Es ist: 02-12-2022, 21:01
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Das Lefavre-Experiment
Beitrag #3 |

RE: Das Lefavre-Experiment
Irgendwo im Dickicht der Insel

Der letzte rote Schimmer der untergehenden Sonne tauchte die Landschaft in ein Meer aus Glut und Schatten. Die Szenerie schien wie übergossen mit Gold, Orange und Rot. Die Wärme des Tages hing noch in der Luft, sich weigernd ganz zu verschwinden und alles kalt zurückzulassen.
Das verbleibende Licht tanzte in unterschiedlichsten Formen über Bäume, Büsche und anderes Gewächs. Pflanzen so unterschiedlich und exotisch, wie man sich nur vorstellen kann genossen diese Minuten vor der kommenden Dunkelheit.
Irgendwo, eingerollt und geschützt durch den Wald lag die junge Camille Bertoulle. Zitternd wie Espenlaub beobachtete sie die verschwindenden Lichtstrahlen.
Eine bleierne Angst lag auf ihren Knochen so schwer, dass sie nicht einen Zeh bewegen konnte.
Sie sollte sich bewegen und aufstehen, das wusste sie! Aber sie konnte es nicht, ihr fehlte die Kraft. Sie fühlte sich vollkommen erschöpft, wie nach einem schnellen Lauf. Jeder Muskel schmerzte ihr.
Deswegen blieb sie still, beobachtete weiterhin das Treiben um sie herum. Die Sonne zierte den Horizont nur noch als eine gold glühende Sichel. Die letzten tag-trunkenen Geschöpfe tummelten sich ein letztes Mal im sterbenden Licht. Kleine Schmetterlinge kamen in Tausenden herbei, wirbelten durch die Luft und vollführten wahre Kunststücke. Von diesem Schauspiel ganz verzückt, vergaß Camille für einen Moment ihre Angst. Die winzigen Artisten gaben ihr ein bisschen Kraft zurück, sodass sie sich aufsetzte und den Anblick genoss.
Plötzlich hörte sie ein Knacken hinter sich. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Doch es kam niemand. Dankend blickte sie ins Sonnenlicht. Auch der warme Schimmer konnte ihr keine Antworten auf die Fragen geben, die sich in ihren Verstand brannten, je länger sie über ihre Situation nachdachte.
Wo war sie? Warum war sie hier? Wie kam sie hierher? Und die wichtigste Frage: Wer war sie?
Sie kannte ihren Namen: Camille Bertoulle. Doch damit hörten ihre Erinnerungen auch schon auf.
Ihr blieb nichts, dass Camille auch nur etwas Trost spendete. Nichts, an dem sie sich hätte festhalten können. Während das Mädchen weiter über sich nachdachte, schien die Sonne mit letzter Kraft auf die Traurige hinab. So, als wollte sie ihr Trost spenden. Ein warmer Wind kam auf, umspielte die Blätter der Bäume, umhüllte Camille. Als ob der Wind ihr etwas bringen wollte, kamen ihr auf einmal Fragmente einer Erinnerung in den Kopf:
Ein lachendes Mädchen, das auf dem Rücken eines überdimensionalen Ponys saß. Ihre weizenblonden Locken wippten bei jedem Schritt des Pferdes. Langsam lief es über ein Feld voller in Blüte stehender Mohnblumen. Das Mädchen war glücklich! ...- so schnell wie die Erinnerung gekommen war verschwand sie auch wieder. Ein stilles Lächeln umspielte Camilles Lippen. Roger. Der Name des Ponys war Roger.
Die Minuten verstrichen, doch das Lächeln blieb, sowie auch die Erinnerung.
Das komische Kribbeln begann in ihren Zehen. Arbeitete sich schnell hinauf in die Beine, den Bauch. Es hinterließ eine merkwürdige Taubheit. Mit der Taubheit kamen weitere Bilder:
Sie, wie sie rannte. Schneller als jemals zuvor. Ihre Röcke, die sich ständig im Buschwerk verhedderten. Ihr Herz raste und sie fiel ständig hin, blieb irgendwann erschöpft liegen. Schloss die Augen…- Camilles Angst kehrte mit einem Schlag zurück. Sie wollte aufstehen und weglaufen, soweit ihre Beine sie tragen konnten. Mühsam kam sie auf die Füße und… fiel direkt wieder hin. Ihr gesamter Unterkörper versagte ihr den Dienst. Alles fühlte sich an wie gelähmt. Tränen füllten ihre Augen, liefen ihr Gesicht hinab. Kurz nachdem die Lähmung auch ihre Brust erreicht hatte und ihr der Atem wegblieb, setzte der Schmerz ein. Höllenfeuer fraß sich durch ihre Adern, ihr Blut raste, Hitzewellen überrollten sie. Das Feuer übernahm die Kontrolle über Camille. Wie aus weiter Entfernung hörte sie Knochen brechen, Sehnen reißen und ihre eigenen Schreie. Es brachen so viele Knochen, dass sie glaubte, nur noch aus Pudding bestehen zu müssen. Sie sah wie, ihre Finger sich verkrümmten und vorher jeder einzelne Knochen mit einem entsetzlichen Geräusch verformte. Dass alles war zu viel für sie, Schmerz explodierte erneut vor ihren Augen.
Camille verlor das Bewusstsein. Alles wurde Schwarz.
Das Licht des Tages machte nun endgültig der Dunkelheit platzt. Schweigend umhüllte die Nacht nun die Landschaft, umschloss Camille, deren Körper entsetzlich verkrümmt und in unmenschlicher Form zwischen den Blättern lag.


Sie mag rosenbekränzt
Mit dem Lilienstengel
Blumentäler betreten,
Sommervögeln gebieten
Und leichtnährenden Tau
Mit Bienenlippen
Von Blüten saugen
, --- von Goethe

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Das Lefavre-Experiment - von Trinity of Chaos - 28-03-2013, 15:45
RE: Das Lefavre-Experiment - von Adsartha - 13-04-2013, 19:02
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 14-04-2013, 11:49
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 15-04-2013, 17:04
RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 16-04-2013, 14:39
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RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 10-10-2013, 17:17
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RE: Das Lefavre-Experiment - von rex noctis - 05-01-2014, 16:53
RE: Das Lefavre-Experiment - von Eselfine - 07-01-2014, 19:43
RE: Das Lefavre-Experiment - von LaFleur - 23-04-2014, 11:44

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