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Es ist: 06-06-2020, 18:04
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SW 2: Wünschelrouten (Libertine)
Beitrag #1 |

SW 2: Wünschelrouten (Libertine)
in einem Khami-Dorf, nördlich von Aven'har
im Sommer 343


1. Dichter und Denker

Nachmittag. Steinhütten, ungleichmäßig verteilt, dazwischen Freiflächen, auf denen Kinder spielen und Frauen Wäscheleinen spannen. Tisch und Stühle vor einer dieser Hütten, ein Junge auf den Knien, Zeichen in die Erde kratzend, die Mutter mit gebeugtem Rücken auf einem Stuhl, ihn beobachtend.

„Nein, Aram, pass auf, du musst hier einen Bogen ziehen, und den Strich davor lässt du weg.“
Af-fe. Ohne sich zu seiner Mutter umzudrehen, wischte er den Schreibversuch weg und begann erneut. Kleine Sandwolken stoben auf, so kräftig drückte er auf den Boden. Ar-me.
Wenn seine Mutter schrieb, sah es aus, als würde sie zeichnen; Striche, Kringel und Kreise fügten sich zu Bildern zusammen, aus denen jeder Worte herauslesen konnte. Aram kam meist nur Bewunderung über die Lippen.
Sie kniete sich neben ihn und kratzte zwei Zeichen in den Boden. „Hier, so muss es am Ende aussehen. Du machst immer so was.“ Behutsam schrieb sie das erste Zeichen, für das zweite krickelte sie mit geschlossenen Augen Striche durcheinander. Aram lachte.
Dann versuchte er es erneut.
Den Mund halb geöffnet, die Finger verkrampft, setzte er ab, wieder an, hörte den Vater im Hintergrund kaum ankommen, Gesicht und Hände waschen, sich hinsetzen. Mit starrem Blick ahmte der Junge die Zeichen seiner Mutter nach.
„Du hast den Wagen verloren? Wieso hast du den Wagen verloren? Und wie siehst du aus? Elyas ... was ist passiert?“
„Ich konnte nichts machen.“
„Wogegen konntest du nichts machen?“
„Stell dir alles vor, wovor wir uns gefürchtet haben ...“
„Nein ...“
„... und noch etwas mehr. Sieh mich an, wenn du mir nicht glaubst, das war keine Schlägerei gegen Khami, das war nicht menschlich, Lenja.“
„Was ist mit deinem Auge? Du hättest es längst kühlen sollen.“
„Das hätte nichts gebracht.“
„Halt still ... Man hört jeden Tag, dass sie kommen, und bisher hat es nie gestimmt. Und der Wagen ist weg?“
„Ich werde nie wieder in die Stadt fahren.“
Ar-em. Er lächelte, so ähnlich sahen sich die beiden Bilder, und allein die Vorstellung, er würde ebenso wie seine Eltern irgendwann alle Zeichen beherrschen, machte ihn stolz.
„Nach dem, was ich heute gesehen habe, kommen wir nicht mehr weit mit unseren Ideen.“
„Sag das nicht, es ist immer noch still, und vielleicht vergessen sie uns. Vielleicht sind wir nicht genug, um hier vorbeizukommen.“
„Ja, und vielleicht sind wir gerade genug, um an uns etwas Neues auszuprobieren ... Ich war bei Nael, heute Abend gibt es eine Versammlung und dann sehen wir, was passiert.“
„Hoffentlich fragen sie nicht, was mit dir passiert ist.“
„Es wird doch erst interessant, wenn sie fragen.“
„Das ist nicht zum Lachen.“
„Aber die Vorstellung ist komisch, findest du nicht?“
Aram verglich noch einmal den Schriftzug seiner Mutter mit seinem eigenen und zog die Linien nach, dann stand er auf und wischte mit einer Hand den Staub ab, der oberhalb seines Mundes auf dem Schweiß klebte. Als er sich zu seinen Eltern umdrehte und den Vater erblickte, der krumm auf einem Stuhl saß, schrak er zusammen. Auf der linken Wange ein runder Fleck, gespickt mit schwarz-blauen Punkten, die aussahen wie Nadelstiche, in denen sich Insekten einnisteten, das Auge dick angeschwollen, der Blick daraus nur ein Versuch. Ehe Aram es näher ansehen konnte, drückte seine Mutter ein nasses Tuch darauf. Nur schwach war der Schmerz im Mundwinkel zu erkennen, den der leichte Druck verursachte. Arme und Beine waren überzogen mit dunklen Flecken, die aus Schmutz und Blut bestehen mussten.
„Aram, was hast du geschrieben?“ Das Lächeln und die Stimme seines Vaters klangen so unverletzt, dass Aram für einen Moment glaubte, es wäre nichts geschehen, wenn er die Augen schlösse und nur auf die Worte hörte. Doch anstatt den Blick abzuwenden, zeigte er auf die Bilder am Boden.
„Meinen Namen.“
„Das hat er den ganzen Nachmittag geübt“, fügte seine Mutter hinzu.
Wieder glänzte Stolz in Arams Augen.
„Es ist immer gut, zu wissen, wer man ist.“ Elyas erhob sich, aufgestützt auf seine Frau, griff nach einem Stock und fügte dem Bild einen weiteren Kringel hinzu.
„Ist es gefährlich in der Stadt?“ Arams Frage ließ den Vater kurz zusammenzucken, doch anstatt ihm zu antworten, setzte er sich wieder auf den Stuhl und schloss die Augen. Das Gesicht in die Spätnachmittagssonne haltend, atmete er ruhig ein und aus.
„Aram, du kennst doch noch die Geschichte, die ich dir vom weißen Wildpferd erzählt habe, nicht wahr?“
„Samirjuk“, flüsterte seine Mutter, vielleicht war es Ehrfurcht, die ihre Stimme fremd klingen ließ.
„Ja, du hast erzählt, dass es unseren Vorfahren das Leben gerettet hat, weil sie sich in der Wüste verlaufen haben. Und dann hat es ihnen den Weg -“
„Aram!“
„Es hat ihnen nicht den Weg gezeigt?“
„Sie haben sich nicht verlaufen, Aram. Sie lebten nicht in Dörfern, sondern zogen durch die Wüste. Was sie antrieb, war anfangs wohl die stetige Veränderung, am Ende war es nur noch der Hunger. Das Vieh starb, es regnete nicht, sie beschlossen, neue Weidegründe für die Tiere zu suchen, Land zu finden, das Leben bewahrte. Samirjuk, der Anführer der Familien, versprach ihnen, dieses Land zu finden, wenn sie ihm vertrauten, wenn sie nicht nachfragten. Sie vertrauten ihm, denn wer hungert, der stellt nicht in Frage. Doch als sie einige Zeit ohne Erfolg durch die Wüste gezogen waren, ...“
„... da machte sich Unruhe breit und sie wollten Samirjuk verlassen, um allein voranzukommen. Und gerade in diesem Moment bemerkten sie, dass die Tiere aus einem kleinen Fluss tranken, und sie ließen sich dort nieder. Auf die Frage, woher er von diesem Fluss gewusst habe, antwortete Samirjuk nur mit einem Blick zum Horizont. Einige der Frauen meinten, ein weißes Wildpferd in der Wüste verschwinden gesehen zu haben.“
„Du erinnerst dich ja doch.“
Irritiert schaute Aram zu seiner Mutter, die ebenfalls nicht zu wissen schien, was sein Vater bezweckte. Wieder ein zitterndes Lachen im Mundwinkel, dann der Blick auf Lenja und Aram, den sie beide erwiderten, ohne ein Wort zu sagen. Obwohl eines seiner Augen noch immer von einem Tuch verdeckt war, schaute er mit einer Tiefe, die den Jungen beängstigte. Aram verstand nicht, was sein Vater dann sagte und er wusste nicht, ob er es jemals tun würde.
„Wenn es wieder so weit wäre, wenn dieser Weidegrund aufgebraucht, alles ausgedorrt wäre, wenn wir nicht wüssten, wohin, oder wem zu folgen, dann könnte ich ein Wildpferd gesucht haben, doch jedes hätte mir ins Gesicht gespuckt.“
Seine Mutter stand auf, nahm das Tuch von Elyas' Auge und offenbarte, dass es trotz des starren Blicks des anderen halb geschlossen war. Sie nickte mit ernstem Gesichtsausdruck. Aram verstand nicht, was diese Geschichte mit der Stadt zu tun hatte und lenkte die Aufmerksamkeit seines Vaters bald wieder auf die Schreibversuche, die wegen der bald untergehenden Sonne nicht mehr lange zu erkennen sein würden.


2. Richter und Henker

Abend. Am Dorfplatz, dem Henker; einige Familien, die Stühle tragend ankommen, ein paar Dutzend, die bereits in kleinen Halbkreisen sitzen, die meisten Blicke auf zwei junge Männer gerichtet, die aufeinander einschlagen, Staub aufwirbelnd.

„Du wirst schon sehen, wohin wir kommen!“, presste Fahn, der Dünnere der beiden, zwischen den blutenden Lippen hervor.
„Pass auf, du, dass du überhaupt noch was siehst!“, entgegnete der andere und schlug ein weiteres Mal zu.
Als Elyas und seine Familie am Henker ankamen, hockte Joran sich gerade auf seinen Bruder und presste dessen Kehle mit beiden Händen am Boden fest. „Und was jetzt, was? So schnell vergeht dir die Sprache, da brauchst du gar nicht so zu gucken, du Schwätzer!“ Leicht lockerte er seinen Griff, woraufhin Fahn nach Luft hechelte, Wut in den Zügen. Doch ehe sie ausbrechen konnte, drückte der Bruder wieder fester zu, weswegen sich lediglich seine Augen wehrten, die immer größer aus den Höhlen stachen.
Lenja und Aram stellten die drei Stühle unweit der beiden Brüder ab, während Joran Fahn die Faust unter die Nase hub. Ein Raunen ging durch die Runden. Elyas starrte mit dem unverbundenen Auge auf Fahn, der das Gesicht weiter seinem Bruder entgegen streckte, als wollte er ihn provozieren. Doch er sprach nicht mehr, sondern spuckte einen Schneidezahn aus.
„Es schauen Kinder zu“, mahnte Elyas, als der Geschlagene begann, die Lücke bei geöffnetem Mund mit der Zunge abzutasten.
„Die verlieren hier schon nicht ihr Gesicht“, lachte Joran, den missachtenden Blick seines Bruders unterstützend und fast schien es, als wäre die Auseinandersetzung damit entschieden. „Aber du verlierst gleich deins, wenn du nochmal so einen Unsinn redest.“
Doch ehe der Kampf in die nächste Runde gehen konnte, riss eine kräftige Hand Joran nach hinten, der stolpernd im Staub landete, und zog Fahn hoch. „Es reicht jetzt.“ Es lag kein Donnern in der Stimme des Vaters der beiden, vielmehr war es beruhigende Entschiedenheit. „Wir fangen jetzt an, also reißt euch zusammen. Fahn, du gehst dich waschen. Joran, schau nach, ob wir vollzählig sind. Und dann setzt euch gefälligst hin und seid still.“ Nael führte die Versammlungen des Dorfes, seine beiden Söhne, die kaum verschiedener aussehen, handeln und denken konnten, sollten es ihm irgendwann gleichtun, doch noch waren sie dafür zu stur, Fahn zu kaltblütig, Joran zu idealistisch.
Das ganze Dorf war versammelt, abgesehen von zwei Familien, die nie kamen und nur im Sommer ihre Hütten bezogen.
„Ihr könnt euch sicher denken, weshalb wir heute hier sind.“
Endlich setzte sich auch Elyas neben Lenja auf einen Stuhl und betastete den Verband an seinem Auge, als hätte ihn die Bewegung verschieben können.
„Falls ihr noch nichts davon gehört habt oder euch nicht sicher seid, wem ihr glauben könnt: Vor einigen Tagen ist Aven'har überfallen worden, wahrscheinlich wird es heute schon von Magie kontrolliert. Wenn wir Pech haben, ziehen sie in ein paar Tagen hier vorbei.“
„Das kann doch nicht wahr sein, wie diese Magier ihre Macht missbrauchen!“
„Ich glaube das nicht!“
„Also wenn ich Magie besäße, ich würd sie wegsperren.“
„Genau! Ich würd mich eher erhängen, als dass ich sie gegen jemanden einsetze, der sich nicht wehren kann. Das ist sowas von armselig, einfach nur armselig!“
„Ruhe!“ Nael hob beschwichtigend die Hände, zeigte auf die Männer, die erzornt aufgestanden waren, und brachte sie mit einem ernsten Blick zum Hinsetzen. „Niemand von uns verfügt über magische Fähigkeiten, deswegen leben wir zusammen in diesem Dorf. Wir haben uns gegen Magie ausgesprochen und dabei bleibt es auch. Aber heute stehen wir vor der Frage, was wir tun, wenn jemand kommt, der uns mit Magie unterdrücken will.“
Joran setzte zu einem Einwand an, doch sein Vater unterbrach ihn vor dem ersten Wort.
„Wir haben gesagt, wir reden im Ernstfall so lange auf diesen Menschen ein, bis er von allein abzieht. Wir sind davon ausgegangen, dass die besseren Argumente auch zum richtigen Ergebnis führen. Aber das war vor Aven'har. Es sieht so aus, dass die größte Stadt in der Umgebung überrannt wurde. Da können wir uns noch so gut darstellen, wahrscheinlich wird uns niemand zuhören.“
Als Nael den zuvor starren Blick durch die Runde schweifen ließ, begegneten ihm nur gesenkte Köpfe. Ein grauer Schimmer hing in den Augen des Dorfes, das darauf zu warten schien, dass sich das letzte vom Wind aufgewirbelte Staubkorn legte und Stille einkehrte. Eine Stille, die unsichtbar werden ließ und damit vor der nun folgenden Diskussion und ihren Folgen bewahren konnte.
Joran war der Erste, der erkannte, dass diese Stille nicht eintreten würde. „Das ist kein Grund, jetzt aufzugeben.“ Sein Blick haftete auf seinem Bruder, der trotz der Verletzungen schnurgerade auf seinem Stuhl saß. „Es ist wirklich kein Grund, jetzt aufzugeben.“
Einige hoben ebenfalls den Kopf und blickten Fahn an.
„Vielleicht kommen sie einfach nicht hier vorbei.“
„Sie können uns doch gar nicht sehen. Wenn wir nachts das Feuer auslassen, dann sind wir unsichtbar.“
„Na, sie werden wohl nicht nachts nach uns suchen.“
„Sie werden uns gar nicht suchen, sie wissen ja nichts von uns.“
„Das Feuer müssen wir deswegen wirklich nicht auslassen.“
Mehr und mehr Köpfe hoben sich, mehr und mehr Münder stimmten ein. Bis Fahn plötzlich lauthals auflachte, sich erhob, neben seinen Vater stellte und Joran zornerfüllt musterte.
„Das ist ein Affentheater hier! Ein einziges Affentheater! Da stehen Magier vor der Tür, die euch zurichten werden, und ihr diskutiert darüber, ob ihr das Feuer auslassen solltet.“
„Du weißt überhaupt nichts, Fahn.“
„Wir müssen uns -“
„Fahn, du bist doch nur hier, weil sie dich auf der Magierschule nicht genommen haben!“
„- müssen uns mit den Magiern arrangieren, wenn wir hier weiterleben wollen. Denkt doch nur mal daran, was die weiße Magie für Vorteile bringt. Wenn die Kinder krank sind oder das Wasser zuneige geht.“
„Dafür brauchen wir keine Magie, das ist der Lauf der Dinge!“, schrie ein junger Mann und kassierte einen Schlag auf den Hinterkopf von seiner Mutter.
Nael beobachtete das Geschehen schweigend. Auch Elyas, der sonst einer der ersten war, die sich für die Prinzipien dieses Dorfes einsetzten, sagte kein Wort, sondern beobachtete Fahns Verteidigungsversuche mit strengem Gesicht. Lenja erzählte Aram ein weiteres Mal die Geschichte von Samirjuk und dem weißen Wildpferd, weswegen dieser sich immer wieder umsah.
„Nael, wieso sagst du eigentlich, dass wir gegen Magie sind, während dein Sohn uns erzählt, wir sollten uns arrangieren?“ Elyas war aufgestanden, um sich Gehör zu verschaffen. Erst jetzt bemerkten die Dorfbewohner den Verband, den er um seinen Kopf trug, einige zeigten mit dem Finger auf ihn, andere erzählten ihren Kindern Geschichten. Lenja hielt Aram die Ohren zu.
„Ich war in der Stadt und habe die Magie erlebt.“
Erneut diese Stille, die nicht unsichtbar machte.
„Wir sollten aufhören zu diskutieren und verschwinden, ansonsten verschwinden wir nicht mehr lebend.“
Er wandte sich zum Gehen um. Joran rannte auf ihn zu und schlug ihm ins Gesicht, doch ehe er sich versah, hatte Elyas ihn mit einem Fausthieb zum Fallen gebracht. „Und du verdammter Spinner verschanzt dich am besten in deiner Hütte und wartest ab.“
Joran hielt sich die Nase und blickte zu Elyas auf. Nael stand jetzt ebenfalls neben ihnen und musterte das verbundene Auge eindringlich.
„Das ist gar nicht mal so dumm, Elyas, das ist gar nicht mal so dumm.“
Er verstand nicht.


3. Lichter und Lenker

Morgengrauen. Eingetretene Türen, abgerissene Wäscheleinen, Menschen mit geschulterten Lederbeuteln, einige noch packend, tragend. Am Rand des Dorfes ein Mann und eine Frau in leisem Gespräch, die Blicke in die Wüste gerichtet, ein Kind unbeobachtet zu ihren Füßen, zeichnend.

„Macht nicht so viel Staub, macht verdammt nochmal nicht so viel Staub!“ Fahns Stimme war der Frust über seine Niederlage aus der Ferne anzuhören. In jede Hütte spähte er hinein, ermahnte selbst diejenigen, die sich längst in eine der größten Hütten zurückgezogen hatten, wo sie unsichtbar werden würden, ein stilles, totes Dorf. Lenja stand ein Lächeln auf den Lippen, als Fahn seinen Bruder zurechtwies, was dieser mit einem halben Wutausbruch quittierte.
Der Aufbruch hing über den Dächern wie ein erdrückendes Band. Nael hatte am Vorabend von der Notwendigkeit zur Veränderung und einer folgenschweren Entscheidung gesprochen. Am Ende hatten sie sich mit leichter Mehrheit für die gerinstmögliche Veränderung entschieden. Seitdem kochte Fahn, während Joran nahezu stumm akzeptierte.
„Warum hast du nicht geschlafen, Lenja?“
„Vielleicht weil ich gehofft habe.“
„Gehofft worauf?“
„... dass der Morgen nicht kommt.“
Aram schrieb, als gäbe es nur ihn und die Zeichenwelt, die er erschließen musste. Die Bilder vom Vortag hatte er vergeblich gesucht.
„Elyas, ich muss dir etwas gestehen.“
Fahn schrie so laut zwischen den Hütten hindurch, dass diese den Klang wie ein Trichter nach Aven'har verstärken mussten. Schließlich nahm Nael ihn beiseite und beruhigte ihn streng.
„Heute Nacht ... am Horizont. Es hat sich etwas bewegt, wirklich, da war etwas, es bewegte sich nach Norden. Vielleicht habe ich mich auch verguckt, vielleicht war es ein Sturm. Vielleicht ist es aber auch ...“
Er schaute sie an, das zerstörte Auge wieder frisch verbunden, doch sie erwiderte den Blick nicht, sondern hielt ihn weiter starr in die Wüste gerichtet.
„Siehst du diesen Hügel da hinten? Der Schatten hat sich an ihm vorbeibewegt und dann ... dann war er irgendwann verschwunden. Ich hab mir den Schlaf aus den Augen gerieben, ich dachte, es wäre nicht da gewesen, aber es sieht so aus, als ... als würden alle Spuren in diese Richtung zeigen.“
„Lenja, ich denke, wir sollten ...“
„Ich will nicht wissen, was das bedeutet. Gestern Abend habe ich gesagt, ich bleibe hier für den Jungen, es ist ... es wäre das beste für ihn, das sicherste. Aber was, wenn es das nicht ist? Wenn wir uns das auch nur einreden und wenn ich wirklich heute Nacht ...“
„Es spielt keine Rolle, was stimmt.“ Elyas klang bestimmt, als er sie an sich zog. „Es spielt keine Rolle. Selbst wenn wir wissen, was stimmt, können wir es nicht ändern.“
„Ja, ja, der Elyas ...“ Erschrocken fuhren sie herum und sahen Fahn hinter sich stehen, einen Lederbeutel auf der Schulter, ein Tuch über den Kopf gezogen, als wollte er sich vor der Morgensonne schützen. „Immer einen klugen Spruch auf den Lippen. Aram, wusstest du eigentlich, dass dein Name 'Zeichen' bedeutet? Ja, genau, Zeichen.“
Erst jetzt bemerkten sie, dass Aram längst nicht mehr nur seinen Namen schrieb, sondern in andeutenden Strichen ein Pferd und eine Sonne in den Boden gekratzt hatte.
„Das sieht gut aus, Kleiner, auch wenn man nicht erkennt, was es sein soll.“
„Kennst du nicht die Geschichte v...“
„Aram, das sieht wirklich schön aus! In welche Richtung läuft denn das Pferd?“
„Nach Norden.“
„Nach Norden, sieh an. Lenja, vielleicht ist der Junge das Zeichen, das wir jetzt brauchen.“
Fahn musterte die drei, sein Blick blieb auf dem Lederbeutel über Elyas' Schulter haften. 'Das ist alles?', sagten seine Augen und sein Mund fragte: „Wollt ihr wirklich allein in die Wüste gehen?“ Die Unsicherheit seiner Stimme und die halb geöffneten Lippen offenbarten den fehlenden Schneidezahn. Er wirkte wie ein Strich, ein Lichtfang, der einen so schmalen Schatten wie möglich werfen wollte.
Ehe Elyas zu stottern beginnen konnte, antwortete Lenja für ihn. „Uns hält hier nichts.“ Das darauffolgende Schlucken ging in den erstaunten Blicken der beiden Männer vollständig unter. „Aber ich erkläre es dem Jungen nicht. Das schaffe ich nicht.“
Jetzt war es Fahn, der zu einer Erklärung ansetzte, doch Elyas schüttelte den Kopf und hockte sich zu seinem Sohn auf den Boden.
Lenja zog Fahn in Richtung der Versammlungshütte mit sich. „Wenn ich wiederkomme, brechen wir auf.“

Elyas beobachtete seinen Sohn eine Weile schweigend, während dieser den Schweif des Wildpferdes im Wind wiegte.
„Ein hübsches Pferd, auch wenn die Beine etwas schwach aussehen.“
Der Junge blickte mit verdutztem Gesichtsausdruck auf, als hielte er seinen Vater für begriffstutzig.
„Es kann fliegen. Und damit die Beine es nicht so zum Boden ziehen, sind sie nicht so dick.“
„Und wo sind die Flügel?“
„Die ... also wenn die Sonne, wenn die Sonne dem Pferd lang genug auf den Rücken scheint, dann fliegt es von allein. Dann ist das Pferd wie Wasser, Wasser kann auch fliegen, wenn die Sonne lang genug scheint.“
„Deswegen hast du eine Sonne daneben gemalt.“
Der Junge nickte.
„Meinst du, es gibt solche Pferde, Aram?“
„Es gibt sie. Gestern haben die anderen und ich darüber geredet, ob das Pferd auch Durst hat. Und dann meinte Cera, es muss schneller sein als der Wind und dann findet es vielleicht einmal eine Regenwolke. Und Gun meinte dann, dass er manchmal ein Wiehern nachts aus der Wüste gehört hat und am Morgen wären ein paar Wassereimer umgekippt gewesen. Da haben wir ihn ausgelacht. Das Pferd kommt doch nicht in unser Dorf.“
„Meinst du?“
„Natürlich! ... oder etwa doch? Hast du es gesehen, sag, hast du es gesehen?“
„Nein, nicht ich. Aber ... deine Mutter, sie hat das Pferd gesehen. Und wir ...“
„Und das erzählt sie mir nicht!“
„Sie war ziemlich überrascht.“
„Ich glaube nicht, dass sie das Pferd gesehen hat.“
„Du glaubst deiner Mutter nicht?“
Arams Ohren waren rot angelaufen, er lächelte entschuldigend und stocherte mit dem Stock im Boden herum.
„Aram, wir werden dem Pferd folgen. In die Wüste.“
Er blickte auf und verkrampfte die Finger um den Stock, als wäre er ein Haltegriff, eine Verbindung zum Boden.
„Sie hat das Pferd gesehen? Sie hat es wirklich gesehen?“
„Du hast selbst gesagt, dass es das Pferd gibt.“
„Ja, aber wenn ich das sage, ist das anders. Außerdem darf man nicht in die Wüste gehen.“
„Man darf nicht allein in die Wüste gehen. Wir sind zu dritt.“
„Und wenn wir uns verlaufen? Dann haben wir uns zu dritt verlaufen.“
„Wir werden uns nicht verlaufen.“
„Und wann kommen wir zurück?“
Elyas schwieg und sah sich um. Mittlerweile waren nur noch wenige zwischen den Hütten unterwegs, die meisten hatten sich mit Familien und Gepäck in der Hütte verschanzt und waren damit aus dem Dorfbild verschwunden.
„Wann. Wann kommen wir zurück?“
„Wir ... kommen nicht zurück.“
„Wir kommen nicht zurück?“
„Wir kommen nicht zurück.“
Entgeistert sah der Junge ihn an, als verstände er und verstände doch nicht, seine Lippe zitterte vor Furcht. „Es ist besser so, glaub mir, und wir werden an einen sicheren Ort kommen.“
„Gehen wir ... gehen wir in die Stadt?“
Elyas nahm seinen Sohn in den Arm und verzichtete darauf, ihm etwas von Stärke zu erzählen. Vielleicht weil er sie selbst finden musste, wenn sie die erste Nacht in der Wüste verbrachten, wenn sie wie ihre Vorfahren ohne festes Ziel weiterreisten, wenn sie nicht genug zu essen hatten, wenn sie sich verliefen, wenn sie in einen Sturm gerieten. Vielleicht war es auch die eigene Angst, die Elyas mit seinem Schweigen stillte.

Am späten Morgen brachen sie auf, ohne Abschied, ohne Erklärung verschwanden sie von einer Bildfläche, die bald keine mehr sein würde. Als sie gerade die ersten Schritte in die Wüste gesetzt hatten, rief ihnen eine ruhige Stimme nach: „Macht nicht so viel Wind, hier ist genug Staub.“
Sie wandten sich um und erkannten aus der Ferne, wie Nael seinen Sohn in ihre Richtung schubste. Widerwillig begann Fahn zu rennen.

"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht."
Vaclav Havel
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SW 2: Wünschelrouten (Libertine) - von Sternchen - 26-04-2009, 15:54
RE: SW 2: Wünschelrouten - von Adsartha - 30-04-2009, 12:01
RE: SW 2: Wünschelrouten - von jeronimus - 05-05-2009, 09:50
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