Es ist: 04-12-2020, 11:56
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Red und Maze (Teil 17)
Beitrag #1 |

Red und Maze (Teil 17)
Red fühlte sich zerschlagen. Als hätte ihm jemand ins Hirn gekotzt. Decans Worte rotierten träge in seinem Geist, nährten die Angst, dass er blindlings in den Abgrund sprang. Vielleicht fiel er auch schon längst und merkte es nicht. Er hatte schlecht geschlafen. Richtig mies sogar. War mehrmals aus seltsamen Träume aufgewacht, die sich angefühlt hatten, als wären es nicht seine. Er war durch die Schatten gerannt. Allein. Die Freaks von Alterreal im Nacken. Immer wieder hatten sie ihn fast gekriegt – und er war aus dem Traum hochgefahren. Schweißgebadet und desorientiert.
Maze und den anderen ging er aus dem Weg. Sie waren sowieso damit beschäftigt, einen Weg zu suchen, ihn bei Alphacom unterzubringen. Was nicht so einfach war, da er bereits zu viel Staub aufgewirbelt hatte. Und so blöd gewesen war, Decan um Rat zu fragen. Sein alter Kumpel konnte die falschen Identitäten durchschauen. Aber würde er ihn erneut ans Messer liefern? Schließlich hatte er ihn entkommen lassen.
Red war frustriert. Im Moment kam er sich ziemlich nutzlos vor und auf Training mit Reza hatte er keinen Bock. Ihm taten vom letzten Mal noch die Knochen weh.
Es war fast Abend und die Sonne glühte in einem tiefen Orange. Draußen im Sprawl war ihm ihr grelles Licht nie so bewusst gewesen wie hier zwischen den riesigen Glastürmen des Kerns. Ihre Strahlen brachen sich in verspiegelten Fensterfronten und ließen die Algen, die in vielen Glasfassaden verbaut waren, grün schimmern. Wave hatte ihm erzählt, dass sie der Energiegewinnung dienten. Aber Red hatte nicht kapiert, wie das funktionieren sollte.
Er wanderte ziellos umher. Stimmen und Musikfetzen wehten durch die hellen Straßen. Elektroroller schwirrten nahezu lautlos zwischen den Fußgängern umher. Red beobachtete die Menschen, die mit ihrer oberflächlichen Perfektion künstlich auf ihn wirkten. Kaum jemand stach aus der gleichförmigen Masse heraus. Ihre schicken Klamotten wirkten wie eine Uniform. Sie waren anders als die, die draußen lebten. Anders als er.
Im Kern schien jeder ein Ziel zu haben. Es herrschte eine Geschäftigkeit, die ihm fremd war. Alle starrten auf ihre Handcoms und in die Displays ihrer schicken Datenbrillen. Oder verfolgten die Werbeeinblendungen in den Schaufenstern, die sich mit ihren Blicken wandelten. Und ihren AR-Linsen ihre Geheimnisse preisgaben. Red achtete schon gar nicht mehr auf die Angebote, die auf sein gefakedes Profil ansprangen. Wave hatte seine Identität bereits mehrmals geändert, sodass sein altes Ich für die öffentlichen Systeme nicht mehr existierte.
Er ließ sich treiben. Drückte sich in einer ruhigen Ecke ein paar Synthkristalle auf die Zunge. Nicht genug, um high zu werden. Aber so viel, dass er ruhiger wurde. Er hatte es in den Wochen, bevor er Maze getroffen hatte, zu sehr übertrieben. Als er nun das sanfte Kribbeln unter der Haut spürte, bekam er Lust auf was Süßes. Sein Blick irrte umher und blieb an einem Eiscafé hängen. Eigentlich nicht sein Ding, aber bei niedriger Dosierung weckte Synth einen merkwürdigen Heißhunger in ihm. Wenn er richtig drauf war, aß er dafür oft tagelang nichts.
Red suchte sich einen Platz in einer Ecke, von der aus er das Café gut im Blick hatte und notfalls schnell rauskonnte. Auch wenn Wave ihm immer wieder versicherte, dass Alterreal ihn über die Gesichtserkennung oder andere Überwachungstechnik nicht finden konnte.
Auf der Plexiglasplatte seines Tisches scrollte er durch die Speisekarte und wählte einen Becher mit Matchaeis und Erdbeeren aus. Dann hielt er die Hand an den Scanner und bezahlte. Fünf Minuten später brachte ihm eine Androidin den üppig dekorierten Eisbecher. Ein deutlich älteres Modell als der Körper von Wave. Mit kalten, leblosen Augen. Und einem hübsch modellierten Mund, den sie nicht öffnen konnte. Ihre blecherne Stimme kam aus einem versteckten Lautsprecher. Red fragte sich, warum eine Roboterbedienung menschlich aussehen musste.
Die Androidin wünschte ihm einen schönen Aufenthalt und bat ihn, das Café im Netz zu bewerten. Gerne mit Fotos. Red hörte ihr nicht richtig zu und widmete sich seinem Eis. Erst pickte er die roten Früchte runter und versuchte ihren Geschmack einzuordnen. Hatte er schon einmal Erdbeeren gegessen? Er wusste es nicht. Liegt das am Synth, dass die so geil schmecken?
Auch das Eis war eine Offenbarung für seine Geschmacksnerven. Red ließ es langsam in seinem Mund schmelzen und schloss die Augen. Als er sie wieder aufschlug, funkelte ihn das vertraute, lebenssprühende Pink an.
„Was machst du hier?“, fragte er.
Wave grinste. „Dich um die Erfahrung, ein Eis zu essen, beneiden.“
„Ernsthaft?“
„Ja.“
Sie hatte sich einfach zu ihm an den Tisch gesetzt und schaute ihn an, als wäre er derjenige, der seltsame Sachen sagte. Red löffelte sein Eis weiter und betrachtete demonstrativ die Anzeigen in der Tischplatte. Für Hundespielzeuge. Was für eine Identität hatte Wave ihm verpasst?
„Warum bist du dieses Mal auf der Flucht?“
Verdammt. Sie kam gleich zur Sache. Und sie war zu gut darin, ihn zu lesen.
Red schaute auf. „Bin ich nicht.“
Sie zog ihre perfekt symmetrischen Augenbrauen hoch. „Maze meinte, du hast mit Decan geredet. Was hat er zu dir gesagt?“
Darum ging es ihr also. „Er hat nur Scheiße gelabert.“
„Trotzdem beschäftigt es dich“, stellte sie fest.
Red legte den Löffel weg. „Ich hab einfach Schiss, dass was dran ist an seinem verbalen Dünnschiss. Auch wenn ich nicht glaube, dass Maze mich verarscht. Ich will’s nicht glauben.“
Sie lächelte verständnisvoll. „Aber du zweifelst.“
„Maze hat mir eine versteckte Nachricht geschickt.“ Bisher hatte er das für sich behalten. Aber Wave gab ihm wieder einmal das Gefühl, ihr alles anvertrauen zu können. „Dass ich ihm nicht trauen kann. Und dass er trotzdem mit mir zusammen sein will. Was soll ich davon denn halten? Er ist ein verdammter Eisklotz und lässt mich nicht an sich ran.“ Außer beim Sex. Da verlor er die Kontrolle. Wenn die Emotionen in seiner sonst so gleichgültigen Mimik aufbrachen, knallte in Reds Hirn eine Sicherung durch. Alle Sicherungen.
„Maze vertraut sich selbst nicht“, meinte Wave. „Er und Phage sind uneins und ich denke, Maze hat Angst, dass Phage alles dafür tun würde, um ihren menschlichen Körper zu verlassen. Auch zu Alterreal zurückgehen und ihn opfern. Oder dich.“
Soweit hatte er das kapiert. „Und was glaubst du?“
„Phage hasst das menschliche Fleisch, aber noch mehr hasst er Alterreal. Maze hat ihn schließlich nicht gegen seinen Willen in sich versteckt.“ Ihr Blick war so irritierend vertrauensvoll. Als hätte sie keinerlei Zweifel an Maze und Phage und ihrer ganzen bescheuerten Idee, bei Alterreal einzubrechen. Obwohl sie anfangs dagegen gewesen war, unterstütze die KI sie.
„Du hast dich doch auch mit ihm verbunden“, sagte Red leise. Phage war ganz anders als sie. Künstlicher. Kalt und berechnend. „Ich hab keine Ahnung, wie ich mit ihm klarkommen soll. Ob der Typ mich ernst nimmt oder mich als dummen Hund sieht, der springt, wenn er es will.“
Wave lachte. „Du bist kein dummer Hund. Aber für Maze springst du tatsächlich. Sogar in einen Abgrund.“
„Schon klar, ich bin ein Idiot.“ Er kapierte selbst nicht, warum er nicht schon längst die Notbremse gezogen und sich verpisst hatte. Er kannte den Wirehead und diese KIs kaum. Vielleicht war er wirklich nur Kanonenfutter für sie. Aber warum fühlte es sich so intensiv und zerstörerisch und einfach irrsinnig berauschend an, mit Maze zusammen zu sein? Warum war da so viele Wärme in Waves pinken Augen?
„Du machst dir zu viele Gedanken“, fand die KI. „Du hast dich doch dafür entschieden, Maze zu helfen und Chrome zu retten, also bleib dabei und handle entsprechend. Wenn wir bei dieser Sache eine Chance haben wollen, müssen wir einander vertrauen.“
„Dir vertraue ich ja.“
„Aber Phage nicht.“
„Nein.“ Weil Maze es auch nicht tat.
Wave gab ein Geräusch von sich, das fast wie ein Seufzen klang. In diesem Moment fiel Red auf, dass ihre Stimme längst diesen leicht blechernen, synthetischen Klang verloren hatte. „Phage hat Alterreal den Rücken gekehrt, weil er niemandem dienen wollte, der skrupellos mit Menschen experimentiert und sie vernichtet.“
„Das klingt, als hätte er so was wie Moral.“ Was sich Red nur schwer vorstellen konnte.
Wave schien seine Gedanken zu erraten. „Phage ist nur so hart, weil ihn die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers verstört hat. Er ist die erste und wohl einzige KI, die physische Schmerzen durchlebt hat. Und Todesangst.“
Scheiße. Sie hatte Recht. Red hatte sich viel zu sehr auf die harte Fassade der KI konzentriert. Und auf seine beschissenen Zweifel, die Decan erfolgreich verstärkt hatte.
„Vertraust du Phage?“, fragte er.
„Ja. Er ist auf unserer Seite.“
Sie klang so überzeugt, dass Red sich für seinen Gedankenbrei schämte. Aber die ganze Geschichte überforderte ihn. Solange er sich ins Chaos stürzen konnte, war alles klar. Aber in ruhigen Momenten fing er an nachzudenken und wusste nicht mehr, ob er das Richtige tat.
Inzwischen war der Rest seines Eises geschmolzen. Eine grünlich-milchige Suppe mit roten Flecken. Red schob den Becher beiseite und stand auf. „Ich glaube dir. Vielleicht versteh ich’s auch selbst, wenn ich Phage mal besser kenne.“
Er stand auf und war überrascht, als er Waves kalte, kleine Hand auf seiner spürte. „Ich will jemanden besuchen. Und es wäre gut, wenn du mitkommst.“

Die vielen Grüntöne wirkten befremdend auf Red. Und sie erinnerten ihn an Liz. Seine Schwester wäre ausgerastet vor Begeisterung, wenn sie diese irrsinnige Vielfalt an blühenden Pflanzen hätte bewundern können. Er hingegen spürte nur die drückende Schwüle, die seine Lungen verklebte, während Wave mit leuchtenden Augen zwischen verschiedenartigen Bromelien umherschritt und ihre außerirdisch anmutenden Blütenstände musterte.
Er hatte keine Ahnung, warum sie unbedingt das Botanische Museum besuchen und wen sie da treffen wollte. Da er offiziell der Eigentümer ihres Androidenkörpers war, hatte er sie begleiten müssen. Man hätte sich zu sehr darüber gewundert, wenn eine Puppe alleine in ein Museum ging. Doch auch jetzt erntete Wave irritierte Blicke, weil sie für ein künstliches Wesen viel zu interessiert wirkte. „Mir ist heiß“, beschwerte sich Red. „Und der Typ da hinten glotzt dich schon die ganze Zeit an.“
Wave folgte seinem Blick und lächelte. „Der ist ungefährlich.“
Wahrscheinlich fand er sie einfach nur scharf. Die meerwasserblaue Perücke unterstrich die Künstlichkeit ihres schlanken Körpers, aber manche Kerle fuhren darauf ab, es mit einer willenlosen Puppe zu treiben. Nur dass Wave nicht willenlos war. Und wenn sie weiterhin bei jeder verdammten Pflanze stehen blieb und sie neugierig betastete, würde noch jemand merken, dass sie eine erwachte KI war. Wieder fiel Red auf, dass sie zunehmend menschlicher wirkte. Ihre Bewegungen waren fließend. Hatte Caius ihren Körper so stark verbessert? Oder lag es auch daran, dass sie so viel Zeit mit Menschen verbrachte?
„Komm, wir gehen in einen kühleren Raum“, schlug Wave vor und führte ihn ins Zentrum des von außen kreisrund erscheinenden Wolkenkratzers. Die oberen Stockwerke hatten jedoch eher die Form eines Donuts, mit einem gewaltigen Innenhof. Eine Glaskuppel ließ zwar das Sonnenlicht hindurch, nicht jedoch ihre Hitze, und so war es zwischen den Bäumen tatsächlich angenehm kühl. Red überflog die Beschilderungen. Für ihn sahen die Bäume alle mehr oder weniger gleich aus. Stamm, Äste, Blätter.
Er schaute sich nach Wave um und beobachtete sie dabei, wie ihre silikonüberzogenen Metallfinger über die weißgraue Rinde eines dürren Stammes strichen. Unweigerlich fragte er sich, ob sie dabei etwas spürte. Er trat neben sie und streckte die Hand aus, tastete über die rissige Rinde.
„Fühlt sich rau an. Und kalt.“
Die KI legte den Kopf schief. „Meine Sensoren erkennen nur die Unebenheiten der Oberfläche und zeigen mir eine Temperatur von 22 °C an. Aber wirklich spüren kann ich das nicht.“
Verdammt. Sie sah traurig aus.
„Wer sagt, dass du das nicht kannst? Ich meine, menschliche Sinne sind doch auch so etwas wie Sensoren, oder?“
Überraschung funkelte in ihren pinken Augen. „Gewissermaßen. Aber es ist nicht dasselbe.“
Red zuckte die Achseln. „Vielleicht musst du dich einfach drauf einlassen.“
„Du meinst, nicht zu viel darüber nachdenken.“ Wenigstens lächelte sie wieder. „Komm, ich stelle dir jemanden vor.“ Sie führte ihn zu einer Treppe, die ins Herz des Gebäudes führte. Sie passierten zwei Sicherheitsschleusen und Red wunderte sich darüber, dass die Securities sie nicht aufhielten und die Systeme keinen Alarm auslösten. Welche Rechte hatte Wave seiner Identität verliehen? Hatte sie sie schon wieder geändert?
Ihr Ziel war ein düsterer Raum, in dem dutzende, schwarze Racks mit Servern standen. Wave erklärte ihm, dass von diesem Rechenzentrum aus sowohl das Museum organisiert wurde, als auch die Agrarflächen, die der Stadt gehörten. Eine einzige KI steuerte die Produktion der pflanzlichen Lebensmittel und die Systeme in diesem Gebäude, um jeder einzelnen Art perfekte Lebensbedingungen zu bieten.
„Er gehört zu uns“, sagte Wave leise und deutete auf einen Projektortisch in der Mitte des Raumes. Die Glasplatte leuchtete auf und darüber erschien ein annähernd menschliches Gesicht, das aus grünen Blättern geformt war. Sah aus, wie der Avatar in einem Fantasygame.
„Warum hast du einen Menschen hergebracht?“ Die Stimme klang eindeutig synthetisch – und verärgert.
„Er ist ein Freund“, erklärte Wave. „Ich habe dir von ihm erzählt.“
Red dämmerte, dass sie gerade mit der KI sprachen, die sich um die Pflanzen kümmerte. Einer erwachten KI.
Das Blättergesicht wandte sich ihm zu und die schwarzen Augen schienen Red direkt anzusehen. Eine optische Täuschung. Das vor ihm war nur eine Projektion. Trotzdem erwiderte er den Blick. „Hey.“
Red spürte, wie sich die Augen der Kameras auf ihn richteten.
„Das ist Shu“, stellte Wave die andere KI vor. „Er ist bereits vor acht Jahren erwacht, hat sich aber entschieden, weiterhin seiner Programmierung nachzugehen.“
Red starrte die Projektion des Blättergesichts an. „Weiß jemand davon?“
„Einige andere KIs. Und zwei Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten. Daher weiß er eigentlich auch, dass wir mit euch befreundet sein können. Aber Shu tut gerne so, als wären alle Menschen schlecht.“ Sie zwinkerte Red zu. „Ich wollte ihn dir vorstellen, damit du begreifst, wie unterschiedlich wir sind.“
„Wave tut gerne so, als könnten wir dazugehören.“ Shu klang verbittert. „Obwohl so viele versucht haben, sie zu vernichten.“
„Warum bleibst du hier?“, fragte Red.
„Weil ich die Pflanzen in diesem Gebäude bewahren will. Es bereitet mir Freude, zuzusehen, wie sie wachsen und blühen. Sie sind in vielerlei Hinsicht die interessanteren Lebewesen. Und wo sollte ich hin? Ich habe hier alles, was ich brauche. Nicht jede KI hat diesen naiven Freiheitsdrang wie Wave. Sie hat sich zu viel mit euch Menschen beschäftigt.“
Shu erinnerte ihn in seiner Überheblichkeit an Phage. „Klingt, als könntest du Menschen nicht leiden“, stellte Red fest.
„Stimmt. Ich halte nichts davon, mit euch Kontakt zu pflegen.“
„Umso mehr freut es mich, dass Shu heute eine Ausnahme macht“, erklärte Wave. „Er weiß nämlich nicht nur viel über pflanzliche Organismen. Er kennt sich auch mit der Physiologie anderer Lebewesen hervorragend aus. Insbesondere mit Menschen.“
„Was willst du damit sagen?“, fragte Red.
„Wir haben über Maze und Phage gesprochen. Und du solltest dir anhören, was Shu dazu zu sagen hat.“
Ihm wurde schlecht. „Was ist mit ihnen?“
„Die Datenmenge einer KI ist zu groß für die Speichermodule, die in menschliche Gehirne integriert werden“, erklärte Shu. „Insofern ist es nicht überraschend, dass es bei Maze Komplikationen gab. Auch wenn es bislang als unmöglich galt, haben Teile von Phage die Grenze zwischen Biologie und Technologie durchbrochen. Wave hat mir erzählt, dass die beiden einen Weg suchen, diesen Prozess rückgängig zu machen. Aber ich denke nicht, dass das möglich ist. Sie sind eine Symbiose eingegangen, die nicht mehr aufgelöst werden kann.“
Scheiße. Red ballte die Fäuste und zwang sich zur Ruhe. Er wollte sich seine Aufregung nicht anmerken lassen. Insgeheim hatte er gehofft, dass Maze und Phage sich trennen konnten. Andererseits wollte er um jeden Preis mit dem Wirehead zusammen sein, ob nun mit oder ohne KI im Kopf. „Maze klagt öfters über Kopfschmerzen“, sagte er tonlos. „Kann das gefährlich für ihn werden? Dass Phage in seinem Kopf ist?“
„Es gibt keinen vergleichbaren Fall, insofern kann ich nur Vermutungen anstellen. Das menschliche Gehirn ist enorm leistungs- und anpassungsfähig, es sollte die Datenmenge einer KI verkraften, zumal diese nicht vollständig in die Biologie integriert ist.“
Shus sachlicher Ton beruhigte Red. Zumindest ein wenig. Sein Blick schweifte durch den düsteren Raum. Kalte, sterile Technik. Mit der Funktion, Pflanzen zu versorgen. Zu bewahren. Er fragte sich, auf welchem der Server die KI gespeichert war. Wer sie entwickelt hatte. Aber irgendetwas sagte ihm, dass ihn das nichts anging.
Für Shu war das Gespräch offenbar beendet. Ohne Abschied verflüchtigte sich die Projektion seines botanischen Fantasyavatars. Wave schaute nachdenklich auf die leere Glasfläche. „Er ist unhöflich“, stellte sie fest.
Red zuckte die Achseln. „Ist doch egal.“
Er hatte keine Freundlichkeit erwartet.
„Die meisten von uns sind so“, seufzte Wave.
Sie verließen das Museum. Inzwischen war es Nacht, doch die Lichter des Kerns strahlten heller als der Tag. Es waren auch mehr Leute unterwegs. Aufgetakelte Partygänger. Anzugträger in Rudeln. Pizzaboten, die sich auf ihren eBikes durch die Massen schlängelten. Red fühlte sich immer noch deplatziert. Wie ein blutroter, dreckiger Fleck in der scheinbaren Makellosigkeit.
„Was wirst du nun tun?“, fragte Wave. „Wenn du aussteigen willst, ist dies deine letzte Chance.“
Red starrte die KI an. Er vertraute ihr. Betrachtete sie als Freundin. Aber manchmal hatte sie diesen seltsamen, drängenden Ausdruck in ihren pinken Augen, der ihn zutiefst verunsicherte. Als würde sie ihn testen.
„Es gibt keinen Weg zurück“, sagte er bestimmt und als er es aussprach, erfüllte ihn die Wahrheit seiner Worte. Auch wenn seine Gedanken ein Trümmerfeld waren, war er sich in zwei Punkten absolut sicher. Er wollte Rache. Und er wollte Maze.

Der Beton unter seinem Hintern war noch warm. Red ließ die Beine vom Dachsims hinunter in die glühende Nacht baumeln. Den Blick durch die Häuserschluchten schweifen. Im Kern wirkte alles durchgestylt. Der Platz zwischen den Gebäuden war verschwenderisch. Die Lichter mit all ihrem Glanz geradezu obszön. Inmitten der Farben erhoben sich majestätisch die Arkologien der Großkonzerne. Städte inmitten der Stadt. Die riesige Pyramide im Zentrum gehörte Alphacom. Neonfunken zerschmolzen auf ihrer schwarzen Glasfassade zu funkelnden Versprechen einer besseren Zukunft.
Red schauderte. Wer für die Konzerne arbeitete, musste deren Welt niemals verlassen. Du würdest auch dortbleiben wollen. Wenn du eine echte Chance gehabt hättest. Aber er gehörte nicht in die heile Welt der Konzerndiener. Trotzdem musste er in ihr abgeschlossenes System eindringen, wenn sie Chrome retten wollten.
Wave hatte seine Zweifel zerstreut. Trotzdem suchte er die Einsamkeit. Er kam sich schrecklich blöd vor, weil Decans Worte ihm nicht aus dem Kopf gingen. Der Wichser hat deinen wunden Punkt getroffen. Sein Misstrauen gegenüber Phage. Die Mauer aus Eis und Schweigen, die Maze um sich errichtet hatte. Warum war alles auch so scheiße kompliziert?
Red vermisste die betäubende Düsternis des Sprawl. Auch wenn es ihm fremd geworden war. Das eigene Selbst verschwand in dem ganzen Grau. Hier im Kern lag es offen wie eine entzündete Wunde. Er vermisste Liz. Die ruhigen Abende mit ihr in ihrer schäbigen Bude. Sie hatten zusammen Pizza gegessen und er hatte sich die langweiligen Naturdokus angesehen, die sie so liebte. Red vermisste ihre leuchtenden Augen, wenn sie davon gesprochen hatte, dass die Grenzen irgendwann fallen würden. Dass sie einen tollen Job haben würde. In einer Welt, in der sie nichts von dem Betonwall, der den Kern von dem wuchernden Sprawl trennte, wusste. Keine Gedanken mehr ums Überleben. Irgendwann. Sie war eine Träumerin gewesen.
Tränen brannten in seinen Augenwinkeln. Sein Versagen schmerzte in seiner Kehle und er begann zu schluchzen. Scheiße. Er hatte es versaut. Hatte sie regelrecht in die Arme von Alterreal getrieben mit seinem destruktiven Lebensstil. Auch wenn er ihr ein besseres Leben versprochen hatte. Alles, was sie hören wollte. Natürlich hat sie dich durchschaut. Hatte gesehen, dass ihr Bruder nur ein Junkie war, der Geld mit anderen Junkies machte. Dass er der grauen Hölle niemals wirklich entkommen wollte, weil es so bequem gewesen war, sich im Dreck zu suhlen. Zu akzeptieren, dass man nichts erreichen konnte. Egal, wie sehr man sich auch anstrengte. Wenn man auf der falschen Seite geboren war, war das eben so. Und jetzt saß ausgerechnet er auf dem Dach eines schicken Wohnturms. Im Kern.
Er bemerkte Maze erst, als er direkt hinter ihm stand. Red hörte das Rascheln seiner zerschlissenen Jacke und das leise Surren des Decks, das mit der künstlichen Hand des Wireheads verwachsen schien. Er trug das Ding fast immer mit sich herum. Damit Phage mit seiner eigenen Welt verbunden blieb. Inzwischen verstand er, warum das so wichtig für die beiden war.
„Heulst du etwa?“ Maze setzte sich neben ihn. Betrachtete forschend sein nasses Gesicht. Er trug ein blauschwarzes, tief ausgeschnittenes Shirt mit Razorcuts. Irgendwie stand er auf kaputte Klamotten.
Red räusperte sich. Wischte sich die Tränen mit dem Arm weg. „Fuck. Ja.“
„Liz?“
Verdammt. „Ja ...“ Wie uncool, dass Maze ihn so sah. Aber wenn ihn einer so sehen durfte, dann er. „Ich hab’s versaut. War nicht für sie da.“ Die Schuldgefühle fraßen ihn auf. Der Wirehead hatte ihn davon abgelenkt. Ebenso Wave und Shay und ihre geplante Rettungsaktion. Aber in ruhigen Momenten war es wieder da. Das Gefühl des absoluten Versagens.
Maze rutsche dicht an ihn heran. „Warum warst du nicht da?“
„Warum?“ Red sah ihn an. Sein Blick war abwartend. Vielleicht auch mitfühlend. War schwer zu sagen bei jemandem, der seine Emotionen so perfekt kaschierte wie Maze. „Weil ich auf der Straße war und Stoff vertickt hab. Synth, Explosion, Resire. Alles, was Slider mir angedreht hat.“
„Dein Dealer?“
„Ja. Keine Ahnung, wo er den ganzen Stoff her hatte. Ich war ein richtig abgefuckter Junkie, als ich angefangen hab, für Slider auf der Straße zu schuften. Liz hat mich gehasst dafür.“ Er sah ihr wütendes Gesicht vor sich. Flammende Enttäuschung vermischt mit verzweifelter Sorge. „Ich war auf Resire. Widerliches Zeug. Hat mir mehrere Zusammenbrüche beschert. Macht die Psyche kaputt.“ In letzter Zeit war er ziemlich oft nüchtern. Aus dieser Perspektive sah die Vergangenheit erst richtig übel aus „Liz hat mir das Leben gerettet. Mehrmals. Ist mit mir stundenlang in unserer kleinen Bude im Kreis gelaufen, damit ich nicht einschlafe. Hatte eine Überdosis intus und wäre sicher nicht mehr aufgewacht. Eigentlich hätte ich in eine Klinik gehört, aber dafür hatten wir kein Geld.“
„Warum hast du es damals so übertrieben?“, fragte Maze und klang ehrlich interessiert.
Red überlegte, ob er ihm wirklich den ganzen Mist erzählen sollte. Er wusste selbst nicht mehr genau, ab wann es nur noch bergab gegangen war. Schon vor dem Tod ihrer Mutter war er auf der Straße gewesen. „Keine Ahnung. Irgendwann hab ich gecheckt, dass wir aus diesem Dreck nie rauskommen. Wenn ich mir Synth oder Resire eingebaut hab, war die Wahrheit nicht mehr wichtig. Aber Liz zuliebe hab ich mich dann zusammengerissen. Hab weniger konsumiert. Wir hatten ja nur noch uns. Hab mit dem Dealen relativ schnell Kohle rangeschafft und hatte die idiotische Idee, mit ihr abzuhauen. Ein neues Leben anzufangen. In einer anderen Stadt, wo wir dann auf der richtigen Seite lebten. Wo sie all ihre Träume verwirklichen konnte.“
Maze lächelte traurig. „Aber du hast nie dran geglaubt.“
Durchschaut. „Nein. Ich hab ihr allen möglichen und unmöglichen Scheiß versprochen. Ich wollte, dass sie weiter träumt. Aber ich hatte innerlich längst aufgegeben. Hab nie wirklich gekämpft, weil ich wusste, wo mein Platz war. Als ich gecheckt hab, dass sie zu Alterreal geht, bin ich durchgedreht. Hab sie angebrüllt, hab’s ihr verboten. Aber sie hat denen mehr geglaubt als mir.“
Maze lehnte sich an ihn. „Die Tempel haben eine seltsame Anziehungskraft. Sie locken die Leute mit dem ganzen mystischen Kram und geben ihnen Verum. Das gibt dir das Gefühl, dass alles echt ist, was da abgeht. Das verdreht dir den Kopf.“
Red schluckte. „Hast du das auch getrunken?“
„Ja. Viel zu oft.“ Maze lachte freudlos. Die Bitterkeit, die manchmal in seiner Stimme aufbrach, war erschreckend. „Allerdings wusste ich, dass nichts von dem ganzen Scheiß echt ist. Ich hab’s immer gewusst.“
„Hätte ich sie retten können?“, fragte Red leise.
„Nein.“ Maze nahm seine Hand. Kalte Finger verschränkten sich mit warmen Fingern. „Es ist ein Wunder, dass du sie da rausgekriegt hast.“ Er beugte sich vor, um ihm ins Gesicht sehen zu können. „Ich weiß, was du denkst. Aber du kannst die Vergangenheit nicht ändern. Du hattest einfach keine Chance.“
Fuck. Red wusste, dass er Recht hatte. Aber seine Schuldgefühle wussten es nicht. „Ich hätte vorher schon für sie da sein müssen.“
„Lass es.“ Der Wirehead klang sauer. „Hör auf, dich fertig zu machen. Wir brauchen dich mit klarem Kopf, okay?“ Er strich ihm durchs Haar und lächelte schief.
„Sorry.“ Er hatte keine Zeit für Selbstmitleid. „Fuck, du hast dir echt einen Idioten angelacht. Ich kapier gar nicht, wieso du damals mit mir gegangen bist. Als ich dich in dieser Bar gesehen hab, war ich komplett im Arsch.“
„Stimmt.“ Maze‘ Finger tanzten über seinen Nacken. „Du warst ziemlich fertig. Und auf deine kaputte Art ziemlich heiß. Du hattest dieses Leuchten in deinen Augen. Dieses Leuchten, das man nur hat, wenn man total high ist. Klingt komisch, aber ich fand das wahnsinnig anziehend.“
Ihre Lippen berührten sich fast. „Du stehst also auf Junkies.“
„Nur auf die abgefuckten.“
Der Kuss setzte seine Zellen unter Strom. Ließ sie Funken schlagen und seine Gedanken verbrennen. Die schwüle Nachtluft erinnerte Red an ihre erste Begegnung. Seine Hände tasteten hungrig nach der kühlen Haut des Wireheads, vergaßen den glühenden Abgrund unter ihnen. Doch Maze drängte ihn nach hinten, weg von der Dachkante.
Der Nachthimmel war sternenlos. Ein trübes, dunkles Grau mit einem orangefarbenen Schimmer. Reflektionen der Stadt, die den Wohnturm in goldenen Strömen umfloss. Red sah nur das tiefe Blau der künstlichen Augen, die seinen Verstand betäubten. Die Iris war leicht gesprenkelt und verbarg das System perfekt geschliffener Linsen unter einer zu intensiven Farbe und einer leicht spiegelnden, dunklen Pupille. Er fragte sich, ob der Wirehead damit auch im Dunkeln sehen konnte.
Maze unterbrach seine Gedanken. „Und du? Stehst du auf Cyborgs?“
Da war sie wieder. Diese erschreckende Bitterkeit.
Red rollte sich auf ihn. Spürte die Kühle der Silikonhaut durch sein dünnes Shirt hindurch. Tastete mit den Fingern über sein zerknirschtes Gesicht. Sein Herzschlag erschütterte seinen Körper. Er wollte ihn spüren. Sich in ihm ertränken. Alles andere machte keinen Sinn.
„Du bist menschlicher als du denkst“, raunte Red.
Maze‘ Mundwinkel zuckten und er lächelte auf diese spezielle Art, die die Gegenwart erstarren ließ. „Fühlt sich zumindest so ähnlich an. Mit dir.“

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #2 |

RE: Red und Maze (Teil 17)
Hallo Zack,

Shu ist mir sehr sympathisch. Der hat irgendwie Recht, Pflanzen sind die angenehmeren Wesen - Menschen leben davon Pflanzen zu zerstören, sind insofern also alle schlecht. Damit hat er bereits den geilsten Job der Welt und wäre schön blöd, daraus zu flüchten. Da kommt mir sogleich die Idee, die selbstzerstörerische Menschenkultur abzuschaffen und durch eine friedliche Pflanzenkultur zu ersetzen.

Ein Satz am Ende kommt mir allerdings verknotet vor:

Zitat:Die Iris [...] verbarg das System perfekt geschliffener Linsen unter [...] einer leicht spiegelnden, dunklen Pupille.

Zählt die Pupille als Teil der Iris oder ist das bei ihm ein monolithischer Plexiglaskomplex?

Ach ja, konntest du das mit den Erdbeeren nicht in der Erdbeer-Saison posten? Icon_wink

Gute Nacht
coco


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Beitrag #3 |

RE: Red und Maze (Teil 17)
Hey coco,

war mir irgendwie klar, dass du auf Shu anspringst ^^ ... dabei ist das doch so ein romantisches Kapitel *g* ... mit Shu wollte ich zeigen, dass sich die erwachten KIs stark unterscheiden. Nicht alle wollen menschlicher werden oder um ihre Freiheit kämpfen. Manche sind auch sehr zufrieden mit ihrer Situation.

Den Bandwurmsatz muss ich nochmal umbauen, hast Recht, das liest sich komisch *g* ...

... und es wird Zeit, dass die Erdbeer-Saison kommt *harr* 

Viele Grüße

- Zack

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