Es ist: 16-12-2019, 09:01
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Baumwächter
Beitrag #1 |

Baumwächter
Hauptsächlich ging es mir darum, hier "meine" Zwerge vorzustellen. Um doch noch ein wenig Handlung einzubauen, hab ich mir von der Spielwiese ein Bild ausgeliehen.

Baumwächter

Es regnete im Immerwährenden Wald. Wie so oft stand Axis am Waldrand und sah hinab ins Tal. Die Stadt Siyanda und die sanft geschwungenen Hügel, die sie umgaben, lagen in der warmen Frühlingssonne.
Er seufzte.
Seine Heimat hatte immer anderes Wetter, als die nahe gelegene Stadt. Ein Phänomen, welches wohl nur die Elfen erklären konnten. Diese lebten aber in den Hochebenen, weit hinter den Grenzen Siyandas und so würde es vermutlich niemals dazu kommen, dass der Zwerg einem von ihnen begegnete. Abermals atmete Axis ein und aus. Er hatte sich schon oft vorgestellt, wie es wäre, einem vom magischen Volk zu begegnen.
Hinter ihm stapften schwere Stiefel durch den aufgeweichten Waldboden, eine feingliedrige Hand legte sich auf seine Schulter.
„Komm“, sagte Sokil, „wir müssen weiter.“ Axis schaute zu seinem Freund mit der spitzen, dünnen Nase auf und seufzte zum dritten Mal.
„Siyanda hat schon wieder besseres Wetter als wir.“
„Ja“, grinste Sokil und hielt seine Axt in die Höhe, „aber wir haben mehr Bäume.“
Nun lächelte Axis ebenfalls und schloss sich dem größeren Zwerg an, der zielstrebig dem schlammigen Waldpfad folgte.
Sie waren nur wenige Meter vorangekommen, als es im Unterholz knackte. Beide schlossen ihre Finger fester um die Äxte und beobachteten angespannt die sich bewegenden Zweige. Aus dem Gebüsch kam Asghat hervorgekrochen, in dessen langem, schwarzem Haar sich Blätter verfangen hatten.
„Habt ihr etwas entdeckt?“, fragte der Hinzugekommene.
„Nichts Ungewöhnliches“, antworteten Axis und Sokil gleichzeitig.
Dann setzten sich sechs schwere Stiefel in Bewegung, drei Äxte geschultert.
Dicke Regentropfen perlten von den Bäumen des dichten Waldes, ließen sich von den Blättern fallen und landeten spritzend auf dem ohnehin schon nassen Boden. Ein besonders großer Tropfen fiel auf Axis’ struppiges, erdbraunes Haar, rann an der bartlosen Wange hinab und spritzte schließlich auf seinen Stiefel.
„Mistwetter“, grummelte der stämmige Zwerg. Seine beiden Gefährten entgegneten nichts.
„Lasst uns dem Weg nach Norden folgen, dort stehen einige Bäume, um die wir uns kümmern müssen“, sagte Axis weiter, um das gleichmäßige Plätschern des Regens zu unterbrechen.
Zustimmendes Gemurmel antwortete ihm.

Müde zwängte sich Axis durch den verwurzelten Eingang seines Zuhauses. Die festen, überirdisch wachsenden Wurzeln der Benjeenbäume boten seinem Volk einen guten Unterschlupf, denn oftmals waren die Bäume des Immerwährenden Waldes hunderte von Jahren alt und so hoch, dass noch nie ein Zwerg die Krone erblickt hatte.
Über dem Feuer hing bereits ein Topf, dem ein wohlriechender Geruch entstieg, während seine Gefährtin Skora eifrig rührte.
Irgendwo über ihren Köpfen war ein größerer Spalt zwischen den Wurzeln, durch den der Rauch abziehen konnte. Dank des dichten Blätterdaches blieb die Zwergenwohnung vom strömenden Regen verschont. Liebevoll umarmte Axis Skora, die ihr Haar mit Blättern, in den Farben des Herbstes, geschmückt hatte. Er lobte den Duft des Eintopfs, dann fragte er nach seinem Sohn Galsis.
„Der liegt schon in seinem Bett und schläft. Setz dich und iss etwas.“
Axis begann langsam, in der Tonschüssel zu rühren, die Skora ihm hingestellt hatte.
„Du schaust so ernst. Was ist los?“, fragte die Zwergin besorgt.
„Sokil, Asghat und ich haben heute Abend eine Leiche im Wald gefunden.“ Axis traute sich nicht, seine Gefährtin anzusehen, das Entsetzen in ihren himmelblauen Augen würde er nicht ertragen können. Deshalb rührte er konzentriert in seinem Eintopf. Ihm fiel auf, dass kleine Fleischstücke darin waren.
„Es war der junge Ardashir. Er hing an einem Baum. Erst während des letzten Sichelmondes haben wir ihn in den Wald geschickt, damit er erwachsen wird. Wir wollten herausfinden, ob er als Baumwächter arbeiten kann.“ Er fischte mit dem Löffel ein Fleischstück aus der Brühe und ließ es wieder hineinfallen.
„Wie konnte das passieren?“, fragte Skora. Axis konnte sie kaum verstehen, ihre Stimme war nur ein Flüstern.
„Wir wissen es nicht. Vielleicht konnte er seine Aufgabe nicht erfüllen und hat seine Seele selbst ins nächste Leben geschickt.“
„Hältst du das wirklich für möglich? Dann hat er große Schande über sich und seine Familie gebracht, denn er wird nicht bei seinen Ahnen bestattet werden können.“
Axis hatte sich darüber noch keine Gedanken gemacht und er wollte dies auch nicht. Missmutig ließ er den Löffel wieder im Eintopf kreisen.
„Der Boden war aufgeweicht, wir konnten keine Spuren finden. Die Schlinge des Seils spannte sich um seinen Bauch, vielleicht ist er auch überfallen worden, von Menschen oder Trollen.“ Er wusste nicht, ob er sich oder seine Gefährtin damit beruhigen wollte.
„Glaubst du, wir werden es jemals wissen?“, fragte Skora, und Axis bemerkte, dass Tränen ihre Wangen hinabflossen.
„Unsere Priester werden versuchen, herauszufinden, was seiner Seele zugestoßen ist.“

Der Mond hing silbrigglänzend, sich ab und zu hinter Wolken versteckend, über der kleinen Waldlichtung. Viele Bewohner der Zwergensiedlung hatten sich versammelt. Alle hielten die Köpfe gesenkt und hoben ihre Blicke erst, als die Priester den Platz betraten. Ihre grünen Roben hüllten sie vollständig ein, die Kapuzen warfen dunkle Schatten auf ihre Gesichter. Im Schein des Feuers waren deutlich blattähnliche Verästelungen auf dem Stoff zu erkennen.
Axis stand bei den anderen beiden Baumwächtern, er hatte Skora nicht dazu bewegen können, ihn zu begleiten.
Vor zwei Tagen hatten sie den Jungen gefunden und den Priestern übergeben. Seitdem waren sie nicht mehr im Wald gewesen. Die Geistlichen befürchteten, dass sie seine umherirrende Seele verschrecken könnten. Sokil, der die Leiche zuerst entdeckt hatte, hatte dem bereitwillig zugestimmt. Asghat hingegen hatte darauf bestanden, dass sie sich auch weiterhin um ihre Bäume kümmerten. Seine große, knollige Nase hatte deutlich ihre Farbe verändert. Als dann die Situation zu eskalieren drohte, hatte Axis ihn beruhigen können, indem er an die gut fortgeschrittene Arbeit der letzten Tage erinnerte und den Priestern zwei Tage Zeit gab. Diese wussten, dass in dieser Nacht Vollmond war - was wohl ein günstiger Zeitpunkt für ein Ritual zu sein schien – und hatten zugestimmt.
Auf der anderen Seite der Lichtung sah Axis die Familienangehörigen des Jungen. Sie standen dicht beieinander und hielten sich angsterfüllt bei den Händen. Er vermied es, darüber nachzudenken, was es für sie bedeutete, wenn der Junge tatsächlich selbst über sein Schicksal entschieden hätte.
Das Feuer loderte auf und riss Axis aus seinen Gedanken. Ein schwerer Geruch nach verbrannten Kräutern breitete sich auf der Lichtung aus. Die Priester bildeten einen Kreis um die Flammen, dann begannen sie, einen düsteren Gesang anzustimmen, dessen Worte Axis nicht verstand. Sie schritten vor dem Lichtschein auf und ab, ihre Roben bewegten sich mit ihnen und es erschien ihm, als ob Laub im Wind tanzen würden.
Immer schneller bewegten sich diese Blätter, ein wahrer Orkan fegte durch sie hindurch, bis es plötzlich still wurde. Nichts außer dem Knistern des Feuers war zu hören. Die Priester knieten ringsum die Flammen und hielten die Köpfe gesenkt. Auch Axis wendete seinen Blick ab und richtete ihn auf die Spitzen seiner Stiefel. Rasch und - wie er hoffte - unauffällig, schaute er zu Sokil, der neben ihm stand. Auch er betrachtete den Boden. Erst als die Priester sich erhoben – was der Zwerg an den sich bewegenden Schatten erkannte -, wagte er sich, wieder zum Feuer zu blicken. Die Umstehenden taten es ihm gleich.
Die Flammen loderten auf, kurz schienen sie bis in den Himmel zu wachsen, dann fielen sie in sich zusammen und gaben den Blick auf den dahinterstehenden Baum frei. Er wuchs nicht so hoch wie die Benjeens, dafür trug er an seinen ausladenenden Ästen riesige Früchte, die einen Zwerg leicht überragen konnten. Ihre Form erinnerte Axis an die Würste, welche Skora manchmal über dem Feuer garte.
Kygelia, der Älteste. Er war schon alt, als ich noch ein kleiner Zwerg war. Der Baum der Weisheit.
„Lauscht den Worten des Weisen Kygelia“, sangen die Priester in einem Tonfall, der es nicht zuließ, dass man ihnen widersprach. Dann wurde es wieder still auf der Lichtung, nur das sanfte Rascheln einiger Blätter war zu hören.
Axis war seit unzähligen Jahren ein Baumwächter, tagein und tagaus hielt er sich bei seinen Schützlingen auf, pflegte sie, damit sie seinem Volk Schutz gewährten, aber reden hatte er sie noch nie gehört. Er konnte sich auch nicht vorstellen, wie sich so etwas anhören sollte. Aber dann konzentrierte er sich noch einmal auf das Blätterrascheln, denn die Priester wollten es so. Außerdem gab es nicht anderes, dem er seine Aufmerksamkeit widmen konnte.
Das Rascheln wurde intensiver, aber ohne dass der Wind spürbar zugenommen hatte. Es wurde lauter und steigerte sich zu einem Flüstern. Zunächst konnte Axis kaum etwas verstehen, aber dann wurde auch das Wispern lauter, bis schließlich das tiefe Brummen des Baumes die ganze Lichtung ausfüllte.
„Der junge Zwerg verließ euch in einer Sichelmondnacht. Er wollte erwachsen werden, ein Baumwächter noch dazu. Der junge Zwerg folgte wochenlang seiner Bestimmung, er suchte sich einen Baum, der seiner Hilfe bedurfte. Er nahm ein Seil, band es um seine Körpermitte und wollte die Krone erreichen. Doch sowie er einen höherliegenden Ast erklommen hatte, verloren seine Füße ihren Halt und das Unglück geschah. Er konnte sich aus seiner misslichen Lage nicht mehr befreien. Die Nacht war kalt, sehr kalt sogar, so kalt, dass der junge Zwerg erfror.“ Die Stimme des Baumes wurde wieder schwächer, wurde wieder zu einem Flüstern und verlor sich schließlich zu einem Blätterrascheln.
Noch bevor die Stille vollständig zurückgekehrt war, erhob sich einer der Priester und verbeugte sich vor dem riesigen Baum: „Großer Weiser! Wir danken dir, dass du dein unendliches Wissen mit uns teilst.“ Dann wandte sich der verhüllte Zwerg an seine Zuhörer: „Ihr habt die Worte vernommen, der Wahrheit gelauscht. Die Seele des jungen Ardashir wurde durch ein schreckliches Unglück seinem Körper geraubt. Wir werden ihm die letzte Ehre erweisen können.“
„Dummer Junge“, flüstere Sokil, „wir Zwerge sind zum Klettern einfach nicht geboren, denn wir Zwerge sind dazu geschaffen …“
„… das Problem an der Wurzel zu packen“, beendeten Axis und Asghat gemeinsam den Satz ihres Freundes. Und zusammen begleiteten sie Ardashirs Körper auf dem Weg zu seinen Ahnen.

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 18-01-2009, 19:06
RE: Baumwächter - von Der Weltenwanderer - 18-01-2009, 21:40
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 19-01-2009, 10:49
RE: Baumwächter - von Adsartha - 20-01-2009, 22:20
RE: Baumwächter - von Libertine - 20-01-2009, 22:56
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 21-01-2009, 12:28
RE: Baumwächter - von Sternchen - 03-02-2009, 08:54
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 04-02-2009, 08:50
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RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 25-05-2009, 12:20
RE: Baumwächter - von Saryn - 22-07-2009, 11:42
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 24-07-2009, 14:17
RE: Baumwächter - von bianca - 09-08-2009, 10:48
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 13-08-2009, 15:16
RE: Baumwächter - von DarkSideOfThink - 24-10-2009, 10:14
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 25-10-2009, 14:55
RE: Baumwächter - von drakir - 10-12-2009, 03:44
RE: Baumwächter - von jeronimus - 10-12-2009, 09:27
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 10-12-2009, 09:38
RE: Baumwächter - von Lanna - 31-12-2009, 12:40
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 31-12-2009, 14:58
RE: Baumwächter - von Dreadnoughts - 02-01-2010, 00:44
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 02-01-2010, 14:38
RE: Baumwächter - von Teja - 12-01-2010, 18:06
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 13-01-2010, 08:00
RE: Baumwächter - von Persephone - 25-03-2018, 21:24
RE: Baumwächter - von LadydesBlauenMondes - 27-03-2018, 09:04

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