Es ist: 14-12-2019, 13:26
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Blutsand
Beitrag #1 |

Blutsand
Mein Beitrag zum Sand-Schreibwettbewerb. Bei der Rubrik bin ich mir wie immer unsicher, es ist von allem etwas dabei.

Blutsand

Das Kinderkarussell drehte sich leer und rostgeplagt. Sein Quietschen hing schwer in der Luft und war neben dem Rasseln der Kettenschaukel das einzige Geräusch. Ihre blonden Zöpfe folgten den schaukelnden Kindern. Auf und ab. Auf und ab. Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben und ließen den Spielplatz im fahlen, blassen Licht zurück. Simone beobachtete ihre Kinder. Sie zog den Wollschal enger, um sich vor dem herbstlichen Wind zu schützen. Aber das hielt ihn nicht davon ab, ihr kalt ins Gesicht zu blasen und eine Erinnerung mit sich zu bringen.

Simone sah zu, wie der Butterkeks in den Händen ihrer Tochter immer weicher wurde.
„Du musst den Keks essen, Marie“, erklärte sie dem Mädchen zum wiederholten Male. Aber die Zweijährige liebte es zu sehr die Süßigkeit mit ihrer Spucke zu befeuchten und ihn dann mit den Fingerspitzen zu befühlen, als das sie ihn zwischen den Lippen verschwinden lassen würde.
„Keks!“ rief sie glücklich ihrer Mutter entgegen und schenkte Simone einen unschuldigen Blick. Resigniert, aber mit einem Lächeln, erhob sich Simone aus ihrer unbequemen Position vor dem Laufgitter.
„Dann zermatsch ihn eben, wirst schon sehen, was du davon hast“, sagte sie, obwohl sie sich schon Richtung Wohnzimmer gewandt hatte.
„Hey, Sven. Marie zerbröckelt wieder ihren Keks.“
„Ist ja interessant.“ Sven hob den Blick nicht von seiner Zeitschrift, stattdessen blätterte er demonstrativ um und betrachtete sich das Bild eines jungen Mannes, der gerade mit seinem Sohn Fußball spielte.
„Du könntest ruhig ein wenig mehr Interesse an ihr zeigen.“
Bisher hatte Simone seine uninteressierte Reaktion ignorieren können.
„Was soll ich denn machen? Soll ich mich zu ihr ins Laufgitter setzen oder mich abends mit ihr in die Wiege legen?“
„Du könntest mal mit ihr spielen, zum Beispiel. Dich einfach mit ihr beschäftigen.“
„Beschäftigen soll ich mich mit ihr? Gestern hast du verlangt, dass ich mich mehr mit dir beschäftigen soll“, mit einer zornigen Bewegung seiner Hand warf er die Zeitschrift auf den Sessel neben sich, wo sie aufgeschlagen liegen blieb. Die Szene von Vater und Sohn zeigte sich ihnen vorwurfsvoll.
„Du bist sowohl ihr Vater, als auch mein Mann. Aber beides willst du nicht sein.“
„Mir reicht es allmählich mit deinen ewigen Vorwürfen.“ Ruckartig stand Sven auf, er überragte Simone um einige Zentimeter. Dunkle Augen sahen zornig auf sie hinab und sein blondes Haar fiel ihm wirr in die Stirn.
Wortlos wandte Simone sich ab. Sie wusste, dass jedes weitere Wort nur dazu geführt hätte, dass er unbeherrschter wurde.


Der Wind frischte auf, nahm ihre Tränen mit sich fort, ließ aber die Erinnerung zurück. Simone öffnete die Augen, um zurück in die Realität zu gelangen und erschrak. Nele und Marie schaukelten nicht mehr. Simone konnte sich nicht erinnern, etwas von ihnen gehört zu haben, weder ein Lachen, noch ein Weinen. Nach einigen endlosen Sekunden entdeckte sie ihre Töchter im Sandkasten. Friedlich saßen sie nebeneinander und schaufelten Häufchen auf. Um nicht wieder an die schmerzhaften Gedanken erinnert zu werden, vertiefte sich Simone in den Anblick ihrer spielenden Kinder.
Hell und fröhlich flog Neles Lachen durch die trübe Herbstluft. Simone genoss es dieses Geräusch zu hören. Es übertönte das Quietschen des Kinderkarussells. Seit wann hatte sie das nicht mehr gehört? Seit das Lachen verboten worden war. Simone wurde noch einmal unerwartet in die Realität gerissen. Sie sprang auf und rannte zu ihren Töchtern, die fröhlich Luftschlösser aus Sand errichteten und dabei lachten.
„Seid still!“ Simone versuchte die Panik aus ihrer Stimme herauszuhalten, schaffte es aber nicht völlig. Stattdessen schloss sie ihre Kinder in die Arme. Wie früher, als sie noch klein waren und getröstet werden mussten. Früher, als sie noch Lachen durften.
Die Mädchen verstummten und sahen ihre Mutter aus großen, angstgeweiteten Augen an. Sie wagten kaum zu atmen und Simone glaubte ihre kleinen Herzen sogar durch ihren Mantel hindurch schlagen zu spüren. Nichts war zu hören. Nur das Quietschen des Kinderkarussells und der Wind, welcher mit ein paar vertrockneten Blättern spielte.
Dann sah Simone ihn. Den Mann im Tarnfarbenanzug. Er stand reglos, als ob er schon ewig dort stehen würde. Sie war sicher, dass er die ganze Zeit beobachtet hatte. Versteckt. Abwartend. Er sah sie einfach nur an. Ernst. Warnend. Unbewegt. Kleine, dunkle Augen schienen sie festhalten zu wollen. Hart. Unerweichlich.
„Kommt Kinder, wir gehen nach Hause.“

Das Kinderkarussell drehte sich quietschend und verlassen. Rasselnd und leer bewegte sich die Kettenschaukel hin und her. Simone sah wie ihre Töchter im Sandkasten spielten. Nele mit ihrer roten Schaufel, Marie mit einem grünen Plastikeimer. Zwei Farbpunkte inmitten von Trübnis. Der Himmel wölbte sich stahlgrau über sie und sah aus, als würde er bald einen Regenschauer fallen lassen. Beinahe konnte sie den kühlen Wind spüren, der den Spielsand ihren Töchtern raubte und über das Gras verteilte. Unmerklich, aber stetig. Sie wusste, dass sie nichts spüren konnte. Weder spüren, noch tun – nur sehen. Wie selbstverständlich entdeckte sie den Tarnanzugmann. Wieder hockte er im Gebüsch und beobachtete ihre Töchter. Lauernd. Abwartend. Wie eine Katze auf der Jagd nach einer fetten Maus. Zuerst ahnte Simone es, dann hörte sie es. Ihre Töchter lachten. Ein reines, unschuldiges Lachen, wie es alle Kinder taten. Der Mann sprang hinter dem Gebüsch hervor. Aus der lauernden Katze war ein jagendes Raubtier geworden. Mit wenigen, kraftvollen Schritten, schien er auf den Sandkasten zuzufliegen. Simone wollte nicht mehr hinsehen, sie wollte die Augen verschließen vor dem, was jetzt kam. Kommen musste. Tarnanzugmann streckte seine riesigen, prankenartigen Hände nach ihren Töchtern aus. Simone wollte sich abwenden, oder zumindest die Augen schließen. Doch es war ihr Unmöglich. Sie musste sehen – zusehen, wie Tarnanzugmann beinahe zärtlich die Kinder auf seine Arme nahm und mit ihnen den Spielplatz verließ. „Wehrt euch! Wehrt euch doch!“, wollte sie ihren Töchtern zurufen, aber auch das konnte sie nicht. Das einzige was sie tun konnte war aufwachen!
Schweißgebadet lag Simone in ihrem Bett und versuchte die letzten Reste des Albtraumes abzuschütteln. Sie fröstelte und zog die Decke fester um sich. Nele und Marie lagen sicher in ihren Betten, dass wusste sie und doch beunruhigte sie die Klarheit des Traumes. Wie gern hätte sie sich jetzt an Sven gekuschelt, dessen Wärme ihr Trost spenden würde. Aber er wollte weder etwas von ihr, noch von seinen Töchtern wissen. Damals waren sie noch zu klein um zu begreifen und fragten bald nicht mehr nach ihrem Vater. Inzwischen hatte auch Simone aufgehört nach dem Warum zu forschen. Sie war damit beschäftigt ihre Töchter zu erziehen und nicht an ihrem eigenen Leben zu verzweifeln. Wenn sie sah, wie friedlich die beiden miteinander spielten und übereinander lachten, dann war für einen kurzen Moment ihre Welt in Ordnung. Doch Lachen war gefährlich. Simone wollte nicht mehr darüber nachdenken, aber die Nacht umgab sie, Mondlicht ließ das Schlafzimmer silbrig erscheinen und der Albtraum hatte seine Spuren hinterlassen. Ihre Gedanken folgten eigenen Wegen und ließen die Vergangenheit zur Gegenwart werden.
In der nächtlichen Dunkelheit erinnerte Simone sich: An die Interviews, an alte Männer, die von Lärm sprachen und an Sandkörner, die ihnen der Wind brachte. Anwohner, die von der Jugend sprachen, die sie nicht verstanden und die früher vielleicht einmal wichtige Personen waren. Alte Männer, die sich über lachende Kinder beschwerten und Lärm, der sie störte. Kopfschüttelnd hatte Simone die Nachrichten verfolgt und verstand die Welt trotzdem nicht mehr. Immer wieder hatte sie sich gefragt, wie sie den Kindern das Lachen verbieten wollten. Bis sie wenig später eine amtliche Mitteilung in der Zeitung entdeckte, die ihr erklärte, dass Lachen als Lärm zu betrachten wäre. Graues Papier, mit Buchstaben übersät. Unheilverkündend. Wie im Traum hatte sie dem Nachrichtensprecher zugehört, der von einer neuen Behörde berichtete, die das Einhalten einer ebenso neuen Lärmschutzverordnung überwachte. Niemals hätte sie sich vorstellen können, dass dies Männer in Tarnfarbenanzügen bedeutete, die auf Spielplätzen lauerten. Beobachteten. Kontrollierten. Und das dies Kinder bedeutete, die ihren Schulweg nach Hause stumm und hastig zurücklegten.
Simone schloss wieder die Augen, hoffte auf ein wenig Schlaf, der sie von ihren Gedanken ablenkte, aber sie träumte weiter.
Sie sah den Spielplatz. Der Sandkasten, wo ihre Töchter noch vor wenigen Augenblicken gespielt hatten. Nun lag er verlassen vor ihr. Einsam steckten Schaufel und Eimerchen wie traurige Farbkleckse im Sand. Die Schuhe ihrer Kinder hatten Abdrücke hinterlassen. Achtlos hinterlassene Spuren, die sich mit Blut füllten. Rote Flüssigkeit sickerte aus dem Boden hervor, die den Sandkasten langsam auffüllte wie ein Schwimmbecken. Ein Windstoß kräuselte das Blut, rote Wellen brachen sich unhörbar an den kleinen Sandhäufchen. Simone blinzelte, die Augen geschlossen halten konnte sie nicht. Sie blinzelte noch einmal und dann waren Nele und Marie wieder da. Ihre blonden Zöpfe waren ordentlicher geflochten, als es Simone je gekonnt hätte. Im Haar trugen sie rosa Schleifchen, die sie wie Puppen wirken ließen. Haarschmuck, den der Wind nicht bewegen konnte. Artig saßen sie auf dem Rand des Sandkastens, in den Händen Schaufel und Eimer. Sie spielten mit rotem Sand. Rostig. Blutrot. Starren Blickes schaufelte Nele Sand in den Eimer und Marie stülpte ihn um. Ein roter Klumpen platschte hervor und blieb auf einem Stück trockenem Sand stehen. Nele hievte eine weitere Schaufel aus dem roten Wasser hervor und warf sie ungerührt neben den Turm. Hinter dem Gebüsch konnte Simone zwei dunkle Augen erkennen, die die beiden beobachteten, bevor sie schreiend in ihrem stillen, dunklen Schlafzimmer erwachte.

Simone wusste nicht, wohin die Straße sie bringen würde, sie wusste nur, dass sie ihr bis zum Ende würde folgen müssen. Es regnete und die Scheibenwischer bewegten sich hin und her. Quietschten dann und wann und erinnerten Simone an einen verlassenen Sandkasten.
Der Blinker vor ihr leuchtete auf. In regelmäßigen Abständen schien das orange Licht sie aufzufordern abzubiegen. Simone war ziellos und in Eile aufgebrochen. Flüchtend vor etwas, das sie nicht genau benennen konnte. Sie vermutete, dass es damit zusammenhing, dass die Tarnanzugmänner inzwischen begonnen hatten auf den Straßen auf und ab zu gehen. Kontrollierten. Beobachteten.
In diesem Moment hatte sie es einfach gewusst. Die Erkenntnis hatte sie ganz plötzlich überwältigt. Wie ein Blitzschlag. Unerwartet. Heftig. Dabei fragte sie sich, warum sie es nicht schon früher erkannt hatte: Die Männer in den Tarnfarbenanzügen verfolgten sie. Nicht nur ihre Kinder, auch Simone selbst. Stoisch folgte sie dem fremden Auto. Alternativlos.
Wie der Fahrer im Wagen vor ihr, drückte Simone den Blinkerhebel nach oben und nahm dieselbe Ausfahrt. Zeitgleich traten sie beide auf die Bremse und nahmen den Autos die Geschwindigkeit. Sie beobachtete, wie der dunkelgrüne Wagen über den Parkplatz vor der Tankstelle rollte und dann stehen blieb. Simone stoppte ebenfalls. Durch die Scheiben konnte sie den hellen Haarschopf des Fahrers sehen. Mit großen Schritten überquerte er den Parkplatz. Vor den Zapfsäulen bog er ab, um in dem kleinen Gebäude zu verschwinden, in dem tagtäglich Menschen viel Geld ließen, um mit gefüllten Tanks weiter fahren zu können.
Simone warf einen Blick in den Rückspiegel. Inzwischen waren ihre Kinder wieder wach und sahen ihre Mutter aus großen, fragenden Augen an:
„Mama, was machen wir hier?“ Das frage ich mich auch, dachte sie und stieg aus. Unendlich langsam kamen Simone ihre eigenen Schritte vor, bis sie schließlich das Tankstellenhäuschen erreichte und hinein ging.
Die Regentropfen tanzten auf den Pfützen. Fielen hinein, bildeten kleine, immer größer
werdende Kreise. Ein roter Gummistiefel zerstörte den zerbrechlichen Wasserspiegel mit einem lauten Platschen, gefolgt von leisem Kichern. Dann platschte ein zweiter, roter Gummistiefel in die Pfütze und eine andere Kinderstimme ertönte zwischen dem stetigen Prasseln der Tropfen.
Simone stand vor dem Kaffeeautomat in der Tankstelle und wartete darauf, dass ihr Becher gefüllt wurde. Sie tanzen mit dem Regen, dachte Simone zufrieden und sah ihren beiden Töchtern zu, die fröhlich hin und her sprangen. Ihre blonden Zöpfe wirbelten dabei unter den Kapuzen der roten Regenjacken hervor.
Die Maschine hatte es geschafft den Papierbecher zu füllen und Simone nahm ihn vorsichtig in die Hand. Sofort wärmten sich ihre Finger auf. Bevor sie Hals über Kopf losgefahren war, hatte sie sich gerade noch einen Pullover überziehen können. Mit einem Plastikstäbchen rührte sie Zucker in den Kaffee und dachte an ihre Flucht.
Ja, bestätigte sie sich selbst in Gedanken, es war eine Flucht. Vor ihrem Leben, vor den Tarnanzugmännern, vielleicht sogar vor sich selbst.
Simone hatte sich in ihr Auto gesetzt und war losgefahren. Einfach so. Es hatte sie beruhigt dem Horizont entgegenzufahren. Ziellos, aber immer vorwärtskommend.
Sie trank den Automatenkaffee und betrachtete die vielen Menschen, welche sich zufällig mit ihr an diesem Ort befanden. Menschen, die sie wohl nie wieder sehen würde. Die durch einen Schicksalswink an dieser Stelle der Autobahn beschlossen hatten eine Rast zu machen, zu tanken und nach wenigen Minuten wieder zu fahren.
Maries und Neles Vater gehörte zu jenen Menschen, die in ihr Leben traten und ebenso nach einem kurzen Aufenthalt wieder verschwanden. Simone wurde viel zu oft an Sven erinnert, wenn sie ihre Kinder ansah, denn beide sahen ihm ähnlich. Vorsichtig pustete sie über das heiße Getränk und hielt Ausschau nach ihren Verfolgern. Sie blickte zum Fenster hinaus und sah am stahlgrauen, verregneten Himmel einen roten Luftballon davon schweben. Er flog über die Autobahn und sie verfolgte ihn mit den Augen, bis er hinter ein paar Bäumen verschwunden war. Während Simone sich angespannt umsah, verlor sie ihre Kinder aus den Augen. Doch noch bevor sie sich Sorgen machen konnte, sah sie zwei rote Punkte hinter einem parkenden LKW hervorspringen. Beruhigt nippte sie an ihrem Papierbecher.

Gerade hatte Simone die letzten Schlucke Kaffee getrunken, als sie ihn entdeckte. Er stand hinter einer der Zapfsäulen und beobachtete ihre Kinder. Lauernd. Zum Angriff bereit. Unauffällig - zumindest hoffte sie das - verließ sie die heimelige Wärme der Tankstelle und ging mit schnellen Schritten zu ihrem Auto. Gleichzeitig rief sie nach ihren Kindern. Schon nach kurzer Zeit kamen ihr die beiden kleinen Gestalten, in den roten Regenjacken entgegen, die sofort tropfnass auf die Rückbank kletterten.
Mit einem erleichterten Seufzen stieg sie in ihr Auto, legte den ersten Gang ein und löste die Handbremse. Gerade hatte sich das Fahrzeug ein paar Meter bewegt, als die Mädchen auf der Rückbank ihre Kapuzen von den Köpfen zogen. Simone sah im Rückspiegel, dass darunter nicht die blonden Zöpfe ihrer Töchter zum Vorschein kamen. Sie trat auf die Bremse und die Köpfe der fremden, dunkelhaarigen Mädchen nickten. Rosa Schleifen in ihrem Haar schienen sie anzuschreien, erinnerten sie an Dunkelheit und Einsamkeit. Panik bemächtigte sich Simone. Sie konnte fühlen, dass das Leben, so wie sie es kannte, ihr entglitt wie ein zerbrechliches Wasserglas, das langsam aus den Fingern rutschte. Nele und Marie!, schrie es in ihrem Kopf. Meine Kinder. Absurderweise dachte sie sogar an Sven. Wie sollte sie ihm das erklären, wenn er nach ihnen fragen sollte. Doch dieser Gedanke verflüchtigte sich so schnell, wie der Morgennebel an einem sonnigen Tag. Nele und Marie!, wiederholte sich das Mantra in ihren Gedanken. Sie hatte schon davon gehört, dass lachende Kinder für ein paar Stunden verschwanden, ausgetauscht wurden, wieder auftauchten und nur noch seelenlose Hüllen waren. Verbessert. Brave Kinder. Kleine Erwachsene ohne Kindheit. Mit rosa Schleifen im Haar und ordentlich geflochtenen Zöpfen, ordentlicher als es Simone konnte. Nele und Marie. Simone konnte nichts anderes denken und plötzlich gesellte sich zu der Panik und dem Mantra, das Quietschen eines rostigen Kinderkarussells in ihren Kopf. Immer lauter wurde es, bis es alle anderen Gedanken und Geräusche überdeckte.
Wie ferngesteuert ließ Simone die fremden Mädchen aussteigen und an der Tankstelle zurück.
Soll sich doch, Quietsch, Tarnanzugmann, Quietsch, um sie kümmern, Quietsch.

Simone fuhr zu schnell. Es war ihr egal. Sie hatte ein Ziel. Das Quietschen in ihren Gedanken ebbte von Zeit zu Zeit ab und ließ sie aufatmen. Doch dann nahm es wieder zu, sodass sie am liebsten die Augen geschlossen hätte. Aber sie musste ihr Ziel erreichen. Schnell. Nele. Quietsch. Marie.
Sie hielt ihr Auto vor dem Eingang zum Spielplatz an, wie sie es schon viele Male getan hatte. Eine kurze Ewigkeit wartete sie darauf, dass Nele und Marie die hinteren Türen öffnen und herausspringen würden. Aber es war noch nicht mal ein Gedanke, der Simone in den Sinn kam, es war ein Gefühl. Die Rückbank war leer, sah nicht nur verlassen aus, sondern fühlte sich vollkommen falsch an. Bevor sich ihr noch mehr solcher fremdartiger Gedanken aufdrängen konnten, stieg Simone aus. Sie betrat den Rasen des Spielplatzes. Plötzlich fühlte sich die Welt wieder richtig an und Simone wusste, was zu tun war. Was sie tun musste. Für einen kurzen Moment verstummte das Quietschen in ihrem Kopf und sie hörte das wirkliche Geräusch des rostigen, leeren Kinderkarussells. Es machte für sie keinen Unterschied.
Mit festen, langsamen Schritten ging sie den Weg, der sich richtig anfühlte. Vorbei an den Kettenschaukeln, die träge hin und her schwangen, vorbei an dem Karussell, welches unbewegt auf Dinge wartete, die nie kommen würden. Das es noch immer regnete nahm Simone nicht wahr. Ihr Haar klebte inzwischen am Kopf, wie ein Helm, der sie aber vor nichts bewahren konnte und ihr Wollpullover schien inzwischen viel zu schwer für sie zu sein. Simone näherte sich dem Sandkasten und das Quietschen in ihren Gedanken wurde lauter. Wie sie es erwartet hatte, waren die einzigen Farbkleckse im Sand Neles rote Schaufel und Maries grüner Eimer. Bunt. Verlassen. Einsam. Sie sah ihre Töchter vor sich, wie sie auf dem Holzrand des Sandkastens saßen, die Füße auf die feinen Körnchen gestellt und fröhlich schaufelten. Sie setzte sich zu ihnen. Nele gab ihr die Schaufel und Simone fing ohne nachzudenken an Sand in den Eimer zu schaufeln, den ihre Töchter gemeinsam herumdrehten. Sie arbeitete immer weiter. Schaufel um Schaufel. Als das Blut zwischen den Körnchen hoch sickerte sah sie es nicht. Sie schaufelte weiter. Der Sand färbte sich rot, ihre Hände ebenfalls und auch die ihrer Kinder. Simone begann zu lachen. Sie lachte und lachte, bis ihre Kinder es ihr gleich taten. Sogar als der Mann im Tarnfarbenanzug auf sie zukam lachte sie noch. Der Albtraum ging weiter. Ihre lautlosen Schreie verklangen ungehört.

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Blutsand - von LadydesBlauenMondes - 11-01-2013, 16:15
RE: Blutsand - von Arnagos - 17-01-2013, 11:06
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