Es ist: 30-03-2020, 01:40
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Aktuell befinden wir uns im Umbau. Sollte also etwas seltsam aussehen, sind wir gerade bei der Arbeit und strukturieren die Foren neu :)

Frau aus dem Tal
Beitrag #1 |

Frau aus dem Tal
1

Dein Weinbergblick, die Jammernegierung,
die Jugend glänzt auf deinen Wangen,
hierarchielos die Engelstätowierung
und Finger, die sich windwärts falten –
meine Sucht nach Heilsgestalten
korrodiert meinen Augenstahl,
ich kann nichts verlangen,
wer wen sollt’ empfangen,
wer wen halten,
Frau aus dem Tal.


2

Mit deinem Taudiadem, den Regenhaaren,
dem Leib niederländischer Gipsskulptur,
der Stimme, in der sich Gezeiten paaren,
und dem Hauch der Kometenspur,
wer ist dreist genug,
dir zu imponieren? –
Meinem Zeitgefühl verlieren
Stunden sich in Jahren,
jedes Zwinkern wird Fanal,
was bleibt dem Brennen nur
als eine Aschnatur
und das Maskieren,
Frau aus dem Tal;

mit deinem Muttergefühl und Infantilitäten,
deinem minentiefen Herzensschlag,
dem Bewegungsmelder, durch den Elfen treten
und Nebel ziehen am Sommertag,
wer ist taub genug,
dich zu ignorieren? –
Meine Petrolaugen stieren
auf die Weltextremitäten
und des Glückes Schmiedes Qual,
„ich bin Einer“, ich sag’,
„und Niemand“, und klag’
über Manieren,
Frau aus dem Tal.


3

Die Palasthaft und das Suppengehabe
verzerren den Schwung deiner Hüften,
über dem Asbesthirn kreist ein Rabe
und Sonne kriecht durch hohle Spalten –
meine Sucht nach Heilsgestalten
bleibt letztendlich nur banal,
in vermauerten Grüften
ist nicht viel zu lüften,
nichts zu verwalten,
Frau aus dem Tal.


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Beitrag #2 |

RE: Frau aus dem Tal
Hallo polet,

hab dein Gedicht jetzt paar Mal gelesen und trotzdem das Gefühl, dass ich noch nicht alle Nuancen entdeckt hab. Mit jedem neuen Mal entdeckt man neue Bedeutungsebenen.

Für mich das Beschreiben eines/r idolisierten, überhöhten Anderen, die im Ich verschiedene Gefühle auslöst: Einerseits ist dem Ich klar, dass es die "Frau aus dem Tal" überhöht, andrerseits ist es völlig gefesselt von diesem märchenhaften, ungreifbaren und scheinbar nicht einzufangendem Wesen, dass sich evtl. auch gar nicht bewusst ist, was es dem Ich antut.
Für mich ist die erste Strophe das Beschreiben des Märchenhaften, Freien, der anfänglichen Faszination des Ichs. Im zweiten Teil evtl. der Versuch des Ichs, sich anzunähern, durch Verstellen aufzufallen, gleichzeitig das Einsehen, dass es ohne Chance ist. Über den dritten Teil bin ich mir nicht ganz einig, sozusagen. Dass das Ich aufgibt und einsieht, dass es nichts bringt und sich von dem überhöhten Anderen abwendet, ist bei beiden meiner Lesearten offensichtlich. Warum sich das Ich abwendet, ist für mich aber offen - beziehen sich die kranken, trockenen Bilder von Stillstand und Unfruchtbarkeit auf das Ich oder auf das neue, vllt. klarere Bild, dass das Ich plötzlich auf das überhöhte Wesen hat.

Wie auch immer die letzte Strophe zu lesen ist, für mich ein Handlungs- und Gefühlsbogen von anfänglicher Faszination, Werben um Aufmerksamkeit und Aufgabe.
Deine Bilder sind wunderschön; die Frau aus dem Tal wirkt fast übermenschlich, fabelhaft, feenartig -"Taudiadem", "Regenhaar", "hierarchielos die Engelstätowierung", "Finger, die sich windwärts falten", "der Stimme, in der sich Gezeiten paaren", "Hauch der Kometenspur", "Nebel ziehen am Sommertag", etc.
Den märchenhaften Naturbildern der Frau aus dem Tal (allein die Phrase "Frau aus dem Tal" lässt an Natur und versteckten Fabelort denken) stehen den "harten", entnatürlichten Bildern des Ichs gegenüber (korrodieren, Augenstahl, Aschnatur, Pertolaugen).

Ist eine Freude zu lesen. Icon_smile

glg
lu

Krawehl, Krawehl!
Taubtrüber Ginst am Musenhain!
trübtauber Hain am Musenginst!
Krawehl, Krawehl!


"Kunst ist nichts anderes als das Portrait einer Idee." Manfred Kröplein.

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Beitrag #3 |

RE: Frau aus dem Tal
Heja lu, freut mich Dich hierzuhaben!
Zitat:Für mich das Beschreiben eines® idolisierten, überhöhten Anderen, die im Ich verschiedene Gefühle auslöst: Einerseits ist dem Ich klar, dass es die "Frau aus dem Tal" überhöht, andrerseits ist es völlig gefesselt von diesem märchenhaften, ungreifbaren und scheinbar nicht einzufangendem Wesen, dass sich evtl. auch gar nicht bewusst ist, was es dem Ich antut.
-ja, sehr treffend! Vor allem die andeutung des unbewussten der "Frau".
Viele gedichte sind ja selbstgespräche, eine einkehr in sich selbst; dieses hier
tatsächlich eine schwärmerei -die hoffe ich, nicht zu pathetisch rüberkommt-, eine art 'unromantisches liebeslied'. Icon_smile
Zitat:Über den dritten Teil bin ich mir nicht ganz einig, sozusagen. Dass das Ich aufgibt und einsieht, dass es nichts bringt und sich von dem überhöhten Anderen abwendet, ist bei beiden meiner Lesearten offensichtlich. Warum sich das Ich abwendet, ist für mich aber offen - beziehen sich die kranken, trockenen Bilder von Stillstand und Unfruchtbarkeit auf das Ich oder auf das neue, vllt. klarere Bild, dass das Ich plötzlich auf das überhöhte Wesen hat.
- nun, da beides möglich ist, vertraue ich auf die lesart der lesenden! Icon_fies
Zitat:Wie auch immer die letzte Strophe zu lesen ist, für mich ein Handlungs- und Gefühlsbogen von anfänglicher Faszination, Werben um Aufmerksamkeit und Aufgabe.
-DAS kann ich als fazit genau so stehenlassen!

Vielen lieben dank für kommentar und aufmerksamkeit!
glgz
poLet


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