Es ist: 15-12-2019, 13:24
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Blutige Seelenbilder
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Blutige Seelenbilder
Blutige Seelenbilder

Die Feder kratzt über das Papier, hinterlässt Buchstaben aus schwarzer Tinte und kein anderer Laut ist zu hören. Avanjos sitzt an seinem Schreibtisch. Es ist Nacht und sein Arbeitszimmer wird nur spärlich vom blassen Mondlicht erhellt. Auf der Fensterbank steht eine Kerze, er schreibt in ihrem flackernden Licht, liebt es mit den Worten zu spielen.
Konzentriert arbeitet Avanjos an der Geschichte einer jungen Frau. Er hat sich lange mit Theas Vergangenheit beschäftigt, weiß genau, was sie fühlt, denkt und tun wird. Sie wohnt in einer großen Stadt und vor ein paar Minuten hat sie Nico zum ersten Mal gesehen, den Mann, in den sie sich verlieben wird. Soeben hat sie ihn auf einer Party kennengelernt und die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Sie feiern bis in den Morgen, als dieser anbricht, steigt das frisch verliebte Paar in Theas Auto, fröhlich und ohne Sorgen.
Doch Avanjos weiß bereits jetzt, dass sie an der nächsten Kreuzung die Vorfahrt nicht beachtet und in das von rechts kommende Auto rasen wird. Avanjos lässt Nico sofort an einer Kopfverletzung sterben und widmet sich erst dann Theas Schicksal. Er lässt sie noch einen Moment lang um ihren Liebsten trauern, doch dann beendet er, mit dem letzten geschriebenen Wort, die Geschichte und das Leben der jungen Frau und sieht auf.
Seine Augen wandern durch den Raum und blicken zum Fenster hinaus. Dort steht eine Blutbuche, schon seit vielen Jahren. Er betrachtet die schwarzen Umrisse des Baumes, die fast nahtlos mit der Dunkelheit der Nacht verschmelzen. Avanjos braucht kein Licht, um zu wissen, wie sie aussieht, er kennt jeden Zentimeter des Laubbaumes. Die starken Wurzeln, die ihn in der Erde festhalten und für sein Wachstum sorgen. Die Rinde glatt und hart, welche den weichen, verletzlichen Teil des Stammes beschützt. Seine Blicke wanderten schon oft weiter hinauf, folgten den schlanken, biegsamen Ästen, die dem Spiel des Windes ausgesetzt sind und blieben schließlich an den grünroten, eiförmigen Blättern hängen. In jedem sieht Avanjos ein Menschenleben. Die kleinen, roten Knospen genauso winzig, zart wie ein neugeborenes Kind. Die großen Blätter, stark wie Erwachsene in der Blüte ihres Lebens und schließlich die tiefroten, ausgetrockneten Blätter, genauso kraftlos wie die alten Menschen am Ende ihrer Jahre. Jedes Blatt, das vom Baum fällt, bedeutet ein weiteres beendetes Menschenleben, eine neue Todesvision.
Avanjos hält inne, sieht nicht mehr die Buche, sondern Bilder von Blut, welches aus den Büchern rinnt, aus dem Regal fließt und kleine Seen auf dem dreckigen Teppich bildet, sich zu einem roten, grenzenlosen Meer sammelt und schließlich den gesamten Fußboden bedeckt. Blut fließt aus seiner Feder, bildet dünne Linien auf dem Papier, formt Wort für Wort und schreibt seine Geschichte.

Ich bin der Herr der Realität. Nur ich allein habe die Macht, das geschriebene Wort Wirklichkeit werden zu lassen. Ich habe schon tausende Schicksale besiegelt, habe Leben geschaffen und Leben genommen. Das silbrige Mondlicht fällt niemals auf die Wände meines Arbeitszimmers. Sie sind vollständig bedeckt von Bücherregalen. Jedes Buch voller Menschenleben, voller Schicksale.
Ich bin einsam, allein gelassen mit den Leben der Menschen. Niemand kennt meinen Namen, hat mein Äußeres gesehen oder meine Stimme vernommen. Ich wurde vom Leben vergessen.
Ich habe versucht der Realität zu entkommen, wurde aber von ihr eingeholt. Ich bin für immer verloren in der Ewigkeit.
Die Welt wird mir fremd, bricht über mir zusammen und zerfällt zu Staub, der wie Wasser durch meine Finger rinnt.
Ich kann diese blutigen Bilder nicht mehr erdulden, schaffe es nicht mehr, die Verantwortung für so viele Schicksale zu tragen. Mein Geist gehorcht mir nicht mehr, lässt sich nicht mehr von mir kontrollieren. Schon lange ist er am Abgrund meiner Seele angekommen, ist noch einen Schritt weitergegangen und hat die Grenze zum Undenkbaren überschritten. Er wird den Kampf gegen das Unvermeidliche verlieren.
Meine Gedanken kreisen, durchstreifen meinen Kopf, bringen meinen Geist durcheinander und ich bin unfähig, sie daran zu hindern.
Ich koche Tee, in der Hoffnung, dass dieser mich beruhigen wird. Während die heiße Flüssigkeit in die Tasse läuft, tauchen die Blutbilder aus meiner Seele wieder vor meinem geistigen Auge auf. Ich lasse die Kanne fallen, sie schlägt auf dem Boden auf und zerbricht in viele Scherben. Die Scherben meines Lebens und ich bin unfähig dieses Puzzle wieder zusammenzusetzen. Ich lasse die Bruchstücke liegen und nehme die Tasse mit in mein Arbeitszimmer. Sie steht dampfend auf dem blutüberströmten Schreibtisch, der Geruch des Tees verbreitet sich im Raum und ich schließe meine Augen, um diesen Duft zu genießen. Meine Gedanken wirbeln immer noch in meinem Kopf durcheinander. Sobald ich versuche einen von ihnen zu greifen, stoße ich auf eine Nebelwand, die ich nicht durchbrechen kann. Ich öffne meine Augen wieder und greife nach der Teetasse, Blut rinnt an ihr hinab und tropft auf den Schreibtisch. Ich hebe sie hoch und schaue hinein. Mein Atem lässt die glatte Oberfläche der Flüssigkeit kleine Wellen schlagen, doch dann schaut mich mein eigenes Gesicht an. Aber ich sehe nicht nur mein Spiegelbild. Ich erblicke auch die vielen Menschenschicksale, die ich so oft, in meinen Büchern, zur Wirklichkeit habe werden lassen. Ich sehe die Realität in meinem Tee und trinke mit jedem Schluck einen kleinen Teil davon. Das heiße Getränk rinnt meinen Rachen hinab und ich spüre, wie es meinen Körper wärmt. Eine tiefe Zufriedenheit breitet sich in mir aus, denn ich weiß, dass dies die letzten blutigen Bilder waren, die ich ertragen musste. Denn schon bald werden die giftigen Früchte der Blutbuche, deren Haut ich im Tee gelöst habe, meine Lungen lähmen.

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Die Geschichte hinter der Geschichte:
Ursprünglich hatte Avanjos nur einen Laubbaum in seinem Garten stehen. Doch dann fand ich die Blutbuche und ihren wunderschönen Namen. Meine Recherchen haben gezeigt, dass die Bucheckern für den Menschen nur „schwach giftig“, aber für Pferde sehr gefährlich sind. Die giftige Substanz befindet sich in der Haut und im Kern, sie wirkt auf das Rückenmark und tötet durch Lungenlähmung und Erstickung. So kam mir Idee, dass Avanjos sich selbst vergiften könnte, auch wenn das mit den Früchten der Blutbuche wahrscheinlich nicht funktioniert.

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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