Es ist: 12-08-2022, 03:35
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #40 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Dende blickte immer noch an der Mauer hoch. Bisher hatte sich absolut nichts im Haus getan. Gerade so, als ob alle noch schliefen. Dabei würde es schon bald mittag sein. Ärgerlich stieß er einen Kiesel gegen die Mauer. Es würde kein Problem sein, in das Anwesen einzudringen, aber ohne Aufmerksamkeit zu erregen...?
Plötzlich hörte er das Eingangsportal sich öffnen. Verstohlen zog der Magier sich tiefer in den Schatten der gegenüberliegenden Häuserwand zurück und beobachtete, wie Yerim und zwei Diener, darunter auch jener, der sich Kin nannte, das Haus verließen. Sie schlugen den Weg Richtung Osten ein, zu Vuluns Palast.
Das war seine Chance. Der Hausherr war nicht da, nun würde es sicher einfacher werden, an Andamir heranzukommen, wenn er die Wachen irgendwie überzeugen könnte. Langsam schloss er die Augen und spürte die Wellen der Magie. Sie umflossen ihn, kitzelten ihn fast ein wenig und schossen auf seinen Willen immer schneller um ihn herum. Sein ganzer Körper begann zu vibrieren, das Netz der Magie verdichtete sich, formte sich, wie es sein Geist wollte. Die Wellen schossen wie Wasserstrahlen um seinen Körper herum, als ob sie ihren Platz suchten, dann flossen sie wieder langsamer, wurden träger und erstarrten schließlich ganz. Für alle Menschen war Dende nun wieder Kelim Vanderkeyn, der übergewichtige Händler. Sie waren so leicht zu täuschen. Die Spiegel der Wasser zeigten den gewöhnlichen Leuten immer das, was sie sehen wollten.
Ein weiteres Knarren des Tores ließ ihn herumfahren. Erstaunt sah er, wie Andamir und das hübsche Mädchen, dessen Namen Dende nicht kannte, das Anwesen verließen. Seltsamerweise machte niemand Anstalten, sie aufzuhalten, im Gegenteil, die Wachen winkten ihnen nach. Sie schienen nicht länger Gefangene Yerims zu sein. Ohne in seiner Rolle als Händler aufzufallen, eilte er den jungen Leuten nach, die die Südliche Hauptstraße überquerten. Vorbei an den zahlreichen Geschäften und Ständen, welche die Straße säumten lenkten sie ihre Schritte in die verwinkelten Gassen des alten Stadtkerns, und hielten dann abermals inne.
Nun war Dende endgültig verwirrt: Eine alte Frau erhob sich von einem der Steinbrocken, die aus der alten Stadtmauer gefallen waren, und begrüßte die beiden. Nach einem kurzen Wortwechsel setzte die Blondine ihren Weg in Richtung der Paläste fort, während der Junge und die verhutzelte Alte in eine der schmalen Gassen einbogen, die zum Marktplatz führten.
Trotz der unüblichen Gassen fiel es Dende nicht schwer, den beiden zu folgen, denn sie kamen in nur im Schneckentempo voran. Unwillkürlich muss er schmunzeln, als er das ungleiche Paar beobachtete. Der schlanke hochgewachsene Junge überragte die Alte bei weitem, schien ihr aber mit Respekt zuzuhören. Sie schien ihm Anweisungen zu geben. Plötzlich blieben sie vor einem Haus stehen, die Alte umarmte Andamir und ging dann die Straße weiter. Der Junge verschwand durch eine Seitentür in das Haus. Dende kniff die Augen zusammen. Er kannte dieses Haus. Es gehörte dem alten Schmuckhändler, der dort sein Geschäft hatte. Dende ging langsam darauf zu und sah, dass Andamir nicht ins Geschäft, sondern über eine schmale Holztreppe in das Obergeschoss des Hauses gegangen war. Ohne einen Laut zu machen stieg der Magier ebenfalls die Treppe hoch. Eine Sekunde überlegte er, ob er anklopfen sollte, doch dann entschied er sich dagegen. Die Augen langsam schließend spürte er wieder die Wellen der Magie in seinem Körper, die ihn durchfloßen und sich in seiner linken Hand zu einer Kugel magischen Wassers formten. Er hielt die Energie in seinem Körper gespannt, als er die schmale Holztür aufstieß.
„Ihr?“, fragte eine Stimme überrascht.
Innerhalb einer Sekunde hatte Dende den Raum überblickt. Er war nicht besonders groß, aber üppig eingerichtet. Die Stimme gehörte Andamir, niemand sonst war im Raum. Dendes Körper entspannte sich wieder und das magische Wasser verschwand. Langsam trat der Magier ein und blickte den immer noch ungläubig blickenden Jungen freundlich an.
„So ist es. Kelim Vanderkeyn zu Euren Diensten.“
„Ihr seid also der mysteriöse Kontaktmann, der mich beschützen soll.“ Andamir musterte Vanderkeyn von den Geheimratsecken bis zu den feisten Waden und hob die Brauen.
Dende unterdrückte den Impuls, die Stirn zu runzeln. Er musste nun ruhig bleiben. Wen immer der Junge erwartete, er musste schnell spielen.
„Ihr hattet wohl jemand anderen erwartet?“
„Naja.“ Andamir zuckte die Schultern. „Einen Kham eben. Ich meine... Wie um alles in der Welt habt ausgerechnet Ihr Kontakt zu Großmutter aufgebaut?“
„Eine lange Geschichte.“ Dende winkte ab, doch seine Gedanken rasten. Andamir schien den wohlhabenden Händler ebenfalls bei Yerim bemerkt zu haben. Vielleicht wusste er mehr, als es Dende lieb war. Er würde vorsichtig bei jeder einzelnen Aussage sein müssen.
„Und ich glaube, wir haben dringendere Probleme als alte Geschichten aufzuwärmen,“ antwortete er vielsagend und ließ sich behäbig in einem Stuhl am Fenster nieder. Das einfallende Licht der Mittagssonne schien hinter ihm in den Raum und mussten um seinen Kopf eine Strahlenkrone bilden und seine Gesichtszüge verbergen.
Der Junge ließ sich ihm gegenüber nieder. Einen Moment lang schien er zu zögern, dann richteten sich seine dunklen Augen auf den Händler, als wollten sie ihn durchleuchten.
„Da bin ich anderer Meinung“, sagte er ruhig. „Ihr habt etwas, das Euch nicht gehört. Das Medaillon...“
Nun fuhren Dendes Augenbrauen doch in die Höhe. Dies war eine Wendung, die er nicht vorhergesehen hatte.
„Woher wisst Ihr von diesem Schmuckstück?“, fragte er gepresst.
„Ich habe gelauscht,“ antwortete Andamir frei heraus. „Ich weiß, dass es Euch nicht gehört. Woher habt Ihr es?“
„Nicht so schnell, mein junger Freund. Ihr bezichtigt mich des Diebstahls. Ich bin Händler, ich habe das Medaillon gekauft!“
„Von wem?“, kam die blitzschnelle Gegenfrage.
Dende lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Diese Art des Verhörs mochte er gar nicht, schon gar nicht, wenn er von einem adeligen Knirps ausquetscht wurde. Doch das Gespräch entwickelte sich noch interessanter, als er gedacht hatte. Der Junge kannte das Medaillon, vielleicht kannte er also auch dessen Vorbesitzer und Ursprung.
„Einer meiner untergegebenen Händler hat das Medaillon von einem jungen Mädchen gekauft, hier in Kayro'har,“ sagte Dende.
Aus dem Augenwinkel beobachtete er aufmerksam, wie sich Andamirs Miene verschloss. „Das ... kann nicht sein,“ murmelte er kaum hörbar und dann nach einer Weile: „Kann ich es sehen?“
Dende zögerte, doch dann holte er langsam das Medaillon aus seiner Tasche und hielt es ihm hin. Einige Augenblicke lang starrte der Junge konzentriert auf das Schmuckstück. Als er danach greifen wollte, schnellte Dendes Hand zurück und er schüttelte langsam den Kopf. Ihm entging nicht, dass Andamirs Blick bis zum letzten Moment an dem Medaillon hing, geradezu gierig, nein... suchend.
Dende würde vorsichtig vorgehen müssen, wenn er mehr Informationen aus dem Jungen herausbekommen wollte.
„Ihr kanntet das Mädchen?“, fragte er so einfühlsam wie möglich. „Aus Noato?“
Andamir lachte trocken auf. „Eine lange Geschichte“, sagte er sarkastisch. „Wir haben dringendere Probleme, oder?“
Innerlich musste Dende fast lächeln. Der Junge begann ihm zu gefallen. Wie konnte es Zufall sein, dass der Mensch, der Karas Vergangenheit kannte, ausgerechnet auch in Kayro'har war? Wenn die Situation nicht so ernst erschien, würde ihm die ganze Geschichte lächerlich vorkommen. Je mehr Informationen er erhielt, umso mehr Fragen taten sich vor ihm auf. Er würde noch einmal in Ruhe darüber meditieren müssen.
Nun jedoch setzte er eine besorgte Miene auf. Der Junge musste in seine Falle tappen.
„Du liebe Zeit,“ murmelte er betroffen. „Wenn ich das gewusst hätte.“
Alarmiert blickte Andamir auf. „Was?“
„Ich... es tut mir leid, ich hatte ja nicht den geringsten Hinweis, dass es Leute in Kayro’har gibt, die sie kennen, sonst...“
„Was ist passiert??“ Dende unterdrückte ein Schmunzeln. Der Junge schien kurz davor, dem beleibten Händler an die Kehle zu springen.
Zu emotional, dachte er bei sich. Deine Gefühle machen dich zu unaufmerksam, Kleiner...
„Dieses Mädchen,“ sagte er bedeutsam, „hat etwas... Schlimmes angerichtet. Euer Onkel hat ihr die Stadtwache auf den Hals gehetzt, und ich möchte nicht wissen, was er mit ihr anstellen wird, wenn er sie in die Finger bekommt...“
„Vulun?“, rief der Junge entgeistert. Seine Augen weiteten sich. „Er sucht sie? Verdammt, nun hör endlich auf dich in Rätseln auszudrücken, Fettwanst!“
Einen Moment lang weidete sich Dende an dem Anblick, als Andamirs - Arjuks - Ausdruck plötzlich erstarrte.
„Ihr ... was habt Ihr da gesagt? Onkel? Er ist nicht ... mein Onkel.“
Die letzten Worte waren ein reines Flüstern. Dende lächelte triumphierend. Er war darauf hereingefallen.
„So ist das also,“ antwortete er leise. Nun hatte er wieder die Oberhand gewonnen und blickte den jungen Grafen abschätzend an. „Ihr seid klug, zweifellos, doch zu schnell verliert ihr eure mühselig angelernte Beherrschung. Das passt doch nicht zu einem Prinzen.“
„Der Prinz ist tot!“, erwiderte Arjuk heftig.
„Ich glaube nicht,“ schmunzelte Dende. „Aber beunruhigt Euch nicht. Wie gesagt habt Ihr vor mir nichts zu befürchten. Ich werde nicht...“
Die beiden fuhren auf, als die Tür aufgestoßen wurde und ein breitschultriger Mann eintrat. Im Stillen stieß Dende einen Fluch aus. Nicht nur, dass ihm vollkommen entgangen war, dass sich der echte Kontaktmann im Anmarsch befand... Musste es auch noch ausgerechnet dieser Kontaktmann sein?
„Zwei Leute?“, brummte Bron, der Gehilfe des Schmuckhändlers. Er zog den Kopf ein, als er über die Schwelle schritt. „Das ist mir neu...“

-Was wiegt 180 Gramm, sitzt auf einem Baum und ist sehr gefährlich?
-Ein Spatz, der eine Pistole trägt.
-Richtig, das ist die einzig mögliche Lösung!

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VR: Blaues Blut (453 d.D) - von Mira - 06-03-2008, 20:33
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