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Es ist: 31-03-2020, 17:58
Es ist: 31-03-2020, 17:58 Hallo, Gast! (Registrieren)

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Ein Tag
Beitrag #1 |

Ein Tag
Ein Tag

Studie von
Hans Werner


Gunter Grapuschke hatte wieder einmal einen Tag verbracht, zugebracht in jenem Müßiggang, der ihm seit seiner Pensionierung zur Gewohnheit geworden war. Früher war er Bauunternehmer, doch nun hatten die Jungen seiner Familie das Zepter übernommen. Allerdings wankte sein Imperium, denn nicht immer waren sie sich einig. Doch er, der Senior, hatte sein Schäfchen, wie man so sagt, im Trockenen. Sorglos konnte er von einem Tag in den andern hineinleben. Doch gerade darin bestand seine Sorge. Sein Leben hatte an Spannung verloren. Die Feder seines Herzens besaß keine Elastizität mehr. Würde sie durch irgendein großes Ereignis angespannt, zum Beispiel durch den Tod seiner Gattin, dann ging sie wohl unweigerlich zu Bruch. Davor hatte er Angst. Diese gleichbleibende Angst überzog beständig seine Augen wie ein grauer Himmel.
Das war es denn wohl, dachte er bei sich, bevor er die Nachttischlampe ausknipste und sich in sein Bettzeug kuschelte. Eigentlich hatte er ein Atemgerät bei sich, so eine Art moderne Atemhilfe, die ihm mit Schlauch und Maske die nötige Lebenszufuhr von Frischluft einblies, ohne dass er sich dabei anstrengen musste. Ach, dachte er, so weit ist es schon gekommen. Nicht einmal atmen kannst du aus eigener Kraft. Auch das muss maschinell unterstützt werden. Was kannst du denn sonst alles nicht mehr? Wozu reicht denn sonst deine Kraft nicht mehr aus?
Er entschloss sich, das Atemgerät nicht einzuschalten, sondern seiner eigenen Lunge zu vertrauen. Und er wusste, dass sie noch funktionstüchtig war, lebensfähig und Luft ansaugte, soviel und sooft es nötig war. Wenn auch manchmal mit einem starken Ziehen durch die Nase, deren Luftkanäle eine Neigung hatten, sich häufig zu verschließen. Aber er wusste, dass er lebte, und er vertraute diesem Wissen.
Leben ist etwas Herrliches, dachte er. Mit einem Mal fühlte er sich prallvoll von Leben. Seit er mit Anbruch des schönen Sommerwetters wieder täglich Rad fuhr, waren seine Muskeln in den Oberschenkeln gestärkt und konnten sich zu einer beachtlichen Härte anspannen lassen. Und essen konnte er nach wie vor wie ein Scheunendrescher, auch hatte ihn seine männliche Natur mit einem kräftigen Durst gesegnet. Wohl gab es daneben noch ganz andere Genüsse, die seine Seele bereicherten, und zuweilen auch mit ungestillter Sehnsucht belasteten.
Anstelle des Atemgeräts, das er ausgeschaltet ließ, knipste er in seinem Innern das Gedankenkino an und ließ den Erinnerungsfilm ablaufen, den er, wie jeden Tag, wieder frisch aufgeladen hatte. Diese Filmszenen flimmerten so rasch nacheinander hinweg, dass er mit seinem inneren Auge ihnen kaum folgen konnte.
Als die Sonne durch die Ritzen der Jalousien ins Zimmer blinzelte, wachte er auf und griff nach seinem russischen Lehrbuch. Er war von einer wahren Sucht besessen, diese seltsame und so fremde Sprache zu erlernen, obwohl das Gedächtnis in seinem Alter nur noch mit Mühe neues Wissen aufnehmen und behalten konnte. Dann rieselte Duschwasser über seinen Körper, der für seine Größe ein bisschen zu schwer und zu massig geworden war. Seine liebenswürdige Gattin, mit der er schon die Hälfte seines Lebens in einem Haus zusammenlebte, hatte ein Frühstück zubereitet. Das Ei wundervoll weich, die Ananas frisch, wenn auch etwas überreif, sodass man vereinzelte braune Flecken wegschneiden musste.
Danach stand er auf der Empore und dirigierte den Chor zur Pfingstmesse. Als Bauhandwerker war ihm die Leitung einer kleinen Sängerschar stets willkommene Abwechslung gewesen. Es gab Unreinheiten in den Bläsern, und nun kämpfte er mit Tönen, mit kleinen Stimmungsschwankungen. Dem Märtyrer Laurentius war die Kirche geweiht, der er diente. Die Schätze der Kirche wollte der hochmütige Kaiser Roms vorgeführt bekommen, und der unerschrockene Gottesmann brachte zu ihm alle bedürftigen Menschen als wahre Schätze der Kirche: Alte, Blinde, Gebrechliche, geistig Verwirrte. Wenn er seine eigene Sängerschar betrachtete, die Menschen verschiedenen Alters umfasste, kam ihm immer wieder Laurentius in Sinn. Warum wohl? Sie alle sangen doch mit Begeisterung mit und waren innerlich ergriffen vom Singen.
So manche Szene spielte sich in seinem Gedächtniskino ab. Da war zum Beispiel jene junge Frau, die ein Auge auf ihn geworfen hatte und sich ihm immer wieder näherte. Oder hatte er sich alles nur eingebildet. War es vielleicht gar nicht so? Doch, es war wohl so, und beim Denken an diese Frau fühlte er in seinem Leben ein Gewitter aufziehen. Er stellte sich, im Gedankenkino, schutzsuchend unter eine Eiche. Aber auf der Empore einer Kirche wächst doch keine Eiche. Nein, gewiss nicht. Eichen gibt es hier nicht. Aber ihm war, als ob er sich unter eine Eiche stellen könnte, die schützend ihre starken Äste über ihn ausbreitete. Vielleicht war es ein Engel Gottes, in Gestalt eines Menschen. Er spürte das Aroma einer starken Seele, die sich unauffällig, schweigend und unsichtbar unter die andern mischte.
Sein Mittagessen schmeckte ihm vorzüglich. Da er eine Wanderung im heimischen Schwarzwald vorgeplant hatte, wollte er mit dem Essen zurückhalten, um hinterher etwas beweglicher zu sein. Vernunft und gesunder Menschenverstand lagen so sehr im Widerstreit mit seinen Begierden. Ein kleiner Mittagsschlaf, dann die vertraute Stimme seiner Gemahlin, die zum Aufbruch mahnte. Herrlich der Anstieg auf die Berge, wenngleich die Sonne ihm den Schweiß aus den Poren trieb. Immer hielt er sein Taschentuch in der Hand, um den Schweiß von der Stirn abzuwischen. Schließlich fand man sich in einer Gastwirtschaft bei kühlem Trunk und kräftigender Brotzeit wieder. Müde sank er, nach Rückkehr und Kleiderwechsel, in den Fernsehsessel. Auch seine Frau war müde, nach dem langen Tag. Daher legte sie sich bald schlafen.
Die Filmrolle seines Gedächtniskinos war zu Ende. Er regte sich in seinem Bett, befühlte sich selbst mit seinen kräftigen Bauarbeiter-Händen und suchte eine passende Stellung zum Einschlafen. Sandmännchen komm und streu mir Schläfrigkeit in die Augen. Bring mir den Schlaf, jenen Vorboten des Todes, und lass mich ihm die Hand reichen, vertrauensvoll und freundschaftlich. Das Einsinken in die Bewusstlosigkeit erfüllte ihn wie ein langer schwebender Akkord, der langsam anhebt, anschwillt, und nach mächtigem Rauschen milde verklingt und verebbt. Das Leben ist schön, dachte er bei sich, aber noch schöner sind die Dunkelheit und die Nacht.


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Ein Tag - von Hans Werner - 13-06-2011, 09:53
RE: Ein Tag - von Dreadnoughts - 19-07-2012, 21:11
RE: Ein Tag - von Hans Werner - 24-07-2012, 09:04
RE: Ein Tag - von Dreadnoughts - 24-07-2012, 09:33

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