Es ist: 27-11-2022, 06:56
Es ist: 27-11-2022, 06:56 Hallo, Gast! (Registrieren)


VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #41 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Unruhig hüpfte Silberschwinge auf ihrer Schulter umher und krahte besorgt. Tanya nickte nur, während ihre Augen weiterhin forschend die Akademie der Schwarzen abtasteten. Der imposante Hauptturm, umgeben von den schlanken Nebengebäuden, ragte nahe ihres Versteckes in die Höhe. Fast zum Greifen nah.
Die junge Magierin ließ die Äste des Gebüschs sanft zurück an ihre Position gleiten, drehte sich herum und lehnte sich mit ihrem Rücken gegen einen Stamm. Hinter ihr wallte Magie auf, blähte sich förmlich, um dann in sich zusammen zufallen, einen prickelnden Schauer über ihre Haut jagend.
„Sie haben die Bannkreise gelöst ...“
Silberschwinge schwang den großen Schnabel, versuchte ein menschliches Nicken zu imitieren.
Geriyon hätte ihr nun vermutlich nicht nur sagen können, was genau das für Bannkreise waren, sondern auch wer sie gewirkte hatte und warum … das war immer sein Part gewesen. Er hatte das Ziel ausgekundschaftet und Tanya konnte dann nach einem genauen Plan vorgehen.
„Das heißt sie haben ihn, oder?“
Eine dämliche Frage, auf die sie sich selbst eine Antwort geben konnte. Doch sie hatte es aussprechen müssen, damit diese Worte nun in all ihrer Düsternis über der kleinen Lichtung schweben konnten.
Eine unangenehme Spannung breitete sich in Tanyas Bauch aus und kroch von dort bis in ihre Kehle hinauf.
Vielleicht war Geri schon tot? Gefällt mit einer einfachen Handbewegung. Egal wie lange ein Kampf dauern mochte … am Ende war es immer eine einfache Handbewegung, ein letzter Zauber, der es beendete.
Milena schüttelte sich und beruhigte dann ihren Atem. Das war ganz und gar nicht ihre Art. Zögern war Schwäche, Risiken mussten eingegangen werden.
„Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein.“
Sie sprach zu sich selbst, Silberschwinge saß weiterhin nur bewegungslos auf ihrer Schulter. Sie wusste was die Meister in solch einer Situation sagen würden.
`Gefährde nicht deine eigene Mission, wegen der Fehler anderer.`
Das wäre das Vernünftigste, das wusste Tanya … und eigentlich handelte sie immer vernünftig. Es waren sehr fadenscheinige Gründe gewesen, mit der sie Arjuk abgespeist hatte, nachdem Silberschwinge zu ihr gekommen war. Nicht nur das, sie hatte ihn allein gelassen. Etwas, das sie niemals hätte tun dürfen … aber es ging um Geri! Ihren Geri!
Bedächtig erhob sie sich, strich sich durch das lange seidige Haar.
Seltsam dass ihr jetzt gerade die Nacht am See einfiel. Silbrig-mondbeschienen … bedeutsam. Sie hatte gewusst, dass Geriyon fliehen wollte … fortlaufen, der Akademie den Rücken kehren.
Aber er war geblieben.
„Silberschwinge? Ich bring uns rein, du musst mich dann führen.“
Der Vogel krächzte erleichtert, während Tanya sich zur Akademie umwandte. Das würde nicht ganz einfach werden. Nachdem sich bereits ein fremder Magier bei ihnen eingeschlichen hatte, würden die Schwarzen ihre Wachsamkeit sicherlich verdoppeln. Und auf eine direkte Konfrontation durfte sie sich nicht einlassen. Nicht wenn sie nicht da landen wollte, wo Geriyon schon auf sie wartete. Andererseits …
„Schau gut zu, Silberschwinge, jetzt kannst du noch was lernen!“
Die junge Magierin schloss die Augen und öffnete die Pforten tief in ihrem Innern. Astrale Energie strömte elektrisierend aus ihrem Geist, floss warm über ihre Haut, ergriff auch ihr Haar.
Dann murmelte sie einige Worte. Es hatte etwas von Sprechgesang, an- und abschwellend, dabei immer lauter werdend. Milenas Körper begann nun langsam durchscheinend zu werden, nahm die Farben ihrer Umgebung an. Chamäleongleich.
Das letzte was man erkennen konnte, war, wie sie ihre Arme hob, um die Haare zu einem Zopf zurück zu binden.
Dann ein Hauch von Bewegung – und nur ihre Schuhe blieben zurück, die sie zurückgelassen hatte um sich leiser bewegen zu können.

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

Wanderer zwischen den Welten und der
Weltenknoten

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #42 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
„Ihr habt mich belogen!“ Arjuk war wütend aufgesprungen.
Auch Bron starrte den Magier unfreundlich an. „Was soll das, Händler? Ihr habt hier nichts verloren.“
Im Stillen verfluchte Dende seine Unachtsamkeit. „Beruhigt Euch, Bron!“, sagte er freundlich. „Ich habe lediglich... Geschäfte mit dem Jungen abzuwickeln.“
Auf Bron schien das nicht gerade beruhigend zu wirken. Der Kham trat einen weiteren Schritt auf Dende zu, so als wolle er ihn jeden Moment packen.
„Raus hier,“ knurrte er. „Die Stadtwache sucht Euch, ich will nichts mit Euch zu tun haben.“
Dendes Miene verfinsterte sich. „Was soll das heißen?“
„Ja, damit habt Ihr nicht gerechnet,“ grinste Bron gehässig. „Die Stadt ist abgeriegelt. An den Toren schauen sie jedem einzeln ins Gesicht, halten jeden Wagen an. Die werden bald anfangen, die Häuser zu durchsuchen.“ Aus dem Augenwinkel sah Dende, wie Arjuk leichenblass wurde und instinktiv einen Schritt zurück wich. Auch Bron bemerkte es.
„Keine Sorge,“ beruhigte er den Jungen. „Aus der Stadt kann ich dich zwar erst mal nicht bringen, aber ich weiß schon einen sicheren Platz für dich.“ Der gewaltige Schmuckhändler trat entschlossen auf Dende zu und baute sich drohend vor ihm auf. „Für Euch gibt es leider keinen Platz.“
Dende spürte, wie er innerlich immer mehr vor Wut kochte. In dieser Stadt schien jeder gegen ihn zu arbeiten. Und die Kham waren die Schlimmsten unter den Menschen, so schien es. Sie handelten ohne jede Logik und misstrauten selbst ihrer eigenen Rasse. Langsam stand er auf und funkelte Bron an. Einen Moment lang schien der breitschultrige Mann zu zögern, dann fuhr seine mächtige Pranke blitzschnell gegen den Magier. Doch er konnte die Bewegung nicht zu Ende führen. Der Kham erstarrte, als Dende seine flache Hand nur ein paar Zentimeter vor den Körper Brons führte. Die magischen Wellen umschlossen den Kham und hielten ihn fester als jede andere Kraft der Welt. Dende ließ seine Hand nach vorn schnellen und der Mann fiel mit einem Aufschrei gegen die gegenüberliegende Wand und brach zusammen.
Neben sich hörte Dende Arjuk überrascht nach Luft schnappen, aber er hatte nun keine Zeit für den Jungen.
„Hört mir zu Bron“, flüsterte Dende und trat auf den am Boden liegenden Kham zu. Seine Augen waren nun nicht mehr die blassblauen, wässrigen Augen Vanderkeyns, sondern strahlten in einem düsteren Violett. „Es war ein großer Fehler von Euch, sich hier einzumischen. Ihr werdet nun die Konsequenzen tragen müssen!“
Verwirrt blickte ihn große Mann an.
„Wer seid Ihr?“, krächzte er heiser.
„Es reicht, wenn Ihr wisst, dass ich weitaus mächtiger bin als Ihr jemals zu träumen gewagt habt. Ich weiß, ihr Kham habt kein Vertrauen in die Magie, aber es wird Zeit, dass euch jemand Respekt beibringt!“
Mit einer schnellen Handbewegung hob er Bron wieder auf seine Füße.
„Ihr werdet jetzt gehen und die Stadtwachen von hier fernhalten, versteht Ihr?“
Langsam nickte Bron.
„Desweiteren verliert Ihr kein Wort mehr über Kelim Vanderkeyn, weder zu eurem Meister, noch zu Yerim oder dieser Großmutter. Ihr könnt versichert sein, dass der Junge bei mir in weitaus besseren Händen ist als bei Euch!“
Dende konnte förmlich sehen, wie es in Brons Hirn arbeitete. Der Mann wollte etwas erwidern, wollte sich losmachen, doch das Netz der Magie hielt ihn wie erstarrt in seiner Position. Schließlich nickte er ernüchtert. Dende ließ ihn los. Vorsichtig bewegte der Kham seine Hände und Arme, als prüfe er, ob er überhaupt noch einen Muskel korrekt beanspruchen konnte. Dann verließ er langsam den Raum, nicht ohne Arjuk einen letzten verzweifelten Blick zuzuwerfen.
Als die Tür ins Schloss fiel, atmete Dende auf. Länger hätte er die Gestalt Vanderkeyns nicht aufrecht erhalten können, nicht wenn er nebenher noch Brons Geist und Körper manipulieren musste. Die Aktion hatte ihn einige Kraft gekostet, und wenn die Geschichte von der Stadtwache stimmte, würde er möglicherweise bald noch mehr Kraft brauchen...
Als Dende sich langsam zu Arjuk umwandte, war er nicht mehr der beleibte Händler, sondern ein hochgewachsener, hagerer Mann, dessen mandelförmige Augen violett leuchteten. Spitze Elbenohren lugten zwischen den silber glänzenden Haarsträhnen hervor. Sein Gesicht war ohne Falten, wie die jedes Elben, bis auf eine tiefe Narbe, die sich an der rechten Schläfe entlang zog. Doch sonst war nur an der Tiefe und am Glanz seiner Augen erkennbar, wie alt der Elb wirklich war.
„Wer... seid Ihr?“, fragte Arjuk langsam, so als ob er die Antwort eigentlich nicht hören wollte.
„Mein Name ist Dende,“ antwortete er nüchtern. Er mochte es nicht, seine Identität preiszugeben, aber für Arjuk würde er eine völlig neue Strategie anwenden müssen. „Wie Ihr sehen konntet, bin ich ein Magier. Zu Euren Diensten!“
„Darauf kann ich verzichten!“
Reflexartig stellte sich Dende dem Jungen in den Weg, als er aus der Kammer stürmen und Bron folgen wollte, und riss die Hand hoch. Obwohl er keine Magie einsetzte, zuckte Arjuk angesichts der imposanten Geste erschrocken zurück.
„Ihr wollt dem Schmuckhändler folgen? Auf die Straße hinausgehen?“ Dendes Stimme war nicht mehr als ein Zischen. „Als ob es noch nicht töricht genug wäre, überhaupt in dieser Stadt zu sein! Oh nein, so leicht werdet Ihr Eurem Onkel nicht in die Arme laufen. Nicht, solange ich hier bin.“
Langsam ließ Dende den Arm sinken. „Ich bin keiner von den Schwarzen oder den Weißen, die nur darauf bedacht sind, möglichst viel Macht für ihre Schule zu erlangen. Wäre dem der Fall, hätte ich Euch schon längst ausgeliefert. Ihr könnt versichert sein, dass ich Euch beschützen werde. Ihr könnt mir vertrauen.“
„Nachdem Ihr mich belogen habt?“, entgegnete der junge Graf voller Hohn.
Dende unterdrückte ein Augenrollen. Er musste zugeben, dass Arjuk nicht völlig Unrecht hatte, aber es war so überflüssig, gewöhnlichen Menschen Dingen zu erklären, von denen sie nicht einen Funken verstanden. Früher hätte man den Magiern gehorcht, aber heute musste man jeden seiner Schritte rechtfertigen, so schien es. Innerlich verfluchte er wieder einmal die Magierkriege. Sie hatten den Magiern jegliches Ansehen bei der Bevölkerung geraubt. Er würde versuchen müssen, Arjuks Vertrauen zu gewinnen. Sonst würde er ebenso davonlaufen wie Kara. Und Arjuks Schutz schien Dende noch tausendmal wichtiger als Karas, die immerhin von Geriyon gefunden worden war.
„Ich will Euch nicht schaden,“ sagte er schließlich sehr viel ruhiger und langsamer. „Ich bin Graumagier. Meine einzige Mission ist es, das Gleichgewicht nicht zu gefährden. Ich weiß nicht, was Euer Onkel vorhat und was Ihr damit zu tun habt - ich weiß nur, dass er das Gleichgewicht gehörig aus den Fugen bringen wird. Er darf auf keinen Fall an sein Ziel kommen.“ Zufrieden bemerkte Dende, wie der Junge zu zögern schien. Vielsagend blickte er ihn an. „Versteht Ihr nun, was ich mit gemeinsamen Interessen meinte?“
„Was wollt Ihr von mir?“, fragte der Junge abweisend.
„In erster Linie Euch schützen,“ antwortete Dende. „Ihr habt gehört, was Bron sagte. Ihr werdet Schutz nötig haben. Ich kann Euch nicht zwingen, mir zu gehorchen, noch habt Ihr Grund, mir zu vertrauen. Doch tut Ihr dies nicht, seid Ihr verloren.“ Arjuk schwieg. Dende würde noch eines draufsetzen müssen. „Ich kann Euch nicht schwören, Euch zu verteidigen, denn den grauen Magiern ist jeder Schwur bis auf Einen verboten. Aber glaubt mir, dass wenn ich es könnte, Ihr keine Zweifel an meiner Glaubwürdigkeit haben würdet.“
Arjuk blickte ihn an. Dende sah, wie er versuchte, etwas in seinen Augen zu erkennen, eine Unstimmigkeit, eine Lüge. Das hatte wenig Sinn. In den Augen eines Caladhir konnte man wenig lesen, in denen eines Magiers noch weniger.
Dende fuhr fort: „Außerdem denke ich, dass Ihr mir helfen könntet, herauszufinden, warum dieser ganze Krieg überhaupt geführt wurde. Ich möchte alles hören, was Ihr über das Medaillon wisst, und über Euren Onkel.“
Der Prinz schien zu zögern. „Gut,“ sagte er schließlich. „Aber ich möchte auch etwas wissen. Was mit Jo geschehen ist - und mit meinem Vater. Das könnt Ihr doch herausfinden?“
Dende blieb der flehentliche Unterton hinter all dem Trotz nicht verborgen. Menschen hängen sehr an ihren Mitgeschöpfen, rief er sich in Erinnerung. Und Arjuk war dazu noch sehr jung. Aber die menschliche Sentimentalität könnte sich in diesem Fall als nützlich erweisen. Das Schicksal von Kalil y Nystrad interessierte Dende ohnehin. Wenn Vulun Pläne mit ihm haben sollte, würde er das bald erfahren.
„Ich werde tun, was ich kann,“ versprach er. „Aber solange wir uns hier drin aufhalten müssen, sind mir die Hände gebunden.“
„Worauf warten wir dann noch.“ Arjuk erhob sich. „Verschwinden wir von hier.“
„Wir?“, fragte Dende skeptisch. „Und wie stellt Ihr Euch das vor? Ihr könnt in dieser Stadt keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Wir sind hier drin schon nicht sicher, aber auf den Straßen...“
„Ihr seid doch Magier!“, unterbrach ihn Arjuk ungeduldig. „Wenn Ihr Euch verwandelt könnt, wie Ihr es schon die ganze Zeit getan habt, ginge das dann nicht auch bei mir?“
Dende zog die Augenbrauen auch. Die Vorstellungen des jungen Grafen waren wirklich naiv. Aber woher sollte er es besser wissen, rief sich Dende wieder selbst zur Ordnung.
„So einfach ist das nicht, Arjuk.“, erwiderte er überheblich lächelnd und ließ sich in einen Sessel fallen. „Sehr Ihr, Magie ist etwas äußerst kompliziertes...“ Er blickte in Arjuks fragendes Gesicht. „Es ist eine Art ... Quelle, ein Kern von Energie, die einigen Lebewesen innewohnt. Von dort aus speist der Magier seine Zauberkraft, sie ist sein Zentrum, sein Ruhepol. Nur Lebewesen, die zumindest einen Tropfen dieser magischen Quelle in sich tragen, können Magie anwenden. Und eine Gestaltwandlung, auch bei anderen Personen, wäre eine direkte Magieanwendung. Und Ihr habt nicht soviel als einen Funken von Magie in Euch. Ihr werdet niemals zaubern können.“
„Das heißt, ich sitze schon wieder fest?!“, stöhnte Arjuk entnervt.
„Vorerst ja. Jeder ausgebildete Magier kann magische Auren spüren. Und im Unterschied zu Eurer Freundin Jo besitzt Ihr keine.“
Einen Moment schien Arjuk um Beherrschung zu ringen, aber dann ließ er sich seufzend wieder auf den Stuhl fallen. „Was ist denn nun mit Jo?“, wollte er wissen. „Woher kennt Ihr sie? Ihr habt mir immer noch nicht gesagt, was passiert ist.“
„Das lässt sich nachholen.“ Dende lächelte. „Ich hätte auch ein paar Fragen an Euch.“

„Ihr habt das Medaillon also im Haus eines Eremiten im Gebirge gefunden, es dann an dieses Mädchen weitergegeben, welches wiederum nach Kayro’har ging.“ Der Magier lehnte in einem Sessel, das Gesicht wurde von der Nachmittagssonne beleuchtet. Die Geschichte schien ihm etwas kryptisch. „Wann war das?“, wollte er wissen.
„Vor drei Jahren,“ antwortete Arjuk, und fügte nachdenklich hinzu: „Ich hätte nicht gedacht, dass sowas nach all den Jahren wieder passiert.“
„Wieder?“ Er fixierte den jungen Grafen wie ein Habicht, der Beute erspäht hat. „Sagt bloß... es ist schon einmal etwas Ähnliches passiert wie auf dem Marktplatz?“
Der Magier schmunzelte, als er Arjuks schuldbewusste Miene sah. Wo war der Junge nur mit seinen Gedanken! Dende beugte sich vor und fixierte den Prinzen aus violetten Augen. „Ich kann Euch nicht helfen, wenn Ihr mir Informationen verschweigt,“ stieß er heiser hervor. „Das seht Ihr doch ein, oder?“
„Ja“, seufzte der Junge schließlich. „Ja, so etwas wie Ihr es beschrieben habt, eine Art Explosion, eine Druckwelle... das kam schon einmal vor. Aber an dem Medaillon kann es nicht gelegen haben, das hatte sie damals noch gar nicht.“
„Wo war das Medaillon zu diesem Zeitpunkt?“, fragte Dende blitzschnell.
„In meiner Tasche.“
„Und wo wart Ihr?“
„Hm... zehn Schritte neben Jo?“
„Dachte ich mir’s.“ Zufrieden lehnte sich Dende wieder zurück. „Je nachdem, um was für einen Gegenstand es sich handelt, könnte diese Nähe vollkommen ausreichen. Ein Magier muss einen magischen Gegenstand nicht unbedingt direkt in den Händen halten, um ihn nutzen zu können.“
„Jo ist doch kein Magier,“ wandte Arjuk ein.
„Und das könnt Ihr einschätzen, nach dem was ich Euch vorher über Magie erzählt habe?“
Dende dachte an die Explosion. Es musste das Medaillon sein, das Jos magische Kraft irgendwie beflügelt hatte. Das Medaillon, welches Arjuk gefunden hatte, rief er sich in Erinnerung. Dass ausgerechnet Vuluns Neffe das Amulett in den Händen gehalten hatte, konnte unmöglich ein Zufall sein!
„Warum ward Ihr auf dem Weg ins Gebirge? Wo Ihr diesen Eremiten getroffen habt?“, wollte er wissen.
Urplötzlich verschloss sich Arjuks Gesicht. Kurz zuckten seine Hände, als wollte er sie zu Fäusten krampfen.
„Wie Ihr vielleicht wisst, ist vor drei Jahren die Gräfin verstorben,“ sagte er sehr kühl, doch sein Blick ging in die Ferne. „In den Bergen wächst eine Heilpflanze, die sie hätte retten können.“
Dende hob die Brauen. Arjuk hatte viele Schwachpunkte. Es würde wohl besser sein, sich auf die nötigsten Fragen zu beschränken, damit der Junge nicht wieder den Kopf verlor.
„Wie standen Noato und Kayro’har nach der Vermählung zueinander?“ fragte er.
„Gar nicht schlecht, wenn man die Umstände bedenkt. Natürlich gab es Auseinandersetzungen.“ Der Junge räusperte sich. „Nur... nach Natalyas Tod brachen sie den Kontakt vollkommen ab.“
„Seltsam.“ Das Puzzle wurde allmählich vollständiger... und komplexer. „Und interessant.“
„Find ich eigentlich nicht so.“
„Was?“ Erstaunt hob Dende den Kopf. Der junge Graf blickte ihn an, gefangen in einem schwer deutbaren Ausdruck. Hohn? Oder etwas anderes... dunkleres? „Nun, das versteht sich. Aber ich versuche herauszufinden, warum Vulun Euch nun unbedingt in seine Finger kriegen will. Und simple Familienliebe schließe ich dabei nun einmal aus.“
Arjuk zögerte kurz. „Zu Yerim habt Ihr gesagt, Vulun hätte diesen Krieg nur wegen mir begonnen.“ Der Junge blickte Dende prüfend an, dann schien er sich einen Ruck zu geben. „Ich weiß nicht, was Ihr über das Medaillon wisst, aber... nach allem, was ich von Yerim gehört habe, sucht mein Onkel auch danach.“
Dendes Brauen hoben sich merklich. „Seid Ihr Euch sicher?“
Der Junge nickte ernst. „Der Haken daran ist - Ich glaube, mein Onkel weiß, dass ich das Medaillon einmal besessen habe. Möglicherweise denkt er sogar, dass ich es immer noch besitze.“
Einen Moment lang verschlug es dem Magier die Sprache. War das des Rätsels Lösung? Dravar’kesh suchte nach dem vermeintlichen Besitzer des Medaillons?
„Warum glaubt Ihr das?“, fragte er atemlos.
„Vor drei Jahren habe ich eine Skizze von dem Medaillon gemacht, aus dem Gedächtnis,“ begann Arjuk. „Ohne einen besonderen Grund. Es war kaum mehr als eine Kritzelei. Ich habe dieses Papier schon längst wieder vergessen gehabt, aber jetzt ist es plötzlich aufgetaucht. Vulun gab es Yerim mit dem Auftrag, nach dem Medaillon zu forschen.“
„Wie kam Euer Onkel an diese Skizze?“, hakte Dende nach.
„Wenn ich das wüsste!“ Arjuks Gesicht verfinsterte sich. „Vulun muss einen seiner Männer bei uns eingeschleust haben. Anders kann ich mir das nicht erklären. Ich fürchte...“ Der Junge beendete seinen Satz nicht, sondern zog nur düster die Brauen zusammen.
In diesem Moment ließ ein Geräusch Dende jäh herumfahren. Hastig schoben seine dürren, spinnenartigen Finger den Vorhang vor dem Fenster ein wenig beiseite.
„Die Stadtwache. Die haben sich ja Zeit gelassen. Bron war erfolgreicher als erwartet, sie erstmal hier abzuhalten.“
„Sie gehen vorbei,“ riss Arjuks Stimme ihn aus seiner Konzentration. „Seht doch, die durchsuchen kein einziges Haus. Sie patrouillieren nur.“
„Sie kontrollieren keine Seitenstraßen,“ murmelte Dende. „Das ist noch nicht einmal eine Patrouille. Seltsam. Soldaten, die von der Kaserne zum Südtor ziehen?“
Entschlossen erhob sich Dende.
„Verlasst auf keinen Fall das Haus,“ wies er Arjuk an. Für einige Sekunden hielt er inne, dann: „Versprecht es!“ Besser dieses Mal kein Risiko eingehen.
„Wohin geht Ihr?“ Skeptisch beobachtete Arjuk, wie Dende seinen Umhang von der Stuhllehne nahm.
„Ich sehe mir die Stadttore und die Mauern genauer an.“ Die Lippen des Magiers verzogen sich zu einem schmalen Lächeln. „Wir werden schon einen Weg finden, Euch aus Kayro'har zu bringen. Ach, da fällt mir noch etwas ein. Wer ist Eure blonde Begleiterin?“
„Milena?“
„Sie war mit Euch bei Yerim gefangen...?“
„Sie ist ... eine Freundin, die Tochter eines Schmieds aus Noato.“
Dende grinste innerlich bei der Betonung, die Arjuk dem Wort 'Freundin' beigemessen hatte.
„Wo ist sie hingegangen?“
Der Junge runzelte die Stirn, als ob er nicht verstanden hatte, was Dende ihn gefragt hat.
„Ich ... in die Bibliothek. Ja, sie wollte in die Bibliothek des Rates der Drei.“
„Eine Schmiedtochter in einer Bibliothek?“, hakte Dende misstrauisch nach.
Arjuk schien verwirrt, aber Dende winkte ab. „Darüber unterhalten wir uns später. Ich bin so schnell wie möglich wieder hier. Jetzt versprecht, hier zu bleiben!“
Der junge Graf nickte geistesabwesend.
Während Dende die schmale Stiege hinab ging, ließ er sich seine neu gewonnenen Informationen noch einmal durch den Kopf gehen. Was gab es schon in den Blauen Bergen? Doch wohl nur ein paar Zwergenminen, in einigen Tälern vielleicht Kham-Siedlungen. Der Magier fluchte. Die Ostländer gingen ihm allmählich auf die Nerven, aber im Augenblick schien es nur einen Menschen zu geben, der ihm mehr über die Blauen Berge verraten konnte. Immerhin war Yerims Mutter dort geboren - und der General hatte ein überraschend feines Gespür bewiesen, als er vermutete, das Medaillon könnte aus dem Gebirge stammen. Er würde es riskieren müssen, ein letztes Mal Vanderkeyns Gestalt anzunehmen. Mit etwas Glück wusste Yerim noch nichts von dem Haftbefehl gegen Vanderkeyn - oder aber er scherte sich nicht darum. Letzteres erschien Dende sogar sehr wahrscheinlich.

-Was wiegt 180 Gramm, sitzt auf einem Baum und ist sehr gefährlich?
-Ein Spatz, der eine Pistole trägt.
-Richtig, das ist die einzig mögliche Lösung!

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #43 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Kara wich zurück - doch kalter, feuchter Stein drückte unbarmherzig gegen ihren Rücken. Als sie einen Blick auf Geriyon warf, der auf die Knie gesunken war und mit verzerrtem Gesicht sein rechtes Auge bedeckte, wurde ihre Angst bestätigt: Diesmal gab es keinen Fluchtweg mehr.
„Wie anmaßend zu glauben Ihr könntet es alleine gegen die gesamte schwarze Akademie aufnehmen, >Novize<“, sprach der bleiche Magier, und sein höhnisches Grinsen erreichte kaum die eisigen Augen. Sein Blick streifte Kara für einen Augenblick, und das Blut in ihren Adern schien zu gefrieren. Doch sofort wandte sich der Albino wieder Geriyon zu.
„Wachen, sorgt dafür, dass unser Gast uns nicht noch mehr Unannehmlichkeiten bereiten kann.“
Mit einer Geste seiner blutleeren Hand schickte er die zwei Gardisten vor, die mit ausdruckslosen Gesichtern gehorchten und Geriyon grob an die Wand pressten, seine Arme packten, und ihn in eiserne Fesseln legten, sodass er sich keinen Millimeter mehr bewegen konnte.
„Das reicht“, befahl er den Wachen, und Kara bereitete sich angsterfüllt darauf vor als Nächste an die Wand gekettet zu werden. Schon konnte sie die förmlich das raue Metall auf ihren Handgelenken fühlen, wehrlos und schutzlos, wie auf dem Präsentierteller.
„Bezieht eure Posten“, zischte die schneidende Stimme des Meisters.
Verwirrt sah Kara den Gardisten nach, wie sie die Zelle verließen und aus ihrem Sichtfeld verschwanden. Wenn sie es nicht nötig hielten sie zu fesseln... und sie mit keinem Blick gewürdigt wurde...was stünde im Weg sie einfach so zu beseitigen? Karas Herz schlug schmerzhaft gegen ihre Brust. Als der Magier einen Schritt nach Vorne machte und seine Robe mit einer lässigen Bewegung an den Armen zurückstreifte, zuckte sie zusammen – doch seine volle Aufmerksamkeit galt immer noch Geriyon.
„Was für ein Jammer, dass der Erzmagister ausdrücklich befohlen hat Euch nicht anzurühren, bevor er sich ... im Stande fühlt Euch persönlich entgegenzutreten.“
"Das ist doch fast zu viel der Ehre", krächzte Geriyon und straffte seinen Schultern – soweit es ihm in dieser Position möglich war.
Ein Anflug von Wut durchzuckte das bleiche Gesicht, doch sofort wurde wieder ein grausames, überlegenes Lächeln daraus.
„Applaus, Applaus“, der Meister klatschte süffisant in die Hände, „Was für ein köstlicher Humor.“
Er rückte näher an den gefesselten Magier heran bis Kara glaubte, dass er ihn jeden Moment berühren würde.
„Ich bin mir jedoch sicher, dass Euch dieser Humor noch bald genug vergehen wird! Eure kleine Freundin...“, für einen Moment durchbohrte sein Blick Kara, die sich wie versteinert gegen die Wand drückte ohne sich bewegen zu können. Sie fühlte wie er sie voller Abscheu und Verachtung musterte, bevor sein Blick sich wieder Geriyon zuwandte.
„Vorerst hat sie Glück, dass der Erzmagister sich euch beiden persönlich widmen will, doch ich werde bestimmt noch sehr viel Spaß mit ihr haben...“
Er weidete sich an Geriyons Anblick, der ihn mit verzerrtem Gesicht hasserfüllt anstarrte. „Ach, und damit Ihr nicht auf dumme Gedanken kommt - “
Seine Hände vollführten eine komplizierte Bewegung und kurz darauf begann er zu würgen. Ungläubig beobachtete Kara wie mit einem abartigen Krachen und Klicken zwei Kreaturen aus seinem Mund zu krabbeln begannen – wie große, schwarzglänzende Tausendfüßler – bis sie an seinen Armen hinab auf den Boden, und schließlich auf Geriyon zu krochen. Angeekelt sah sie, wie die unnatürlichen Tiere an ihm hochkrabbelten und sich auf seinen Oberkörper setzten, die Kiefer gierig auf und zu klappend.
„Ich lasse Euch meine flinken Freunde zur Unterhaltung hier...“, sprach der Albino selbstzufrieden und warf einen letzten gierigen Blick auf sein wehrloses Opfer, bevor er aus der Zelle trat und verschwand.
Einen Moment lang zögerte Kara und fürchtete der Magier würde jeden Augenblick wieder auftauchen, doch er kam nicht. Mit einem tiefen Seufzer ließ sie sich kraftlos zu Boden sinken.
In was bin ich da bloß hineingeraten... von einer Gefahr in die nächste, und jetzt – Kara schluckte und stützte verzweifelt den Kopf in die Hände. Ihre gesamte Erinnerung schien eine einzige Flucht zu sein. Jetzt, gerade jetzt, wo das Verstecken und Davonlaufen vorbei sein sollte... Kara verlagerte ihr Gewicht ein wenig und spürte plötzlich wie sie in eine Wasserpfütze griff. Ein unheimlich blasses und angstgezeichnetes Gesicht starrte ihr entgegen, die dunklen Augen umschattet und die Augenbrauen zusammengezogen. Ein fremdes Gesicht. So sehr sie sich auch anstrengte, keines der Details kam ihr bekannt vor. Für einen Herzschlag lang schien das Bild sich zu verändern, ein zweiter Umriss im Wasser – doch als Kara näher rutschte ließ ihre Bewegung Wellen durch das Bild laufen, und als diese sich wieder geglättet hatten war da nur das verstörte Gesicht. Flackernder Fackelschein warf Schatten an Wand und Boden, und Kara wandte sich enttäuscht von der Pfütze ab. Ich trage ein fremdes Gesicht... wie eine Maske, die ich nicht abnehmen kann.
Unwillkürlich glitt ihre Hand in die Hosentasche, in die sie die magische Maske geschoben hatte. Ein Neuanfang und Schutz – sie war neugierig zu erfahren wie dieses selbst erschaffene Gesicht wohl aussehen würde...
Das dünne, seltsam kühle Material floss förmlich durch ihre Finger und je länger sie es in der Hand hielt, desto vertrauter wurde das Gefühl, das damit verbunden war. Ein flüsterndes Versprechen von Freiheit. Doch was sollte sie mit der Maske hier im Kerker anfangen! Kara schalt sich selbst eine Närrin und schob die Maske noch tiefer in ihre Tasche, obwohl sie genau wusste, dass wenn erst der Magier und der Erzmagister hier wären all diese Bemühungen vergeblich sein würden.
Beim Gedanken an den Albino lief ihr ein Schauer über den Rücken. Die Erinnerung an sein grässliches Grinsen und seine Drohungen reichten aus um das schwarze Loch von Verzweiflung noch weiter aufzureißen.
„Kara ...“
Apathisch hob sie den Kopf und riskierte einen Blick zu Geriyon. Die ekelhaften Kreaturen saßen fest auf seinem Oberkörper und ein schwaches silbriges Glimmen schien von ihnen auszugehen.
„Kara? Wärst du vielleicht so gut diese... Dinger zu entfernen?“
Geriyons Gesicht war blass geworden, und mit sichtlicher Anstrengung hatte er die Augen zusammengekniffen und die Adern auf seiner Stirn traten deutlich hervor.
„Wie meinst du – entfernen?“, fragte Kara unsicher, kam stolpernd auf die Beine und machte vorsichtig einen Schritt auf ihn zu.

to be continued... hopefully soon...

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #44 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
„Ganz egal… nur schnell, bitte“, presste der junge Magier hervor.
Aus der Nähe betrachtet konnte Kara die glänzenden Kieferzangen der magischen Parasiten erkennen, und als sie zögerlich die Hand nach ihnen ausstreckte zuckten die langen Fühler aufmerksam in ihre Richtung. Wie sollte sie es bloß schaffen diese Ungeheuer von Geriyon wegzubekommen, wenn sie sich kaum überwinden konnte ihnen auch nur in die Nähe zu kommen? Bis auf leise klickende und schmatzende Geräusche die eindeutig von den Würmern stammten war es bedrückend still im Verließ. Zaghaft wagte Kara sich noch einen Schritt auf Geriyon zu und plötzlich riss sich einer der beiden Würmer von dem gequälten Magier los und kroch auf sie zu.
Oh nein, mich kriegt ihr nicht auch noch!, dachte Kara und all ihre Unsicherheit verwandelte sich augenblicklich in Wut. Die Lage in der sie sich befand war eindeutig hoffnungslos genug, und auch wenn es jetzt schon keine Möglichkeit mehr gab hier heil wieder rauszukommen, so würde sie nicht einfach aufgeben. Kara holte mit einer raschen Bewegung aus - und fegte die beiden Biester zu Boden. Sofort krochen diese, ohne dass sie auch nur den geringsten Schaden genommen hatten, wieder auf sie und den gefesselten Magier zu – doch Kara hatte etwas Ähnliches schon erwartet. Als der erste Wurm nahe genug an sie herangekommen war hob sie flink den Fuß, und mit einem knirschenden Geräusch beendete einer der Parasiten sein Dasein. Der zweite war etwas geschickter und war gerade dabei an Karas Hosenbein hochzuklettern als sie ihn mit der Hand erwischte. Spitze Kieferwerkzeuge gruben sich in ihre Handfläche und sie hatte alle Mühe ihn wieder abzuschütteln – ein seltsames Ziehen breitete sich über ihren Arm aus und einen Augenblick lang kam es ihr so vor als ob sie dem Ungeheuer zusehen konnte, wie es sie regelrecht aussaugte. Mit zusammengebissenen Zähnen holte Kara aus und schlug mit aller Kraft die flache Hand gegen die Wand – und zerquetschte es. Trotz ihres schmerzenden Armes äußerst zufrieden betrachtete sie ihre Hand und erwartete die schleimigen Überreste des Wurmes zu sehen, doch außer zwei Bissspuren war nichts zurückgeblieben. Sie drehte sich zu Geriyon um.
„Was waren das für Dinger?“, fragte sie und setzte besorgt hinzu, „Wird der Albino es nicht sofort merken, wenn seine… “
Geriyon schüttelte schwach den Kopf. „Daimoniden, sogenannte Magiefresser. Er wird nichts merken. Kara, du könntest nicht zufällig die Schlösser meiner Ketten knacken?“
Unsicher tastete sie nach der Haarnadel in ihrer Tasche, die ihr schon einmal unerwartete Dienste getan hatte. Türen öffnen ist also eine meiner Begabungen, aber wie steht es mit Handfesseln und Kerkerschlössern? Wie oft braucht man so etwas im alltäglichen Leben? Gerade als sie sich streckte um zu den Fesseln hinaufzugelangen erklang von draußen ein klirrendes Geräusch. Rüstungen, Schwerter? Der Albino?
„Kara, hör mir zu!“, zischte Geriyon schnell und leise, „Erzähl ihnen alles was du über mich weißt. Das ist nicht viel, aber vielleicht kommst du mir dem Leben davon, wenn du sagst du wolltest mich sowieso bald übergeben.“
Mit rasendem Herzschlag und verkrampften Händen drückte Kara sich erneut an die abweisende Felswand – ihre Gedanken überschlugen sich regelrecht um einen Ausweg zu finden doch es war zu spät:
Eine schlanke Gestalt in dunkler Robe eilte auf die versperrte Zellentür zu und der flackernde Schein der Fackeln ließ ihre Umrisse unscharf erscheinen. Das muss der Erzmagister sein, dachte Kara voller Schrecken und mit teilnahmslosem Blick verfolgte sie wie die eiserne Tür aufgeschlossen wurde. Die Gestalt hob bedrohlich die Arme und – zog sich die Kapuze vom Kopf.
Kara stutzte. Der Erzmagister – mit langen blonden Locken?!
„Wie unhöflich. Da kommt mal eine Dame in dieses Loch … und keiner ist wach um sie gebührend zu begrüßen.“ Der Blick der unerwarteten Besucherin schien über Kara hinwegzugleiten und blieb sofort an Geriyon hängen, auf dessen Gesicht sich nach kurzem Zögern Erleichterung und auch Freude breitmachten. Kannten die beiden sich etwa? Kara musterte die Fremde verstohlen: die blonden Locken umrahmten ihr perfektes Gesicht, in dem die schrägstehenden eisblauen Augen wie Saphire funkelten.
„Du Idiot!“, die Unbekannte schlug Geriyon auf die Brust, „Du hättest tot sein können – nein, müssen!“ In ihrer Stimme schwang tatsächlich so etwas wie Besorgnis mit.
„Schön, dass du da bist…“, murmelte der Magier und bemühte sich sichtlich um ein souveränes Lächeln, das ihm in seiner Situation, angekettet und ausgezehrt wie er war, nicht wirklich stehen wollte.
Oh ja, die beiden kennen sich definitiv. Kara beobachtete wie die blonde Schönheit Geriyon stürmisch umarmte – was diesem ein bisschen gesunde Farbe auf sein bleiches Gesicht zu zaubern schien. Ihr zierliche Mund war zu einem charmanten Lächeln geformt als sie sich über ihn beugte um zu seinen Fesseln heranzureichen, die sie schließlich mit einem Schlüssel von einem rostigen Schlüsselbund aufschloss. Kara vermutete, dass sie diesen wohl den Wachen abgenommen hatte. Doch wie in aller Welt hatte sie das geschafft? Plötzlich dämmerte es Kara. Sie musste ebenfalls eine Magierin sein. Nur, war sie eine von den „falschen“? Eine Schwarzmagierin? Nein, dann würde sie wohl kaum dem verurteilten Geriyon zu Hilfe eilen. Es sei denn sie spielen alle nur ein doppeltes Spiel… Was wusste sie schon über Geriyon? Geschweige denn über Dende… und dann die geheimnisvolle 'Retterin'…
„Die Wachen?“
Geriyons Stimme riss Kara aus ihren Gedanken.
„Eingeschläfert.“ Die Stimme der Fremden klang ziemlich selbstzufrieden, fand Kara, und mit Unbehagen musste sie feststellen, dass nun sie an der Reihe war gemustert zu werden.
„Das ist also dein neuster Schützling?“ Der abschätzende Blick aus den kühlen, blauen Augen wollte Kara nicht gefallen, und sie verschränkte – fast trotzig – die Arme vor der Brust.
„Mein Name ist – Kara. Und wer seid Ihr, wenn ich fragen darf?“
Das wahrhaft bezaubernde Lächeln wurde ein Stückchen breiter, doch als die Unbekannte Kara antworten wollte, kam ihr Geriyon zuvor.
„Das ist Milena. Du kannst ihr vertrauen, Kara. Aber wir sollten jetzt schleunigst hier raus.“ Sein Blick wanderte zu Milena, deren Augenbrauen sich fragend hoben.
„Ich habe vorher einen kurzen Blick auf etwas werfen können, das mit viel Glück unser Ausweg sein kann. Ein unterirdischer Fluss. Es gibt ein Loch, einen Abfluss hier in den Verließen – ich kann uns hier rausholen, aber ich brauche deine Hilfe, Milena.“ Kara sah wie sie ihm wie selbstverständlich ihre Hand reichte, und schon hatte der Magier seine Augen geschlossen, murmelte Beschwörungen und zeichnete mit der freien Hand glimmende Zeichen in die Leere. Die Luft im Kerker schien immer dicker zu werden, und als Kara einen Blick auf den Boden warf konnte sie erkennen, dass das Wasser, das zuvor noch in einer Pfütze gestanden war, nun auf Geriyon zu, und bereits seine Beine hoch kroch. Kara schreckte zusammen. Auf dem Gang waren Geräusche zu hören!
Sie wollte Geriyon warnen, doch ihre Rufe gingen in ohrenbetäubendem Lärm unter:
Im Boden hatte sich bereits ein Riss gebildet, der immer breiter wurde und sich unter lautem Donnergrollen die Wand hinaufbewegte. Aus der kleinen Wasserlacke sprudelte immer mehr Wasser und plötzlich schlug mit einer Wucht, die Kara beinahe von den Beinen gerissen hätte, etwas durch den Boden: ein gewaltiger Wasserschwall, an dessen Spitze sich ein Gegenstand geradewegs auf Geriyon zubewegte - ein langer, hölzerner Stab, den der Magier sofort mit seiner freien Hand packte. Das Tosen der Wassermengen die in den Kerker strömten vermischte sich mit dem Geräusch von zerberstendem Gestein und Kara musste sich mit den Armen vor herabfallenden Steinbrocken schützen, die bereits aus der Decke brachen.
„Kara! Schnell, spring!“, hörte sie Geriyon rufen und sah wie er nun nicht mehr an einem Riss im Boden sondern an einem regelrechten Abgrund stand in den die Wassermassen ihren Rückweg antraten, das Gesicht vor Anstrengung verzogen. Kara stolperte über die Gesteinsbrocken und hörte nun hinter ihrem Rücken hasserfüllte Stimmen, die Flüche und Beschwörungen ausstießen. Gleich haben sie uns! Sie spürte wie irgendeine Macht sie nach hinten zu ziehen versuchte – doch da packte Geriyon sie an der Hand und sie fielen in die Dunkelheit hinab, begleitet vom Tosen eines aufgebrachten Flusses - bevor die Decke über ihnen endgültig einstürzte und den Fluchtweg steinern versiegelte.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #45 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
„An diesem Tag bereitete sich Bashkar auf den Kampf vor. Er ließ sein Schwert schärfen und seine Rüstung überprüfen. Er sammelte alle Männer des Dorfes um sich und sprach ihnen Mut zu. Dann ging er in den Tempel.“
Kaum hatte er das Tor des Tempels hinter sich geschlossen, begannen ihm die Knie zu zittern. Den ganzen Tag schon ruhten aller Augen auf ihm und er durfte sich nicht die geringste Blöße geben. Dabei hatte er schrecklich Schiss...
Natürlich behielt Arjuk seine Gedanken für sich. Auch wenn sein Blick aufmerksam durch den Spalt der Vorhänge hindurch auf die Straße gerichtet blieb, musste er sich doch nicht umwenden, um zu wissen, dass die drei Kinder mit leuchtenden Augen an den Lippen ihrer Mutter Elisa hingen. Schließlich hatte Arjuk selbst einmal gebannt den alten Geschichten gelauscht. Dass Bashkars Heldentaten auch in Kayro’kan erzählt wurden, hatte er allerdings nicht gewusst.
„Während die Männer draußen ihr karges Mahl einnahmen, das möglicherweise ihr letztes sein würde, legte Bashkar im Tempel einen Hirsefladen zu den Opfergaben. - Wartest du auf jemanden, Tajan?“
„Ich?“ Arjuk blinzelte kurz. „Äh... Nein, eigentlich nicht.“ Als Bron ihn nach seinem Namen fragte, war Tajan das erste gewesen, das Arjuk in der Eile in den Kopf kam - der Name von Jos mysteriösem Freund, den sie in Kayro’har hatte besuchen wollen. Nun kam ihm jedes Mal, wenn Bron und Elisa ihn so nannten, unwillkürlich das Mädchen in den Sinn und die Frage, ob es ihr gut ging, ob sie tatsächlich für die Explosion verantwortlich war, ob Dende sie schon gefunden hatte... An „Andamir“ hatte er sich wesentlich besser gewöhnen können.
„Wie geht es weiter?“ Der kleine Fin zupfte Elisa ungeduldig am Rock, während sie seelenruhig weiter Kartoffeln schälte.
„Wenn du nichts zu tun hast, dann schneid' das mal,“ sagte sie.
Arjuk brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie meinte, doch dann fuhren seine Brauen in die Höhe. „Die Kartoffeln?! Also ich weiß nicht, aber...“
„Du willst doch nachher mitessen, oder?“ Das Lächeln war aus Elisas Gesicht verschwunden, ihre grünen Augen blickten ihn auffordernd an. „Und die ganze nächste Woche auch. Oder die nächsten zwei. Was weiß ich, wie lange wir dich am Hals haben.“
Elisa musste seinen Magen knurren gehört haben, dessen war sich Arjuk sicher. Den Duft frisch gekochter Kartoffeln in der Nase und dann die Aussicht, nichts davon abzubekommen!
„Kann ich nicht was anderes machen?“, schlug Arjuk vorsichtig vor.
„Oh, sehr gerne.“ Elisa hob herausfordernd ihr spitzes Kinn. „Wenn du Männerarbeit machen willst, dann geh’ doch etwas Holz holen, oder geh’ Bron in der Werkstatt zur Hand, oder geh’ auskundschaften, wie die Lage an den Stadttoren aussieht...“
„Schon gut, ich hab’s kapiert.“ Arjuk seufzte bei dem Gedanken daran, womöglich tagelang im Haus eingesperrt zu sein. Schon wieder gefangen - dieses Mal zusammen mit Elisa und ihren drei liebreizenden Bälgern. Die einzigen Schritte vor die Tür würde er wohl in der Zeit der Dämmerung zwischen der kleinen Wohnung und der stinkenden Latrine ein paar Häuser weiter zurücklegen...
„Erzähl’ weiter, Mama!“, quäkte Fin. „Warum hat Bashkar sein ganzes Essen weggegeben? Muss er nicht groß und stark werden?“
„Nein, der ist schon groß und stark,“ erklärte Elisa.
Er hat keinen Appetit, ist doch logisch.
Arjuk nahm schicksalsergeben das Messer entgegen, das Elisa ihm reichte. Hoffentlich kam Bron nicht ausgerechnet jetzt in die Küche und sah, wie er sich von Elisa, die ihm gerade Mal bis zum Kinn reichte, zu Frauenarbeit zwingen ließ...
„Ich hab so was nie gemacht,“ warnte er Elisa.
„Ja, Bashkar wahrscheinlich auch nicht,“ erwiderte diese säuerlich.
„AUTSCH!“
Elisa hielt in ihrer Arbeit inne und blickte Arjuk vielsagend an. „Seht ihr, Kinder, das sind echte Männer,“ kommentierte sie. „Sie schlagen Heere von Dunkelelben in die Flucht, aber wehe, die Kartoffeln sind zu heiß...“
„Gegen dich hätte Bashkar den Kampf jedenfalls verloren,“ brummte Arjuk.
Glücklicherweise schien Elisa die Bemerkung als eine Art Kompliment aufzunehmen, denn sie lachte laut auf. Während ihre Hände in unmenschlicher Geschwindigkeit die Kartoffeln bearbeiteten, anscheinend ohne die Hitze zu spüren, erzählte sie weiter. Plötzlich wusste Arjuk, warum er die ganze Zeit über unbeteiligt am Fenster gestanden war. Diese verdammten Kinder hatten einfach alles, was er nicht hatte! Einen Ort, an dem sie sich sicher fühlten; eine Mutter, die ihnen von Bashkars Abenteuern erzählte; und das unschuldige Alter, in dem verzweifelte Kämpfer wie Bashkar noch Helden waren und die albtraumhaftesten Geschichten spannende Abenteuer...
„Als die Dunklen in der Nacht das Dorf umringten, schien alles friedlich. - Mach' die Stücke nicht so groß, Tajan. Ja, das ist besser. - Der Anführer der Dunklen spähte vom Rücken seines Nurimar aus mit seinen roten Augen in die Nacht, doch er konnte nirgends eine Spur von wartenden Soldaten entdecken. Zufrieden bleckte er die Zähne. - Ungefähr so stelle ich mir den Giftzahn vor.“
„Giftzahn?“, hakte Arjuk nach.
„Du bist nicht von hier, was?“ Einen Moment lang blickte Elisa ihn forschend an, während Arjuk heiß vor Schreck wurde. Doch dann senkte sie den Blick wieder auf ihre Arbeit. „Schon gut, ich will es gar nicht wissen. <Giftzahn> nennen wir den Dravar’kesh. Wegen dem Wappen.“
„Ach so...“ Unwillkürlich schweiften Arjuks Gedanken zur Schlange Riyuk und der Ringinschrift. Er hatte noch gar nicht daran gedacht, dass die Schlange auch im Wappen der Dravar’kesh auftauchte. Zufall...?
„In ihren Verstecken aber warteten die Menschen und lauschten angestrengt in die Nacht.“
Arjuk schwankte immer noch, ob er Dende sagen sollte, was er auf dem Ring entdeckt hatte. Der unleugbare Vorteil wäre, dass der Magier ihn dann sicherlich einen genaueren Blick auf das Amulett werfen lassen würde, so dass er dessen Gravur überprüfen konnte...
„Sie spitzten die Ohren, als sie das Trommeln der Nurimar-Hufe...“
Ruckartig hob Elisa den Kopf. Arjuks Herz machte einen schmerzhaften Satz. Auf der Treppe draußen scharrten schwere Stiefel.

Dunkelheit. Muffige, staubige Dunkelheit und von weit her, wie aus einer anderen Welt, gedämpfte Stimmen. Ungefähr so musste es sich anfühlen, wenn man in einem Sarg lag. Oder in diesem Fall: saß. Das Geheimfach in der Wand hinter Brons Kleiderschrank bot gerade genug Platz für einen ausgewachsenen Menschen, wenn er sich über die angewinkelten Beine krümmte.
Etwas Hartes bohrte sich unangenehm in Arjuks Seite. Im Dunkeln tastete er über den Boden und stieß auf Leder... Schuhe, es waren teure Schuhe. Und Stoff. Wie seltsam, Kleidung in einem Geheimversteck aufzubewahren! Bron und Elisa schienen Geheimniskrämerei gewöhnt zu sein. Selbst die Kinder hatten sich sofort mit großen Augen und zusammengekniffenen Mündern hinter ihre Mutter gedrängt, als die Stadtwache im Anmarsch war und Elisa erklärte, sie würden jetzt wieder eine Runde „Schüchtern“ spielen.
Arjuk versuchte, die gedämpften Stimmen, das metallische Klirren, die schweren Schritte auszublenden und sich ganz darauf zu konzentrieren, langsam und gleichmäßig zu atmen. Hoffentlich kam Dende bald mit neuen Informationen zurück. Oder ob er sich vielleicht doch eher mit den Informationen, die Arjuk ihm gegeben hatte, schnurstracks zu Vulun begab...? Hatte die Stadtwache etwa deshalb gerade Brons Haus herausgegriffen?
Arjuk schreckte auf und hätte sich beinahe den Kopf angestoßen. Milena war dagegen gewesen, Vanderkeyn aufzusuchen! „Immerhin steht er in Kontakt zu diesem unheimlichen Gedankenleser“ - das hatte sie doch gesagt! Und ihre Ahnung, dass etwas mit dem behäbigen Händler nicht stimmte, hatte sich schneller, als sie selbst ahnen konnte, als richtig erwiesen.
Wie hatte er das nur vergessen können? Verblüfft stellte Arjuk fest, dass er seit ihrer Trennung nicht einen einzigen Gedanken an Milena verschwendet hatte. Es fiel ihm sogar schwer, sich ihr Gesicht in Erinnerung zu rufen. Das einzige, das von ihr übrig geblieben war, waren ihre Augen: Geschwungene Wimpern. Geschwungene Lider. Perfekte Symmetrie. Ein heller Strahlenkranz umgab die Pupille, verzweigte sich wie Eisblumen auf dem blauen Samt.
Seltsam. Arjuk konnte sich nicht daran erinnern, jemals so genau in ihre Augen gesehen zu haben, aber nun stand ihm der Anblick so exakt vor Augen, dass er jede einzelne Linie hätte nachzeichnen können. Linien, in denen sich seine Gedanken verstrickten. Er würde noch einmal darüber nachdenken müssen, wenn er ausgeschlafen war. Oder vielleicht auch nicht. Milena war schließlich der einzige Mensch in dieser Stadt, dem er bedingungslos vertrauen konnte.
Vertrauen... vertrauen... vertrauen...
Von draußen drang lautes Lachen zu Arjuk. Elisa schien sich blendend mit den Soldaten zu unterhalten.
Wenn sie mich jetzt erwischen, hätte immerhin dieses Versteckspiel ein Ende.
Die Vorstellung, Vulun Auge in Auge gegenüber zu stehen, schien plötzlich sehr verlockend. Ein greifbarer Feind, nicht einer, dessen Stimme von weit her zu ihm herüber klang. Jemand, von dem er Antworten auf die tausend Fragen fordern konnte, um die seine Gedanken unaufhörlich kreisten. Jemand, dem er seinen Zorn und seinen Hass an den Kopf werfen konnte und das Schwert in den Bauch --
Jäh verscheuchte Arjuk den Gedanken. Vulun war noch immer sein Onkel! Dies zu vergessen würde bedeuten, seine eigene Mutter vergessen! Schließlich war auch sie eine Dravar’kesh, und irgendwie wohl auch Arjuk selbst...
Giftzahn... So nennen wir den Dravar’kesh...
Arjuk runzelte die Stirn.
Kesh: Nachkomme, Erbe, Sohn.
Dravar... was bedeutete eigentlich Dravar?

„Alles in Ordnung.“ Bron klopfte Arjuk, der mit blassem Gesicht aus dem Versteck gekrochen kam, freundlich grinsend auf die Schulter. „Die haben nicht den geringsten Verdacht geschöpft. Hat schon so einige Geheimnisse bewahrt, dieses Fach.“
Arjuk hatte am Anfang seine Zweifel gehabt, ob ihm ein grobschlächtiger Schmuckhändler, der ihm von einer alten runzligen Frau vermittelt worden war, wirklich weiterhelfen konnte. Er hatte sich offenbar getäuscht. Nun schüttelte er erleichtert seine schmerzenden Glieder aus. Von der muffigen Luft und vor Aufregung war ihm ganz schlecht geworden.
„Man, bin ich erledigt“, seufzte er. „Ich wünschte, ich könnte ein bisschen frische Luft schnappen.“
„Mach ein paar Schritte auf den Hinterhof raus,“ schlug Bron vor. „Die werden wohl kaum sofort wieder hier drin rumstöbern.“
„Stimmt.“ Arjuk zögerte einen Moment, doch dann siegte seine Neugier. „Warum liegen eigentlich Kleider in dem Versteck rum?“, wollte er wissen.
„Ach, stimmt. Die sind ja immer noch da drin.“ Bron kratzte sich am Kopf. „Naja, es sollte niemand davon wissen, aber da du ja ein Freund von Seyjuk bist...“
Einen Moment lang war Arjuk kurz davor, zu widersprechen, doch dann unterdrückte den Reflex. Wenn Bron Großmutter falsch verstanden hatte und annahm, Arjuk sei persönlich mit Seyjuk bekannt, würde er seinen Glauben nicht zerstören.
„Ich habe ihn ziemlich lange nicht mehr gesehen,“ sagte er stattdessen.
„Hast du mitgekriegt, dass er hier für den Dravar’kesh gearbeitet hat?“ Bron schien weit weniger misstrauisch zu sein als seine Frau, die Arjuk deutlich zu verstehen gegeben hatte, er solle erst gar nicht auf die Idee kommen, Fragen zu stellen. „Naja, jedenfalls stand er neulich mitten in der Nacht vor der Tür und meinte, er muss die Stadt verlassen. Hab’ ihm ein paar Dinge mitgegeben - ’ne Decke und normale Sachen zum Anzieh’n - beim Herzog hat er ja immer so auffällige piekfeine Kleider gehabt. Die hab ich hier für ihn versteckt.“
„Wann war das?“ Aus dem Augenwinkel beobachtete Arjuk genau, wie Bron die Verriegelung des Geheimfaches bediente.
„Vor ’ner Woche oder vielleicht anderthalb...“
„Kurz vor Vuluns Feldzug,“ murmelte Arjuk nachdenklich.
„Hm, stimmt, komischer Zufall.“ Glücklicherweise schien Bron nicht zu bemerken, dass Arjuk den Herzog gerade bei seinem Vornamen genannt hatte, nicht gerade üblich unter den Bürgern der Stadt. „Aber Seyjuk ist einfach nur abgehau’n, weil Yerim, dieser Spinner, hier auftauchte, das ist eindeutig. - So, ich muss jetzt runter, sonst wundert sich der Meister noch.“
„Sag mal, Bron“, hielt Arjuk den Juweliergehilfen noch einmal zurück. „Was ich mich schon lang gefragt habe, was heißt eigentlich dravar?“
„Hm? Ach so, wegen dem Herzog?“ Der riesige Mann legte die Stirn in Falten. „Tja, das is’n ziemlich altes Wort. Müsste so ’ne Art Reptil oder so sein... Genauer kann ich dir’s auch nicht sagen.“
„Na gut, hab’ mich nur gefragt“, meinte Arjuk so desinteressiert wie möglich.
Die Tür fiel hinter Bron ins Schloss. So ’ne Art Reptil also. Arjuks Mundwinkel hoben sich leicht. Dravar’kesh - der Sohn der Schlange!
Woher sollte er wissen, wo der kreisförmige Schriftzug auf dem Ring begann und wo er endete? Es konnte ebenso gut <Sohn der Schlange Riyuk> heißen wie <Riyuk, Sohn der Schlange>. Riyuk Dravar’kesh, einer seiner Vorfahren, der seinen Namen übersetzt und in den Ring graviert hatte - das klang ausnahmsweise nach einer Lösung, die irgendwie Sinn ergab...
Ob Milena wohl den Zusammenhang zwischen dem Wappen und dem Ring durchschauen würde? Wenn nicht, würde sie Jahre brauchen, um in der gigantischen Bibliothek auf etwas Brauchbares zu stoßen! Sollte er Dende zu ihr schicken? Etwas in ihm warnte ihn davor, dem Magier all zu sehr zu vertrauen. Eine Stimme, die irgendwie blau klang --
Verwirrt runzelte Arjuk die Stirn. Einen Moment lang kramte er in seinem Gedächtnis nach einem Gedanken, doch der einzige Effekt war ein diffuser, schmerzvoller Druck in seinen Schläfen. Unwillig schüttelte er den Kopf. Es gab jetzt Wichtigeres.
Entschlossen tastete er nach der Verriegelung des Geheimfaches. Nach einigen vergeblichen Versuchen hatte er den Mechanismus gefunden. Die Holzplatte - der hintere Teil des Schrankes - ließ sich zur Seite schieben. Arjuk tastete nach den Kleidungsstücken: Feines weiches Leinen, verschwenderisch geschnittene Ärmel, eine aufwändige Stickerei um den Kragen. Und auf der Schulter das Wappen der Dravar’kesh, das den Träger dieser Kleidung als Bediensteten des Hofes auswies. Nachdenklich strichen Arjuks Finger über die Stickerei. In diesem Aufzug würde er in der Bibliothek des Rats der Drei sicherlich nicht auffallen...
Arjuk löste den Gürtel und zog sich seinen groben Kittel über den Kopf. Sein Plan war riskant. Milena, Bron, sein Vater - jeder würde ihm davon abraten. Aber es waren sein Vater, seine Stadt und sein Leben, die Vulun sich gerade langsam aber sicher unter den Nagel riss! Und er wollte endlich wissen, warum eigentlich...


Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #46 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Wind strich durch die Baumwipfel und ließ Lichtpunkte auf dem Wasser des kleine Sees tanzen, als wären sie Irrlichter. Er erfasste auch die Kleidungsstücke, die die drei Flüchtlinge an Ästen in den Kronen zum Trocknen aufgehängt hatten.
Der Geruch nach Pilzen vermischte sich mit dem Plätschern des Seeabflusses. Vom unterirdischen Strom gespeist, der ihnen das Entkommen ermöglicht hatte - wenn auch auf den letzten Metern in einer halsbrecherischen Tauchpartie.
Es war einer dieser Augenblicke, in denen man zur Untätigkeit verdammt war, aber eigentlich auch gar nichts tun wollte.
Die Welt holte Atem und Geriyon war durchaus mit sich zufrieden, an einen Baumstamm gelehnt, Silberschwinge im Auge, der wachsam seine Kreise am wolkengepunkteten Himmel zog, leises Gelächter der beiden Frauen im Ohr, die irgendwo hinter ihm badeten. Auch wenn der junge Magier nicht verstehen konnte, warum man unbedingt wieder ins Wasser steigen wollte, nach dem man es gerade erst mit Mühe und Not verlassen hatte, hatte er den beiden ihren Willen gelassen und sich höflich entfernt.
Den Gedanken an Taniya und viel Haut verbannte er lieber weit in den letzten Winkel seines Hinterkopfes.
Die Spannung in seinem Bauch, war allerdings nur schwer zu ignorieren.
Also ablenken und den Blick weiterschweifen lassen. Bis zur Spitze des goldenen Turms, der nur noch eine nadeldünne Ahnung am Horizont war … und doch noch immer viel zu nah für Geriyons Geschmack.
Die Schwarzmagier, würden sicherlich nicht allzulange benötigen, um den Verlauf des Flusses herauszufinden, mit dem sie entkommen waren … und dann würden sie zumindest die nächste Umgebung durchsuchen.
Zu diesem Zeitpunkt gedachte Geriyon allerdings schon ein gutes Stück gen Süden vorangekommen zu sein.
Seiner Heimatakademie entgegen. Die Mundwinkel hoben sich. Sein Auftrag war gemeistert, ja mehr als das, er hatte den Schwarzen sogar eine Ungeformte abspenstig gemacht.
Warmes Prickeln floss den Rücken des Zauberers hinab … das eröffnete im neue Chancen, ein erster Schritt zum Aufstieg war getan.
Schritte barfuß auf Gras hinter ihm – Taniya ließ sich neben ihm im Schneidersitz zu Boden sinken, wie Geriyon nur in das kurze Untergewand gekleidet, feucht schimmerndes Haar fiel glatt von ihrem Kopf.
Einige Atemzüge schwiegen die beiden und beobachteten das Gitter aus Licht, das die Sonne durch die Bäume hindurch schickte.
„Deine Aufgabe ist damit beendet?“
Blick aus tiefblauen Augen, begleitet von einem Lächeln.
Geriyon nickte. Das sich ihre Wege bald wieder trennen würden versetzte ihm einen Stich.
„Dann verlässt du Kayro'har?“
Wieder ein Nicken. „Und ich würde dir raten, dass auch zu tun, wenn dein Auftrag das irgendwie ermöglicht.“ Ernst sah der Magier die Magierin an.
Diese dagegen verzog nur ein wenig das Gesicht – belustigt - runzelte die Stirn, beobachtete ihn aus den Augenwinkeln – fragend -.
Geriyon kannte dieses Verhalten.
Seufzen. „Was ist los?“
„Die Nachricht von deiner Enttarnung, hat mich zu einigen unüberlegten Handlungen hingerissen. Ich glaube ...“ Ihre Stimme stockte sehr überzeugend und obwohl Geriyon genau wusste, dass dieses Mädchen nicht mal halb so hilflos war, wie es tat, konnte er sich der Wirkung nicht entziehen. Einer Regung folgend hob er den Arm, wollte sie berühren, ließ ihn dann aber gerade noch rechtzeitig sinken.
„... ich brauche deine Hilfe. Du musst für mich jemanden finden und beschatten.“
Der Magier grinste breit. Wie er erwartet hatte.
Musste er darüber nachdenken? Sie hatte ihm das Leben gerettet … und irgendetwas geschah Kayro'har. Außerdem ...
„Alles was du willst.“
„Du bist ein Schatz!“
Taniya erhob sich strahlte ihn an und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, bevor sie zurück zu ihren Sachen ging.
Geriyon blieb noch kurz sitzen, der Brustkorb mit einem schwebenden Gefühl gefüllt, bevor er hinter sich griff und seinen Stab packte.
Blieb noch eine Frage: würde Dende es positiv oder negativ auffassen, wenn Geriyon zurück nach Kayro'har kehrte?

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

Wanderer zwischen den Welten und der
Weltenknoten

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #47 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Mehrfach drehten sich Köpfe nach dem jungen Diener um. Bedienstete mit dem Wappen der Dravar’kesh auf dem Ärmel sah man öfter in diesem Teil der Stadt, wo die Straßen breit und gepflastert waren. Bei diesem aber erstreckte sich unter dem linken Auge ein violett verfärbter Streifen, der so gar nicht zu dem feinen Rock passen wollte. Der junge Mann jedoch schien die Blicke nicht zu bemerken, sondern eilte mit erhobenem Kopf die Straßen entlang. Dass er sich hinter seiner gelangweilten Mine gerade eine halbe Biographie zurecht legte, konnte man nicht ahnen.
Arjuk war sehr zufrieden mit sich. Niemand hielt ihn auf, nirgends sah ihm sein Gesicht auf Flugblättern entgegen, und eine gute Stunde vor Sonnenuntergang waren die meisten Passanten ohnehin damit beschäftigt, ihr Tagwerk zu beenden. Da er sich bei Bron nicht nur mit Bashkars Abenteuern, sondern auch mit Wasser, Seife und Kamm näher beschäftigt hatte, musste er auch wieder einigermaßen gepflegt wirken. Er war vielleicht etwas jung für einen Schriftgelehrten, doch da die Leute in den letzten Jahren begonnen hatten, ihn älter zu schätzen als er war, hatte er Spielraum nach oben. Das einzige, das ihm wirklich Kopfzerbrechen bereitete, war sein blaues Auge.
Zu spät hörte er die Stimmen, das Klirren der Schwerter. Arjuk stockte fast das Herz, als die Patrouille um die Ecke bog und ihm direkt entgegen kam.
Das war's! Aus! Sie konnten seine Ähnlichkeit mit dem Prinzen unmöglich übersehen!
...aber nur die Ähnlichkeit. Arjuk biss die Zähne zusammen. Mit einem schnellen Blick erfasste er die Lage: Seine Straßenseite - und damit sein Gesicht - lagen im Schatten. Und der Anführer der Patrouille war nur ein einfacher Wachmann, einer, der es gewohnt war, sich von anderen diktieren zu lassen.
Arjuk zwang sich, seine Schritte weder zu verlangsamen, noch zu beschleunigen. Er war schon fast an der Patrouille vorbeigelaufen, als ihn eine Stimme zurückrief:
„He, Kleiner! Stehen bleiben!“
Arjuks Brauen fuhren in die Höhe. <Kleiner>?! Oh nein, auf diese Weise wurden keine Prinzen gefangen...
Seufzend wandte sich Arjuk um. „Lasst mich raten,“ sagte er in aller Langeweile, die er aufbringen konnte, „Ihr wollt mich vor den Herzog schleppen, weil ihr mich für Nystrad haltet.“
„Ja, aber...“
„Ihr könnt von Glück sagen, dass Ihr den Falschen erwischt habt,“ unterbrach Arjuk den Wachmann ungerührt. „Oder ist <Kleiner> vielleicht eine angemessene Anrede für den Neffen des Herzogs? Der echte Prinz würde Euch wahrscheinlich auf der Stelle bei seinem Onkel anschwärzen.“
Innerlich grinste Arjuk gehässig. Natürlich war dieser Idiot auch noch zwei Zentimeter kleiner als er. Bring deinen Leuten erst mal Respekt bei, bevor du mich finden willst, Vulun!
Der Wachmann schien nun jedoch seine erste Überraschung überwunden zu haben.
„Ganz schön große Klappe für jemanden, der gerade auf der Anklagebank sitzt,“ erwiderte er. „Was macht Ihr so spät noch auf der Straße?“
„Ich bin auf dem Weg zur Bibliothek des Rats der Drei,“ antwortete Arjuk prompt, „um ein paar wichtige Dinge für den Herzog abzuholen. Und spät unterwegs bin ich ausschließlich deshalb, weil ich vor Euch bereits zwei anderen Holzköpfen in Uniform genau das gleiche erklären musste.“
„Holzköpfe in Uniform. Aha.“ Die Wachleute wechselten einen Blick untereinander. Irgendwann würde Arjuk noch lernen müssen, seine Diener auf subtilere Weise runter zu machen. „Wir sind im Auftrag des Herzogs unterwegs, junger Mann, also haltet besser Eure Zunge im Zaum.“
„Ich bin auch im Auftrag des Herzogs unterwegs.“ Mit liebenswürdigem Lächeln tippte Arjuk auf das Wappen auf seiner Schulter. „Und ich habe meinen Auftrag persönlich von ihm entgegen genommen... Guten Abend.“
Arjuk wollte kurzerhand an den Wachen vorbei gehen, aber der Anführer stellte sich ihm in den Weg.
„Einen Moment noch. Was ist mit Eurem Auge passiert? Das sieht nicht nach einem Mann aus, der am Hof arbeitet.“
„Euer Kollege hielt es für eine gute Idee, den vermeintlichen Prinz Nystrad mit Gewalt zu Herzog Dravar’kesh zu schleppen,“ erklärte Arjuk säuerlich. „Ich kann wohl von Glück reden, dass er mir nicht gleich den Kopf abschlug. Versteht Ihr jetzt, warum ich in dieser Stadt einen halben Tag brauche, um ein paar Pergamente abzuholen?“
Der Wachmann zögerte. Wie alle Diener hatte er schreckliche Angst, einen Fehler zu machen. Natürlich wäre es ein weit größerer Fehler, den Boten des Herzogs von der Arbeit abzuhalten, als einen potenziellen Prinzen laufen zu lassen - das musste ihm klar gemacht werden.
„Ich folge Euch sehr gerne zum Herzog,“ sagte Arjuk sanft, „wenn Ihr mir vielleicht die Unterlagen aus der Bibliothek in den Palast zaubern könntet? Dort müssen sie nämlich noch heute angelangen. Sonst wird irgendjemand dafür büßen müssen.“
Adelige können sehr rachsüchtig sein.
„Also gut, wir lassen Euch zur Bibliothek gehen,“ lenkte der Wachmann ein. „Aber nur in unserer Begleitung.“
Arjuk zuckte scheinbar gleichgültig die Schultern, doch in seinem Kopf rasten seine Gedanken. Nun musste er aufpassen wie ein Schießhund, um sich nicht zu verraten - und sich nebenbei schnellstens etwas einfallen lassen, wie er die Patrouille los wurde! Der Wachmann dachte wohl, dass sich bereits in der Bibliothek schnell zeigen würde, ob er es nur mit einem Aufschneider zu tun hatte - zu Recht...
Wie lange würde er sich noch durchimprovisieren können? Während Arjuk möglichst gelassen mit dem Anführer plauderte, schickte er ein Stoßgebet nach dem anderen gen Himmel. Immerhin brauche ich mir keine Sorgen zu machen, die Bibliothek nicht zu finden, dachte er ironisch, als der Wachmann neben ihm wie selbstverständlich seine Schritte durch die Straßen lenkte.
„Wie alt ist der Junge aus Noato eigentlich?“, fragte er beiläufig, und reagierte entrüstet auf die Antwort: „Sehe ich etwa aus wie zwanzig?“
Er wusste nicht, ob seine Zersetzungstaktik wirkte, aber er fühlte sich sicherer, wenn er über den Prinzen sprach. „Warum durchsucht Ihr nicht die Häuser? Es ist ja schon fast eine Beleidigung, anzunehmen, Nystrad sei so dumm, sich auf offener Straße zu zeigen. Andererseits ist dem Kerl wohl einiges zuzutrauen, wenn er sich ausgerechnet in Kayro’har aufhält... Ich werde dem Herzog jedenfalls nahe legen, Flugblätter zu verteilen, damit diese lästigen Verwechslungen endlich aufhören.“
„Ein Porträt sollte eigentlich schon heute auf der Wache eintreffen,“ erwiderte der Anführer und Arjuk musste sich zusammenreißen, um nicht erschrocken zusammen zu zucken. „Keine Ahnung, warum das alles wieder so lange dauert.“
Als vor ihnen das Ratsgebäude auftauchte, war Arjuk in Schweiß gebadet. So viele Götter in so kurzer Zeit hatte er wohl noch nie zuvor in seinem Leben angerufen, doch sie hatten ihm kein Wunder geschickt, keinen plötzlichen Blitzschlag, der die Patrouille zu Staub verbrannte, vor allem aber keine durchschlagende Idee für seine Rettung. Blieb nur zu hoffen, dass sie ihm wenigstens Milena schickten.

Das Ratsgebäude war ein zweigeschossiger Bau. Wie Speichen erstreckten sich drei Seitenarme von dem Hauptgebäude weg, jeweils mit einem kleineren Nebengebäude, das nur Magiern der jeweiligen Magierichtung zugänglich war. Das kreisrunde Hauptgebäude aber konnte von allen Magiern und Nichtmagiern besucht werden, wenn nicht gerade Versammlungen darin abgehalten wurden - und da sich die Magieschulen eher gezwungenermaßen zusammen setzten, kam dies nicht all zu häufig vor. Arjuk hatte das Gebäude des Rats der Drei, in dem eine der größten Bibliotheken Athalems untergebracht war, nie selbst betreten, wohl aber vom Turm des Palastes aus gesehen, wenn sein Cousin ihm von dort aus die Stadt von oben zeigte.
„Ich bin sofort wieder da,“ versicherte Arjuk den Wachen und stieg schnell die Stufen zu dem weit geöffneten Eingangsportal hinauf. Wie zu erwarten war, kamen seine selbsternannten Kindermädchen sofort rasselnd hinterher gehastet. Wäre auch zu schön gewesen... Allmählich wurde es wirklich eng.
Kaum hatte Arjuk einen Schritt auf den mit Marmor ausgelegten, von hohen Säulen getragenen Gang gesetzt, wieselte etwas aus dem Studierzimmer neben dem Tor heraus und auf ihn zu. „Ah, ein Besucher! Guten Tag!“, rief der Mann, der in erster Linie aus einem mächtigen Bart und einer wallenden Robe, in zweiter Linie aus einer blitzblanken Glatze und einer Knollennase bestand. Auf den Beinen gehalten wurde das klapprige Gebilde von einem Gehstock.
„Nanu, was ist denn hier los?“ Der Mann musterte verblüfft die Patrouille, die Arjuk eingeholt hatte.
Arjuk fasste sich. Schnell schaltete er von <überaus wichtiger Mann> auf <Opas kleiner Liebling> um. „Seid gegrüßt,“ sagte er höflich. „Bitte entschuldigt dieses peinliche Theater, aber ich werde schon seit heute morgen ständig für Nystrad gehalten.“
„Tatsächlich? Also, ich muss schon sagen.“ Der Bibliothekar stemmte aufgebracht seine Ärmchen in die krummen Hüften. „Einen gelehrten jungen Mann in Uniform bis in die Bibliothek zu verfolgen. Diese Stadt wird immer verrückter.“
Arjuk schielte nervös in den Gang. Vuluns Palast rückte bedrohlich näher, von Milena war nicht ein Rockzipfel zu sehen und noch weniger von seiner Rettung...
„Kennt Ihr diesen Mann?“ Der Wachmann schien sich nicht recht entscheiden zu können, ob ihm die Angelegenheit peinlich oder bitterernst war. „Er sagt, er müsse Unterlagen für den Herzog abholen.“
„Unterlagen?“ Zum wiederholten Mal an diesem Tag stand Arjuk kurz vor einer Herzattacke, als sich auf der ohnehin schon zerfurchten Stirn des Bibliothekars noch einige zusätzliche Täler auftaten. „Samirs Unterlagen wurden doch bereits alle abgeholt. Sein Studierzimmer ist leer geräumt. Wollt Ihr etwa noch einmal die Wände auf Geheimfächer abklopfen, als hätte er etwas zu verbergen?“
„Ist Euch dieser Mann hier bekannt?“, wiederholte der Wachmann seine Frage.
„Ja.“ - Einen Moment lang drohten Arjuks Gesichtszüge zu entgleisen. - „Das heißt, nein,“ verbesserte sich der Bibliothekar schnell, „wir haben uns noch nicht persönlich getroffen, aber mir wurde bereits gesagt, dass Samirs Stelle neu besetzt wurde.“ Er schüttelte betrübt den Kopf. „Könnt Ihr mir sagen, warum der Mann entlassen wurde?“
Danke!!! Danke!!! Danke!!!
Das Geschenk der Götter war unerwartet klein und verschrumpelt ausgefallen, doch nichtsdestotrotz war Arjuk den Freudentränen nahe. Einen Moment lang hätte er das Männchen am liebsten umarmt und auf den Glatzkopf geküsst. - Einen sehr kurzen Moment lang.
„Tut mir leid, aber ich bin zu Stillschweigen verpflichtet,“ hörte er sich selbst antworten. „Ich soll das Zimmer noch einmal überprüfen. Der Herzog wünscht es so.“
Das Geschenk der Götter zuckte bedauernd seine mageren Schultern. „Ihr werdet nicht einen Pergamentfetzen mehr darin finden, aber wenn Ihr es mit eigenen Augen sehen wollt...“
Arjuk wollte. Er hatte zwar wieder einmal nicht die geringste Ahnung, was hier eigentlich vor sich ging, aber allmählich wunderte er sich über nichts mehr. Als sich nun auch noch der Wachmann räusperte und sich förmlich für seine Aufdringlichkeit entschuldigte, war Arjuk selig. In seinem Glückszustand fiel ihm nicht einmal eine angemessen bissige Verabschiedung für die Patrouille ein.
Fehlte nur noch Milena. Während Arjuk seinem eifrig voraus trippelnden Geschenk folgte, blickte er in jeden Saal, an dem sie vorbeigingen, doch die junge Frau war nirgends zu sehen. Irritiert runzelte Arjuk die Stirn. Wie in aller Welt hatte sie sich eigentlich vorgestellt, hier herein zu kommen? Doch nicht etwa in dem einfachen Kleid, das Mina ihr gegeben hatte?
„Ich gratuliere Euch zu Eurer Stelle,“ plapperte der Bibliothekar freundlich. „In Eurem Alter ist es nicht selbstverständlich, vom Herzog persönlich beauftragt zu werden. Darf ich mich nach Eurem Namen erkundigen?“
„Mein Name ist Tajan,“ antwortete Arjuk.
„<Mein Name ist Tajan>,“ wiederholte der Bibliothekar. „Ihr habt eine seltsame Art, Euch auszudrücken. Nun ja, Ihr seid nicht der einzige Ausländer in Kayro’har.“
Innerlich stöhnte Arjuk entnervt auf. Nun trug er schon Vuluns Wappen auf der Schulter, da verriet ihn sein Dialekt! Arjuk beschloss, die Bemerkung zu übergehen, und fragte auf’s Geradewohl: „Sagt, ist die Bibliothek wirklich so veraltet, wie behauptet wird?“
„Ich fürchte ja,“ seufzte der Bibliothekar. „Nur die Historiker kommen hierher, und wer interessiert sich heutzutage schon noch für Geschichte?“
Volltreffer. Das Geschenk der Götter verlor sich ohne Umschweife in einem langen Monolog über seine geliebte Bibliothek. Vorerst würde Arjuk keine weiteren unangenehmen Fragen zu seiner Identität beantworten müssen.
„Wirklich bedauerlich, dabei könnte es ein großartiger Ort des Wissens und Lernens sein, aber die Magier haben kein Interesse daran, Wissen an Nichtmagier Preis zu geben und umgekehrt. - Bitte schön, hier entlang.“
Der dürre Bibliothekar wies ihn eine marmorne Treppe hinauf. Arjuk zögerte kurz. Eigentlich war es an der Zeit, sein Geschenk elegant wieder loszuwerden, Milena zu suchen und von hier zu verschwinden. Aber die Worte dieses geschwätzigen Männchens hatten ihn neugierig gemacht. Samir, Vuluns Berater, und Samir, der in Noato gestempelte Pergamentschnipsel für verzweifelte Prinzen verkaufte... Zufall?
„Das Studierzimmer befindet sich im Obergeschoss,“ erklärte der Bibliothekar mit einem entschuldigenden Lächeln.
Arjuk folgte ihm. Er steckte schon zu lange in dieser aberwitzigen Geschichte, um noch an irgendwelche Zufälle zu glauben. Im Obergeschoss erwartete ihn ein nicht ganz so ausladender, aber ebenso in Marmor gelegter Gang. Dagegen war das Studierzimmer, das der Bibliothekar nun aufschloss, überraschend klein und bescheiden: Ein hölzernes Schreibpult, leere Regale an der Wand, zwei Fenster, kein einziges Buch.
„Vor ein paar Tagen sah es hier noch ganz anders aus,“ sagte der Bibliothekar und schloss die Tür hinter sich. „Dann hat der Herzog alles leer räumen lassen.“
Täuschte er sich, oder hatte sich sein Unterton kaum merklich gewandelt? Arjuk wandte sich zu dem Mann um - und erstarrte. Das Lächeln des Bibliothekars hatte nichts Treuseliges mehr.
„Hier oben sollten wir unter uns sein. Wir können offen miteinander reden... Arjuk y Nystrad.“

Es dauerte eine Schrecksekunde, bis sich Arjuks Herz bereit erklärte, weiterzuschlagen.
„Das ist eine Verwechslung,“ sagte er schnell. „Wie ich bereits vorhin sagte...“
„Vorhin sagtet ihr, dass Ihr bereits seit dem frühen Morgen verwechselt werden. Der Prinz wird aber erst seit dem Nachmittag gesucht.“
Arjuk fuhr ein Fluch über die Lippen, doch der Bibliothekar lächelte nur freundlich. „Ich habe Euch gerade vor Eurem Onkel gerettet. Was veranlasst Euch dazu, zu glauben, ich sei nicht auf Eurer Seite?“
Deine schmalen wässrigen Augen, Glatzkopf, dachte Arjuk. Aber das musst du nicht erfahren.
„Ihr habt Recht,“ lenkte er ein. „Ich... danke Euch für Eure Hilfe.“
„Ich habe es nicht für Euch getan,“ erwiderte der Mann trocken, „sondern für Athalem. Euer Onkel darf Euch niemals finden. Ist Samir tot?“
Der Mann stand unverändert auf seinen Stock gestützt, aber etwas an seiner Haltung gefiel Arjuk nicht. Aus den Augenwinkeln inspizierte er den Stuhl und merkte ihn sich als mögliche Waffe vor. Wenn es nötig werden sollte, konnte das kleine klapprige Männchen nicht allzu schwer niederzuschlagen sein.
„Ich kenne keinen Samir,“ antwortete Arjuk vorsichtig.
„Möglicherweise hat er auch unter dem Namen Seyjuk oder Mirtas agiert,“ erklärte der Bibliothekar. „Er wollte nach Noato, um Euch umzubringen.“
Arjuk blinzelte. Hatte der Mann <umbringen> gesagt?
„Keine Sorge,“ beruhigte ihn der Bibliothekar. „Es war nicht meine Idee. Ich bin erleichtert, zu sehen, dass er gescheitert ist.“
Arjuk war zu keinem Urteil fähig, ob dies ernst gemeint war. Er wusste, dass er Entsetzen oder Angst empfinden sollte, aber er fühlte sich wie in dicke Watte gepackt.
„Hat er irgendetwas erzählt? Gibt es Menschen, mit denen er gesprochen haben könnte?“, bohrte der alte Mann - der plötzlich gar nicht mehr so alt erschien - weiter. Geschenke, die er sich gar nicht gewünscht hatte, hatte Arjuk schon immer gehasst. Wenn er Pech hatte, entpuppte sich dieses hier als eine ganz große Mogelpackung.
„Wie gesagt, ich habe keine Ahnung,“ wiederholte er wahrheitsgemäß.
„Versteht mich nicht falsch, aber die Informationen, die Samir hatte, sind in seinem Grab am Besten aufgehoben,“ erklärte der Bibliothekar. „Er hat hier für Dravar’kesh eine Recherche gemacht. Am Anfang sah es aus wie eine nette kleine Familiengeschichte. Nur deshalb hat er mich hinzu gezogen. Und nun bin ich anscheinend der einzige, der mehr über die Ergebnisse weiß, als der Herzog persönlich.“
Wunderbar. Genau das hatte ich mir von dieser Bibliothek erhofft, dachte Arjuk sarkastisch.
„Also...“, begann er vorsichtig, „warum sollte ich jetzt noch mal umgebracht werden?“
Der Mann blickte ihn an... blickte ihn mitleidig an.
„Weil Ihr der Erbe einer mächtigen Waffe seid,“ sagte er. „Dummerweise kann die Waffe nicht zerstört werden. Also meinte Samir, es wäre für Athalem das Beste, wenn der Träger dran glaubt.“
Und das war alles gar nicht deine Idee, was? Arjuk musste raus hier. Jetzt sofort. Er sprang vor, doch bevor er den Bibliothekar auch nur berühren konnte, traf ihn etwas Hartes unterhalb des Brustkorbes (Solarplexus). Der Stock, auf den sich der Mann gestützt hatte...
Arjuk taumelte zurück. Ihm wurde schwarz vor Augen.

Papa, Liam hat mir Fes weggenommen! Komm zu mir, Amir, komm. Nein, Mama, ich heiße Andamir. Andamir Dravar’kesh. Wie oft soll ich dir noch sagen, du sollst mich Kalil nennen. Wann kommst du wieder, Onkel Riyuk? Du wirst mich mitnehmen, wenn du aus Noato fliehst. Du vertraust mir doch, Arjuk? Arjuk? Arjuk? Hör auf damit, Jo, du weißt genau, dass du sie nie heiraten wirst. Wo warst du nur? Deine Mutter ist sehr krank. Verabschiede dich gut, mein Sohn. Mein Schlangensohn.

Arjuk blinzelte. Ihm war speiübel. Verdammter Wein! Er hatte zu viel getrunken. Er rieb sich die unangenehm schmerzende Stelle unter seinem Brustkorb, wo ihn der...
Der Bibliothekar! Arjuk fuhr in die Höhe. Im letzten Moment presste er sich die Hand vor den Mund, um nicht aufzuschreien.
Nicht schreien. Nicht bewegen. Einfach nicht bewegen. Ganz ruhig.
Arjuk versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Sein Blick irrte panisch durch den kleinen Raum. Die Tür war mit hundertprozentiger Sicherheit abgeschlossen. Unter den Fenstern ging es zwei Stockwerke in die Tiefe. Der Stuhl... war ein Stuhl eine geeignete Waffe gegen drei schmale schwarze Schlangen, die sich in wenigen Schritten Entfernung auf dem Boden ringelten?
Arjuk lehnte sich gegen die Wand. Dieses <Geschenk> war keine Mogelpackung gewesen. Es war ein leibhaftiger Dämon!
Allmählich wäre es an der Zeit für einen deiner genialen Einfälle, Milena! Sonst werde ich wohl bald im Jenseits mit meiner Mutter darüber lachen, dass ich ausgerechnet von ihrem Wappentier umgebracht wurde. - In jedem Fall kann die Gesellschaft nur besser werden...


Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #48 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Windböen jagen zwischen den Bäumen hindurch. Blätter, die ihre Lebensgeschichte erzählen. Stimmen aus dem Unterholz, das Murmeln der Wipfel. Ein Wispern, Flüstern im Wind. Quellen bringen die Kunde aus den Tiefen der Welt. Moose, die Nässe in tausend diamantene Splitter zerspringen. Plätscherndes Wasser der Bäche, Flüsse, Meere. Marktgeschrei...
Jaulen der Möwen, die gegen den stürmischen Wind ankämpfen, das Donnern der Gischt. Ein Nebel voller Perlen, winzigen Splittern, eisigen Nadeln auf der Haut. Ein dünner Film aus Wasser und Luft, der alles reinwäscht. Wellen bäumen sich auf, brechen am Fels und ziehen sich zurück. Woge um Woge. Muscheln berichten von den Ereignissen der Meereswelt. Marktgeschrei. Regentropfen prasseln auf die Steine. Schwer, voll … Marktgeschrei. Marktgeschrei.
Dende blinzelte. Eine Sekunde lang musste er sich orientieren, dann runzelte er verärgert die Stirn. Unmöglich sich in dieser Stadt zu konzentrieren. Er lebte schon lang fern ab der Wälder der Caladhir. Er würde nicht zugeben, dass er sie vermissen könnte. Doch sie bargen eine Tiefe, die anregend war für Meditation, genau wie das Meer. Er würde mehr Zeit benötigen, mehr Zeit zum meditieren, dachte Dende und ärgerte sich noch mehr. Niemals genug Zeit, um über diese Angelegenheit richtig nachzudenken. Es fehlte immer ein Stück, das ihn davon abhielt, mehr zu sehen, Teile zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Es blieben immer nur Fragmente, einzelne Personen, die scheinbar keine Verbindung zueinander hatte, keine Logik zwischen ihnen bestand. Oder er sah die Logik nicht, er konnte sie nicht fassen, nur mühsam zusammen sammeln. Stück um Stück weitergraben, jeden Stein umdrehen, jeden Blick deuten, jedes Wort wiegen. Doch er spürte, er würde nicht genügend Zeit haben, alles in Betracht zu ziehen. Es war nicht genügend Zeit, niemals genügend Zeit, über jede Figur und deren Vergangenheit und Zukunft zu lernen.
Er war in einer Seitengasse vor dem Palast Vuluns. Hoffentlich war sein Informant vor Ort. Er würde mehr Informationen brauchen, um Yerim konfrontieren zu können. Mehr Wissen und doch blieben immer zu viele Fragen im Raum.


Ihr!“, entfuhr es Yerim und sein Gesicht zerfiel in dem Augenblick zu einer griesgrämigen Fratze, als er Kelim Vanderkeyn in seinem Empfangszimmer sitzen sah. Dende hielt ein Lächeln zurück, als er die herunterhängenden Mundwinkel sah, das Blut, welches Yerim in die Wangen schoss und die dunklen Augen, die ihn anblitzten. Er hatte es sich bequem gemacht, so als ob er eigentlich Herr des Hauses war, was Yerim noch mehr erzürnen dürfte als sowieso schon. Ihm wäre es sicher lieber gewesen, er hätte den beleibten Händler nie wieder gesehen oder ihn überhaupt nie getroffen. Dende baute darauf, dass Yerim wütend und verzweifelt war. Er war zwar dadurch gefährlicher, aber es würde auch einfacher sein, ihn in seinem Sinne zu manipulieren.
Es vergingen einige Minuten, bis sich der klobige Anführer der Kham wieder gefasst hatte. Betont leise schloss er die Tür und als er wieder sprach, war seine Stimme kaum mehr ein leises Zischen.
„Wie seid Ihr hier hereingekommen?“
Dende musste wieder ein Lächeln unterdrücken. Er durfte es nicht zu weit treiben, das war ihm klar. Es war ein Spiel aus Provokation und Feinfühligkeit und der Ausgang war zu Dendes Leidwesen noch völlig offen. Improvisation würde vonnöten sein.
„Spielt das jetzt wirklich eine Rolle?“, fragte er beinahe genauso leise. „Ich bin nur gekommen, um Euch zu helfen.“
„Helfen“, äffte Yerim ihm nach und seine mühsam aufgebaute Ruhe zerplatzte wieder. „Ich will eure Hilfe nicht. Für die, die ihr mir schon gegeben habt, sollte ich euch hier und jetzt den Kopf abschlagen, so wie man es früher in Aven'kan mit Verrätern getan hat.“
Dende blieb ob der Drohung ungerührt. Er wusste, dass der Kham sich wahrscheinlich noch in seiner Wut steigern würde, vor allem nachdem, was er ihm zu sagen hatte. Stattdessen nickte er bedächtig.
„Ich verstehe, der Graumagier hat sich als kompletter Fehlschlag herausgestellt. Aber Ihr wollt nicht ernsthaft behaupten, ich hätte ihn dazu angestiftet. Ich bezweifle, dass es irgendjemanden gibt, der einen Graumagier kontrollieren kann, schon gar keinen Gedankenleser.“
Das war noch nicht einmal gelogen. Er selbst hatte Geriyon Raven nicht kontrolliert und dennoch hatte er Arjuks Identität nicht preisgegeben. Auch nicht ihm gegenüber … wenn er sie überhaupt kannte. Das aber würde bedeuten, dass er die Gedanken des Jungen niemals gelesen hatte. Doch das konnte Dende nicht glauben. Warum sollte der Gedankenleser die Chance verpasst haben, in den Kopf des vermeintlichen Andamir zu schauen, von dem er gespürt haben musste, dass er mehr weiß, als er sagt? Wieder blieb ein weiteres Rätsel, eines, dass er zu klären gedachte, sollte er Geriyon bald wiedersehen.
„Tut nicht so, als ob ihr das nicht vorher wusstet!“, fuhr ihn Yerim barsch an und trat einen Schritt näher, sein massiger Körper nun nicht mehr weit von dem Stuhl entfernt, auf dem Kelim saß. Yerim wusste, welchen Effekt das auf den keinesfalls muskulösen Händler haben musste. „Ihr konntet mich vielleicht einmal mit eurem Ammenmärchen foppen, aber es war euer größter Fehler, hierher zurückzukommen.“
Ein weiterer Schritt in Richtung des Händlers. Dende bewahrte nach Außen hin weiter völlige Ruhe. Er fürchtete sich nicht vor Yerim, doch er konnte es sich dennoch nicht verkneifen, an dem bulligen Mann vorbei zum Fenster, seinem möglichen Fluchtweg, zu schielen. Er sah das Rot der Abendsonne die Dächer der Stadt beleuchten. In jedem Fall konnte er nicht mehr ewig bleiben.
„Ich weiß, ihr habt das alles nur getan, damit ich euch Informationen über dieses Medaillon besorge“, holte Yerim weiter aus, „aber damit ist Schluss. Ich kenne jemanden, der dieses Ding und Informationen darüber noch dringender braucht als ihr selbst. Und dieser jemand ist zudem noch sehr viel mächtiger als Ihr.“
Die Drohung in seiner Stimmung war unüberhörbar.
„Ich weiß, dass Fürst Vulun das Medaillon auch sucht, falls Ihr ihn mit eurem geheimnisvollen Unbekannten meint.“
Er sah Yerim für einen Moment stutzen, doch schnell gewann der Kham zu seiner bedrohlichen Haltung zurück.
„Dann seid Ihr noch dümmer als ich dachte, hierher zu kommen. Vulun wird über dieses Geschenk sehr erfreut sein und sich als weitaus nützlicher erweisen als ihr es wart.“
Dende blickte auf und sah Yerim in die Augen. Dieser stutzte wieder. Dende war sich sicher, der Kham würde sich am liebsten auf ihn stürzen und seine Kleider nach dem Medaillon durchwühlen, doch der eisige Blick des Händlers hielt ihn zurück. Seine Augen waren nicht mehr glasig und verschwommen, sondern so wie Yerim sie schon einmal gesehen hatte. Es waren kalte Augen, sehr viel durchdringender und gefährlicher als Vuluns kommandierender Blick.
„Macht Euch nicht lächerlich, Yerim.“, sagte Dende leise und stand auf, um zumindest annähernd mit dem Kham auf einer Höhe zu sein. Er hätte ihn vielleicht auch von seinem Stuhl aus dominieren können, doch vielleicht war ihm diese Position insgeheim doch zu unsicher. Bei den Kham galt es kein Risiko mehr einzugehen. „Vulun wird Euch nicht entlohnen, ganz im Gegenteil. Seht Eure Situation endlich realistisch. Ihr seid auf verlorenem Posten.“
„Schweigt! Ich will das nicht hören.“, brüllte ihn der Kham an, doch ohne einen weiteren Schritt auf ihn zu zu gehen.
„Ihr werdet mir zuhören und Ihr werdet noch dankbar sein, dass ich Euch vor Vulun warne. Was glaubt Ihr, dort zu erreichen? Ihr habt den verloren, den er wie ein Wahnsinniger sucht. Jener, der sogar gestorben ist, um seinen Fängen zu entgehen. Und dieser jener, der hier mehrere Tage lang Euer Gefangener war, damit ihr ihn dann freizulasst?“ In Dendes Stimme schwankte Hohn mit, allerdings nicht soviel, wie er angesichts dieser Situation sonst angebracht hätte. „Vulun wird das nicht verborgen bleiben, das wisst Ihr so gut wie ich. Und da hofft Ihr auf eine Belohnung?“
Er ließ die Frage im Raum stehen, wartete aber nicht auf eine Antwort. Es musste nun Schlag auf Schlag gehen, koste es, was es wolle. Improvisation war alles.
„Was das Medaillon angeht, ich habe es nicht bei mir. Wie Ihr schon festgestellt habt, besitze ich mehr Informationen, als Ihr glaubt. Daher hielt ich es nicht für angemessen, dieses Schmuckstück zu Euch zu bringen, wo Ihr in Versuchung hättet geraten können, es zu stehlen. Und falls Ihr vorhabt, mich zu foltern oder was immer ihr Kham auch tut, dann lasst Euch gesagt sein, dass ich Euch trotz meines Aussehens nicht nur in der Informationsbeschaffung überlegen bin.“
Das Letzte war nun ganz eindeutig eine Drohung seinerseits. Yerim suchte nach Worten, doch fand keine. Dende konnte fast sehen, wie es im Hirn des Kham arbeitete. Yerim war nicht dumm, das wusste er, genau deshalb war ihm klar, dass Dendes Aussagen keine bloßen Hirngespinste waren. Yerim stand tatsächlich auf verlorenem Posten, wenn er nicht bald etwas unternahm.
„Und lasst Euch noch etwas gesagt sein, warum eure Allianz mir Vulun sich in das Gegenteil dessen verkehrt, was Ihr erhofft habt“, fuhr Dende ungerührt fort. „Wusstet Ihr, dass Fürst Kalil von Noato nach Kayro'har gebracht werden sollte? Er hat allerdings bedauerlicherweise die Stadt nie erreicht, er wurde entführt … und alles deutet auf die Anwendung von Magie hin.“
Bei diesen Worten blickte Yerim, der sowieso schon viel von seinem ursprünglich mächtigen Auftreten verloren hatte, noch mehr an Fassung.
„Ich weiß, ihr Kham versteht nicht viel von Magie, daher lasst mich Euch aufklären. Nur wenige Meilen von hier befindet sich eine Akademie der schwarzen Magier. Es ist wohl mehr als wahrscheinlich, dass sie Kalil entführt haben, um Vuluns Pläne zu durchkreuzen. Ich hoffe, Ihr versteht nun, was es heißt, Vuluns Verbündeter zu sein. Derjenige wird auch früher oder später ins Visier der Schwarzen Magier geraten.“
Dendes Stimme, die sich erst sichtlich besorgt, angesichts dieser Entwicklung gezeigt hatte, wurde wieder ein leises, aber dafür umso eindringlicheres Säuseln.
„Nun haben es Eure Männer sicher mit einem Graumagier aufnehmen können, doch ich möchte nicht Eure Chancen im Konflikt mit den Schwarzen Magier ausrechnen. Die sind nicht gerade als zimperlich bekannt.“
Yerim hatte sich gegen den Tisch gestützt. Das Gesagte hatte ihm zu Schaffen gemacht, keine Frage, aber es hatte ihn nicht gebrochen. Das war auch nicht Dendes Absicht gewesen. Der Kham besaß noch genug Kraft, um Dende immer noch finster anzufunkeln. Für einen Moment überlegte der Graumagier, ob er Hass in den Augen des Kham leuchten sah, doch es war eher eine Art Dumpfheit, Verzweiflung und Zorn darüber, wie kompliziert die Welt aus Intrigen und Magie des westlichen Athalem für den General aus einfachen Verhältnissen sein musste. Dende hätte fast Mitleid mit ihm gehabt.
Mit einem wortlosen Grunzen stieß sich Yerim vom Tisch wieder ab.
„Eure Worte … sind wie Schlangenbisse, wie Gift, dass mir das Hirn vernebelt.“ Er spie die Worte beinahe aus. „Ich sollte Euch töten, nur Euch nie wieder sehen zu müssen, um nicht mehr hören zu müssen.“
„Ja, denn Ihr wisst, dass ich Recht habe, mit dem was ich Euch sagte“, erwiderte Dende leise.
„Erdreistet Euch nicht, mir noch einen Rat zu geben“, rief Yerim wieder in seinem anfänglich barschen Ton.
„Selbst wenn ich wollte, könnte ich das nicht tun. Zumindest zur Zeit nicht. Ich will ehrlich mit Euch sein.“ Dende machte eine Kunstpause, doch Yerim reagierte nicht. „Ich weiß viel, aber nicht alles. Ich weiß nicht, was Vulun wirklich beabsichtigt und ich glaube kaum, dass er es Euch erzählt hat. Bevor ich das nicht herausbekommen habe, könnt ihr nicht mehr machen, als Euch sehr ruhig zu verhalten, nehme ich an.“
Der Kham zuckte mit den Schultern. „Ihr seid kein gewöhnlicher Händler.“
„Nein, das bin ich nicht, Yerim. Ich bin nur einer der Mächte, die hier im Dunkeln Fäden ziehen, von denen ihr nicht einmal geträumt hattet, sie würden existieren. Vielleicht erkennt Ihr nun, dass dieser Teil Athalems sehr viel komplizierter ist als Aven'kan. Wenn Ihr hier überleben wollt, müsst Ihr immer mehr sein als ein gewöhnlicher Händler.“
„Und das bedeutet?“
„Vielleicht könnt Ihr eure Wut auf mich doch noch ausleben.“
Der Kham blickte ihn wieder an, diesmal sichtlich verwirrt.
„Wie?“
Improvisation war alles.
„Lasst mich Euch etwas erklären...“

-Was wiegt 180 Gramm, sitzt auf einem Baum und ist sehr gefährlich?
-Ein Spatz, der eine Pistole trägt.
-Richtig, das ist die einzig mögliche Lösung!

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #49 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Kara saß am Rand des Sees und ließ ihre Füße im Wasser baumeln, während sie ihre nassen Kleidungsstücke betrachtete, die im sanften Wind baumelten um zu trocknen. Wer in aller Welt würde wohl so knallbunte Kleidung tragen? Neben dem schwarzen Mantel, den der junge Magier ihr geliehen hatte, hing eine vielfach geflickte, orangefarbene Hose, die einen starken Kontrast zum ausgewaschenen grün der dazugehörigen Bluse bildete. Die dünne, rot-braune Strickweste bot noch den normalsten Anblick von allem, was da am Baum hing. Etwas abseits waren gerade Geriyon und die unbekannte blonde Schönheit in ein Gespräch vertieft, von dem immer wieder Wortfetzen zu Kara drangen. Anscheinend war die Magierin namens Milena außerordentlich gut darin Gefallen erfüllt zu bekommen, soviel war klar. „Wärst du so lieb, ihn für mich ausfindig zu machen? Ich habe ihm zwar ausdrücklich nahegelegt die Stadt zu verlassen, aber es wäre nicht das erste Mal dass der Junge sich zu… unüberlegten Handlungen hinreißen lässt.“ Ihre Stimme klang glockenhell und Kara glaubte direkt Milenas umwerfendes Lächeln vor sich zu sehen. Diese Frau hatte definitiv etwas Unheimliches an sich. Etwas, das man nur schwer erfassen konnte, wenn man sich von der Fassade allzu leicht beeindrucken ließ. „Du hast es also nicht für nötig gehalten, dein zweites Gesicht etwas zu schärfen?“, seufzte Geriyon, doch Kara hatte den Verdacht, dass er nur zu gerne alle Gefallen erfüllt hätte, um die die Magierin ihn bitten konnte. Ein bezauberndes Lachen schallte über den See.
Kara stand auf und streckte sich nach der kleinen ledernen Tasche, die außer ihrer Kleidung das einzige war, das sie im Moment besaß. Sie hatte schon unzählige Male den abgetragenen Beutel durchsucht um auch nur irgendeinen Hinweis darauf zu erlangen, wer sie war, woher sie kam, und was in aller Welt mit ihr passiert war. Doch die einzigen Dinge, die sich darin befanden waren eine kleine, bunte Vogelfeder, zwei nahezu wertlose Kupfermünzen, ein Stück geschnitztes Holz, das wohl so etwas wie ein Vogel werden sollte, und eine Hand voll grüner Krümel, die Kara nicht im geringsten zuordnen konnte und deswegen früh entsorgt hatte.
„Ich schlage vor wir sehen erst mal an, was die Runen dazu sagen“, hörte sie Geriyon sprechen und verfolgte aus dem Augenwinkel mit wie er aus einem Beutel schwarz glänzende Steine zog, die alle unterschiedlich und äußerst ungewöhnlich geformt waren. „Du hängst also immer noch an den alten Traditionen?“, fragte Milena, und ein leiser neckischer Unterton schwang in ihrer Stimme mit. Geriyon antwortete nicht, sondern machte sich daran, die Steine im Kreis auf den Boden zu legen. Er hob die Hände und schien sich zu konzentrieren, während auf den Steinen Zeichen zu glühen begannen. Dann nahm er seinen Magierstab, hob ihn kurz in die Höhe und ließ ihn plötzlich in die Mitte des Steinkreises niederfahren. Obwohl Kara ein ganzes Stück abseits saß glaubte sie einen prickelnden Windstoß zu fühlen, der ihr die Härchen an den Armen und am Nacken aufstellte, und als sie zu Geriyon hinüber blickte, sah sie ihn in gebückter Haltung über den Steinen stehen, die nun wild durcheinander geworfen waren. „Hmmmm … also die Steine sagen wir sollen uns nach Norden wenden“, verkündete er zögerlich, überprüfte die Anordnung der Steine noch einmal und nickte dann entschlossener. „Ja, eindeutig Norden. Im Norden liegt Kayro'har ...“ Milena seufzte theatralisch und rollte mit ihren hübschen Augen. „... und der beste Fluchtweg aus Kayro'har. So viel zu deinen Runensteinen, Geri“, kicherte sie. Geriyon runzelte die Stirn, während er damit begann die Steine neu anzuordnen. „Wahrsagerei ist eben keine exakte Wissenschaft. Vielleicht kriege ich es diesmal etwas genauer hin“, murmelte er und erhob erneut den Stab. Kara wandte sich ab. Wen auch immer die beiden suchten, das war im Moment nicht ihr Problem und es half ihr in keinster Weise ihre Vergangenheit wieder zurückzubekommen.
Als sie diesmal in ihre Tasche hineingriff fühlte sie etwas anderes zwischen ihren Fingern, als die nichts sagenden Gegenstände an die sie sich nicht erinnern konnte. Die kühle, fließende Oberfläche der magischen Maske, die sie darin verstaut hatte. Im glänzenden Nachmittagssonnenlicht schien die Maske geradezu durchsichtig, wie ein Libellenflügel, durchzogen von feinen Adern. Doch mit jeder Berührung nahm sie mehr Gestalt in Karas Händen an, und sie konnte fast Konturen und Formen fühlen. Ein ganz neues Gesicht, eine neue Identität… etwas, das sie sich selbst erschaffen konnte, eine neue Vergangenheit, eine neue Persönlichkeit - sie konnte alles sein was sie wollte! Neugierig hob Kara das Material an ihr Gesicht heran, und je näher sie ihm kam desto mehr schien die Maske wie ein Nebelschleier, der sich vor ihren Augen verdichtete. Sie holte tief Luft und schloss die Augen. Dann, als sie in den Nebel eintauchte, stieß sie einen leisen Laut des Erstaunens aus. Die Maske fühlte sich kein bisschen mehr an wie vor einem Moment in ihren Händen. Statt der kühlen, abweisenden Oberfläche breitete sich nun ein Gefühl von Wärme auf Karas Wangen und Stirn aus, das sich mit einem Kribbeln bis in den Nacken fortpflanzte. Vorsichtig berührte Kara mit beiden Händen ihr Gesicht und öffnete überrascht ihre Augen. Es fühlte sich völlig normal an. Verwirrt suchte sie den Boden ab um zu sehen ob die Maske vielleicht hinuntergefallen war, doch sie konnte nirgends das schimmernde Material erblicken. Als sie sich bückte fiel ihr Blick auf die spiegelnde Wasseroberfläche, die im Licht der tiefstehenden Sonne einen goldenen Glanz bekam.
Zum zweiten Mal schon blickte ihr ein völlig unbekanntes Gesicht aus dem Wasser entgegen. Doch diesmal war es nicht bleich vor Angst, sondern ein restlos überraschter Gesichtsausdruck machte sich darauf breit. Statt den verängstigten braunen Augen funkelten diese nun aufmerksam und tiefblau auf der Wasseroberfläche, und langes, dunkles Haar, das jederlei Rotfärbung verloren hatte, ringelte sich über ihre Schultern. Prüfend hob Kara erneut ihre Hände ans Gesicht und ihrem neuen Spiegelbild entwischte ein Lächeln. Die Maske funktionierte noch viel besser als sie es sich vorgestellt hatte! Außer dem rasch abklingenden Kribbeln im Nacken gab es keinen Hinweis darauf, dass sie sich unter irgendeiner Art Verkleidung befand. Und doch glich die Person, die nun gebückt am Wasser stand, in kaum einer Weise dem verängstigten Mädchen von vorhin. Auch ihr Tastsinn verriet nicht die geringste Unregelmäßigkeit oder einen Hinweis darauf, dass auf ihrem Gesicht eine Maske ruhte. Sie stellte außerdem fest, dass ihre Sicht vollkommen unbeeinträchtigt war. Kara drehte sich mit einem Schmunzeln zu Geriyon und Milena um und machte ein paar Schritte auf die beiden zu, die immer noch um die Runensteine herum standen und miteinander diskutierten. Geriyon stand zum zweiten Mal gebeugt über den Steinen und versuchte mit gerunzelter Stirn irgendetwas daraus zu lesen, doch wie es schien gelang ihm keine zufriedenstellende Antwort. Die blonde Magierin seufzte demonstrativ. „Geri, ich weiß dass du das kannst, ich habe schon einmal gesehen wie du Pers'vars Blick vollzogen hast. Das würde mir wirklich sehr helfen, ich brauche unbedingt die Gewissheit dass der Junge meinen Rat befolgt hat, sonst könnte das fatale Folgen haben“, sagte sie mit einem besorgten Gesichtsausdruck und legte ihm die Hand auf den Arm. „Bitte, Geri. Tu’s für mich.“
Leicht verzweifelt fuhr sich der Angesprochene mit einer Hand durchs Haar und riss sich los vom Anblick der magischen Steine, die ihm nicht das gewünschte Ergebnis verrieten. „Das ist ein sehr schwieriges und vor allem kräftezehrendes Ritual, wie du weißt. Und außerdem brauche ich einen Gegenstand der mir genügend Information über die Aura des Gesuchten bietet“, meinte er, und sofort hellte sich Milenas Miene auf. Sie zog eine dünne Rolle Pergament aus ihrem Umhang und hielt sie mit einem strahlenden Lächeln Geriyon entgegen, der es mit einem Seufzen entgegennahm und auseinanderrollte.
„Was ist das?“, wollte er wissen und deutete auf die abgegriffene Zeichnung, die sich ihm darbot.
Kara trat näher und reckte den Hals. Eine seltsame Neugier ergriff Besitz von ihr. Irgendetwas hatte es mit diesem Pergament auf sich, aber was? "Das spielt jetzt keine Rolle, auf jeden Fall hat er das sehr lang bei sich getragen", sagte Milena. "Es sollte mehr als genug von seiner Aura daran haften."
„Von wem?“, warf Kara ein und versuchte einen genaueren Blick auf das Pergament zu werfen bevor Geriyon sich ertappt fühlte und es schnell einrollte. Eine gewöhnliche Blume also… woher kam ihr diese Blume so bekannt vor? „Wessen Aura?“, wiederholte sie eindringlich als keine Reaktion von den beiden Magiern kam, sondern stattdessen nur überraschte Blicke.
„Kara! Wundervoll… wirklich wundervoll diese Maske, nicht einmal ich hätte dich so noch erkannt“, sprach Geriyon und ein stolzes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Ja, wirklich gelungen“, bekräftigte Milena ihn, „Ihre neue Augenfarbe sieht fast so hübsch aus wie deine, Geri.“ Kara zog die Augenbrauen zusammen und fragte sich wie sie diese Bemerkung auffassen sollte. Geriyon ging es anscheinend ähnlich, denn ein blassrosa Schimmer erhellte seine Wangen. Er räusperte sich kurz und wandte sich dann an Kara. „Milena hat mich gebeten ihren derzeitigen Schützling aufzuspüren der sich, genau wie wir alle, im Moment hier in Kayro’har in großer Gefahr befinden könnte. Wahrscheinlich ist er schon auf dem Weg zur Grenze, aber wir müssen für alle Fälle sichergehen. Zu dem Zweck werde ich ein Ritual durchführen, das mir erlaubt mit Hilfe seiner Aura, die auf diesem Gegenstand haftet, seinen Aufenthaltsort zu bestimmen. Du kannst mir gerne dabei zusehen, es wird Zeit, dass du ein graues zu Gesicht bekommst, nach dem dein erstes Ritual ein schwarzes war .“ Ungeduldig verschränkte Milena die Arme vor der Brust und warf Geriyon einen belustigten Blick zu. Sie begann Kara von Minute zu Minute unsympathischer zu werden. „Sollten wir nicht lieber zuerst von hier weg, bevor die ganze Magierschule uns hier findet?“, wollte Kara skeptisch wissen und verschränkte ihrerseits die Arme. Geriyon bemühte sich um einen beschwichtigenden Ton in der Stimme. „Ja, du hast Recht, wir sollten auf keinen Fall länger hier bleiben als benötigt. Sobald ich das Ritual vollzogen habe und wir wissen dass Milenas Schützling in Sicherheit ist werden wir es ihm gleich tun. Ich kenne da einen Ort an dem wir vor den Schwarzmagiern sicher sind, die Geschehnisse in Kayro’har mit verfolgen können und du gefahrlos deine Ausbildung beginnen kannst. In Ordnung?“
Kara nickte zufrieden. Es wurde endlich Zeit, dass Geriyons Versprechen eingelöst wurde und sie mit der furchbaren Kraft die schon einmal aus ihr herausgebrochen war umzugehen lernte.
Der Magier hatte sich währenddessen seinen dunklen Mantel wieder übergeworfen und schritt nun auf der Lichtung einen Kreis ab. Dann bedeutete er den beiden Frauen mit einer Handbewegung, sich aus diesem zu entfernen. Kurz zögerte er dann. „Kara? Nimm eine von Milenas Tonschalen und fülle sie mit Wasser aus dem See.“ Kara hob die Schultern, schritt dann aber zu ihrer Lagerstätte und kam schließlich mit dem Gewünschten zurück. In der Zwischenzeit hatte Geriyon damit begonnen mit der Spitze seines Stabes verschlungene Symbole in den Boden zu ritzen. Der weiche Waldboden schien sich recht gut dafür zu eignen, trotzdem kam der Magier nur langsam vorwärts, nach und nach wuchs eine Art Spirale, geformt aus diesen fremdartigen Runen, die den vorher abgeschrittenen Kreis ausfüllte. Dabei blieben vier kreisrunde Stellen frei, um die sich je ein Ende der Zeichenkolonne – kleiner werdend – schlang. Die Sonne war ein gutes Stück über den Himmel gewandert, als Geryion sich schließlich aufrichtete, den Rücken nach hinten durchbeugte und dann einen langen Blick auf sein Werk warf, die Zunge zwischen den Zähnen eingeklemmt, eine Hand öffnete und schloss sich ruckartig. „Betet, dass ich keinen Fehler gemacht habe … sonst wachen wir erst in den Verliesen der Schwarzen wieder auf.“ Ohne eine Antwort abzuwarten rammte er seinen Stab in der Mitte einer der freien Stellen und legte die Schriftrolle und seine Runensteine in jeweils eine andere. Noch ein kritischer Blick, dann nahm er Kara die Schale aus der Hand, nickte ihr kurz dankend zu und setzte sich im Schneidersitz in den letzten Kreis, das Wasser in seinem Schoß. Einige Atemzüge lang verharrte der Magier so, nur sein Brustkorb hob und senkte sich. Dann begann er Worte zu murmeln. Kara konnte sie nicht richtig fassen, sie schienen ihr Bewusstsein zu umfließen und doch schickten sie Gänsehaut ihre Arme hinab. Trotzdem – es geschah nichts, bis auf einmal die erste von Geriyon gezeichnete Rune in blassem Blau zu glühen begann. Die nächste folgte, dann die nächsten. Das Leuchten folgte dem verschlungenen Pfad, den der Magier vorgegeben hatte, erreichte zunächst das Pergament, das einige Zentimeter vom Boden abhob und sich um sich selbst zu drehen begann, dann den Stab, dessen eingeschnitzte Schriftzeichen in derselben Farbe antworteten, bevor es die Runen erreichte. Auch sie begannen zu glühen, auch sie hoben vom Boden ab und begann in einem komplexen Muster durcheinander zu wirbeln. Schließlich glühten auch die letzten Schriftzeichen, erreichten Geriyon. Kara schien es, als würde das silberne Siegel über seinem rechten Auge ebenfalls reagieren, aber vielleicht war das nur eine Spiegelung. Welt und Zeit hielten den Atem an – da regte sich auch das Wasser in der Tonschale. Zunächst bildete es eine Art Strudel, dann schoss es in die Höhe, verharrte wie ein lebendiges Wesen und formte schließlich eine Kugel, nein, ein faustgroßes Auge! In seltsam ruckartigen Bewegungen blickte es umher und richtete sich schließlich gen Norden aus.
Geriyon runzelte die Stirn, seine Lider blieben aber fest geschlossen. „Tut mir leid, Milena, aber dein Schützling befindet sich wohl immer noch in Kayro’har.“
„Was?!“ Milena schien einen Moment lang um Fassung zu ringen, dann seufzte sie tief. "Genau das hatte ich befürchtet", murmelte sie. "Geriyon, ich brauche unbedingt deine Hilfe. Du musst mich zu ihm zurück führen. Dieser Auftrag ist vielleicht der wichtigste, den die Graue Gilde zur Zeit..." Milena unterbrach sich und warf einen Seitenblick zu Kara. Geriyon hob einen Moment die Brauen und auch Kara wunderte sich. Milena schien nicht der Typ zu sein, der schnell die Nerven verlor. "Dann solltest du dich besser beeilen", gab Geriyon zwischen zusammengebissenen Zähnen zurück. "Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Zauber aufrecht erhalten kann und dein Schützling scheint einen längeren Spaziergang zu machen." "Ich weiß, dass du es kannst, Geri". Milena hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. "Nimm Silberschwinge mit, das wird es leichter machen, in Kontakt zu bleiben und dir mitzuteilen wohin dein Schützling sich bewegt", sagte Geriyon. Kurz ruckten seine Augen zu Kara, dann konzentrierte er sich wieder. "Tut mir leid Kara, du musst erst mal alleine nach Kayro'har gehen. Kannst du sie zu dem Unterschlupf bringen, Milena? Ich komme nach sobald es geht."
Kara blickte unschlüssig zwischen Geriyon und Milena hin und her, doch Geriyon verharrte konzen-triert in seinem magischen Kreis und schien vollkommen mit sich selbst beschäftigt. Milena hatte schnell ihre Siebensachen zusammengepackt und trieb Kara mit ungeduldigen Blicken dazu sich ebenfalls zu beeilen. Die Sonne stand schon tief über den Baumwipfeln und Kara erblickte nur reflektiertes Sonnenlicht auf der Wasseroberfläche bevor sie sich davon abwandte. Mit einem unguten Gefühl folgte sie der blonden Magierin in den Wald.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #50 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Arjuk lag auf dem Rücken, starrte an die Decke und sah seinen Gedanken zu, wie sie träge Kreise zogen. Er hatte das Gefühl, sein Herz pumpe ihm das Blut schneller durch den Körper, als dieser aushalten konnte. Aber vielleicht war es auch nur der quälende Durst, der ihm den Kopf vernebelte, ihn betäubte. In seinem Dämmerzustand war ihm, als stiege sein Geist zur Decke auf und blicke auf den Körper hinab, seinen Körper, eine verlassene, mechanisch atmende Hülle, dessen Herzschlag den ganzen Raum pulsieren ließ. Er blickte auf die zurückgelassene Hülle hinab, auf die kreisenden Gedanken; er sah Angst. Eine diffuse, undeutliche Angst. Sie erinnerte ihn an einen Korridor.
Ein langer prächtiger Korridor, der auf eine geschlossene Tür zuführte. Es war ein Korridor, in dem jeder Atemzug von den Wänden hallte, ein Korridor, in dem Arjuk langsam gehen wollte, umkehren wollte. Doch er wusste, dass ihn die Wachen links und rechts neben der Tür quälend genau beobachteten, und so ging er mechanisch weiter, magnetisch angezogen von der Tür. Niemand durfte seine Angst bemerken, die diffuse, undeutliche Angst. Er wusste nicht, wovor. Er hatte alles gelernt, er beherrschte seine Aufgaben perfekt, würde Kalils Fragen tadellos beantworten können und am Ende vielleicht sogar gelobt werden. Warum nur hatte er solche Angst? Er hatte alles getan. Er hatte alles getan, was er tun konnte. Oder? War nicht irgendwo noch etwas übrig gewesen?
Arjuk blickte auf sich hinab, wie er auf dem Rücken lag. Er sah, wie ihm die Augenlider zufielen, sah die Risse in seinen durstigen Lippen, hörte seinen Magen knurren. Und mit großer Klarheit sah er, dass er keine Angst hatte, zu sterben, aber schreckliche Angst vor dem Tod. Er begriff es nicht, aber es hatte etwas mit Türen zu tun...
Eine geschlossene Tür. Sie öffnet sich. Der Heiler, sein kummervolles Gesicht, sein Blick. Wortlosigkeit, unhörbar deutlich. Etwas bricht.
Schwarzer Samt senkt sich auf die Welt, hüllt alles ein. Weich. Dumpf. Taub.
Dabei hatte er alles getan. Das 1x1 geübt, Geschichtsbücher auswendig gelernt, eine Pflanze ausgegraben. Er hatte doch alles getan, was er konnte.
Zumindest hatte er sich das immer gesagt.
Nun aber sah er auf sich hinab, die Risse in den sprachlosen Lippen, das Loch im Bauch, der dunkle Mahlstrom der Angst. Und er sah, dass er es nie geglaubt hatte.
Vielleicht hatte er alles getan, was er konnte, aber es war nicht genug. Er hätte zu mehr fähig sein müssen. Das war es: die Worte, die hinter den verschlossenen Türen standen. Du bist nicht genug.
Arjuk öffnete die Augen. Er hatte keine Angst, zu sterben. Angst hatte er, vor der Totenwelt zu stehen und an die Tür zu klopfen - seine Mutter würde ihm öffnen, mit einem einzigen Blick: Nicht genug. Und vielleicht würde auch bereits sein Vater dort bei ihr sein, und ihn ebenfalls begrüßen: Nicht genug.
Arjuk setzte sich auf und sah sich um. Rötliches Licht erfüllte den Raum. Die Schlangen ringelten sich noch immer in der dunklen Ecke, in die sie träge gekrochen waren, aber sie schienen sich bereits geschmeidiger zu bewegen. Mutiger. Hungriger. Als Arjuk sich erhob, zischten sie gereizt. Die Biester waren eindeutig nachtaktiv, die Zeit war auf ihrer Seite.
Zum wiederholten Mal trat Arjuk an das geöffnete Fenster und blickte an der Fassade hinab. Der Rat der Drei mochte ohne viel Optimismus gegründet worden sein. Umso prunksüchtiger war offenbar die Epoche, in der das Gebäude Jahrhunderte später erneuert worden war, so dass sich allerlei Zierrahmen und dekorative Elemente um die Fassade rankten. Ob es genügend Pracht war, um sich auch nur ein einziges Fenster weiter zu hangeln, war von hier aus absolut unabsehbar. Unwillkürlich musste Arjuk an Jo denken, die zielsicher Felsen und Abhänge erklomm, immer irgendwo einen Halt fand, immer auf dem nächsten Stein im Flussbett landete ohne je auszurutschen. In ihrer Welt schien es keine Angst zu geben.
Unschlüssig blickte Arjuk in das Zimmer zurück, zu den Schlangen, zu der verschlossenen Tür. Verschlossene Tür... Milena würde sie nicht öffnen, niemand würde sie öffnen, nein - niemand sollte sie öffnen! Er würde es allein schaffen, da mochte ihn die ganze Stadt suchen, einsperren oder umbringen. Der Kampf um Kalil und um Noato war noch nicht verloren. Er würde ihn gewinnen - allein, mutterseelenallein. Ein Triumph, der alle Niederlagen rein wusch.
Arjuk blickte in die Tiefe und schwor sich, dass er nicht fallen würde. Dann erklomm er das Fenstersims.


Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2022 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme