben, dass Ihr noch einmal versucht, in meinen Kopf zu sehen.“
Die Drohung war umso wirkungsvoller, dass Dendes Stimme ein kaum hörbares Zischen war.
„Außerdem habe ich Euch nicht verraten, noch nicht. Aber es schien das effektivste Mittel zu sein, Euch schnell hierher zu holen. Ihr hättet wohl kaum einem gemütlichen Plausch so zugestimmt.“
„Ich werde nicht länger den Wahrsager für diese ungebildeten Kham spielen! Ich habe wichtigeres zu tun“, stieß Geriyon hervor.
„Das müsst Ihr auch nicht, wenn Ihr euch nicht ganz dumm anstellt. Die Frage, die sich mir stellt, ist doch eher, warum Ihr euch so aufregt über eure ... Einladung hierher?“
„Das wisst Ihr ganz genau. Ich habe eine Mission zu erfüllen und Ihr habt mich dabei gestört.“
Dende beugte sich wieder vor und fixierte Geriyons blaues Auge.
„Eure Mission, aha? Aber wovor habt Ihr wirklich Angst? Eure so genannte Mission nicht zu vollenden oder mit Schande zur Grauen Gilde zurückzukehren?“
Dende sah Geriyon verwirrt die Stirn runzeln. Er erhob sich und wandere langsam um den Tisch auf den Graumagier zu.
„Sind es nicht Eure Meister in der Grauen Gilde die Euer Handeln bestimmen? Liegt Euch nicht alles daran, Sie nicht zu enttäuschen? Ihr wisst so gut wie ich, dass sie euch ohne zu zögern fallen lassen werden, wenn Ihr versagt. Fürchtet Ihr nicht ihr Urteil und ihren Spott, wenn alles schiefgeht? Eure übertriebene Aufregung als Reaktion auf Yerims freundliches „Angebot“ lassen nur diesen Schluss zu.“
Dende war nahe an den Graumagier heran getreten. Er beugte sich zu ihm herunter und flüsterte: „Für mich seid Ihr so nichts weiter als eine Marionette der Grauen Gilde.“
Langsam wandte Geriyon den Kopf und blickte ihn durchdringend an.
Seine Worte kamen langsam und unter äußerster Beherrschung.
„Das bin ich nicht! Ich bin frei und ich werde mich von Euch nicht weiter beleidigen lassen.“
Dende hielt dem Blick stand. Langsam fuhr er mit seinen langen, spitzen Fingernägeln über Geriyons Wange und berührte leicht das Lederband, welches sein Auge verdeckte. Ärgerlich schlug der Graumagier die Hand Dendes weg.
„Ihr missversteht mich. Ich möchte Euch nicht beleidigen, ich möchte verstehen, was Ihr eigentlich sucht. Welche Art Freiheit soll das sein? Eine Freiheit, die am Rocksaum der grauen Meister endet? Ihr werdet vor Ihnen kriechen, wenn sie es verlangen, oder etwa nicht? Ihr seid so unfrei wie ein Leibeigener Vuluns.“
Geriyon schwieg. Dende konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete, so fuhr er fort: „Ich bin es, der frei ist. Ich gehorche nicht dem Willen der Gilde, sondern dem Willen der grauen Magie.“
„Das tut die Gilde auch“, erwiderte Geriyon leise.
„Das bildet sie sich zumindest ein, ja“, sagte Dende verächtlich. „Und sie hat dich zur schwarzen Akademie geschickt aus einem Grund, denn ich noch nicht kenne.“
Aus dem Augenwinkel sah er Geriyon zufrieden nicken.
„Aber bisher kann man nur den Eindruck gewinnen, dass die Gilde wieder mal ihre Pfeile am Ziel vorbeischießt, wie so oft“, fuhr Dende unbeirrt fort. „An den Hof Vuluns hätten sie dich schicken sollen, denn dort geschieht wohl weit Wichtigeres als in dieser Akademie. Die wird wohl sowieso überflüssig werden, wenn der Herzog seinen Willen bekommt.“
„Was soll das heißen? Vulun ist nichts weiter als Herrscher dieser Stadt? Sein kleines Scharmützel gegen Noato verändert kaum die Politik Athalems.“
„Aber das wisst Ihr nicht“, widersprach Dende, als er sich wieder in seinen Stuhl fallen ließ. „Ihr wisst nichts über Vuluns Absichten.“
„Aber Ihr tut es?“
„Ausreichend ja. Und in diesem Fall spielen für mich weder die schwarze Akademie eine Rolle noch eine Ungeformte.“
„Kara hat sich entschieden, mir zu vertrauen.“, entgegnete Geriyon trotzig.
„Umso besser. Ich hoffe, Ihr habt Verstand genug, sie zu einer Akademie zu schicken und ausbilden zu lassen.“ Er lächelte kurz und fuhr fort: „Aber ich bin mir sicher, dass sich Ihre Stärke und Wille sich nicht dem Joch der grauen Meister unterwerfen werden.“
Sein Gegenüber dachte kurz nach und fragte dann überraschend ruhig: „Was wollt Ihr überhaupt von mir? Dass ich die Graue Gilde verlasse, ist es das?“
„Nein, es ist allein Eure Entscheidung, wie und ob ihr der Grauen Gilde dient. Ich möchte Eure Hilfe in dieser jetzigen verzwickten Situation.“
Geriyon stutze.
„Nach allem was ihr mir an den Kopf geworfen habt, bittet Ihr jetzt um meine Hilfe?“
„Das tue ich, ja. Schließlich muss ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Wir sind graue Magier und auch wenn ich Eure Abhängigkeit von der Gilde erniedrigend finde, können wir gemeinsam die Situation hier dennoch sehr viel besser zu unseren Gunsten wenden als allein.“
„Und welche Situation wäre das?“, fragte Geriyon nach einigem Zögern.
„Ich kann Euch versichern, dass hinter dem Krieg Herzog Vuluns mehr steckt als Ihr annehmt. Er stellt eine Gefahr dar, nicht für den Frieden, sondern für das Gleichgewicht. Noch weiß ich nichts konkretes, aber das werde ich herausfinden.“
„Das ist nicht Alles?“
Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
„Nein. Wie Euch das Mädchen sowieso erzählen wird, hab ich ihr wertvolles Medaillon an mich genommen, das für sie einzige Verbindungsstück zu ihrer Vergangenheit. Und bevor Ihr irgendwelche Forderungen stellt“, fuhr Dende ungerührt fort, „sie wird es nicht wiederbekommen, noch bekommt Ihr es zu Gesicht. Nicht bevor ich nicht absolut sicher bin, was es damit auf sich hat. Vielleicht könnte Yerim mehr darüber wissen.“
„Er ist gefährlich. Ist er mit dem Herzog verbündet?“, warf Geriyon ein.
„Das wäre möglich. Irgendeine Verbindung besteht nach Aven'kan, die sich mir entzieht. Das ist nur ein ärgerliches Detail in dieser ganzen Geschichte.“
Nachdenklich rieb Geriyon sich übers Kinn.
„Ihr wisst viel weniger, als ihr vorgebt. Vielleicht weiß ich sogar mehr als Ihr.“
„Das wäre möglich“, erwiderte Dende ärgerlich. „Aber Euer Wisses nützt Euch allein nichts, so wie meines allein wertlos ist. Schließen wir uns nicht zumindest für eine gewisse Zeit zusammen, werden gewöhnliche Menschen über uns triumphieren!“
„Ich verstehe Euer Argument, aber ich kann Euch nicht trauen...“
Geriyon war misstrauisch, das war klar.. Dende verstand, dass sich sein Gegenüber nun in der besseren Position sah, doch er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Einige Minuten lang sah er Geriyon Raven grübelnd an.
„Als ob das eine Rolle spielen würde zwischen Magiern unseres Schlags. Ihr kennt mich nicht und ich kenne Euch nicht. Warum sollten wir uns trauen? Es reicht aus, wenn wir zusammenarbeiten.“
Der junge Graumagier musterte Dende überrascht und lehnte sich etwas zurück. Für einige Atemzüge schwieg er einfach. Doch schließlich hoben sich seine Mundwinkel.
„Wie genau stellt ihr Euch denn eine Zusammenarbeit zwischen uns vor?“
Dende lächelte innerlich. Er hatte ihn immerhin geködert.
„Ihr seid sicher ein vortrefflicher Spion. Als solchen setzt euch die Gilde ja wohl auch ein. Wir müssen sowohl mehr über Yerim als auch über die konkreten Pläne von Herzog Vulun wissen. Mein Verdacht ist, dass die beiden irgendwie zusammenarbeiten. Wenn wir wissen, wieso und zu welchem Ziel, dann haben wir einen Vorteil gegenüber beiden.“
Geriyon nickte langsam.
„Das ist wahr. Ihr vermutet, dass Yerim mich weiterhin als sein Gedankenleser einsetzen könnte?“, fragte der Graumagier ohne eine Antwort zu erwarten. „Und ihr wollt wissen, worüber er mich ausfragt?“
Dende schwieg.
„Das wird möglich sein“, fuhrt Geriyon dann fort. „Doch diese Zusammenarbeit wird einen Preis für euch haben.“
„Das habe ich erwartet. Was verlangt ihr?“
Nun lächelte sein Gegenüber leicht.
„Ihr seid Magier und auch wenn ich Euch nicht kenne, noch nicht, bin ich mir doch sicher, dass Ihr schon sehr viel länger diese Kunst ausübt als ich. Ich möchte an Eurem Wissen teilhaben. Ich möchte Fertigkeiten und Sprüche erlernen, die mir nützlich sein werden. Ich werde bestimmen, was Ihr mir lehren müsst und Ihr müsst es bis zu meiner Zufriedenheit ausführen!“
Dende blickte dem Magier fest in das eine Auge. Ein interessanter Vorschlag und nicht zuviel verlangt, wie es im ersten Moment schien. Doch ein Magier, den er unterrichtete, konnte Dendes Magie leichter widerstehen oder sie einfacher durchdringen. Andererseits konnte es ihm vielleicht sogar nutzen, wenn er es geschickt anstellte.
„Ich stimme zu. Das erscheint mir ein akzeptables Angebot. Doch seid gewarnt: Haltet Ihr mit Informationen zurück, dann werde auch ich meinen Teil nicht zu eurem Vorteil erfüllen.“
Er stand auf und streckte dem anderen Graumagier seine Hand entgegen. Nach einer Sekunde erhob sich dieser auch und schlug ein.
Sie hatten einen Pakt.

-Was wiegt 180 Gramm, sitzt auf einem Baum und ist sehr gefährlich?
-Ein Spatz, der eine Pistole trägt.
-Richtig, das ist die einzig mögliche Lösung!

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Beitrag #32 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Als Kara aufwachte, brauchte sie erst einen Moment bis sie sich erinnern konnte, wo sie sich befand und wie sie hergelangt war. Die Schwarzmagierakademie… der junge Magier, mit dem sie sich auf einem Friedhof getroffen hatte… Durch das schmale Fenster fiel goldenes Sonnenlicht auf die weißen Wände und ließ alles unwirklich und freundlich erscheinen. Erstaunt bemerkte sie, dass die Sonne schon tief am Himmel stand – das konnte nur bedeuten, dass es längst Nachmittag war. Zufrieden und mit einem Gähnen auf den Lippen räkelte und streckte sie sich in dem gemütlichen Bett. Während sie die dünnen Wolken draußen im satten Sonnenlicht beobachtete, kreisten ihre Gedanken um alles, was in den letzten Tagen geschehen war. Ein ganzer Marktplatz soll wegen mir zerstört worden sein – wie kann ich zu so etwas fähig sein, und es nicht spüren, oder wissen! Und meine ganze Vergangenheit… wie ausgelöscht. Mit einem tiefen Seufzer schlang Kara die Arme um ihre Beine und legte verzweifelt ihren Kopf auf die Knie. Es kam ihr so vor, als ob ihr Gedächtnis wie eine leere Leinwand war, an der ein Maler gerade erst wenige Striche geführt hat. Die einzigen Farbkleckse, die das Bild nicht im Geringsten ausfüllten, waren ihre Erinnerung an das Amulett, das der alte Magier, Dende, ihr abgenommen hatte, und der kleine Junge, der ihr in den Gassen der Stadt für kurze Zeit erschienen war. Mit einem Schaudern dachte Kara an den Augenblick zurück, in dem sie sich selbst in einem Karren sitzen gesehen hatte, einen kleinen Jungen auf dem Arm.
Ob ich einen Sohn haben kann, an den ich mich nicht erinnern kann? Ob ihm etwas geschehen ist, auf dem Marktplatz? Und was ist mit dem Amulett, dem einzigen Anhaltspunkt, den ich habe… ich muss es irgendwie wiederbeschaffen. Aber wie? Ach wüsste ich bloß, was geschehen ist bevor --- Karas Gedanken drehten sich im Kreis und immer wieder versuchte sie aus den wenigen Informationen, die sie hatte, neue Details zu gewinnen. Doch es war vergebens, so sehr sie sich auch wünschte, ihre Erinnerung würde auf einmal wieder zurückkehren, schlussendlich kam sie keinen Schritt weiter.
Seufzend fragte Kara sich, ob überhaupt irgendjemand sie vermisste, und ob außer den Wachen und eventuell dem Magier Dende noch jemand nach ihr suchte, ob sie der Welt da draußen überhaupt abging. Durch die bunte Glasscheibe am Fenster fiel nur mehr gedämpftes Licht und die Schatten an den Wänden wanderten und wuchsen. Auf einmal fühlte Kara sich furchtbar einsam, zog sich fröstelnd die Decke enger um die Schultern und starrte verloren aus dem Fenster.
Gerade als sie sich fragen wollte, wann sie das letzte Mal etwas anständiges gegessen hatte, und ihr Magen lautstark jegliche Überlegungen überflüssig machte, fiel ihr Blick auf einen reichlich gefüllten Teller, der direkt auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand, das sie aus unerfindlichen Gründen bis jetzt übersehen hatte. Der Anblick von Brot, Käse und frischem Obst brachte ihre Augen zum leuchten, und nach einem kurzen Kampf mit der Bettdecke hatte sie sich soweit befreit, dass sie bequem die einladenden Speisen erreichen konnte. Während Kara gierig die Mahlzeit verschlang, musterte sie erneut den Raum, in dem sie sich befand. Die einzigen persönlichen Gegenstände, die sie auf einer verschlossenen Holztruhe liegen sah, waren eine deutlich gebrauchte Schreibfeder und ein dickes, in Leder gebundenes Buch, auf dem allerlei verschnörkelte Zeichen zu sehen waren. Noch bevor Kara die Hand ausstreckte, um das Buch aufzuschlagen, ließ sie ein Geräusch aus der Richtung des Fensters zusammenfahren. Als ihr Blick zum Fensterbrett fiel, entdeckte sie dort Silberschwinge, die mit dem Schnabel gegen das Glas klopfte, um eingelassen zu werden.
Sofort nachdem Kara den quietschenden Riegel vor dem Fenster entfernt hatte, hüpfte der nachtschwarze Vogel auf den Schreibtisch, und ließ sich anschließend elegant auf der Lehne des Stuhls nieder. Schweigend bat Kara dem Raben etwas Brot an, das dieser mit einem Kopfschütteln ablehnte. Geriyon schickt mich. Er wird noch etwas länger in der Stadt zu tun haben.
Nickend nahm Kara dies zur Kenntnis und setzte sich mit dem gefüllten Teller aufs Bett, um unter den Blicken der glänzenden Vogelaugen ihren Hunger zu stillen. Als sie fertig war stellte sie den Teller zurück auf den Schreibtisch und sah unschlüssig aus dem Fenster. Es wurde schon langsam dunkel und Kara fühlte sich zusehends gelangweilt, jetzt, da sie zwar nicht mehr in einem Keller sitzen musste, aber sich in einem fremden Zimmer versteckte. Als nach einiger Zeit immer noch nichts Spannenderes geschehen war als dass Silberschwinge ihr Gefieder säuberte, beschloss Kara trotz aller Gefahren entdeckt zu werden einen Streifzug durch die Akademie zu machen. Sie warf sich den schwarzen Mantel um, den Geriyon zu ihrem Glück dagelassen hatte, streifte sich die Kapuze über und war in ein paar Schritten bei der Tür angelangt.
Wo willst du hin?
„Mich etwas umsehen. Ich bin immerhin schon den ganzen Tag in diesem Zimmer gewesen…“, rechtfertigte Kara sich und drückte entschlossen die Türklinke hinunter – doch nichts geschah. Mit zusammengezogenen Brauen probierte sie es noch einmal, bis sie begriff, dass die Tür schlicht und einfach versperrt war.
Geriyon meinte du solltest lieber im Zimmer bleiben. Ich muss dich doch wohl nicht daran erinnern, was passiert wenn du hier entdeckt wirst, oder? sprach Silberschwinge und seine Augen folgten Kara aufmerksam, als diese erst den Schreibtisch und dann das Nachtkästchen durchsuchte, um einen zweiten Schlüssel oder irgendetwas Brauchbares zum Schlösserknacken zu finden.
„Ha!“, rief sie triumphierend als in der zweiten Lade des Nachtkästchens ein abgenutzter Schlüssel zum Vorschein kam, „Ja, ich weiß was passiert wenn ich erwischt werde, aber ich halte es nicht mehr aus einfach hier herumzusitzen und zu warten, dass irgendetwas geschieht.“
Wenn ich schon keine Ahnung habe, was in der Vergangenheit gewesen ist, dann möchte ich wenigstens mehr von meiner Gegenwart wissen…
Mit einem doch etwas mulmigen Gefühl schloss Kara die Tür auf und atmete tief ein, bevor sie sie einen Spalt öffnete. In diesem Moment kam Silberschwinge durchs Zimmer geflogen und ließ sich auf ihrer Schulter nieder.
Ohje… Geriyon wird nicht erfreut sein.


Karas Herz klopfte immer noch, als sie erneut in einen langen düsteren Gang einbog, und sie hoffte, dass nicht noch mehr angehende Magier sie darauf aufmerksam machen wollten, dass sie den Weg zum Speisesaal in der falschen Richtung suchte. Schön langsam gingen ihr die Erklärungen aus, wohin sie denn zur Essenszeit wollte, und auch Silberschwinge schien es leid zu sein ihr dabei auszuhelfen. Natürlich wäre es viel unauffälliger, wenn Kara sich einfach den anderen Magiern anschließen würde, doch das Letzte, das sie nun brauchte war ein Saal voll schwarzgekleideter Gestalten, die sie jederzeit als Eindringling enttarnen konnten. Ihre Schritte hallten in dem Gemäuer wieder und neugierig öffnete sie eine weitere der Pforten aus dunklem, massivem Eichenholz, aber der Gang dahinter sah genauso aus wie alle anderen: karger Stein, vereinzelt einige Statuen, und Spinnweben unter der Decke. Wäre Silberschwinge nicht bei ihr gewesen, hätte Kara in diesem Gewirr von immer gleichen Korridoren wohl fürchten müssen, den Rückweg nicht mehr zu finden. Immerhin schienen sich hier keine Magier herumzutreiben. Gerade als sie um die nächste Ecke bog, hinter der sich eine steinerne Treppe in die Tiefe schlängelte, hörte sie plötzlich Stimmen, die ihr entgegenkamen. Rasch sah Kara sich um, und das einzige Versteck, das ihr ins Auge sprang, war eine staubige Statue, die zur Hälfte in einer Nische stand. Mit einem Satz war sie hinter dem Abbild des finster blickenden Magiers verschwunden und hoffte inständig, dass die karge Beleuchtung sie verbergen würde, wenn die nahenden Schritte sie erreicht hatten. Doch plötzlich verstummten die Schritte, ein gutes Stück von ihrem Versteck entfernt, und auch die Stimmen hielten einen Moment inne, bis auf einmal das schabende Geräusch von schwerem Stein auf Stein die unwirkliche Stille zerriss, und die Magier – es mussten zwei sein – wieder begannen sich leise zu unterhalten.
Kara konnte ihrer Neugier nichts entgegensetzen und obwohl ihr bewusst war, wie riskant es war, konnte sie nicht davon ablassen einen Blick aus ihrem Versteck heraus zu werfen.
Wäre das seltsame Geräusch der Steine und das Gemurmel der Magier nicht gewesen, so hätte sie sich garantiert dadurch verraten, dass sie überrascht die Luft einzog.
Sie hatte sich geirrt, es waren nicht zwei sondern drei Männer, doch der eine war definitiv kein Schwarzmagier, sondern seine zerrissenen aber ehemals edlen Kleidungsstücke erzählten eine andere Geschichte. Doch was Kara schockiert hatte war, dass er sich in einer seltsamen Starre zu befinden schien, die Arme unnatürlich an den Körper gepresst, die Augen schreckensweit aufgerissen, und statt auf seinen Beinen zu stehen, war er einfach an die Wand gelehnt, wie ein Brett. Die zwei Magier beobachteten indessen, wie ein unscheinbarer Steinblock in der Wand zur Seite glitt und einen geheimen Gang freilegte.
“Ein Gefangener!“, dachte Kara bestürzt und zog sich wieder weiter hinter die schützende Statue zurück, als der Geheimgang endgültig freigelegt war und sich die Magier daran machten, den erstarrten Mann in die Finsternis zu tragen. Das Letzte, das sie beobachtete war, dass einer der Schwarzgewandeten mit der Hand über eine unauffällig gemusterte Stelle an der Wand strich – dann begann der Eingang sich zu verschließen und kurz darauf war sie wieder mit Silberschwinge allein im Korridor.
Der Gedanke daran, dass sie ebenso enden könnte, falls man sie entdeckte, ließ Kara schaudern, und sie blieb eine ganze Weile in ihrem Versteck, bis sie sich aufraffte um Silberschwinge zuzuraunen:
„Könntest du mir den Weg zurück zeigen, bitte? Du hattest Recht, ich hätte auf dem Zimmer bleiben sollen…“

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #33 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Die Sonne war schon seit einiger Zeit hinter den Giebeln der Häuser verschwunden und die Gassen Kayro’hars füllten sich mit den Schatten der Nacht, die ihre suchenden Finger nach schwach beleuchteten Plätzen ausstreckten. Eine ungewöhnliche Stille legte sich über die Stadt. Es war wie ein Innehalten, ein Atemholen.
Die Dämmerung - die Zeit dazwischen.
Kein Wunder, dass sich so viele Legenden um Wesen rankten, die nur zu dieser Stunde unterwegs sein sollten. Die Straßen waren wie leer gefegt und das Kopfsteinpflaster schimmerte feucht im Licht des nun aufgehenden Mondes. Es war zu spät für die ehrbaren Bürger Kayro’hars und zu früh für die Nachtschwärmer - mochten sie nun nur auf Vergnügen aus sein, oder eigenen zwielichtigen Geschäften nachgehen.
Irgendwo huschte eine Gestalt von Straßenecke zu Straßenecke, hielt sich immer verborgen in der Dunkelheit, war selbst kaum mehr als ein Schatten. Nur der lange schwarze Umhang, den sie fest um sich zog, gab gelegentlich ein leises Geräusch von sich, wenn er vom zögerlichen Wind gebauscht wurde. Immer wieder hielt sie inne, schien völlig zu erstarren, den Kopf etwas schief gelegt, bevor sie mit anmutigen Bewegungen weiter eilte, anscheinend ein klares Ziel vor Augen.

Er beobachtete sie schon eine Weile, seine Mundwinkel zu einen sanften Lächeln gehoben, sah wie sie immer näher kam, scheinbar willkürlich in eine Gasse einbog – und an ihm vorbei eilte.
„Ich habe mal wieder Kopf und Kragen für dich riskiert.“
Die Gestalt verschwendete keinen Atemzug, um zu zögern, oder gar zu erschrecken, sondern wirbelte mit der Flinkheit einer Katze herum, die Arme zur Abwehr erhoben. Kurz verharrten beide reglos, dann sog die Verhüllte zischend die Luft ein und entspannte sich. Das zornige Funkeln in ihren etwas schräg gestellten Augen ließ nach und wich Erkennen. Freudigem Erkennen.
„Ein überaus weiser Magierlehrling hat mir mal gesagt, dass man immer die Wahl hat!“, sagte sie fröhlich und strahlte ihn entwaffnend an, während sie sich die Kapuze vom Kopf schüttelte, die ihr ebenmäßiges Gesicht bisher verborgen hatte. Ihr Gegenüber schnaubte nur, doch gleichzeitig jagte der Anblick der jungen Frau ein Gefühl angenehmer Spannung durch seinen Bauch. Er hatte sie wirklich vermisst.
„Aber musstest du mich so erschrecken?“ Die Stimme des Mädchens bebte vor gespielter Entrüstung, während aus dem Lächeln ihres Gegenübers ein breites Grinsen wurde. „Wann bekommt man schon einmal die Gelegenheit, Tanja von Weißfels einen Schrecken einzujagen?“ Einen Wimpernschlag zögerte er. „Oder soll ich dich lieber Milena das Bauernmädchen nennen?“
„Milena, die Tochter eines Schmiedes, wenn ich bitten darf!“, korrigierte sie und zwinkerte verschmitzt, dann schnellte sie auf ihn zu und umarmte ihn.
„Geriyon! Was bin ich froh dich zu sehen!“ Um ein Haar wäre der junge Magier zurück gestolpert. Blut schoss in sein Gesicht und er hoffte verzweifelt, dass sein Grinsen nun nicht allzu dämlich wirkte. Schließlich wagte er es, ebenfalls die Arme um die junge Frau zu legen.
„Hier hätte ich dich zuallerletzt erwartet, Tan- Milena!“ Die junge Frau löste sich wieder von ihm und Geriyon öffnete seine Arme nur widerwillig. Als ihm das bewusst wurde, begann sein Gesicht zu glühen.
Milena ließ sich seufzend neben Geriyon auf eine kleine Mauer sinken und rückte etwas herum, um eine bequeme Position zu finden, dann schlug sie die Beine übereinander.
„Es war auch keineswegs geplant, hier her zu kommen. Es ist eher einem unvorhergesehenen Missgeschick geschuldet.“ Versonnen strich sie sich durch ihr seidiges Haar, bevor sie Geriyon wieder ein strahlendes Lächeln schenkte. „Jedenfalls vielen, vielen Dank für vorhin! Ich nehme an, du hattest gewichtige Gründe, dich für Yerim als Seher zu verdingen ... und dann auch noch in der Kluft eines schwarzen Magiers. Ich hab dich zuerst gar nicht erkannt.“
Geriyon hob die Schultern.
„Steht mir doch irgendwie, oder nicht?“, antwortete er dann grinsend und entlockte der jungen Frau damit ein verhaltenes Kichern.
„Du bist zu düster Geri, versuch’s lieber mal mit schreiend bunten Farben. Vielleicht rot und grün?“
Geriyons verzog angewidert die Mundwinkel.
„Ich nehme an, ich darf dich nicht fragen, was es mit diesem Kerl auf sich hat? Andamir, oder wie ich ihn nennen sollte. So einen schlechten Lügner hab ich ja lange nicht gesehen, dem hab ich seine Nervosität auch ohne jede Magie angesehen.“
Milena schüttelte nur den Kopf. „Besser du fragst nicht, dann frag ich dich auch nicht nach deiner Kluft.“
Dann zwinkerte sie ihm zu. „Aber deine Eifersucht ist völlig unbegründet, ich habe nur die letzten paar Wochen mit ihm in einem Raum verbracht.“
Kurz zuckte das Bild eines schreienden Andamirs, dem Geriyon genüsslich ein glühendes Eisen auf den Handrücken presste, durch den Geist des Magiers.
„Dann tut es mir Leid dich enttäuschen zu müssen, aber bei seiner Antwort mit dem Mädchen hat er ganz klar nicht an dich gedacht. Ich habe zwar, wie du mich gebeten hast, nicht seine Gedanken lesen, aber dieses Bild hat er mir förmlich aufgedrängt.“
Milena knuffte ihn von der Seite. „Du bist doch nicht wirklich eifersüchtig, oder?“ Schlagartig wurde sie wieder ernst. „Ein Mädchen sagst du?“ Nachdenklich rieb sich die junge Frau übers Kinn. „Das muss diese Jo sein ...“
Interessiert hob der Magier seine Augenbrauen. „Einen Namen habe ich auf diese Weise nicht empfangen.“ Milena winkte ab. „Ist auch nicht so wichtig.“
Stattdessen blickte sie ihn besorgt an und streckte eine Hand nach seinem Gesicht aus. Geriyon zuckte unwillkürlich zurück, als er ihre Hand an dem Siegel spürte, das sein rechtes Auge bedeckte, entspannte sich aber wieder, als sie nur sanft über das lederne Band strich. Ihre Finger lagen angenehm kühl auf seiner Haut.
„Alles in Ordnung ... hiermit?“
„Ich hab es nur mit Bedacht eingesetzt, es ist seitdem nichts mehr passiert.“ Die junge Frau nickte nur.
„Sei Vorsichtig, ja?“
Bestätigend senkte Geriyon den Kopf, während Milena einen prüfenden Blick zum Himmel warf.
„Ich muss wohl langsam zurück, mein Fehlen darf nicht entdeckt werden.“
Da war wieder diese Anspannung in Geriyons Magengegend. Er wollte nicht, dass sie schon ging. Aber sie hatten beide ihre Aufgaben und auch er musste zur Akademie zurück kehren. Kara wartete bestimmt schon. Also brummte er zustimmend.
„Wenn du meine Hilfe brauchst, ruf einfach Silberschwinge. Er wird dich sicher finden.“ Der Magier runzelte die Stirn. „Und gib Acht vor diesem Händler ... Khelim ...“ Überrascht blickte Milena auf. “Was ist mit dem?”
Geriyons Gedanken begannen zu rasen. Er hatte einen Pakt mit Dende, aber bei diesem verschlagenen Zauberer musste man wirklich vorsichtig sein. Trotzdem, er durfte Dende nicht verraten, solange er den Pakt nicht aufs Spiel setzen wollte.
„Ist nur ein Gefühl ...“, antwortete Geriyon zögerlich. Forschend sah Milena ihm ins Gesicht. Schließlich nickte sie und erhob sich dann. „Ich weiß nicht wie lange wir noch in Kayro’har bleiben, aber wir sehen uns spätestens auf dem Konvent im Winter. Dann ganz ohne Decknamen und Heimlichtuerei.“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Pass auf dich auf.“ Rasch verschwand sie wieder in der Dunkelheit, wie ein Gespinst aus Wind und Traum.
Geriyon sah ihr nach, eine Hand an der Wange und schluckte schwer an einem Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte. Er wusste, dass sie viel besser auf sich selbst achten konnte, als er es je könnte. Und doch ...
Schließlich straffte der Magier die Schultern und warf sich seine eigene Kapuze über den Kopf. Er benötigte jetzt seine ganze Konzentration für die Aufgaben, die vor ihm lagen. Er hatte Kara versprochen, dass sie sich würde frei bewegen können und er hatte vor, dieses Versprechen zu halten. Nachdenklich hielt er noch einmal inne. Kara? Oder Jo?

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

Wanderer zwischen den Welten und der
Weltenknoten

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Beitrag #34 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
„He!“ Arjuk wollte protestieren, doch schon fühlte er sich über die Schwelle nach draußen gestoßen. Unsanft landete er im nassen Gras und rollte sich schnell zur Seite, als Kin hinterhergestolpert kam.
„Viel Spaß noch! Schaut wieder vorbei, wenn ihr euch abgekühlt habt.“ Mit hämischen Lachen wurde die Tür zugeschlagen.
Arjuk warf einen schnellen Blick zu Kin, der taumelnd auf die Beine kam. Das Mondlicht schnitt tiefe Schatten in sein wutverzerrtes Gesicht. Im Halbdunkel glitzerte eine Blutspur, die sich von seiner Nase herab zog, vom Kinn tropfte. Fluchend wischte er sich über das Gesicht. „Verdammt. Das ist alles deine Schuld!“
Arjuk erinnerte sich nicht daran, den Schlag gelandet zu haben, noch an den Auslöser des Streits. Da war nur ein bunter Wirbel aus Farben, Gesichtern, Kin mit dem Krug in der Hand... Und Wut.
Dabei hatte sich Arjuk doch zuerst nur widerwillig zu Yerims Fete überreden lassen, hatte zögernd an seinem Becher genippt und sich im Hintergrund gehalten. Doch dann hatten Yerims Gäste von den Gerüchten erzählt... Noato war gefallen.
„Weißt du, wie lange ich Yerim schon diene?“
Kin brachte die Worte nur schwer über die Lippen. Glücklicherweise schien er weit betrunkener zu sein als Arjuk selbst. Das würde wohl Arjuks einziger Vorteil gegen den jungen Mann sein, der, wie er mittlerweile wusste, in den Slums vor Aven’hars Toren aufgewachsen war.
„Weißt du, was ich alles für ihn getan habe?“
„Keine Ahnung, was denn?“ antwortete Arjuk auf’s Geradewohl. Er brauchte Zeit, um seine Gedanken zu sortieren. Abwesend registrierte er einen süßlichen Geschmack in seinem Mund. Als er sich erhob, fuhr ein stechender Schmerz durch das Knie, mit dem er gegen den gusseisernen Tisch in der Halle geknallt war.
„Kohle. Glühende Kohle.“
Noato war gefallen; nur so viel schien sicher. Was das Schicksal von Herzog Kalil betraf, wartete jeder mit einem anderen Gerücht auf. Die einen behaupteten, er hätte es in letzter Sekunde geschafft, durch die feindlichen Reihen zu fliehen, die nächsten sprachen von einem dramatischen Kampf, der damit endete, dass sich der Herzog selbst das Schwert in die Brust rammte.
„Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn sich die Glut in deine Haut brennt?“
Getrunken und gesungen hatten sie, während sie von Noato sprachen, von den niedergebrannten Stadtvierteln... Wieder ballte sich Zorn wie glühender Klumpen in Arjuk zusammen.
„Aber ich hab kein Wort gesagt. Kein Wort. Hab Yerim nie verraten.“
Arjuk starrte Kin an. Was zur Hölle wollte dieser Verrückte eigentlich von ihm? Kaum bemerkte er, dass sich seine Hände zu Fäusten schlossen. Einen kurzen Moment lang schrie jede Faser seines Körpers danach, sich auf Kin zu stürzen.
„Was ist?“ Kin erwiderte Arjuks Blick ebenso aggressiv. „Hast du noch nicht genug?“
Arjuk nahm einen tiefen Atemzug und rief sich zur Vernunft. Es war die Ungewissheit über das Schicksal seines Vaters, die ihn rasend machte. Sich mit Kin anzulegen, würde ihn dabei nicht das Geringste weiter bringen.
„Was ist dein Problem? Nicht ich habe diese Nummer mit der Kohle durchgezogen!“, hörte er sich sagen. Wütend bemerkte er, dass seine aufgeplatzte Lippe bei jedem ungelenk geformten Wort schmerzte. „Überhaupt, morgen bin ich über alle Berge und du bist von meiner Anwesenheit erlöst, also reiß dich zusammen.“
Überraschenderweise schwieg Kin. Mit hängenden Schultern stand er da, als hätte er vergessen, warum er sich eigentlich hier befand.
Als sein Gegner keine Anstalten machte, ihm zuzusetzen, ließ sich Arjuk gegen die Hauswand sinken. Er musste herausfinden, was mit Kalil geschehen war! Seine Gedanken drehten sich im Kreis, unfähig, zu einem klaren Schluss zu kommen. Während er abwesend seine pochende Lippe betastete, stand ihm wieder das markante Gesicht mit den kühn geschwungenen Brauen vor Augen, den Blick voller Entschlossenheit.
„Ich werde tun, was ich kann, um die Stadt zu verteidigen. Falls sie fällt, werde ich tun, was ich kann, um zu fliehen. Falls ich nicht fliehen kann... habe ich meine Pflicht getan.“
Arjuk biss die Kiefer so fest aufeinander, dass sie schmerzten. Sein Kopf war schwer von Fragen, vom Alkohol und von... Linien. Verwirrenden Linien, die sich durch seinen Geist wanden, in tausend Schnörkel zerbrachen, dass ihm schwindelte. Unwillig schüttelte Arjuk den Kopf, doch das Bild der Gravur, die er mühevoll abgezeichnet hatte, ließ sich nicht vertreiben. Es hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt und suchte ihn hartnäckig heim wie ein Fluch...
Du wirst weg sein.“ Kins Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Aber Seyjuk... Seyjuk bleibt.“
Arjuk seufzte. Jetzt wäre der Moment, sich aus dem Staub zu machen, schoss es ihm durch den Kopf.
„Es ist ungerecht! Ich hätte als Yerims Sohn geboren werden müssen. Ich wäre ihm ein guter Sohn gewesen, auf den er stolz sein kann. Nicht wie dieser verfluchte Seyjuk.“
„Seyjuk - Yerims Sohn?!“ Arjuk hatte bereits zur Tür geschielt, doch nun fuhr er auf. „Ich dachte, die beiden sind Todfeinde!“
Kin hob den Kopf, und der Anblick fuhr Arjuk durch Mark und Bein. Zwischen den wirren Haarsträhnen funkelten blutunterlaufene Augen, das Gesicht glänzte nass von hilflosen Tränen des Zorns.
„Todfeinde, ja?“ Kin schnaubte. „Das sagen alle. Yerim selbst sagt es. Aber jede Nacht spricht er im Schlaf von ihm.“
Halb fasziniert und halb abgestoßen beobachtete Arjuk, wie sich der junge Mann langsam näherte.
„Jede Nacht verflucht und beweint er ihn. Fleht ihn um Verzeihung an.“
Erst als sich Kin direkt vor ihm aufgebaut hatte, wurde ihm klar, worauf das ganze hinauslief. Wo war er nur mit seinen Gedanken?! Schnell rappelte sich Arjuk auf, doch Kin packte ihn bereits am Kragen.
„Mo... moment mal,“ wandte Arjuk schwach ein. „Solltest du das nicht besser mit Seyjuk besprechen? Ich meine, was habe ich damit zu tun, dass...“
„Was du damit zu tun hast? Einfach alles!“
Arjuk blieb die Luft weg, als Kin ihn mit überraschender Heftigkeit packte und ihn gegen die Wand schmetterte.
Ich habe Yerim treu gedient! Ich war immer da, immer zuverlässig, immer loyal, selbst unter der Folter!“
Schmerz vernebelte Arjuks Blick, als er noch einmal gegen die Wand schlug, dieses Mal mitsamt dem Hinterkopf. Er wollte sich losreißen, aber Kin ließ sich nicht so leicht abschütteln. Nach einem kurzen Gerangel hatte er Arjuk im Schwitzkasten.
„In Yerims Augen werde ich bis an mein Lebensende der schmutzige ungewollte Straßenjunge bleiben. Weißt du, wie das ist, aus der Gosse zu kommen? Mir wurde nicht alles in die Wiege gelegt, weißt du?“
Arjuk keuchte auf, als Kin den Griff verstärkte und ihn langsam in die Knie zwang. Ein dumpfer Schmerz pochte in seinem Kopf.
„Yerim... Yerim denkt nur an Seyjuk, der keine Ehre im Leib besitzt, der unseren Feinden das Leben rettet, das einzige, das ihn auszeichnet, ist, dass er zufälligerweise als Yerims Sohn geboren wurde. Und du...“
Unsanft landete Arjuk im Gras. Nach Luft japsend kam er auf die Beine.
„Du bist wie Seyjuk. Deshalb gibt sich Yerim mit dir ab.“
Hätte Arjuk nicht so sehr nach Atem ringen müssen, er hätte laut aufgelacht. Er verstand Kin. Verstand jede einzelne seiner Gemeinheiten, die kriecherische Eifrigkeit, der bedingungslose Gehorsam. All das war Teil seines Kampfes um den ersten Platz in Yerims Gunst. Er, Arjuk, hatte jahrzehntelang den gleichen zähen Kampf geführt, den Kampf um die Anerkennung seines Vaters. Und er war genauso gescheitert.
„Du bist genauso gebildet, genauso westländisch, genauso ehrlos.“ Ein gefährlicher Unterton schwang in Kins Stimme. „Du würdest doch noch deinem schlimmsten Erzfeind die Hand reichen.“
„Meinem Erzfeind?“ Arjuk blickte auf. „Da irrst du dich,“ sagte er bestimmt.
„Was machst du hier überhaupt? In Noato hättest du sein sollen, auf der Stadtmauer! Du fliehst, fliehst wie Seyjuk!“
Arjuk spannte sich. „Pass auf, was du sagst.“ Dumpf bemerkte er, dass seine Stimme rau war. Eine leise Stimme warnte ihn, dass er schnurstracks auf gehörige blaue Flecken zusteuerte. Es war ihm egal.
„Jetzt, wo du von der Niederlage hörst, ziehst du ein langes Gesicht, aber wo warst du, als Noato fiel? Feigling!“
Nein, es war ihm nicht egal - er sehnte den Kampf herbei, den Schmerz, den Geschmack von Blut auf der Zunge, das Geräusch, wenn seine Faust Kins Nase zertrümmern würde. Mit einem Lächeln stieß er sich leicht von der Hauswand ab.
„Halt’s Maul, Ostländer“, sagte er ruhig.
„Was hast du gesagt?“
„Ich sagte: Halt’s Maul, dreckiger, stinkender --“
Arjuk duckte sich unter dem Schlag hinweg. „--Ostländer!“ Kin heulte auf vor Wut und Schmerz, als seine Faust gegen die Wand krachte. Unbändige Schadenfreude durchzuckte Arjuk, als er sah, wie Kin die Hand gegen den Körper presste.
„Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst, Ostlän---“
Arjuk hätte sich die Worte sparen sollen. Etwas schien in seinem Gesicht zu explodieren. Er sackte gegen die Mauer, einen Moment lang wurde es rabenschwarz vor seinen Augen. Als sich sein Blick wieder klarte, sah er es vor sich: Buchstaben.
Er blinzelte verblüfft. Das Muster - die Linien, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollten, warum zur Hölle hatte er das nicht früher bemerkt? Die ganze Zeit über hatte es ihm sein Unterbewusstsein zugerufen...
Arjuk japste nach Luft, als Kin ihm die Faust in den Magen rammte. „Verdammt noch mal, nun wehr dich endlich!“ Kins Stimme brachte ihn in die Gegenwart zurück. Wie im Traum wich er einem weiteren Hieb aus. Mit einem schnellen Griff packte er seinen Gegner am Handgelenk und drehte ihm den Arm nach hinten. Arjuk war mindestens ebenso überrascht wie Kin, als dieser tatsächlich einen Schmerzschrei ausstieß und in die Knie ging.
Arjuk lächelte. Danke, Antar. Als der Söldner ihm vor drei Jahren den Kniff beigebracht hatte, war immer er es gewesen, der am Ende keuchend am Boden gelegen war.
„Tut mir leid, Kin,“ - Arjuk verstärkte seinen Griff noch einmal, dass Kin aufstöhnte -, „aber ich habe noch etwas zu erledigen.“
Mit einem Ruck stieß er den Betrunkenen von sich. Noch bevor sich sein Gegner aus dem Gras aufrappeln konnte, fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.


Loyan. Loyan war entlassen worden, nachdem Arjuk im Zorn eine wertvolle Vase zerschmettert und es dann dem Diener in die Schuhe geschoben hatte.
Mit jeder Stufe, die Arjuk nahm, schmerzte sein geschwollenes Knie, und mit jeder Stufe fiel ihm ein neuer Name ein. Namen, die ihm jahre-, jahrzehntelang nicht mehr in den Sinn gekommen waren.
Rian - Aus purer Langeweile hatte Arjuk ihm aufgetragen, ihm dies oder jenes zu bringen und ihn einen Nachmittag lang durch den Palast kommandiert. Denn im Palast gab es nicht nur Gold und Silber, sondern auch Langeweile im Überfluss...
Oder Gemir, der den Fehler begangen hatte, Kalil zu melden, Arjuk wäre im Unterricht unaufmerksam und unkonzentriert. Arjuks Rache kam prompt und gründlich. Seitdem hatte nie wieder einer seiner Lehrer gewagt, einen ehrlichen Bericht an Kalil zu liefern.
Oder der Kon, der Koch. In der Zeit, in der gerade klar wurde, dass seine Mutter an keiner gewöhnlichen Krankheit litt, hatte Arjuk unzählige Male das Essen heimlich versalzen, um es in die Küche zurück schicken zu können, so lange, bis Kon ernsthafte Probleme bekam. Dabei war er einfach nur angespannt und appetitlos, aber was sein Vater dazu gesagt hätte, konnte sich lebhaft vorstellen. Reiß dich zusammen.
Oder Doyan...
Arjuk war im Obergeschoss angelangt. Einen Moment lang lehnte er sich gegen den Pfosten des Treppengeländers und versuchte, sich zu beruhigen. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er in schwere Erklärungsnot geraten würde, sollte Kin ihm folgen und ihn in Yerims Arbeitszimmer erwischen. Warum nur war er immer so unachtsam!
Arjuk spitzte die Ohren, doch im Korridor im Erdgeschoss war alles ruhig. Kurz zögerte Arjuk, doch er wusste, dass er keine Ruhe finden würde, bevor er diese Skizzen noch einmal in der Hand gehalten hatte. Und vielleicht war diese Nacht sogar seine letzte Gelegenheit dazu...
Während er sich im Halbdunkel den Korridor entlang tastete, stand ihm wieder das Gesicht seines Vaters vor Augen. Stell keine dummen Fragen. Sei nicht so leichtgläubig. Lass dir selbst etwas einfallen. Nimm dir ein Beispiel an mir. Du bist kein Kind mehr.
Tausend Gelegenheiten fielen ihm ein, zu denen er vor den Augen seines Vaters gut dastehen wollte. Aber es ging stets nur darum, einen Fehler, eine Unzulänglichkeit, einen Makel zu vertuschen. Hatte er seinen Eltern je ein Talent bewiesen? Abgesehen von dem, zu intrigieren...
Arjuk lächelte grimmig. Er war sich sicher, dass niemand außer ihm die Inschrift bemerkt hatte, die sich zwischen dem aufwändigen Dekor über den Rand des Ringes und des Medaillons wand. Niemand konnte mehr die verschlungenen Lettern des Iloya lesen, das seit der Gründung Athalems nicht mehr in Gebrauch war, und selbst Arjuks strenge Lehrer hatten es ihm damals freigestellt, sich die alte Schrift genauer zu Gemüte zu führen. Natürlich hatte er es getan. Aus Langeweile - und weil seine Mutter gesagt hatte, er solle seine Aufgaben machen. Er war immer ein fleißiger Schüler gewesen, damit sie lächelte und sagte, was für einen klugen Sohn sie doch hätte.
Arjuk war am Arbeitszimmer angelangt und tastete nach der Klinke. Er würde das Geheimnis dieser Schmuckstücke lüften, hinter denen plötzlich alle Welt her war. Er würde Vuluns Plänen auf die Schliche kommen, herausfinden was mit Jo geschehen war und er würde, irgendwie, irgendwie, seinen Vater finden.
Triumphierend schlossen sich Arjuks Finger um das Metall der Klinke. Entschieden drückte er sie hinunter - und stutzte.
Verschlossen! Arjuk ballte die Fäuste. Das konnte nicht wahr sein. Zähneknirschend rüttelte er an der Klinke, warf sich gegen das massive Holz. Schließlich trat er mit einem Wutschrei gegen die Tür, dass sie in ihren Angeln bebte.
„Was ist denn los?“
Arjuk wirbelte herum. Im Halbdunkel erkannte er Milena, die barfuß auf den Gang getapst kam. Sie hatte sich eine Decke übergeworfen und blickte verschlafen unter den wirren Haarsträhnen hervor.
„Hast du mich erschreckt.“ Arjuk seufzte erleichtert.
„Du mich auch,“ erwiderte Milena vorwurfsvoll. Plötzlich sog sie erschrocken die Luft ein. „Wie siehst du denn aus?“ Sie zog die Brauen hoch. „Was willst du mitten in der Nacht, mit blauem Auge und blutender Lippe, in Yerims Arbeitszimmer? Bitte sag mir, dass du betrunken bist...“
„Ja, das sicher auch.“ Frustriert ließ sich Arjuk gegen die Wand sinken. Er senkte die Stimme. „Milena, ich hab etwas Wichtiges entdeckt. Die Gravur auf der Einfassung der Schmuckstücke - das ist eine Inschrift!“ Arjuks Stimme zitterte vor Aufregung. „Wenn ich nur diese Skizzen noch einmal ansehen könnte, kann ich es vielleicht entziffern, aber Yerim, dieser Hund, hat sein Arbeitszimmer abgeschlossen...“
Einen Moment lang blickte Milena ihn mit einem seltsamen Ausdruck an. Arjuk fragte sich bereits, ob sie ihn für übergeschnappt hielt, als sie schmunzelte. „Ab und an hast du wirklich geniale Einfälle.“
Arjuks Herz machte einen Freudensprung. „Mmmnaja, hätte früher drauf kommen sollen,“ murmelte er verlegen.
„Aber meistens bist du einfach nur schusslig.“
Was?
Mit einem betörenden Lächeln deutete Milena auf die kleine Kommode, die direkt neben der Tür stand. Neben einer altmodischen Vase schimmerte im Halbdunkel ein Schlüssel.


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Beitrag #35 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Als Kara zaghaft die Zimmertür öffnete und in den immer noch leeren Raum blickte, seufzte sie erleichtert. Jetzt musste sie wenigstens Geriyon nicht erklären warum sie sich in der Akademie herumgetrieben hatte. Nur Silberschwinge würde sie dazu bringen müssen, ihren kleinen Ausflug nicht zu erwähnen. Flink schloss Kara die Tür hinter sich - und erstarrte.
Im Schatten der Tür lehnte eine dunkelgewandete Gestalt mit untereinander geschlagenen Beinen an der Wand und lächelte sie freundlich an. "Oh... äh, hallo", stammelte sie und versuchte dem durchdringenden Blick ihres Gegenübers zu entkommen, indem sie verlegen ihre Fußspitzen anstarrte. "Hat es denn Spaß gemacht, so auf eigene Faust durch die Gänge einer dir feindselig gesonnenen Akademie zu schleichen?" Geriyons Lächeln veränderte sich nicht, es blieb auf erschreckende Weise - freundlich. „Ähm… naja, kann man jetzt nicht so sagen. Hätte lustiger sein können“, antwortete Kara, überrascht über seine Frage und noch überraschter über seine fast gleichgültige Reaktion. „Hör mal“, versuchte sie zu erklären, „ich weiß es war eine ausgesprochen blöde Idee in der Akademie herumzulaufen, wo mich doch jederzeit jemand entdecken hätte können, aber ich war die letzten Tage schon genug eingesperrt und unbeschäftigt.“ Geriyons Mine blieb immer noch unverändert. „Immerhin“, fügte sie hinzu, „ist es nicht gerade sehr angenehm sich die ganze Zeit ohne Ablenkung nur Gedanken darüber zu machen, dass man keine Gedanken hat! Also ich meine Erinnerungen…“ Ächzend stemmte der junge Magier sich in die Höhe und streckte sich etwas. "So, so ..." murmelte er. "Ich kann natürlich nachvollziehen, das dieser EINE Tag mehr, völlig unzumutbar war." Geriyon nickte.
Mit einem Seufzen rollte Kara mit den Augen. „Schon gut, ich hab’s verstanden. Keine Ausflüge und keine unbedachten Aktionen mehr.“ Er hatte Recht, das ließ sich nicht bestreiten, aber innerlich ärgerte Kara sich darüber, dass er sie überhaupt erst hierher gebracht hatte. Denn nach ihrer Begegnung mit den Magiern, die den Gefangenen durch einen geheimen Gang wahrscheinlich in den Kerker gebracht hatten, hatte sie erst begriffen wie gefährlich es in der Akademie der schwarzen Magier für sie werden konnte. Und wer konnte schon sagen, ob es diese Gefahr wirklich wert war, was der junge Magier ihr versprochen hatte. Ihre magischen Fähigkeiten zu schulen und das Rätsel über ihre Vergangenheit zu lösen. Forschend sah Geriyon ihr ins Gesicht. "Es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen, nicht wahr?" Er deutete mit dem Kopf zur Tür. "Schließlich hatte ich dir versprochen, dass du dich frei bewegen können wirst. Und meine Versprechen pflege ich zu halten." Der Magier zwinkerte ihr zu. "Schließlich bin ich nicht Dende."
„Oh, ja klar“, antwortete sie überrumpelt und wunderte sich insgeheim ob er ihre Gedanken lesen konnte. Erstaunt darüber, dass er kein weiteres Wort über ihren kleinen Ausflug verlor folgte sie ihm hinaus auf den verlassenen Gang und fragte sich gleichzeitig ob nicht Silberschwinge ihm schon alles über den Streifzug durch die Akademie berichtet hatte. "Und was... was haben wir vor?", fragte sie unsicher, als er sie in eine Richtung führte, die ihr von gerade eben nur zu bekannt vorkam.
Geriyon hielt kurz inne, spähte in einen Seitengang und huschte dann weiter. "Wird dringen in die Bibliothek ein."
„Wie >eindringen<? Kann nicht jeder in die Bibliothek?“ Verwirrt beeilte Kara sich Geriyons langen Schritten zu folgen.
Der Mond schien durch die großen Fenster, die die Wand des Ganges in regelmäßigen Abständen durchbrachen, und malte Flecken aus flüssigem Silber auf den kühlen Steinboden. Wieder blieb Geriyon abrupt stehen, schien sich zu orientieren und folgte dann einem der etwas schmaleren Seitengänge. "Die Adepten dürfen nur bestimmte Teile der Bibliothek aufsuchen. Wir interessieren uns aber dummerweise für Bücher, die nur für die Meister vorgesehen sind."
"Das heißt wir dürfen da gar nicht rein", stellte sie fest und schluckte, "Und wenn wir erwischt werden, dann ... ?" Ein unangenehmes Gefühl beschlich Kara und plötzlich war ihr als ob ihre Sinne viel schärfer waren als zuvor. Jeder Schritt auf dem steinernen Boden hallte zehnfach wider und in ihren Gedanken wurden daraus grimmige Magier, die ihnen auf den Fersen waren. Bei jeder Tür, die Geriyon öffnete, hielt sie den Atem an und glaubte doch von der anderen Seite jemandes Atemzug zu hören. "Ganz genau, wir dürfen da nicht rein." Ernst blickte Geriyon zu ihr zurück. "Und wenn wir erwischt werden bin ich tot ... ich glaube du kommst etwas glimpflicher weg. Vielleicht ein wenig Gehirnwäsche." Er legte das Ohr an eine Tür und lugte dann durch das Schlüsselloch. "Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten, wir dringen frontal ein, oder wir suchen einen der Geheimgänge. Was ist dir lieber?"
„Äh ich weiß nicht. Das wo wir möglichst nicht entdeckt werden?“, sagte sie unsicher und fühlte sich noch unwohler als zuvor, all sie daran dachte dass sie womöglich bald selbst durch einen geheimen Durchgang in der Wand in einen Kerker geführt werden konnte. Für einen kurzen Moment erschien ihr der Gedanke an eine Gehirnwäsche unheimlich lustig zu sein, und schon hätte sie fast laut aufgelacht. Geriyon sah sie fragend an, als sie versuchte ihr Grinsen zu verstecken.
„Ich musste nur gerade daran denken, dass eine Gehirnwäsche bei mir wohl keinen großen Unterschied mehr machen würde.“
Geriyon hob die eine sichtbare Augenbraue. "Gehirnwäsche beinhaltet auch, dass du aufeinmal glaubst, allen Befehlen folgen zu müssen, weil die Schule der schwarzen Magie einfach recht hat, mit allem was sie sagt. Ich befürworte da ein Mindestmaß an Selbstbestimmung." Kara riss die Augen auf. Doch der Magier hob beschwichtigend die Hände. "Soweit werde ich es nicht kommen lassen, ich weiß schon was ich tue." Er runzelte die Stirn und spähte dann noch einmal durch das Schlüsselloch. "Wir gehen durch den Haupteingang. Der wird zwar von Gardisten bewacht, aber auf den Schleichwegen könnten wir zu leicht auf einen der Lehrmeister treffen."
Gardisten. Kara spürte wie ihr Herz schneller schlug und auf einmal fragte sie sich, warum Geriyon sich so in Gefahr begab, nur um einer Unbekannten mit Gedächtnisverlust, die zufällig magiebegabt war, zu helfen. „In Ordnung, wie du meinst…“, murmelte sie und fragte sich fassungslos wie sie an den Gardisten unbemerkt vorbeikommen sollten.
"Da stehen zwei Mann vor. Nicht besonders aufmerksam. Ich werde sie ... ähm ... ablenken. Aber das wird meine volle Konzentration benötigen. Du müsstest also die Tür öffnen. Entweder in dem du das Schloss knackst." Geriyon sah ihr forschend direkt in die Augen. "Oder indem du einem der Gardisten den Schlüssel vom Gürtel stiehlst. Berühr sie möglichst nicht dabei, in Ordnung?"
„Was? Ohne sie zu berühren? Wie – “, Kara seufzte resigniert als sie Geriyons entschlossene Gesichtszüge sah, „ In Ordnung. Ich werds versuchen…“

Sie beobachtete wie Geriyon neben ihr einen konzentrierten Gesichtsausdruck annahm, anschließend seine Hände vor die Brust führte und verschnörkelte Symbole in die Luft malte. Gespannt wartete sie darauf was passieren würde, und ihre Nervosität stieg unaufhaltsam. Langsam stellten sich ihre Nackenhaare auf und ihr war als ob ein unnatürliches Kribbeln ihren ganzen Körper einhüllte, während Geriyon flink Symbol um Symbol in die Luft bannte.
"Geh jetzt" presste er hervor.
Fragend blickte sie den jungen Magier neben ihr an, doch er war zu sehr in seiner Konzentration versunken, als dass er ihren Blick erwidern würde. Kara nahm ihren immer weiter schwindenden Mut zusammen und öffnete die Tür, hinter der sich die zwei Wachen - stämmige und grob wirkende Kerle mit Hellebarden und in schwarze Lederrüstungen gekleidet auf denen das rote Zeichen der Akademie abgebildet war- befanden, und hielt den Atem an als sie den kleinen Vorraum betrat von dem aus sie zur Bibliothek gelangen wollten. Nach ein, zwei vorsichtigen Schritten stellte sie verwundert und erleichtert fest, dass die Wachen sie mit keinem Blick würdigten und ihre Anwesenheit gar nicht zu bemerken schienen. Als sie zwischen den Wache stand und gerade herauszufinden versuchte welcher der beiden den Schlüssel bei sich tragen könnte, verlagerte der Hüne zu ihrer Linken sein Gewicht auf seinen anderen Fuß und kam Kara erschreckend nahe. Die Warnung die Wachen auf keinen Fall zu berühren ließ sie zurückschrecken, doch unglücklicherweise kam sie so dem anderen Mann zu nahe und streifte ihn mit dem Ellbogen. Mit schreckensgeweiteten Augen nahm sie wahr wie die Wache sich unruhig umsah und mit einem Blick zu Geriyon sah sie, dass dieser mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht die Symbole in der Luft wiederholte, die Hände zittrig und Schweißperlen auf der Stirn. Hastig suchte sie die Gürtel der Männer ab – doch hier war kein Schlüssel. Unsicher was sie nun tun sollte sah sie zu Geriyon zurück, der immer stärker um seine Konzentration zu kämpfen schien, und entschied dass es sicherlich keine gute Idee wäre die Wachen auf der Suche nach einem Schlüssel noch einmal zu berühren. Mit einer vagen Hoffnung die Tür wäre vielleicht gar nicht versperrt versuchte Kara sie einfach so zu öffnen – vergeblich. Sie musste einen Weg finden die Tür ohne Schlüssel zu öffnen! Die Zeit rann ihr durch die Finger, das war offensichtlich, wenn man den jungen Magier beobachtete, der immer hastiger und fieberhafter mit seinen Händen die Luft vor ihm zerteilte. Plötzlich, noch bevor Kara in dem winzigen Raum nach etwas suchen konnte mit dem man ein Schloss öffnen konnte, wanderten ihre Hände wie von selbst in ihre Hosentaschen und nach einer kurzen Suche hielt sie einen kleinen, dünnen Gegenstand in den Händen: eine verbogene Haarnadel. Ohne nachzudenken steckte sie das kleine Stück Metall hoffnungsvoll ins Schloss und hatte kaum Zeit sich zu wundern welche geübten Handgriffe sie da durchführte, als ein leises Klicken ertönte und die Tür fast lautlos nach Innen aufschwang.
Vorsichtig, ohne eine unnötige Bewegung, schritt Geriyon nun zwischen den beiden Wachen hindurch, das Auge immer noch geschlossen. Der Blick einer der Wachen zuckten in seine Richtung, schienen aber förmlich an der schlanken Gestalt des Magiers abzugleiten. Verwirrt wischte der Wächter durch sein Gesichtsfeld, also wolle er ein lästiges Insekt vertreiben. Als Kara leise die Tür hinter sich und Geriyon schloss umfing sie eine gedämpfte und staubige Stille. Sichtlich erschöpft glitt der Magier an der reichverzierten Holztür herab. Nur langsam beruhigte sich sein Atem. "Zwei aus der Wahrnehmung zwei Anderer zu löschen ... das war nicht ganz einfach." Leise seufzte er und massierte seine Stirn. "Verschleiern ist nicht wirklich mein Spezialgebiet. Eher das Gegenteil. Aber ich kenne da jemanden dem das viel leichter gefallen wäre."
Da hielt Geriyon inne und blickte Kara forschend an. "Sag mal, was hast du denn mit dem Schlüssel gemacht?"
Die Angesprochene lächelte unsicher und in ihrer rechten Hand befand sich immer noch das kleine Stück Metall mit dem sie die Tür aufgeschlossen hatte.
„Also da war kein Schlüssel. Ich musste … improvisieren.“
Sie hielt ihm die Haarnadel hin und erklärte: „ Ich weiß auch nicht, aber irgendwie wusste ich was zu tun war und als ich in meine Hosentaschen griff…“
"Hm ..." nachdenklich rieb Geriyon sich über das Kinn. "So so."
Sein unverhülltes Auge hob sich und für einen kurzen Augenblick schien etwas Verborgenes darin zu funkeln.
Stirnrunzelnd blickte sie ihn an und steckte das hilfreiche Werkzeug schnell wieder weg.
Mit einer Haarnadel Schlösser knacken… als alltägliche Begabung kann man das wohl wirklich nicht bezeichnen, dachte sie verwirrt und leicht beunruhigt, und fragte sich was ihre Erinnerungen noch alles offenbaren würde. Dann schüttelte der Magier den Kopf und stemmte sich in die Höhe. "Wir sollten nicht zu viel Zeit verlieren." Mit einer Hand deutete er tiefer in die Bibliothek. Reihe um Reihe ragten schwere Bücherregale aus der Finsternis. Die Luft war unnatürlich trocken und Kara schien es so, als ob jeder Atemzug in der Gegenwart der ledernen Einbände und Papierrollen erschwert wäre."Wir dringen jetzt in die inneren Archive ein. Tagsüber bewacht der Bibliothekar die Verbindungstür wie seinen Augapfel." Geriyon hob die Schultern und grinste schief. "Deshalb kommen wir nachts."
Je weiter sie sich vom Eingang entfernten, desto älter waren die Bücher in den Regalen und der Geruch von Pergament und Staub wurde erdrückend.
Ein Schauer lief Kara über den Rücken. Obwohl es stockfinster war, sah sie die Bücher. Nein es war weniger ein sehen, als viel mehr ein fühlen- ab und zu kam es ihr so vor als ob die Runen und Symbole auf den Einbänden eine Art Eigenleben entwickelten. Blass schimmernde Zeichen verwoben sich zu immer neuen Worten und schlängelten sich über Leder und Pergament, nur um unscheinbar zu verharren, sobald man einen genauen Blick darauf warf.
Wie eine bedrohliche Wand bauten sich die vollen Regale um sie herum auf, gehüllt in ein feines Gespinst aus Gedankenfetzen, die immer wieder unverständlich in ihr Bewusstsein eindrangen. Fast war es, als würden die Bücher flüstern. Davon scheinbar völlig unbeeindruckt eilte Geriyon mit wehender Robe voran.
Schemenhaft schälte sich ein hölzerner Schreibtisch aus dem Zwielicht. Und dahinter eine schwere, mannshohe Tür. Verschlungene Runen waren im Holz eingelassen und schimmerten sanft.
"Noch einmal Schlösser knacken?", murmelte Kara und starrte ehrfurchtsvoll auf die Tür vor ihr.
Sie konnte Geriyons Gesichtsausdruck nicht erkennen, als er antwortete: "Keine Sorge, hier hat der Erzkanzler kein Schloss mehr für nötig befunden. Die Lehrmeister und er selbst sollen sich ja ungehindert bewegen können.“ Plötzlich flammten die Runen auf, schienen in einem geheimnisvollen Irrlicht zu strahlen. Neben sich konnte Kara die Schattenhafte Gestalt ihres Begleiters erkennen. Er hatte eine Hand erhoben, die offene Handfläche nach außen. Lautlos schwang die Tür nach innen. "Siehst du, es ist ganz einfach."
„Oh“, sagte Kara überrascht und nach einem letzten Blick in das unheimliche Zwielicht der Bücher, das hinter ihr lag, folgte sie Geriyon in die Dunkelheit.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #36 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Mit einem Zischen entzündeten sich der Reihe nach einige Fackeln, die an der Wand des nahezu kreisrunden Saals hingen und spendeten ein diffuses, flackerndes Licht, dass weitere Reihen von Bücherregalen enthüllte.
Diesmal lag die Magie so dicht in der Luft, dass man nach ihr greifen und ihren Widerstand spüren konnte als die beiden an den Regalen entlang gingen. Geriyon mit raschem, entschlossenem Schritt, Kara zögerlich hinter ihm.
"So ... jetzt müssen wir nur noch das richtige Buch finden. Irgendetwas das uns hilft."
Nachdenklich verschränkte Geriyon die Arme.
Kara seufzte. Sie brauchten etwas, das alle Welt davon abhielt sie für den furchtbaren Unfall am Markt zu verurteilen und die Schwarzmagier auf keinen Fall auf die Idee brachte, dass sie, die jetzt schon in ihren geheiligten Hallen umher marschierte, verantwortlich dafür war.
Sie sah sich um und mit jeder Reihe an Büchern, die sie im flackernden Lichtschein erkennen konnte, schwand ein Stück ihrer Hoffnung. Wie sollten sie denn in dieser Masse von Büchern, etwas finden das ihnen half? Irgendwie hatte sie gehofft, dass Geriyon bereits wusste, was sie suchten. Nervös schluckte sie. "Heißt das, wir müssen jetzt jeden einzelnen der Buchrücken absuchen?"
Anscheinend skeptisch blickte der Magier sie an. "Nein ..." murmelte er. "Nein, das geht auch einfacher. Ich weiß nur nicht ob -" seine Hand tastete zu dem Siegel über seinen rechten Auge. Schließlich seufzte er. "Weißt du, wenn jemand ein Buch schreibt, macht er sich dabei Gedanken, hat Gefühle ... er transferiert sozusagen einen Teil seiner Aura auf das Buch ... kannst du mir folgen?"
Etwas verwirrt musterte sie ihn, nickte dann jedoch. Still fragte sie sich was sie damit bloß anfangen sollten.
"Gut. Nun, ist es so, dass die Kunst der Hellsicht das Aurenlesen beinhaltet." Geriyon lächelte Kara an. "Zwar ist das was wir suchen nur ein schwacher Abglanz einer Aura, aber ab einem gewissen Grad der Meisterschaft in der Schule der Hellsicht, kann man auch sie lesen. Ich werde finden was wir suchen."
"Ja gut, aber was --- ", begann sie ihm zu widersprechen, entschied sich dann aber dagegen. Er wird schon wissen was er tut, dachte und hoffte sie, und als sie seinem fragenden Blick begegnete sagte sie schnell: "Eine Aura also. Verstehe."
Geriyon tippte sich an sein verhülltes Auge. "Damit wird es ein Kinderspiel ..." er schien sich zu sammeln. "Erschreck dich nicht." Dann zog er das Band, das bisher immer unbewegt geblieben war in die Höhe.
Ein sanftes bläuliches Licht vertrieb nun einige weitere Schatten aus ihrer Umgebung. Gebannt blickte Kara ihn an und unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück. Dort wo normalerweise ein Auge sein sollte, strahlte eine Kugel aus hellem Licht, in deren Mitte sich ein Kreis aus mehreren goldenen Symbolen befand. Er schien sich langsam zu drehen.
Geriyon hatte sein normales, linkes Auge geschlossen, das rechte war dafür umso weiter aufgerissen. Kurz schien das ... Ding sie anzuschauen, obwohl sie das nicht genau sagen konnte, denn es schien keine Pupille zu haben. Dann wandte sich der Magier um und sah in Richtung der Bücher. Langsam wandelte sich sein vor Konzentration zusammengekniffener Mund zu einem Lächeln. "Na also ..." Zielstrebig setzte er sich in Bewegung. Geriyon führte sie zwischen den schweren Bücheregalen entlang, bog an einigen Stellen scheinbar wahllos ab und blieb schließlich unvermittelt stehen. "Masquerade ... doch ich glaube so etwas in der Art müsste in diesem Buch stehen." Ein Griff und er hielt Kara einen in leder eingebundenen Folianten hin, der recht eingestaubt wirkte und keine besonderen Merkmale aufwies. Unsicher nahm sie das Buch in die Hand und runzelte die Stirn als sie den Magier ansah.
Das Leuchten seines Auges schien stärker geworden zu sein, außerdem hatte sie das Gefühl, das die Adern in der rechten Hälfte seines Gesichtes leicht angeschwollen waren. Doch Geriyon wandte rasch den Blick ab, ließ ihn ein weiteres Mal durch die innere Bibliothek schweifen. "Hm ... warte hier einen Augenblick, oder geh schon mal zum Eingang zurück, ich hab noch etwas zu erledigen." Geriyon wartete Karas Antwort gar nicht erst ab, sondern verschwand plötzlich in den Schatten zwischen zwei der Regale. Überrumpelt stammelte sie noch: "In Ordnung, was - ", doch ihre Stimme verlor sich bereits in der staubigen, magiegeladenen Luft als der junge Magier nicht mehr zu sehen war. Mit Unbehagen wurde ihr klar, dass sie nun alleine zwischen all den Regalen stand und keine Ahnung hatte aus welcher Richtung genau sie gekommen war. Das in dunkles Leder gebundene Buch in ihren Händen schien immer schwerer zu werden, und als sie sich mehr darauf konzentrierte schienen seltsame Schwingungen über ihre Fingerspitzen in ihren Geist zu dringen. Fast hätte sie das vor Magie strotzende Werk fallen gelassen, doch dann riss sie sich zusammen und schlug das Buch in ihre geliehene Robe ein, um es nicht mehr direkt berühren zu müssen. Sofort fühlte sie sich wohler. Die arkane Macht, die von dem Buch ausging war zwar immer noch zu spüren, doch immerhin wirkte sie nun nicht mehr so bedrohlich.
Die Regale auf beiden Seiten standen unbehaglich nah beieinander, sodass Kara geradezu umzingelt war von flüsterndem Pergament, das von Leim und Leder zusammen gehalten wurde. Einige Minuten stand sie regungslos in dem Labyrinth der Bibliothek und fragte sich mehrmals ob sie versuchen sollte auf gut Glück den Weg hinaus wieder zu finden, doch dann hörte sie plötzlich Schritte. Sehr gedämpft aber doch wahrnehmbar – und sie kamen rasch näher.
„Geriyon?“, fragte sie zaghaft und machte ein paar Schritte in die Richtung in die er verschwunden war. Doch die Gestalt die plötzlich und unerwartet aus dem Schatten eines Bücherregals hervortrat war keineswegs der junge Magier auf den sie gewartet hatte.
Ein zuerst überraschtes doch schnell selbstsicheres Gesicht wandte sich ihr zu, die grauen, faltenumrandeten Augen blitzten im Fackelschein immer wieder auf, und der schmale Mund verzog sich zu einem grausamen Lächeln.
„Ja wen haben wir denn da? Einen unerlaubten Besucher im Allerheiligsten der Bibliothek…“
Sein stechender Blick fiel auf das Buch, das Kara krampfhaft unter ihrer Robe umklammerte und seine Gesichtszüge erstarrten zu Eis.
„Das war nicht sehr klug“, zischte er und während seine rechte Hand sich fester um seinen langen pechschwarzen Stab klammerte, vollführte seine linke eine komplizierte Bewegung. Noch bevor Kara wusste was geschah, sah sie eine Kugel aus loderndem Feuer auf sich zurasen, unfähig sich zu bewegen oder einen Gedanken zu fassen, ohne einen Fluchtweg.
Da schnellte ein Schatten von der Seite heran, riss Kara mit sich zu Boden, während der Feuerball über ihnen hinweg schoss. Die junge Frau keuchte, als der Aufprall ihr die Luft aus den Lungen presste. Der fremde Magier sah überrascht zu ihnen herab. "Wer ... du bist doch ..." Langsam erhob sich ihr Retter, ein langer, dunkler Mantel strich über den Boden. Geriyon?
Der junge Graumagier lächelte kalt, sein immer noch enthülltest Auge auf seinen Gegner gerichtet. Der musterte ihn mit gerunzelter Stirn. "Du bist doch einer der Adepten, der Neue. Ich kenne dich!" Er setzte einen Schritt vor, den Stab drohend erhoben. "Wie kannst du es wagen, dich mir in den Weg zu stellen?“
Geriyon ging in eine Art Kampfposition, die Knie leicht gebeugt, die Hände vor die Brust gehoben, während die Adern um sein rechtes Auge scheinbar zu pulsieren begannen. "Kara? Aus der Schussbahn!" zischte er, ohne den Blick zu wenden.

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und hastig bemühte sie sich wieder auf die Beine zu kommen und hinter einem Regal Zuflucht zu suchen. Gerade als sie sich in Sicherheit wähnte schlug irgendetwas mit enormer Wucht auf der anderen Seite des hölzernen Regals ein und ließ es gefährlich schwanken. Bücher fielen heraus und Staub wirbelte auf, der Kara husten ließ. Als das Regal wieder halbwegs normal stand konnte Kara das Geschehen auf der anderen Seite mit verfolgen und so starrte sie mit weit aufgerissenen Augen durch eine Lücke in den Büchern.
Das Gesicht des Schwarzmagiers hatte sich mittlerweile zu einer zornerfüllten Fratze verzerrt.
"AUS DEM WEG!"
Seine freie Hand stieß dolchartig vor und ein Strahl aus weißglühenden Flammen schoss auf Geriyon zu, nur um direkt vor seiner ausgestreckten Hand in einen Funkenregen zu zerbersten. Mit aufgerissenen Augen blickte der Schwarzmagier auf seine Finger hinab. "Das kann nicht sein ..." Geriyons Lächeln wurde breiter. Kara stellte fest, dass das Strahlen seines Auges stärker geworden zu sein schien. "Zu simpel."
Dann setzte der junge Graumagier sich in Bewegung, schnellte auf seinen Feind zu, schneller, als es ihm eigentlich möglich sein sollte. Der Schwarzmagier hob reflexartig seinen Stab, doch Geriyon kam abrupt zum Stehen, wirbelte auf einem Bein um sich selbst, das andere erhoben. Griff so seinen Gegenspieler von der Seite an. "Zu einfallslos."
Doch im letzten Augenblick schoss eine flammende Wand vom Boden in die Höhe, Geriyon kam mitten in der Bewegung ins Straucheln ... taumelte zurück.
Fast schien es, als würde sein Standbein einfach nachgeben, doch im letzten Augenblick fing er sich wieder. Überrascht bemerkte Kara, dass seine Gliedmaßen zu zittern schienen. Erschrocken sah sie zu, wie Geriyons Gegner siegessicher lächelte, ja geradezu den Moment auskostete, und sie wollte ihrem Begleiter eine Warnung zurufen - doch ihre Stimme versagte.
Mit einem Schrei auf den Lippen ging nun der Schwarzmagier in den Angriff über. Er schwang seinen Stab zurück und die Spitze brach in Flammen aus. Flammen, die länger und länger wurden, sich zu einer Peitsche formte, die nun ihrerseits auf Geriyon zu jagte. Nur um allerdings wieder in einem Funkenschauer zu vergehen, bevor sie ihn berühren konnte. Geriyon sank schwer atmend in die Knie, blickte dann aber weiterhin lächelnd auf. "Immer noch zu leicht zu durchschauen!" Aus der Kehle seines Gegners drang ein raubtierhaftes Knurren. Doch statt erneut anzugreifen, schloss er die Augen. "Du scheinst alle meine Zauber neutralisieren zu können, Adept! Aber mir scheint, du hast einen bemerkenswerten Schwachpunkt ... du beherrschst keine offensive Magie!" Der Schwarzmagier begann zu kichern. "Du kannst das nicht ewig durchhalten du wirst meine Verteidigung nicht durchdringen können, du Narr!" Diesmal schien Geriyons Lage aussichtlos. Noch bevor sie wusste was sie tat, sprang Kara auf und wollte ihm zu Hilfe eilen, doch ungeschickt stolperte sie und versuchte ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen indem sie sich gegen einige Bücher stützte - die jedoch nachgaben und mit Gepolter auf der anderen Seite zu Boden fielen.
Der Schwarzmagier wirbelte herum, seine freie Hand erhoben, ein weiterer Feuerball formte sich über ihr, doch Geriyon reagierte sofort. Mit einer Geschwindigkeit die seinen geschundenen Körper Lügenstrafte schoss er vor und hämmerte seinem Feind die flache Hand unter das Kinn. Der Kopf des Schwarzmagiers ruckte mit einem ekelerregenden Knacken zurück und verharrte in einem unnatürlichen Winkel, während der Fremde zu Boden fiel. Keuchend stand Geriyon über seinem gefallenen Gegner, der rechte Arm baumelte nutzlos an seiner Seite herab. Doch dann richtete er sich noch einmal auf, um mit einer gemessenen Bewegung sein Siegel über das Auge zu ziehen, aus dessen Winkel mittlerweile ein dünner Faden Blut strömte. Langsam ließ er sich nun an einem Bücherregal nieder sinken. Kara lief auf ihn zu, und mit bleichem Gesicht starrte sie auf den am Boden liegenden Körper des Gegners.
Müde sah Geriyon zu ihr auf. "Danke ...", murmelte er.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #37 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Ferun blickte sich ängstlich um. Nein, es war ihm niemand gefolgt, oder? Einige Minuten hielt er sich im Schatten der hohen Palastmauer versteckt und wagte es kaum zu atmen. Keine Wache kam. Das Schloss war völlig ruhig. Hastig, doch immer darauf bedacht, keinen Lärm zu machen ging er weiter über den Platz vor dem Schloss und in eine dunkle Seitengasse hinein. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, der ihn unwillkürlich zusammenfahren ließ. Immer wieder blickte er sich ängstlich um, doch in der Finsternis der Gasse konnte er nichts erkennen. Hoffentlich würde der Magier bald kommen. Es musste schon weit nach Mitternacht sein und alles schlief in Kayro'har. Die unheimlichste Stunde für ein Treffen, wie er fand. Eine Stunde, wo alles ruhig war, kein Laut an sein Ohr drang. Eine tote Stunde. Ferun versuchte verzweifelt, derartig finstere Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben, während er mehr tastend als sehend langsam weiter in die Gasse schritt. Sein Kopf wandte sich mal nach oben, mal nach links oder rechts, doch er sah nur Schwärze und an sein Ohr drang noch immer kein Geräusch. Wie lang würde er hier ausharren müssen?
„Du bist spät!“, drang plötzlich ein ärgerliches Zischen an sein Ohr, dass ihn vor Schreck einen Satz zurückmachen ließ. Er prallte unsanft gegen die gegenüberliegende Häuserwand, seine Zähne vor Angst klappernd. Er versuchte sich zu beruhigen und fragte ängstlich in die Dunkelheit: „Wo seid Ihr?“
„Du musst nicht wissen, wo ich bin“, kam die Stimme aus dem Schatten vor ihm. „Du bist hier und das genügt.“
Ferun fielen alle möglichen Antworten darauf ein. Es war nicht so, als hätte er eine Wahl gehabt. Die schwarzen Magier hatten ihn gezwungen. Und wenn er die Kraft hätte, dann würde... er konnte den Satz nicht einmal für sich selbst beantworten, so lächerlich schien er ihm. Er hatte die Kraft nicht und das war alles. Also schwieg er lieber.
„Du hast deine Aufgabe verstanden, Ferun, Kammerdiener des Herzogs Vulun.“, stellte die Stimme fest, ohne eine Verneinung zu erwarten und fuhr fort: „Wiederhole!“
Ferun schluckte.
„Ich werde versuchen alles über die Pläne meines Herrn bezüglich seines Krieges in Noato, seines Neffen Arjuk und sein Verhältnis zu dem Ostländer Yerim herauszufinden, aber stets darauf achten, nicht als Spion enttarnt zu werden.“
„Weiter!“
„Die Informationen werde ich den Schwarzen Magiern liefern...“
„Gut“, antwortete die Stimme zufrieden. „Und wie wirst du Informationen liefern?“
„Ich werde warten, bis einer der Schwarzen Magier, der das Erkennungszeichen des roten Diamanten trägt, zu mir Kontakt aufnimmt. Nur ihnen werde ich Informationen weitergeben, niemandem sonst.“
„Sehr schön. Dann darfst du nun zu deinem Herrn und Meister zurückkehren.“
Ferun wollte langsam aufstehen, doch er erstarrte in der Bewegung. Ihm war, als schlösse sich eine kalte Hand aus Eis um sein Herz. Sein Körper schien von innen zu gefrieren und er riss verzweifelt den Mund auf um warme Luft einzusaugen.
„Doch vergiss nicht“, sprach die Stimme weiter. „Solltest du versagen oder uns betrügen, werden die Schwarzen Magier weder Gnade noch Mitleid kennen. Du würdest es bereuen und deine Frau, dein Kind und seine Kinder nach ihm. Die Schwarzen Magier vergessen nicht!“
So plötzlich wie sie gekommen war, wich die Kälte wieder aus seinem Körper. Er spürte, dass der Magier verschwunden war und atmete einige Sekunden lang erleichtert aus und ein. Dann stolperte er immer noch verängstigt zurück in den Palast Vuluns.
„Oh, ihr seid zurückgekommen? Dann wollt ihr mir das gute Stück jetzt noch überlassen?“, fragte der alte Verkäufer halb überrascht, halb belustigt, als er Dende abermals sein Geschäft betreten sah.
Es war noch früh am Tag, der Markttag hatte eben erst begonnen und noch waren wenig Menschen hier in den sonst so belebten Straßen Kayro'hars unterwegs. Doch Dende alias Kelim Vanderkeyn hatte es eilig. Sein Gespräch mit Geriyon war nicht schlecht verlaufen, doch wie immer hatte er mehr Fragen als Antworten in Yerims Haus bekommen.
„Das leider nicht, guter Mann“, antwortete er höflich. „Das Stück scheint mir unverkäuflicher denn je. Ich bin hergekommen, da ich weiter seinen Ursprungsort herauszufinden versuche.“
„So? Dann konnte euch Yerim nicht weiterhelfen?“
Dende wiegte den Kopf hin und her und blickte in eine der Schmuckkassetten, ohne wirklich zu sehen, was darin lag.
„Ja und Nein. Das Schmuckstück befand sich schon seit Jahren nicht mehr in Aven'Kan, sondern hat auf mysteriöse Weise...“
Dende wedelte durch die Luft, als ob die Reise des Amuletts alles andere als mysteriös war.
„...seinen Weg nach Noato gefunden. Es ist eigentlich Eigentum eines Adeligen Nomae'Kans, einem Herrn namens Andamir.“
„Andamir?“, fragte der Schmuckhändler gedehnt.
Dende blickte ihn wieder scharf an.
„Ja, Andamir. Doch leider kenne ich niemanden mit diesem Namen in Noato...“
Der alte Mann schnaufte.
„Ich kenne mich mit der Oberschicht Noatos kaum aus. Ich wüsste nicht, wie ich Euch weiterhelfen könnte. Außerdem verstehe ich nicht, warum der ehemalige Besitzer dieses Medaillons so interessant sein sollte.“
Dende lächelte sanft und ließ ohne einen Laut ein kleines prall gefülltes Säckchen auf den Schreibtisch des Händlers gleiten.
„Nun, dieser Mann wird mir sagen können, was das Stück wert ist. Und mir helfen, herauszufinden, was ein so seltenes Kham-Amulett in Kayro'har macht.“
„Verstehe. Nun ja, natürlich könnte euch Herzog Vulun näher darüber informieren, aber er hat sicher gerade andere Sorgen.“ Der alte Mann zögerte kurz, schluckte und fuhr dann leise fort. „Es gibt allerdings noch eine andere Möglichkeit, aber die wird euch teuer zu stehen kommen.“
Dende runzelte fragend die Stirn.
„Nun ja, unter Fürst Bovion ... also, ihr wisst sicher... nun ja, der Fürst liebt jede Art von Genuss, vor allem die fleischlichen Genüsse, möchte ich meinen. So ist es kein Wunder, dass Kayro'har nun bald mit Gandal'har konkurrieren kann. Die ... ähh ... Freudenhäuser der Stadt sind inzwischen gefüllt mit Mädchen aus allen Regionen Athalems.“
Dende lächelte kalt.
„Ah ja, diese Branche hat vom Krieg nichts abbekommen. Die Noatanerinnen arbeiten dort wie eh und je.“
„So möchte man meinen, mein Herr, so möchte man meinen.“
Die beiden Männer blickten sich einige Minuten schweigend an, dann erhob sich Dende, verbeugte sich leicht und verließ das Geschäft wieder.
„Ist er weg?“, fragte der Kham und lukte um die Ecke in den Geschäftsraum.
„Ja, Bron. Das ist er. Hast du etwa gelauscht?“
„Nicht doch, ich ... naja.“ Bron schwieg betroffen, dann blickte er ärgerlich zur Tür. „Ihr solltet ihm den Palast melden, wie sie es gefordert haben. Alle Ausländer sind jetzt verdächtig...“
Der Händler winkte ab.
„Du musst mir nicht das Gleiche erzählen wie die Palastwache. Sie haben ja laut genug gesprochen, als sie hier waren.“ Eine Sekunden war er still und dachte angestrengt nacht. Dann fuhr er leise fort:„Aber verdächtig ist er, das stimmt. Vielleicht überlässt mir die Wache dann das Amulett als Belohnung...“
Asrim strich sich langsam über seinen dichten Vollbart, wie immer, wenn er angestrengt nachdachte. Sein Blick fiel wieder aus dem Fenster heraus in den Hof der schwarzen Akademie. Gavrakas folgte seinen Augen. Die Novizen und Adepten trainierten noch immer ohne ein Wort. Ihre Körper waren schon mit Schweiß bedeckt, Gavrakas ließ sie heute morgen extra schuften, wahrscheinlich auch um sich abzureagieren.
„Sie sind im Grunde alle verdächtig, Meister“, sagte Gavrakas leiste murrend.
Asrim reagierte nicht, sondern ließ seine stahlblauen Augen weiter über die Jünglinge schweifen, fixierte jeden einzelnen kurz und ging dann zum Nächsten weiter.
„Ich halte es noch immer für unwahrscheinlich, dass ein bloßer Novize Meister Dorochin ermordert hat“, erwiderte ihm Worinan, der ungeührt gegen eine Wand lehnte. Wie immer blickte er beim Sprechen kaum auf und seine Stimme klang ruhig, beinahe gelangweilt.
„Wie könnte ihn überhaupt irgendein Magier ohne Magie töten? Das erscheint mir völlig widersinnig. Aber eine ganze Bande von Meuchelmördern ... im Auftrag Vuluns zum Beispiel...“
Asrim schüttelte ärgerlich den Kopf.
„Und wie sollen sie ihn die Bibliothek gekommen sein?“, fragte er ärgerlich, ohne die Novizen aus den Augen zu lassen. „Die Geheimgänge waren alle versiegelt, die Fallen intakt.“
„Und die Wachen vor der Tür waren die ganze Zeit wach!“, entegegnete Worinan, als sei dies der eindeutige Gegenbeweis.
„Es war ein Magier, oder mehrere“, flüsterte der Erzmagier und Meister der Schwarzen Akademie und strich wieder über seinen Bart. „Ich weiß es. Vielleicht im Auftrag Vuluns, das werden wir herausfinden. Nachdem ich ihnen eigenhändig sämtliche Gliedmaßen abgetrennt habe!“
„Was hat die Analyse von Dorochins Körper ergeben?“
„Seine Aura ist zu schwach“, kam die grummelige Antwort. „Und von Severinus und Rach'kor fehlt ebenfalls jede Spur.“
„Drei Verschwundene oder Tote innerhalb weniger Tage und dies noch in Kayro'har kurz nach der Explosion.“, fing Worinan wieder an. „Alles deutet auf Vulun hin für mich...“
Asrim blickte ihn kalt an.
„Eure Vermutungen sind überflüssig und voreilig. Aber ich stimme euch zu, dass die Situation außer Kontrolle gerät. Die Akademie ist ab sofort abgeschlossen. Niemand verlässt mehr das Gelände ohne meine persönliche Genehmigung. Auch kein Diener oder Sklave. Waronin, ihr seid persönlich dafür verantwortlich, dass die Bannkreise undurchlässig sind und jeder Fluchtversuch unmöglich gemacht wird.“
Beide nickten.
„Lasst die Novizen weiterarbeiten, aber wir beginnen sofort mit der Durchsuchung ihrer Schlafgemächer. Gavrakas, du wirst die Novizen und Adepten ab jetzt überwachen, Tag und Nacht. Keiner von ihnen darf mehr allein unterwegs sein. Es werden nur die Lehrmeister in die Operationen eingeweiht. Alle Anderen sind verdächtig, seid also immer bereit! Bis heute Nacht werden wir den Schuldigen gefunden haben.“
Sein Blick fiel wieder nach draußen und blieb an dem Novizen mit dem einen Auge hängen, dass genauso blau wie seine eigenen.
„Ich werde ihn finden...“, flüsterte er.
Im Schatten der gegenüberliegenden Häuserwand verborgen betrachtete Dende die hohe Mauer, die das Grundstück umgab. Es würde nicht leicht sein, hier mit Gewalt einzudringen, wenn es nötig werden würde. Andererseits wäre es auch schwer hinauszukommen, wenn man es wollte. So wie Andamir vielleicht. Unwillkürlich musste er bei den Namen lächeln.
„Andamir“?, hatte sie mit ihrer glockenhellen Stimme gekichert. „Jedenfalls nicht im Adel von Noato. Ich kenne sie alle, ich hatte sie alle, wenn du weißt was ich meine.“
Ob sie auch die Herrscherfamilie kenne, wollte er wissen. Da hatte sie noch mehr gelacht.
„Natürlich. Die kennt jeder in Noato. Graf Kalil und seinen hübschen Burschen. Alle Mädchen der Stadt standen auf ihn. Aber die Schönsten sterben immer zuerst.“
Ob sie ihn beschreiben könne. Da wurde sie schon misstrauisch, hatte er das Gefühl gehabt. Er zeigte mehr Interesse an dem Jungen als an einer der edelsten Kurtisanen der Stadt. Aber für Geld würde sie wahrscheinlich alles tun. Menschen waren zu schnell käuflich, zu einfach...
Er würde abwarten müssen. Irgendwann würde Yerim sein Anwesen verlassen. Dort noch einmal als Kelim Vanderkeyn vorzusprechen, hätte sicher wenig Sinn. Yerim war ihm verdächtig und mit jeder neuen Information wurde er gefährlicher. Aber Andamir... Dende kniff die Augen zusammen und versuchte etwas hinter den Fenster zu erkennen. Er musste zu dem Jungen kommen!

-Was wiegt 180 Gramm, sitzt auf einem Baum und ist sehr gefährlich?
-Ein Spatz, der eine Pistole trägt.
-Richtig, das ist die einzig mögliche Lösung!

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Beitrag #38 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Angegriffen?“ Vulun fiel förmlich die Kinnlade herab.
„Nun, nur der erste Tross.“ General Thakis stand mit hängenden Schultern vor ihm und schien sekündlich kleiner zu werden. „Die anderen Wagen sind wie gesagt sicher angekommen und werden gerade entladen...“
Nur der erste Tross, ja?“ Einen Moment lang krampften sich Vuluns Hände zu Fäusten zusammen. War er denn nur von Schwachköpfen umgeben? Wieder einmal wünschte sich Vulun, er hätte persönlich nach Noato reisen und die Dinge regeln können, doch der unfähige Fürst, die intriganten Grafen der Provinz und nicht zuletzt die undurchschaubaren Schwarzmagier machten es ihm unmöglich, die Geschicke in Kayro’har auch nur einen Tag sich selbst zu überlassen. Stattdessen musste er Männer wie Thakis losschicken, die nicht einmal einen Gefangenen von Noato nach Kayro’har transportieren konnten.
„Nur der erste Tross, in dem sich zufälligerweise ein überaus wertvoller Gefangener befand. Ich möchte Euch etwas fragen, General Thakis.“
Der Herzog nahm einen tiefen Atemzug, dann erhob er sich und schlenderte ans Fenster. „Habe ich Euch, General, meine gesamten Streitkräfte einschließlich der Eliteeinheiten zur Verfügung gestellt, damit Ihr Euch von einer Horde Wegelagerer überrumpeln lasst? Oder -“ Vulun wandte sich um und blickte Thakis durchdringend an, „weil ich annahm, dass mit der Hilfe so vieler tapferer Männer nicht einmal Ihr einen einzelnen Mann entwischen lassen könnt?“
„Mit Verlaub, Eure Hoheit,“ wandte General Thakis kleinlaut ein. „Bei den Angreifern kann es sich unmöglich um gewöhnliche Banditen gehandelt haben. Sie haben nicht einen einzigen Überlebenden gelassen. Ich selbst habe mich davon überzeugt, dass die Leichen... wie soll ich sagen? Sie sind nicht von Schwertern erschlagen worden. Eure Hoheit,“ Thakis schien noch einen Zentimeter zu schrumpfen, „es deutet alles auf einen magischen Angriff hin.“
Ein magischer Angriff kurz vor Kayro’har, bei dem eine Eliteeinheit niedergemetzelt wurde und Graf Kalil spurlos verschwand... Langsam wandte sich Vulun zum Fenster. Selbst an dunstigen Tagen wie heute schien in der Ferne vor dem Südtor ein goldener Schimmer zu flimmern. Was immer er plante, wie perfekt er auch vorbereitet war, sie würden ihm in die Quere kommen: Schwarzmagier!
Mit einem plötzlichen Wutschrei schlug Vulun mit der Faust auf die Fensterbank. Oh, wie er diese Pest hasste!
„Thakis.“ Vuluns Stimme war beherrscht. „Am liebsten würde ich Euch an Ort und Stelle enthaupten lassen.“ Als er sich umwandte, lag ein schmales Lächeln auf seinen Lippen. „Unglücklicherweise brauche ich Euch noch. Belassen wir es also bei einer Degradierung... Hauptmann Thakis. Wie sieht es mit den anderen Wägen aus?“
Thakis war sichtlich erleichtert über den Themawechsel. „Die Leiche wurde geborgen und mit großem Aufwand nach Kayro’har transportiert,“ berichtete er eifrig. „Es wird Euch zudem sicherlich freuen, zu hören, dass meine Männer das Gemach des Prinzen unversehrt vorfanden und, wie Ihr befahlt, seine Besitztümer unbeschadet nach Kayro’har brachten.“
„Leblose Möbel und Tote kann ich Euch also noch anvertrauen,“ bemerkte Vulun kalt. „Die Gemälde?“
„Bei der Erstürmung brach ein Brand im Palast aus.“ Thakis trat ungemütlich von einem Fuß auf den anderen und wich Vuluns stechendem Blick aus. „Offenbar sind die meisten Gemälde den Flammen zum Opfer gefallen. Allerdings gelang es uns, ein Porträt zu retten, das aus jüngerer Zeit zu stammen scheint.“
„Immerhin.“ Vulun zögerte einen Moment. Als ihn die Nachricht von Arjuks Tod erreichte, war er sich sicher gewesen, dass es sich um eine plumpe Finte handelte. Nun, da er kurz davor stand, seinen Verdacht zu überprüfen, wurde er unruhig. Wenn sein Neffe tatsächlich um’s Leben gekommen war, war alles vergebens gewesen. Und der Gedanke, was Natalya dazu gesagt hätte, würde ihn jede ruhige Minute rauben...
Vulun straffte sich. „Zeigt mir die Leiche, Thakis,“ sagte er fest.

---

Beißender Rauch brannte in Arjuks Augen. Er blinzelte in das Flammenmeer. Die Scheune brannte lichterloh! Dieser Feuerhölle konnte niemand lebend entkommen...
--- Ein hässliches Knirschen. Der Sargdeckel schob sich über ein schneeweißes Gesicht. ---
Arjuk schrie auf. Der Boden um ihn herum war plötzlich bedeckt von erstarrten Körpern. Weiße Gliedmaßen, aufgerissene Augen leuchteten im roten Schein der Flammen. Er kannte die Gesichter. Es waren die Leute aus Noato. Die Scheune war verschwunden; stattdessen befand sich Arjuk auf der Straße, die zum Marktplatz führte. Die Stadt um ihn herum glich einem Flammenmeer, auf der Anhöhe, auf der das Schloss hätte stehen sollen, ragten schwarz und nackt eine Handvoll verkohlter Pfähle über den lodernden Dächern auf.
„Flieh, Arjuk. Flieh.“ Eine kalte Hand schloss sich um seine Fußknöchel. Arjuk wollte sich losreißen, aber die Hand hielt ihn fest. Als er hinab blickte, sah er in die starren Augen eines Mannes.
Vater.
Irgendwo in der Ferne schwoll ein Schrei an, wurde lauter und lauter und gellte ihm in den Ohren.
„Schon gut, mein Junge“, sagte Katrinas Stimme sanft. „Lass gut sein.“

Der Schrei verstummte.


Arjuk riss die Augen auf. Als er zu sich kam, saß er aufrecht und schnappte nach Luft wie ein Erstickender.
„Du hast geträumt, mein Kind.“
Ein faltendurchzogenes Gesicht blickte Arjuk freundlich an, während er allmählich zu sich kam. Es war nicht Katrina gewesen, die ihn geweckt hatte, sondern eine alte Frau, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Es war nicht irgendjemand weit weg gewesen, der geschrieen hatte, sondern er selbst. Und der Saal, in dem er sich befand, hatte zwar einige Ähnlichkeit mit einem Schlachtfeld; aber es war keine marodierende Horde Soldaten gewesen, sondern Yerims Gäste, die die Halle so zugerichtet hatten. Arjuk konnte sich nicht erinnern, so viel getrunken zu haben, wie ihn sein Brummschädel vermuten ließ, ebenso wenig daran, in einem Winkel der großen Halle zwischen leeren Krügen und Bechern eingeschlafen zu sein. Das Schnarchen, das aus einer Ecke des Saales klang, verriet ihm, dass er nicht der einzige war.
„Wie heißt du, mein Sohn?“ Die alte Frau sprach weiches, beinahe singendes Khami. „Seit wann bist du hier? Ich habe dich noch nie gesehen.“
Arjuk blinzelte verwirrt. „Wer... wer seid Ihr?“, fragte er vorsichtig.
„Du antwortest auf Meir.“ Das alte Gesicht zerbrach in tausend Falten und entblößte eine lückenhafte Reihe von Zahnstummeln, als die Alte ihn freudig anstrahlte. „Dann bist du sicherlich der Junge, den Seyjuk geschickt hat! Keine Angst, ich bin auf deiner Seite.“
Arjuk blinzelte verwirrt. Unendlich langsam und qualvoll arbeiteten sich die Worte durch sein Gehirn, bis er sie begriffen zu haben glaubte. Seyjuk? Entweder träumte er noch, oder er hatte irgendetwas in dem honigzähen Singsang der Fremden vollkommen falsch verstanden...
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgedrückt. An jedem anderen Morgen hätte Arjuk wohl aufgelacht, als Yerim mit zerknautschtem Gesicht und wirrem Haar hereinschlurfte, aber heute zuckte er nur schmerzerfüllt zusammen, als die Tür geräuschvoll ins Schloss fiel.
Die alte Frau erhob sich und schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Egal, wo du bist, immer bist du nur am Zechen.“
„Willkommen in Kayro’har, Mutter,“ murmelte Yerim zerknirscht.
Mutter?! Der Mann in den Fünfzigern, dessen Schläfen allmählich ergrauten, hatte eine Mutter? Arjuk fiel die Kinnlade herab, als Yerim, der auffahrende, stolze General, vor der verhutzelten Alten auf die Knie fiel und ihr die runzeligen Hände küsste. Die Szene erschien ihm so unwirklich, dass er beinahe erleichtert war, als Yerim sich wieder erhoben hatte und in missmutigem Ton brummte: „In deinem Alter solltest du nicht mehr so weit reisen, Mutter.“
„Ich weiß schon, dass du deine Ruhe vor mir haben willst,“ gab die Alte spitz zurück. „Aber mach dir keine Hoffnungen.“
„Die habe ich schon längst aufgegeben,“ entgegnete Yerim. „Aber wie konntest du meine Nachricht so schnell erhalten? Das ist unmöglich!“
„Deine Nachricht? Du hast mir eine Nachricht geschickt? Wie lieb von dir.“ Die alte Frau schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe keine Nachricht von dir erhalten, ich habe nur gehört, dass du in Gandal’har warst, und da wollte ich wissen, ob Seyjuk eine Nachricht hinterlassen hat.“ Vorwurfsvoll blickte sie zu ihrem Sohn hoch. „Warum sagst du mir denn nie Bescheid, wenn du nach Gandal’har gehst?“
„Du hast meine Nachricht nicht...“ Yerim seufzte tief auf und ließ den Kopf kreisen, dass die Nackenwirbel knackten. „Langsam. Lass mich erst einmal aufwachen.“
Arjuk zuckte schmerzerfüllt zusammen, als die Tür mit einem Krachen aufsprang und Leir atemlos in den Saal stürzte. „Yerim! Vulun ruft dich in den Palast!“
Yerim, der sich gerade noch mit säuerlicher Mine die Schläfen gerieben hatte, fuhr auf. „Was? Jetzt sofort? Himmel.“
Leirs Miene hellte sich sichtlich auf, als er die alte Frau sah. „Großmutter! Du bist hier! Willkommen.“
Yerim aber fluchte. „Kann dieser Herzog-Schnösel seine Termine nicht etwas langfristiger planen? Ich hab auch noch anderes zu tun als nur auf seinen Ruf zu warten. Also schön.“ Er seufzte entnervt. Dann fiel sein Blick auf Arjuk, der sich schnell aufrappelte.
„Andamir. Wie du siehst, werde ich heute vollauf beschäftigt sein.“ Yerim trat auf Arjuk zu und blickte ihn einen Moment lang mit einem Ausdruck an, den Arjuk nicht ganz deuten konnte. „Wenn ich von Vulun zurück bin, will ich dich und dein Westländergetue hier nicht mehr sehen, ist das klar?“, sagte er unfreundlich. Dann klopfte er ihm auf die Schulter. „Mach dir keine Sorgen wegen diesem Papier-Dingsbums, über die Grenze hast du’s ja geschafft und die Leute in Caralmur sind sehr nachsichtig. Ach ja.“ Er grinste anzüglich. „Grüß deine Freundin von mir. - Leir!“
Der Diener sprang auf.
„Nimm dir ein paar verschwiegene Männer und suche Vanderkeyn. Sag ihm, er soll gegen Mittag herkommen.“
„Es... ist schon bald Mittag,“ warf Leir vorsichtig ein.
„Tatsächlich?“ Zerstreut strich Yerim sich das Haar zurück und warf seiner Mutter, die in sich hinein kicherte wie ein junges Mädchen, einen bösen Blick zu. „Schön, sag ihm irgendwas. Du machst das schon. Und sag ihm...“ Yerim warf einen Seitenblick auf seine Mutter und schmunzelte. „...ein Experte wartet auf ihn.“

Erst als Arjuk aus der Tür trat, bemerkte er, dass die Sonne bereits hoch am Himmel stand. Verschlafen blinzelte er in’s Licht. Die frische Luft tat seinem Kopf gut.
„Guten Morgen, Langschläfer.“
Arjuk blieb beinahe das Herz stehen. Neben der Tür saß Milena auf den Stufen und lachte auf, als sie sein erschrockenes Gesicht sah.
„Prinz Andamir, Ihr seht heute so... schneidig aus.“
Einen Moment lang wünschte er Milena an’s andere Ende der Wüste Sheragi. Dass seine verkaterte Mine in Kombination mit seinem zerknitterten, weinbefleckten Hemd und dem geschwollenen Auge nicht besonders elegant wirkte, konnte er sich denken!
„Yerim hat mich mehr oder weniger rausgeworfen,“ sagte er. „Er scheint uns wirklich gehen zu lassen.“
„Unser Glück, dass Yerim so ein Einfaltspinsel ist“, schmunzelte Milena.
Arjuk runzelte die Stirn. Etwas in ihm sagte ihm, dass mehr dahinter steckte als bloße Dummheit, aber er konnte den Gedanken nicht recht fassen.
„Ist dir noch etwas zu dem Ring eingefallen?“, wechselte er stattdessen das Thema. Milena schüttelte wie erwartet den Kopf. Sie hatten die Zeichnungen in der Nacht noch genau verglichen, und nachdem er eine halbe Stunde im Kerzenlicht darüber gebrütet hatte, glaubte Arjuk, die Inschrift auf dem Ring entziffert zu haben. Das Ergebnis war ebenso nichtssagend wie enttäuschend: Sohn der Schlange Riyuk.
Das Amulett wiederum war so undeutlich gezeichnet, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, ob überhaupt eine Inschrift eingraviert war. Er wusste, dass er keine Ruhe finden würde, bis er das Original überprüft hatte.
„Wir sollten noch heute auf den Markt.“ Arjuk runzelte die Stirn. „Ich muss Vanderkeyn finden und dieses Medaillon sehen. Vielleicht ergibt die Inschrift dann einen Sinn.“
„Vanderkeyn?“ Urplötzlich wurde Milena ernst. „Ich weiß nicht,“ meinte sie skeptisch. „Ich halte das für keine gute Idee.“
Überrascht blickte Arjuk auf, doch das Mädchen wich seinem forschenden Blick aus.
„Ich meine... Es sind schon zu viele Leute auf dich aufmerksam geworden, da sollte nicht auch noch Vanderkeyn reingezogen werden.“
„Er ist nur ein Händler,“ wandte Arjuk ein.
„Ein Händler, der in Kontakt mit diesem -- unheimlichen Gedankenleser steht,“ ergänzte Milena düster.
„Er ist unsere einzige Spur,“ entgegnete Arjuk entnervt.
Milena warf ihm einen prüfenden Seitenblick zu. „Du willst Jo suchen, nicht wahr?“
Arjuk war so überrumpelt, dass er nicht einmal protestieren konnte.
„Und was, denkst du, wird deine alte Flamme machen, wenn sie dich erkennt?“, fuhr Milena erbarmungslos fort. „Eine solche Chance, sich mit einem Schlag all ihre Wünsche vom Herzog persönlich erfüllen zu lassen, bekommt sie doch kein zweites Mal in ihrem Leben. Ein Leben, das, nach allem was ich gehört habe, bisher nicht besonders vielversprechend verlief.“
„Sie würde mich nie verraten!“, rief Arjuk entrüstet. „Macht oder Reichtum interessiert sie nicht. Und was sonst könnte Vulun ihr schon bieten.“
„Anscheinend interessiert sie sich zumindest so sehr für Reichtum, dass sie die Kette verkauft hat,“ antwortete Milena leise.
Stumm betrachtete Arjuk ihr Profil, die gerade Nase, die langen gebogenen Wimpern. Dieses schöne Gesicht. Für einen kurzen Augenblick hasste er sie dafür, dass sie aus irgendeinem Grund die Macht besaß, ihn so treffsicher zu durchschauen, zu überzeugen, oder zu verletzen. Dafür, dass sie selbst noch die Gedanken in ihm ans Licht brachte, die er nicht einmal sich selbst eingestand.
„Ah, du bist auf die Beine gekommen,“ erklang da die raue Stimme von Yerims Mutter hinter ihnen. Kurz stieg in Arjuk Panik auf. Wie viel hatte die Frau von ihrem Gespräch gehört? Doch die über einen Stock gebeugte Frau schien vollkommen gelassen.
„Das ist also deine Freundin.“ Mit unverfrorener Neugier musterte sie Milena von Kopf bis Fuß. „Ist ihr Herz denn so gut wie sie schön ist?“
„Was sagt sie?“, wollte Milena wissen, der der Blick der Alten unangenehm zu sein schien.
„Sie... macht dir Komplimente,“ sagte Arjuk vage. „Weißt du, wer sie ist? Yerims Mutter!“
Belustigt musterte Milena die Alte, doch diese redete bereits weiter. „Ihr reist also heute ab. Wohin werdet ihr gehen?“
Arjuk zuckte die Schultern. „Nach Caralmur, vielleicht,“ meinte er vage. <<Großmutter>>, wie alle hier die alte Frau zu nennen schienen, blickte ihn gütig aus ihren faltenumfurchten Augen an, doch ihre Bemerkung zu Seyjuk zuvor hatte ihn misstrauisch gemacht. Irgendetwas wusste sie.
Nun sagte sie mit einem geduldigen Lächeln: „Ich spreche kein Meir. Aber Yerim sagt, du sprichst genügend Khami.“
„Wie bitte?“ Arjuk schüttelte den Kopf. Was erzählte Yerim für Unsinn?
Großmutter runzelte ihrerseits die Stirn. „Nicht? Nun, zumindest wenn du betrunken bist, scheint es schon halbwegs zu klappen.“
Das war Arjuk neu. Aber andererseits war es ihm auch neu, zwischen leeren Krügen auf dem Boden einzuschlafen. Verfluchter Schnaps! Was war gestern Nacht alles geschehen, an das er sich nicht erinnern konnte?
Eine Hand, so rau und wettergegerbt, dass sie sich beinahe ledrig anfühlte, legte sich auf seinen Arm. „Yerim sagt, du hattest Seyjuks Dokumente bei dir. Ich nehme an, du bist sein Zwilling, was?“ Die Alte drückte ihm verstohlen Papiere in die Hand. „Hier, einer der beiden Briefe ist für dich, ich kann nicht lesen, welcher. Von Seyjuk. Er hielt es für nötig, seine Nachricht zu verschlüsseln, aber ich bin mir sicher, dass du der Richtige bist.“ Großmutter lächelte und zeigte ihre Zahnstummel. „Kommt auf die Straße vor das Tor, sobald Yerim weg ist, dann bringe ich euch zu einem vertrauenswürdigen Mann, der euch helfen wird. Kein Wort von alldem zu Yerim!“ Ein bitterer Zug hatte sich um Großmutters Mundwinkel gelegt. „Der Kerl verliert mit jedem Tag mehr den Verstand.“
Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen. Verblüfft blickte Arjuk ihr nach, wie sie die Stufen hinauf schlurfte. Was in aller Welt ging hier vor?
„Ich nehme an, wir müssen reden,“ stellte Milena fest.

Arjuk ließ sich auf dem Fensterbrett nieder. Die beiden Diener, mit denen er sich die letzten Tage die Kammer geteilt hatte, ließen sich tagsüber nie hier blicken, und vom Fenster aus konnte er gut beobachten, wann Yerim das Anwesen verließ.
Lieber Bruder.“ Milena hatte einen der beiden Zettel aufgefaltet und betrachtete ihn nun mit Stirnrunzeln. „Sollte der Brief nicht an dich adressiert sein?“
„Was steht denn da?“, wollte Arjuk wissen.
„Dieser Seyjuk hat eine ziemliche Sauklaue,“ bemerkte Milena naserümpfend. Dann las sie vor:

Lieber Bruder,

die Kham werden dir helfen, auf dem schnellsten Weg zu Vater nach Aven’har zu gelangen. Dort wirst du sicher sein. Es tut mir leid, dass ich Vater in die Sache hineinziehe. Ich hatte alles ganz anders geplant. Hab keine Angst. Großmutter ist auf deiner Seite.

Samir


„Die Kham werden dir helfen, auf dem schnellsten Weg zu Vater zu gelangen,“ wiederholte Arjuk gedehnt. „Der Brief könnte tatsächlich für mich sein. Dieser Seyjuk hat einen sehr seltsamen Sinn für Humor. - Moment mal!“ Arjuk blickte auf. „Er unterschreibt mit Samir. Dann war diese Geschichte mit diesem Fälscher namens Samir...“
„...die Geschichte, die Katrina mir erzählte, das habe ich doch gesagt,“ sagte Milena. „Au weia.“
Mit Stirnrunzeln betrachtete sie den zweiten Zettel. „Das ist ein Kandidat für dich, Prinz von Aven’har. Kannst du so was lesen?“
Der Brief war in Kham verfasst und so schnell auf einen zerknitterten und eingerissenen Zettel geschrieben worden, dass die Schrift an manchen Stellen verwischt war.

Geliebte Großmutter,

sei umarmt von deinem Enkel. Ich fürchte, dies ist mein letzter Brief. Ihr alle sollt wissen, wie sehr ich mich nach euch gesehnt habe, auch nach meinem Vater. Sag es ihm, tröste ihn, er wird dich brauchen!
Großmutter, du weißt, dass ich an allen meinen Geschwistern hänge, besonders aber an meinem Zwillingsbruder. Ich habe ihn zu Vater geschickt, aber ich fürchte, er ist dort nicht gut aufgehoben. Sorge für ihn, Großmutter! Dies ist mein letzter Wunsch. Vielen Dank für alles.
Ich küsse dich,

Samir


„Aha, deshalb meinte Großmutter, ich sei Seyjuks Zwilling.“ Verwirrt ließ Arjuk den Brief sinken. „Ich fürchte nur, jetzt bin ich auch nicht klüger als vorher.“
„Aber ich.“ Milena lächelte triumphierend. „Seyjuk wollte dich aus Noato rausbringen und hat dir seine Dokumente zukommen lassen.“
Zukommen lassen?!“ Entgeistert starrte Arjuk sie an. „Was fällt diesem Hundesohn von Seyjuk eigentlich ein! Mich direkt nach Kayro’har zu führen! Will er mich umbringen?!“
<<Hundesohn>>?“ Milena runzelte die Stirn. „Seit wir bei Yerim sind, fluchst du mit jedem Tag mehr. Wenn du so weiter machst, wird dir irgendwann niemand mehr glauben, dass du ein hochwohlgeborener Nystrad bist.“
„Das wäre mir im Augenblick gar nicht so unrecht,“ entgegnete Arjuk entnervt.
Milena aber wedelte mit dem Pergament. „Yerim ist doch erst seit wenigen Tagen in Kayro’har, stimmt’s? Was wenn Seyjuk gar nicht gewusst hat, dass sein Vater einen Posten hier angenommen hat? Er wollte dich nach Aven’har bringen! Ohnehin schreibt er, er hätte <<alles anders geplant>>, die ganze Sache scheint eher eine ... Notlösung zu sein.“
Arjuk schüttelte den Kopf. „Entweder ist das die mieseste Notlösung aller Zeiten oder Seyjuk hatte irgendetwas übersehen. - Hey!“ Aus den Augenwinkeln hatte Arjuk im Park eine Bewegung wahrgenommen und reckte nun den Hals. „Yerim geht!“
Milena überlegte einen Moment. „Du solltest dich wirklich in Sicherheit bringen,“ sagte sie schließlich. „Es wird das Beste sein, du gehst nach Caralmur.“
„Und die Inschrift?“, protestierte Arjuk.
Ihm schwante nichts gutes, als er bemerkte, wie sich Milenas Mine plötzlich in Entschlossenheit verfestigte. „Darum kümmere ich mich,“ sagte sie bestimmt, und fügte mit einem Schmunzeln hinzu: „Schließlich hast du jetzt neue Beschützer gefunden, die dich sicher nach Caralmur bringen, da brauchst du mich nicht mehr, oder?“
Neue Beschützer. Du brauchst mich nicht mehr. Arjuk blickte zu Boden. Etwas störte ihn...
„Gerade noch warst du dagegen, Vanderkeyn aufzusuchen,“ hörte er sich einwenden, „und jetzt willst du die Spur des Medaillons verfolgen?“
„Ich brauche Vanderkeyn nicht,“ antwortete Milena sicher. „In einer Stadt wie Kayro’har gibt hier bestimmt einige Gelehrte mit einer halben Bibliothek, da wird sich der ein oder andere Riyuk schon irgendwo finden.“
Bibliotheken. Arjuks Brauen hoben sich merklich. Sein Blick schweifte über die Pergamentschnipsel und dann zu Milena, Milena der Tochter des Schmieds.
„Moment mal,“ murmelte er. „Woher kannst du eigentlich---“
Jäh verstummte er, sein Herz machte einen schmerzhaften Satz. Milena hatte sein Kinn beinahe grob zwischen die Finger genommen und zwang ihn, den Blick aus ihren leicht schräggestellten Augen zu erwidern. Und Arjuk...
...fiel. Fiel in ein blaues Meer. Irisierendes Blau. Atemberaubendes, alles verschlingendes Blau.
Was war das? Arjuk zuckte zusammen. Eine weiche Hand hatte sich auf seine Wange gelegt und...
...verschmolz mit dem tiefblauen Ozean, dessen Wellen gegen die Innenseite seines Schädels rauschten. Beruhigendes, rhythmisches, alles verschlingendes Rauschen.
Dann die Stimme, von weit her: „Du musst mir jetzt vertrauen.“
Vertrauen - vertrauen - vertrauen..., rief das Echo.
„Du vertraust mir doch, Arjuk?“
Arjuk - Arjuk - Arjuk...
Er vertraute ihr. Er hatte vergessen, wer sie war, und er würde ihr ohne zu Zögern sein Leben anvertrauen. Denn sie hatte diese intensivblauen Augen und diese weiche, unendlich weiche Hand, weich wie...

...die Hände seiner Mutter.
Arjuk zuckte zurück. Schmerzhaft blitzte die Erinnerung auf, verbrannte den Augenblick und fiel wieder in sich zusammen. Zurück blieb nur ein Pochen, der Schlag seines eigenen Herzens --
Arjuk blinzelte, blickte sich verwirrt um. Er saß auf der Fensterbank in einer kleinen Kammer, dicht neben ihm stand Milena und blickte ihn fragend an. Einen Moment später fiel ihm ein, dass sie sich in Yerims Villa befanden und Yerim soeben in Richtung von Vuluns Palast verschwunden war.
„Du vertraust mir doch, Arjuk?“
Da erwachte er aus seiner Erstarrung. „Natürlich vertraue ich dir, warum stellst du so komische Fragen. Aber hör um Himmels Willen auf, mich bei meinem Namen zu nennen!“
Milena strahlte. „Heißt das, dass du einverstanden bist?“
„Einverstanden mit was?“ Arjuk runzelte die Stirn. Irgendwo hatte er den Faden verloren... Dann fiel es ihm wieder ein: Einverstanden damit, ins sichere Caralmur zu reisen, während Milena versuchte, mehr über das Medaillon heraus zu finden.
„Natürlich bin ich einverstanden,“ sagte er etwas verwundert. „Was hast du denn gedacht?“ Still schüttelte er den Kopf. Milena stellte heute wirklich seltsame Fragen!
„Wusste ich doch, dass du ein vernünftiger Junge bist,“ schmunzelte Milena neben ihm, doch Arjuk hörte kaum mehr hin. Ein dumpfer Schmerz pochte in seinen Schläfen, er fühlte sich plötzlich sehr erschöpft.
„Ich... ich glaub, ich sollte mich noch mal auf’s Ohr legen,“ murmelte er schwach.
„Mach das besser, sobald du auf dem Wagen Richtung Caralmur sitzt,“ schlug Milena vor. „Jetzt wartet erst mal dein neues Kindermädchen auf dich.“
Seufzend stand Arjuk auf, um die wenigen Sachen zu holen, die Misa ihnen aus Mitleid gegeben hatte. Seine Glieder waren schwer wie Blei. War das der Kater? Verfluchter Schnaps!
Nie wieder Alkohol, schwor er sich im Stillen. Nie wieder!

---

„Botschafter.“ Gutgelaunt schritt der Herzog Yerim durch die Empfangshalle entgegen. „Wie schön, Euch so bald wieder in meinem bescheidenen Anwesen begrüßen zu dürfen.“
„Nunja, ihr habt mich gerufen,“ erwiderte Yerim etwas säuerlich. Vulun überhörte den Ausrutscher geflissentlich. Der Kham schien nicht in bester Stimmung zu sein.
„Ich habe soeben die Nachricht erhalten, dass mein Neffe, wie ich vermutet hatte, am Leben ist,“ teilte Vulun mit. „Nun kann ich nur darauf hoffen, ihn auch baldmöglichst zu finden. Haben Eure Nachforschungen möglicherweise bereits etwas ergeben?“
Diese nicht,“ sagte Yerim trocken. „Andere schon. Nachforschungen bezüglich dem Amulett.“
Des Amuletts. Vulun verkniff sich eine Bemerkung spielte stattdessen Erstaunen vor. „So schnell? Wie ich sehe, habe ich den richtigen Mann gefunden.“
„Das habt Ihr in der Tat,“ erwiderte Yerim. „Allerdings habe auch ich eine dringende Bitte.“
So war das also. Vulun verzog keine Miene, doch innerlich verfluchte er den Ostländer. „Ich höre,“ sagte er etwas kühler als beabsichtigt.
„Nun, ich fürchte, dass Seyjuk entwischen wird, wenn nicht schnell etwas geschieht,“ sagte Yerim schlicht. „Ich habe meine Männer nach Noato geschickt, aber für Euch wäre es wesentlich leichter, die Stadt schnell und gründlich zu durchsuchen.“
Der Ostländer legte Vulun ein zerfressenes Stück Pergament hin. Langsam nahm Vulun das Papier auf. Die verwischten Züge eines jungen Mannes blickten ihn an.
„Das ist also Seyjuk,“ sagte Vulun leise. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Welch interessantes Spiel des Schicksals, dachte er sich.
„Erstaunlich. Wirklich erstaunlich.“ Als er aufblickte, lag ein siegessicheres Glitzern in seinen Augen. „Euer Sohn ist nicht mehr in Noato, Botschafter.“
Als Vulun Yerims versteinerte Mine sah, schmunzelte er.
„Sicherlich wollt Ihr alles über sein Schicksal erfahren, nicht wahr? Ich weiß, dass diese Informationen sehr wertvoll für Euch sind. Ich hoffe nur, Ihr habt mir einen guten Tausch zu bieten.“ Vulun ließ sich auf seinem Thron nieder und schlug lässig die Beine übereinander. „Ansonsten könnte ich abgeneigt sein, Euch zu erzählen, wo sich Euer Sprössling in den letzten Jahren herumgetrieben hat...“
Einen Moment lang schien der Ostländer zu zögern, doch als er schließlich die Stimme hob war sein Ton fest: „Das Amulett.“
Vulun blickte auf und der Kham erwiderte seinen Blick. „Ihr sagt mir, wo ich Seyjuk finde - ich sage Euch, wo Ihr das Amulett findet.“
Vulun war beeindruckt von so viel Scharfsinn und so viel Dummheit zugleich. Scharfsinn, weil der Kham offenbar innerhalb weniger Tage ein Medaillon aufgespürt hatte, das er, Vulun, bereits drei Jahre lang vergeblich gesucht hatte. Und Dummheit, weil Yerim ihm diese unschätzbar wertvolle Information so bereitwillig gab.
Vulun schmunzelte. Niemand wusste besser als er, dass sich Familienbande so leicht nicht zertrennen ließ. Der General mochte behaupten, was er wollte - sein Sohn lag ihm ganz offenbar noch immer am Herzen.
„Und Ihr seid sicher, dass es das richtige Medaillon ist?“, hakte er noch einmal nach.
„Todsicher.“
Vulun erhob sich. „Folgt mir,“ sagte er schlicht.

„Seyjuk ist ein bemerkenswerter Mann.“
Die Schritte der beiden Männer hallten auf dem spiegelglatten Marmor, während sie den Gang entlang schritten. Zu ihrer Linken reihten sich opulente Gemälde in schweren Goldrahmen aneinander, zu ihrer Rechten färbte sich die Mittagssonne in den bunten Mustern der hohen Glasfenster.
„Er nannte sich Samir, ein Mann aus dem Süden Kayro’kans, gute Bildung, ostländischer Name. Ich muss zugeben, dass ich niemals an seiner Identität gezweifelt habe - auch wenn ich ihm als Person durchaus misstraute, weil er gute Kontakte in Gandal’har hatte.“
„Oh ja, das hat er,“ hörte Vulun den Ostländer hinter sich murmeln.
„Genau diese Kontakte stellten sich jedoch als sehr wertvoll für mich heraus,“ fuhr Vulun fort. „So kam es, dass ich Samir an meinem Hof behielt. Ich schätzte die Meinung dieses überaus scharfsinnigen Mannes. Im Gegensatz zu meinen Beratern fürchtete er sich nie, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen.“
Vulun winkte den General aus einer schmalen Tür in den schattigen Wandelgang hinaus. Zufrieden bemerkte er, wie Yerims Augen sich weiteten, als sein Blick zwischen fein verzierten Öffnungen des Wandelganges hindurch auf den runden Innenhof fiel. In der Mittagssonne kam das ostländische Mosaik, das sich in allen Blau- und Türkistönen über den Hof erstreckte, wundervoll zur Geltung. In seiner Mitte plätscherte sanft ein Springbrunnen.
„Herrlich, nicht wahr?“ sagte Vulun stolz. „Natürlich ist das hier nicht mehr das Original, aber meine Vorfahren haben den Innenhof immer wieder so aufgebaut, wie er seit der Begründung der Familie Dravar’kesh bestand.“
„Das freut mich sehr,“ sagte der Ostländer kalt, „aber ich würde gerne mehr über Seyjuk hören.“
„Natürlich.“ Vulun führte seinen Gast durch den Gang und bog schließlich auf der Nordseite in eine unscheinbare Tür ein. Die Gänge empfingen sie dunkel und kühl, dicke Teppiche dämpften nun ihre Schritte. Sie befanden sich in den Gemächern.
„Nun, so sehr ich Seyjuks unabhängigen Geist schätzte, so sehr beunruhigte er mich zugleich,“ nahm Vulun das Thema wieder auf. „Er vergaß nie, mir in aller Form Respekt zu zollen, doch ich wusste, dass ihn keinerlei Loyalität an mich band. Seyjuk war sein eigener Herr.“
Sie durchschritten eine kleine Halle und waren am Nordturm angelangt. Die beiden bewaffneten Hünen, die den Eingang bewachten, verneigten sich schnell, als sie den Herzog persönlich sahen - bereits zum zweiten Mal an diesem Tage. Einer von ihnen nahm eine Fackel von der Wand und öffnete die Tür zu den Kerkern.
Yerims Brauen hoben sich, doch er ging gehorsam hinter Vulun die schmalen Stufen der Wendeltreppe hinab. Jeder ihrer Schritte hallte in dem steinernen Turm nach.
„Ihr haltet Seyjuk also gefangen?“, fragte Yerim.
„Nun, nicht direkt,“ wich Vulun aus. „Um ehrlich zu sein - als Seyjuk vor kurzem plötzlich verschwand, setzte ich ihm sogar Attentäter auf die Fersen, doch vergeblich. Kein Wunder, Seyjuk war im Weglaufen ja offenbar geübt.“ Er warf Yerim einen Blick über die Schulter zu, doch im Halbdunkel konnte er den Ausdruck des Mannes, der seinen eigenen Sohn jahrelang verfolgt hatte und nun so kurz vor dem Wiedersehen stand, nicht erkennen.
„Seyjuk war gegen den Krieg,“ sagte Vulun. „Er hatte versucht, mich davon abzubringen. Dann verschwand er. Meine Männer fanden ihn in Noato. Er ist tatsächlich weggegangen, um Noato zu warnen.“
„Dieser Narr,“ stöhnte Yerim.
„Allerdings.“ Sie waren nun am Fuß der Treppe angelangt und schritten einen langen in den Stein gehauenen Gang entlang. Nur zu gut erinnerte sich Vulun daran, wie die Angst ihm die Kehle zugeschnürt hatte, als er das letzte Mal hier entlang gelaufen war, und plötzlich empfand er Mitleid mit Yerim.
„Leider kann ich Euch nicht sagen, was in Noato vorgefallen ist“, sagte er. „Aber falls ich Kalil jemals in die Finger bekommen sollte, verspreche ich Euch, dass Ihr Gelegenheit haben werdet, Euch mit ihm zu unterhalten.“
Vulun blieb vor einer unscheinbaren Tür stehen. Er nahm die Tücher von einem Nagel in der Wand, die sie zuvor dort hingehängt hatten und reichte Yerim eines davon. „Ihr solltet das über Mund und Nase binden.“
Schon setzte er selbst dazu an, doch dann fiel sein Blick im Schein der flackernden Fackel auf Yerims entsetztes Gesicht.
„Ich... warte wohl besser oben auf Euch.“ Auf seinen Wink hin nahm die Wache einen Kienspan von einem Haufen am Rande des Ganges, entzündete ihn und reichte ihn dem Ostländer.
„Lasst Euch Zeit.“ Mit diesen Worten wandte Vulun sich ab. Während er alleine den Gang zurück schritt, hörte er, wie die schwere Holztür über den Boden scharrte. Vulun wusste, welcher Anblick sich dem alten General nun bot. Ein kleines, in Stein gehauenes Verließ. Der Ostländer würde den unangenehmen Geruch bemerken, der trotz der Kälte, die in den Verließen herrschte, und trotz den eigens angeschafften Eisbrocken, immer stärker durch das Tuch vor seiner Nase drang. Sein erster Blick würde auf die Holzplatte fallen, die in der Mitte des Raumes an einen länglichen Gegenstand angelehnt war. In das Holz eingeschnitzt Wellenlinien und das Sternbild des Bogenschützen - das Wappenzeichen der Nystrads. Darunter die verschlungenen Buchstaben: Arjuk y Nystrad. Er würde seine Schritte an den geöffneten Sarg lenken und einen jungen Mann mit dunklem Haarschopf erblicken, gekleidet in die feinen Gewänder eines Prinzen, doch mit dem Gesicht seines Sohnes.

Das Gemälde, das in dem Saal aufgestellt worden war, hatte in einer unteren Ecke eine Schramme abbekommen, hatte die Strapazen ansonsten aber gut überstanden. Mit brennendem Blick betrachtete der Herzog das in Öl gemalte Gesicht. Er hatte den Jungen schon seit Jahren nicht mehr gesehen. War er tatsächlich seinem Vater ähnlicher geworden, oder täuschte Vulun sich, und der Junge sah einfach nur erwachsener aus?
Schritte hallten in dem Gang, näherten sich dem Saal. Langsame, schwere Schritte. Vulun brannte darauf, mehr über das Amulett zu erfahren, wie Yerim es ihm versprochen hatte, doch der Kham würde nicht mehr allzu gesprächig sein. Vulun dachte an seine eigene Nervosität, als er den Sarg geöffnet hatte, an die entsetzliche Vorstellung, es könnte tatsächlich sein Neffe darin liegen, und an die Erleichterung, ja, die Freude, als er stattdessen Samirs zerschmetterten Körper erblickt hatte.
Die Schritte verstummten. Vulun schauderte, als er aufblickte und das Gesicht des Ostländers sah. Es war aschfahl und wie in Stein gehauen. Seine Augen blickten leer und ausdruckslos - als sein Blick an dem Gemälde hängen blieb und sich plötzlich seine Brauen in Überraschung hoben.
„Ist das Euer Neffe?“ Yerims Stimme war erdschwer.
„Ja,“ antwortete Vulun. „Das einzige Bild, das aus dem Palast gerettet werden konnte. Habt Ihr das Porträt meiner Schwester in der Empfangshalle gesehen? Ist die Ähnlichkeit nicht verblüffend?“
„Ja, tatsächlich, die Ähnlichkeit,“ sagte der General langsam. Er blickte Vulun an, als befände sich sein Geist in einem tiefen Schlaf, als ob nur sein Körper mechanisch einen wachen funktionierenden Menschen mimte. „Lasst die Stadt abriegeln. Euer Neffe befindet sich in Kayro’har.“


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Beitrag #39 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
„Car Daemando?“
Geriyon schüttelte den Kopf.
„Weiter.“
Der junge Magier saß mit untereinander geschlagenen Beinen auf dem Bett und legte sich einen Stützverband an, zog ihn so fest wie möglich um seinen rechten Arm.
Mit dem Schlag hatte er wohl etwas übertrieben - aber er hatte sicher gehen müssen, dass der Lehrmeister nicht überleben würde. Probeweise bewegte er den Arm und verzog das Gesicht. Es schmerzte immer noch.
Seine Körpermagie war wirklich ein zweischneidiges Schwert. Kraft und Schnelligkeit, die einem Menschen normalerweise nicht zustanden, ohne viel astrale Kraft zu verbrauchen … allerdings strapazierte sie die Muskeln doch ungemein.
„Astocollo?“
Geriyon warf einen kurzen Blick hinüber zu Kara. Sie hatte es sich bäuchlings auf dem Boden bequem gemacht und blätterte in dem großen Folianten. Die Augen in Konzentration zusammen gekniffen.
„Nein.“
Die junge Frau seufzte leise und beugte sich wieder über das Buch.
Wind strich durch das geöffnete Fenster von Geriyons kleiner Kammer und Gänsehaut breitete sich auf dem entblößten Oberkörper des Magiers aus. Doch der nahm keine Notiz davon sondern blickte nachdenklich hinaus. Die Sonne stand bereits hoch über den dunklen Mauern der Akademie.
Hätte Silberschwinge nicht längst zurück sein müssen? Allerdings war die Last mit der er den Raben losgeschickt hatte nicht ganz leicht … Geriyon schüttelte den Kopf. Er wusste, dass er sich auf Silberschwinge verlassen konnte.
„Sereganta?“
„Wie war das?“
Kara setzte sich auf und hob den Folianten auf ihren Schoß. Noch immer erschauderte sie sichtlich, wenn ihre Finger über den Einband strichen.
„Sereganta … könnte es das sein?“
Während er zur Bettkante rutschte, nickte der Magier.
„Klingt vielversprechend.“ Rasch reichte Kara ihm das Buch und ließ sich ebenfalls auf dem Bett nieder. Geriyon begann die eng geschriebenen Zeilen zu überfliegen. Die eherne Sprache der Elben, gepresst in das unzureichende Korsett menschlicher Buchstaben.
„Blut … Gesicht.“ Der Magier runzelte die Stirn. „Oder Blutmaske. Perfekt!“
„Das klingt nicht gerade sehr vertrauenerweckend ...“ murmelte die junge Frau neben ihm und warf Geriyon einen unsicheren Blick zu.
Der Magier hob die Schultern.
„Es ist schwarze Magie … natürlich wirkt es nicht vertrauenerweckend.“
„Aber es ist nicht gefährlich oder? Ich meine … man kann es doch rückgängig machen?“
Statt zu antworten blätterte Geriyon mehrere der vergilbten Seiten um, bis das Buch eine seitenüberspannende Zeichnung offenbarte. Ein komplexes Muster aus verschlungenen fadenartigen Strukturen, deren unterschiedliche Farben zwar verblasst, aber immer noch zu erkennen waren. Dann beugte er sich noch tiefer über den Folianten, sog das Muster förmlich in sich auf. Seine Gedanken wirbelten, während er die Struktur analysierte, ihre Verästelungen aus der Zweidimensionalität des Buchs hob.
Da zuckte er zusammen, fast hätte er Kara vergessen.
„Magie ist immer gefährlich … zumindest wenn man nicht vorsichtig damit umgeht. Aber ja, dieser Zauber ist dazu gedacht ihn an- und abzulegen wie eine Maske.“ Ehrfürchtig zog er mit dem Finger einige nach Außen endende Fäden nach - sie symbolisierten die Matrixstränge, die letztendlich an die Aura des Anwenders ankoppeln sollten - und hielt überrascht inne.
„Was ist?“ Kara musterte ihn forschend.
Nachdenklich blickte Geriyon zurück. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, was für eine Bürde er sich eigentlich aufgeladen hatte, über die Sicherheit der jungen Frau hinaus. So lange sie keinen Meister hatte, musste er diesen Part übernehmen. Zwar schien Kara bisher auch gut ohne Schulung zurecht gekommen zu sein … aber nach dem Vorfall auf dem Marktplatz mochte das nun endgültig vorbei sein.
„Ich denke … es wird Zeit dir etwas über Magie beizubringen.“
Zögerlich rückte sie näher.
Geriyon schloss kurz die Augen, versuchte sich an die Worte seines Lehrmeisters zurück zu erinnern.
„Wenn du in die Kunst der Magie unterrichtet werden möchtest, braucht es mehr als nur guten Willen, Kara. Du brauchst einen Mentor … vielleicht könnten wir einen grauen Meister für dich am Rat der Drei hier in Kayro'har finden. Solange allerdings, wirst du noch nicht viel lernen können.“
Kara strich sich eine nussbraune Haarsträhne aus dem Gesicht, schien zu überlegen.
„Ich dachte … vielleicht – könntest du mir nicht beibringen, was ich wissen muss? Ich meine damit ich nicht wieder ... die Kontrolle verliere?“
Überrascht sah Geriyon auf, dann blickte er auf seine Handflächen hinab. Das war natürlich auch eine Möglichkeit. Aber er wollte sich nicht anmaßen … andererseits konnte er vielleicht tatsächlich den Pakt mit ihr schließen - zumindest vorübergehend.
„Das könnte ich. Aber du musst wissen, dass wir dafür einen Pakt schließen müssten … einen Pakt, der einige Blockaden in dir lösen wird, aber der dich mir gleichzeitig verpflichtet, so lange bis dieser Pakt vom Mentor wieder gelöst wird.“ Erinnerungen flackerten vor seinem inneren Auge auf. Er selbst, wie er vom Erzmagister seiner Akademie den Lehrpakt erhielt, so wie alle neu aufgenommenen Adepten. Es schien bereits so lange Zeit her …
Natürlich kannte er die nötigen Riten - jeder ausgebildete Magier kannte sie. Es war ein Zeichen von Macht und Status, wenn man als Lehrmeister über Adepten gebot. Allerdings war Geriyon sich nicht sicher, ob er wirklich schon bereit dafür war. Ob er überhaupt dazu fähig war …
Sein Magen zog sich zusammen.
„Einen Pakt? Ich weiß nicht … ist das wirklich nötig?“
Erleichtert schüttelte Geriyon den Kopf.
„Noch ist es nicht nötig … aber irgendwann wirst du einen schließen müssen. Doch wie gesagt, wir können auch einen anderen Mentor für dich suchen! Mach dir mal Gedanken darum.“
Der Magier fühlte, wie eine große Last von seinem Rücken herab glitt. Er war zwar verantwortlich für Kara, solange sie sich in seiner Obhut befand … aber direkt den Lehrpakt zu schließen wäre ihm zum jetzigen Zeitpunkt doch etwas zu weit gegangen.
Kurz atmete Geriyon durch, ordnete seinen Gedankenstrom.
„Aber einige Grundlagen kann ich dir schon beibringen. Gib mir deine Hand.“
Zögerlich kam Kara der Aufforderung nach und zuckte leicht zusammen, als Geriyons Finger sich um ihre schlossen und er sie behutsam zum Muster im Buch führte.
„Entspann dich! Und schließ die Augen. Was fühlst du?“ Gespannt beobachte der Magier Karas Gesicht.
„Ähm … Linien“, sagte sie zaghaft, die Brauen zusammengezogen. Doch dann lockerte sich ihre Muskulatur sichtlich. „Das Muster, es scheint herauszuwachsen. Es ist fast so, als ob ich es vor mir sehen würde!“
Geriyon nickte ihr lächelnd zu.
„Wenn man Magie wirkt, formt man Muster wie diese. Die meisten Magier nehmen diese Matrizen visuell wahr ...“ Er tippte auf sein versiegeltes Auge. „So wie ich. Aber eine Minderheit versteht sie besser mit anderen Sinnen. Anscheinend war der Autor dieses Buchs ein Taster. Er hat Magie erfühlt. Es wäre interessant zu erfahren, was du bist.“
Fragend blickte Kara ihn an. „Und wie findet man das heraus?“
Der Magier erhob sich, legte den Folianten neben Kara auf das Bett und schritt dann zu der kleinen Komode, die zu dem wenigen Inventar der Kammer gehörte.
„Indem man zaubert. Du wirst mir etwas helfen.“ Er kramte in einer der Schubladen und fischte schließlich einen kleinen ledernen Beutel heraus. Nun ließ Geriyon etwas von dessen Inhalt in seine Hand rollen. Es war ein kleiner, bläulicher Splitter. Vielleicht daumennagelgroß.
Die Auseinandersetzung in dieser Nacht hatte ihn einiges an Kraft gekostet. Er musste sparsam mit den Steinen umgehen, aber andererseits konnte er auch nicht warten, bis er sich von selbst regeneriert hatte. Je früher sie die Akademie verlassen würden, desto besser.
Trotzdem nahm er sich die Zeit um den Kristall gegen das Licht zu halten und auf Einschüsse zu untersuchen, bevor er ihn in den Mund nahm. Kühl lag er auf Geriyons Zunge – aber fast augenblicklich begann es zu prickeln, in seinem Mundraum angefangen seinen Hals hinab. Die Hände des Magiers zitterten etwas als sich die Leere tief in seinem Geist schloss.
Er seufzte erleichtert, dann schritt er zum Fenster und schloss die Fensterläden. Dabei wurde ihm bewusst, dass Silberschwinge immer noch nicht zurück war. Aber darüber würde er sich später Gedanken machen. Denn langsam wurde er unruhig. Es wurde wirklich Zeit die Maske zu erschaffen und die Akademie dann so schnell wie möglich zu verlassen. Irgendetwas lag in der Luft.
„Kara? Unter dir, unter dem Bett ist eine Tonschale. Leg sie bitte in die Zimmermitte.“
Mit einem verwirrten Gesichtsausdruck tat die junge Frau, was Geriyon ihr aufgetragen hatte und blickte ihn fragend an, als sie die Schale auf den Boden gestellt hatte.
Der Magier schloss die Augen und beruhigte seinen Atem, bis die Luft in einem stetigen Strom aus und in ihn floss. Zunächst musste er diesen Raum abschirmen, nicht das zufällig jemand die Magie spürte, die hier gewirkt werden würde. Er breitete die Arme aus und murmelte einige Worte in der geheimen Sprache, während er die Pforten zu seinem Geist öffnete. Ein Hochgefühl breitete sich in ihm aus, flutete seinen Brustkorb, während die astrale Kraft aus ihm floss und sich als dünne Schicht über die Wände der kleinen Kammer legte. Irrlichtartiges Funkeln erfüllte den Raum.
Neben Geriyon sog Kara überrascht den Atem ein. Während sie sich fasziniert umsah, eilte der Magier wieder zur Kommode und förderte einige Kreidestücke zu tage.
Immer wieder Blicke auf das Muster im Buch werfend, zeichnete er verschlungene Symbole auf den blanken Fußboden. Formte zwei Bannkreise, einen kleinen direkt um die Schale und einen größeren außen herum. Sie würden die Form bilden, sozusagen die Schablone durch die Geriyon den Zauber wirken würde. Nun füllte er klares Wasser aus einer einfachen Kanne in die tönerne Schale und wandte sich an Kara.
„Jetzt fehlt nur noch eines. Möchtest du wissen, warum der Zauber Blutmaske heißt?“
„Ich glaube ich ahne es…“, hauchte sie und ein Schauer durchlief ihren Körper. Dann jedoch streckte sie entschlossen den Arm aus.
„Blut. Es fehlt noch Blut, richtig?“
Der Magier hatte ihre Antwort nicht abgewartet, sondern bereits einen schlanken Dolch aus dem weiten Mantel gezogen, der unachtsam auf das Bett geworfen worden war, als Geriyon sich seiner entledigt hatte. Jetzt nickte er.
„Die Maske ist essentiell abhängig von dem Blut, das für sie verwendet wird. Dieser Zauber soll es ermöglichen die Identität eines anderen anzunehmen, deshalb benötigen wir eigentlich Blut von jemanden dessen Platz du einnehmen möchtest.“
„Oh ...“ Kara ließ den Arm sinken. „Aber wie … woher sollen wir -“
Geriyon unterbrach sie mit einer energischen Handbewegung.
„Darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht. Wir mischen. Meines und deines … wir erschaffen so eine ganz neue Person.“ Eine Person, die vermutlich so aussähe wie Karas und seine gemeinsame Tochter. Geriyons Mund klappte auf und er fühlte wie sein Gesicht heiß wurde. In Gedanken fluchte er lautstark, während er die Vorstellung aus seinem Bewusstsein verbannte.
Währenddessen hatte Kara sich anscheinend entschieden. Sie hob zögerlich wieder ihren Arm. Der Magier holte noch einmal tief Luft, dann hob er die Tonschale unter Karas Hand und setzte die Klinge so vorsichtig wie möglich. Einige vereinzelte Bluttropfen fielen in die Schale und platzten förmlich auf der Wasseroberfläche, verteilten sich langsam, faserig. Geriyon schnitt sich nun selbst und beobachtete dann, wie sich sein eigenes Blut langsam mit dem von Kara vermischte. Soweit, so gut.
„So … und nun brauche ich deine astrale Kraft.“ Er winkte sie zu sich heran.
Verwirrt kam Kara näher.
„Aber du weißt schon was das letzte Mal passiert ist … also magisch ...“
Geriyon nickte ihr ernst zu.
„Wir werden vorsichtig sein … aber ich dachte es wäre ganz sinnvoll, die Quelle anzuzapfen die in dir ruht … schließlich kannst du deine Kraft sowieso noch nicht gezielt verwenden und vielleicht brauchen wir meine noch?“
Unsicher blickte Kara auf ihren Hände herab.
„In Ordnung … wie du meinst. Du bist hier der Magier.“
Der Magier war mittlerweile zu konzentriert, um sich mehr als ein leichtes Schmunzeln zu gestatten.
„Hab keine Angst! Ich werde die Schleusen in deinem Geist ein wenig öffnen, das wird sich im ersten Moment etwas seltsam anfühlen.“ Aufmunternd klopfte Geriyon der jungen Frau auf die Schulter, dann griff er nach ihrer Hand. Kara hatte schon ganz recht. In Anbetracht der Gewalt, die sie auf dem Marktplatz entfesselt hatte, musste er sehr behutsam vorgehen.
„In Ordnung ...“ Mit seiner linken, freien Hand malte der Magier ein kantiges Symbol in die Luft. Eine Linse für den Fluss seiner eigenen Magie. Vorsichtig tastete Geriyon sich in Karas Aura ein, umschloss die versiegelten Punkte – und öffnete die Pforten geringfügig. In Erwartung eines wahren Sturzbaches an magischer Kraft spannte der Magier sich an, doch stattdessen begann es eher zu tröpfeln.
Geriyon hob eine Augenbraue, während er Kara forschend musterte.
„Ist was …?“ Mit einer nervösen Geste strich die junge Frau ihr Haar hinter die Ohren.
Höchst eigenartig … das in Kara magisches Potential steckte war unbestreitbar … aber wie sie eine Explosion zustande bekommen haben sollte, war Geriyon unklar. Egal, darum würde er sich später Gedanken machen, jetzt galt es wichtigeres zu tun.
„Nein, nein alles in Ordnung.“
Die Energie die Kara bisher aufbrachte, reichte bei weitem nicht für ihre Zwecke aus … aber kurz zögerte der Magier doch. Was, wenn er etwas entscheidendes übersah?
„Ach zur Hölle ...“ Seine linke Hand schnellte vor und berührte Kara mit Zeige- und Mittelfinger an der Stirn.
„Öffnen!“
Die junge Frau riss die Augen auf, und diese wurden für einen Atemzug leer. Hätte Geriyon sie nicht gestützt, wäre sie wohl vorwärts gefallen.
Doch dann kam die Magie.
In rötliches Licht getaucht, das sie wie eine zähe Flüssigkeit umwaberte, richtete Kara sich auf, während ihr Haar in einem ätherischen Wind hoch wehte.
Zufrieden setzte Geriyon einen Schritt zurück.
„Schau auf deine Hände! Siehst du etwas?“
Kara schüttelte den Kopf.
„Aber … aber ich spüre etwas! Ein Kribbeln – nein warte! Meine Hände werden ganz warm ...“
Der Magier hob eine Augenbraue.
„Was für eine Überraschung … wobei, wenn ich deine Reaktion auf die Linien im Folianten berücksichtige, vielleicht auch nicht.“
Verwirrt blickte die Ungeformte ihn an. Die stark geweiteten Pupillen machten es allerdings schwer, mehr aus ihren bräunlichen Augen zu lesen. Der schockartige Zustand den der freie Fluss der magischen Kraft auslöste schien noch an Intensität zu zu nehmen. Allzu lange sollte Geriyon Kara wohl nicht in diesem Zustand halten.
„Wir sprachen über visuelle Magier und Taster, erinnerst du dich? Du bist eine Tasterin. Aber was das genau bedeutet erkläre ich dir später. Es wird Zeit mit dem Zauber zu beginnen. Bist du bereit?“
Ein schwaches Nicken beantwortete seine Frage.
„Gut.“
Der Magier wandte sich zur Tonschale, während er seine linke Hand auf Karas Schulter legte. „Du wirst jetzt … fühlen wie es ist zu Zaubern. Am besten du schließt die Augen und konzentrierst dich ganz auf dein Gespür!“
Die entfesselte Magie der jungen Frau leckte wie eine kühle Flamme über Geriyons Hand strömte die nackte Haut seines Armes hinauf und hinterließ dabei Gänsehaut, die sich rasch ausbreitete. Es war ein unbestimmtes Gefühl von Macht, dass eigentlich Sinne in ihm ansprach, die tief in seinem Geist lagen und doch deutlich auf seiner Haut zu spüren war. Er hatte bereits einmal mit fremder Kraft gezaubert … das Besondere, das dem anhaftete war längst verblasst … trotzdem, in diesem Moment verstand er, warum die Bücher vor Sucht warnten.
Energisch schüttelte Geriyon den Kopf, dann klärte er seinen Geist, isolierte jeden Gedanken als Fremdkörper, der nicht auf seine Aufgabe gerichtet war.
Und dann begann er Worte zu murmeln. Worte in einer uralten und doch wunderschönen Sprache. Worte die das Spiegelbild des Musters waren, das er zu weben gedachte. Es war eine ganz besondere, filigrane Arbeit, die er mit Werkzeugen seines Bewusstseins vollführte. Er griff förmlich nach der rohen Magie, die Kara ausstrahlte und verdichtete sie zu Fäden. Als wäre seine Aura eine Spindel, wickelte sich das erste grobe Muster um den Magier und floss dann in die Symbole, die Geriyon auf den Boden gezeichnet hatte. Sie begannen zu glimmen. Schwach erst, doch rasch wurde ihr Leuchten stärker, während die beiden Kreise sich langsam zu drehen begannen. In entgegengesetzte Richtung.
Geriyons Stimme wurde lauter, nahm an Intensität zu und auch die Symbolkreise bewegten sich nun schneller, lösten sich sogar vom Boden um jetzt auch vertikal zu rotieren. Immer rascher, bis die Tonschale von zwei übereinander gestülpten Kuppeln aus schimmernden Schriftzeichen eingeschlossen war. Die Macht die seinen Körper durchströmte jagte eine unbeschreibliche Spannung durch Geriyons Körper. Es war als wäre er erfüllt von der knisternden Kraft eines ganzen Gewitters.
Der Magier hob jetzt beide Hände über den Kopf und schrie die letzten Worte heraus.
„Sereganta!“
Begleitet von einer Welle, die am ehesten mit Euphorie zu beschreiben wäre, brandete der letzte Teil des Musters, der Abschluss, das Siegel aus Geriyon heraus. Und die Kreise gehorchten, schossen auf die Schale zu, rasten in sie hinein -
und stockten. Verharrten vor den sich nur widerwillig vereinigenden Bluttropfen. Der Magier bleckte die Zähne, während Schweiß auf seiner Brust schimmerte. Daran würde es jetzt nicht mehr scheitern.
„Sereganta!“
Geriyon half nach, presste das Blut geradezu zusammen -
und es funktionierte. Für einen Atemzug faltete sich das Muster des Zaubers in strahlender Perfektion vor seinem zweiten Gesicht auf, dann verschwand es in der Schale, die schwankend auf dem Boden zurück blieb.
Erleichtert seufzte Geriyon auf, nur um sofort nach Karas Arm zu greifen, als diese bedenklich zu schwanken begann.
Er half der ausgelaugten Frau sich auf dem Bett niederzulassen. Ihre Gesichtsfarbe hatte ein bedrohlich bleiches Weiß angenommen.
Kurz zögerte Geriyon. Er hatte nicht wirklich Erfahrung mit solchen Situationen. Doch schließlich tätschelte er ihr aufmunternd den Kopf.
„Das ist völlig normal. Du hast gerade fast deine gesamte gespeicherte Kraft verloren!“ Wieder wurde dem Magier bewusst, wie wenig Macht das gewesen war, wenn man die Vorfälle auf dem Marktplatz, die magische Erruption die er selbst hier auf der Akademie noch gespürt hatte, berücksichtigte. Es wurde Zeit Kara ein wenig näher zu analysieren. Aber dazu später. Mit einem gewissen Stolz hob er nun die Schale auf und reichte sie der Ungeformten.
„Das ist dein Schlüssel zu Kayro'har!“
Eine Art Stoff, ein silbriges feines Gespinst lag im Tongefäß.
Vorsichtig hob Kara die Hand um in die Schale zu fassen, zögerte einen Moment, und berührte schließlich das magische Gewebe. Rasch zog sie die Hand wieder zurück.
„Fühlt sich kalt an … und fremd“, murmelte sie leise.
Langsam nickte Geriyon, die Augenbrauen zusammen geschoben.
„Vielleicht ist das nicht schlecht … so vergisst du nie, das es nicht dein Gesicht ist, das du trägst.“
Kara beugte sich tiefer über das Gefäß in ihren Händen.
„Und … wie funktioniert das jetzt?“
Der Magier lächelte, während er die Arme hob, um die Kammer wieder zu entsiegeln.
„Eigentlich ist es nicht besonders schwer, ein bisschen Übung und -“ Er stockte und seine Augen weiteten sich erschrocken. Die magische Barriere, die er um den Raum gelegt hatte, hatte verhindert, dass der Zauber entdeckt worden war, doch umgekehrt hatte sie auch Geriyons Sinne für die Umgebung blockiert.
„Verdammt!“ Der junge Magier wirbelte herum und streckte die Hände zur Tür aus. Ein leises Klicken ertönte, als der Schlüssel sich wie von Geisterhand bewegt herum drehte. Fast im selben Augenblick wurde die Klinke energisch heruntergedrückt und an der Tür gerüttelt. Draußen waren aufgebrachte Stimmen zu hören.
„Schnell, versteck die Maske!“ Eilig sah Geriyon um sich, versuchte nicht in Panik zu verfallen, während er nach einem Ausweg suchte. Nur – es gab keinen.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Kara mit spitzen Fingern die schimmernde Maske aus der Schüssel nahm und in ihre Hosentasche stopfte, während sie die Tonschale unter der Bettdecke verschwinden ließ. Das Buch! Eilig warf Geriyon seinen Mantel, den er eigentlich lieber angezogen hätte über den Folianten, während wütend an die Tür geklopft, nein gehämmert wurde. Und nun …?
„Kara? Wir brauchen irgendeine Ausrede, warum du hier bist. Irgendetwas ...“ Der Magier blickte an seinem immer noch entblößten Oberkörper herab. Und eine die erklärte, warum er in diesem Aufzug -
„Oh …!“

Die Tür barst förmlich nach innen auf und einer der schwarzen Magier betrat die Kammer, flankiert von zwei der Akademiegardisten in ihren dunklen Lederrüstungen. Die Glatze des Lehrmeisters war unverkennbar.
„Meister Gavrakas“, hauchte Geriyon.
Der Angesprochene wandte sich mit einem gehässigen Grinsen zu ihm um und seine kalten Augen strichen über die Szenerie.
Kara und Geriyon lagen auf dem Bett in halb aufgerichteter Position. Die junge Frau schmiegte sich eng an den Magier, den Kopf an die nackte Brust gelegt.
„Sieh an, sieh an … meine Zimmerdurchsuchung trifft euch beide wohl in einer etwas … unpässlichen Situation.“ Geriyon, der seinen Arm demonstrativ um Karas Schulter gelegt hatte, zog diese noch näher zu sich heran – auch wenn ihm das ein gewisses Unbehagen bereitete – um sie vor Gavrakas Berührung zu bewahren. Doch dessen Hand zuckte vor und packte die junge Frau am Kinn, drehte ihren Kopf hin und her, als würde er um ein Pferd auf dem Markplatz feilschen.
„Empfindest du ein Bauernmädchen denn als ziemend für einen Novizen der schwarzen Magie?“
Geriyon schwieg nur und funkelte den Lehrmeister an. Seine Worte trafen den Graumagier mehr, als Gavrakas ahnen konnte.
„Aber das ist nicht der Grund, aus dem ich hier bin.“ Der Schwarzmagier gab den beiden Wächtern einen Wink und diese richteten ihre Hellebarden auf Geriyon, während Gavrakas sich interessiert in der kleinen Kammer umsah.
„Wie du vielleicht weißt, Novize, versteckt sich ein Verräter unter uns.“ Der Lehrmeister ließ ein schnaubendes Lachen hören.
„Und der hat sich erdreistet zwei Bücher aus unserer Bibliothek zu stehlen. Wenn das eine auch eher unwichtig war.“
Angespannte Stille breitete sich aus, während Gavrakas einige Schubladen aufzog. Der schwarze Magier schien es sichtlich zu genießen, seinen Schüler in einer unvorteilhaften Lage verharren zu lassen.
„Hm … hier scheint nichts zu sein.“ Es klang fast enttäuscht. Doch da fiel Gavrakas Blick auf den unordentlich in die Ecke geworfenen Mantel Geriyons. Eine steile Falte zerfurchte seine Stirn.
„Warum hast den nicht eben schnell übergeworfen? Hm … das solltest du dringend nachholen!“ Eine rasche Bewegung mit dem Magierstab und bevor Geriyon reagieren konnte, segelte das Kleidungsstück in seine Richtung.
„Na was haben wir denn da!“
Geriyons Gedanken begannen zu rasen. Kurz erwog er zu behaupten, dass er zwar dieses Buch entwendet hätte, doch nichts von dem Verbleib das weit wichtigeren anderen Buches ahnte. Doch er bezweifelte, dass er damit durchkommen würde.
Der junge Graumagier seufzte, während sich seine Sinne auf das Äußerste schärften.
Gerade wandte sich Gavrakas um.
„Wachen, nehmt sie fest. Sie beide!“
Magie strömte wie flüssiges Metall durch Geriyons immer noch lädierten Muskeln, lösten Blockaden, die normalerweise nur in Extremsituationen geöffnet wurden … und auch dann nur für kurze Zeit.
Der Graumagier schnellte in die Höhe und drehte sich gleichzeitig so zur Seite, dass er zwischen die beiden Hellebarden kam.
Seine beiden Arme explodierten förmlich als er sie den Gardisten unter das Kinn hämmerte.
Während die beiden Männer zurück taumelten, wirbelte Geriyon herum und ergriff mit einer Hand Karas Arm, während seine andere den Mantel zu fassen bekam. Keine Zeit für lange Erklärungen.
Er zerrte sie in die Höhe und Richtung Tür. Gavrakas Gesicht verzog sich zu einer zornigen Grimasse.
„Halt!“
Das war mehr als nur ein einfaches Wort . Geriyon erstarrte mitten in der Bewegung, als die Fäden des Zaubers in seinen Geist tasteten. Und auf erbitterten Widerstand trafen.
„Freiheit!“, fauchte der Graumagier und ein gleißendes Schriftzeichen formte sich in der Luft. Mit vor Überraschung geweiteten Augen taumelte Gavrakas zurück.
„Und jetzt lauf!“
Geriyon eilte los, Kara hinter sich herziehend, den Mantel über der Schulter. Wenn sie gerade nicht in Lebensgefahr schweben würden, hätte er den Anblick wohl belustigend gefunden.
Sie schlitterten über den blankpolierten Steinboden des Gangs, während hinter ihnen die beiden Wachen aus dem Zimmer stürzten. Eigentlich hätten Geriyons Schläge die beiden bewusstlos zurücklassen müssen. Gavrakas führte sie anscheinend an magischen Fäden, wie Marionetten.
Der Graumagier und die Ungeformte schnellten um eine Biegung, die lange Reihe der steinernen Statuen raste als verwischter Schemen an ihnen vorbei.
Auch die Muskeln in Geriyons Beinen begannen unter der zusätzlichen Belastung mit schmerzhaften Wellen zu protestieren, doch der Graumagier bis nur die Zähne zusammen. Dafür war jetzt keine Zeit!
Dann erreichten sie endlich die Treppe, die Gardisten trotz Geriyons Anstrengungen dicht auf ihren Fersen. Allerdings hatten sie ihre Waffen fallen gelassen.
Mit halsbrecherischem Tempo spurtete der junge Magier die Stufen hinab und schoss in die große Vorhalle der Akademie -
nur um auf dem großen Mosaik - einer stilisierten Sonne - rutschend zum stehen zu kommen.
Das schwere Tor war geschlossen und davor hatte sich eine Reihe von Akademiegardisten aufgebaut, die Klingen erhoben. Von einer der Säulen in der Nähe der Wände löste sich die hagere Gestalt eines weiterer Lehrmeisters. Langes, schneeweißes Haar umspielte sein ebenso bleiches Gesicht.
Er grinste breit.
„Bei allem Dämonen!“
Verzweifelt sah Geriyon sich nach einem Fluchtweg um. Hinter sich konnte er bereits die zwei Gardisten hören, die er niedergeschlagen hatte. Mit seltsam abgehackten Bewegungen kamen sie langsam die breite Treppe herunter, gefolgt von Gavrakas, eine Hand auf Schulterhöhe gehoben, die Finger gespreizt.
Wo war Geriyon da nur rein geraten? Ein kurzer Augenblick der Unaufmerksamkeit … und die ganze Akademie hatte sich in eine tödliche Falle verwandelt.
Die Halle begann, sich um den erstarrten Graumagier zu drehen. Was sollte er nur tun? Er hätte die Maske nicht noch in der Akademie schaffen sollen … aber jetzt war es zu spät für Hader. Einen Seitenblick zu Kara, die mit weit aufgerissen Augen neben dem Graumagier stand und immer wieder ungläubig den Kopf schüttelte.
Doch noch war es nicht vorbei, noch hatten sie Geriyon Raven nicht geschlagen.
„Halt dich gut fest!“, knurrte er. Dann führte er seine freie Hand zum Mund und biss hinein. Der salzige Geschmack von Blut in seinem Mund.
Der Graumagier ging in die Knie und bemerkte, wie der Lehrmeister am Tor argwöhnisch die Stirn runzelte.
„Gefangen nehmen – jetzt!“
Geriyon legte seine blutende Hand flach auf den Boden. Mühte sich um Konzentration. Versuchte seinen Geist zu einer Insel zu machen, im aufgewühlten Strom der Realität. Dann griff er nach seiner Astralenergie.
„Nebelgeist!“
Die Vorhalle der Akademie füllte sich fast schlagartig – mit Nebel.
Sofort richtete sich der junge Magier wieder auf, griff nach seinem Siegel und enthüllte sein rechtes Auge. Es brauchte so kaum einer Anstrengung um den nötigen Zauber zu weben.
Um ihn herum begannen die Auren seiner Widersacher in den Farben von Nervosität und Zorn zu strahlend, während sie sich auf den Ort zu bewegten an dem Geriyon und Kara standen. Oder zumindest gerade noch gestanden hatten.
Geschickt schlängelte sich der Graumagier zwischen den anstürmenden Wachen hindurch, der dichte Nebel verhinderte, dass diese wirklich planvoll vorgehen konnten. Doch das Tor wurde leider immer noch versperrt von dem Lehrmeister, zumindest konnte Geriyon jetzt Zeit gewinnen, Zeit, die er bitter nötig hatte.
Mit eiligen Schritten verschwand er hinter einer ganz bestimmten Säule, Kara weiterhin an der Hand. Mit fliegenden Fingern tastete er nun über den kühlen Stein der Wand fand ein Muster. Lautlos glitt ein Teil der Mauer zur Seite gab eine kleine Wendeltreppe frei, die der Graumagier und die Ungeformten nun hoch eilten, während sich der Durchlass hinter ihnen wieder schloss. Wiedereinmal zahlte es sich aus, dass Geriyon den Grundplan des Akademiegebäudes studiert hatte.
Immer weiter schraubte der Gang sich in die Höhe bis sie schließlich eine kreisrunde Kammer erreichten. Eine Art Observatorium, zumindest ließen die zahlreichen Wandmalereien von Sternen und anderen Himmelsphänomenen darauf schließen.
Schwer atmend sank Geriyon zu Boden. Er fühlte wie sein Auge seine Magie aufsaugte, als wäre es ein schwarzes Loch. Ewig Zeit hatte er nicht mehr. Aber da musste er sich keine Sorgen machen. In einer Kammer mit nur einem Eingang würde sie auch nicht ewig sicher sein.
Doch es verschaffte ihm die Augenblicke die er brauchte. Geriyon straffte sich und schlug die Beine untereinander.
Kara stand ihm gegenüber, die Arme auf die Oberschenkel gestützt. Ihr Atem ging stoßweise, einige verirrte Haarsträhnen fielen ihr wirr ins Gesicht.
„Das war aber knapp ...“
Der Graumagier nickte nur schweigend. Und es war noch lange nicht vorbei. Er musste einen Ausweg finden.
Einige Atemzüge sammelte er sich, sog Ruhe und Gelassenheit aus seiner Umgebung. Dann begann er wieder ein Muster zu formen. Glühende Symbole zeichneten sich wie von selbst auf dem Boden um ihn herum … Worte der Klarsicht, Zeichen des Weitblicks. Geriyon kniff sein linkes, normales Auge zusammen und riss sein Rechtes um so weiter auf.
Nach und nach verschwamm die Kammer um ihn herum, die Mauern schienen zu verwischen, an Substanz zu verlieren, während die Sinne des Graumagiers sich weiteten. Die Gänge der Akademie breiteten sich vor ihm aus wie ein Lageplan. Ein Lageplan auf dem kleine aufgebrachte Ameisen herum liefen.
Der Nebel in der Vorhalle war natürlich längst gebannt worden und die Gardisten, ebenso wie die Lehrmeister waren aus geschwärmt um die Fliehenden zu finden. Leider hatten sie trotzdem nicht den Fehler gemacht, dass Tor unbewacht zu lassen.
Kurz stockte Geriyon … ein seltsames Gefühl hatte sein Bewusstsein gestreift, als würde nicht nur er die Akademie beobachten, sondern das Gebäude auch zurück starren. Der Magier schüttelte sich und der Eindruck verging. Er musste sich jetzt völlig auf seine Aufgabe konzentrieren.
Stattdessen ließ er die Fühler seines Geistes durch die Korridore des Gebäudes fließen, auf der Suche nach einem Ausgang – irgendeiner Fluchtmöglichkeit. Schließlich breiteten sich die Verliese vor Geriyons zweitem Gesicht aus … und da war es! Kaum mehr als ein Rattenloch und doch ein Schwachpunkt.
Begeistert schnellte der Graumagier in die Höhe, was Kara erschrocken aufblicken ließ.
„Ich ...“
Geriyon stockte und fuhr herum. Sein Auge pochte schmerzhaft, schien kaum mehr zu sein als ein Fremdkörper in seinem Gesicht.
Es war die Akademie – nein das war nicht richtig, jemand übernahm die Kontrolle über das Gebäude. Magie floss nun wie Blut durch die dicken Mauern.
Rasch schlug der Graumagier seine Faust gegen die Wand und begann Worte der Macht zu murmeln. Kleine silberne Buchstaben breiteten sich über der Mauer aus, flossen auf seine Hand und von dort seinen Arm hinauf.
Doch über ihm, am höchsten Punkt der Akademie hielt jemand mit unglaublicher Kraft dagegen. Die Räume zwischen den beiden Kontrahenten schienen zusammen zu schrumpfen und mit einem mal stand Geriyon dem Erzmagister der Akademie gegen über. Dessen vor Anstrengung verzerrte Gesicht schimmerte im Schein unzähliger Kerzen. Die Arme über einem im Boden eingelassenen Pentagramm erhoben, murmelte der Meister der schwarzen Magie Worte ähnlicher derer, die Geriyon von sich gab. Es war eine Pattsituation. Dank seiner Hellsichtmagie sah der Graumagier das Muster seines Gegners klar vor sich, konnte immer wieder wichtige Stränge durchtrennen, doch Geriyons Macht reichte nicht, um zum Gegenangriff überzugehen. Zu allem Überfluss fühlte er, wie seine rechte Gesichtshälfte langsam taub wurde.
Da betraten weitere Gestalten das Pentagrammzimmer, der jüngere Magier nahm sie nur schemenhaft wahr, doch der eine schien Meister Gavrakas zu sein und der andere – einer seiner Mitschüler!
Gavrakas führte den Novizen zu dem Erzmagister, der langsam einen schlanken Dolch hob, ohne den Blick von Geriyon abzuwenden.
Erschrocken sog der junge Graumagier die Luft ein.
„Kara verlass die Kammer, schnell!“
In diesem Augenblick stieß der Erzmagister zu, zerteilte mit einem einzigen sauberen Schnitt die Kehle des jungen Novizen. Mit Unglauben in den Augen stürzte dieser zu Boden und sein Blut ergoss sich in die Rillen des Pentagramms.
Und unbändige Kraft wallte auf. Einer Flutwelle gleich sprudelte sie über Geriyon hinweg, zerbrach seine Verteidigung und schmetterte ihn zu Boden.
Die Mauern des Observatoriums begannen weich zu werden, wie eine zähe fädenziehende Flüssigkeit – dann veränderten sie sich. Die Bilder des Sternenhimmels verblassten, kühle große Steinquader stießen hervor. Alles begleitet von einem Gefühl des Fallens.
Dann war es vorbei.
Mit einem Quietschen schwang die mit Eisen beschlagene Tür zu dem Kerker auf. Der Lehrmeister mit dem weißen Haar betrat sie, begleitet von mehreren Gardisten und blickte grinsend auf Kara und Geriyon herab.
„Endstation.“

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

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Beitrag #40 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Dende blickte immer noch an der Mauer hoch. Bisher hatte sich absolut nichts im Haus getan. Gerade so, als ob alle noch schliefen. Dabei würde es schon bald mittag sein. Ärgerlich stieß er einen Kiesel gegen die Mauer. Es würde kein Problem sein, in das Anwesen einzudringen, aber ohne Aufmerksamkeit zu erregen...?
Plötzlich hörte er das Eingangsportal sich öffnen. Verstohlen zog der Magier sich tiefer in den Schatten der gegenüberliegenden Häuserwand zurück und beobachtete, wie Yerim und zwei Diener, darunter auch jener, der sich Kin nannte, das Haus verließen. Sie schlugen den Weg Richtung Osten ein, zu Vuluns Palast.
Das war seine Chance. Der Hausherr war nicht da, nun würde es sicher einfacher werden, an Andamir heranzukommen, wenn er die Wachen irgendwie überzeugen könnte. Langsam schloss er die Augen und spürte die Wellen der Magie. Sie umflossen ihn, kitzelten ihn fast ein wenig und schossen auf seinen Willen immer schneller um ihn herum. Sein ganzer Körper begann zu vibrieren, das Netz der Magie verdichtete sich, formte sich, wie es sein Geist wollte. Die Wellen schossen wie Wasserstrahlen um seinen Körper herum, als ob sie ihren Platz suchten, dann flossen sie wieder langsamer, wurden träger und erstarrten schließlich ganz. Für alle Menschen war Dende nun wieder Kelim Vanderkeyn, der übergewichtige Händler. Sie waren so leicht zu täuschen. Die Spiegel der Wasser zeigten den gewöhnlichen Leuten immer das, was sie sehen wollten.
Ein weiteres Knarren des Tores ließ ihn herumfahren. Erstaunt sah er, wie Andamir und das hübsche Mädchen, dessen Namen Dende nicht kannte, das Anwesen verließen. Seltsamerweise machte niemand Anstalten, sie aufzuhalten, im Gegenteil, die Wachen winkten ihnen nach. Sie schienen nicht länger Gefangene Yerims zu sein. Ohne in seiner Rolle als Händler aufzufallen, eilte er den jungen Leuten nach, die die Südliche Hauptstraße überquerten. Vorbei an den zahlreichen Geschäften und Ständen, welche die Straße säumten lenkten sie ihre Schritte in die verwinkelten Gassen des alten Stadtkerns, und hielten dann abermals inne.
Nun war Dende endgültig verwirrt: Eine alte Frau erhob sich von einem der Steinbrocken, die aus der alten Stadtmauer gefallen waren, und begrüßte die beiden. Nach einem kurzen Wortwechsel setzte die Blondine ihren Weg in Richtung der Paläste fort, während der Junge und die verhutzelte Alte in eine der schmalen Gassen einbogen, die zum Marktplatz führten.
Trotz der unüblichen Gassen fiel es Dende nicht schwer, den beiden zu folgen, denn sie kamen in nur im Schneckentempo voran. Unwillkürlich muss er schmunzeln, als er das ungleiche Paar beobachtete. Der schlanke hochgewachsene Junge überragte die Alte bei weitem, schien ihr aber mit Respekt zuzuhören. Sie schien ihm Anweisungen zu geben. Plötzlich blieben sie vor einem Haus stehen, die Alte umarmte Andamir und ging dann die Straße weiter. Der Junge verschwand durch eine Seitentür in das Haus. Dende kniff die Augen zusammen. Er kannte dieses Haus. Es gehörte dem alten Schmuckhändler, der dort sein Geschäft hatte. Dende ging langsam darauf zu und sah, dass Andamir nicht ins Geschäft, sondern über eine schmale Holztreppe in das Obergeschoss des Hauses gegangen war. Ohne einen Laut zu machen stieg der Magier ebenfalls die Treppe hoch. Eine Sekunde überlegte er, ob er anklopfen sollte, doch dann entschied er sich dagegen. Die Augen langsam schließend spürte er wieder die Wellen der Magie in seinem Körper, die ihn durchfloßen und sich in seiner linken Hand zu einer Kugel magischen Wassers formten. Er hielt die Energie in seinem Körper gespannt, als er die schmale Holztür aufstieß.
„Ihr?“, fragte eine Stimme überrascht.
Innerhalb einer Sekunde hatte Dende den Raum überblickt. Er war nicht besonders groß, aber üppig eingerichtet. Die Stimme gehörte Andamir, niemand sonst war im Raum. Dendes Körper entspannte sich wieder und das magische Wasser verschwand. Langsam trat der Magier ein und blickte den immer noch ungläubig blickenden Jungen freundlich an.
„So ist es. Kelim Vanderkeyn zu Euren Diensten.“
„Ihr seid also der mysteriöse Kontaktmann, der mich beschützen soll.“ Andamir musterte Vanderkeyn von den Geheimratsecken bis zu den feisten Waden und hob die Brauen.
Dende unterdrückte den Impuls, die Stirn zu runzeln. Er musste nun ruhig bleiben. Wen immer der Junge erwartete, er musste schnell spielen.
„Ihr hattet wohl jemand anderen erwartet?“
„Naja.“ Andamir zuckte die Schultern. „Einen Kham eben. Ich meine... Wie um alles in der Welt habt ausgerechnet Ihr Kontakt zu Großmutter aufgebaut?“
„Eine lange Geschichte.“ Dende winkte ab, doch seine Gedanken rasten. Andamir schien den wohlhabenden Händler ebenfalls bei Yerim bemerkt zu haben. Vielleicht wusste er mehr, als es Dende lieb war. Er würde vorsichtig bei jeder einzelnen Aussage sein müssen.
„Und ich glaube, wir haben dringendere Probleme als alte Geschichten aufzuwärmen,“ antwortete er vielsagend und ließ sich behäbig in einem Stuhl am Fenster nieder. Das einfallende Licht der Mittagssonne schien hinter ihm in den Raum und mussten um seinen Kopf eine Strahlenkrone bilden und seine Gesichtszüge verbergen.
Der Junge ließ sich ihm gegenüber nieder. Einen Moment lang schien er zu zögern, dann richteten sich seine dunklen Augen auf den Händler, als wollten sie ihn durchleuchten.
„Da bin ich anderer Meinung“, sagte er ruhig. „Ihr habt etwas, das Euch nicht gehört. Das Medaillon...“
Nun fuhren Dendes Augenbrauen doch in die Höhe. Dies war eine Wendung, die er nicht vorhergesehen hatte.
„Woher wisst Ihr von diesem Schmuckstück?“, fragte er gepresst.
„Ich habe gelauscht,“ antwortete Andamir frei heraus. „Ich weiß, dass es Euch nicht gehört. Woher habt Ihr es?“
„Nicht so schnell, mein junger Freund. Ihr bezichtigt mich des Diebstahls. Ich bin Händler, ich habe das Medaillon gekauft!“
„Von wem?“, kam die blitzschnelle Gegenfrage.
Dende lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Diese Art des Verhörs mochte er gar nicht, schon gar nicht, wenn er von einem adeligen Knirps ausquetscht wurde. Doch das Gespräch entwickelte sich noch interessanter, als er gedacht hatte. Der Junge kannte das Medaillon, vielleicht kannte er also auch dessen Vorbesitzer und Ursprung.
„Einer meiner untergegebenen Händler hat das Medaillon von einem jungen Mädchen gekauft, hier in Kayro'har,“ sagte Dende.
Aus dem Augenwinkel beobachtete er aufmerksam, wie sich Andamirs Miene verschloss. „Das ... kann nicht sein,“ murmelte er kaum hörbar und dann nach einer Weile: „Kann ich es sehen?“
Dende zögerte, doch dann holte er langsam das Medaillon aus seiner Tasche und hielt es ihm hin. Einige Augenblicke lang starrte der Junge konzentriert auf das Schmuckstück. Als er danach greifen wollte, schnellte Dendes Hand zurück und er schüttelte langsam den Kopf. Ihm entging nicht, dass Andamirs Blick bis zum letzten Moment an dem Medaillon hing, geradezu gierig, nein... suchend.
Dende würde vorsichtig vorgehen müssen, wenn er mehr Informationen aus dem Jungen herausbekommen wollte.
„Ihr kanntet das Mädchen?“, fragte er so einfühlsam wie möglich. „Aus Noato?“
Andamir lachte trocken auf. „Eine lange Geschichte“, sagte er sarkastisch. „Wir haben dringendere Probleme, oder?“
Innerlich musste Dende fast lächeln. Der Junge begann ihm zu gefallen. Wie konnte es Zufall sein, dass der Mensch, der Karas Vergangenheit kannte, ausgerechnet auch in Kayro'har war? Wenn die Situation nicht so ernst erschien, würde ihm die ganze Geschichte lächerlich vorkommen. Je mehr Informationen er erhielt, umso mehr Fragen taten sich vor ihm auf. Er würde noch einmal in Ruhe darüber meditieren müssen.
Nun jedoch setzte er eine besorgte Miene auf. Der Junge musste in seine Falle tappen.
„Du liebe Zeit,“ murmelte er betroffen. „Wenn ich das gewusst hätte.“
Alarmiert blickte Andamir auf. „Was?“
„Ich... es tut mir leid, ich hatte ja nicht den geringsten Hinweis, dass es Leute in Kayro’har gibt, die sie kennen, sonst...“
„Was ist passiert??“ Dende unterdrückte ein Schmunzeln. Der Junge schien kurz davor, dem beleibten Händler an die Kehle zu springen.
Zu emotional, dachte er bei sich. Deine Gefühle machen dich zu unaufmerksam, Kleiner...
„Dieses Mädchen,“ sagte er bedeutsam, „hat etwas... Schlimmes angerichtet. Euer Onkel hat ihr die Stadtwache auf den Hals gehetzt, und ich möchte nicht wissen, was er mit ihr anstellen wird, wenn er sie in die Finger bekommt...“
„Vulun?“, rief der Junge entgeistert. Seine Augen weiteten sich. „Er sucht sie? Verdammt, nun hör endlich auf dich in Rätseln auszudrücken, Fettwanst!“
Einen Moment lang weidete sich Dende an dem Anblick, als Andamirs - Arjuks - Ausdruck plötzlich erstarrte.
„Ihr ... was habt Ihr da gesagt? Onkel? Er ist nicht ... mein Onkel.“
Die letzten Worte waren ein reines Flüstern. Dende lächelte triumphierend. Er war darauf hereingefallen.
„So ist das also,“ antwortete er leise. Nun hatte er wieder die Oberhand gewonnen und blickte den jungen Grafen abschätzend an. „Ihr seid klug, zweifellos, doch zu schnell verliert ihr eure mühselig angelernte Beherrschung. Das passt doch nicht zu einem Prinzen.“
„Der Prinz ist tot!“, erwiderte Arjuk heftig.
„Ich glaube nicht,“ schmunzelte Dende. „Aber beunruhigt Euch nicht. Wie gesagt habt Ihr vor mir nichts zu befürchten. Ich werde nicht...“
Die beiden fuhren auf, als die Tür aufgestoßen wurde und ein breitschultriger Mann eintrat. Im Stillen stieß Dende einen Fluch aus. Nicht nur, dass ihm vollkommen entgangen war, dass sich der echte Kontaktmann im Anmarsch befand... Musste es auch noch ausgerechnet dieser Kontaktmann sein?
„Zwei Leute?“, brummte Bron, der Gehilfe des Schmuckhändlers. Er zog den Kopf ein, als er über die Schwelle schritt. „Das ist mir neu...“

-Was wiegt 180 Gramm, sitzt auf einem Baum und ist sehr gefährlich?
-Ein Spatz, der eine Pistole trägt.
-Richtig, das ist die einzig mögliche Lösung!

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