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Die Klavierstunde
Beitrag #1 |

Die Klavierstunde
Die Klavierstunde

Erzählung von
Hans Werner


Dunkel ist's im Zimmer. Nur ein schwaches Licht brennt über dem alten, ausgespielten Klavier, an dem meine Schülerin sitzt, das kränkliche Mädchen, dessen glänzendes Haar blond und kräftig über die zierlichen Schultern fällt. Zaghaft und vorsichtig greifen ihre Finger in die Tasten, und nicht selten erklingt ein falscher Ton, der mich dann zu zornigen Korrekturen herausfordert. Abwechselnd habe ich bei diesem Unterricht die verschiedensten Empfindungen. Geduld und Mitleid verwandeln sich in zornigen Unwillen, wenn sich die Begriffsstutzigkeit des Mädchens allzu hartnäckig gegen ein Begreifen wehrt. Manchmal überkommt mich ein wahrer Anfall von pädagogischem Ehrgeiz, ein energischer Wille, gerade dieser schwachen Schülerin einen Zugang zur Musik zu eröffnen, und sei es mit nachdrücklicher Strenge. Offensichtlich wird dieses Mädchen zum Klavierspiel gezwungen. Allerdings bin ich mir noch nicht im klarem, ob es mir willentlich Widerstand leistet oder tatsächlich nur schwer und langsam begreift.
Manchmal kann sie auch schamhaft erröten, wenn sie wieder einmal beharrlich falsch spielt, und dann stehen ihre geröteten Wangen in lebhaftem Kontrast zum goldenen Blond ihrer Haare. Ihre Gestalt ist eher schmächtig, zartgliedrig sind Arme und Beine, der Rumpf selbst ist nur dürftig ausgebildet, und man wundert sich, woher dieser labile Körper die Kraft nimmt, so wunderschönes Haar hervorsprießen zu lassen.
Nun ist die Stunde beendet, wieder einmal nach zähem Ringen. Das Mädchen erhebt sich vom Klavierstuhl und rafft eilig Fibel, Vormerkbuch und Jacke zusammen - froh, endlich der Qual zu entkommen - und rennt spornstreichs aus dem Zimmer. Aber wie die Tür eben ins Schloss gefallen ist, dringen von draußen schallende und klatschende Geräusche an mein Ohr, die augenblicklich vom herzerbarmenden Geschrei unterbrochen werden und sich dann zu einer wahren Symphonie tragischen Kinderschmerzes steigern. Ich öffne die Tür und es bietet sich mir ein elendes Bild. Meine Schülerin steht da, sich drehend und windend unter dem harten Griff einer resoluten Frau, offenbar ihrer Mutter, und erhält Schlag um Schlag in das bereits dunkel gerötete Gesicht. Rasch reime ich mir zusammen, wie alles gekommen ist. Die Mutter, wohl die Triebfeder dieses unglückseligen Unterrichts, hat heimlich an der Tür gelauscht und lässt nun ihren Zorn auf das wehrlose Kind ergießen;
Ich falle der Frau in dem Arm:
"Sind Sie bei Sinnen. Sie schlagen ja das Kind halbtot!" Schwer keuchend, mit wogendem Busen, hält die Frau inne, und fährt mich an:
"Was geht Sie das an! Sie haben Ihren Unterricht zu halten und sich nicht um meine Erziehungsmethoden zu scheren!" Mir steigt nun auch die Galle hoch.
"Wenn Sie nicht augenblicklich aufhören, zeige ich Sie an!"
Dieses letzte Wort kommt der Frau unerwartet. Mit dem Gesetz will sie nicht in Konflikt kommen, das riecht nach Schande, Gefängnis und Unmoral. Ein Rest von Bürgergewissen regt sich in ihr und flößt ihr Angst ein. Sie gibt das Kind frei.
"Unter diesen Umständen gebe ich keinen Unterricht mehr“, sage ich in eindringlichem Ton. .
Darauf spielt sich auf dem Gesicht der Frau eine unerklärliche Veränderung ab, eine Angst tritt in ihren Blick, weitet und vergrößert die Augen, und dann röchelt sie, wobei Lippen und Unterkiefer zu zittern anfangen: „Sie muss es lernen. Sie muss, sonst..."
Und wie sie das sagt, stürzt sie mit fliegenden Haaren davon, das verstörte Kind allein zurücklassend.
Man muss bedenken, dass ich an sich immer ein ruhiger Mensch gewesen bin und stets versucht habe, mir die friedliche Gemütsart zu bewahren, selbst wenn mir Menschen grob und ungehobelt begegnen. Aber nach dieser dramatischen Szene, deren eigentliches Motiv mir immer noch schleierhaft ist, befinde ich mich in einem Zustand allgemeiner Fassungslosigkeit. Ich wandere ein paar Mal durch den Gang und versuche, meine Gedanken zu ordnen, dann wende ich mich dem Kind zu, das mit dem Ärmel seines Pullovers Blut und Tränen aus dem Gesicht wischt, und frage:
"Warum hat dich die Mutter zu mir in Unterricht geschickt?" Das Kind blickt mich an, dann sagt es:
"Ich weiß nicht. Seit mein Großvater tot ist, muss ich Klavierspielen lernen."
Hast du noch eine Großmutter, frage ich.
„Ja“, erhalte ich zur Antwort. Mir kommt ein rettender Gedanke.
"Komm, wir gehen zu deiner Großmutter!" sage ich und streichle die blonden Haare des Mädchens. Willenlos lässt sich das Kind führen und draußen zeigt es mir Straße und Weg, bis wir an einem alten Haus angekommen sind, wo die Großmutter wohnt.
Eine alte, verrostete Gartenpforte quietscht in den Angeln. Ich klingle und nach längerer Zeit ertönt ein surrender Ton und die Tür springt auf. Ich sehe eine alte Frau, die sehr schlampig gekleidet ist, die Haare sind vernachlässigt und das ganze Gesicht macht einen unsauberen, ungewaschenen Eindruck. Ich kann nicht verhehlen, dass mich diese Person zurückschlägt. Das Mädchen indessen zieht mich an der Hand weiter und ich mache einige Schritte auf die Frau zu.
„Sie sind die Großmutter von Isabel, meiner Klavierschülerin?“
„Ja, die bin ich“, sagt die alte Frau und ich sehe in ihrem Mund Zahnstummeln von grauer und beiger Farbe.
„Warum wird sie zum Klavierspielen gezwungen“, frage ich.
„Das ist eine lange Geschichte“, antwortet die Frau. „Kommen Sie herein in meine gute Stube.“
Ich halte mir die Nase zu, durchquere den Gang und gelange in ein Wohnzimmer, das mit alten Möbeln vollgestopft ist. Urväter-Hausrat würde man sagen, frei nach Goethe.
„Mein Mann hatte eigenartige Interessen“, beginnt die Frau zu erzählen. „Vor allem muss ihn ein Erlebnis im Krieg sehr geprägt haben. Mir hat er immer nur unklare Andeutungen gemacht. Er war damals Bursche bei einem hohen Nazi-Offizier, einem fanatischen Anhänger von Hitlers Rassenlehre. Und da war ein Mädchen, jung, schön und blond, das typische Abbild einer reinrassigen Arierin. Aber sie war Jüdin. Beim nächsten Transport hätte sie nach Auschwitz mitfahren müssen. Und da muss etwas vorgefallen sein, was meinen Mann unvergesslich beeindruckt hat. Dieses Mädchen kam immer wieder in die Wohnung des Offiziers und hat Klavier gespielt, und der Offizier, der eingefleischte Nazi, hat mit feuchten Augen zugehört und das Mädchen immer wieder gebeten, weiterzuspielen. Vor allem das Stück „Für Elise“ von Beethoven hatte es ihm angetan. Und dieses Mädchen spielte so ausdrucksvoll, so voller Hingabe, dass der Mann nicht von ihrem Spiel lassen konnte. Kurzum, sie durfte bleiben, wurde verschont und kam nicht in die Hölle von Ausschwitz. So hat sie den Krieg überlebt und später, durch ihre Aussage vor dem amerikanischen Entnazifierungs-Tribunal, dem Offizier hinterher sogar Leib und Leben gerettet. Mein Mann war als Bursche wohl immer wieder zugegen, wenn das Mädchen Klavier spielte. Er durfte Getränke servieren und Gebäck auflegen und das Klavierspiel selbst war ihm in unauslöschlicher Erinnerung. Irgendwie ist er zur Überzeugung gekommen, dass die Musik auf die Seele der Menschen eine unbezwingliche Macht ausüben könne. Und in seinem Innersten betete er für dieses ihm unbekannte Mädchen, das er längst über alles liebgewonnen hatte. Ja, es schien wohl so, als ob er ein Gelübde ablegt hatte, darüber, was er tun und beschließen wolle, wenn nur dieses so hübsche musikalische Mädchen am Leben bleiben dürfte. Als nach seinem Tode dann das Testament verlesen wurde, war mir klar, um welches Gelübde es sich handelte.“
Die alte Frau hat im Sprechen abgesetzt, geseufzt und schwer durchgeatmet. Alles schien sie sehr anzustrengen und im Innersten aufzuwühlen. Dann nahm sie den Faden ihrer Erzählung wieder auf.
„Mein Mann hatte sich, hinter meinem Rücken, ein beachtliches Vermögen angespart und für Notfälle zurückgelegt. In seinem Testament verfügte er nun kurzerhand, das ganze Geld – und es handelt sich um eine wirklich beträchtliche Summe –meiner Tochter zu vermachen, vorausgesetzt, Isabel, seine Enkelin, würde das Klavierspielen erlernen. Bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr müsse sie Beethovens „Für Elise“ fehlerfrei spielen können. Wenn sie das nicht schaffe, dann falle das ganze Geld an eine gemeinnützige Stiftung zur Unterstützung musikalisch hochbegabter Kinder aus bedürftigen Familien.“
Wieder unterbricht sich die alte Frau, hustet mehrmals und seufzt. Ich habe den Eindruck, dass sie gegen Tränen ankämpft.
„Jetzt können Sie sich denken, was das für meine Tochter bedeutet. Die jungen Leute haben Schulden, der Mann kann von einem Tag auf den andern entlassen werden, seine Arbeitsstelle ist alles andere als sicher. Und wie sollen sie das Haus abbezahlen? Und da haben sie ihre Isabel in den Klavierunterricht geschickt, obwohl sie absolut keine Neigung zum Musizieren hat. Unmusikalisch scheint sie indessen nicht zu sein. Aber sie will nicht etwas machen, wozu sie gezwungen wird.“
Ich drücke der alten Frau die Hand und kann meine Erschütterung nicht verbergen. Zusammen mit Isabel verlasse ich das Haus. Nachdem wir einige Schritte gegangen sind, sage ich zu ihr:
„Hör zu, das werden wir schaffen miteinander. Du hast eine leichte Auffassung und bist intelligent. Und die Musik ist etwas sehr Schönes, das die Menschen glücklich machen kann. Und vielen hat sie sogar das Leben gerettet.“
Isabel schaut mich verwundert von der Seite an.
„So etwas hat noch nie jemand zu mir gesagt. Alle haben nur mit mir geschimpft und mir gedroht.“
Ich greife meinen Faden wieder auf, nehme Isabel bei der Hand, schaue ihr direkt in die Augen.
„Die Musik ist der größte Schatz, den uns Gott gegeben hat. Sie ist mehr wert als Reichtum, Ehre und Ansehen. Sie kann dem Menschen in seinen schlimmsten Situationen beistehen und ihm sogar das Leben retten.“
Plötzlich wirft sich Isabel an meine Brust und schluchzt:
„Ich will, ich will, helfen Sie mir, dass ich wollen kann.“
Ich drücke Isabel behutsam an mich und streiche ihr über die blonden Locken. Dann gehen wir weiter und ich bringe das Mädchen heim. Die Mutter ist mittlerweile auch wieder ganz ruhig geworden und ich versichere ihr, dass ihre Tochter künftig fleißig üben werde.
Die Sonne strahlt abendlich über die sanften Berge des Schwarzwaldes.


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Beitrag #2 |

RE: Die Klavierstunde
Hallo Hans Werner, darf ich wieder meinen Senf dazu geben?
Mittlerweile ist das schon die zweite Geschichte, die ich von dir lese und auch sie gefällt mir.
Allerdings gibt es für meinen Geschmack zu viele "und" im Text-
"Sind Sie bei Sinnen. hier würde ich ein Fragezeichen setzen
eine Angst tritt in ihren Blick[i] gibt es zwei Ängste? also weg mit eine - Angst in ihrem Blick genügt
[i]das ganze Geld
auch hier gilt: es gibt kein halbes Geld so würde ich das viele Geld schreiben
Für´s erste genug gemeckert.
Gute Nacht Pendlbäuerin


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Beitrag #3 |

RE: Die Klavierstunde
Hallo,

ein sehr schöne Geschichte! Icon_smile Was Familien so für Weltkriegsleichen im Keller haben, tja, da gibt es bestimmt so einiges was eine Kurzgeschichte wert wäre.

Ein paar Stolpersteine sind mir aufgefallen:

Zitat:befinde ich mich in einem Zustand allgemeiner Fassungslosigkeit.

Das klingt irgendwie zu gestelzt, selbst für einen Klavierlehrer. Schöner fände ich etwas wie:
"bin ich völlig Fassungslos" oder "fehlen mir jegliche Worte"

Zitat:sage ich in eindringlichem Ton. .

Ein Pünktchen zu viel. Icon_wink

Zitat:Hast du noch eine Großmutter, frage ich.

Hat es einen bestimmten Grund, dass hier keine Anführungszeichen stehen?

Zitat:Die alte Frau hat im Sprechen abgesetzt, geseufzt und schwer durchgeatmet. Alles schien sie sehr anzustrengen und im Innersten aufzuwühlen. Dann nahm sie den Faden ihrer Erzählung wieder auf.

Hattest du nicht eben noch in Präsens erzählt? Die Sprünge in der Zeitform ergeben für mich keinen richtigen Sinn.


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