Es ist: 11-04-2021, 07:32
Es ist: 11-04-2021, 07:32 Hallo, Gast! (Registrieren)


TIKA (TEIL I)
Beitrag #2 |

RE: TIKA
VI

Gemächlich schob sich Tikas Wagen durch den zähen Morgenverkehr, der nach Pusat, dem zentralen Distrikt des Sprawl, floss. Ein Meer aus Rollern umschwirrte ihren Wagen wie eine Meute auf der Flucht befindlicher Cicak*, zwängte sich zwischen die nur langsam vorankommenden größeren Fahrzeuge hindurch, jede Lücke ausnutzend, um schneller vorwärtszukommen. Das zentrale Verkehrskontrollsystem leitete die Verkehrsströme so gut es ging, aber noch war kein Expertensystem entwickelt worden, das es mit dem Chaos des Verkehrs in Jabo hätte aufnehmen können. Das Straßennetz war einfach völlig unzureichend. Bereits vor einigen Jahrzehnten hatten man mit dem massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs begonnen – viel zu spät allerdings. Schon damals hatte die Infrastruktur der Stadt kurz vor ihrem Zusammenbruch gestanden. Eine radikale Beschränkung der Neuzulassungen durch entsprechende gesetzliche Hürden, so wie sie es im gänzlich von den Konzernen beherrschten Singapur schon seit langem durchgezogen hatten, hätte vielleicht den Verkehrsinfarkt noch stoppen können. Doch solche Maßnahmen waren politisch unbeliebt. Der Sprawl-Bewohner war mobil, und das war er schon immer gewesen. Man fürchtete um Wählerstimmen.
Selbst Kinder fuhren in den Gassen ihrer kampung, den dorfähnlichen Siedlungen, die sich noch immer in weiten Teilen Jabos wie die Kerne im Fleisch der Frucht verteilten, mit Rollern durch die Gegend. Selbst modernste Sicherheitstechnologie und eine damit einhergehende Gesetzgebung konnten das nicht verhindern. Eine lückenlose Kontrolle war einfach nicht möglich. Indonesier waren sehr einfallsreich, wenn es um das Finden von Lücken ging. Und auch das war schon immer so gewesen.
Tika gähnte. Vor ihr war der Verkehr vollends zum Erliegen gekommen. An der Seite der Straße, mit ihren schwarz und gelb gestrichenen, massiven Bordsteinen, die selbst die wagemutigen Verkehrsteilnehmer davon abhielten, die Straße auf die ohnehin nur spärlich vorhandenen Gehwege auszuweiten, entdeckte sie die kaki-lima-Händler, fahrende Garküchen aus der alten Zeit, die von ihren Besitzern an den Straßenrändern entlang geschoben wurden und Soto, Sate, Mie oder andere Gaumenfreuden zu einem geringen Preis anboten. Die einfachen, alten Karren mit der einzelnen Radachse und dem Zuggeschirr, das wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit anmutete, waren bunt bemalt und blinkten durch nachträglich aufgerüstete animierte Werbebanner und Hologramme. Ihre Wirkung verfehlten sie zumindest bei Tika nicht, der sofort anfing der Magen zu knurren.

Tika fuhr an den Rand der Straße und stoppte ihren Wagen. Sofort wurde gehupt, doch die Empörung verklang schnell, als das Hologramm der POLRI über ihrem Wagen erschien. Sie schaltete es nur selten an, da sie es bevorzugte möglichst anonym unterwegs zu sein. So anonym es eben heutzutage möglich war. Tika schnappte sich ihre kleine Handtasche und stieg aus, spazierte die letzten Meter durch die brütende Hitze zu den kaki-lima-Händlern am Straßenrand. Die Rangabzeichen ihrer Uniform hatte sie bereits zuvor abgeschaltet. Sie wollte keine Sonderbehandlung.
Der Chef der Garküche war ein älterer Mann mit wettergegerbter, faltiger Haut, der ein ausgeblichenes einfaches Batik-Hemd und eine zerschlissene, dünne graue Stoffhose trug. Er grüßte sie freundlich mit einem „Selamat pagi, Bu!*“ und sie erwiderte den Gruß ebenso höflich und setzte sich dann auf einen der Plastikhocker, die der Mann vor seiner fahrenden Küche auf die Straße gestellt hatte.
„Sate ayam, Bu?“, fragte er sie.
Tika nickte nur. Der Mann machte sich sofort an die Arbeit. Der Duft der Erdnusssauce ließ Tika bereits jetzt das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie nahm sich eine Flasche Wasser aus der kleinen Kühltruhe, die neben der aufgebockten Garküche stand, hob sie an, um dem Mann anzuzeigen, dass sie sich das Wasser genommen hatte. Und sofort nahm das omong kosong, das leere Geschwätz, seinen Anfang. Indonesier konnten über die belanglosesten Dinge stundenlang diskutieren. Sie liebten nichts mehr, als sich über alles, aber auch wirklich alles, den Mund fusselig zu reden. Und war es auch noch so bedeutungslos. Reden um des Redens willen. Tika war da anders, aber sie gab die zu erwartenden Antworten und ein oder zweimal stimmte sie sogar der Höflichkeit halber kurz in das Lachen des Mannes ein, der ihr dann endlich die Sate-Spieße reichte, welche sie trotz der unerträglichen Hitze mit großem Genuss verzehrte. Der lächerlich geringe Betrag wurde nach ihrer Bestätigung von ihrem Konek an das Gerät des Mannes übertragen. Der bargeldlose Transaktionsverkehr hatte mittlerweile selbst die Unterschicht des Sprawl erreicht.
Als sie wieder in ihrem Wagen saß, ließ der Temperaturunterschied sie frösteln. Also gut, weiter geht’s. Geschlagene zwei Stunden später erreichte sie den großen Kreisverkehr Bundera HI. Tika hatte die Steuerung ihres Einsatzwagens soeben dem Expertensystems der KerisCombat Inc. übertragen, damit dieses ihr Fahrzeug zu einer freien Parkbuchte in der Tiefgarage des Konzerngebäudes lenkte, als das Aufblinken des POLRI-Datenfensters bemerkte, das sie noch immer geöffnet, aber an die Peripherie ihrer Wahrnehmung verschoben hatte. Sie holte es in ihren Fokus zurück und ging rasch die Aktualisierungen durch, die sich während ihrer Fahrt durch das Verkehrschaos des Sprawl ereignet hatten. Die Analyse des Kris war abgeschlossen. Wie zu erwarten, hatte man am Griff des Dolches die Fingerabdrücke des Abgeordneten selbst gefunden. Aber nicht nur das – auch diejenigen Samayantis, der Tochter des Abgeordneten. Tika hielt kurz den Atem an. Warum sollten sich die Fingerabdrücke Samayantis auf dem Kris befinden? Für gewöhnlich ruhte der Kris einer Familie hübsch eingerahmt an der Wand. Er wurde nur selten herausgenommen und dann auch nur vom Familienoberhaupt. Überhaupt interessierten sich die jungen Leute aus Samayantis Generation kaum noch für diese alten Traditionen. Tika selbst hatte den Kris ihrer eigenen Familie noch niemals berührt.
Hatte Samayanti ihren eigenen Vater auf diese an ein Ritual erinnernde Art und Weise umgebracht? Aber welches Motiv hätte sie haben können? Aber selbst wenn, eine junge Frau ohne militärische Kampferfahrung hätte es niemals mit dem Klasse-B-Eliteteam der KerisCombat Inc. aufnehmen können, sogar im Falle eines möglichen Überraschungsangriffs. Welches seltsame Spiel wurde hier gespielt? Sie musste unbedingt schnellstmöglich an die Überwachungsdaten der Enklave gelangen. Der Fall würde in den Medien große Wellen schlagen. Schon jetzt fluteten Berichte ohne jede stichhaltige Information das Netz, blinkten bei all jenen Menschen im Sehfeld auf, die sich ‚politische Nachrichten‘, ‚ungeklärte Verbrechen im Sprawl‘, ‚brandaktuelle Neuigkeiten‘ oder ähnliche Suchparameter auf ihren Konek eingestellt hatten. Natürlich konnte keine dieser Berichterstattungen zu diesem Zeitpunkt irgendetwas Handfestes vorweisen, denn niemand außer der POLRI wusste bisher, was genau im Anwesen passiert war. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis eine der Mikrodrohnen der Cyberspace Community sich Zugang zum Anwesen verschafft hatte. Spätestens beim Abtransport der Leichen, der in Kürze stattfinden würde, würden die ersten sensationsheischenden Aufnahmen die Feeds der Koneks füllen. Und dann war das omong kosong vorprogrammiert, nur dass es sich hierbei um leeres Geschwätz über einen hochrangigen Politiker des Landes handelte, dessen Tochter spurlos verschwunden war.
Missmutig überflog sie noch einmal den Rest der Daten, die AIPTU Chang ins Netzwerk gestellt hatte. Samayantis Konek war in der Jalan Jaksa geortet worden. Von ihr fehlte jede Spur. Auch ihr Onkel, Abgeordneter Rachmanto, war bereits informiert, wusste über den Verbleib seiner Nichte aber gleichfalls nichts auszusagen. Der Mann würde nach dem grausigen Mord an seinem Bruder nun auch noch andere Sorgen haben. Rachmanto konnte ihr Druck machen. Sie kannte seine politischen Absichten nicht gut genug, um den Mann einschätzen zu können. Raharjo und Rachmanto waren beide Mitglieder des MPR, galten als Wortführer, als einflussreiche Persönlichkeiten, die Abstimmungen entscheiden konnten. Und jetzt war Raharjo tot.
Aus einer intuitiven Laune heraus, ließ Tika sich von ihrem Konek eine Zusammenstellung aller bevorstehender Parlamentssitzungen und der entsprechenden Sitzungsthemen herausfiltern, während sie ihren Wagen verließ und dem in ihrem Sichtfeld erschienenen Personaprogramm der KerisCombat Inc. zu ihrer Verabredung folgte. Das Personaprogramm behandelte sie besonders höflich, denn das System hatte ihren Rang gescannt. Tika schnaubte verächtlich. Sie hätte ihn doch wieder abstellen sollen, so wie bei dem Sate-Verkäufer. Aber hier, in der Höhle des Löwen, war das undenkbar. Ihr Rang war das Einzige, das sie davor bewahrte, dass man sie nicht für wichtig nahm.


VII

Sadewa war allein. Ausgerechnet jetzt, wo alles wie ein Kartenhaus über ihnen zusammenzubrechen drohte. Es war alles Nakulas Schuld! Dieser verdammte Dayak! Sadewa hätte es besser wissen müssen. Er hatte von Anfang an nicht hinter dem Plan gestanden. Aber Nakula hatte keine Widerworte akzeptiert. Das operative Geschäft, das Anheuern der Männer, das Zuschlagen und die Gewalt oblagen ihm allein. Sadewa war der Mann, der sich um die subtileren Dinge kümmerte und ihre sozialen Kontakte verwaltete. Das Gesicht. Die Verbindung zu dieser Gesellschaft, die ihr Feind war.
Nakula war im Süden. Weit hinter der Peripherie des Sprawl. Dort erhoben sich die Berge. Uralte Vulkangipfel, deren Macht über die Insel Java seit jeher unangefochten war, während die Menschen zu ihren Füßen Kartenhäuser errichteten und wieder zusammenfallen ließen. Mehr als 50 Kilometer urbaner Moloch, der zwischen der Jalan Jaksa und den Bergen lag. Eine gewaltige Stadt, und doch im Vergleich zu den erhabenen Gipfeln vergänglich wie das Material der Lontarbücher, der Palmblatt-Manuskripte am Hofe der vergessenen javanischen Adelselite. Nicht umsonst eröffnete und beendete Gunungan, der Weltenberg, eine jede lakon, wie die Stücke des wayang kulit genannt wurden.
„Abgeordneter Raharjo im eigenen Anwesen ermordet!“, lauschte er einem von vielen Nachrichtenfetzen aus dem Netz und betrachtete noch immer voller Unglauben die Szenerie, welche die Sensoren der kleinen Nachrichtendrohne dem Feed beisteuerten. Viele Leichen wurden dort abtransportiert. Es muss ein Massaker gewesen sein. Sarak hatte sie alle auf dem Gewissen. Aber von Samayanti selbst schien jede Spur zu fehlen. Die Fingerknöchel traten ihm weiß hervor, als er seine Hand derart feste um die Bierflasche schloss, dass es schmerzte.

Er saß in einer Ecke im „Bintang“, von wo aus er sowohl die Bar als auch den Eingang im Blick hatte. Um diese Uhrzeit war hier kaum etwas los. Die Jalan Jaksa lag im Koma der Hitze und ihrer nächtlichen Ausschweifungen. Eine Gruppe Backpacker trank auf ihrer Durchreise ein kühles Bier an der Bar. Weitere Gäste gab es nicht, und der Laden wirkte nun, wo im Licht des Tages alles überdeutlich zu erkennen war, wie ein halb ausgeweidetes Tier, das auf dem rissigen, aufgeheizten Asphalt langsam zugrunde ging.
In seinem Blickfeld meldete sich eine Verbindung. Verschlüsselt. Umgeleitet über Singapur und Medan. Es war Park, der Koreaner. Ob Mann oder Frau wusste er nicht. Nur eine synthetisierte Stimme war zu hören, die dem Schimmern des Meeres gleich alle Spektren durchlief.
„Ich habe das Gerät für Sie lokalisiert“, sprach die Stimme auf Koreanisch, aber sein Konek übersetzte alles ohne wesentliche Zeitverzögerung.
„Haben Sie es gehackt?“
„Das geht nicht so schnell. Die sind gut geschützt. Aber die Position lässt sich auch auf anderem Wege ermitteln. Dazu ist ein Hack nicht notwendig.“
Sicherlich konnte der Hacker auch Sadewas Position ermitteln. Vielleicht hatte er das bereits getan. Aber die künstliche Stimme bot ihm keinerlei Angriffspunkte, um die Person, die hinter ihr stand, analysieren zu können.
„Übermitteln Sie mir die Position“, wies Sadewa den Hacker an.
„Was ist mit dem Geld?“
Sadewa war nicht in der Stimmung, jetzt noch um den Preis zu feilschen. Vielleicht hätte er ihn herunterhandeln können, aber sicher war das nicht. Park hatte die Verbindungen zwischen dem Gerät, nach dem er gesucht hatte, und seiner Besitzerin sicherlich bereits hergestellt.
„Ist unterwegs“, antwortete er deshalb nur und wies die Bank in Singapur an, die Transaktion durchzuführen.
Sekunden später hatte er die Position. Und erstarrte. Seine Augen zogen sich zusammen. Die gestochen scharfen alphanumerischen Zeichen vor seinem Auge schienen ihn verspotten zu wollen. Das Konek war hier, hier in der Bar! Sadewa unterdrückte den Reflex, aufzuspringen und danach zu suchen. In diesem Moment traten zwei Männer in die Bar ein. POLRI. Sadewa lehnte sich langsam nach vorne, stützte sich auf den Tisch ab und mimte den betrunkenen Nachtschwärmer, der seinen Rausch ausschlafen wollte. Auf seinen Befehl hin startete die insektengroße Spionagedrohne von seiner Schulter und schwebte nach oben, wo sie ihm einen 360-Grad-Feed des „Bintang“ zur Verfügung stellte.
Der Offizier war Chinese. Ein junger Mann, der den Rang eines AIPTU bekleidete. Ebenförmige Gesichtszüge. Alles viel zu glatt und ohne Kanten. Ein schwacher Charakter. Ein typischer Befehlsempfänger. Aber auch die konnten gefährlich werden, wenn man sie in die Enge drängte. Sie bewegten sich direkt auf die Barzeile zu und sprachen den Barkeeper an. Wenn das Konek hier war, dann hatte Samayanti es nicht mehr bei sich. Aber dennoch konnte es wertvolle Informationen enthalten. Ein Bewegungsprofil ließ sich daraus ableiten, vielleicht sogar mehr. Sadewa wusste, dass sie Samayanti nach wie vor unbedingt in ihre Gewalt bringen mussten. Zum einen war sie neben dem Dayak die Einzige, die ihnen möglicherweise sagen konnte, was geschehen war und zum anderen konnten sie mit ihr noch immer Abgeordneten Rachmanto, ihren Onkel, unter Druck setzen. Mit ein bisschen Glück würde ihr Plan dennoch aufgehen. Aber dazu brauchte er dieses Konek, koste es, was es wolle! Aber warum war das Gerät hier? Sadewa begann zu schwitzen. Sein Herzschlag beschleunigte sich.
Der AIPTU sprach weiter mit dem Barkeeper, einem Mann namens Lintang, den Sadewa gut kannte. Nakula hatte ihn davor gewarnt, mehrmals denselben Ort als Treffpunkt auszuwählen, aber Sadewa war der Ansicht, dass Geheimhaltung nicht alles war. Kontakte konnte man nur knüpfen, wenn man sich sehen ließ und die Leute kannte. Dann händigte Lintang dem POLRI-Beamten einen kleinen Gegenstand aus. Sadewa ließ die Drohne gefährlich nahe an die Männer heran. Der Kollege des AIPTU, ein kräftiger Kerl, im Rang aber deutlich unter ihm, musterte die Bar bereits neugierig. Zweimal hatte er dabei auch zu Sadewa hinübergeschaut. Dennoch, zu wissen, wie das Gerät aussah, konnte sich später als nützlich erweisen. Es war schmal, edel, glänzte golden. Ein japanisches Produkt. Wie gemacht für eine modebewusste junge Frau gehobener Gesellschaft. Eine moderne priyayi, wie man den alten Adel Javas nannte.
Der AIPTU nahm es entgegen.
„Woher, Mas*?“, fragte der Beamte den Barkeeper in der Alltagssprache. Er wollte also Nähe zu dem Barkeeper aufbauen, ihm zeigen, dass sie doch beide Chinesen waren, dass sie zusammenhalten mussten. Vergiss die Uniform und die Rang-Holos. Wir sind auf einer Stufe. Das war es, was dieses eine Wort, Mas, dem Barmann sagen sollte.
„Ein Junge. SD*“, antwortete der Barkeeper. SD, Sekolah Dasar, Grundschulniveau.
„Hier drinnen gibt es doch bestimmt Kameraüberwachung, oder, Mas?“
Lintang nickte. Nicht unbedingt erfreut, aber er wollte anscheinend keine Probleme mit der POLRI riskieren. Wäre es um etwas anderes gegangen, hätte Lintang den Beamten bestechen können. Fast alle POLRI-Beamten waren korrupt. Das war kein Geheimnis. Die Löhne waren zu gering und die Macht zu groß. Aber der AIPTU, so locker und ungefährlich er auch wirkte, wollte etwas. Er wollte es unbedingt. Das war in seinen Augen zu lesen. Bestechungsgeld war hier keine Option.
Als Lintang die Daten rausrückte, lächelte der Mann und bot dem Barkeeper eine von seinen guten Zigaretten an.
Sadewa brauchte einen Plan. Er konnte die Beamten nicht einfach überfallen und das Konek an sich bringen. Dann würde er vielleicht nicht erfahren, wie es hierhergekommen war. Außerdem würde das Aufmerksamkeit auf ihre Operation lenken. Er konnte die Daten aber auch nicht ohne weiteres von Lintang bekommen. Sicherlich konnte er den Mann unter Druck setzen, aber dann wäre er als Kontakt verloren. Und Lintang bot gute Separees und war verschwiegen. Er würde der POLRI nur genau das geben, was sie verlangte. Nicht mehr. Sadewa musste die Beamten verfolgen. Etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Er beorderte seine Drohne zurück, schickte Nakula alles, was in der letzten Stunde geschehen war, und stand auf, um auf die Toilette zu gehen. Der bullige POLRI-Beamte musterte ihn, aber als Sadewa nur mit hängendem Kopf in Richtung WC wankte, verlor er das Interesse an ihm. Sadewa verließ das „Bintang“ durch den schmalen Hinterausgang, der in die kleine Gasse mündete, in die er des Nachts bereits vom Balkon aus geblickt hatte. Er bewegte sich bis zur Ecke und wartete darauf, dass die Beamten die Bar wieder verließen.
Die beiden Männer traten in die Hitze hinaus, blickten sich routinemäßig um, aber die Straße war nur ein Schatten ihres nächtlichen Selbst. Unter dem nur mäßig kühlenden Schatten bunter, halb zerfledderter Sonnenschirme standen die kaki-lima-Händler, plauderten mit den GoJek-Fahrern, die neben ihren Rollern standen, um auf Kunden oder Transportaufträge zu warten, die sie über ihr Konek eingespielt bekamen. Sadewa nutzte den kleinen Menschenauflauf als Deckung und brachte sich hinter die Beamten, die auf dem Weg zu ihrem Einsatzwagen am Straßenrand der schmalen Jalan Jaksa waren. Auf einen Befehl seines Konek hin, verformte sich die dünne Maske aus SmartMaterial, die er trug, und veränderte seine Gesichtszüge. Zeitgleich lud sein Konek eine andere ID, sollte er in Bereiche kommen, in denen die Überwachungssensoren Bildmaterial mit hinterlegten IDs abglichen.
„Pak“, winkte er dem nächsten Fahrer zu. Der Mann drehte sich zu ihm um. Ein kleiner Mann mit schlechtem Gebiss, braungebrannt und verschwitzt.
„Dem Wagen hinterher, Pak.“
Der Fahrer schaute zu dem POLRI-Fahrzeug und zögerte.
„Doppelter Fahrpreis“, redete Sadewa sofort auf ihn ein, blieb dabei aber so gelassen, dass der Fahrer nicht argwöhnte, dass Sadewa irgendetwas Illegales im Schilde führte. Zumindest nichts, dass gefährlich genug war, um dieses lukrative Angebot auszuschlagen. Außerdem würde der Mann dann etwas zu erzählen haben, wenn er wieder bei seinen Kollegen ankam. Und das war wichtig. Status.




VIII

Eko war ein unglaublicher Angeber, fand Kadek. Immer prahlte er mit irgendwelchen Geschichten, von denen Kadek annahm, dass mindestens die Hälfte davon erfunden war. Doch heute trieb es Eko wirklich auf die Spitze. Sie standen in ihrer Lieblingsecke vor dem Schuppen mit den Sportgeräten. Rechts, oben auf dem Mast, hing die Flagge der Republik Indonesien schlaff herab, denn kein Lüftchen wehte, um ihnen Erleichterung zu verschaffen. Das störte die Schulkinder jedoch nicht bei ihrem Plausch. Mit seiner neuen Geschichte versuchte Eko ganz eindeutig, Sahara zu beeindrucken, das Mädchen, über das auch Kadek in letzter Zeit immer wieder nachdenken musste. Manchmal sogar, wenn er an seinen Drohnen bastelte, was schon etwas heißen musste, wie er selbst immer wieder erstaunt feststellte. Wenn er ihre kleinen feinen Hände sah und ihr Lachen hörte, das immer so herzlich klang, dann klopfte ihm das Herz bis zum Halse, aber er wusste noch nicht genau, weshalb das so war.
„Ich habe jetzt einen Job“, verkündete Eko stolz.
„Du solltest lieber zur Schule gehen, Ko“, ermahnte ihn Sahara und Kadek grinste innerlich. Eko war nicht so schlau wie er. Das war sein Vorteil. Aber Eko war ein guter Geschichtenerzähler. Und die anderen schätzten das. Außerdem sah er gut aus und kam irgendwie immer ohne Ärger davon. Ganz anders als Kadek, der sich ständig in Schwierigkeiten zu bringen schien. Nur leider wusste er nicht, weshalb das so war.
„Aber das kann ich doch. Es ist ein zusätzlicher Job“, beeilte Eko, sich zu verteidigen.
Sahara schaute neugierig, blieb aber skeptisch.
„Aha, und was für ein Job soll das sein. Etwa nachts?“, hakte sie nach, die Hände in die Hüften gestemmt. Kadek mochte diesen starken Zug an ihr. Sie war das einzige Mädchen in ihrer Clique, stand den Jungs aber in nichts nach. Trotzdem schien sie manchmal, wenn niemand außer ihm hinschaute, so verletzlich und ängstlich, dass er am liebsten zu ihr gerannt wäre und sie in den Arm genommen hätte. Aber natürlich tat er das nicht. Das hätte seinen Ruf ruiniert.
Die anderen Jungs kicherten. Böse funkelte Eko sie an, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle. Er vergaß nie, dass die Geschichte immer im Mittelpunkt stehen musste. Und die anderen hingen an seinen Lippen.
„Ich habe einen Transportjob übernommen.“
Bevor Sahara ihn wieder unterbrechen konnte, fuhr er schnell fort.
„Es war wichtig und es war eilig. Ich musste ein Konek ganz schnell in einer Bar auf der Jalan Jaksa bringen, weil es dort gebraucht wurde. Das war ein ganz schickes Ding. Wartet, ich habe ein Bild gemacht“, sprudelte es aus Eko hervor. Sie blieben alle skeptisch und Sahara hatte sichtlich schon eine Ermahnung auf den Lippen, weshalb sich Eko bei Gott auf der Jalan Jaksa herumtrieb, aber als sie das Bild sahen, das Eko ihnen auf dem kleinen Displays seines Konek zeigte, staunten sie nicht schlecht.
„Das ist ein Muto! Das ist mindestens 15 Millionen wert!“, rief Bang, ein dicker Junge, aus.
15 Millionen!, dachte Kadek und es schwindelte ihm dabei. Das war ja das Zehnfache davon, was sein monatliches Schulgeld betrug!
„Du bist vielleicht blöd, Ko! Warum hast du das Ding nicht behalten und verkauft!? Davon hätten wir alle in das Holo-Center gehen können!“, beschwerte sich der spielsüchtige Di.
Eko schnaubte.
„Ach, ihr habt doch alle keine Ahnung. Ich bin Geschäftsmann. Wenn ich meine Kunden bestehle, dann bekomme ich keine Aufträge mehr. Außerdem ist gestohlene Ware heiß und dafür bekommt man nicht so viel“, dozierte er neunmalklug, aber Kadek fand das gar nicht so dumm. Stehlen war nicht in Ordnung. Das sagte Siti immer. Besser ein Vogel in der Hand, als zehn Vögel auf den Bäumen.
„Das hast du dir doch eh alles ausgedacht“, meinte Di, der beleidigt schien.
Eko schnaubte wieder. Dann holte er den CreditChip heraus, und auf dem Display prangte leuchtend die Summe von 1 Millionen Rupiah*. Alle wurden still, starrten einfach nur sprachlos auf das kleine Display. Und Ekos Grinsen war übermäßig siegessicher und gleichermaßen herablassend, sodass Kadek die Fäuste ballte. Mehr noch, als er sah, wie Saharas Augen gleichfalls leuchteten.
Dann platzte es plötzlich aus ihm heraus. Einfach so.
„Ich habe heute in der Gasse eine bewusstlose Frau gefunden.“
Alle schauten ihn an. Ekos Grinsen verlor eine Spur seiner Selbstsicherheit. Aber noch hatte er den Chip mit der Millionen. Kadek musste jetzt nachziehen. Er biss sich auf die Lippe. Da hatte er etwas gesagt! Siti würde ihn umbringen!
Sein Herz raste. Sahara sah ihn an. Wenn er jetzt nicht nachlegte, dann konnte er ihr nicht mehr unter die Augen kommen.
„Sie lag in der Gasse. Sie war wunderschön. Ihr Haar war … war wie schwarze Seide. Ihre Haut ganz hell“, erzählte er. Sahara machte große Augen. Sie betete die Frauen in den Werbe-Holos an.
„Eine Bule?“, fragte sie hastig.
„Nein, eine von uns. Aber wunderschön und ganz zart. Und noch gar nicht so alt.“
Die Jungs blickten sich an. Geld war die eine Sache, aber eine Prinzessin war etwas ganz anderes. Eine Prinzessin war reich!
„Und dann?“, fragten alle wie aus einem Mund. Selbst Eko.
Kadek lächelte verlegen und scharrte mit den Füßen.
„Keine Ahnung. Siti hat mich zur Schule geschickt. Sie ist alleine bei der Frau geblieben.“
Alle stöhnten enttäuscht.
„Das ist doch bestimmt erfunden“, brummte Di. Di war der Prüfstand ihrer Geschichten. Ein ewiger Skeptiker.
„Nein, ganz sicher nicht. Ich werde es euch beweisen“, verkündete er, und bereits einen Herzschlag später wusste er, dass er sich schon wieder in Schwierigkeiten gebracht hatte. In große Schwierigkeiten. Und dabei hatte er es überhaupt nicht gewollt. Wie hatte dies nur wieder geschehen können? Aber Sahara strahlte, und das war alles, was zählte.




IX

Andrew Wu empfing die Chief Inspector im Terrassen-Bereich. Hier, ungefähr auf der halben Höhe des Gebäudes, befanden sich zwei große, halbkreisförmige Foyers mit einer gewaltigen Panoramafensterfront. Terrassenförmig wie die Reisplantagen jenseits des Sprawl waren hier Bambushaine und Wasserfälle angelegt, deren Design sich nahtlos in das schlichte, funktionale Äußere fügte, das alle KerisCombat Inc.-Produkte auszeichnete. Im Raum schwebende Hologramme zeigten die aktuellsten Nachrichten des Konzerns und seiner Geschäftsbereiche.
Andrew traf Gesprächspartner gerne in dieser Atmosphäre. Es lockerte die Stimmung, wirkte weniger formell und bot genug Anreize zur Ablenkung, die Andrew nutzen konnte, um seine Gesprächsstrategie zu ändern oder das Gegenüber zu analysieren. Die ersten Momente ihres Aufeinandertreffens liefen – wie nicht anders erwartet – ganz nach Protokoll ab. Ihre Koneks tauschten digitale Visitenkarten aus.
„Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir ein Stück gehen?“, fragte er sie mit einem Lächeln.
Sie lächelte nicht, setzte sich aber in Bewegung.
Nebeneinander schritten sie her und wie er es erwartet hatte, musterte sie das weitläufige Areal mit den Wasserfällen, den Bambushainen, den eleganten Marmorbecken mit sich windenden Kois.
„Die Sicherheitsbranche läuft scheinbar sehr gut“, merkte sie an.
„Ja, da haben Sie recht. Aber das ist, denke ich, ja auch in Ihrem Sinne. Wir sind schließlich Partner“, erwiderte er und suchte Augenkontakt, den sie auch nicht ablehnte. Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln. Eines, bei dem er sich sicher war, dass es Nähe, aber nicht Aufdringlichkeit ausstrahlte. Ihre grau-braunen Augen blickten in die seinen. Sie lächelte nicht, nickte aber. Er hatte sie richtig eingeschätzt. Sie würde sich weder von seiner Macht noch seinem Charisma beeindrucken lassen, aber sie war bereit, mit ihm zu kooperieren und gewisse Kompromisse einzugehen. Wie weit diese gingen, das musste er allerdings noch herausfinden.
„Haben Sie schon gegessen? Wir haben ein ausgezeichnetes Angebot hier“, lud er sie ein, als sie die Haine umrundet und damit vor dem Eingangsbereich des Food Courts für Führungskräfte angekommen waren. Es wäre unhöflich, die Einladung auszuschlagen, das wusste sie.
„Es wäre mir eine Freude“, spielte sie das Spiel mit, obwohl sie keinen wirklichen Hunger hatte, wie ihm sein Analyseprogramm aus Mimik und Körperhaltung suggerierte.
Im Food Court bestellte sie sich einen Kaffee und er zog gleich. Dann orderten sie noch etwas zu Essen. Sie bestellte sich eine Portion Gado Gado*.
„Sind Sie Vegetarierin?“, fragte er, um noch ein wenig mehr Smalltalk zu betreiben.
„Nein, aber ich hatte heute schon Fleisch.“
„Ja, man sollte es nicht übertreiben damit. Obwohl die heutige Medizin ja durchaus jedes Leiden beseitigen kann.“
Sie blickte ihn an und lächelte zum ersten Mal.
„Wenn man das nötige Kleingeld hat, dann haben Sie recht.“
„Natürlich. Das vorausgesetzt.“
Andrew beschloss, nun etwas stärker in die Offensive zu gehen. Besser, er eröffnete das eigentliche Gespräch, dann konnte er ihr zeigen, dass er nichts zu verbergen hatte.
„Sie haben da gerade einen heiklen Fall.“
Ganz kurz verzog sie die Lippen, kehrte aber schnell wieder zu ihrer Fassade zurück.
„So ist es. Viele Unwägbarkeiten. Deshalb bin ich unter anderem hier.“
Nur unter anderem?
„Im Namen der KerisCombat Inc. biete ich Ihnen meine volle Unterstützung an“, eröffnete er ihr.
„Wenn das so ist, warum haben Sie die Daten dann nicht sofort freigegeben, als wir die Anfrage gestellt haben?“, stieß sie direkt vor.
Diesmal war es an Andrew, zu lächeln.
„Das haben Sie nicht. Sie haben nur eine Freigabe für das Anwesen erbeten. Diese haben wir Ihnen anstandslos erteilt. Was die restlichen Daten angeht, wurde keine Anfrage gestellt.“
Das entsprach sogar der Wahrheit. Suryonos Untergebener hatte, wie Andrew kontrolliert hatte, das entsprechende Protokoll zwar aufgerufen, aber keine Anfrage gestellt, da er gleich erkannte hatte, dass die Sicherheitsfreigabe der POLRI dazu nicht ausreichte.
Chief Inspector Suryono legte ihr Besteck auf den Tisch und blickte ihn an.
„Gut. Mein Fehler. Dann erbitte ich jetzt persönlich um Freigabe der Daten.“
„Natürlich. Einen Augenblick, bitte. Ich muss ein paar Kontrollabfragen durchführen. Lassen Sie sich nicht stören.“
Sie hob ihr Besteck wieder an. Nachdem sie einen Bissen genommen hatte, fragte sie eher beiläufig.
„Warum sperren Sie diese Daten eigentlich?“
„Unsere Kunden schätzen eine gewisse Diskretion.“
Sie wollte etwas sagen, behielt es dann aber für sich. Es wäre sicher nichts Nettes gewesen. Andrew konnte sich schon denken, was es war. Tatsächlich wurden die Daten grundsätzlich deshalb gesperrt, da die wohlhabenden und einflussreichen Bewohner der Enklave neben Geschäftspartnern, die sie nicht offenbaren wollten, auch gewisse Dienstleistungen in Anspruch nahmen.
Während er mit Suryono sprach, arbeitete er sich in seinem Sichtfeld durch das System der KerisCombat Inc. Seine Sicherheitsfreigabe öffnete ihm dabei alle Türen. Er rief den entsprechenden Zeitraum auf, um den es der Chief Inspector ging, und wollte soeben die Daten anwählen, als ihm der Atem stockte. Ein eisiger Kloß breitete sich in ihm aus. Suryono war eine scharfe Beobachterin. Neugierig musterte sie ihn.
„Stimmt etwas nicht?“, fragte sie.
„Äh, nein. Seien Sie unbesorgt. Eine Protokollfrage. Ich hatte ganz vergessen, dass die Daten bereits auf Offline-Speicher übertragen wurden“, log er. Zwar führte der Konzern diese Praxis tatsächlich durch, nicht aber mit derart aktuellen Daten. „Sie sind deshalb im System selbst nicht mehr verfügbar.“
„Scheint mir ineffektiv“, merkte sie an. Witterte sie etwas? Schnell überprüfte er seine Analyseprogramme, die Suryono ständig scannten und ihre Werte anhand verschiedener Parameter auswerteten. Sie schien skeptisch, aber noch im Glauben daran, dass er die Wahrheit sagte.
„Onlinedaten sind angreifbar. Deshalb haben wir ein ausgeklügeltes System zur Offline-Speicherung.“
„Verstehe“, erwiderte Sie nur.
Er musste sich etwas einfallen lassen. Noch immer saß ihm der Schreck im Nacken. Die Daten waren nicht in einen Offline-Speicher überführt worden. Sie existierten einfach nicht. Die gesamte Kamera- und Sensorüberwachung war zu besagtem Zeitraum einfach deaktiviert worden. Und Andrew hatte nicht die geringste Ahnung, weshalb. Wer hatte das verdammt nochmal angeordnet!? Das war ein klarer Verstoß der Konzern-Sicherheitsrichtlinien! In seinem Bezirk! Hier mussten Köpfe rollen; nur nicht sein eigener.
„Ich habe ja Ihre Kontaktdaten. Sobald die Daten verfügbar sind, lasse ich sie Ihnen sofort zukommen“, versuchte er, das Gespräch zu einem Abschluss zu bringen. Nicht der Abgang, den er sich zurechtgelegt hatte, aber ohne weitere Informationen über diesen Sachverhalt waren ihm die Hände gebunden. Auf keinen Fall durfte die POLRI erfahren, dass die Daten nicht existierten. Das würde KerisCombat verdammt schlecht dastehen lassen. Und dafür würde ganz sicher sein Kopf rollen.
Suryono kaute zu Ende, legte das Besteck wieder ab und faltete die Hände übereinander.
„Ich ermittele in einem Mordfall an einem Mitglied der Regierung, Mr. Wu.“
Ihre Stimme hatte eine gewisse Schärfe erreicht, die er in einer anderen Situation sicher als sehr attraktiv empfunden hätte.
„Das verstehe ich“, antwortete er, versuchte, gelassen zu wirken. Noch immer hielt seine Fassade. Er war immerhin ein Profi. Aber seine Basis war zu dünn, um diese Farce noch lange aufrechterhalten zu können.
„Es ist ein ungünstiger Zeitpunkt. Das System teilt mir mit, dass zurzeit Wartungsarbeiten durchgeführt werden. Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Daten innerhalb von einer Stunde haben. Da ich Sie nicht länger bei Ihren Ermittlungen aufhalten möchte, schlage ich vor, dass ich sie Ihnen über eine von uns extra verschlüsselte Verbindung zukommen lassen werde. Ich werde außerdem veranlassen, dass man das Material mit unserer neuesten Soft aufbereiten lässt.“
Suryono zögerte. Ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Dann nickte sie.
„Also gut. Die Aufbereitung ist aber nicht nötig. Sobald Sie das Material zur Verfügung haben, schicken Sie es mir. Bitte.“
„Natürlich. Ich werde mich persönlich darum kümmern.“
„Ich danke Ihnen, Mr. Wu.“
Sie erhoben sich. Die Verabschiedung war kurz und weniger formell.


X

„Siti, was ist? Was hast du denn?“, fragte Samayanti verwundert das Mädchen und schob das Datenfenster des Ortungsdienstes an die Peripherie ihres Blickfeldes.
„Bapak Raharjo … das ist doch der Herr Abgeordnete, oder?“, fragte sie, und ihre Stimme zitterte nun deutlich.
„Ja. Bapak Raharjo ist mein Vater“, sprach Samayanti ruhig. Warum erschreckte der Name ihres Vaters dieses Mädchen so?
Doch Siti ging nicht weiter darauf ein. Stattdessen senkte sie den Kopf, hob die Arme vor die Brust, die Handflächen nach oben gerichtet, und fing auf Arabisch an zu beten. Instinktiv sprach Samayanti die Worte nach, die sie in ihrer Kindheit gelernt hatte, die sie immer wieder rezitiert hatte, bis sie für sie zu einer reinen Wiederholung ohne Sinn verkommen waren. Samayanti hatte schon lange nicht mehr gebetet, denn welchen Sinn konnte sie darin schon erkennen, wenn sie in ihrem Mercedes durch die Straßen des Sprawl fuhr und am Wegesrand all die bettelnden Kinder sah. Beten brachte nichts, gar nichts – nur Taten brachten etwas. Nur war es schwer, etwas zu tun. Das Richtige zu tun. Auch Samayanti hatte nichts getan. Sie hatte sich treiben lassen. Und wenn sie in der Nacht mit ihren Freundinnen feiern ging, sich an der Bar in ihren schicken Klamotten einen Drink bestellte, der dem durchschnittlichen Tageslohn eines einfachen Arbeiters entsprach, dann hatte sie all ihre guten Vorsätze wieder vergessen. Denn das, was man nicht sah, das war einfach zu vergessen.
Siti hob den Blick, schaute sie an. Sie schien etwas sagen zu wollen, doch die richtigen Worte wollten ihr nicht einfallen. Stattdessen griff sie nach ihrem Konek und damit auch nach Samayantis Hand. In Samayantis Blickfeld erschien der Feed einer voreingestellten Nachrichtensendung, IndoSatNews, ein typischer Sprawl-Kanal.
>> Grausamer Mord an Abgeordnetem Bapak Raharjo! <<, verkündete das Personaprogramm des Nachrichtenfeeds. Samayanti stockte der Atem. Ihr Körper erstarrte. Nur ihre Hand bewegte sich, schloss sich mit ihren Finger um Sitis Hand, die das Mädchen ihr – wohl wissend, dass sie diesen Halt nun gebrauchen konnte – hingestreckt hatte. Keine Träne rann aus ihren Augen, und doch spürte sie, dass etwas in ihr erloschen war, das sie mit Trauer erfüllte. Doch sie wusste nicht genau, was dieses Etwas war. War es der Tod ihres Vaters? Waren es die Worte, die sie ihm gegenüber ausgesprochen hatte und die ihr nun noch endgültiger erschienen als zuvor? Die Scham? Sie wusste es nicht. Und tief in ihrem Inneren spürte sie die Furcht. Ein leises Pochen, das sich langsam, aber unaufhaltsam aus ihren tiefsten Eingeweiden emporarbeitete, lauter wurde, stärker pochte, sie erzittern ließ. Der Gedanke, das Wissen daran, dass sie nicht wusste, was in jener Nacht geschehen war.
„Siti …“, setzte sie an, spürte, wie ihre Stimme versagte. Sie schluckte. Setzte noch einmal an. „Darf ich mal das Bad benutzen?“
„Aber sicher“, antwortete das Mädchen sogleich. Siti stand auf, blickte auf ihre Hand. Auch das Mädchen zitterte leicht. Samayanti spürte es. Aber vielleicht war es auch nur Einbildung. Sie ließ Sitis Hand nicht los. Sie dachte an die Hand ihrer Mutter. Sie war so alt wie Siti gewesen, als sie zum letzten Mal nach ihr gegriffen hatte. Zum letzten Mal die beruhigende Wärme und Zuneigung gespürt hatte, die von ihr ausgegangen war.
Siti führte sie aus dem Raum. Von draußen fiel Tageslicht in das kleine Haus. Im Wohnraum gab es einen kleinen ausgefranzten Teppich, eine Kommode, die behelfsmäßig abgestützt wurde, da sie vermutlich sonst in sich zusammengebrochen wäre, ein Sofa. Ein weiterer Durchgang ohne Türe führte in die Küche. Dann stand sie vor der Tür zum Mandi. Siti öffnete sie. Erst jetzt ließ sie Samayantis Hand los. Samayanti betrat das kleine Mandi und schloss die Türe. Eine Kakerlake suchte schnell die Flucht und verschwand im Abfluss. Unter normalen Umständen hätte sie sich geekelt, vielleicht sogar erschrocken. Doch sie spürte nichts. Nur dieses dumpfe Gefühl der Trauer, einen seltsamen Schmerz und die Furcht, die sie immer wieder zittern ließ. Die Toilette war nicht viel mehr als ein Loch im Boden, gekachelt, etwas höher gelegen als der Rest des Raumes. Und dann gab es in der Ecke noch das steinerne Becken mit dem Wasser, das traditionelle Mandi, aus dem man sich mit einer Kelle Wasser über den Körper schüttete, um sich zu waschen.
Samayanti griff nach der abgenutzten Plastikkelle, füllte sie und goss sich dann das Wasser über den Kopf. Wieder und wieder füllte sie die Kelle, tränkte ihren Körper, bis die Sachen ihr klatschnass an der Haut klebten. Sie wusch alles von sich. Die Trauer und den Schmerz. Nur die Angst – die Angst wollte nicht weichen.




XI

Auf der Jalan Thamrin, einer der großen Hauptverkehrsachsen des Sprawl, strömten die Menschen in Scharen über die mehrspurige Straße, die von der POLRI für den Verkehr gesperrt worden war. Holo-Banner flimmerten über den Köpfen der Masse. Die Menschen forderten die Verurteilung des Ministers Sinaga, eines Bataks*, die vornehmlich Christen waren. Er habe in seiner letzten offiziellen Rede den Propheten beleidigt, so verkündeten radikale Imame, stachelten die Menge an. Und als erst einmal genug Menschen auf der Straße waren, folgten ihnen immer mehr. Die meisten von ihnen wussten gar nicht recht, worum es eigentlich ging, aber die aufgeheizte, emotionale Atmosphäre ergriff sofort von ihnen Besitz und bald schon waren sie es, die am lautesten riefen, und die anderen taten es ihnen gleich. Und hier, in diesem Kollektiv, konnten sie die strikten sozialen Schranken fallen lassen, die ihnen im Alltag sonst stets die Schultern zusammendrückten. Die Wahrung des Gesichts, der Erhalt der Harmonie.
Der Einsatzwagen des AIPTUS stoppte. Ein Beamter der POLRI näherte sich und Sadewa konnte erkennen, wie sich das Seitenfenster öffnete und der Unteroffizier mit dem Mann sprach, der zu der Truppe gehörte, die die Demonstration absicherte. Dann setzten sich weitere Männer in Bewegung. Sie waren mit Maschinenpistolen bewaffnet, drängten die voranschreitende Menge langsam auseinander, damit sich ein Korridor bildete, durch den der Wagen des AIPTUS passieren konnte. Sadewa fluchte. Der GoJek-Fahrer konnte nun unmöglich weiter folgen. Rasch ließ Sadewa, dem bereits der Schweiß in Strömen aus allen Poren lief, seine Mikrodrohne aufsteigen und schnellstmöglich zum Wagen fliegen. Sie erreicht das Fahrzeug gerade rechtzeitig, als es sich wieder in Bewegung setzte und klammerte sich daran fest.
„Wir fahren außen rum, Pak“, teilt er dem Fahrer mit.
„Wohin, Pak?“
„Erst mal auf die andere Seite des Kanals“, wies Sadewa den Mann an. Dieser nickte und sie setzten sich wieder in Bewegung. Der Fahrer beeilte sich. Der altersschwache Roller ächzte unter ihrem Gewicht und röchelte bereits überhitzt, aber der Mann trieb ihn weiter, beschleunigte, um an der Menschenmasse vorbeizukommen und vor der Demonstration die nächste Kreuzung zu erreichen. Knapp gelang es ihnen, bevor die POLRI auch hier alles dicht machte.
Sadewa erblickte die weitläufigen, hochaufragenden Gebäudekomplexe der Bank of Indonesia jenseits der Jalan Thamrin. Sie bogen in die Jalan Kebon Sirih ein, die entlang des Kanals führte. Kaum ein Mensch war auf der Straße. Sie alle suchten Schutz vor der unablässig brennenden Sonne. An einer der kleinen Bogenbrücken, die über den Kanal führten, passierten sie diesen und hielten an der Kreuzung der Kanalstraße. Eine Garküche stand an der Ecke auf der Straße, gegenüber befand sich eine kleine Werkstatt, nicht viel mehr als Mechaniker, die ihre Werkzeuge und Maschinen auf dem kaputten Gehweg ausgebreitet hatten, um vorbeifahrenden Roller- und Motorradfahrern ihre Dienste anzubieten. Ein Holo verkündete die Preise und machte auf die verschiedenen Dienstleistungen aufmerksam.
Jetzt konnte Sadewa nur noch abwarten. Die Reichweite der Sendeeinheit war beschränkt und er musste auch ihre Batterie schonen. Nur hin und wieder würde er sie aktivieren, um herauszufinden, welche Richtung der AIPTU einschlug. Allzu weit war es ja hoffentlich von hier aus nicht mehr. Er zahlte dem GoJek-Fahrer den doppelten Fahrpreis, wie vereinbart. Dann kaufte er sich eine Flasche Wasser und setzte ich an den Wegesrand bei der Werkstatt. Ein junger Mann mit Mundschutz, die Hände ölig und abgenutzt, sprach ihn gleich an und verwickelte ihn in ein Gespräch. Sadewa hörte nur mit halbem Ohr zu.
Als er den Mann sah, musste er an das Dorf in den Bergen denken. Es war in diesem Dorf gewesen, als sie den Anführer der Sezessionisten geschnappt hatten. Überall waren Moskitos gewesen, und ihr stetes Summen hatte sich zu den fremdartigen Lauten des Waldes gesellt. Der Urwald war ihm des Nachts wie ein einziger gewaltiger Organismus erschienen, der sie zu verschlingen drohte. Ein biologischer Sprawl, dem sie alle ausgeliefert waren.
Es war der Mechaniker im Dorf gewesen, ein junger Mann im Alter seines Gesprächspartners, der ihnen letztendlich das Versteck des Anführers verraten hatte. Sadewa war es gelungen, den jungen Mann zu überzeugen, mit ihnen zu kooperieren. Ängstlich hatten die dunklen Augen des Mannes im Schein der flackernden Neonröhre in der dreckigen, halb verwahrlosten Dorf-Werkstatt geblickt. Sadewa hatte sich selbst in diesen Augen gesehen. Die Angst, die tief in seinem Inneren ruhte. Aber für Angst war kein Platz gewesen. Nakula hatte den Jungen, nachdem er ihnen das Geheimnis verraten hatte, vor seinen Augen erschossen. Ein Kopfschuss. Im Krieg, so hatte er gesagt, da gibt es nur zwei Arten von Leuten: Feinde und Zeugen. Und beide stellen eine Bedrohung dar. Sadewa war da anderer Meinung – aber er hatte nichts gesagt.
Von plötzlicher Scham erfüllt, bot er dem Mechaniker eine Zigarette an, die dieser dankend entgegennahm. Er setzte sich neben Sadewa auf die Straße und sie rauchten einvernehmlich. Diese Menschen hatten keine Ahnung, dachte Sadewa. Überhaupt keine.
Um die Gedanken abzuschütteln, überprüfte er mit seinem Konek den Status seiner Drohne. Es verging noch einige Zeit, dann änderte sich ihre Position nicht mehr. Die POLRI hatte ihr Ziel erreicht. Sadewa überprüfte im Netz die nächstgelegene Schule. Eine SD. Volltreffer! Es waren alte, schlichte Schulgebäude. Die staatlichen Schulen waren oft in keinem guten Zustand. Genau wie dieses Land. Sadewa suchte nach einer öffentlich zugänglichen Kamera und fand sie. Er hätte auch seine Spionagedrohne nutzen können, aber sicherheitshalber wollte er sie am Einsatzfahrzeug des AIPTUS belassen, damit er das Fahrzeug im Notfall weiter verfolgen konnte. Es war zu riskant, sie den Beamten folgen zu lassen und dann möglicherweise die Spur komplett zu verlieren. Aber vielleicht konnte er auf anderem Wege noch etwas Nützliches herausfinden. Sein Ziel war es, den Leuten, die er verfolgte, einen Schritt voraus zu sein. So konnte er die Initiative an sich reißen. Dazu brauchte er allerdings einen Informationsvorsprung oder musste zumindest mit ihnen gleichziehen.
Die öffentliche Kamera war auf den Sportplatz gerichtet, um den Feed der Schule mit Bildmaterial zu füllen. Aber der Sportplatz interessierte Sadewa momentan nicht. Vielleicht hatte die Kamera die Möglichkeit, sich noch weiter zu bewegen, als sie es sonst tat. Er startete ein Infiltrationsprogramm und hackte sich durch die veraltete Sicherheit des Schulsystems. Dann war die Kamera sein. Er ließ sie weiter schwenken, koppelte ihre Bewegungen an sein Sensorium, drehte den Kopf entsprechend, um sie zu fokussieren. Bis auf einige Nachmittagskurse war der Unterricht beendet. Dennoch gab es noch mehrere Gruppen an Schülern, die beisammen standen, sich unterhielten, zusammen eine Mahlzeit einnahmen oder verschiedene Schuldienste verrichteten. Weiß-rote Schuluniformen überall, die Jungs in Hosen, die Mädchen in Röcken. Es dauerte nicht lange, bis Sadewa die beiden POLRI-Beamten erblickte, die sich auf dem Hof umschauten und nach dem Schüler Ausschau hielten, den sie auf den Kameraaufzeichnungen des „Bintang“ gesehen hatten. Der chinesische AIPTU sprach mit einer Dreiergruppe an Schülern; diese wiesen in Richtung Schultor. Die Beamten setzten sich in Bewegung. Der Junge, den sie suchten, stand mit einem anderen Schüler, einem kleinen, dicklichen Kerl, am Tor. Sadewa betrachtete ihn genau. Das Bild der Kamera war nicht besonders gut, aber er war sich sicher, ihn wiedererkennen zu können, sollte er ihm auf der Straße begegnen. Als der Junge sah, wie die Beamten schnurstracks auf ihn zuhielten, schien er eins und eins zusammenzuzählen und ergriff die Flucht. Sadewa musste grinsen. Ein mutiger, kleiner Kerl – auch wenn seine Flucht, wie Sadewa wusste, vergebens sein würde.

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TIKA (TEIL I) - von Garuda - 21-04-2020, 19:05
RE: TIKA - von Garuda - 21-04-2020, 19:08
RE: TIKA - von Garuda - 21-04-2020, 19:10
RE: TIKA - von Garuda - 21-04-2020, 19:12
RE: TIKA (TEIL I) - von Garuda - 25-08-2020, 18:40
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RE: TIKA (TEIL I) - von Garuda - 22-11-2020, 10:30
RE: TIKA (TEIL I) - von Garuda - 30-11-2020, 16:32
RE: TIKA (TEIL I) - von Garuda - 26-02-2021, 19:33

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