Es ist: 06-06-2020, 11:22
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Die echte Freude
Beitrag #1 |

Die echte Freude
Die echte Freude
Eine Ballade aus alter Zeit


Der König saß mit greisem Haupte
Auf seinem güld'nen Königsthron,
Und Schmerz und Gram die Ruh ihm raubte,
Die Haare waren farblos schon.

Er ließ die Weisen all versammeln.
Die stellten sich in Ehrfurcht ein.
Darauf ließ er das Tor verrammeln,
Kein Unbefugter dringe ein!

"Ich ließ euch alle zu mir kommen,
Zu sehn, wer von euch weise ist.
Denn wisst, mein Herz ist ganz beklommen,
Und Schwermut an der Seele frisst.

Ich will euch all nur eines fragen,
Und wer mir redlich Antwort steht,
Der soll sich wirklich nicht mehr plagen,
Da er vom König wird erhöht.

So sagt mir, wo die Freude wohnet,
Die das Gemüt so frei erhält,
Oh sagt mir, wo die Göttin thronet.
Wo hält sie Hof auf dieser Welt?"

Und ratlos alle Weisen blickten
Und schauten sich so fragend an.
Doch plötzlich drei entschlossen nickten.
Der erste sich nicht lang besann:

"0h König!" sprach er "Wollt ihr spüren
Die Freude selbst im Überfluss,
So lasst Euch zu dem Festmahl führen,
Ersäuft im Wein den Gram, Verdruss!"

Der König sprach in Samt und Seide:
"Du dummer Tor, dein Kinderschnack
Verkündet eine falsche Freude;
Und bitter ist ihr Nachgeschmack."

Der zweite sprach, die andern schwiegen;
Und dienstvoll naht‘ er sich dem Thron:
"An eines Weibes Brust zu liegen,
Das ist der Sorge schönster Lohn!"

Den König schon die Frage reute,
Und müde schüttelt er den Kopf:
"Mich ekelt deine Sinnesfreude.
Geh weg von mir, du armer Tropf!"

Und kläglich traten jene beiden
zurück mit tief gesenktem Haupt.
Der dritte ließ sich‘s nicht verleiden.
Er sprach:"Herr König! Oh erlaubt,

Dass ich auch meine Weisheit künde.
Die echte Freude darf doch nicht
Verbunden sein mit einer Sünde,
Da sie der Seele Ruhe bricht!

Wer meine Freude will genießen,
Der braucht ein mildes, gutes Herz,
In Liebe soll es ganz zerfließen
Und lindern jedes Nächsten Schmerz.

Zwar muss man hier gar oft verzichten
Auf manches, was der Ichsucht dient.
Doch schlecht nur kann ich Dir berichten,
Wie rein daraus die Freude rinnt!"

Der König wurde still, erbleichte.
Er reichte zitternd ihm die Hand
Und sprach als große Königsbeichte:
"Wie schlecht war ich zu meinem Land!"

Der König hat gleich freigelassen
Die Schuldner aus dem hohen Turm,
Und Freude war in seinen Straßen
Und alles nahm sie ein im Sturm.


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Beitrag #2 |

RE: Die echte Freude
Hallo, Hans Werner!

Eine Ballade aus alter Zeit
Dein Untertitel hat mich direkt neugierig gemacht. Und im Rückblick passt er gut zu Sprache und Inhalt deines Werkes Pro

Deine Ballade hat einen schönen Aufbau, zunächst die einleitenden Verse, die das Problem beschreiben, dann - die klassischen drei - Lösungsversuche und zum Schluss ein glückliches Ende. Die Reime sind meistens passend und gut gewählt, nur manchmal musstest du die Satzstruktur ändern oder ein Wort wählen, dass sich im Zusammenhang leicht seltsam anhört.
( beispielsweise Da er vom König wird erhöht. )

Jede einzelne Strophe lässt vor meinem inneren Auge ein Bild entstehen.
Zum Schluss lässt nur noch sagen, dass das Ende meiner Meinung nach etwas länger sein könnte. Die Ballade ist natürlich schon recht lang, aber eben dadurch wirkt das Ende etwas abrupt. Zwischen den letzten drei Strophen hätte ich noch eine eingefügt. Vielleicht darüber, wie der König den dritten entlohnt oder ihm dankt, oder ganz zum Schluss etwas wie, er herrschte glücklich bin an sein Lebensende..

Aber wie man erkennt gefällt mir das Gesamtwerk sehr gut Icon_smile
Grüße,
sady

Mit Worten kann man die Welt aus den Angeln hebeln

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Beitrag #3 |

RE: Die echte Freude
Hallo Sandy,

nun bin ich Dir aber wirklich sehr herzlich dankbar für Deinen positiven Kommentar zu meinem Gedicht. Ich habe mich am Anfang eigentlich gar nicht getraut, es hier reinzustellen. Denn es ist ein sehr altes Gedicht, das ich als Jüngling mit 17 Jahren etwa geschrieben habe. Wohl also vor 50 Jahren. Es ist mir wieder zufällig in die Hand gekommen und hat mich selbst irgendwie seltsam berührt.

Herzliche Grüße

Hans Werner


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