Es ist: 19-02-2020, 02:00
Es ist: 19-02-2020, 02:00 Hallo, Gast! (Registrieren)


Umfrage: Was wählst du? (Erst lesen, dann abstimmen)
Du wartest ein paar Tage und lässt noch mal prüfen, ob Otto die Konzession wirklich nicht besitzt.
Du gehst das Risiko ein und zerstörst die Brücke sofort
[Zeige Ergebnisse]
 
 
München - Eine historische Kurzgeschichte (Teil 1)
Beitrag #1 |

München - Eine historische Kurzgeschichte (Teil 1)
Teil 1
~
Teil 2
~
Teil 3.1 | Teil 3.2

„Ich werde eine Brücke bauen.“
Die Adleraugen, deren stechender Blick unter buschigen Augenbrauen hervorsah, musterten jeden der Berater aufmerksam, bemerkten jede Geste, jeden unwilligen Blick. Niemand sagte etwas.
Heinrich XII., Herzog von Bayern, warf noch einmal einen Blick in die Runde.
„Eine Brücke über die Isar. Mit der Salzstraße werde ich viel Geld durch die Zolleinnahmen einnehmen.“
Das Gesicht seiner fünf Berater zeigte weiterhin keine Regung, während sie offensichtlich über das Vorhaben Heinrichs nachdachten, denn genau das war es: Kein Vorschlag, keine Überlegung, einfach ein Vorhaben. Genau das, was sie von ihm zu erwarten hatten. Wie der Beiname „der Löwe“ schon verriet, war er kein Zögerling, keiner, der lang nachdachte, jemand, der alles, was er wollte, durchsetzte. Wenn er etwas wollte, dann wurde das auch gemacht.
Eine Brücke für die Salzstraße war da ein weniger außergewöhnlicher Einfall; schließlich wurde das Salz nicht umsonst als weißes Gold bezeichnet.
Nach einer kurzen Zeit des Schweigens setzte ein Mann zu sprechen an, dessen Augen von langer Erfahrung kündeten, obwohl er erst in einem Alter von dreißig oder vierzig Jahren zu sein schien. „Aber wie wollt Ihr die Salzstraße umlegen?“, fragte er. „Sie verläuft über die Brücke der Bischöfe von Freising, und das schon seit langer Zeit. Einfach umlegen könnt Ihr sie nicht, seid versichert, dass Otto da Einspruch erheben wird.“
„Natürlich ist die Möglichkeit da, eine alternative Route zu bauen“, fügte ein weiterer, beinahe dürrer Mann mit buschigen Augenbrauen hinzu, der trotz seiner langen Erfahrung stotterte, was ihn unsicher wirken ließ. „Wohin wollt Ihr die Brücke bauen? Ist der Platz weit entfernt, so weiß ich nicht, ob es sich lohnt, das Gold zu investieren. Ist sie zu nah an Ottos Brücke, werden sich die Händler für den altbewährten Weg entscheiden. Und wenn Ihr den Zoll senkt, um die Händler herzulocken, werdet Ihr irgendwann nicht einmal die Instandkosten für die Brücke verdienen und sie aufgeben müssen.“
Heinrich sah ein weiteres Mal in die Runde. Jeder seiner Berater stimmte dem Gesagten zu, einige mit Worten, andere lediglich mit ihrem Gesichtsausdruck, was jedoch gar nicht so einfach war: die Kirchturmuhr schlug gerade zwei Uhr und da das Fenster des Raums im Rücken Heinrichs gebaut war, wo die Sonne direkt hineinschien, mussten die Berater die Augen zusammenkneifen, wenn sie ihren Herrn ansahen. „Ich nehme an, Otto wird seine Kontrolle über die Salzstraße nicht freiwillig abgeben.“ Wieder schweifte der Blick in die Runde, bis die Männer durch ein Nicken zeigten, dass sie derselben Meinung waren.
„Und solange er die Brücke hat, wird das auch so bleiben.“
Einer seiner Berater fuhr auf, ein dicker Mann, dessen Alter man nur schwer einschätzen konnte, als er das hörte.
„Ihr meint, dass...“, fing er an und vor Aufregung schienen die roten Äderchen auf seiner Nase, die vom langen und häufigen Trinken zeugten, zu pulsieren. Dann jedoch fing er den eisigen Blick Heinrichs auf und brach ab. „Verzeiht, mein Herr!“, entschuldigte der Mann namens Cuno sich unterwürfig und senkte den Blick, was zudem den Vorteil hatte, dass er nicht mehr geblendet wurde.
Zufrieden bedeutete der Welfe ihm, weiterzureden. „Ihr wollt die Brücke des Bischofs von Feringa zerstören?“, fragte Cuno daraufhin, bemüht darum, sich unter Kontrolle zu halten. Er schien stark zu schwitzen, aber das konnte auch an der außerordentlichen Leibesfülle und dem heißen Tag liegen.
Die anderen Berater behielten indes weiterhin die Fassung, denn es war riskant, den cholerischen Heinrich mit zweifelnden Mienen zu provozieren. Dennoch flackerten ihre Blicke nervös hin und her.
„Haltet Ihr diese Idee etwa für eine schlechte?“, fragte Heinrich, dessen Stimme sich bereits verdächtig nach unterdrücktem Zorn anhörte. Eine sehr kühler, abschätzender Ton zeugte, wie die Berater aus Erfahrung wussten, von einem möglichen, baldigen Wutausbruch.
„Nein, nein, es ist nur eine ziemlich riskante Idee“, sagte Cuno in einem Versuch der Beschwichtigung.
„Und bin ich dafür bekannt, ein Feigling zu sein?“, fragte er spöttisch. Eine Antwort erwartete er gar nicht, denn sein Ruf war ihm durchaus bekannt.
„Dennoch, mein Herr“, setzte einer der Berater, der Älteste, der bereits ergraut war, an. „Selbst Ihr, der Ihr ja immer gewusst habt, wo Eure Grenzen liegen und wie viel Ihr für Euch rausholen könnt, selbst Ihr solltet vielleicht noch einmal überdenken, ob Ihr diesen Schritt wagt.“ Als Heinrich etwas einwenden wollte, redete er schnell weiter: „Bitte, lasst mich ausreden. Verzeiht, aber ich bin noch nicht fertig“, entschuldigte er sich . „Wie gesagt, ein solcher Schritt könnte unter Umständen große Schwierigkeiten beinhalten. Aber dies dürftet Ihr leicht umgehen können. Ich denke, Euch ist bewusst, dass Ihr Ottos Brücke auf keinen Fall offen vernichten könnt. Dazu hat Otto zu viel Macht, vor allem über das einfache Volk. Wenn Ihr ohne Berechtigung einem Diener Gottes Schaden zufügt, dann hat sieht das Volk in Euch einen Gegner. Und wenn nicht, dann wird Rahewin dafür sorgen.“
Heinrich zog die Augenbrauen hoch.
„Rahewin?“, fragte er.
„Der neue Gehilfe Ottos“, antwortete der Mann, der Markwart genannt wurde. „Einer, der den Bischof verehrt, der aber gleichzeitig seine Macht zu nutzen weiß. Ihm ist klar, dass Otto zu gutmütig ist, um einzusehen, dass so etwas von großer Wichtigkeit ist. Also tut er dies oft ohne das Wissen Ottos. Er würde das Volk in jedem Fall gegen Euch aufhetzen.“
„Ohnehin ist mir klar, dass es zu weit gehen würde, die Brücke unverhohlen niederzubrennen. Daher werde ich es wie einen tragischen Unfall aussehen lassen, sodass es nicht auf mich zurückzuverfolgen ist. Etwa mit einem Bewohner von Freising, möglichst mit Zugang zu der Brücke, oder dem Zöllner. Geld spricht die größten Worte.“
„Das war auch meine erste Idee“, erwiderte der Berater. „Allerdings ist die Gefahr zu groß. Sollte der Zöllner zum Beispiel doch nicht ganz so bestechlich sein, wie Ihr meint, dann sind wir aufgeflogen. Und selbst wenn alles glatt geht, so geht der erste Verdacht doch auf Euch, mein Herzog, als Erbauer einer konkurrierenden Brücke.“
„Aber wie sollen wir es dann machen?“, fragte Heinrich. „Wenn wir Ottos Brücke offen vernichten würden, würde weder das Volk das zulassen noch Friedrich, dies habt Ihr selbst gesagt.“
„Da habt ihr Recht“, sagte der Mann. „Jedoch habe ich mich an etwas erinnert, das mir aufgefallen ist, noch bevor Ihr mich zu Euch geholt habt, mein Herr. Damals, vor etwa zwanzig Jahren, stand ich in Diensten Konrads III. Als Otto damals zum Nachfolger von Heinrich I. als Bischof von Freising geweiht wurde, war ich dafür zuständig, dass dies rechtsmäßig ablief. Im Rahmen dieser Aufgabe sah ich alle Dokumente durch, die gehörig zu den Bischöfen von Freising und ihrer Brücke waren. Dabei fiel mir etwas auf. Ich konnte keine reichsrechtliche Konzession für Markt, Münze und Zoll finden.“
Die Berater tauschten einen aufgeregten Blick. Sie alle wussten genau, was das zu bedeuten hatte.
„Das heißt?“, fragte Heinrich, der sich nicht davon anstecken ließ. War er auch sonst leicht zu reizen, dass seine Berater sich besser auskannten als er, kümmerte ihn nicht. Sie hatten das Wissen, er die Macht. Zumindest an Letzterem würde sich nie etwas ändern.
„Ich bin nicht sicher, aber falls das so wäre, dann könntet Ihr vermutlich die Brücke und den Markt Ottos angreifen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen werden zu können. Ein weiterer Vorteil ist, dass Kaiser Friedrich nur schwerlich ohne Euer Heer auskommt.“
„Tjaja, mein lieber Cousin.“, sagte Heinrich besonnen lächelnd offensichtlich zu sich selbst. Dann erst ging er auf die Idee seines Beraters, der Markwart hieß, ein. „Das ist eine gute Idee“, meinte der Welfe. „Aber warum habt Ihr, als Ihr dies entdeckt habt, das nicht Otto oder zumindest Konrad gemeldet?“
„Sich in die Angelegenheiten mächtiger Leute einzumischen ist gefährlich für jemanden wie mich, der nicht weiß wie Ihr, wie viel er wagen kann, ohne bestraft zu werden.“
Heinrich zischte bloß abfällig durch die Zähne.
„Dennoch“, meinte der Welfe schließlich. „Nun gereicht es sich als Vorteil. So seid Ihr ein guter, wenn auch ein feiger Berater.
„Ich gebe mein Bestes, Herr“, erwiderte Markwart und schlug die Augen nieder. Auf den zweiten Teil des Satzes ging er gar nicht ein.
Nun erhob der jüngste Berater, Adelman, seine Stimme. Er hatte sich die langen braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und seine grünen Augen hatten etwas stechendes an sich, für viele Leute etwas unangenehmes, da man das Gefühl hatte, die Augen würden einen durchleuchten, einen schutzlos machen.
„Ich hielte es für keine gute Idee, mein Herzog, sofort die Brücke von Otto anzugreifen. Schließlich wäre es durchaus möglich, dass Selbiger die Konzession besäße, allerdings keine Kopie am kaiserlichen Hof bei Friedrich vorliegt.“ Cuno wollte ihn unterbrechen, doch Adelman redete schnell weiter. „Oder Otto hat sich die Konzession geholt, nachdem Ihr, Markwart, der Ihr durchaus beachtliche Arbeit geleistet habt, diese Lücke entdeckt habt. Solltet Ihr, mein Herzog, nun Otto angreifen und dieser könnte die Konzession vorweisen, so würde die Strafe eine hohe werden. Mir ist natürlich bewusst, dass ihr Keiner seid, der es vorzieht, vorsichtig zu handeln. Doch in diesem Falle wäre das riskant oder gar leichtsinnig, denn auch Eure Armee wird Euch nicht helfen können, wenn Ihr ohne irgendein Recht Ottos Brücke zerstört habt. Und außerdem müsst Ihr Euch davor die Konzession holen, sodass Ihr sicher sein könnt, dass Friedrich sie Euch auch gibt.“
Bevor Heinrich sich ein Bild machen konnte, sprach sich jedoch der ältere Berater dagegen aus:
„Sicherlich werden wir ein Risiko eingehen. Doch dies ist unvermeidlich. Denn je länger wir noch warten, desto wahrscheinlicher ist es, dass unser Plan zu Otto durchsickert. Uns die Konzession bei Barbarossa davor abzuholen, kommt auf keinen Fall in Frage. Als Neffe von Otto dürfte Friedrich sich durchaus für die Angelegenheit interessieren und verstehen wollen, warum Ihr eine Brücke in einer so aussichtslosen Position baut. Wenn Ihr ihm dies daraufhin erklärt, wird der Kaiser seinen Onkel natürlich benachrichtigen.“
„Und dann würde Otto natürlich bei uns nachfragen. Wenn Ihr darauf immer noch die Brücke angreift, werdet Ihr in große Schwierigkeiten kommen“, ergänzte Cuno. „Schließlich nähme Euch das sehr viel von Eurer Argumentation, dass Ihr Ottos Brücke nur deshalb zerstört habt, um dem Unrecht Einhalt zu gebieten.“
„Nicht viel genug“, widersprach Adelman daraufhin. „Nicht viel genug. Eure Vorteile sind weiterhin groß genug, dass Friedrich Euch nicht verurteilen wird: Ihr müsst bedenken, dass auch Eure Armee eine Rolle spielen wird.“
Wieder setzte Markwart zu einer Entgegnung an, aber Heinrich unterbrach sie mit einer Handbewegung. Er hatte genug gehört, nun musste er sich entscheiden und genau das tun, was seine große Stärke war: Einschätzen, wie weit er ohne weitreichende Folgen gehen konnte.

Nun bist du Heinrich. Willst du auf Nummer sicher gehen und noch einmal prüfen lassen, ob Otto von Feringa die Konzession wirklich nicht besitzt oder die Brücke sofort zerstören (bitte an der Umfrage teilnehmen Icon_wink )?

So, die Überarbeitung ist jetzt ein wenig länger geworden und der strategische Teil auch etwas größer. Ich hoffe, ihr konntet alles nachvollziehen, denn so stelle ich mir das aufgrund meiner Recherchen vor. Zum Stilistischen kann ich noch sagen, dass ich leider nur sehr wenig Erfahrung im Genre Historik habe, weshalb es sprachlich noch etwas holpern könnte. Aber...Übung macht den Meister. Icon_smile Ok, über Feedback würde ich mich freuen und natürlich auch über eine Teilnahme an der Umfrage Icon_wink .

PS: Die...ja, Geschichte, von der diese die Verbesserung ist, habe ich jetzt rausgenommen, da das vielleicht zu sehr ablenkt und man annehmen könnte, dass das hier die Fortsetzung ist.

EDIT: @löschen der ursprünglichen Geschichte:
Wie auch weiter unten geschrieben, tut es mir wahnsinnig leid, dass ich vergessen habe, dass ich mit dem Vernichten des Threads auch die Arbeit der Kommentatoren Adsartha und Swaraj vernichte. Ihr habt mir sehr weitergeholfen! Hoffentlich vergebt ihr mir.

"Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des >Volkes< selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives und er weiß, dass man die Menge nur als >Volk> anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können!"
Thomas Mann, Doctor Faustus (1947)

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Nachrichten in diesem Thema
München - Eine historische Kurzgeschichte (Teil 1) - von rex noctis - 15-01-2011, 17:53

Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2020 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme