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Es ist: 10-08-2022, 02:58
Es ist: 10-08-2022, 02:58 Hallo, Gast! (Registrieren)


Als die Sterne starben (330 d. 3. Epoche)
Beitrag #1 |

Als die Sterne starben (330 d. 3. Epoche)
Hallo!
Ich hatte schon länger vor, die Vorgeschichte meines Blutmond-Charakters zu schreiben und nun endlich hatte ich sowohl die Zeit als auch die Inspiration dazu. Mir gefällt es auch richtig gut. Mal sehen, was ihr dazu sagt. Icon_smile

Da es einige Verwirrung gab, hier mal ein Namensverzeichnis:
Kadiya (Kadi) - Nebelelbin, Hauptfigur
Barasushio (Baras) - Kadiyas Schattenpanther

Khèliara (Khèl) - eine von Kadiyas Mondschwestern
Yaléria (Lére) - Kadiyas richtige Schwester
L'ŝariéls (ŝar) - einer von Kadiyas Mondbrüdern
Za'jan und Joūn - weitere Mondgeschwister Kadiyas


Als die Sterne starben
(330 der dritten Epoche)


Mittägliches Sonnenlicht, vielfach gebrochen im hohen Dach des Waldes, tropfte auf den Waldboden, hinein in Kadiyas Augen, die im Nachhall des Schlafes nahezu schwarz schimmerten. Irritiert über das ungewohnte grüngoldene Dämmerlicht und ihr eigenes Wachsein in ebendiesem blinzelte sie und wandte mit einem unwilligen Murren den Kopf ab.
Es war spät, viel zu spät für ihren Geschmack, weshalb sie sich unter dem leisen Knarren ihres ledernen Jägerwamses wieder auf die Seite rollte, das Gesicht in das weiche Fell des leise im Schlaf vor sich hin brummelnden Barasushios schmiegte und ihren Umhang über ihre beiden Köper ausbreitete. Sie hatte gerade die störenden Geräusche des Tages ausgesperrt und war dabei, wieder in ihre erholsame Traumwelt überzugleiten, als sich ein grimmiges Brennen auf ihrem linken Unterarm ergoss.
Kadiyas Kopf ruckte herum.
Khèl!
Innerhalb eines Sekundenbruchteils war sie hellwach und auf den Beinen. „Hash!“, weckte sie ihren tierischen Begleiter und setzte einen schlecht platzierten Tritt in Baras Rippen, als dieser nicht sofort reagierte. Insgeheim wusste sie, dass dieses Verhalten nicht gerecht war, stand der junge Panther doch noch am Anfang seiner Ausbildung und konnte daher nichts für seine Trägheit. Aber die Umstände geboten zu allerhöchster Eile. Entschuldigen konnte sie sich später.
„Hash!', gemahnte sie den gähnenden Baras erneut, während sie nach ihren Waffen griff. Der Köcher mit ihren Pfeilen war kaum an ihrer Hüfte verstaut, der Shay fest und beruhigend in ihre Hand geschmiegt, da hetzte sie auch schon durch das dichte Unterholz - schattengleich. Ihre bloßen Füße flogen geradezu über den Boden, berührten weder die Teppiche aus Moos noch die zahlreichen Blumen, die groß und klein, rot, gelb, blau und violett aus diesem emporragten.
Die Dekaden als Jägerin hatten ihre Bewegungen geschmeidig werden lassen, nahezu so elegant und weich wie die des Schattenpanthers, der mit langen Sätzen hinter ihr herjagte.
Nicht ein einziger Zweig, ob tot am Boden oder grün am Ast, wurde von ihnen gebrochen, nicht ein Pilz seiner Krone beraubt. So blieben die einzigen Zeugen ihrer Hast das leise Rascheln der verwirbelten Blätter und die erschrockenen Rufe der Waldbewohner, die nicht wussten, wie ihnen geschah, wenn die beiden ungleichen Schatten so unvermittelt über sie hinweghuschten.
Ein Schwarm Waldammern, der in der mittäglichen Hitze auf einer Wiese vor sich hingedöst hatte, stob sogar kreischend davon, und während Kadiya, mittlerweile leicht außer Atem, durch die zurückgelassene braungraue Federwolke brach, erstarb das dumpfe Pochen auf ihrem Arm. So abrupt, dass sie ins Taumeln geriet.
Nein, schrie sie in Gedanken auf, und der Wald vor ihren Augen verschwamm zu einer formlosen grünen Masse.
Kurz darauf bremste die Wurzel eines Baumes ihren Lauf und die weichen Wedel eines jungen Königsfarns anschließend ihren Sturz. Für einen Moment lag sie atemlos, betäubt von dem Schmerz, welcher in ihrem Herzen wühlte.
Khèliara ... Das kann einfach nicht sein, versuchte sie sich einzureden. Nicht Khèl, ihre kleine Mondschwester mit den zwei unterschiedlichen Augen und dem viel zu weichen Herzen. Nicht sie!
Das lachende Gesicht Khèliaras vor Augen wollte sie aufschreien, da schlug ein dunkles Feuer in ihre rechte Brust, explodierte das Mal, welches ohne Wissen der anderen Mitglieder ihres Stammes seit Jahren dort geruht hatte. Der Schmerz traf Kadiya völlig unvorbereitet und ließ sie bis ins Mark erzittern.
Lére, zuckte es durch ihren Kopf – hart und nachhaltig wie ein Blitzschlag, doch zugleich nicht greif- geschweige denn fassbar.
In nächsten Augenblick schob sich Baras eckiger Kopf in ihr Blickfeld. Neugierig und verwundert darüber, dass seine Gefährtin so lange in dem Farn ruhte, obwohl sie doch vorher so zur Eile gedrängt hatte, schnüffelte er an ihr, stubste sie sogar vorsichtig an. Als sie darauf nicht reagierte, fuhr er ihr schließlich mit seiner rauhen Zunge einmal quer über das Gesicht.
Der leichte Schmerz der, ihm eigentlich untersagten, Liebkosung riss Kadiya schließlich aus ihrer Erstarrung, ließ sie nach der so benötigten Luft schnappen. Baras hatte sich kaum von seinem Schreck erholt, da hatte sie bereits nach seinem Nackenfell gegriffen, sich auf seinen Rücken geschwungen und ihre Fersen in seine Flanken getrieben.
Nie waren Stärke und Schnelligkeit des Panthers mehr willkommen gewesen, nie mehr benötigt. Beides würde, wie sie wusste, ob Baras Jugend, nicht lange anhalten, doch ihr Ziel war Nahe, der Ruf ihrer Schwester dringend. Noch einmal würde sie nicht zu spät kommen!
Erneut wischte Baum um Baum an ihnen vorbei. Schon waren sie an den Klippen des Ayrilík, dem Meer der Farben, welches zu dieser Stunde nur blassgelb schimmerte. Die safranfarbene Fläche begleitete sie, blitzte immer wieder zwischen dem Grün hindurch - in seinem eigenen Rhythmus zur Eile gemahnend.
Kadiya dachte bereits, sie würden nie ankommen, da stach ihr ein ätzender Geruch in die Nase. Mit einem Mal wurde ihr klar, dass das, was sie in der Ferne für früh aufkommenden Nebel gehalten hatte, in Wirklichkeit ein viel schlimmeres Übel war.
Nun vernahm sie das dumpfe Grollen des Ungeheuers, spürte sie, wie seine unzähligen Zungen heiß über ihre Haut zu lecken begannen. Um sie herum schrien die alten Riesen lautlos ihren Schmerz hinaus, ihr letzter Atemzug jedoch nicht mehr als ein leichtes Ächzen.
Kadiya konnte das Sterben um sich herum kaum ertragen und war dankbar für die Stumpfheit ihrer empathischen Sinne, die die Anwesenheit der Sonne mit sich gebracht hatte.
„Yaléria!“, schrie sie in den zuckenden Leib des Feuers hinein, als sich Baras unter ihr plötzlich aufbäumte. Der Geruch des Feuers hatte die alte, tief verwurzelte Angst geweckt, die jedem Tier zu eigen war, und der Trieb zur Flucht war so stark, dass selbst die Liebe zu dem Wesen auf seinem Rücken überschattet wurde. Mit angelegten Ohren und nervös hin und her ruckendem Kopf wich er zurück, ignorierte sogar die Fersen, die sich ein weiteres Mal schmerzhaft in seine Flanken gruben.
„Beim Blut der Ahnen! Reiß dich zusammen, Baras!“, verlangte Kadiya aufgewühlt, aber sie merkte schnell, dass der junge Panther viel zu verängstigt war, um sie überhaupt wahrzunehmen. Mit einem weiteren Fluch auf den Lippen glitt sie von Baras Rücken, bevor dieser Hals über Kopf das Weite suchte. Sie sah ihm nicht hinterher - der Panther würde seinen Weg aus dem Feuer allein finden -, sondern wagte sich tiefer hinein in den Rauch, der schwarz und bedrohlich über ihr zusammenschlug.
„Lére! Kannst du mich hören?! Antworte mir!! Lé...!“ Husten erstickte ihre Rufe, ließ sie keuchend nach Luft ringen, was sie noch mehr Asche schlucken und fast zu Boden gehen ließ.
Sie tastete nach einem Halt, fand aber nur Hitze flimmernde schwarze Stümpfe, die unter ihren Fingern zu einem Funken werfenden Aschenest zerfielen. Panisch wich sie zurück, zwei, drei Schritte, dann verfingen sich ihre Füße in etwas Weichem, Nachgiebigem.
Jahrelanges Training sorgte dafür, dass ihr Körper den Sturz instinktiv abfing, so landete sie nach dem Abrollen sicher auf beiden Füßen - wobei ihre Finger über das vertraute Gefühl mondgeschmiedeten Silbers striffen. Irritiert – sie selbst trug schließlich nur das schlichte, aber praktische Ledergewand der Jäger – senkte sie den Blick und zuckte entsetzt zurück.
Khèliara. Kalt wie die Wasser der Quellen von Ger'thua kroch ihr Blick unter Kadiyas Haut und beißend der Anblick ihrer fahlen, leblosen Züge in ihren Verstand. Er grub sich mit Zähnen hinein, so tief und gifttriefend, dass die Wunden sicherlich noch bis an ihr Lebensende schmerzen würden.
„Oh ihr Ahnen ... nein ... nein“, stöhnte sie auf, gepeinigt die Augen schließend. Das Schweigen ihres Mals war bereits qualvoll gewesen, doch es war nichts im Vergleich zu dem, was nun in ihrem Inneren wühlte, ihre Eingeweide umdrehte und schließlich bitter aus ihr herausbrach.
Um sie herum verging der Hain in Flammen. Die fauchenden Finger griffen nun auch nach ihr, ihrem Haar, ihrer Kleidung – immerhungrig, während Baum um Baum berstend in den Tod fiel. Die kleineren Pflanzen hingegen welkten lautlos, ebenso wie Kadiyas Tränen, die kaum aus ihrer wimpernreichen Wiege entlassen in der staubstarren Luft vergingen.
Das Sterben war allgegenwärtig und erdrückend. Das Brennen der Blutsrunen auf ihrer Haut schrie geradezu nach ihrer Aufmerksamkeit, doch so sehr sie es auch wollte, so sehr es sie auch danach verlangte, Lére zu Hilfe zu eilen, ihr Körper schien wie gelähmt, harrte schweißtreibend in der Hitze.
Wie sollte sie in diesem Flammenmeer ihre Schwester finden?
An ihrer Hilflosigkeit verzweifelnd schaute sie sich um, versuchte, ob sie in der wogenden Feuersbrunst nicht vielleicht doch noch die geliebte Gestalt Léres ausfindig machen konnte.
Als ihr braunes Haar kurz davor stand, endgültig von den züngelnden Mündern verschlungen zu werden, bohrte sich plötzlich der silberne Verschluss ihres Umhangs in ihre Kehle und schnürte ihr die Luft ab. Ehe sie noch auf den hinterhältigen Angriff reagieren konnte, fühlte sie sich bereits von den Füßen gerissen. Khèliaras Augen, noch immer verstörend, zogen vorbei; einen Moment später war von ihr nicht mehr zu sehen, als das in rot getauchte Silber ihrer Rüstung. Dann war auch das verschwunden, verhüllt von einer Wand aus Feuer. Sie wischte nur knapp an ihren Fußsohlen vorbei, aber Kadiya blieb keine Zeit, aufzuatmen, sah sie doch zwischen den Flammen etwas Silberweiss aufblitzen.
Lére!
Der Gedanke an ihre Schwester brachte ihr die Kraft, die sie brauchte, um sich gegen ihren Angreifer zu wehren, und während sich ihre Füße in den Boden stemmten, ihre Linke sich Erleichterung suchend zwischen den Hals und das bedrängende Silber schob und die andere Hand versuchte, in ihrem Umhang eines ihrer Kúawarrăns zu erhaschen, vernahmen ihre Ohren ein vertrautes Knurren.
Baras? Konnte es sein?
Verwundert wollte sie den Kopf wenden, doch der kräftige Zug um ihren Hals, der sie beständig weiter durch die Flammen schliff, machte dies unmöglich. Ihr wurde schwindelig.
„Argh, Baras ... stopp“, schaffte sie schließlich hervorzuwürgen, nachdem es ihr mit der vereinten Kraft beider Hände endlich gelungen war, die Kette um ihren Hals etwas zu lösen. Eifrig sog sie die so arg benötigte Luft in ihre Lunge, die sich sogleich unter einem Hustenanfall zusammenkrampfte, hatte sie doch für einen Moment die Asche vergessen, die mittlerweile jeden Kubikmillimeter des Hains schwängerte.
„Halt ... an!“
Erneut begann die Umgebung zu verschwimmen. Da ließ der Griff um ihre Kehle endlich nach, und sie sackte keuchend in die flimmernde Asche.
„Ba ... ras.“ Halbblind tastete sie nach ihrem tierischen Gefährten, ein erleichtertes Seufzen auf den Lippen, als sie endlich dessen samtenes Fell unter den Fingerspitzen und seine rauhe Zunge auf ihrer Handfläche verspürte. „Du bist ... zurück... gekommen ... für mich.“
Der Panther knurrte zustimmend, ließ aber nicht davon ab, ihr weiterhin in eifriger Besorgnis über die Hand zu lecken. Sie wollte sich aufrichten, sich auf seinen Rücken und somit in Sicherheit bringen, sackte aber wieder zurück in den Staub – ihr rasselnder Atem nicht mehr als ein kläglicher Versuch, Sauerstoff in ihre Lungen und somit in ihre Muskeln zu pumpen. Es war so unglaublich heiß ...

Als der Schattenpanther merkte, dass sich die seltsame Zweibeinerin, die seit Kurzem alles war, was er an Familie hatte, nicht dazu bewegen ließ, mit ihm aus dem bedrohlichen Flammen zu fliehen, tänzelte er aufgeregt um sie herum, hier und da gegen den mit einem Mal so merkwürdig schlaffen Körper stupsend. Schließlich obsiegte der Instinkt zur Flucht über die Regeln und Wünsche der Zweibeinerin. Er packte sie ein weiteres Mal an dem lustigen, flatternden Ding, das diese immer trug und begann zu rennen.


Weiches Silber umschmiegte die Blätter der Bäume, hüllte alles in eine unwirkliche Patina, während die Nacht mit sanften Fingern über Kadiyas wunde Haut strich, sich wie eine kühlende Decke darüberlegte und sie schließlich weckte. Mehrere Minuten lag sie einfach nur da, beobachtete, wie sich die Bäume über ihr leise knarrend in der Dunkelheit wiegten, lauschte dem Ruf des Bartkauzes und presste sich seufzend noch tiefer in das Bett des Mooses. Sie wollte nicht nachdenken, nichts empfinden; alles, sowohl Innen als auch Außen fühlte sich viel zu bitterwund an - aufgerieben und verbrannt.
Ihre rechte Hand wanderte suchend über den Boden, wühlte sich nach Halt sehnend in Baras Fell, verkrampfte sich geradezu darin. Dann kamen die Tränen. Ungewollt und heiß schoben sich unter ihren Lidern hervor und liefen ihre Schläfen hinab, hinein in den grünen Teppich, der ihr trotz seiner Weichheit doch keinen Trost bieten konnte.
Baras, der ihren Kummer spürte, schmiegte sich leise schnurrend an sie. Er leckte über ihre feuchten Wangen, und dieses Mal schob sie ihn nicht davon, presste sich im Gegenteil noch fester an ihn, um seine Wärme in sich aufzunehmen.
War es tatsächlich erst einen halben Mondzyklus her, seit sie sich eine Auszeit von ihren Pflichten als erste Jägerin genommen hatte, um die Bindung an den Schattenpanther in der Einsamkeit der Wälder zu vollenden? Es schien ihr, wie eine Ewigkeit, nun, da sie ihre Schwester für immer verloren zu wissen glaubte.
Ach, Lére, es tut mir so leid ... so leid.
Ein heiseres Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, immer und immer wieder, bis sie sich wie ausgehöhlt fühlte.
„Kadiya, Schwester. Endlich habe ich dich gefunden.“ Die weiche Stimme L'ŝariéls strich über ihren wunden Geist wie seine kühle Hand ihre Haut – beide Gesten so tröstend, dass sie eine kleine Weile brauchte, um sie als real zu verstehen und darauf zu reagieren. Trotzdem fiel ihr das Heben der Lider unglaublich schwer, das Wenden des Kopfes fast schon unmöglich.
Als sie es endlich schaffte, hatte die heilende Salbe der Bra'at'asch-Blätter bereits den Weg auf ihre Haut gefunden. Sie seufzte – halb vor Erleichterung, halb vor Schmerz.
„Ŝar, oh, Ŝar.“ Die Worte fühlten sich an, als hätte sie eine handvoll Silbersplitter in ihren Mund geschoben. Ein Schmerz, der von ihrem Mondbruder geteilt wurde, als er erneut sprach.
„Ja, ich weiß ... Khèl ...“ Seine Stimme, ohnehin schon sehr leise, zerbrach.
Ihre Augen trafen sich und ihr waidwundes Feuer brandetete gegeneinander, verband sich und konnte doch keinem von ihnen die so benötigte Linderung bringen. Dafür entfaltete die Heilsalbe nun ihre Wirkung, so dass Kadiya langsam in der Lage war, die zahlreichen Schmerzimpulse ihrer Haut auseinander zu differenzieren.
„Za'jan ... Joūn ...“, brachte sie stockend hervor.
„Verschwunden“, war alles, was ihr Bruder erwiderte, während sein Blick besorgt Kadiyas verbrannte Hände musterte. Seine eigenen zitterten unmerklich, offenbahrten, wie es im Moment wirklich um ihn stand.
„Was ist passiert?“
„Diese Wunden müssen richtig versorgt werden.“
Ŝar, was ist passiert?“, fragte sie erneut, drängender dieses Mal. „Der Sha’rash Hain ... ich habe ihn brennen sehen ... ein Feuer ... so wild.“ Die Erinnerung ließ sie schaudern. „Es war ... war entsetzlich und so ... so“, sie suchte nach Worten, um auszudrücken, was ihre Sinne in den Flammen gespürt hatten, „... so falsch.“
Menschen.“ L'ŝariél spie das Wort geradezu aus, wie einen schlecht gewordenen Bissen, und mit solch einem Hass, dass Kadiya unwillkürlich zurückwich.
„Ŝar“, wollte sie ihn beruhigen, aber er hörte sie nicht, weilte mit Gedanken und Augen meilenweit weg.
„Ein kleine Gruppe von ihnen hat vor zwei Nächten den Wall durchbrochen. Khèl, Za'jan und Joūn eilten zur Unterstützung der Wächter; sie waren unter den Ersten im Hain, aber wohl zu spät, um das Feuer zu verhindern. Soweit wir wissen, gab es einen Kampf, und Khèl ... sie ...“
Kadiya schloss die Augen, versuchte, sich die letzten Momente ihrer kleinen Mondschwester vorzustellen. Hatte sie Angst gehabt? Oder war ihr gar nicht bewusst gewesen, dass der sonst so ruhige Hain am Rande der Menschenlande der Ort ihres Todes sein würde?
Das Bild Khèliaras, wie sie mit diesen so entsetzlich leeren Augen in den Flammen gelegen hatte, verblasste unvermittelt, ebenso wie die Anwesenheit Ŝars und des restlichen Waldes.
Ein überraschter Laut entwich ihren Lippen, ein Laut, der den Namen einer geliebten Person auf seinem gehauchten Rücken trug. „Lére ...“
„Oh, Kadi, natürlich. Bitte entschuldige, deine Schwester, ich vergaß.“ Ŝar wollte sie tröstend in seine Arme schließen, doch Kadiya drückte ihn aufgeregt weg. Konnte es sein ...? War es möglich ...?
Mit fliegenden Fingern, und den Schmerz in ebendiesen ignorierend, löste sie die Schnallen ihres ledernen Wamses.
„Was tust du?“ Die verwirrte Stimme ihres Bruders klang so weit und schwach an ihre Ohren wie die Wellen des Ayrilík. Im nächsten Moment sogen sie beide verblüfft die Luft ein. Er, weil er etwas sah, das es eigentlich nicht geben durfte – zumindest nicht auf ihrer Haut - und sie, weil sie etwas sah, mit dem sie, trotz des plötzlich ach so klaren Pochens, nicht mehr gerechnet hatte.
Das filigrane Muster auf ihrer rechten Brust, sonst in schlichtes Schwarz gewandet, pulsierte schwach, so dass es schien, als wünden sich die verschlungenen Linien in neuem Leben.
„Lére ...“ Geradezu ehrfürchtig strich Kadiya über das Blutmal, wagte kaum zu atmen, so unfassbar schien ihr dessen Leuchten. Es war nicht verloschen, ihre Schwester zwar verletzt, aber am Leben!
Sie spürte, wie sich Baras Kopf leicht gegen ihre Schulter drückte. Es war wohl der Wunsch, nach Aufmerksamkeit, der ihn trieb, ihr jedoch schien es, wie die Aufforderung, aufzusitzen, als würde er fragen 'worauf wartest du noch?'.
„Du musst mir helfen, sie zu finden“, flüsterte sie ihm zu. Da fühlte sie sich am Arm gepackt.
„Kadiya, wie konntest du?“
Ŝar! Wie habe ich ihn nur vergessen können? Schuldbewusst verbarg sie das verbotene Mal wieder unter weichem Leder. Eine überflüssige Geste, denn ihr Mondbruder hatte die Runen gesehen und ihre Bedeutung erkannt. Er wusste, ebenso wie sie selbst, dass er etwas Verbotenem ansichtig geworden war, dass es dieses Mal nicht geben durfte. Doch würde er sie verraten?
Kadiya schaute auf. „Du weißt, wie viel mir Lére bedeutet, immer bedeutet hat“, versuchte sie zu erklären.
Ihr Gegenüber schüttelte nur verständnislos den Kopf. „Soweit hättest du nicht gehen dürfen, unabhängig davon, wie sehr Lére dir am Herzen liegt. Sie gehört nun einmal nicht zu unserem Mondzirkel.“
Kadiya seufzte unmerklich. Ihr Mondbruder erzählte ihr da nichts Neues, im Gegenteil, er wiederholte genau die Bedenken, die sie selbst jahrelang gehegt hatte. Sechs Sonnenwenden vor ihr geboren, war Yaléria zu alt, beziehungsweise sie selbst zu jung, um bei der zweiten Mondweihe in ein und denselben Mondzirkel gewählt zu werden. Und nur den zwanzig Mitgliedern eines Zirkels war es gestattet, Blutmale voneinander zu tragen - als Zeichen der Verbundenheit und um jederzeit zu wissen, wie es um die Geschwister des Bundes bestimmt war.
Sie, Kadiya dythar'dîn morà, hatte mit der Schaffung dieses Blutmals gegen die Regeln ihres Volkes verstoßen, man könnte sogar sagen, sie hatte einen heiligen Ritus entweiht, aber damals und auch jetzt in diesem Moment war ihr all dies egal.
Ihre Schwester brauchte sie, Za'jan und Joūn brauchten sie, und sie würde nicht noch einmal versagen, nicht noch eines ihrer Geschwister, ob nun durch Blut oder durch die zweite Mondweihe verbunden, verlieren. Die rechte Hand, schmerzhaft fest zur Faust geballt, wanderte zu ihrem Herzen, als sie sich und ihren Ahnen einen heiligen Eid schwor.
„Ya'ran esh sha'la“, beendete sie leise ihren Schwur mit den rituellen Worten, die ein Versagen mit dem eigenen Tod begleichen würden.
Als sie die Augen wieder öffnete, begnete sie den ungläubig schauenden Augen ihres Bruders mit Gelassenheit, und plötzlich, ohne ein weiteres Wort wusste sie, dass dieser sie zwar nicht begleiten, ihr dafür aber etwas viel Größeres und ungleich Wertvolleres mit auf den Weg geben würde: sein Schweigen.
„Danke“, flüsterte sie halberstickt von den Tränen, die erneut ihre Kehle hinaufdrängten. Ihre Lippen fanden seine Wange – der gehauchte Kuss Zeichen der Liebe und Wiederholung des stummen Versprechens zugleich.

Blassviolett schob sich der Tag über den Rand der Welt – weckte die Lichtliebhaber unter den Tieren, während sich die scheuen Bewohner der Nacht in ihre kühlen Behausungen zurückzogen. Noch herrschte eine unwirkliche Stille, in diesem einen kurzen Moment zwischen Nacht und Dämmerung, wenn alles in dieses seltsame Zwielicht getaucht ist. Fast schienen die uralten Nebelwälder so geheimnisvoll und unberührt wie immer, wäre da nicht die hässliche Narbe gewesen, die sich von einem Ende der Landenge zum anderen erstreckte.
Der Anblick der gespenstigen Stümpfe bereitete Kadiya nahezu körperliche Schmerzen, und sie drängte Baras zur Eile, um aus dieser schwarzen Heimat des Todes zu verschwinden. Schon sah sie in der Entfernung die Kronen des Walls, die verschlungenen Äste und Zweige der Pflanzen, aus denen er bestand, dann sogar die Überreste der Menschen, die damals von ihren Vorfahren in den Wall hinein gewoben worden waren. Ob sie ihn wohl jemals wiedersehen würde?
Kadiya blickte zurück auf die Kronen Gath'ai gwedh Talath's, wie sie sich leicht in dem beginnenden Morgen wiegten. Zerbrechlich schienen ihr diese nun, das Urvertrauen ihrer Jugend zusammen mit dem Sha'rash Hain und ihrer Mondschwester Khèliara für immer verbrannt. Und mit einem Mal wurde sie sich bewusst, dass hier weder Sicherheit noch Zuhause finden zu vermochte. Die Menschen hatten ihr alles geraubt, und dafür würde sie sie bluten lassen.

Als das Meer der Farben glutrot lodernd die Sonne begrüßte, betrat der erste Schattenpanther nervös den Boden der Menschenlande – auf seinem Rücken eine von fließendem, dunkelblauem Stoff verhüllte Gestalt, die stolz und aufrecht ihre Umgebung nach etwas Bestimmten abzusuchen schien.

"I wish a car would just come and fucking hit me!"
"Want me to hail a cab?"
"No, I'm talking bus!"  (The four faced liar)

Da baumelt die kleine Doktorspinne in ihrem Seidenreich und träumt von ihren Silberfäden.
[Bild: riverdance.gif]

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Als die Sterne starben (330 d. 3. Epoche) - von Adsartha - 11-10-2009, 02:59

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